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Autor: unbekannt
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Titel: Ein patentirtes Gespenst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 443–446
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[443]
Ein patentirtes Gespenst
Skizze aus der Londoner Welt.

Was soll aus unseren Ammenmärchen werden, aus den lieblichen Feengeschichten und dem „schwarzen Mann“, mit dem man deutsche Kinder, bald nachdem die Säuglingschaft ein überwundener Standpunkt geworden ist, in Schlummer zu schrecken sucht? Was soll aus alle dem werden, wenn die Kunst, „das Gruseln zu lernen“, so über alle Maßen erschwert wird, wie in unseren Tagen der Fall? Während alte Matronen und selbst denkende Leute mitunter noch an die Möglichkeit glauben, daß Kirchhöfe die Gespenster des verstorbenen Publicums herausgeben, sind zwölfjährige Bübchen so verwegen, – wenigstens in London – dies Alles für Sinnestäuschung und optische Spiegelungen zu erklären. Professor Pepper, der Gespensterfabrikant, hat ihnen das ja haarklein vordemonstrirt.

Der Gespensterfabrikant? Wer ist das kühne Individuum, das sich einer so unerhörten, so ungeheuerlichen Kunst befleißigt? so fragt, befremdet und verdutzt, sicher der eine und der andere unserer Leser.

Augenblicklich einer der Löwen des Tages in der Riesenhauptstadt des großbritannischen Reiches, antworten wir, wie es daselbst zu anderer Zeit die Sonntag oder Fürst Pückler-Muskau, der Kölner Männergesangverein oder Garibaldi, der Rossezähmer Rarey oder die Prinzessin von Wales, „die Rose von Dänemark“, gewesen sind.

Ursprünglich war der gegenwärtige Londoner Wundermann seines Zeichens ein hoffnungsvoller Jünger der ehrsamen Apothekerzunft, der sich, höheren Dranges voll, später auf das Studium der Optik verlegte und namentlich dem Geheimnisse der Spiegelungen nachspürte, welche nach den Gesetzen dieser Wissenschaft hervorgebracht werden können. Ein echter Sohn Albions erkannte [444] er, mit dem seiner Race eigenthümlichen praktischen Instincte, alsbald, daß er mit derlei magischen Spielereien und Effecten auf ein glückliches Feld gerathen sei, ein Feld, welches sich trefflich zu Capitale ausbeuten ließ, und so kam er, im weitern Verfolg seiner Experimente, auf das Geistercitiren im natürlichen Wege als auf ein unvergleichliches und noch jungfräuliches Mittel, um Schillinge und Pfunde zu machen.

Der erste Schauplatz seiner geistischen Wirksamkeit sollte indeß nicht das heimathliche London werden, sondern Paris. Erst nachdem er hier auf der Place du Châtelet die ganze, halbe und Viertelswelt in Hautschauern und Entzücken versetzt hatte, dampfte er über den Canal zurück und schlug im Vaterlande seine Zauberbude auf, um hier mit seiner inzwischen wesentlich verbesserten und vermehrten Erfindung – eigentlich einer geschickten Combination früherer Erfindungen – vor ein noch größeres und zahlungsfähigeres Publikum zu treten.

In London, wo kein materiellen Erfolg verheißendes Bestreben auftauchen kann, ohne daß sofort Nebenbuhler nach dem gleichen Ziele wettlaufen, erstanden unserm Geisterbeschwörcr in anderen weisen Männern rasch Gegner und allerhand Concurrenzgespenster; doch Pepper ließ sich durch solche Mitspeculanten auf die würdige Bewohnerschaft des Schattenreichs nicht aus der Fassung bringen.

Schnell hatte er gefunden, was für’s Erste alle Concurrenz ausschloß: er suchte um ein – Patent, allen Ernstes um ein Patent für seine Geister nach, und wirklich, der britische Justizminister, der hochehrenwerthe Lordkanzler von England, sprach in feierlicher Sitzung des Kanzleigerichtshofs Pepper’s Geistern das große Patentsiegel zu!

