Ein schleswiger Edelmann

Textdaten
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Autor: Gustav Rasch
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Titel: Ein schleswiger Edelmann
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 825–828
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Vom verlassenen Bruderstamme.

Nr. 6. Ein schleswigscher Edelmann.

Es regnete immer noch, als ich am andern Tage von dem Hofe abfuhr, um einen Gutsbesitzer zu besuchen, an den ich bereits aus Hamburg von einem dort lebenden schleswig’schen Patrioten einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte. Der hochrädrige, offene Wagen hielt vor der Steintreppe, welche zu der Hausthüre führte; eine geschlossene Kutsche war nicht vorhanden. Ein großer Mantel und eine dicke, wollene Decke schützte mich vor dem herabfallenden Sprühregen. Die Dämmerung begann bereits anzubrechen; den größten Theil des Tages hatten wir mit dem Besuch eines benachbarten Hofbesitzers zugebracht. Mein Gastfreund, seine Frau und seine Tochter nahmen nochmals an der Thüre ihres Hofes in herzlichster Weise von mir Abschied; ich kletterte auf den hohen Wagen, die Pferde zogen an, und in gestrecktem Trabe ging es in die dämmernde Landschaft hinein, welche der Abend bald völlig in seinen dunkeln Schattenschleier hüllte. Der Abendwind rauschte in den Knicks und warf mir die Regentropfen in’s Gesicht. An einsam gelegenen Höfen vorüber und durch ein aus wenigen Häusern bestehendes Dorf, dessen Bewohner sich bereits zur Nachtruhe zu rüsten begannen, ging es zu der großen Straße, welche von der nächsten Stadt zu dem Gute führte, wo ich die Nacht zubringen sollte. In der Schenke außerhalb des Dorfes hielten wir einige Minuten, um ein Glas Grog zu trinken, da Regen und Wind immer heftiger wurden, und setzten dann unsern Weg fort, bis wir auf die Landstraße kamen.

Noch eine halbe Stunde, und wir fuhren durch ein Thor von alterthümlicher Bauart. Der Weg war mit Kies belegt, zu beiden Seiten des Weges erschienen große Rasenplätze und dunkle, hohe Baumgruppen. „Wir sind wohl schon auf dem Gute angekommen?“ rief ich dem Kutscher zu.

„Ja, Herr,“ war die Antwort, „hier wohnt er, er ist auch ein großer Deutscher. O, unsere Edelleute sind brave Männer, sie haben es immer mit uns und mit dem Lande gehalten. Gleich werden Sie den Hof sehen.“ –

Die Pferde zogen rascher an. Rasenplätze, welche große Blumenbeete einzurahmen schienen, prächtige, breitästige Eichen, Gruppen von Pappeln, Linden und Eschen flogen vorüber, dann rollte der Wagen über eine hölzerne Brücke mit steinernen Pfeilern an beiden Enden; nochmals durchschnitten wir den Park in gerader Richtung, vor uns lag ein großes Bassin mit einer Reihe hoher, dunkler Pappeln eingerahmt, und jenseits des Wasserspiegels erhob sich ein großes, hohes Gebäude mit zwei Flügeln von alterthümlicher Bauart. An den beiden Enden des Mittelgebäudes schienen zwei abgetragene Thürme mit ihren dunkeln Mauerkronen in den Abendhimmel hineinzuragen, an welche sich die Seitenflügel von neuerer Bauart anlehnten. Das ganze Schloß lag vor mir, wie eine dunkle Steinmasse, nur vier Fenster des untern Stocks waren hell erleuchtet. Ein breiter Fahrweg führte um das Bassin herum, in dessen Wasserspiegel die erleuchteten Fenster strahlende Reflexe warfen. Der Wagen hielt vor einer hohen, mit eisernem Geländer versehenen Steintreppe, welche zu dem altmodischen Hausthore und in den untern Stock des Schlosses führte.

