Ein neuer Weg, alte Schulden einzucassiren

Textdaten
Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Ein neuer Weg, alte Schulden einzucassiren
Untertitel: Nordamerikanisches Charakterbild
aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft. Band 7, 1870, S. 641–651
Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: A. H. Payne
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
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Quelle: MDZ München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[641]
Ein neuer Weg, alte Schulden einzucassiren.
Nordamerikanisches Charakterbild von Friedrich Gerstäcker.

Boonville, im westlichen Tenessee, war eines jener kleinen, auf Speculation gebauten, oder besser gesagt, beabsichtigten Städtchen, von denen man sich in späterer Zeit einen großen Erfolg versprach. Dort ließen sich dann vor der Hand einige Leute nieder und man legte, oft noch mitten im Wald, eine weitgedehnte Stadt – allerdings nur auf dem Papier und durch angehauene Bäume – an, in der man aber trotzdem schon sorgfältig die Plätze für Rathhaus, Postoffice, Museum, Theater und was sonst noch, verzeichnete. Allerdings war vom Staat projectirt worden, gerade hindurch eine Eisenbahn zu legen, und dann hatte man die Aussicht, daß eine andere, nach Memphis führende, sie an der nämlichen Stelle kreuzen würde. Aber das Project zerschlug sich – man fand für die Eisenbahn eine besser gelegene Route, und jetzt wollte Niemand mehr anbeißen, um auf einem abgelegenen Punkt Baustellen für einen Preis zu kaufen, für den man dicht daneben halbe Sectionen bekommen konnte.

Das erste Haus in einer solchen neuen oder beabsichtigten Stadt ist natürlich jedesmal eine sogenannte grocery, d. h. ein Platz, wo man Alles bekommt, was man in so abgelegener Gegend nöthig hat, von Medicinen bis Nadel und Zwirn, wie Nägel, Werkzeuge, Gewürze etc etc, besonders aber auch Whiskey, der nicht fehlen darf. Im fernen Westen bezahlen dabei die Käufer fast nur in Naturalien, in Vieh, entweder in Hirschhäuten und Pelzen, oder auch in Mais, Eiern und Hühnern – hier in Tenessee dagegen, das dort schon zum Osten gerechnet wird, da es östlich vom Mississippi liegt, gab es, weil hier schon viel Baumwolle gezogen wurde, meist baar Geld, und die kleinen Händler in belebten Plätzen hatten einen nicht unbedeutenden Umsatz.

In Boonville betrieb ein Yankee das Geschäft und war zugleich mit ein Hauptunternehmer der ganzen Stadt, aber auch viel zu klug, um sich lange an einen Ort zu bannen, dem für die nächsten Jahre der Lebensnerv durch die Verlegung der Eisenbahn abgeschnitten worden. Es konnte vielleicht später noch einmal etwas daraus werden und das angekaufte Land lief ihm ja nicht fort; augenblicklich aber ließ sich mit etwas baar Geld an anderen Orten mehr verdienen und er beschloß deshalb einfach auszuverkaufen, oder doch wenigstens vor allen Dingen die ausstehenden Schulden einzuziehen – aber das hatte seine Schwierigkeiten.

Nicht daß es gerade an Geld fehlte, denn besondere Ereignisse [642] waren nicht vorgefallen; aber die Amerikaner sind mit ihrem Geldbeutel genau so zäh wie andere Leute – ja vielleicht noch ein klein wenig zäher, und drücken sich so lange herum, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen, wie nur irgend möglich.

Der Yankee, der Slocum hieß, hatte sich, da ihm die Zeit anfing zu lange zu dauern, einen jungen Mann genommen, der seine Rechnungen austragen und das Geld eincassiren sollte; aber dieser brachte kaum so viel nach Hause, als er täglich für seinen eigenen Unterhalt, wie den seines Pferdes zahlen mußte, und Slocum entließ ihn wieder als völlig unbrauchbar. Genau so ging es einem Zweiten, und Slocum saß heute, sein rechtes Knie mit beiden Händen gefaßt, finster brütend auf seinem Ladentisch und überlegte sich eben, ob er nicht vielleicht am besten thäte, die ganze Summe, die etwa sechshundert Dollars betragen mochte, im Stich zu lassen, als hier noch länger seine Zeit zu versäumen. Da hielt ein Reiter vor seinem Hause, sprang aus dem Sattel, warf den Zaum seines Thieres über ein dort zu dem Zweck angebrachtes, sogenanntes Reck und trat dann ohne Weiteres in den Laden.

