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Ein fürstlicher Goldmacher und Geisterseher

Textdaten
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Titel: Ein fürstlicher Goldmacher und Geisterseher
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 765-767
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein fürstlicher Goldmacher und Geisterseher.


Wer die Landkarte von Deutschland sich gründlich in’s Gedächtniß prägen will, hat auch heutzutage noch ein gut Theil Geduld nöthig und ein tüchtig Stück Arbeit zu bewältigen, denn wie erst vorm Jahre die Gartenlaube an’s Licht gestellt hat, hocken gerade mitten im allerschönsten und deutschesten Deutschland die schwarzweißen, weißgrünen, rothweißen, grünschwarzgelben, ja selbst schwarzrothgoldenen und anderen zwei- und dreifarbigen Grenzpfähle so dicht aufeinander, daß es wohl geschehen mag, daß etwa ein Jäger in Sachsen-Gotha sich auf den Anstand postirt und allda sein Gewehr losdrückt, durch Weimar und Meiningen durchschießt, in Kurhessen oder Preußen den unglücklichen Lampe niederstreckt und etliche Schrotkörner noch über Schwarzburg-Sondershausen oder Schwarzburg-Rudolstadt verstreut.

Doch was will dies heitere Bunt gegen die reiche Mannigfaltigkeit bedeuten, als wir nicht blos mit dreißig und einigen allerhöchsten, höchsten und hohen Landesvätern beglückt waren, sondern uns deren mehr denn eines Vierteltausends erfreuen durften und jedem lokalen deutschen Unterthan die glückliche Chance winkte, dreihundertfacher Commissions- oder Commercienrath zu werden, - welche Perspective! - Dazumal war es auch, wo die Fürsten ihre Ländchen sammt Völkerschaften wohl unter ihre meist zahlreiche Nachkommenschaft zu theilen pflegten, um diese von vornherein gegen alle etwaigen mittelstaatlichen Gernegroßgelüste gebührend zu wahren. Eine solche Theilung seines Reiches ordnete bei seinem Ableben auch Herzog Ernst, der Fromme genannt, von Sachsen-Gotha an. Er hatte sieben Söhne, und so entstanden aus dem alten Stammfürstenthume sieben verschiedene neue Herzogthümer: Gotha-Altenburg, Coburg, Meiningen, Römhild, Hildburghausen, Saalfeld und Eisenberg. Das letztere fiel dem Prinzen Christian zu, der mit seinem Bruder Heinrich in Römshild die Auszeichnung theilte, der erste und zugleich der einzige Monarch eines neugeschaffenen Herzogthums zu sein.

Noch vor einem Jahrzehnt lag das Eisenberger Ländchen mit seiner Hauptstadt gleichen Namens zwar wie heute in einem allerliebsten grünen Winkel unweit der aus den Waldbergen des sächsischen Voigtlandes herabfließenden weißen Elster, aber doch in einem Winkel, welchen die großen Straßen der Menschen draußen nicht berührten und die Strömung von Leben und Cultur nur in ihren letzten matten Wellenringen streifte. Jetzt braust die Locomotioe wenigstens auf Stundenweite heran, wenn auch vorbei und nur auf einer kurzen Zweigbahn des großen Thüringer Schienenweges, jener Zweigbahn, die, mustergültig durch ihre Geschwindigkeitsleistungen und Rastfristen, von Weißenfels über Zeitz nach Gera im Reußenstaate führt und somit Thüringen und Osterland verbindet.

Dies Eisenberg also, das beiläufig kein unfreundliches Oertlein ist mit manchem behäbigen Hause und reichgewürzter Lohgerberatmosphäre, erkor sich unser Herzog Christian zum Sitze seines neugestifteten Reichs, und da er ein kunstliebender Mann war und seinen Geschmack auf Reisen in Frankreich und Welschland gebildet hatte, so erbaute er sich alsbald auf einem Hügel ganz nahe bei der Stadt ein stattliches Residenzschloß im italienischen Stile, das noch heute steht und mit seinen wohlgepflegten Gärten die Hauptzierde der Umgegend bildet - wenn man dafür nicht lieber das weitberühmte, räumige Schützenhaus gelten lassen will mit seinem vielbesuchten sommerlichen Vogelschießen und seinen kühlen Bierkellern.