Der Kutscher klatschte mehrmals mit der Peitsche, die Thür öffnete sich, und auf der Höhe der Treppe erschien die Gestalt einer Magd, ein Licht in der Hand, welches in demselben Augenblick verlöschte, als sie aus der Thür trat. Sie rief in den Flur hinein, und nach einigen Minuten stieg ein Knecht mit einer Laterne die Steintreppe hinab. „Ist der Herr zu Hause?“ fragte ich, mit seiner Hülfe vom Wagen hinabkletternd.

„Nein,“ erwiderte er in plattdeutscher Sprache, „er ist vor einer Stunde auf die Entenjagd gegangen.“ –

„Und die gnädige Frau? –

„Sie ist auf Besuch gefahren.“

[826] Er nahm meinen Koffer vom Wagen, in der stillen Voraussetzung, daß ich im Schlosse zur Nacht bleiben würde. Der Regen hatte fast aufgehört. Mein Kutscher sagte, daß er sofort zurückfahren würde, um mit den Pferden vor Anbruch der Nacht zu Hause zu sein, und ich stieg die hohe Steintreppe hinan. In dem gewölbten Vorhause empfing mich eine ältliche, kleine Dame, welche sich mir als die Haushälterin vorstellte und mich einlud, im Wohnzimmer die Rückkehr der Herrschaft abzuwarten, welche jede Minute eintreffen müsse. Dann öffnete sie die hohe, mit Schnitzwerk geschmückte Eichenthür, welche in das Zimmer führte, dessen erleuchtete Fenster ich schon draußen gesehen hatte. Es war ein großes, alterthümliches Gemach mit vier hohen Fenstern in weit vorspringenden Nischen. Die Wände waren mit weißer Oelfarbe gestrichen und in mehrere Felder abgetheilt, welche mit vielen arabeskenartigen Verzierungen geschmückt und in der Höhe der ebenfalls mit Stuccaturarbeit reich gezierten Decke mit vergoldeten Leisten umgeben waren. Drei Spiegel mit reich geziertem Rahmen, der Decoration des Zimmers angemessen, reichten von der Höhe der Decke bis zum Boden, den ein starker, weicher Teppich durch den ganzen Raum hin bedeckte. Die Lehnen des Sopha’s und der Sessel waren von weißgestrichenem Holz, künstlich mit Arabesken und vergoldetem Zierath ausgelegt. In dem marmornen Kamin flackerten einige Scheite Holz, da der Abend kalt und regnerisch war; auf dem Tische brannten zwei große Astrallampen mit weißen Kuppelgläsern. Der ganze Raum machte einen reichen und zugleich sehr wohnlichen Gesammteindruck. Ich schob einen der Sessel zum Kamin, sagte der Haushälterin, welche mich fragte, ob ich ein Glas Wein oder ein Glas Grog zu trinken wünsche, daß ich nichts bedürfe, und setzte mich nieder, die flammenden Holzscheite mit der Eisenstange, welche an dem Kaminpfeiler lehnte, von Neuem zurechtlegend.