„Ein patentirtes Gespenst!“ Der Gedanke ist sublim in seiner Art, und schon die Idee allein war mächtig genug, ihren genialen Urheber zu einem Phänomen der Londoner Welt zu machen.

Freilich wird im Laufe der Zeit das Publicum das Freihandelsprincip wohl auch auf diesen neuen Artikel aus den Schauerregionen angewandt wissen wollen; vorläufig aber ist, wozu selbst unser guter gläubiger Justinus Kerner es nimmermehr gebracht, Professor J. H. Pepper der privilegirte und monopolisirte Herrscher im Reiche der Geister und hat das wohlverbriefte Recht, allabendlich in den Kunsthallen des polytechnischen Instituts zu London seine unheimlichen Unterthanen vor die Augen der bänglich staunenden Zuschauermenge zu zaubern.

Wer in den letzten zwanzig Jahren einmal in London gewesen ist, kennt das „Polytechnic“, wie es der Engländer mit seiner praktischen zeit- und mühesparenden Sprachkürze schlechtweg zu nennen pflegt, jene vielumfasscnden Sammlungen und Anstalten, die sich, unweit von dem Fremden-Rendez-vous, dem Verey’schen französischen Kaffeehause, und den beiden Stumpfthürmen der fashionablen Hannoverkirche, da, wo in ihrem nordwestlichen Ende die schöne Regentstreet stiller und vornehmer zu werden beginnt, in einem rauchgrauen stattlichen Gebäude ihr Domicil gewählt haben. Sie gehören zu jenen Merkwürdigkeiten, welche in den Reisehandbüchern à la Bädeker als besonders sehenswerth besternt, wohl gar doppelt besternt zu sein pflegen.

Das Polytechnische Institut verdankt seine Existenz einer Actiengesellschaft, die unter königlichem Privilegium vom Jahre 1838 sich etablirte „zum Zweck der Beförderung der Künste und praktischen Wissenschaften, namentlich solcher, welche Landwirthschaft, Bergwerks-Maschinen und Manufakturen etc. beeinflussen.“ Der damalige Katalog beschrieb die Ausstellungen in 34 Räumen und enthielt 1687 Nummern, von dem Modelle der Armstrongkanone bis zu einer präparirten Familie brasilianischer Schmetterlinge herab. Verluste, namentlich durch einen vielzerstörenden Treppeneinsturz vergrößert, brachten die Societät in solche Verlegenheit, daß sie sich auflösen und, wie so häufig bei neuen Unternehmungen, der zweiten Generation die Ernte der Früchte überlassen mußte, zu der die erste den Samen unter Sorgen gestreut hatte. Unter dem Patronate des Prinzen von Wales und Einzelner vom höchsten Adel als „trustecs“ (Aufsichts-Betraute) und unter der Leitung von sieben Directoren, unter denen wiederum Professor Pepper als „Ehrendirector“ figurirt, hat sich eine neue Actiengesellschaft mit 20,000 Pfd. St. Capital gebildet. Ohne Zweifel florirt das Institut. Die Einnahmen im vergangenen Jahre erreichten die Summe von 13,000 Pfd. St., und die Ausstellungen erzielten allein von den „Laufkunden“, wie ich, im Gegensatze zu den festen Abonnenten, die „einen Schilling“ zahlenden Besucher nennen möchte, oft einen wöchentlichen Erlös von über tausend Thalern.

Es würde den Zweck dieses Artikels überschreiten, auch nur die Glanzpunkte des Katalogs zu erörtern; es genüge uns, aus demselben das Programm eines einzigen Abends, das des Sonnabends, zu schneiden, um eine Idee von der Mannigfaltigkeit des zu Schauenden zu bieten.

Sonnabend. Abend 7 Uhr. Eröffnung der kosmoramischen Räume. Die Gemälde-Galerie. – Die Glas-Bläserei und -Spinnerei. – Foliographische Maschinen, die Abdrücke von Farrenkräutern etc. liefern. – Modell einer Patent-Ziegel-Maschine, welche 75,000 Ziegel per Tag liefern kann. – Zusammenfügung zerbrochenen Porzellans und Glases. – Alle Maschinen in Arbeit und Bewegung.