Es war eine der Gestalten, wie sie sich zu Hunderten im Westen herumtreiben, ein richtiger Backwoodsman, nur ohne Büchse und Kugeltasche, in einem blauen Frack aus selbstgewebtem, wollenem, grobem Landstoff, den man dort Jeanes nennt, „pfeffer- und salzfarbenen“ ähnlichen Hosen, groben Schuhen, keiner Weste, weißem, vorn offenem Hemd und einem alten, zerdrückten Filzhut auf dem lockigen, braunen Haar – aber mit einem gutmüthigen Gesicht und klaren blauen Augen, sonst auch, wie es schien, vollkommen guter Laune, denn er grüßte den Yankeehändler freundlich mit einem gemüthlichen: „How do you do, old fellow?“ (Wie geht’s, alter Bursch?)

Slocum sah ihn etwas überrascht von der Seite an, denn er vermuthete im ersten Augenblick einen alten Bekannten; das Gesicht war ihm aber vollkommen fremd, und ohne seine Stellung auch nur im Geringsten zu verändern, nickte er ihm nur ruhig zu und erwiederte:

How do you do, Fremder?“

„Dank Euch – mittelmäßig – irgend noch ein Schnaps im Haus?“

„Denke so“, sagte der Händler, indem er sein rechtes Bein losließ und beide dann so herumschwenkte, daß er hinter den Ladentisch zu stehen kam. – „Was wollt Ihr? Whiskey oder Brandy?“ frug er dann, sich halb nach dem Käufer umdrehend.

„Hm“, sagte der Fremde, „sehe mehr auf Quantität als auf Qualität – denke mir, daß Brandy einen ganzen Haufen theurer ist als Whiskey und Einer brennt so gut wie der Andere“

„Knapp an Geld, wie?“ meinte Slocum, indem er die Whiskeyflasche aus einem der Gefache nahm und mit einem Glas auf den Ladentisch stellte, „da – helft Euch selber!“

„Dank’ Euch – ja – Geld ist knapp in dieser Zeit!“ sagte der Fremde, schenkte sich dabei ein Glas halb voll und leerte es auf einen Zug, griff dann in die Tasche und frug:

[643]What is the dammage?“ (Wie viel Schaden hab’ ich gethan?)

„Zehn Cents – wo kommt Ihr her?“

„Von Nashville.“

„Und wohin?“

„Der Teufel weiß es – hatte Lust, wieder nach Arkansas zu gehen, wo ich zu Hause bin, müßte aber erst eine ordentliche Büchse und Kugeltasche haben. – Doch, was ich Euch fragen wollte – kauft Ihr keinen Revolver? Sollt ihn billig haben. Die Feder ist gesprungen und muß erst wieder gemacht werden, schießt aber sonst auf den Knopf!“

Der Yankee betrachtete sich den Revolver, den ihm Jener entgegenhielt, steckte aber zu gleicher Zeit beide Hände in die Taschen und sagte kopfschüttelnd:

„Denke nicht – die Dinger können wir hier nicht gebrauchen und baar Geld ist schmählich rar.“

„Hm“, brummte der Fremde, indem er den Revolver in die Tasche zurückschob, „dachte nur etwa so – will ihn kein Mensch haben. – Und Arbeit hier auch nicht zu bekommen?“

Der Yankee schüttelte mit dem Kopf. „Wir haben hier selber nichts zu thun“, meinte er trocken, „wenn Ihr uns darin Gesellschaft leisten wollt?“

„Leben theuer hier?“ frug der Mann.