Die Zeit, wo in Schleswig der Adel einen harten und oft grausamen Druck auf die Landbevölkerung ausübte, ist lange vorüber, und die Erinnerung daran hat sich nur in der Sage im Lande erhalten. Hie und da wurden mir noch Geschichten von Edelleuten erzählt, welche auf der Jagd die Grundstücke ihrer Unterthanen verwüsteten, die Saaten niederritten und die Peitsche und den Stock gegen ungehorsame und faule Leibeigene gebrauchten. Alles gehörte damals dem Gutsherrn, das Haus, das Land, das Vieh, die Ackergeräthschaften, die Arbeit des Leibeigenen; auch seine Arbeitskraft gehörte ihm; täglich mußte er Frohndienste thun, und kaum ward ihm Zeit gelassen, seinen eigenen Acker zu bestellen. Reich und wohlhabend war nur der Edelmann, der Bauer war arm und war an manchen Orten zufrieden, wenn er mit Saubohnen sein Leben fristen konnte. Aber, wie gesagt, diese Zeit hat lange aufgehört. Schon vor anderthalb Jahrhunderten begann in Schleswig-Holstein die Ablösung der Leibeigenschaft und der Frohnden. Große adlige Güter zerfielen, und die einzelnen Parcellen gingen in die Hände freigewordener bäuerlicher Besitzer über. Viel wirkte auch zur Aufhebung der Frohndienste mit, daß im vorigen Jahrhundert ein großer Theil der im Lande befindlichen Domänen parcellirt und die einzelnen Parcellen an Bauern in Erbpacht gegeben oder verkauft wurden. So ist nach und nach ein großer Theil der adligen Güter in die Hände von Bürgerlichen und Bauern übergegangen, und nichts erinnert an den ehemaligen Zustand der Dinge, als die bevorrechtenden Privilegien, welche noch an dem frühern adligen Grundbesitz haften, aber auch von dem jetzigen Besitzer der Parcellen, mag derselbe ein Edelmann oder ein Bauer sein, ausgeübt werden. Von einer feindlichen Gesinnung zwischen den Adligen und Bauern, welche sich auf den Standesunterschied gründet, ist jetzt nirgends mehr die Rede; der zehnjährige Druck, den die dänische Herrschaft auf dem Lande ausübt, hat den Bauer und den Edelmann noch näher aneinander gerückt. Sie haben während der schweren Kriegsjahre und auch jetzt unter dem Druck der dänischen Beamten treu mit einander ausgehalten; als [[Jacob Venedey]] in einer Volksversammlung in Angeln, welche in der Nähe von Cappeln abgehalten wurde, der im Lande herrschenden Zustände unkundig, gegen die Edelleute und die Pastoren zu Felde ziehen wollte, wurde er von allen Seiten mit dem Ausrufe „Wat segt de Kehrl?“[1] unterbrochen, und als er noch weiter fortfuhr, wurden die ernstesten Bemühungen einiger angesehener Hofbesitzer nöthig, um ihn vor thätlichen Insulten zu schützen. Auch in der Form unterscheiden sich heute im Lande die Wohnungen der adligen Herren wenig oder gar nicht von den Höfen der Bauern. Die Ritter und die Burgen sind aus dem Lande verschwunden. Ein Hausgraben mit den Resten einer alten Zugbrücke, von Rüstern und Erlen beschattet, ist meist Alles, was einen schleswigschen Edelhof charakterisirt. Wirklich schloßartige Gebäude giebt es nur sehr wenige im Lande.

Ein Mann im vorgerückten Mannesalter, von mittlerer Größe, mit intelligentem Gesicht, trat, mir einen guten Abend wünschend, in das Zimmer. Ich stand auf und stellte mich ihm vor, in der Meinung, den Gutsherrn vor mir zu sehen. „Nein,“ erwiderte er lachend, „der Gutsherr bin ich nicht, der ist in tiefem feuchten Regenwetter einmal wieder auf die Entenjagd gegangen, obschon ich es ihm täglich verbiete; ich bin der Arzt im Districte und wohne hier im Dorfe. Aber seien Sie uns willkommen, wir erwarten Sie schon seit acht Tagen. Setzen wir uns wieder zum Kamin, es ist draußen windig und regnerisch, ein verteufelt schlechtes Wetter für diese Jahreszeit. Ich höre, daß Sie schon über drei Wochen im Lande sind? Wird den Dänen sehr unangenehm sein. Nun, wie finden Sie’s hier? Uebertreiben wir, wenn wir von dem „Unglück im Lande“ sprechen?“ –

„Nein, wahrhaftig nicht; während der drei Wochen, daß ich hier umherreise, bin ich einmal auf einige Tage wieder nach Hamburg zurückgekehrt, um für einige vierundzwanzig Stunden nichts mehr von dieser dänischen Wirthschaft zu hören und zu sehen, in solch eine erbitterte Stimmung war ich hinein gerathen. So arg habe ich es mir wahrhaftig nicht gedacht.“