Herzog Christian, sorgfältig erzogen wie seine sechs Brüder auch, war ein Mann von trefflichem Herzen und von den besten Absichten für Völkchen und Land beseelt. Mit Ernst nahm er sich der Regierungsgeschäfte an, wohnte regelmäßig den Sitzungen seiner geheimen Hofkanzlei und seiner Kammer bei, in denen er meist eigenhändig das Protokoll der Verhandlungen führte, und regelte seine eigenen Ausgaben und die seines Gefolges mit lobenswerther und geschickter Sparsamkeit. Außerdem war er ein großer Gönner von Kunst und Wissenschaft und sein ausgedehnter Briefwechsel mit deutschen und ausländischen Gelehrten nahm nicht den kleinsten Theil seiner Zeit in Anspruch. Da der Herzog überdies mit seiner Gemahlin, einer Prinzessin aus dem damals noch blühenden herzoglichen Hause Sachsen-Merseburg, in tadelloser Eintracht lebte, so hätte er wohl eines guten Nachrufs gewiß und ein wahrhaft glücklicher Mann sein können, wäre nicht eine Liebhaberei gewesen, welche der Herzog mit so Vielen seiner Zeit theilte und die nach und nach zur unbezähmbaren Leidenschaft wuchs und ihn schließlich geistig und finanziell zu Grunde richten sollte. Es war die Modepassion jener Tage, der Wahn, durch alchymistische Proceduren Gold machen zu können, dem sich selbst viele der erleuchtetsten Köpfe nicht zu entziehen vermochten.

Dieser Wahn, aus unedlen Metallen Gold herstellen zu können, umdüsterte damals gleich einem langsam fortschreitenden Gifte die freien Geister und zählte in allen Ständen eine Menge Anhänger und Verehrer. In einem zu solchen Experimenten erbauten Laboratorium verbrachte der Herzog oft ganze Nächte unter anstrengenden Untersuchungen, die seine Gesundheit untergruben und seine Finanzen erschütterten. Sicherlich geschah dies Alles nicht ohne Mitwirkung seiner nächsten Umgebung, die, ihre eignen selbstsüchtigen Zwecke hierbei fördernd, den Herzog in seinem Glauben, bei seinen alchymistischen Versuchen von helfenden Geistern umgeben zu sein, wesentlich mit bestärkte. Mit diesen erträumten Geistern (Hiob, dem König von Waldeck u. a. m.) wechselte der Herzog unablässig Briefe, wobei er sich mit dem Namen „Theophilus, Abt der heiligen Jungfrau zu Laußnitz“ zu unterschreiben pflegte.

Bereits im Jahre 1696 hatten ihm die Geister den Besitz beträchtlicher unterirdischer Schätze versprochen, unter denen sich ein massiv goldner Sarg, ein Diamant von einem Pfund an Gewicht, eine goldne Schabrake, die der König von Waldeck getragen, goldne Schilder und Spangen, zwei goldne Schlaguhren u. dergl. m. befanden. Ferner wollte der Herzog den verborgenen Schatz im nahen Kloster zu Laußnitz, der zehn Millionen enthalten sollte, mit Hülfe der Geister heben. Er correspondirte deshalb unter Andern mit dem damals hochberühmten Spener in Halle. Nächst dem [766] Schatze hatten ihm die Geister eine goldne Krone und ein silbernes Kreuz verheißen, auch vorgegeben, daß in dem genannten Kloster die wahre Goldtinctur zu finden sei. Zur Hülfe bei Hebung dieses Schatzes sollten dem Herzog zwei Priester gesendet, denselben aber dafür eine Capelle an dem Orte, wo in den ehemaligen Klosterzeiten die Nikolauscapelle gestanden, von diesem Reichthume erbaut werden. Nach dem aufgefundenen Tagebuche des Herzogs wurde demselben im Jahre 1704 angesagt: „Er solle nun seine unentbehrlichen Zimmer und Kammern bewachen, in welche die verheißenen Schätze durch die Pfaffen hineingetragen werden sollten.“ Hunderte von Säcken mußte er herbeischaffen und die Schlüssel zu den Zimmern abgeben. „Wären dieselben gefüllt,“ hieß es weiter, „so wolle ihn der König von Waldeck hineinführen und ihm Alles, was darin sei, feierlich übergeben.“