71/4 Uhr. Bauchrednerkünste und Scherze. – Eine redende Hand.

73/4 Uhr. Neue Geister-Vorstellung (J. H. Pepper und H. Dirks gemeinschaftliche Erfinder), mit Einschluß interessanter optischer Illusionen.

83/4 Uhr. Die Taucherglocke (in lebendigem Wasser. Eine Münze wird von dem Taucher heraufgeholt). Allgemeine Ausstellung in allen Räumen und musikalische Promenade.

9 Uhr. Neue optische Vorstellung. Ein Traum im „Polytechnikum“ dargestellt in wandernden Gemälden, den Reichthum der Sehenswürdigkeiten an den Augen eines Träumenden vorüberführend. – Wir wählen die Geisterbühne zum Besuche. Die Bänke sind gefüllt, Kopf bei Kopf, von Alt und Jung, von Großen und von Kleinen. Eben noch strahlte Gaslicht auf allen den neugierigen Gesichtern, da fällt nächtliche Dämmerung über den Raum, nur von jenen scharfen Lichtstrahlen durchkreuzt, die von dem in kleine helle Quadrate ausgeschnittenen Hintergrund über die Hunderte von Köpfen hinweg auf die Bühne fallen, welche das Innere einer mittelalterlichen Kirche, Altäre und steinerne Sarkophage zeigt, während ein junger Ritter um Mitternacht, die eben ihre vollzähligen zwölf Schläge brummt, seine Fahnen- und Waffenwacht mit gezücktem Schwerte zu halten hat, um sich der ersten Sporen würdig zu zeigen. Alle möglichen Geister der Verstorbenen stellen seinen Muth auf die Probe; sie erscheinen im Mönchsgewande, in goldverzierten Kleidern, oder als verführerisch schöne Edelfräulein.

Aber unser Held bleibt standhaft. Abwehrend streckt er die Hand nach den grausigen Erscheinungen aus, und – es überläuft uns kalt – wir sehen, wie die Finger durch die wesenlosen Gestalten hindurchgreifen, sehen, daß wir also echte körperlose Gespenster vor uns haben. Mit sehr unenglischem Stolze widersteht er sogar einer reellen rothen Börse, in der reelle Goldstücke klingen, von der Schattenhand melodisch ihm vorgeschüttelt. Dann schließt sich das kleine Guckkastenloch im Hintergründe, und Ritter und Geister sind wie Duft und Luft in das Nichts zurückgeschwunden.

Im Zwischenakte läßt sich das geehrte Publicum durch eine norwegische Eislandschaft nebst regenbogenfarbiger Aurora borealis in angenehmer Weise anfrösteln und steigt dann an Prof. Pepper’s Hand im Geiste auf den Grund des Meeres, wo es am tiefsten ist, unter Gefühlen, die das alte scherzhafte Studentenlied beschreibt, in seinem durstigen Refrain: „Wie wird es uns so ,kuhle’ da!“ Wir gerathen in die Wohnungen der Meerwölfe, der Molche und Salamander, der Haifische, dieser „Meereshyänen mit den grimmigen Zähnen“. Gold-Störe, muthmaßlich an gespenstischem Caviar reich, und Silber-Gründlinge schwänzeln vorüber, von einer Corpulenz, welche sie für Zimmer-Aquarien untauglich macht. Das sind alles Gespenster und „wie naß das Alles aussieht“ – würde ein Berliner sagen. Wir riechen den Seetang und das Grundschilf und sehen den Tag durch das Wasser flimmern. Nur ein Schiffskiel wirft seinen Schatten in die Tiefe, und an einem Tau senkt sich eine Taucherglocke hinab mitten unter eine Sammlung von Thee- und Goldstaubkisten, die einem längst verschollenen Wrack angehört haben. Jetzt steigt der Taucher heraus, den Schlauch am Munde mit Gewandtheit regierend, während er aus seinen eingehäusten Kopfbrillen auf die Wunder der dämmerigen Tiefe schaut. Die Fische reizen ihn nicht, auch nicht die „Töchter des Nereus“, die im „leisen Wandel ihrer Glieder“ ihn als gefährliche Wasser-Circen umgeben, er denkt an’s Geschäft und beginnt die Appropriation mit Hand und Fuß, ein Kistchen nach dem anderen in die Glocke schleppend. Vergeblich erscheinen Neptun nebst Gattin – er trägt keine Jacke von gelbem Flanell, wie [445] Heinrich Heine uns in seinen Nordseeliedern weiß machen will, doch einen blitzblanken Dreizack. Eine solche „Theerjacke“ von der Tauchergilde aber lacht dem Bruder Jupiter’s in die Zähne.

