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Textdaten
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Autor: Max Maria von Weber
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Titel: Der Polarkreis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 441–443
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[441]
Der Polarkreis.[1]
Seebild aus dem Norden.
Von Max Maria v. Weber.


Schönes Wetter ist überall ein herrlich Ding, aber auf dem Meere ist es ein Lächeln von Gott, das die Creatur mit seliger Heiterkeit füllt. Und nun gar in hohen Breiten, wo auch durch die Sommerluft der Welt ein so tief melancholischer Abendton zittert und das Auge der niedrig am blaßblauen Himmel hinwandelnden Sonne wie müde sich immer nur halb erschließt! Wir spürten den Zauber des Sonnenlachens am Bord des „Prinz Gustav“ nach zehn Tagen Wellenkampfes und aus tiefgrauem Himmel herabströmenden Regens. Wir spürten ihn Alle, Jeder nach seiner Weise. Und das war verschieden genug, denn ein bunteres Völkchen kann das Meer nicht zusammenspülen, als wir auf dem achtzig Schritt langen und vierzehn Schritt breiten tüchtigen norwegischen Plankenwerke waren, das seine Eigenthümer, die Normänner, Finnen und Lappen von Nord-Trondjems-Amt und Helgelands Fogderie bis Finmarks Amt hinauf, mit eben genanntem fürstlichen Namen getauft hatten.

Die Einwohner der Felsen- und Wasserwelt weit jenseits der ultima Thule haben sich den kleinen wackern Dampfer, ein stark gezimmertes, gutes Seeboot, das lustig und wie ein Kork, aber langsam schwamm, im gut norwegischen Geduldstakt die Ruder drehend, vor fünfundzwanzig Jahren gekauft. Sie ließen die auf Tod und Leben den Klippen und der Brandung beim Plündern des Vogelnestes und beim Aufwinden des unendlichen Heringsnetzes abgerungenen Speciesthaler nach England wandern, um selbst ein Schiff zu haben, das sie, kraft ihrer eigenen That, mit der Welt in Verbindung brächte. Sie sind stolz auf das alte Schiff! Es gehört ihnen, den armen Fischern. Sie sagen: „Es war ungefähr drei Jahre, nachdem der ,Prinz Gustav’ seine Fahrten begann!“ Die Zeit wurde wichtig und palpabel für sie, seitdem ein Etwas, das an Zeit gebunden war, an ihrer Küste verkehrte. Sie lieben das unzeitgemäß gewordene Fahrzeug, es ist ihr Sohn! Ueber dreihundert Mal hat es sich durch ihre Scheeren und Klippen, von Trondjem nach Hammerfest hinaufgewunden, hat an langen Sommertagen ohne Nacht das Rauschen seiner Ruder mit dem Murmeln der Brandung und dem Donner der Katarakte gemischt, an den himmelhohen Felswänden ihrer Fjorden wiederhallen lassen, in grauenhafter Winternacht ohne Tag bei Nordlichtschein und Brandungleuchten seinen Weg durch das Klippenchaos getappt. Ueber zwanzig Mal hat man nach ihm als einem Verlornen ausgeschaut, aber er ist wiedergekommen, er ist zur See wacker wie sie selbst, er ist ein lebender Theil ihrer gigantischen Welt – sie haben ihn lieb, den kleinen niederbordigen, unsaubern, breitbrustigen, qualmenden Gesellen!

Bei allem Respecte vor diesem berechtigten Empfinden der Nordländer war uns die Unzulänglichkeit der Einrichtung und des Raumes des Schiffes bei zehn Tagen böser See und Regen oft verteufelt unbequem geworden. Auf dem mit Segeltuch kaum mannshoch überspannten Vorderdecke drängte sich, von selbst an den ödesten Haltepunkten schaarenweis zuruderndey, hochschnabligen, schwanken Booten zu- und abgeführt, eine verdrossene, rauchende, tabakkauende, dunkle Masse, von Regen und Sturzseen triefend und frierend, um den von Seesalz weiß incrustirten Schornstein. Mühsam unterschied das Auge unter den Fallen und Fellen und Decken aller Art, ausgestreckt auf Kisten und Koffern in Form riesiger Schachteln, die breitschultrige, gewaltige Gestalt des Nordlandbauern neben den Gnomenfiguren der Pärchen von Seelappen, die, in buntbenähte Seehundsfelle, Mann und Weib gleich, gekleidet, Beide aus kurzen Pfeifen rauchend, eng zusammengedrängt stehend, [442] Beide mit gleich breiten Mäulern den Fremden angreinend, im Zweifel ließen, welches der Mann, welches das Weib sei. Dazwischen triefende, unsaubere Frauen, schreiende Kinder und rußige Maschinisten und fettige Köche und Ballen frischer Häute und getrocknete Fische und gedörrtes Fleisch, und über alledem, beim Uebersteuern jedes Fjordes, die Seekrankheit – es kam eine böse Atmosphäre unter dem Verdeckzelte hervor.