Während der Herzog erwartungsvoll diesem glücklichen Tage entgegensah und in seinem edlen, menschenfreundlichen Herzen bereits die Rechnung, wie das zu Erhaltende zum Besten seiner Unterthanen verwendet werden sollte, entworfen hatte, erfahren wir aber, daß der König von Waldeck plötzlich hatte verreisen müssen. Ehe derselbe aus der neuen Welt, wo er sich befand, zurückgekehrt wäre, könnte durchaus nichts Entscheidendes geschehen. Inzwischen wurde der betrogene Herzog mit neuen Versprechungen hingehalten. Laut dem Tagebuch schrieb der König von Waldeck am 22. Februar 1706 dem Herzoge, „daß er große Last tragen müsse“, und am 10. März abermals, „er verhoffe, die Ostermesse im Kloster zu Laußnitz zu halten“. Der Herzog harrte vergeblich. Endlich kam die Nachricht: „Er könne unter vierzehn Tagen oder drei Wochen noch nicht kommen; der Herzog solle sich aber auf Gott verlassen und fleißig beten. Denn Gott habe versprochen, den reisenden König wieder in sein Land zu schaffen. Drei Tage vor seiner Ankunft solle der Herzog Nachricht davon erhalten, so wahr Gott lebe.“ Der König von Waldeck war damals in Jerusalem, wohin derselbe angeblich zur Regulirung der projectirten Schatzgräberei sich begeben haben wollte, und dahin mußte ihm der Herzog durch einen Boten die Säcke schicken. Hiermit endigt der historische Theil des Tagebuchs.

Der Herzog scheint zuletzt des langen fruchtlosen Harrens müde geworden zu sein. Die entworfene Rechnung aber ist als fingirte Ausgabe in dem vorgefundenen fingirten Einnahmebuche des Herzogs noch heutigen Tages zu lesen. Danach hatten ihm die Geister für das Jahr 1704 allein an baarem Gelde beinahe fünf und eine halbe Million Thaler zu bringen versprochen, die Kleinodien, das geschmolzene Gold und Silber, die Perlen und anderen Kostbarkeilcn ungerechnet, deren Werth jene baare Summe wohl zehnmal überstiege. Für diese Schätze hatte Christian bereits einen ganz speciellen Verwendungsplan entworfen. Seine Gattin sollte eine halbe Million, seine Tochter 600,000 Thaler, von seinen Brüdern jeder 500,000 Thaler erhalten und seine Hofchargen waren sämmtlich mit hohen Summen bedacht, ja Niemand von des Herzogs Dienerschaft war vergessen, selbst Stubenheizer, Stallmägde und Wäscherinnen waren berücksichtigt.

Mit der aufopferndsten Hingebung und standhaftesten Geduld war die treue Gemahlin bemüht, den Herzog von seinen alchymistischen Träumereien möglichst abzuziehen. Es gelang ihr nicht. Vielmehr vertiefte sich der Herzog mit der Zunahme der Jahre immer eifriger in seine kostspieligen Versuche und anstrengenden Untersuchungen, so daß er endlich in seinen schwärmerischen Träumereien noch im vorletzten Jahre seines Lebens durch eine Geistererscheinung sich täuschen ließ.

Herzog Christian lag im Jahre 1705 auf dem Ruhebette seines noch jetzt ganz in dem früheren Zustande erhaltenen Betzimmers, mit seinen mystischen Fragen beschäftigt, als er an die Thür anklopfen hörte. Ohne zu begreifen, wie Jemand unangemeldet sich ihm nähern und unbemerkt von der Wache und der Dienerschaft zu ihm kommen könne, rief er dennoch: „Herein!“ Eine Dame in altfürstlicher Tracht trat ein. Den Herzog überlief ein leichter Schauer. Schnell jedoch wieder gefaßt überzeugte er sich, daß er wache, und fragte die Dame nach ihrem Begehr.

„Entsetze Dich nicht,“ antwortete dieselbe freundlich, „ich bin kein böser Geist. Ich bin Anna, eine Fürstin Deines Geschlechtes, und war die unglückselige Gemahlin Herzog Johann Casimir’s von Coburg.[1] Du wirst meine Geschichte kennen.“

„Ich kenne sie. Was bringt Dich aber jetzt aus Deiner stillen Ruhe in die Welt zurück?“

„Eine Bitte an Dich.“

„An mich eine Bitte? und welche?“

„Ich starb, ohne mit meinem Gemahl ausgesöhnt zu sein. Gott hat in seinem Gerichte diese Söhnungszeit bestimmt, die nun sich nahet, und Du bist erkoren, uns auszusöhnen. Selig bin ich zwar, doch stehe ich noch nicht vor Gottes Throne und befand mich bisher an einem stillen Orte angenehmer Ruhe. Mein unversöhnlicher Gemahl aber hat zwischen Zeit und Ewigkeit in Finsterniß und Kälte gelebt, jedoch nicht ohne Hoffnung der Seligkeit.“

„Wie aber sollte das möglich sein? Wie sollte zugehen, daß –“ frug der Herzog.