Schon will sich der Matrose zur Rückkehr in die Oberwelt anschicken, einige gefräßige Grundfische mit Fußtritten abwehrend, als aus einem Schilfdickicht ein Bruder Seemann auftaucht, einer von denen, die da in der stillen See zu Grunde gegangen. Der alte Matrosenhumor scheint auch in dem Gespenste noch fortzuleben. Nicht nur schüttelt er dem Cameraden aus dem Reiche der menschlichen Rede die Hände und ertheilt ihm praktische Winke, wie derselbe sich der Schätze bemächtigen könne, sondern giebt ihm auch einen Kunstgenuß zum Besten, wie er nur je an Deck eines Linienschiffes das lustige alte England ergötzt hat. Er tanzt ihm den Horn-pipe vor, jenen Matrosentanz, der am besten mit den Hacken gestampft wird, wenn im Kopfe die Kobolde des Bacchus ihr Wesen treiben, und da kein Orchester zur Hand, spielt ein kleiner Meerteufel mit dem Geschick eines oberweltlichen „geschätzten“ Virtuosen eine Geistervioline in „stummen Tönen“ mit einem Geisterfiedelbogen. Dann – husch! – ist Alles verschwunden, schnell wie ein Gedanke! Wir sind wieder auf dem Trocknen, und ging es vorher in die Tiefe, so stehen wir jetzt auf der Spitze des Brockens, unter uns die Harzthäler, vor uns die öden Felsen, „wo Deutschlands isländischer Moosthee wächst“ und wohin Mephistopheles zur Walpurgisnacht die Hexlein aus allen Richtungen der Windrose zusammenpfeift auf Bock und Besenstiel. Hier ist es, wo das „Brockengespenst“ uns seine Visite macht und zwar in zwei Gestalten, die im Costüm wandernden Quäkern auf’s Haar ähnlich sehen.

Die Gartenlaube (1864) b 445.jpg

Eine Londoner Gespenster-Vorstellung.
Originalzeichnung unseres Londoner Specialartisten.

Nachdem der Gastgeber aus dem Geisterreich, Prof. Pepper, der bis dahin in Fleisch und Blut und schwarzem Frack vor uns gestanden, als Erklärer und Reisegefährte durch alle vier Elemente, sich schließlich selbst zu einem sieben Zoll hohen Phantom verflüchtigt und nach dem Takte der Musik, nur zu einer Ahnung des eigenen Selbst zusammenschrumpfend, dem Publicum mit seinen Zwergenhändchen die freundlichsten Complimente zugewinkt, fällt der Schleier von den Lampen, und Alle sehen sich wieder im Lichte der Oberwelt. Auch der Policeman ist wieder da, der als höflicher Gentleman beim Plätzeanweisen fungirt und dessen blanker Hut allein in dem Dunkel während der Vorstellung einige verirrte Lichtfäden aufgefangen und wie ein kleines St. Elmsfeuer geschimmert hatte.

„Wie geht das zu?“ – „Sagen Sie mir, um Gottes willen, wie das zugeht!“ – „Spiegelung soll’s sein, sagen sie – das versteh ich nicht. Es war etwas und war doch auch wieder nichts.“ – „Das Gespenst ging ja ganz wesenlos durch alle Gegenstände hindurch, oder vielmehr alle Gegenstände gingen durch dasselbe hindurch.“ – „Wie kommt das?“ – „Was bedeutet das?“ und „Wie geschieht das?“

Die Leser werden ähnliche Fragen, ähnliche Vermuthungen und Einwürfe schon aufgestellt haben, wie wir auf dem Nachhausewege. Wir wollen deshalb die höchst einfachen Erscheinungen der Gesetze, welche bei dem Pepper’schen Gespenst zu so überaus täuschender Wirkung angewandt werden, in aller Kürze nebeneinander stellen und die Erklärung des optischen Apparates daraus ableiten.