Wir waren aber auch in der Hinterdeckkajüte nicht auf Rosen gebettet. Der Salon, fünfzehn Fuß im Quadrat, niedrig, um kaum mit dem Hute darin zu stehen, kleine, trübe, mit Salz incrustirte Fenster, bei Hochsee mit Klappen geschlossen; der Schlafraum, zwölf Fuß im Geviert, mit sechszehn Kojen! Die meine hing lustig genug über den schrägen Fenstern des Sterns, ich sah, aus ihr den Kopf streckend, direct hinab in die kochende See. Wir waren vierzehn Passagiere langer Tour in den beiden Schubladen von Cabinen; oft kamen aber auch ab und an noch eben so viel Nordlandgestalten „in theer- und firnißduftenden Waterproof-Anzügen“ und gethranten Stiefeln, auf Nacht und Tag dazu. Da lagen dann Dielen und Sophas voll von Matratzen. Die Wäsche wurde Morgens bunt über Eck in eine Höhlung unter den Planken der Schlafcabine geworfen; Abends schlief der saubere englische Gentleman auf dem Tuch, in dem sich bis zum Morgen ein übelriechender Nordlandbauer gewälzt. Zwei Waschbecken hatten wir im Ganzen in der Cabine. Abends wurde geloost, in welcher Folge wir uns waschen durften. Puh! die Luft war auch hier furchtbar, wenn das Schiff kämpfte und die See an die dichtverrammelten Luken donnerte.

Das lag hinter uns! Die schräge Sonne lachte uns warm und behaglich an, die nur um Mitternacht ein Stündchen unter den Horizont tauchte. Unsere Flinten blitzten lustig unter die Schaaren tausendgestaltiger Seevögel, welche das Nahen des Schiffes aus dem bunten, weißumbrandeten Geklipp jagte, und ihr Knall kam leise wie Nixengelächter von den Wogen zurück. Die Mücken tanzten im Sonnenstrahl wie daheim, und die adlergroße, rothgeschnäbelte Weißmöve (Larus glaucus) und die schwarzgemantelte Heringsmöve (Larus fuscus) schossen hoch über der grau emporsteigenden Rauchsäule des Schiffes wie gewaltige blitzende Sterne durcheinander. Es war schönes Wetter. Heiterer Communismus machte die Reiseschätze der Gesellschaft gemein genießbar. Auf dem großen Tische unterm Zelt häufte sich ein bunter Berg deutscher, englischer, italienischer Literatur. Fernröhre, Distanzmesser glänzten da neben trefflichen Jagdgewehren und Angelgeräth; auf gewaltige, über die Planken des Decks gebreitete Karten streckte sich der junge Arthur Sykes lang auf dem Bauche, während seine Reisegefährten, Sir Victor B., ein junger reicher Edelmann, über den Natur und Glück alle ihre Gaben an Schönheit, Kraft und Reichthum ausgeschüttet, und Mr. Robert D., ein Jüngling wie eine Pantherkatze, turnend zum Entsetzen der Schiffsgesellschaft, mit einer Hand an einem Tau über der schäumenden See draußen hängend oder hoch im Spierenwerke sitzend, träumen. Auf „in Trondjem gekaufte“ , prächtige Polarbärenfelle ausgestreckt lag der liebenswürdige Amsterdamer Patrizier Herr ten Frate, den kostbaren Meerschaum schmauchend, immer behaglich heiter, nankinggekleidet in der Sonne; ich hatte mir eine Matratze auf den Radkasten geschleppt und ließ das Riesenpanorama der Nordwelt an mir vorüberwandern, oft vom Hofmeister der jungen Engländer, Mr. K, der alle Sprachen spricht und, auch unterm 65. Breitengrade in ledernen Gamaschen und Jägerhut auf dem Deck auf und abschreitend, dänische Vocabeln lernt, in barbarischem Deutsch auf Schönheiten aufmerksam gemacht.