„Glaube meinen Worten, denn was ich sage, ist Wahrheit. Wie viele Dinge kann der menschliche Verstand nicht fassen, und dennoch sind sie! Was Du jetzt nicht begreifen kannst, wirst Du dereinst schon begreifen lernen. Dich mit vielen Worten zu belehren, ist mir nicht erlaubt. Die Erfahrung wird Dein Lehrmeister sein, dort, wo wir Alle gläubig sehen und erfahren, was wir hier kaum ahnen.“

Der Herzog schwieg betroffen still, und der belehrende Geist sprach weiter: „Wir sind erfreut, Dich als das Werkzeug unserer Versöhnung erlesen zu wissen. Nach acht Tagen werde ich wiederkommen, um Deine Erklärung zu vernehmen. Gott sei mit Dir!“ Sie sprach’s und verschwand.

Der Herzog blieb verlegen zurück und dachte dem nach, was er soeben gesehen und erlebt. Endlich beschloß er, sich an den Superintendenten Hofkunz in Torgau, einen berühmten Gottesgelehrten, der zugleich einer seiner fleißigsten Correspondenten war, zu wenden, diesem seine Lage zu schildern und sich bei ihm Raths zu erholen. Hofkunz schrieb dem Herzoge: „Wenn nichts Abergläubisches dabei vorkomme und er Muth genug habe, möge er sich mit Gebet und Vorsicht dem Versöhnungsgeschäfte unterziehen.“

Die bestimmte Zeit verfloß. Die Herzogin kam wieder und fragte, ob der Herzog bereit sei, ihren Wunsch zu erfüllen. Als dieser bejahte, sprach sie: „Mein Gemahl that mir Unrecht. Vergebens ließ ich ihn auf meinem Todtenbette um Vergebung bitten; er wollte mir dieselbe nicht gewähren. Damit wir nun Beide zur Verklärung und zum göttlichen Anschauen gelangen können, wollen wir uns versöhnen. Ich habe Dir schon gesagt, wo wir uns jetzt befinden. Diesen Aufenthalt sollen wir nach Gottes Willen jetzt verlassen, und Du bist von der Vorsicht erkoren, das Werk unserer Versöhnung zu vollziehen.“

„Was soll ich aber bei der Sache thun, wie mich dabei verhalten?“

„Künftige Nacht sei bereit, uns Beide zu empfangen. Denn nur ich kann am Tage kommen, nicht mein Gemahl. Dann wollen wir Dich bitten, Recht unter uns zu sprechen, unsere Hände zum Zeichen der Versöhnung ineinander zu legen, den Segen des Herrn uns zu geben und mit uns Gott zu loben.“

Dies versprach der Herzog und die Dame verschwand wieder. Die Erscheinenden würdig zu empfangen, bereitete sich Christian vor. Er ließ Wachskerzen anzünden und dieselben auf einen Tisch zwischen Bibel und Gesangbuch setzen, verdoppelte die Wachen vor seinem Zimmer, überließ sich geistlichen Betrachtungen, betete und erwartete die Zeit der Erscheinung mit Fassung, doch nicht ganz unbefangen.

Es schlug eilf Uhr. Die Herzogin trat ein, lebhaft und freundlich wie immer, und trug dem Herzog ihre Sache vor. Nach ihr kam ihr Gemahl, finster und bleich, und sagte, was er zu sagen hatte, ziemlich rauh und unfreundlich. „Nun entscheide Du,“ sprach die Herzogin Anna, „auf den wir unser Vertrauen setzen, Sprosse unseres Stammes, geliebter Nachkomme unseres Geschlechts!“

Herzog Christian fand sich bewogen, dem Herzoge Casimir Unrecht zu geben, und rieth ihm zur Versöhnung mit seiner schönen Gemahlin. Der Geist sagte: „Du hast weise Worte gesprochen und recht geredet; ich versöhne mich mit meiner Gemahlin.“

Der Herzog ergriff des Sprechenden eiskalte Hand, legte sie in die warme, runde Hand der Fürstin und sprach den Segen über die Versöhnten. Beide sprachen „Amen!“ und die Herzogin setzte freundlich hinzu: „Habe Dank!“ Hierauf stimmte der Herzog den Gesang an: „Herr Gott, dich loben wir,“ und die Versöhnten sangen Beide mit.