Erstens: Wenn man sich in einem gewöhnlichen Spiegel besieht, so erblickt man sein Bild nicht in der Fläche des Glases, sondern es scheint unser Gesicht hinter dem Spiegel zurück zu stehen; und zwar genau so weit, als sich dasselbe in der That vor der Spiegelfläche befindet. Das ist bei allen Spiegelbildern der Fall. Können wir z. B. in einer Entfernung von acht Zoll eine Schrift deutlich lesen, so werden wir, wenn wir dieselbe neben unsere Augen halten, um sie scharf im Spiegel zu erkennen, uns demselben bis auf vier Zoll nähern müssen.

Zweitens brauchen wir, um Spiegelungserscheinungen zu beobachten, durchaus keine Metallplatten oder mit Hülfe von Amalgam undurchsichtig gemachte Glasscheiben, sondern wir können von unsern Spiegeln das Belege abkratzen und werden trotzdem, [446] wenn auch schwächer, die Bilder der vor ihnen liegenden Gegenstände reflectirt erhalten. Von dem Lichte, welches auf eine blank-polirte Glasscheibe fällt, geht nur ein Theil durch dieselbe hindurch, der andere Theil wird zurückgeworfen und bringt eben die Spiegelung hervor. Dies läßt sich an jeder Fensterscheibe beobachten, und um so deutlicher, wenn sich hinter derselben eine dunkle Wand befindet und wir in etwas schiefer Richtung darauf sehen. Wir erblicken darin, was draußen vorgeht, zu gleicher Zeit aber sehen wir auch die Gegenstände des innern Zimmers durch das Durchsichtige Glas hindurch, die Außenwelt im Spiegelbild, den innern Raum in Wirklichkeit.

Und der ganze Pepper’sche Zauber liegt in weiter nichts, als in einer solchen geschickt angebrachten durchsichtigen Glasscheibe.

Die Bühne nämlich, auf welcher die Geistererscheinung hervorgerufen werden soll, hat eine besondere Einrichtung. Sie besteht nicht aus einem fortlaufenden Podium, sondern ist an einer Stelle durch eine fallthürähnliche Oeffnung unterbrochen, welche in einen untern Raum hinabführt. Dem Publicum aber ist diese Oeffnung durch ein geschicktes Arrangement, durch Vorsetzstücke, eine Bodenerhöhung, niedriges Gebüsch oder dergleichen verdeckt; in unserer Abbildung deutet sie der im Vordergründe befindliche dunkle Raum an. Hinter dieser Oeffnung und hart vom Rande derselben aus erhebt sich eine große, feinpolirte und durchsichtige Spiegelplatte, deren Ränder, Rahmen oder Zusammenstoßungsfugen, wenn sie nicht aus einem Stück ist, ebenfalls auf irgend eine Weise durch Guirlanden oder Aehnliches verborgen werden. Die Glasplatte ist mit ihrem oberen Rande etwas nach vorn geneigt, so daß sich gerade der untere verdeckte Raum in ihr spiegelt und man aus dem Zuschauerraume in ihr das erblickt, was in der unteren Oeffnung vorgeht. Außerdem aber verdeckt sie wegen ihrer Durchsichtigkeit nichts von dem, was sich hinter ihr befindet, ja das Publicum merkt nicht einmal etwas von ihr, wenn das Arrangement einigermaßen geschickt ist, da das Licht auf der Bühne und im Zuschauerraume, so lange wie die Scheibe aufgestellt ist, sehr gedämpft wird.

