Ein deutsches Zeitungs-Etablissement

Textdaten
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Autor: Michael Klapp
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Titel: Ein deutsches Zeitungs-Etablissement
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 316-319
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein deutsches Zeitungs-Etablissement.
Von Michael Klapp.

Die Presse hat in den letzten Jahrzehnten eine früher wohl nie geahnte Bedeutung erlangt, ihre Wirkung ist eine geradezu unberechenbare geworden und es dürfte darum unseren Lesern interessant genug sein, uns in die großartigen, neugebauten Räume zu begleiten, in denen eines der größten Journale Europa’s hergestellt wird.

Wir befinden uns an einem jener fünf Ringe Wiens, die zusammen eine der großartigsten und schönsten Straßen der Welt, die „Ringstraße“ bilden – auf dem „Kolowratring“. Rechts und links in weitem Umkreise zieht sich das Quartier der Paläste hin. Plutos spricht hier aus jedem Steine, und was die Steine erzählen, das sagen die Menschen nach. Eine stattliche Anzahl moderner Millionäre haben sich vom Burgring bis zum Parkring hinaus angebaut, und zwischen ihnen und neben ihnen erheben sich die Herrenhäuser der Prinzen der kaiserlichen Familie, die Paläste der Sprößlinge unserer Hochtories in vollständig confessionsloser Mischung. Der alten Grafen von Hoyos Wappen prangt neben dem der Ritter „von Welten“, die der gothaische Kalender nicht nur noch nie verzeichnet, sondern auch noch nicht einmal geträumt hat; dicht angrenzend an das Palais des „Siegers von Custozza“, des Erzherzogs Albrecht, steht das Palais des Siegers an der Börse, des Freiherrn von Schey-Coromka, neben dem Herzog von Würtemberg hat sich der Ritter von Todesko prächtig angesiedelt, und gegenüber dem Palast des jüngsten Bruders des Kaisers erheben sich die Palais der Ritter von Pont-Euxin – der Leser bemerkt, wie abenteuerlich unser neuer Adel klingt! – und Wertheim – und so fort, man möchte fast sagen, bis in’s Unendliche. Und das Auge, das nicht nach Namen und Stammbäumen fragt, hat sein Vergnügen an all’ den schönen Ring-Palästen, die den Stolz der weltstädtischen Kaiserstadt ausmachen, und selbst die Contrast-Arabesken, die längs der langen Zeilen hinziehen und alte und neueste Geschlechter architektonisch verwirren, sind lange kein Gräuel für das geistige Auge. Die Contraste liegen auf der Ringstraße frei umher. Wenn wir vom Kolowratring, da wo der neue Schwarzenberg-Platz in stiller Schönheit seine jungen Tage verbringt, rechts die Häuserzeile, die sich zum Cursalon hinabzieht, entlang gehen, so stehen wir an der Mündung der „Fichtegasse“ vor einem glänzenden Herrenhause, durch dessen Fenster unser Blick auf weite, prunkende, in Farben und Stoffen Glanz liebende Räume fällt, denen man gleichsam im ersten Augenblicke ansieht, daß sie der Kunst süßen Nichtsthuns geweiht sind – es ist das neue „adelige Casino“.

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Der Arbeitspalast der Neuen freien Presse in Wien.


Und gerade dieser geadelten Stätte großherrlichen Vergnügens gegenüber erhebt sich das Haus der Arbeit, in das ich die Leser heute zum Besuche führe, erhebt sich der stolze Bau der „Neuen freien Presse“, der Arbeitspalast des bedeutendsten Journals des Kaiserstaates und eines der größten und ersten Journale Europa’s. Ist das nicht auch einer der interessanten Wiener Ring-Contraste? Wenn nächtlich im Casino drüben die Champagnergläser klirren und die Karten von Hand zu Hand gehen, arbeitet gegenüber Klein und Groß am „Spinnrocken der Zeit“ (welcher Spinnrocken eigentlich eine riesige Dampfmaschine ist), entziffert der Beamte des im Parterre angelegten Telegraphenbureaus die chiffrirten Nachrichten, die ihm der Draht eigens für die „Neue freie Presse“ von allen Seiten des Erdballs bringt, schreiben oben an ihren Pulten die Redacteure über den Ernst der Zeit und die nothwendigen Anstrengungen zur Consolidirung des Reiches, schreiben gerade vielleicht auch über die Ueberflüssigkeit eines Oberhauses! Hüben und drüben in der Fichtegasse arbeitet die Maschine, aber welche Verschiedenartigkeit in ihren Triebrädern!