„Whiskey zehn Cents – Brandy zwanzig.“

Damn it“, brummte der Fremde zwischen den Zähnen durch, indem er seine zehn Cents für den Whiskey auf den Tisch warf – „das sind schlechte Aussichten und ich säße demnach so ziemlich auf dem Trocknen. – Was zum Henker treibt Ihr eigentlich hier? – Von den zehn Häusern, die hier gebaut sind, stehen sechs vollständig leer und in den anderen sieht man ebenfalls keinen Menschen. Etwa Cholera?“

Der Händler, der ihn eine Weile schweigend betrachtet hatte, schüttelte langsam mit dem Kopf. „Sehr gesundes Klima“, sagte er endlich, „und wunderhübsche Lage, aber – wißt Ihr was, Fremder? Ich – hätte vielleicht eine Beschäftigung für Euch, wenn wir die Gefahr dabei theilen wollten.“

„Gefahr?“ lachte der junge Bursche verächtlich, „wer macht sich was aus Gefahr – aber was ist’s? Bären giebt’s doch hier nicht in der Nachbarschaft.“

„Angebundene“, sagte der Händler trocken; „so ist’s aber auch nicht gemeint – Lebensgefahr wäre nicht dabei – nur wegen dem Geld.“

„Das wäre das Wenigste“, lachte der Fremde, „denn dabei kann ich nichts riskiren – ich habe keins mehr; wenigstens kaum noch einen Dollar in der Tasche.“

„Aber Ihr habt ein ziemlich gutes Pferd, auf dem Ihr umherreiten könnt, und für Nachtquartier werdet Ihr nichts zu zahlen brauchen.“

„Den Henker auch“, rief der Fremde, „fünfzig Cents ist das Wenigste, was sie Einem abfordern.“

„Ich könnte Euch vielleicht einen Vorschlag machen“, sagte der [644] Yankee, ohne den Einwurf zu beachten, „kommt, trinkt noch ein Glas mit mir – es spricht sich besser, und dann wollen wir sehen, ob wir die Sache nicht zusammenbringen.“

Der junge Fremde hatte nichts dagegen, die Gläser wurden geleert und der Yankeehändler wischte sich den Mund, schien aber noch unentschlossen und sah sich den jungen Mann bedeutend von der Seite an.

„Gefall’ ich Euch?“ sagte dieser endlich lachend.

„Hm“, meinte der Yankee, „Ihr habt ein ehrliches Gesicht. – Wo stammt Ihr her?“

„Aus Illinois“, sagte der junge Mann. „Vater siedelte aber schon vor zehn Jahren nach Peoryville, Arkansas, über.“

„Euer Name?“

„Jack Brown.“

„Jack Brown? – Von welchem Ort in Illinois?“

„Von Elmwood – Vater richtete dort in der Nachbarschaft Mühlen ein, bekam das Leben aber satt und zog nach dem Westen. Ich war damals noch jung.“

„Segne meine Seele“, sagte der Yankee kopfschüttelnd, „ich kenne Euren Vater Jack – ich habe einmal acht Tage krank in seinem Hause gelegen, als ich mit einem Uhrenhandel durch das Land zog. Gebt mir Eure Hand, Jack – Euer Vater hat mich damals wie ein Bruder gepflegt, und wenn ich Euch in etwas nützen kann, soll’s mit Freuden geschehen.“

„Das ist wunderbar“, sagte Jack Brown, „und ich dank’ Euch vielmals für das Anerbieten – aber Almosen nehme ich nicht und wenn ich mir mein Brod nicht verdienen kann, ei, dann hungere ich auch einmal ein paar Tage und hol’s nachher wieder nach. Aber Ihr hattet mir ja einen Vorschlag zu machen?“

„Ja, Jack“, sagte der Yankee, rasch darauf eingehend, „wenn Ihr des alten Jack braver Sohn seid, gewiß – aber – ich muß Euch von vornherein bemerken, es wird nicht viel dabei herauskommen. Die Sache ist nämlich einfach so: Mit dem Nest hier ist’s nichts; seit sie die Eisenbahn – wie sie das sehr häufig thun – durch die möglichst ungeschickte Strecke gelegt haben, ist keine Aussicht mehr auf einen Verkehr hier durch und wir sitzen da ungefähr so, wie auf einer wüsten Insel. Ich selber möchte ebenfalls fort – einen Ranzen hab’ ich, auf den ich meine Siebensachen packen kann, und ein Platz zum Geldverdienen findet sich überall. Die Sache ist nur die, daß mir noch eine Menge Leute hier in der Nachbarschaft Geld schuldig sind und nicht bezahlen wollen, und das möchte ich doch vorher noch zusammenbringen.“

„Und weigern sie sich denn zu zahlen?“ frug Jack.