„Ja,“ fuhr er auf, „es ist arg, und täglich wird’s ärger. Die Beamten saugen das Land aus, wo sie können. Willkür, Erpressung und Gesetzlosigkeit, wohin man blickt. Die Beamten unterlassen nichts, um ihre Säckel zu füllen. Noch heute war ein Landmann bei mir, der seine Hufe seinem Sohne überlassen hat, und von seinem Hardesvogt bei Ausfertigung des Kaufbriefes übervortheilt war. Er war zu dem Hardesvogt gegangen und hatte ihm in ganz ruhiger Weise vorgestellt, daß sich der Herr Hardesvogt doch wohl bei Notirung der Gebühr für Ausfertigung des Contracts geirrt und er darnach zu viel bezahlt habe. Was war die Antwort? Er wurde tüchtig angefahren und ihm gesagt, die Gebührenrechnung sei richtig, wenn er ihm etwas wolle, so möge er ihn verklagen. Was die Klage hilft? Nichts. Und wenn wirklich schließlich das Appellationsgericht in Flensburg erkennt, daß der Bauer Recht hat, die Kosten muß er doch bezahlen, und die Kosten sind schließlich noch zwei oder drei Mal höher, als die zurück bezahlten Gebühren. Das wissen die Beamten ebensogut, wie die Armen, denen sie das Geld abnehmen, und deshalb schweigen diese lieber still und fügen sich in das Unvermeidliche. Das Land wird vollständig ausgesogen. Aber diesmal soll der Mann nicht so davon kommen, dieser dänische Kammerjunker. Der Landmann ließ den Kaufbrief in meinen Händen, und ich werde die Sache verfolgen. Das ist ein einzelner Fall von Hunderten, wie sie täglich vorkommen.“

„Und wenn es sich um einige Bankschillinge handelte,“ fuhr der Doctor erregter fort, indem er aufstand und einige Holzscheite in den Kamin warf, „dann ließe man es noch gehen, aber sie sind unersättlich, wie die Vampyre; am Mittwoch war ein Landmann aus der Gegend von Missunde bei mir und sagte mir, er würde mir nächstens auch seinen Kaufbrief mitbringen. Er hatte nicht weniger als 600 Bankthaler Kosten gehabt. Was sagen Sie dazu? – Nach den Mittheilungen, welche er mir machte, muß sich ein Minus von mehreren Hundert Thalern herausstellen. Ist das nicht enorm? – Ich theile Ihnen keine losen Gerüchte mit; ich berichte Ihnen Thatsachen, welche vollkommen wahr sind, und wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen die Documente. Erzählen Sie’s in Deutschland.“

Ich erstaunte. Daß die Uebervortheilungen sich bis zu dieser Höhe verstiegen, hatte ich doch nicht geglaubt. Der Arzt sah, wie sich mein Erstaunen auf meinen Gesichtszügen ausprägte, und sagte:

„O, ich will Ihnen noch einige andere, noch schlagendere Beispiele zu den Gebührenrechnungen mittheilen. Neulich betrug die Gebührenrechnung eines dänischen Beamten in einem kleinen Dorfe in Angeln 574 dänische Thaler. Sie wurde auf 263 dänische Thaler 64 Schillinge und 17 Thaler 22 Schillinge Gebühren modificirt. Ein dänischer Communalbeamter in Hadersleben hatte eine Gebührenrechnung auf nicht weniger, als 1350 Bankthaler zu hoch formirt. Was sagen Sie zu solchen Summen? Er hatte [827] ganz einfach eine Erbschaftsmasse, über welche kein Concurs verhängt war, als Concursmasse angesehen. Mein Gott, es ist ja ein Princip in diesem Erpressungssystem. Nur die deutsche Bevölkerung wird in dieser Weise ausgesogen. Die kunstvollsten Mittel und Kniffe werden angewandt, damit nur recht Viele dabei zu Grunde gehen, damit sie auswandern und den Dänen zu Spottpreisen ihr Hab und Gut überlassen. Sie waren ja in Schleswig. Sehen Sie sich die einst so blühende Stadt an. Die Nahrungslosigkeit greift dort täglich mehr um sich; Fallissements über Fallissements; die meisten Nahrungsquellen werden den Bürgern entzogen; viele Wohnungen stehen leer; die Häuser sind zu verkaufen; es ist aber weder Jemand da, der miethet, noch der kauft. In dieser Noth und Nahrungslosigkeit, wo es sich um das tägliche Brod handelt, greift so mancher sonst brave Mann zu eben keinen moralischen Mitteln. Er wird ein Renegat; er geht zu den Dänen über, oder er macht Concurs und übervortheilt seine Gläubiger. Und wem haben wir das Alles zu verdanken? Schleswig war einst ein so wohlhabendes und glückliches Land!“