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Die Gartenlaube (1870) b 317.jpg

Im Maschinensaale der Neuen freien Presse in Wien.

[318] Die eine tödtet Zeit und Geld, die andere producirt und vervielfältigt Geist, Zeitergebnisse und auch – Geld. Die einzige Aehnlichkeit vielleicht, die in der nächtlichen Thätigkeit dieser zwei so stark contrastirenden Häuser der Fichtegasse besteht, ist die: daß öfter zur selben Stunde in beiden, wenn auch nach verschiedener Richtung hin, von – Kartenkönigen die Rede ist.

Aber jetzt Contrast und Aehnlichkeit bei Seite gelassen – die Nacht beider Häuser liegt noch fern von uns; es ist halb zwei Uhr Nachmittags, und wir wollen dem Arbeitspalast der „Neuen freien Presse“ einen längeren Besuch machen, ihn besehen von unten bis oben, seine Vorrathskammern, seine Maschinenkatakomben, seine Arbeitsstile, seine Studirzimmer, seine Redacteursalons, seine Remisen, seine Comptoirs, Alles, Alles. Das Haus journalistischer Arbeit öffnet seine Thore Allen, die es sehen und studiren wollen, und an einem bestimmten Tage der Woche wallfahrten Fremde und Einheimische nach dieser neuesten Sehenswürdigkeit des neuen Wien, wie sie nach dem Cursalon, dem neuen Musikvereinsbau, dem Künstlerhause wallen.

Unser erster Gang gilt den Ateliers der ersten Etage. Die elegante teppichbelegte Treppe hinan gelangen wir an zwei Thüren, deren eine uns mit der Ueberschrift „Verbotener Eingang“ abschreckt. Also da hätten wir nichts zu thun! Wenden wir uns an die andere, die ist freundlicher; sie sagt nicht „Herein“, sagt aber auch nicht „Hinaus“. So sagen wir selbst „Herein“ und öffnen. Ein Corridor, der viele Thüren zeigt, nimmt uns auf und durch die uns zunächst liegende Thür gelangen wir in eine weite hohe Halle, welche durch mächtige Bogenfenster vom prächtigsten Tageslicht erfüllt ist. Den Charakter dieses Saales erkennt man schon an der großen Gemeinde der in ihm beschäftigten Arbeiter – wir sind im Setzersaal. Lange Reihen großer Tische und Kästen ziehen sich die ganze Breite des Saales hinab. An den für die Nachtarbeit mit Gaslampen versehenen Kästen arbeiten circa hundert Setzer, meist junge Männer mit intelligenten Zügen. In den Kästen ruhen jene Legionen todter Buchstaben, die hier aneinander gereiht werden, um in einer Stunde schon ein Heer lebendiger und wiederbelebender Geister, die Armeecolonnen der öffentlichen Meinung vorzustellen.

Zwischen den Setzern tummeln sich junge Burschen, die Zuträger von dem und jenem herum, läuft der Factor auf und ab, hier und dort stehen bleibend an diesem oder jenem Kasten, zur Eile gemahnend, anspornend, hier wird eine Schriftform gewaschen und dort eine Partie des Satzes von Fehlern gesäubert. In dem großen am Ende des oberen Saales befindlichen Verschlage sitzt der erste Factor der Druckerei, mit den Blicken Alles beherrschend. An der Wand neben dieser Factorresidenz klebt der – Tarif, dieser Dämon des letzten Strike, der nun in seinem aufgebesserten Zustande sich, für die Setzer wenigstens, viel besser ausnimmt. Das große Eckstück des Setzersaales von diesem Punkte aus gehört der Annoncensetzerei. Hier liegen in den Setzerkasten all’ die Originalzeichen der industriellen, finanziellen und socialen Reclame, die „große Schrift“ ist hier die Regel, das „Petit“ die Ausnahme; „fett, fett, fett!“ schreit hier jeder Kasten uns entgegen. So viel Ausrufungszeichen brauchen nicht zehn Setzer zusammen in der politischen Setzerabtheilung des Saales, wie hier deren einer nur aufbraucht.

