Ein moderner Blaubart vor den Geschworenen

Textdaten
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Autor: Hugo Friedländer
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Titel: Ein moderner Blaubart vor den Geschworenen
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aus: Kulturhistorische Kriminal-Prozesse der letzten vierzig Jahre, Band 1, S. 66–69
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1908
Verlag: Continent
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
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Ein moderner Blaubart vor den Geschworenen.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wohnte im Norden Berlins ein „Wunderdoktor“, namens Hermann Schechtel. Ehemals gehörte er der ehrsamen Gelbgießerzunft an. Sein Gewerbe hatte er aber längst an den Nagel gehängt, als ihm ein junges Mädchen aus sehr anständiger Berliner Bürgerfamilie die Hand zum Ehebunde reichte. Schechtel annoncierte, er kuriere Menschen und Vieh nach eigener, sicherer Methode. „Alle Leidenden ohne Unterschied, die von den Aerzten aufgegeben sind, finden sichere Hilfe bei Schechtel. Dieselben Erfolge erziele ich bei krankem Vieh.“ Diese Ankündigungen verschafften dem Mann eine Praxis, um die ihn mancher Arzt beneiden konnte. Schechtel hätte in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Vermögen erwerben können, so groß war der Zulauf von Leidenden aller Art, wenn er nicht dem Laster des Morphinismus in arger Weise gefrönt hätte. Seine Gattin, die ihm vier Kinder geschenkt hatte, machte ihm ob seiner schrecklichen Leidenschaft die heftigsten Vorwürfe, es war aber alles vergeblich.

Eines Tages erkrankte Frau Schechtel. Sie bekam heftiges Erbrechen. Ein Arzt wurde selbstverständlich nicht hinzugezogen, denn der Gatte war ja selbst „Arzt“ und verstand bedeutend mehr als die größten medizinischen Autoritäten. Allein in diesem Falle versagte die Kunst des Wunderdoktors Schechtel. Das Erbrechen wurde immer heftiger und nach wenigen Tagen war Frau Schechtel verschieden.

Die Verwandten der Frau hegten Zweifel ob der Todesursache, zumal in der Behausung des Schechtel allerlei Gifte vorhanden waren, auch ließen die Krankheitssymptome der Verstorbenen auf Vergiftung schließen. Es kam hinzu, daß Schechtel trotz aller Bitten seiner Frau keinen Arzt hinzugezogen hatte. Die Verwandten erfuhren außerdem, daß Schechtel zu einer Zeit, als seine Frau sich noch bester Gesundheit erfreute, Abonnent der Berliner Heiratszeitung war.

Und in der Tat, nach kaum zwei Monaten war Schechtel von neuem verheiratet. Als die Verwandten seiner ersten Frau dies hörten, gaben sie ihrem Argwohn in einer Weise Ausdruck, daß es Schechtel in Berlin nicht mehr geheuer schien. Er zog mit seiner jungen Frau nach Stargard in Pommern. Auch hier hatte Schechtel sehr bald einen zahlreichen Patientenkreis. Es dauerte aber nicht lange, da erkrankte auch die zweite Frau Schechtels an heftigem Erbrechen. Sie verlangte ebenfalls vergeblich nach einem Arzt. Nach etwa vierzehn Tagen starb die Frau.

Als die Verwandten der ersten Frau die Todesnachricht erhielten, erstatteten sie Anzeige. Die Behörde stellte fest, daß die zweite Frau unter genau denselben Krankheitserscheinungen gestorben war, wie die erste, und daß Schechtel, als seine zweite Frau noch vollständig gesund war, sich wiederum mit dem Verlag der Berliner Heiratszeitung wegen Vermittlung einer Ehe mit einer dritten Frau in Verbindung gesetzt hatte. Die Stargarder Staatsanwaltschaft ordnete sofort die Ausgrabung und Sezierung der Leichen beider verstorbenen Frauen an. Es ergab sich, daß beide Frauen an Arsenikvergiftung gestorben waren. Der Berliner Gerichtsarzt Medizinalrat Dr. Long und der Berliner Gerichtschemiker Dr. Carl Bischoff bekundeten übereinstimmend: Schechtel habe beide Frauen geradezu mit Arsenik gefüttert. Im Magen und in den Eingeweiden habe sich soviel Arsenik gefunden, daß sie notwendig daran sterben mußten.

Schechtel wurde daraufhin sogleich verhaftet. Er hatte sich Anfang Mai 1887 vor dem Stargarder Schwurgericht wegen Ermordung seiner beiden Ehefrauen zu verantworten. Ergreifend war es, als seine Kinder aus erster Ehe – die zweite Ehe war kinderlos – als Belastungszeugen gegen den Vater auftraten. Die Kinder schilderten mit tränenerstickter Stimme, wie ihre liebe Mutter den Vater angefleht habe, einen Arzt zu Rate zu ziehen, sie wolle doch noch nicht sterben, da sie so sehr an ihren herzigen Kindern hänge. Auch sie seien vor dem Vater auf die Knie gesunken und hätten ihn himmelhoch gebeten, doch ihre herzensgute Mutter nicht sterben zu lassen und einen Arzt zu holen. Der Vater sei aber hart geblieben. Die Mutter habe kurz vor ihrem Verscheiden geschrien: es erscheine ihr alles ganz rot vor den Augen. – Schechtel stellte mit großer Entschiedenheit in Abrede, seine beiden Frauen vergiftet zu haben. Die Geschworenen erlangten jedoch die volle Ueberzeugung von seiner Schuld und verurteilten ihn zum Tode.