Aber der Mittelpunkt des Lebens an unserm kleinen Bord ist eine zierliche Jolle, die hinten am Stern des Schiffes über der See hängt. Das kleine Boot ist ausgepolstert mit allem Weichen, was im Schiffe zu finden war. In ihm haust die einzige Dame, die wir am Schiffe haben. Es ist Miß Lytton’s Nest. Das junge, zierliche, muthige Mädchen, dessen wettergebräuntes, edles Gesichtchen so drollig gegen die weiße Hand absticht, auf die es den Kopf legt, indem es in einer dickleibigen Geschichte Norwegens liest, ist die Tochter des hohen englischen Geistlichen, der soeben das glänzend kahle Haupt entblößt, um sein Abendgebet zu sprechen. Er hat mit in den Norden gemußt, der arme, kleine magere Mann, weil die kühne Tochter das Eismeer sehen will!

Miß Lytton’s Nest, nicht auf grünen Zweigen, sondern von schwankem Schiff über brausenden Wellen gewiegt! Dahin wird jede Neuigkeit, wie jeder gefangene Fisch, jeder geschossene Vogel getragen! Um Miß Lytton’s Nest, in dem sie in Shawls und Mänteln weich begraben liegt, sitzt die Gesellschaft der Herren achtungsvoll plaudernd bei ihrem Toddy in heller Mitternacht. Wenn der schöne Vogel seine schwarzen Augen auf ihn richtet, turnt Sir Victor B. doppelt halsbrechend, singt Mr. D. doppelt falsch, erzählt unser prächtiger kleiner, breitschultriger Capitain mit doppelt jovialem Blinzeln seiner Falkenaugen unter dem schwarzlackirten Hute seine unglaublichsten Schnurren und Nordlandmären. „Das ewig Weibliche zieht uns hinan!“ Auch auf dem kleinen norwegischen Postdampfer auf dem rollenden Eismeer!

Es ist eine tiefernste, riesige Felsenkluft, der Ranenfjord, aus dem wir hinausdampfen. Das echte Klippenschloß von Aegir’s tückischem Weibe, der Meerkönigin Ran, mit ihren falschen, sinnberückenden Töchtern! Zehn Meilen tief im Zickzack scharf wie mit dem Beile in den Steinblock von Skandinavien gehauen, streckt er sich in’s Land. An seiner über 30,000 Fuß breiten Mündung halten rechts sieben himmelhohe, unersteigbare dunkle Felsspitzen wie sieben versteinerte Riesennonnen in schwarzen Mänteln und mit weißen Hauben, links, auf der Insel Donnaes-Oe, der dreizackig gekrönte Donnaesfjeld von rothem Granit, ein Fürst mit breit hinfließendem Purpur, die Wacht.

Dann fallen, eine halbe Tagereise lang, rechts und links fast ohne Kluft, ohne Seitenthal, fast ohne Spalt, dreitausend Fuß hohe schwarze Felswände in das dunkle luftklare Krystall der Fluth des Fjord. Wie mit weißen Marmoradern überspinnt sie netzförmig der auf langhingezogenen Vorsprüngen und in schmalen Rillen hingelagerte Schnee. Zwischen den schwarzen Felszacken quillt, blauer als der Himmel, das Eis der obenliegenden flachen Gletscher in weichen fast breiigen Formen hervor. Und von ihnen herab, zehnkirchthurmhoch, hängen die Schleier der Katarakte in’s Meer, stoßweis herabrollend, oder rasend, oder zerstiebend, oder nur in tausend Wasserfädchen über die unermeßlichen Wände herabrieselnd und doch die Chaosöde mit allen Lauten, vom leisen Plätschern bis zum sonoren Donner, unablässig füllend. Es ist ein erhabenes Bild ernster arktischer Felsennatur. Dennoch haben sich auf den Halden, die im Laufe der Jahrtausende von den ehernen Wänden herabgebröckelt sind, Hütten hier und da angesiedelt; selbst eine oder zwei Kirchlein, nach norwegischer Sitte einsam und von jeder Menschenwohnung entfernt, blinken weiß auf dem gigantischen dunkeln Hintergrunde.