[767] Nach geendigtem Gesange nahm die freundliche Fürstin wieder das Wort und sagte: „Den Lohn für diese Deine Liebe und Güte wirst Du von Gott erhalten und bald bei uns sein.“ Darauf entfernten sich die Geister.

Der Herzog blieb in feierlicher Stimmung noch eine lange Zeit. Von der Unterredung aber hatte die Wache nach ihrer Aussage nur die Worte des Herzogs gehört und die Erscheinenden nicht gesehen. Er berichtete das Vorgefallene seinem Rathgeber, dem torgauischen Superintendenten Hofkunz, und bereitete sich zu einem seligen Ende vor. Die Prophezeiung der beiden Geister, daß auch er bald im Reiche der Geister sein werde, scheint auf den ohnedies schon kränkelnden Herzog einen tiefen Eindruck gemacht zu haben; wenigstens wurde er tagtäglich düsterer und in sich gekehrter, und selbst die vernünftigsten Vorstellungen waren nicht im Stande, ihn von seinem Trübsinne abzuziehen und ihn den mit seinen alchymistischen Versuchen verbundenen, lebensgefährlichen Beschäftigungen zu entreißen. Hierzu kam außer der vereitelten Hoffnung auf Bergbausegen in seinem Lande, zu welchem Zwecke er sogar ein besonderes Bergamt in Eisenberg errichtete, der tiefe Ruin seines ganzen Finanzwesens noch hinzu. Daß aber diese Schuldenlast nicht eine Folge leichtsinniger Verschwendung, sondern vielmehr ein Ausfluß seiner allzu menschenfreundlichen und darum leider nur zu oft für selbstsüchtige Zwecke benutzten Gesinnungsweise war, erhellt aus allen Handlungen und Unternehmungen seines privaten sowohl, wie seines öffentlichen Lebens und Wirkens. Denn von der ihm durch die Geister zugesagten Summe von beinahe sechs Millionen Thalern an baarem Gelde sollte (laut der in seinem von ihm selbst geführten Tagebuche vom Jahre 1696–1704 aufgestellten Berechnung) nur ein Dritttheile in seinem Interesse, dagegen zwei Dritttheile zu Nutz und Frommen seiner nächsten Umgebung und seines Landes verwendet werden. Sogar noch wenige Monate vor seinem Tode erließ der Herzog im festen Glauben auf die baldige Gewinnung eines unermeßlichen Reichthums durch Geisterhülfe den sämmtlichen Unterthanen seines Landes die Steuern auf drei Jahre. Christian verschied am 28. April 1707 an einer Nervenvertrocknung, einer Folge der bei seinen alchymistischen Operationen gebrauchten starken Gifte. Nach seinem Tode nahm das Haus Gotha wieder von Eisenberg Besitz, wodurch dieses aufhörte, ein selbstständiges Fürstenthum zu bilden.

Die Christiansburg, seit 1829 von dem Prinzen George von Hildburghausen, dem nachmaligen Herzog Georg von Sachsen-Altenburg, wieder bewohnt, steht gegenwärtig aufs Neue verwaist. Doch ist in den Räumen, wo Herzog Christian lebte und starb, so ziemlich Alles im früheren Zustande erhalten worden. Daß der ganze Gespenstertrug, welcher einen dem Mystischen zugewandten Geist vollends verwirrte, auf Rechnung hab- und herrschsüchtiger Geistlichen und auf die Werkzeuge der katholischen Propaganda zu setzen ist, bedarf für unsere Leser keiner weitern Ausführung.




  1. Dieser ließ diese seine Gemahlin im Jahre 1593 aus eifersüchtigem Verdachte anfangs in Eisenach gefangen setzen und dann in’s Kloster Sonnenfeld bringen. Im Jahre 1603 ward sie auf die Veste Coburg zurückgebracht, wo sie 1613 starb.