„Der preußischen und österreichischen Regierung,“ antwortete ich, „welche das Land entwaffnet, gebunden und erschöpft den Dänen auslieferte; wem anders?“

Hundegebell draußen vor dem Thor und das Vorfahren eines Wagens unterbrach unser Gespräch. Der Arzt sprang auf. „Da kommt mein Freund von seiner verdammten Entenjagd,“ rief er, „welche ihm noch Gicht und Podagra einbringen wird; auch die gnädige Frau scheint von ihrem Besuch zurück zu sein.“

Ich stand ebenfalls auf und wandte mich nach der Thüre, welche in das Vorhaus führte. Die Thür öffnete sich, und der Besitzer des Gutes trat mit seiner Frau in den Saal. Er war noch im Jagdanzuge, in hohen Wasserstiefeln, das Gewehr über der Schulter, ein schöner, stattlicher Mann in den Dreißigen; seine Gemahlin war eine schöne Blondine, mit großen seelenvollen lichtblauen Augen; ihr zarter, weißer Teint war rosig angehaucht von der scharfen Abendluft; ihr reiches, vorn gescheiteltes Haar hatte einen goldigen Reflex. Sie war eine Holsteinerin; Schleswig und Holstein hatten sich auch hier verschwägert. Der Arzt stellte mich vor; sie hießen mich auf das Herzlichste willkommen. Dann erfolgte die ärztliche Standrede wegen der verbotenen Entenjagd. „Geschossen hast Du nichts,“ rief er, „aber der Sprühregen und der Teich haben Dich durchnäßt, mit allen meinen Medicamenten kann ich Dir das Podagra nicht wegcuriren, wenn Du es erst in den Füßen hast!“

„Tröste Dich, Doctor,“ rief der Gutsbesitzer lachend aus, „die Dänen waschen mir den Pelz alle Tage, und doch wird er nicht naß. Du weißt, ich habe eine zähe Natur und einen energischen Willen. Ich soll schon wieder 50 Bankthaler Brüche bezahlen; heute habe ich die Verfügung bekommen; aber so leicht kommt der dänische Amtmann nicht mit mir zu Rande; erst werde ich mich wehren.“

„Was ist denn wieder vorgefallen?“

„Vorgefallen? nichts; ich habe das Verbrechen der Mißlichkeit begangen, und der Amtmann braucht Geld. Ich erzähle Dir’s hernach. Aber erst werde ich mich, Deiner Besorgniß zu Liebe, umkleiden. Und dann wollen wir zu Abend speisen. Unterhalte unsern Besuch so lange.“