Nur am Ende des Fjord, wo die brausende Ravenelf ein fruchtbares Delta von Moorland herabgeschwemmt, gegen Ost und Nord umhegt, liegt, wie eine Oase in Fels, Meer und Eis, mit Bäumen und Feld und Wiesengrün, die weithinleuchtende Kirche Mo.

Aber wenn die Kahlheit der überseeischen Welt uns drückte, da warteten wir auf die Augenblicke, wo die Ruderräder des Schiffs auf seinen zahllosen Haltpunkten die Spiegelfläche der Fjorden nicht trübten und es, regungslos mitten auf dem mächtigen Krystall ruhend, die herankommenden Boote erwartete. Dann hing aus Miß Lytton’s Nest der Kopf des schönen Vogels mit all unseren gebräunten Gesichtern über Bord. Was die schräge Sonne an Pflanzenpracht dem überseeischen Nordland versagt, das läßt die in den laulichen Gewässern des Golfstroms an diese Küsten übergeführte milde Sonnengluth des Busens von Mexico, als ein Spiegelbild des Pflanzenwuchses in den Tropen, auf dem Meeresgrunde sprießen. Das Wasser ist so klar wie Luft an diesen Felsenküsten; das Schiff schwimmt wie ein Aërostat im Aether, und die Sonne wirft seinen Schatten viele hundert Fuß tief auf den Meeresgrund. Und von diesem steigt es tausendgestaltig mit Wurzeln, Fäden, Stämmen und Ranken empor und breitet in der nie gestörten Ruhe dieses Krystalls Palmenkronen und Akaziengezweig und Lianenranken und dazwischen geheimnißvolle Netzwerke und unendlich lange knötchenreiche Fäden und langherabhängende grüne harte Schleier und faltige curiose Häute und tausendfingeriges Gezweig und Moosgefaser aus, ein Urwald, zehnmal höher als der höchste Palmenschaft. Und zwischen durch huschen breite blinkende Schollen und pfeilschnelle Delphine und schlängliche Seeaale und treiben athmend halbdurchsichtige purpurne und himmelblaue Quallen langsam dahin, und auf den Riesenblättern krabbeln Krabben und hängen Muscheln und langarmige Faserthiere – alles schweigend – Du hängst über der ungeahnten Märchenwelt, die Dich magisch umspinnt, thurmhoch über den Kronen des Urwaldes – da schlägt zehn Schritte vom Schiffe ein gewaltiger Seeadler nach einem Lachse in die Fluth – die Unterwelt verschwindet in den glänzend gekräuselten Wellen und [443] wir schauen dem Fürsten der Bucht nach, der, mit den langen Schwingen klatschend auf die Fluth schlagend, tausend Perlen aus dem Gefieder stiebend, sich mit dem zappelnden Fische zu dem Weibchen erhebt, das krächzend auf ruhig gebreiteten Flügeln im blaßblauen Himmel schwebt und, von der Nachtsonne roth angeglüht, mit ihm im dunkeln Geklüft verschwindet.

Wir dampfen aus dem Ranenfjord hinaus zwischen den großen, zackige schneebekrönte Felsspitzen in die Wolken hebenden Scheereninseln Tommenoe, Kobberoe und Alstenoe und den eigentlichen Scheeren hindurch. Die Scheerenwelt ist ein heitres Wunder in Südnorwegen, das Chaos im Nordland. Dort reihen sich Perlenschnuren, kühngezeichnete Inseln, von der Größe eines kleinen Fürstenthums an bis zum wenig Schritte im Umkreise haltenden Fels, am stolzen Gebirgsufer hin. Und jede der größeren Inseln gleicht einem herrlichen Park mit sammetigem Rasen und hohem unbeschreiblich grünem Forst und von den edelerhabenen Bergspitzen weiß herabschäumenden Bächen, freundlichen Häusern und malerisch gekleideten Insulanern, deren Tracht, besonders in der Gegend von Resendel am Hardangerfjord, durch Reiz der Farbe und der Form die Gegend lieblich heiter staffirt. Die kleineren Inseln und Klippen aber, bis weit hinaus in den Ocean, so weit das Auge reicht, decken, wenn sie die Fluth nicht überspült, mit zauberischem Farbenschmelz goldner Ginster und rothes Haidekraut und purpurne Steinnelken und dichte Polster von Veilchen, so daß die aus dem tiefblauen Meer aufschäumende Brandung ihren Gischt wie weiße Federn zwischen Blumensträußen aufsprüht.