In dem unteren verborgenen Rauine nun wird der Geist gespielt. Ein Schauspieler mit Fleisch und Bein und im nöthigen Gespenstercostüm hantirt dort genau so, wie es oben erscheinen soll. Ihn und seine Bewegungen sehen die Zuschauer in der Spiegelscheibe; da sie aber von dieser wegen ihrer Durchsichtigkeit selbst keine Ahnung haben, so verfallen sie auch nicht darauf, die Erscheinung einer so einfachen Ursache zuzuschreiben.

Damit nun das Bild recht deutlich hervortrete, wird der Geisterspieler besonders grell beleuchtet; damit es ferner allein und nicht mit dem ganzen unteren Apparat gesehen werde, so ist die Wand, an welche sich der Schauspieler unten anlehnt – denn er muß dieselbe schiefe Lage einnehmen wie die Spiegelplatte –, der Boden, auf welchem er geht, kurz Alles, was sich außer ihm in dem untern Raume befindet, mit einem schwarzen, nicht glänzenden Stoff, Sammet oder dergleichen, ausgeschlagen und überdeckt. Von diesem dunkeln Hintergrunde hebt sich seine hellbeleuchtete Gestalt klar ab, und dadurch erscheint sie auch im Spiegel frei.

Um die Täuschung zu erhöhen, ist die Lichtquelle (Drummondsches Kalklicht, oder einige große Astrallampen, welche durch vorgestellte bunte Gläser farbiges Licht geben können) so eingerichtet, daß sie beliebig verstärkt oder abgeschwächt werden kann. Die Erscheinung tritt dadurch entweder plötzlich auf oder gewinnt allmählich erst Umrisse und Farbe, ebenso kann sie durch nach und nach schwächer werdende Beleuchtung langsam sich auflösen oder plötzlich durch Verfinsterung zum Verschwinden gebracht werden.

Eine rasche Erhellung der oberen Bühne und des Zuschauerraumes führt uns dann plötzlich auf den Boden der Wirklichkeit zurück, und ehe sich das verblüffte Auge wieder sammeln kann, ist ein Scenenwechsel vorgegangen, die Spiegelscheibe, das Geisterreich, in einer besonderen Führung versenkt oder aufgezogen worden. Wir sehen die Schauspieler über den wieder verdeckten unteren Raum schreiten, kurz nichts erinnert uns mehr an die Art und Weise, auf welche die Erscheinung hervorgerufen wurde.

Ist der dazu nöthige Apparat gut eingerichtet, die Spiegelscheibe groß und die Beleuchtung im ganzen Theater derart regulirt, daß jene sich nicht durch unbeabsichtigte Reflexe verrathen kann, so ist kein anderes Mittel so geeignet, selbst den mit den Vorgängen Vertrauten in eine vollständige Täuschung hineinzuzaubern. Dieselbe ist um so effectvoller, als der beschworne Geist durch nichts in seinen Bewegungen gehindert wird. Weder Felsen noch Möbel verdrängen ihn; er geht durch die Zweige der Gesträuche, und die Blätter bewegen sich nicht.

Der Natur der Spiegelbilder nach sehen alle Zuschauer die Erscheinung an derselben Stelle des Hintergrundes, welche soweit hinter der Spiegelscheibe liegt, als sich der Geistspieler vor ihr befindet. Der Schauspieler auf der obern Bühne, in unserer Abbildung der Taucher, bemerkt von dem Gespenste nichts, denn da er sich auch hinter der Glasscheibe befindet, kann er von dem Spiegelbilde nichts erblicken. Es ist daher, weil er ja sein Spiel nach den Bewegungen der Erscheinung einzurichten hat, für ihn ganz unerläßlich, daß er über den Ort, wo für den Zuschauer das Spiegelbild auftritt, vollständig im Klaren ist. Er will vor dem sich nähernden Geiste fliehen und, stellt einen Tisch zwischen sich und die Erscheinung; umsonst, das wunderbare Wesen wird durch kein irdisches Möbel aufgehalten. Er stößt mit seinem Degen in die durchsichtige Luft, aber die Zuschauer sehen die Klinge durch die körperlose Gestalt des Gespenstes hindurchfahren.