„Sie weigern sich gerade nicht, aber sie ziehen die Sache hinaus.“

„Vielleicht haben sie nichts.“

„Bah, es sind keine großen Summen, und so viel hat ein Jeder baar liegen, aber da nichts Schriftliches darüber ausgestellt ist, denken [645] vielleicht Viele, sie kämen noch so drum herum, oder wollen auch das Geld nur nicht gleich hergeben.“

„Und was soll ich dabei thun?“

„Das will ich Euch sagen, Jack – Ihr sollt es für mich einkassiren und für Eure Arbeit; da ich das Meiste überhaupt schon aufgegeben habe, fünfundzwanzig Procent bekommen; seid Ihr das zufrieden?“

„Hm“, sagte der junge Bursch, „wenn die Leute wirklich zahlten, wär’ das ein brillantes Geschäft, aber wenn sie nun nicht zahlen? Fünfundzwanzig Procent von gar nichts ist verflucht wenig.“

„Da habt Ihr Recht, Jack“, lachte der Händler, „aber versuchen könnt Ihr’s doch einmal, und auf ein paar Tage wird’s Euch nicht ankommen. Ihr liefert dabei Euer Pferd und ich die Kost – wie ist’s?“

„Bah, kommt eben auf einen Versuch an – aber ich weiß eigentlich gar nicht einmal, wie ich die Geschichte anzufangen habe.“

„Dann kommt nur mit herein zu meiner Alten – gegessen habt Ihr doch noch nichts und nachher setz’ ich Euch Alles auseinander und mache Euch auch mit der Lage der verschiedenen Plätze bekannt. Die Anderen, die ich dafür engagirt hatte, waren Schlafmützen. Ihr werdet schon besser mit den Leuten fertig werden, Jack.“

Dabei blieb es vor der Hand; Jack wurde an dem Tag von den beiden Eheleuten in die Geheimnisse der Buchführung und Rechnungsausziehung richtig eingeweiht, mit den Verhältnissen und dem Charakter der Hauptschuldner genau bekannt gemacht, und zog am nächsten Morgen in aller Frühe aus, um seine etwas beschwerliche und, wie es sich bald zeigen sollte, undankbare Rundreise anzutreten. Er blieb auch wirklich zwei Tage aus, kam wenigstens erst am zweiten Tag ziemlich spät und todtmüde zurück, und schien eben nicht bei besonderer Laune zu sein.

„Nun, Jack, wie ist es?“ rief ihm der Händler entgegen, „gute Geschäfte gemacht?“

Damn it!“ knurrte Jack in den Bart, „wenn ich auch nur einen Cent baar Geld gesehen habe – aber beantwortet mir zwei Fragen, Mr. Slocum, und nachher wollen wir sehen, was sich thun läßt, denn ich kenne jetzt die range.“ (range heißt im Westen gewöhnlich der District, die Umgegend, auch die Weide.)

„Und das wäre?“

„Sind Euch die Leute das Geld wirklich und gesetzlich für erhaltene Waaren schuldig?“

„Das sind sie in der That.“

„Und Ihr wollt überhaupt keinen Laden mehr in der Nachbarschaft halten?“

„Nein – denke nicht daran – aber weshalb fragt Ihr das?“

„’S ist eine verfluchte Geschichte“, sagte Jack, sich den Kopf kratzend, „und wenn Ihr die Gesellschaft nun verklagtet?“

„Bah, geht nicht, Jack“, sagte der Händler, „ja, wenn ich was Schriftliches von ihnen hätte, eine „Note“, dann ließ sich die Sache leicht machen und ich würde sie schon lange beim Ohr gekriegt haben. So [646] aber ist’s nichts, und wenn sie mich nicht gutwillig bezahlen, muß ich das Geld richtig im Stich lassen, bis ich einmal später hier wieder vorspreche.“

„Und wo sind Die nachher!“ sagte Jack.