„Raum ist König!“ sollte die Aufschrift dieser Inseratenabtheilung des Setzersaales der „Neuen freien Presse“ lauten. Hier ist auch der Ursprung, die Fundgrube des Geschäftes dieser bedeutendsten Zeitung Oesterreichs, hier bringt jeder Buchstabe, jedes Zeichen Geld; die Annoncenseite dieses Tageblattes wird bis zu sechshundert Gulden bezahlt und solcher Seiten sind in der Regel fünf, oft acht täglich, an Sonn- und Feiertagen auch zwölf, ja bis zwanzig Seiten. Diese Einnahmen allein ermöglichen aber auch nur die außergewöhnlichen Anstrengungen, die die „Neue freie Presse“ für ihren Inhalt, für ihr Ansehen, für ihr journalistisches Gewicht zu machen hat. Es bedurfte aber auch des raschen Emporkommens, bedurfte einer geistig und geschäftlich weit ausgreifenden Thätigkeit der Unternehmer, bedurfte eines Guttheils bereits erworbenen Ansehens, um die „Neue freie Presse“ auf die Höhe ihrer heutigen geschäftlichen Bedeutung zu bringen.

Verlassen wir diese Goldgrube der „Neuen freien Presse“, der Arbeit und dem Verdienste seine Ernte gönnend, und gehen wir nun in die andern Ateliers. Unweit der Thür, durch die wir in den Saal gekommen, ist der hydraulische Aufzug angebracht, der den fertigen Satz, mittels eines von Wasserdämpfen getriebenen Räderwerkes, schleunigst in die Tiefen des Maschinensaales und der Stereotypie hinabbefördert. Mit Erlaubniß des Gewalthabers aller dieser Räume, des obersten Leiters der Druckerei, setzen wir uns selbst, statt irgend eines gesetzten Feuilletons, auf das hydraulische Fuhrwerk und fahren stracks hinab in die „Hölle“ der Druckerei der „Neuen freien Presse“. Unten in kaum einer Secunde angelangt, empfängt uns Rasseln, Prasseln, Brodeln, Feuerzischeln, Schnurren, Sumsen und was sonst für Lärm nothwendig ist an Orten, wo so gewaltige Teufel los sind, wie diese grandiosen Druckmaschinen sind. Da stehen sie vor uns in dem großen weiten Souterrain-Saale, die ganze gewaltige Mitte einnehmend. Noch sind die Kolosse selbst ruhig, sie schlafen, träumen vielleicht in heller Vorahnung von Napoleon III., Pierre Bonaparte, Rochefort, Bismarck, Beust, Bischof Dupanloup, Pius IX., Bright, die ihnen in nicht ganz einer halben Stunde unter den eisernen Arm kommen werden; die kleinen Räder harren sehnsüchtig der Fortsetzung des gestern abgebrochenen Romans, während sich die großen eisernen Stäbe der Rechen auf die drastischere Kost des Abendblattes, nach Mord- und Raubnotizen zu sehnen scheinen.

Noch feiert Alles im Maschinensaale, einige Burschen und Mägde thürmen die Papierballen auf, die sich in den letzten Momenten ihrer schwindenden Unschuld noch kalte Douchen gefallen lassen müssen; feucht müssen ja alle diese Tausende von Bogen der Zeit- und Tagesgeschichte entgegentreten, so will es die Druckerkunst. In dieser Zeit der Ruhe ist die Dampfmaschine, die in den nebenliegenden Katakomben mit all’ ihrem Zubehör aufgestellt steht, die einzige riesige Arbeitskraft, in ihrem Bauche tobt das Element, dehnt und reckt sich, stöhnt und schreit auf – wir können ihr nicht helfen, gehen wir in die Stereotypie, in der die letzte Hand eben angelegt wird zur Bannung des gegebenen Satzes in eine ruhige feste Form, die letzte Hand zu seiner Vervielfältigung. Ein kleiner niedriger Raum, so recht dämonisch contrastirend von der bläulichen Gasflamme und der grellrothen Esse gemeinschaftlich erhellt, nimmt uns auf.

