Ein ostpreußischer Steuerverweigerer

Textdaten
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Autor: J. A. D.
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Titel: Ein ostpreußischer Steuerverweigerer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 144
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[144] Ein ostpreußischer Steuerverweigerer. Das im preußischen Abgeordnetenhause genehmigte Consolidations-Gesetz des Finanzministers Camphausen hat auch bei unseren Ostpreußen einstweilen die Furcht vor Branntwein-, Petroleum- und Tabakssteuer beseitigt, und damit ist gleichzeitig die Aussicht auf Steuerverweigerung und Steuerverweigerer geschwunden. Der in den Zeitungen früher so häufig erwähnte Rittergutsbesitzer und Mitredacteur des in Litthauen erscheinenden „Bürger- und Bauernfreundes“, Reitenbach zu Plicken bei Gumbinnen, darf somit bis jetzt als der letzte, aber doch nicht als der einzige Steuerverweigerer Ostpreußens angesehen werden.

In dem südöstlichen Theile Ostpreußens liegt an dem romantischen Ufer des größten Binnensees der Provinz, dem Spirdingsee, das Städtchen Rhein. Zu den Bürgern desselben gehörte vor wenigen Jahren auch der hier ansässige Schiffsrheder H., ein Mann, der seinen Mitbürgern der zu jeder Zeit an ihm wahrgenommenen heitern Laune und des unverwüstlichen Humors halber lange noch im Gedächtniß bleiben wird. In den ersten fünfziger Jahren war H. als Besitzer des bei Rhein gelegenen Gutes J. dem Bankerott nahe. Glücklicherweise fand sich noch zu rechter Zeit ein Käufer, bei welchem Kaufgeschäft dem Verkäufer eine freilich nicht sehr bedeutende Summe übrig blieb.

Mit diesem Gelde beschloß H. auf dem Spirdingsgewässer und den nach dem Spirding führenden, vom Staate angelegten Canälen, welche die Städte Angerburg, Lotzen, Rhein, Nikolaiken und Johannisburg durch eine Wasserstraße verbinden, eine bis dahin hier mangelnde Dampfschifffahrt einzurichten. Da indeß das beim Verkaufe der Besitzung erübrigte Geld hierzu lange nicht ausreichte, wandte sich H. an die königliche Regierung zu Gumbinnen und bat um einen Vorschuß von achttausend Thalern. Er rechnete umsomehr auf die Erfüllung seiner Bitten als es ihm bekannt war, daß die Regierung schon seit einiger Zeit dem Projecte der Dampfschifffahrt auf den genannten Gewässern ein lebhaftes Interesse zugewandt hatte.

Leider hatte man indeß den Unternehmer in Gumbinnen als einen eifrigen Demokraten denuncirt, welcher bereits im Jahre 1848 hartnäckig die Steuern verweigert hatte. Demzufolge erhielt H. von dem damaligen Regierungspräsidenten v. Byhrn einen abschlägigen Bescheid, welcher gleichzeitig die Bemerkung enthielt, daß H. als Steuerverweigerer nie auf eine Staatshülfe rechnen dürfe. Mit diesem Bescheide begnügte sich H. jedoch nicht, sondern traf sofort Anstalt, um nach Berlin zu reisen und dem Minister v. d. Heydt sein Anliegen vorzutragen. Doch auch dem Minister war die politische Gesinnung des Bittstellers schon bekannt geworden, und in einem nicht viel versprechenden Tone äußerte derselbe während der Audienz: „Es bleibt mir unbegreiflich, wie Sie, mein Lieber, es wagen können, als Steuerverweigerer um eine Unterstützung zu bitten.“

„Excellenz!“ erwiderte H. unbetroffen, „allerdings habe ich Steuern verweigert, bin indeß fest überzeugt, Sie hätten es in meiner Lage ebenso gemacht.“

„Herr!“ rief ihm der Minister etwas barsch zu, „wie meinen Sie das? –“

„Excellenz!“ entgegnete H. ruhig und gefaßt, „wenn man keinen Heller in der Tasche hat, so bleibt wohl nichts Anderes übrig, als Steuern zu verweigern.“

Aus dem Gesichte des Ministers entschwand nach dieser Antwort die strenge Amtsmiene, Se. Excellenz konnten sich kaum des Lachens enthalten, und das Resultat der Audienz war die Bewilligung der erbetenen Unterstützung von achttausend Thalern, in Folge dessen sehr bald darauf das Dampfschiff „Masovia“ das Spirdingsgewässer durchkreuzte. –

Nicht lange darauf besuchte König Friedrich Wilhelm der Vierte die Provinz Ostpreußen, bei welcher Gelegenheit derselbe auf der Reise von Rhein nach Johannisburg das Dampfschiff „Masovia“ zur Fahrt über den Spirding benutzte. H. befand sich als Eigenthümer des Schiffes während der Fahrt unter der Begleitung des Königs und hatte das Vergnügen, Sr. Majestät vorgestellt zu werden. Der König richtete unter Anderm an den Schiffseigenthümer auch die Frage, in welcher Art sich die Dampfschifffahrt auf dem Spirdingsee rentire.

„Halten zu Gnaden, Ew. Majestät,“ erwiderte H., „leider nicht in der erwünschten Weise. Mein eifrigstes Bestreben, mich des mir von der Regierung Ew. Majestät erzeigten Wohlwollens würdig zu zeigen und die mir verliehene Unterstützung zurückzuzahlen, ist mir bis jetzt nicht gelungen.“

Der König wandte sich nach dieser Antwort gegen den ihm zur Seite stehenden Oberpräsidenten der Provinz Preußen, v. Eichmann, und bemerkte unter sarkastischem Lächeln: „Eine fatale Sache für den Staat, wenn man Steuern verweigert und Vorschüsse zurückzuzahlen nicht im Stande ist.“

Wie man später hörte, soll die erhaltene Unterstützungssumme als ein königliches Geschenk an H. überwiesen worden sein; ein Beweis, daß der königliche Herr auch gegen Steuerverweigerer Nachsicht zu üben wußte.

J. A. D.