„Ja, das ist freilich wahr“, seufzte der Händler, „aber was läßt sich machen?“

„Na“, meinte Jack, der sich jetzt selber anfing für die Sache zu interessiren, „gebt mir nur bis morgen früh Zeit, daß ich einmal ordentlich darüber nachdenken kann – nachher findet sich vielleicht was – Never say die ist ein altes gutes Sprüchwort, und wenn ich’s angefangen habe, führ’ ich es auch vielleicht durch.“

Damit war das Gespräch für heute abgebrochen, als aber Slocum am nächsten Morgen aufstand und mit Jack noch einmal Rücksprache nehmen wollte, war dieser schon mit Tagesanbruch auf und fort und ließ sich auch an dem ganzen und selbst am nächsten Tag nicht wieder sehen.

Jack war an der Arbeit und hatte es sich diesmal so eingerichtet, daß er den am entferntesten wohnenden Schuldner zuerst aufsuchte, um solcher Art auf dem Rückweg nach Boonville die verschiedenen Schulden einzukassiren – denn dazu war er diesmal fest entschlossen.

Das erste Haus also, das er aufsuchte, gehörte einem dort wohnenden und ebenfalls von Illinois herübergesiedelten Franzosen, der eine ziemlich große Farm hatte und sich auch in vortrefflichen Umständen befand. Dieser schuldete an Slocum fünfundsechzig Dollars, hatte Jack aber schon vorgestern erklärt, daß er keinen Cent im Hause habe. Allerdings erbot er sich augenblicklich, seine Note – so gut wie ein Wechsel – für die ganze Summe auszustellen; Jack war aber darüber schon von Slocum unterrichtet worden, Notes über fünfzig Dollars nicht anzunehmen, da diese einen regelrechten Proceß erforderten, der viermal den Betrag der Summe kosten konnte. Notes unter fünfzig Dollars konnten aber bei jedem Friedensrichter eingeklagt werden, und zwei Notes, die eine zu dreißig, die andere zu fünfunddreißig, weigerte sich Mr. Girardin, wie der Bursche hieß, zu geben, denn derartige Sachen wurden vor dem Richter rasch erledigt.

Wie der Franzose den Mahner von vorgestern wieder sah, zogen sich seine Brauen finster zusammen und er sagte in seinem gebrochenen Englisch:

Eh bien, monsieur, und was verschafft mir die Honneur, Sie so bald wieder zu sehen?“

„Oh nichts, Mr. Girardin“, sagte Jack unbefangen, indem er abstieg, sein Pferd anhing und dann ohne Weiteres in das Haus trat.

„Bitte, Monsieur“, sagte der alte Franzose etwas gereizt, da Jack ohne Weiteres in das Wohnzimmer treten wollte. „Hier wohne ick – da drüben wohnt ma femme, verstanden?“

Da Jack „Ma femme“ gar nicht kannte und gar nicht wußte, wer es war, hatte er nicht das geringste Interesse, darnach zu suchen. Ihm [647] lag daran, den alten Geizhals unter vier Augen zu sprechen, und das erreichte er jetzt vollkommen.

„Und was wünschen Sie?“ frag ihn Girardin, als Jack ziemlich unbefangen die Thür hinter sich zudrückte, die von Slocum schon quittirte Rechnung aus der Tasche nahm und sie auf den Tisch breitete – Girardin erkannte sie auf den ersten Blick – „habe ich Ihnen nicht vorgestern schon gesagt, daß ich jetzt kein Geld habe und Monsieur Slocum später bezahlen werde?“

„Ja, Meister“, nickte Jack sehr bereitwillig mit dem Kopf, „das haben Sie allerdings, aber die Sache ist nur die, daß Mr. Slocum das Geld braucht und ich gar nicht daran denke, noch einmal eine solche wilde Gänsejagd durchzumachen wie neulich, und von allen Leuten das Nämliche zu hören. Wollen Sie mich jetzt bezahlen oder nicht?“

„Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich kein Geld habe!“ rief der Franzose ärgerlich.

„Sehr schön“, sagte Jack, indem er jetzt in die Tasche griff und seinen Revolver vorzog, bei dessen Anblick der Franzose doch einen Schritt zurück that.