Aber im Nordland sind die Scheereninseln dem Ufer zunächst kahle riesige Felsenbollwerke mit Schnee und kleinen Gletschern in den Rillen, und immer niederer und niederer, aber auch immer trostloser, zerspaltener, abgewaschener, durch immer breitere Wasserarme getrennt, baut sich von ihnen aus ein Netzwerk einsamer nur von Robben und Seegevögel bewohnter Klippen in das rollende Eismeer hinaus. Die letzten dieser unheimlichen Felsen heben sich, flach und blank gespült, nur wie riesige Fischrücken oder blanke Kuppeln aus den durcheinander kochenden Brandungen, ja jenseits der sichtbaren Riffe kündet oft mitten aus dem Meere haushoch aufsprühender Brandungsgischt, daß das Felsenchaos noch weit, weit hinaus tückisch unter dem Wasserspiegel hin seine schroffen Gebirge schiebe.

Durch den Traenfjord steuert das Schiff hinaus nach der hohen See. „Jetzt werden Sie das Eismeer in seiner ruhigen Majestät sehen!“ sagt der Capitain und deutet nach dem Ocean hinaus, dessen ruhige Spiegelfläche im Orangegelb der im Norden tiefniedergehenden Sonne zu glühen beginnt und doch von den kahlen Klippenreihen gewaltigen Brandungsdonner hereinsendet. Wie ein traumhaft neckisches Spiel der Phantasie verschwinden vor unsern Augen ganze Reihen Riffe, die vor einer Minute zehn und zwanzig Fuß aus dem Meere ragten, um in gleicher Weise nach gleicher Zeit wieder aufzutauchen. „Das große Eismeer athmet Ruhe,“ sagt Capitain Knapp unser Erstaunen sehend. „Was vielleicht hundert Meilen entfernt Sturmeswoge war, kommt hier als glatte, meilenlange, kolossale, aber sanfte Schwellung an. Da! da! jetzt werden Sie sie fühlen!“ Das Schiff bog aus den Felsen hinaus – zwischen denen ein Wasserberg von einer gigantischen Größe, wie ich nie eine Meereswoge sah, hereinrollte. Das Herz stand uns still, unwillkürlich griff jede Hand nach Bollwerk oder Tau – aber sanft, fast ohne das Schiff schwanken zu machen, hob es der Wasserkoloß empor. Es stieg und stieg – neigte sich dann leicht nach vorn und glitt wie von einem Gletscher in die Tiefe – und die Scheeren hinter uns hüllten sich in Brandungsgischt und Donner – unsere Nußschale aber trug, sanft gehoben und gesenkt, wie auf der Brust eines schlafenden Weltriesen, das gewaltige Eismeer mit seinen unermeßlichen Wellenrücken nach Norden.

Die Sonne lag tief, es war fast Mitternacht, wie ein blutrother Ball am Horizonte. In mattgoldenem Nebel verschmolz dieser mit dem Meere, das sich durch Wellenthal und Wellenkamm mit unermeßlichen dunkelblauen und goldenen Linien schattirte, über die, gerade auf uns zu, ein purpurner Strahl von der Sonnenscheibe über die Wogenkronen hinzitterte. Gegen das blasse Gold und den tiefen Purpur des großen Bildes hoben sich dunkel und drastisch, Geschütz-Qualmwolken gleich, die thurmhoch von unterseeischen Klippen aufsprühenden Schaumgarben der Brandung oder hier und da, wie zarte Dampfbüschel, leicht verwehend, die Blasestrahlen der Wallfische empor, die oft an uns vorüber den Häringszügen entgegenwanderten, häufig ganz in der Nähe des Schiffs ihre gigantischen Körper wie grünglänzende bemooste Klippen aus der Fluth reckten und in diesen Breiten oft zu zehn und zwölf zugleich ihre Dampfwolken über die unermeßliche Meeresfläche emporsprühten.

