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Titel: Ein muthiger deutscher Reisender
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 146–147
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Anlässlich einer Bucherscheinung schildert der Autor die Audienz Nachtigals bei Sultan Ali, Herrscher von Wadai.
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[146] Ein muthiger deutscher Reisender. Die eben veröffentlichten „Erinnerungen an Gustav Nachtigal“ von Dorothea Berlin (Berlin, Gebrüder Paetel) geben uns ein Lebensbild des wackeren Mannes, großentheils nach seinen eigenen Aufzeichnungen und Mittheilungen: wir lernen den wissenschaftlichen Forscher zugleich als einen Berichterstatter von unverwüstlichem Humor kennen, der die afrikanischen Zustände mit feinster Laune zu schildern weiß.

Eine seiner kühnsten Thaten wird uns durch das Werk wieder in die Erinnerung zurückgerufen: es ist ein Besuch in Wadai im Jahre 1873. Eine Reise nach diesem Staate wurde damals für absolut lebensgefährlich gehalten: waren doch zwei deutsche Reisende, v. Beurmann und Vogel, dort die Opfer ihrer muthigen Unternehmung geworden; der erste war schon an der Grenze des Landes, der letztere in der Hauptstadt selbst erschlagen worden. Nach ihnen hatte nur G. Rohlfs 1866 den Versuch machen wollen, Wadai kennen zu lernen; er hatte deshalb ein Schreiben an den Sultan gerichtet; doch dieser hatte ihm erklärt, er könne und wolle ihn nicht beschützen. Trotz solcher wenig ermuthigenden Erfahrungen seiner Vorgänger wagte Nachtigal die Reise dorthin, ohne sich vorher bei dem Sultan anzumelden. Nur einen Empfehlungsbrief des Scheichs Omar von Bornu trug er bei sich und reiste in Begleitung eines gewöhnlichen Kaufmanns bis in das Herz des Landes.

In einer gewissen Entfernung von Abeschr, der Hauptstadt, wurde Halt gemacht und zu dem Sultan ein Bote geschickt, der ihm die Ankunft Nachtigal’s melden sollte und seine Absicht, ihn zu besuchen. Der Sultan gab hierauf keine Antwort, sondern schickte erst längere Zeit nachher einen Abgesandten mit dem Verlangen an Nachtigal, demselben seine Waffen und Pferde auszuliefern. Dieser antwortete: seine Waffen pflege er niemals abzulegen und ein Pferd habe er dem Sultan wohl zum Geschenk mitgebracht, wünsche ihm aber dasselbe persönlich zu übergeben. Als hierauf nichts Weiteres von Seiten des Sultans erfolgte, setzte Nachtigal [147] seinen Weg bis in die Hauptstadt fort und nahm daselbst Wohnung bei seinem Gastfreunde, dem Kaufmann, der ihn bis dahin geleitet hatte. Nach einigen Tagen schickte der Sultan eines Morgens um drei Uhr einen Sklaven mit dem Befehl, Nachtigal solle sofort mit seiner vortrefflichen Flinte, von welcher er gehört habe, zu ihm kommen, um auf seinem Hofe Proben von der Güte dieser Waffe abzulegen. Nachtigal ließ erwiedern, der Sultan habe ja selbst Schützen genug; er sei gekommen, um ihn und sein Land kennen zu lernen, nicht um ihm etwas vorzuschießen. Nach mehreren Tagen ließ ihn der Sultan direkt zur Audienz abholen. Der Gastfreund und der Diener nahmen traurig von ihm Abschied; denn alle hielten seine sofortige Hinrichtung für gewiß. Im Palast wurde Nachtigal in eine Art von Vorraum geführt, der von dem eigentlichen Audienzzimmer durch einen bis auf den Boden hängenden Teppich getrennt war. Unter demselben mußten diejenigen, an welche die Reihe kam, vor dem Sultan zu erscheinen, auf allen Vieren hindurchrutschen. In diesem Raume fand er eine Menge Bittsteller versammelt und setzte sich zu ihnen. Kaum hatte er sich aber niedergelassen, so erhoben sich diese sämmtlich und hockten auf der gegenüberliegenden Seite nieder: ein Zeichen, daß sie ihn als einen dem Tode Verfallenen ansahen, mit welchem in nähere Berührung zu kommen auch ihnen verhängnißvoll werden konnte. Nachtigal glaubte in der That ernstlich, seine letzte Stunde sei gekommen, und machte sich fertig, mit Anstand zu sterben; denn nichts gilt in diesen Ländern für verächtlicher, als sich im letzten Augenblicke feige zu benehmen. Mit diesen Gefühlen kroch er unter dem Vorhang durch und betrachtete dann verstohlen das Antlitz des Gefürchteten, in dem er weniger Grausamkeit als Strenge und einen hohen Grad von Intelligenz zu bemerken glaubte. Das gab ihm einen Funken von Hoffnung, und nachdem er, auf den Knieen liegend, den Kopf tief auf die Erde geneigt, unter Zusammenschlagen der Hände die vorschriftsmäßige Begrüßungsformel gemurmelt, wartete er die Anrede des Sultans Ali nicht ab, sondern nahm allen seinen Muth zusammen, sah ihm ins Gesicht und rief: „In meinem Lande kniet man nur vor Gott, nicht vor Menschen.“ Zu seinem Erstaunen brach Ali nicht in Zorn aus, sondern antwortete: „So stehe auf und setze Dich zu mir.“

Von diesem Augenblicke an hatte er gewonnenes Spiel. Nur einmal grollte der Donner noch. Der König fragte ihn, woher er komme. Nachtigal überbrachte ihm voller Freude die Grüße Scheich Omar’s und wollte sein Empfehlungsschreiben hervorziehen; der Sultan aber winkte ihm entschieden mit der Hand ab: „Laß den Brief nur stecken; was wird weiter darin stehen, als daß ich Dich nicht umbringen soll? Ich allein bin Herr in meinem Lande, und wenn ich Dich nicht tödte, so thue ich es, weil ich nicht will, nicht aber weil Scheich Omar darum bittet.“

Nach dieser Audienz stand Nachtigal unter des Sultans Schutz; ja, er gewann in solchem Maße das Vertrauen desselben, daß er es wagen durfte, nach Vogel’s nachgelassenen Papieren zu fragen; der Sultan wurde roth unter seiner schwarzen Haut; denn er fühlte, daß Nachtigal ihm nicht glaubte, als er versicherte, davon nichts zu wissen; Vogel sei zu Zeiten seines Vaters gestorben.

Unter dem Schutze Ali’s durfte der Reisende nicht bloß in Abeschr verweilen, sondern auch weite Reisen im Lande machen; er wurde von ihm mit Rath und That unterstützt und erhielt von ihm sogar ein werthvolles Empfehlungsschreiben an den Sultan von Dar For.

Es war eine muthige That von Nachtigal, daß er sich in die Höhle des Löwen wagte; so ist er der erste Erforscher des Landes Wadai gewesen. Die deutsche Reichsregierung hatte wahrlich keinen Fehlgriff gethan, als sie den entschlossenen Mann in ihre Dienste nahm. Leider wurde er durch einen allzu frühen Tod (1885) dem Vaterlande entrissen. Auf Kap Palmas stand bis vor kurzem sein palmenumrauschtes Grab. Am 17. Dezember vorigen Jahres sind die Ueberreste des großen Reisenden in einen Zinksarg gelegt und nach Kamerun übergeführt worden, wo sie in nächster Nähe des dort bereits errichteteten Denkmals ihre Stätte finden werden.
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