Jack ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen – „ich frage Sie jetzt, Mister Girardin“, sagte er mit ruhiger Stimme, aber sein Blick bohrte sich dabei fest in den kleinen Mann, „ob Sie die Rechnung bezahlen wollen oder nicht. Mr. Slocum muß das Geld haben und ich will verdammt sein, wenn ich mich länger zum Narren halten lasse. Da – die Uhr dort wird gleich schlagen – sie hat schon ausgehoben – wenn beim letzten Schlag das Geld nicht hier auf dem Tisch liegt, so will ich elend verderben, wenn ich nicht – Sie verstehen mich, denk’ ich, also rasch!“ – Und damit hob er ihm den Revolver gegen die Stirn.

„Aber, Monsieur!“ schrie der Franzose, jetzt wirklich erschreckt – „Sie wollen mich zwingen, meine Rechnung zu bezahlen, mit der Pistole in der Hand?“

„Getroffen, alter Bursche!“ lachte der junge Backwoodsman trotzig, „das will ich allerdings, und mehr noch als Das, ich drücke dies Ding hier auf Jeden ab, der sich weigert Das herauszurücken, was er schuldig ist. Ich verlange nicht mehr, aber bei jedem Cent, was hier auf dem Papier steht. Habt Ihr mich verstanden?“

„Ich werde meine Leute rufen!“ rief Girardin, halb in Wuth, halb in Angst.

„Zu spät!“ rief der junge Bursch und sein Auge blitzte. Wieder hob sich der Revolver und nahm seine drohende Richtung, „da fängt die Uhr an zu schlagen – wenn Ihr nicht im Augenblick –“

Der Franzose griff zitternd in die Tasche und nahm sein Taschenbuch heraus. Was half es ihm, wenn sie den jungen tollen Menschen nachher einfingen und aufhingen, sobald er ihn vorher todtgeschossen hatte – und der seltsame Kassirer sah aus, als ob er dessen fähig wäre. Er zählte das Geld auf den Tisch, das aber Jack mißtrauisch betrachtete, denn es circulirten damals sehr viel falsche Banknoten. Dieses [648] kannte er aber genau – es war gutes Tenesseepapier, und den Revolver noch immer schußfertig in der Hand, nahm er mit der Linken das Geld, schob dann den Revolver ruhig wieder in die Tasche und sagte, dem Franzosen die Quittung hinreichend:

„So, Freund – das Geschäft wäre, dächte ich, zu beiderseitiger Zufriedenheit abgemacht, wie die Advocaten sagen. Ihr hättet es freilich bequemer haben und mir ebenfalls viel Mühe ersparen können – also wenn Ihr wieder etwas braucht, so seid so gut und fragt bei Mr. Slocum vor!“

„Verdammt will ich sein, wenn ich je wieder einen Fuß über dessen Schwelle setze!“ rief der Franzose wüthend, „und wir, lieber Freund, sprechen uns wieder vor Gericht. Ich will doch einmal sehen, ob das hier in Tenessee Sitte ist, den Leuten das Geld mit dem Revolver in der Hand abzufordern!“

„Er ist gar nicht geladen, Nachbar“, lachte Jack, indem er die Waffe wieder aus der Tasche holte – „geht auch nicht los, denn die Feder ist gebrochen und schnappt nicht einmal – da – wollt Ihr ihn selber versuchen?“

„Geht zum Teufel!“ schrie Girardin, und Jack verließ lachend das Haus, schwang sich draußen in den Sattel und trabte, den Yankee doodle pfeifend, die Straße hinab, seinem nächsten Ziel entgegen.

Dieses war das Haus einer Wittwe, einer Mrs. Witherspoon, von der man sagte, daß sie schon vier Männer unter die Erde gebracht, ja, die letzten sogar vergiftet haben sollte, obgleich sich das hier in diesen wenig besiedelten Districten und ohne tüchtige Aerzte schwer beweisen ließ. Sie hielt selber einen kleinen Laden und schuldete Slocum etwa vierzig Dollars, hatte aber bei dem neulichen Besuch Jack’s weder Geld herauszahlen, noch sich dazu verstehen wollen, eine Note für den Betrag zu geben, außerdem war sie so grob geworden, daß sie dem jungen Burschen drohte, sie würde die Hunde auf ihn hetzen, wenn er nicht augenblicklich mache, daß er fortkomme.

