Textdaten
<<< >>>
Autor: Carl Julius Cranz
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein moderner Feuerreiter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 395–398
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[291]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Ein moderner Feuerreiter.

Jahrzehnte sind bereits vergangen, seit ich zum ersten Male mit der Sitte oder dem Aberglauben des Feuerumreitens bekannt wurde. Es geschah nicht am Büchertisch, sondern in einer ernsten Stunde im Angesicht eines in Flammen aufgehenden Bauerngehöftes. Wir jungen Bursche arbeiteten an der Spritze; denn von einer Berufsfeuerwehr war damals auf dem Lande noch keine Rede und auch die freiwillige lag noch sehr im Argen. Ein naher Teich lieferte uns genug Wasser, aber je mehr wir davon ins Feuer sprinten , desto höher schlugen die Flammen aus dem Wohnhause empor, das wir durchaus retten wollten. Da kam aus weiterer Nachbarschaft Herr v. S., ein alter Rittmeister a. D., auf seinem prachtvollen Schimmel herangesprengt und übernahm das Kommando. Er befahl uns, das Spritzen auf das brennende Wohnhaus einzustellen und es aus einen bedrohten Stall zu richten, dessen Dach wir naß halten sollten. Wir waren im stillen mit diesem Kommando nicht einverstanden, aber wir mußten gehorchen.

Da geschah ein Wunder. Der alte Rittmeister ritt um die Brandstätte - viele Bauern versicherten hoch und theuer, er habe es dreimal gethan - und siehe da, wir bemerkten, daß die Flammen in sich zusammensanken und daß durch die Verminderung der Gluth auch die Nachbargebäude weniger bedroht wurden. Denn erst stellte sich der Rittmeister neben dem Schlauchführer auf und ließ bald hier, bald dort in den Feuerherd Wasser geben, worauf er bald des Brandes Herr wurde.

Das Landvolk meiner Heimath hängt noch etwas am Aberglaube, damals war es noch abergläubischer als jetzt; die allen Leute meinten, vieles zu wissen , was man in der Schule nicht lernt. Es dauerte auch nicht lange und der Rittmeister stand im Rufe des „Feuerreiters“ und behielt ihn, obwohl der Pfarrer gegen diesen Unfug eiferte.

Jahre vergingen; der graue Rittmeister wurde zur großen Armee abberufen, aber der Teufel hat ihn gewiß nicht geholt, er ruht still in geweihter Erde. Ich ging in die weite Welt hinaus und lernte jetzt wieder den Feuerreiter kennen - diesmal aus Büchern. Zunächst erinnerte mich an das Ereigniß in den Jugendjahren das schöne Gedicht van Mörike (vergl. „Gartenlaube“ 1888, S. 89), dann habe ich eine Reihe grundgelehrter Abhandlungen über alle möglichen Arten des Feuerbeschwörens und auch über die des Feuerumreitens gelesen. Es waren da alle möglichen natürlichen Erklärungen gegeben, aber auf meinen leibhaftigen Feuerreiter paßten sie alle nicht, so daß ich mich schließlich zu der Annahme gezwungen sah , es werde wohl ein Zufall gewesen, sein, daß die Flammen gerade in jenem Augenblick zusammensanken, als, der alte Rittmeister um das Haus ritt.

Und wieder vergingen Jahre, da brachte mich der Zufall in eine nähere, wenn auch oberflächliche Berührung mit dem Lösch- und Rettungswesen, er spielte mir ein paar Werke darüber in die Hand, er führte mich mit ein paar Fachmännern zusammen, und so kam es, daß ich endlich meinen räthselhaften Feuerretter in einer ganz natürlichen Weise zu erklären vermochte.

Ich war wie viele, wie unzählige andere der festen Meinung gewesen, daß Feuer und Wasser zwei feindliche Elemente seien, zwei geschworene Feinde, die sich stets und unter allen Umständen bekämpfen. Das Wasser erschien mir als das ausgezeichnetste Löschmittel, das niemals schaden könne und das Feuer stets dämpfen müsse. Es war dies ein Irrthum, den ich leicht selbst hätte berichtigen können; denn ich kannte doch eine Reihe von Thatsachen, die mich eines anderen hätten belehren sollen. Ich hatte ja oft in der Dorfschmiede gesehen, daß die Kohlengluth, wenn der Schmied sie mäßig mit Wasser besprengte, um so besser brannte, und ich konnte mir auch den Vorgang erklären. Durch die Kohlengluth wurde das Wasser in seine beiden Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff, zersetzt, und ich wußte, daß der Sauerstost die eigentliche "Feuerluft" ist, ohne die kein Verbrennen möglich ist, und daß der Wasserstoff ein brennbares Gas ist, welches die stärkste Gluth zu erzeugen vermag. Der Schmied konnte aber das Feuer auslöschen, wenn er soviel Wasser darauf, goß, daß die vorhandene Gluth im Verhältnis nicht mehr stark genug war, jenen Zersetzungsprozeß im Wasser hervorzurufen.