Was brauen die erhitzten Mannesgestalten wohl da? Da rührt einer von ihnen in einem heißen Brei herum, von dem wir kein Kaffeelöffelchen voll haben möchten; der Andere nimmt von der glühenden Metallspeise aber gleich einen Riesenlöffel voll, freilich nicht zu eigenem Gebrauch, zu eigener Speisung; wir sehen ihn die heiße Speise in eine Gußflasche thun. Eine andere dunkle Mannesgestalt, deren Antlitz wie bronzirt anzusehen, arbeitet entblößten Armes mit Säge und Hobel an einer Platte, deren Abrundung ihm manchen Schweißtropfen kostet; wieder Andere kochen den Metallbrei gar, nähren die Flammen. Das ist eine Werkthätigkeit, so geheimnißvoll, so still vollbracht, so ohne ein von irgend einer Seite fallendes Wort unterbrochen, daß man an das Ungeheuerlichste zu glauben versucht sein könnte, und es wird doch nur – stereotypirt. Der aus der Setzerei hierher gelangte, nur schwach zusammengefügte Schriftsatz erhält hier seine feste Formung, seine Festigung, sowie Consistenz. Er wird hier zu jenen halbkreisförmigen massiven Platten zusammengearbeitet, die man in der Kunstsprache „Clichés“ nennt, welche in der Maschine die angestrengtesten Dienste verrichten, ohne renitent werden zu müssen, und unter Anderem auch den Vortheil haben, daß die Typen vor schneller Abnutzung bewahrt werden.

Das Dasein dieser Clichés ist zwar kurz, denn in zwei Stunden, nach beendetem Drucke, kehren sie unwiderruflich wieder in ihr bleiernes Nichts zurück, d. h. sie werden zu fernerem ähnlichen Gebrauch wieder eingeschmolzen; dennoch erfordert ihre Herstellung große Sorgfalt und zwar wird der Schriftsatz zu diesem Behufe in eiserne Rahmen genau festgeschlossen, mit durch Stärkekleister oder dergleichen vielfach zusammengeklebten Papierblättern belegt und dann einem Drucke ausgesetzt, durch welchen die Schrift in dem aufgelegten Papier sich tief und genau markirt; die so nun gewonnene Papierplatte mit Schriftprägung, Matrize genannt, wird in den Gießapparat, in die „Gußflasche“, gebracht, welch letztere alsdann mit flüssigem, aus Blei und Antimon bestehendem Schriftmetall gefüllt wird, das überall hin und somit auch in die in dem Papier befindlichen (Schrift-)Vertiefungen fließt. Auf diese Art erhält man eine getreue Wiedergabe des aus einzelnen Typen gebildeten Schriftsatzes in einer festen Platte, welche, nachdem sie in die gehörige Halbrundung gebracht und die Seitenflächen abgesägt und abgehobelt worden sind, dem Maschinenmeister [319] zum Druck übergeben werden kann. Fast wie im Handumdrehen ist so eine Platte erzeugt, noch ein paar Minuten und es folgt die zweite, dann rasch die dritte, vierte Platte. Diese vier Platten repräsentiren den Inhalt des ganzen Abendblattes, das nun seinem Drucke entgegengeht. Es ist ein Viertel auf drei Uhr, und wir begeben uns zugleich mit dem neugeformten, vervielfältigten Satze in den Maschinenraum zurück. Vor uns werden die halbrund gegossenen Zeit- und Tagesereignisse, die Depeschen, welche die Welt der Börse, und die Nachrichten von Glücks- und Unglücksfällen, parlamentarischen sowohl, wie socialen und literarischen und artistischen, welche die Welt des Herzens bewegen sollen, in ihrem letzten Unschuldsstadium einhergetragen. Nun werden die Platten in die Maschine – nur eine der zwei ist für die Fabrication des Abendblattes bestimmt – um die beiden großen Cylinder gelegt, welche bereits sehnsüchtigst dieser wichtigen Umarmung harren. In diesen zwei Cylindern der Riesenmaschine ruht die ganze gewaltige Macht ihrer Wirksamkeit. Ihr Erfinder, Howe, hat das Verdienst, die Zeitersparniß, den Zweck jeder Maschine, und besonders einer Zeitungsmaschine, zu eigentlichem Triumphe gebracht zu haben.