Jack ritt ganz unbefangen heute wieder vor, sprang aus dem Sattel, hing sein Pferd an und betrat den Laden, wo ihn die alte und sehr resolute Dame so erstaunt über die Unverschämtheit betrachtete, daß sie gar nicht gleich zu Worte kommen konnte. Jack aber ließ ihr auch keine Zeit dazu und mit der größten Freundlichkeit sagte er:

„O, Mrs. Witherspoon – ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen – freue mich ungemein, Sie so bald wieder zu sehen.“

„Ihr habt mir etwas Wichtiges mitzutheilen?“ sagte die alte Dame, indem sich in ihre überdies nicht hübschen Züge ein verächtlicher Ausdruck legte, und ihn durch die große, messinggefaßte Brille mit den kleinen grauen Augen tückisch ansehend, rief sie: „wäre neugierig, das zu hören. Was ist es? – Macht’s kurz; ich habe weder Zeit noch Lust, mich lange mit Euch abzugeben. So viel rath’ ich Euch aber, fangt Ihr noch einmal mit dem Gelde an, so hetz’ ich die Hunde auf Euch.“

„Sehr gütig“, lachte Jack, dadurch nicht im Mindesten eingeschüchtert, [649] „aber hören Sie nur zu. Ich bin eben auf meiner zweiten Rundreise, Mr. Slocum will auswandern und hat mich mit einem Antheil an seinen ausstehenden Schulden bedacht.“

„Und was geht das mich an?“ frag die Alte trotzig.

„Das will ich Ihnen sagen, Madame“, erwiederte Jack, indem er in die Tasche griff, den Revolver herausnahm und so auf den Ladentisch legte, daß die Mündung direct gegen sie zeigte, „ich bin nämlich fest entschlossen, das Geld oder die Note heute zu holen und – ich versichere Sie, ich kriege es auch, denn verdammt will ich sein, wenn ich mich länger an der Nase herumführen lasse.“

Mrs. Witherspoon war todtenbleich geworden, wie sie die Waffe sah.

„Wollt Ihr eine alleinstehende Frau umbringen?“ rief sie, indem sie der Mündung der Waffe scheu auswich, „einen Mord begehen?“

„Es wäre der erste nicht“, sagte Jack mit der größten Kaltblütigkeit. „Ich frage Sie also, haben Sie das Geld bei der Hand, oder –“ Er legte unbefangen die Hand auf den Revolver und schob ihn so, daß er sich wieder auf die alte Dame richtete.

„Hülfe!“ wollte die Alte schreien, aber sie kam nicht dazu, denn im Nu hatte Jack die Waffe aufgegriffen und mit einem furchtbaren Blick auf sie gerichtet.

„Mrs. Witherspoon“, sagte er dabei mit tiefer Grabesstimme, „zwingen Sie mich nicht schon wieder zu einem Mord – aus Mitleid für mich, denn ich bin noch jung – aber ich weiß, wo Ihr Geld liegt – ich verlange nicht mehr als den Betrag der Rechnung – ich bin kein Räuber, doch was Sie schuldig sind, das müssen Sie jetzt herausgeben, oder bei dem höllischen Beelzebub da unten –“

„So nehmen Sie doch nur die schreckliche Pistole fort“, stöhnte die Alte und hob abwehrend die Hände vor.

„Wollen Sie mich jetzt, in diesem Augenblick bezahlen? Hier ist die quittirte Rechnung.“

„– – Ja –“, hauchte die Frau in Todesangst, „aber ich muß das Geld erst holen.“ Und damit wandte sie sich der Seitenstube zu. Jack aber wußte recht gut, daß sie dort augenblicklich die Thür zuwerfen und um Hülfe schreien würde. Mit einem Sprung über den Ladentisch setzend, sagte er freundlich:

„Ich gehe mit Ihnen, Mrs. Witherspoon – möchte Ihnen gern so wenig als möglich Unbequemlichkeit bereiten – so – sehen Sie, das war ja ganz rasch und prächtig in Ordnung gebracht und ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Nur noch eine Bitte hätte ich an Sie: halten Sie ihre beiden großen, wunderhübschen Hunde zurück, denn wie mich auch nur einer von ihnen anknurrt, schieße ich ihm sofort eine Kugel durch den Leib. – So – wünsche Ihnen einen recht angenehmen Morgen!“ – Und ruhig schritt er hinaus, machte sein Pferd los, stieg in den Sattel und trabte lustig von dannen.