Dieser Vorgang, der sich in der Dorfschmiede im kleinen abspielt, kann bei Feuersbrünsten im großen beobachtet werden. Sind die Flammen besonders mächtig geworden, so genügen oft die verfügbaren Wassermengen nicht, um den Brand zu löschen; im Gegentheil, das Wasser wird zum Theil, indem es mit glühenden Kohlenbecken in Berührung kommt, in seine Bestandtheile zersetzt und erhöht die Gluth.

Schon vor längerer Zeit schrieb ein Mann , der sich viel mit dem Löschwesen beschäftigte: „Hat eine Feuersbrunst schon einen so großen Umfang erreicht, daß es nicht möglich ist, dieselbe mit reichlichem Wasser zu versorgen, so bleibe man mit dem Spritzenwasser aus dem Feuer, sonst wird es zur furchtbaren Amme, die ihren Zögling mit Riesenkräften ausstattet, woran alle physischen Anstrengungen, die Gewalt zu besiegen, fruchtlos scheitern. Hierin liegt der alleinige Grund, daß alljährlich so viele kleine Städte von 300 bis 500 Häusern in Asche verwandelt werben, wenn unter obwaltenden Umständen, die das Feuer begünstigen, dasselbe sich plötzlich mehrt und die geringe Zahl der Wasserspritzen am Orte sodann ganz außer dem Verhältnisse zu der Größe des Feuers steht, um es hinreichend mit Wasser versorgen zu können. Da nun auch noch die Leute, die beim Löschen wirken, von der zwar unrichtigen, aber nichts destoweniger festen Ansicht ausgehen, daß das Wasser in jeder Beziehung und auf jede Weise zum Feuer verwendet, ein Feind desselben sei, der es zerstören und vernichten könne, so spritzen sie fortwährend in die Gluth hinein, bis endlich die letzten Häuser des Ortes flammend zusammen. stürzen und ihrer ebenso angst- als mühevollen Unwissenheit dadurch eine Grenze gesetzt wird. Das ist der Hauptgrund, daß dergleichen keine Städte oft in wenigen Stunden ein Raub der Flammen werden; weil das Feuer durch das unzeitige Wassergeben in eine unbegrenzte Wirkung übergeht, wie dies sonnenklar vor uns liegt.“

Die Vervollkommnung der Löschgeräthe, die militärische Organisation und bessere Ausbildung der Feuerwehren haben heute viele von diesen Uebelständen beseitigt. Die Löschtaktik ist eine andere geworden, und während man früher nur die Nachbarschaft zu retten vermochte, gilt es jetzt, das brennende Gebäude selbst so viel als möglich zu erhalten.

Doch der Zweck dieser Zeilen ist nur der, zu erklären, wie ein Aberglaube in sonderbaren Ereignissen seine Nahrung finden kann. Versetzen wir uns in längst vergangene Jahrhunderte, in die Kindheit des Löschwesens!

Wie oft mußte man damals, wenn der Holzbau in Brand stand und die Retter, mit aller Aufopferung der Hitze Trotz bietend, mit unzulänglichen Mitteln geringfügige Wassermengen in das Flammenmeer schleuderten, die trübe Erfahrung machen, daß die Flammen nicht gelöscht wurden, sondern aus dem feindlichen Elemente selbst neue Nahrung sogen! Die Unzulänglichkeit der Wasserzufuhr hat ja in jenen Zeiten eine besondere Löschtaktik ausgebildet, die darin bestand, daß man der Verbreitung des Feuers durch Zerstörung der Nachbarschaft und Schaffung eines freien Platzes um die Brandstelle Einhalt zu gebieten suchte. Darum bestand auch damals für alle Zimmerleute, Holzhauer etc. die Verpflichtung, mit ihren Aexten zum Feuer zu eilen.

Da man aber dem zu hoher Kraft entfachten Brande waffenlos gegenüber stand, indem Wasser, mit welchem man sonst kleinere Feuer auslöschen konnte, nicht half, so wurden die Geister, die den Grund dieser Erscheinung nicht kannten, verwirrt: man gerieth auf den Wahn, daß in diesem Feuer übernatürliche Kräfte walten , zu deren Beschwörung es abermals übernatürlicher Kräfte, der Zaubermittel bedürfe.

Das Wasser wurde erst dann zum wirklichen Feinde des Feuers bei großen Bränden, als die Feuerspritze mit dem Windkessel und dem Schlauch versorgt und eine bessere Löschtaktik eingeführt wurde, und so schwand der Aberglaube nicht allein unter dem Einfluß der Aufklärung, sondern auch im Angesicht der Riesenfortschritte der Technik, welche die menschliche Hand mit neuen Waffen ausstattete.

Wenn ich aber zu meinem modernen Feuerreiter zurückkehre, so weiß ich jetzt, daß er in der That den Flammen Einhalt gethan hat, indem er uns davon abhielt, sie anzufachen. Wo aber das Wissen fehlt, um einen Vorgang aufzuklären, da stellt sich leicht der Aberglaube ein, und so lebte auch damals in meiner Heimath noch einmal die Sage vom Feuerreiter auf, als der alte Rittmeister auf seinem Schimmel um das Feuer geritten war.

*