Geblendet schauten wir auf die ernste, große Scenerie der „Stirne der Erde“; da trat Capitain Knapp an uns heran: „Ich zeigte Ihnen auf Lekoe den 1000 Fuß langen Steinspieß des Riesenreiters, den er durch den Fels Torgattan hindurch nach der Asajungfrau, die ihn verschmähte, warf. Dort sitzt er selbst, seine Schuld zu sühnen, als Wächter des Polarkreises, den wir eben passiren.“ Wir wandten uns um, und weit draußen im Meere hielt, von der purpurnen Brandung umgürtet, einsam in der Fluth des Eismeeres, 2000 Fuß hoch, die Felsengestalt eines riesigen Reiters! Der Mantel, mit Schnee bedeckt, fällt vom Haupte in gigantischen Falten über die Croupe des Pferdes, das den Kopf in stolzer Ruhe angezogen hält. Der Reiter aber richtet das Haupt, das ein Doppelantlitz trägt, hoch empor. Ernst blickt er mit dem einen hinaus auf das feindliche Meer, mit dem andern freundlich nach der Küste des geliebten Nordlands.

Das erschütternd gespenstische, riesengroße Bild ragte wie aus glühendem Eisen gegossen, und dahinter malte die Mitternachtsonne auf einem fernhinziehenden Regenschauer ein Stück Regenbogen, von dem nur der Purpurstreif sichtbar war. In tiefem Violett schimmerten im Ost die meilenlangen Schneebränen (Gletscher) von Meloe Fjerding und die Zackenkronen des Oxfind.

„Grad über das Haupt des Gespenstes geht der Polarkreis,“ sagte Knapp. „Sehen Sie, die Sonne steigt wieder, es ist Mitternacht vorüber.“

Schweigend hingen unsere jungen Engländer in dem leise wankenden Spierenwerk des Schiffes, lag der schöne Vogel in seinem Nest, schweigend blickten wir in das schnell seine tiefen Purpurtöne wieder mit goldenen Lichtern durchwebende Mitternachtsonnenbild hinaus.


[480] Druckfehlerberichtigung. In die in Nr. 28 veröffentlichte Skizze „Der Polarkreis“ haben sich nachstehende Druckfehler eingeschlichen:
Seite 441, 1. Spalte, Zeile 15 v. unten lese man Fogderie anstatt Fogdorin.

Seite 442, 1. Spalte, Zeile 6 v. oben lese man Uebersteuern anstatt Ueberstauen.

Seite 442, 1. Spalte, Zeile 25 v. unten lese man in Trondjem gekaufte anstatt „de Drontheim getaufte“.

Seite 442, 2. Spalte, Zeile 34 v. unten lese man Ravenelf anstatt Polarelf.

Seite 443, 1. Spalte, Zeile 1 v. oben lese man Bucht anstatt Luft.

Seite 443, 2. Spalte, Zeile 28 v. oben lese man Torgattan anstatt Lorgallen.

Seite 443, 2. Spalte, Zeile 23 v. unten lese man Oxfind anstatt Oxfjord.


  1. Als Probe aus dem Mitte August im Verlage der „Gartenlaube“ erscheinenden „Volkskalender von Berthold Auerbach für 1865“, der auch diesmal von dem geistvollen Griffel Paul Thumann’s mit vielen trefflichen Illustrationen geschmückt wird und, außer der hier veröffentlichten Skizze, den nachstehenden reichen Inhalt hat: Zunächst ein vollständigen Kalendarium, mit Monatsbildern von W. v. Kaulbach, sodann: Der gefangene Gevatter. Eine humoristische Erzählung von Berth. Auerbach. Mit Illustrationen von Paul Thumann. – Der hundertjährige Krieg gegen die Todesstrafe. Von F. v. Holtzendorff, Professor an der Universität Berlin. – Die Rheingrenze. Eine patriotische Erzählung von Moritz Hartmann. Mit Illustrationen von Paul Thumann. – Im Dampfwagen. Humoristische Erzählung von Friedr. Gerstäcker. Die Verlobung auf dem Rigi, oder wie man durch Strumpfstopfen einen Mann bekommt. Von Berth. Auerbach. Mit Illustrationen von Paul Thumann. - Naturleben im Winter. Von Berthold Sigismund. – Die schleswig holsteinische Frage und der Nord-Ostsee-Canal. Von Wilh. Wackernagel, Mitredacteur der Nationalzeitung in Berlin. – Der Silbergraue. Eine Erzählung von Franz W. Ziegler, Verfasser des „Nondum“. – Wie sollen wir unser städtisches Wohnhaus bauen? Von Alfred Woltmann.