[650] Slocum indessen, dessen Geschäfte hier draußen Jack in so eigenthümlicher Weise arrangirte, konnte sich nicht denken, was aus dem jungen Burschen geworden sei, denn zwei volle Tage waren jetzt schon vergangen. Hatte er die Hoffnung aufgegeben, hier noch etwas einzukassiren und sich einer andern Gegend zugewandt?

Die Sonne tauchte schon wieder hinter die Wipfel der Bäume, Slocum stand, beide Hände in den Taschen und sah nachdenklich auf die Straße hinaus, als plötzlich Jack Brown sehr vergnügt auf seinem Fuchs angetrabt kam und vor dem Haus aus dem Sattel sprang.

„Segne meine Seele, Jack!“ rief Slocum, „wo habt Ihr die ganze Zeit gesteckt?“

„Bst“, sagte Jack mit einem pfiffigen Augenzwinkern, indem er an Slocum vorbei in den Laden schritt, dort am Ladentisch stehen blieb und sein dickes Taschenbuch, das er der Sicherheit wegen mit einem Bindfaden umwunden hatte, aus der Tasche zog; „wie viel machte die ganze Summe?“

„Für meine Rechnungen?“ rief Slocum erstaunt.

„Gewiß. Wie viel war’s im Ganzen?“

„562 Dollars 15 Cents.“

„Hm – stimmt!“ sagte Jack, indem er sein Taschenbuch aufknüpfte und dann eine ganze Menge Banknoten auf den Tisch schüttete, „hier sind also 498 Dollars baar Geld –“

„Aber Jack!“ rief Slocum in vollem Erstaunen aus, „woher habt Ihr das viele Geld?“

„Nun, für Eure Rechnungen, versteht sich – also 498 Dollars baar und 43 Dollars in kleinen Noten – die Leute hatten wirklich kein baar Geld im Haus, sonst hätt’ ich’s gekriegt. Fehlen nur 19 Dollars, aber Bucks, der Euch 11 Dollars schuldig ist – hier habt Ihr seine Rechnung – ist gestern erst nach dem Norden gezogen, und Hussels war nach Memphis gegangen und nicht zu Hause, was ihm 8 Dollars eingebracht hat.“

„Ja, aber Jack!“ rief Slocum, der sich von seinem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte – „wie in aller Welt habt Ihr denn die Leute nur zum Zahlen gebracht? Ich hätte es nie für möglich gehalten.“

Jack lächelte, zog seinen alten Revolver aus der Tasche und legte ihn neben das Geld auf den Ladentisch.

Das war mein Kassirer“, sagte er, „und ein Glück, daß Ihr mir ihn neulich nicht für fünf Dollars abkauftet, denn er hat mir jetzt bedeutend mehr eingebracht.“

Slocum wollte sich ausschütten vor Lachen, daß Jack seine Rechnungen mit dem Revolver einkassirt – aber seine Geschäfte waren dadurch auch in dieser Nachbarschaft vollkommen erledigt, da er die paar Notes oder Wechsel zu den geringen Beträgen überall mit einem kleinen Verlust verkaufen konnte.

Einige der also „Geprellten“, wie sie meinten, hatten nun allerdings nicht übel Lust, Jack für „Gelderpressung“ zu verklagen, aber die [651] Geschichte mit ihrem wahren Thatbestand war rasch genug in der ganzen Nachbarschaft bekannt geworden und der Advocat, an den sie sich wandten, schien selber keine Lust zu haben, sich lächerlich zu machen. Jack hatte nur das Geld genommen, was die Leute schuldeten – nicht einen Cent mehr, der Revolver war ebenfalls, wie nachgewiesen werden konnte, gefahrlos gewesen und der Advocat wußte recht gut, daß in diesem noch wilden Landstrich keine nur denkbare Jury, kein einziger Geschworener selbst, über Jack das „Schuldig“ ausgesprochen hätte.

Jack aber zog drei Tage später mit einer guten Büchse und Kugeltasche und außerdem noch mit achtzig Dollars baar Geld in der Tasche – den Revolver hatte er Slocum zum Andenken gelassen – gen Westen und über den Mississippi hinüber nach Arkansas.