Marinoni führte dann die Howe’sche Erfindung des unausgesetzten Druckens der Maschine ihrem Zwecke noch um Einiges näher. Die Leser, die den Proceß des Druckens einer Dampfpresse mitangesehen haben, wissen, daß vor Howe und Marinoni die Presse es nicht dahin zu bringen vermochte, ihren Heimweg zu dem Ausgangspunkt ihrer Thätigkeit ebenso fruchtbar zu gestalten, wie ihren Hinweg zu den Druckwalzen. Die Maschine druckte immer nur auf dem Hinwege zur Walze, die Zeit des Rückweges blieb unausgefüllt, verloren für die Arbeit. Dem hat die Maschine, wie sie vor uns steht, vollends abgeholfen, sie druckt von dem ersten Moment an, da ihr vielfältiges Räderwerk in Gang gesetzt ist, bis zu dem letzten, wo ihr der Dampf entzogen wird, unaufhörlich, ob sie nun hinauf oder hinab läuft. Die beiden um ihre eigene Achse sich bewegenden Cylinder, die wir, von Druckwalzen umgeben, in der Maschine angebracht sehen, sind oben und unten mit den Satzplatten umlegt; die oberen Cylinderscheiben repräsentiren den vervierfachten Inhalt zweier Seiten des Abendblattes, die unteren Cylindertheile repräsentiren wieder die zwei anderen Seiten des Abendblattes, ebenfalls vervierfacht; die Cylinder, einmal in Bewegung um ihre eigene Achse, drucken so immer und immer, oben wie unten, der Proceß ist ein unausgesetzter und ermöglicht den Druck einer Auflage von siebenundzwanzigtausend Exemplaren Abendblättern in fünfzig Minuten, während die Auflage der gleichen Anzahl von Morgenblättern (zwei Doppelbogen) in zwei Stunden und vierzig Minuten zu Stande kommt.

Es ist nach halb drei Uhr, der Maschinenmeister bekommt das Zeichen des Factors, oben kauern die Papiereinleger vor den aufgethürmten Haufen, die Clichés sind sämmtlich (sechszehn Stück) auf den Cylindern angebracht, an den vier Oeffnungen, wo die bedruckten Bogen in reißender Schnelle herausschlüpfen aus der Maschine, hocken Mädchen, die die einzelnen vierfachen Bogen zu empfangen und in eine geordnete Lage zu bringen haben. Noch ein Zeichen und die Maschine reckt sich zu ihrer kolossalen Thätigkeit auf; einige Momente und man hört nur noch die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge, die ihre eisernen Lungen ausstoßen; das Räderwerk hat in seiner ganzen kolossalen Ausdehnung die Arbeit aufgenommen, und zu den vier Oeffnungen, von denen zwei auf der Vorderseite, zwei auf der Rückseite der Maschine sich befinden, kommen bereits die ersten Bogen angeflossen. Man kann es nur einen Fluß nennen, dieses ruhige, glatte Ankommen der Bogen an den gitterartigen Rechen, der sie dann aus der Maschine auszuwerfen hat. Das gleitet so sanft, nachdem es den Cylinder unten wie oben passirt, über die schlanken Stäbe herauf und hinab, daß es eine Freude anzusehen ist. Ruhe kennzeichnet den ganzen kurzen Proceß, und man könnte fast von der Maschine sagen, sie bewege sich und erzeuge mit einer für ihre Dimensionen geradezu erstaunliche Noblesse und Grazie. Wenn die ersten Bogen ausgenommen, tritt in der Papiereinlage ein kurzer Stillstand ein, man besieht den Druck, ob er fehlerlos, ob nicht an den Walzen mit Schwärze etwas nachzuholen sei. Dann beginnt der Cylinder sein großes Werk wieder von Neuem und setzt es ungestört fort. Vorn und hinten, oben und unten fallen die Bogen, vier Exemplare eines Abendblattes darstellend, mit jedem Rucke sechszehn an Zahl, hinaus, und nach Ablauf von fünfzig Minuten ist der ganze große Bedarf der „Neuen freien Presse“ vollständig gedeckt.