Der Gutsherr und seine Gemahlin entfernten sich, um andere Toilette zu machen. Ich blieb mit dem Arzte allein, der sich noch gar nicht wegen der Entenjagd in diesem Regenwetter beruhigen konnte. Dann kam ein Diener in den Saal, um den Tisch zu decken. Nach einer Viertelstunde saßen wir zusammen an der reichbesetzten Abendtafel Zwei Diener warteten auf. Der Wein war vortrefflich. Der Gutsbesitzer gehörte zu den reichsten des Landes; er besaß große Complexe von Ländereien, welche er durch Ankauf noch vergrößert hatte. Intelligent, von bedeutender wissenschaftlicher Bildung, von energischem Charakter und mit den Zuständen im Lande vollkommen bekannt, gehörte er zu den bedeutendsten Repräsentanten des deutschen Elements. Da er vornehme verwandtschaftliche Beziehungen in Kopenhagen hatte, wagten sich die dänischen Beamten nicht so leicht an ihn heran, so verhaßt er ihnen auch war. Seit mehreren Jahren waren unter der Hand Versuche gemacht, ihn zum Verkauf seines großen Grundbesitzes an einen Dänen zu vermögen. Verschiedene Kniffe und Ränke waren zu dem Zwecke in Bewegung gesetzt. Er hätte mehrmals sehr vortheilhaft verkaufen können. Aber er wollte grundsätzlich nicht verkaufen, weil, wenn er das Land verließ, das deutsche Element in Schleswig eine bedeutende und mächtige Stütze verlor. Er schlug deshalb die vortheilhaftesten Anerbietungen aus. Ich bin dieser ehrenhaften und braven Gesinnung in Schleswig vielfach, sowohl auf dem Lande, wie in den Städten, begegnet. In den Friesen und Angeln ist ein Element des Widerstandes und des Ausharrens, wie es sich in keinem deutschen Volksstamm in diesem Maße vorfindet. Renegaten giebt es auch dort; aber im Allgemeinen tritt dieser Widerstand und dieses Ausharren den Dänen in massenhafter Weise und mit zäher Consequenz, selbst oft unter den ungünstigsten äußeren Verhältnissen, entgegen. Die Lombarden und Venetianer haben den Oesterreichern keinen zähern Widerstand entgegengesetzt, als diese braven Angeln und Friesen, welche zur Ehre Deutschlands, welches sie verließ, hier an den äußersten Grenzen deutscher Erde ihren heimtückischen und mit großer Zähigkeit ihre Zwecke verfolgenden Feinden nun seit zehn Jahren mannhaft widerstehen. Es kann das in Deutschland nicht genug gewürdigt werden.

Ich kenne Männer in Flensburg, Tondern und Schleswig, welche selbst unter den drückendsten Nahrungssorgen aushalten. Der „Märtyrer von Oland“ bleibt auf seiner einsamen, von Weststurmfluthen umbrausten Insel in der Nordsee und kämpft mit den salzigen Meereswogen, weil er es für charakterlos hält, Nordfriesland in der Noth zu verlassen. Noch vor wenigen Tagen waren dem braven Manne, an dessen Tische ich heute Abend saß, von seinem Hardesvogt im Namen eines reichen, in Kopenhagen ansässigen Dänen die vortheilhaftesten Anerbietungen zum Verkauf seines Grundbesitzes gemacht worden. Er hatte sie ausgeschlagen. Am andern Tage hatte der schlaue Däne die Anerbietungen in drohender Weise wiederholt und einen noch höheren Kaufpreis geboten. „Ich kann mein Gut nicht verkaufen,“ hatte der deutsche Edelmann erwidert.

„Warum nicht?“ fragte der Däne.

„Weil es Fideicommiß ist, Herr Hardesvogt.“

Da lächelte der Däne schlau und verächtlich. „Wenn es nur das ist,“ sagte er, „dann ist leicht abzuhelfen. Ein Ministerialrescript, nöthigenfalls eine Cabinetsordre wird die Fideicommißqualität für ungültig erklären. Das ist sehr leicht zu bewerkstelligen.“

„Aber ich erkläre sie für gültig und bestehend, Herr,“ erwiderte der Edelmann.

Nach dem Abendessen verließen wir den Speisesaal und blieben noch mehrere Stunden in dem Studirzimmer meines Gastfreundes zusammen. Ich war genöthigt, am andern Morgen abzureisen, um mich nach Flensburg zu begeben. Der Verwalter, an den der Gutsbesitzer einen Theil seines Grundbesitzes verpachtet hatte, leistete uns Gesellschaft. Das letzte Mißlichkeitsdecret wurde mir in Original vorgelegt. Der Gutsbesitzer war in eine Strafe von 50 Bankthaler genommen, weil er einen Bericht an das Ministerium nicht in dänischer, sondern in deutscher Sprache abgesandt hatte. „Ist das nicht, um toll zu werden?“ fuhr er heraus; „ich verstehe kein Wort dänisch, spreche und schreibe kein Wort dänisch, und in meinem ganzen District, in dem das Gut liegt, lebt kein Däne, außer dem dänischen Pastor, den dänischen Beamten und dem dänischen Schulmeister. Trotz alledem ist es ein sogenannter „gemischter District“, wo ein um den andern Sonntag dänisch gepredigt, wo in den Schulen in dänischer Sprache, außer drei Stunden wöchentlich, unterrichtet wird, und wo nun durchaus die dänische Sprache als Geschäftssprache eingeführt werden soll. Bestätigen Sie das, Doctor, Sie kennen durch Ihre Praxis jedes lebende Wesen in unserm District.“

„Ich kann Alles das nur bestätigen,“ sagte der Arzt, „in keiner Familie wird dänisch weder verstanden, noch gesprochen. Es leben hier nur zwei alte Leute, welche, weil sie in ihrer Jugend auf der dänischen Flotte dienten, etwas dänisch verstehen, ohne die Sprache vollständig sprechen, geschweige denn dieselbe schreiben zu können.“

„Noch gestern,“ fügte der Pächter hinzu, „hat der Hardesvogt wieder versucht, mit zwei Landleuten in dänischer Sprache zu verhandeln. Sie verstanden auch nicht ein Wort. Da ist die Verhandlung gar nicht zu Stande gekommen, sehr zum Schaden der Leute, welche einen nothwendigen Vertrag abschließen wollten.“

„Und wie ist denn Ihr Schulmeister und der Pastor?“ fragte ich.

„Der Schulmeister ist dumm, wie ein Klotz, der Pastor ist wie die andern im Lande. Seit Jahren habe ich die Kirche nicht [828] besucht, der Doctor auch nicht, der Pachter auch nicht. Es besucht überhaupt Niemand die Kirche. Wir leben hier wie die Wilden. Für meine Kinder habe ich einen Hauslehrer, der gerade verreist ist, einen Candidaten der Philologie aus Kiel. Der Pachter hat keine Kinder, der Doctor ist unverheirathet. Hätten sie Kinder, ich würde in viele hundert Bankthaler Strafe verurtheilt, wenn mein Hauslehrer sie unterrichten wollte. Beispiele zu diesem Verfahren sind Ihnen ja zur Genüge bekannt.“

„Eine scandalöse Geschichte ist hier kürzlich wieder in der Nähe passirt,“ sagte der Pachter, „leider wieder nur eine unter so vielen. Hören Sie, und machen Sie sich ein Bild von unseren Zuständen. Der dänische Pastor in ** übernahm eine Roggenlieferung an die dortige Armenanstalt. Er beschaffte die Lieferung ohne weitere Controlle, ließ sich aus der Armencasse bezahlen und giebt eine Quittung ab über 14 Scheffel gelieferten Roggen. Dann geht das Gerücht im Orte um, daß der Pastor unrichtig geliefert habe. Das Gerücht dringt zu den Ohren der Armenvorsteher; sie lassen nachmessen und finden zu ihrem nicht geringen Erstaunen, daß nur 10 Scheffel vorhanden sind. Als der Pastor sieht, daß sein Betrug entdeckt ist, antwortet er ganz dreist, daß ihm dies bekannt sei, er werde die 4 Scheffel nachliefern. Natürlicherweise geschah es nicht. Das Armencollegium, dessen Präses der Pastor ist, hatte den Muth, ihn beim Kirchenvisitatorium zu verklagen. Das Kirchenvisitatorium hat das Armencollegium abgewiesen. Es wundert sich hier Niemand darüber; denn Jeder weiß, daß es kein Recht in Schleswig giebt. Und gegen den bösen Schein wußte sich der Pastor auch zu decken: er hatte, als sein Betrug ruchbar wurde, sich von dem Gastwirthe und dem Kirchenboten eine Bescheinigung ausstellen lassen, worin beide Subjecte erklären, der Pastor hätte ihnen bei der Entgegennahme des Geldes gesagt, er wolle die fehlenden 4 Tonnen nachliefern. Was diese Bescheinigung zu bedeuten hat, kann man ermessen, wenn man weiß, daß der Gastwirth zwei Concessionen, als Krüger und als Höker hat, und der Andere als Kirchenbote ganz in der Hand des Pastors ist. Aber trotz alledem erhielt die Armenanstalt nie die 4 Tonnen Roggen und wird sie auch niemals erhalten, während der Pastor das Geld in der Tasche hat.“

Gustav Rasch.     




  1. „Was sagt der Mann?“