Während die zweite Hälfte der Auflage noch unterm Cylinder ihrer Geburt harrt, ist die erste schon in kleinen und großen Ballen in den Expeditionssaal gebracht worden. Hunderte von Händen machen sich eiligst an die Zusammenfaltung, an die Falzung, an die Cartonirung der einzelnen Blätter, andere Hunderte wieder pappen die Adressen auf, wieder andere legen die für den städtischen Bedarf nöthigen Massen zusammen und befördern sie hinaus aus dem Expeditionssaale zu den kleinen Wägelchen, die sie in die Ausgabelocale und auf die verschiedenen Bahnhöfe rasch überführen. Die geräuschvolle Geschäftigkeit und unförmliche Hast der Händearbeit in dem Expeditionssaale ist wiederum ein bildlicher Gegensatz zu der Gleichmäßigkeit und Formruhe der Arbeit im Maschinensaale.

Steigen wir dann eine Treppe höher, als der Setzersaal liegt, so sind wir im Bereiche der Redaction der „Neuen freien Presse“, unter den geistigen Gewalthabern des Blattes, an der Stätte der Materiallieferung für die untere Etage und für das Souterain. Auf einem weit umlaufenden Corridore liegen die Bureaux der Redacteure der einzelnen Abtheilungen und Rubriken des Blattes, das in der Ausdehnung seines Morgenblattes (sechszehn Folioseiten, sechstausend Zeilen Inhalt) einem kleinen Buche fast gleichkommt. Der Redactions-Corridor beginnt mit den Bureaux des „Verantwortlichen“, der Redacteure der Militär- und Gerichtszeitung, der „kleinen Chronik“, der „verschiedenen Nachrichten“, dann kommen die Bureaux der „innere Politik“ treibenden Herren, die Redacteure der Reichsrathberichte, der Communalangelegenheiten, das Bureau des Redacteurs des „Ekonomisten“.

Zwischen allen diesen mit dem größten Comfort und auf’s Eleganteste eingerichteten Abtheilungen und den auf der anderen Corridorseite liegenden Bureaux der Redacteure der Rubrik „auswärtige Politik“, der Rubriken „Paris, London, Berlin“, liegen, nur durch ein für alle Redactionsangehörigen gemeinschaftliches, mit schönen Wandkarten, Globen und einer großen Bibliothek versehenes Lesezimmer getrennt, die Arbeitszimmer der geistigen Oberleiter der „Neuen freien Presse“, der Herren Max Friedländer und Michael Etienne, der beiden Eigenthümer, die zugleich die eigentliche Redaction en chef des Blattes führen, während die administrative Leitung Herrn Werther, dem dritten Eigenthümer, überlassen ist. Wenn wir jetzt in diese eleganten, mit Sprachrohren und elektrischen Telegraphen versehenen Salons der Chef-Redaction einträten, fänden wir keinen von den beiden geistreichen, so überaus gewandten und thätigen Männern. Es ist die kurze Zeit der Ruhe für sie gekommen, und das nächste Morgenblatt ruft und verlangt seinen Mann erst in zwei, drei Stunden wieder. Vielleicht sehen wir uns die beiden interessanten politischen und socialen Großmächte der „Neuen freien Presse“ ein andermal näher an. Es verlohnt sich schon der Mühe, die drei Männer kennen zu lernen, die ein Tagesblatt, das sie am 1. September 1864, also vor noch nicht ganz sechs Jahren, begonnen, in so beispiellos kurzer Zeit zu einer solchen staunenswerthen Bedeutung zu erheben vermochten. Mögen noch so viele gute Sterne bei dem Auffluge der „Neuen freien Presse“ mitgewirkt haben, ihre eigene Kraft, ihr eigener Geist können einen großen Theil des riesigen Erfolges auf ihre gemeinschaftliche Rechnung schreiben. Die Mitarbeiter der „Neue freien Presse“ umspannen fast den ganzen angesehenen Theil des deutschen Schriftstellerstandes.

Es ist vier Uhr und wir verlassen, nachdem wir noch auf die ausgedehnten Ansiedelungen der Administration, Cassa, Buchhaltung im Parterre einen raschen Blick geworfen, das Haus der „Neuen freien Presse“. Unten angelangt, sehen wir die Wägelchen schon alle auf ihrer Heimkehr. Das Abendblatt der „Neuen freien Presse“ ist bereits in vielen Händen und oben wird man bald wieder an das Morgenblatt zu denken haben. Das Dampfrad der Zeit und der öffentlichen Meinung in der „Fichtegasse“ – es steht nicht still!