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Titel: Ein christlicher Heide
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 576
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[576] Ein christlicher Heide. „Nichts Neues giebt es unter der Sonne!“ das ist ein Citat, das Viele bereit haben, am meisten die Stoiker des modernen Salons, bei denen das nil admirari zum feinen Ton gehört. Dennoch aber passirt Neues, wenigstens neu nach Menschengedenken, wenn auch vielleicht die Möglichkeit vorliegt, daß in verschollenen Culturperioden untergegangener Welten einer oder der andere Präcedenzfall sich ereignet haben mag. Hat je ein Sterblicher als Privatwohlthäter sieben Millionen Thaler bei Lebzeiten an die Armen vertheilt und sich nach seinem Tode den Geiern und Raben als Speise vorlegen lassen? Ich bezweifle, daß irgend ein Chronist oder Memoirensammler dem Aehnliches aufspüren kann. Und doch handelte so ein Mann, Sir Dschamsedschi Dschidschibhoy, Baronet, Kaufmann seines Gewerbes in Ostindien und London, Millionär der Millionäre nach seinem Glück und Feueranbeter seiner Religion nach.

Es giebt in London ein kleines Bethaus der Parsen und Feueranbeter, und wie bei den alten Vestalinnen, wird auch hier das Feuer immer in Brand erhalten von einem „in festem Gehalte“ stehenden Feuerdiener. Alljährlich wird vor der Flamme ein großen Fest von den Parsen in London begangen, das Nowroz genannt, und dasselbe Fest begeht man an dem selben Tage bei den Feueranbetern in Arabien, in Persien, in Indien und in Bokhara, diesseits und jenseits des räthselhaften Aral-Sees in Mittelasien. Auch in London begrüßen sie privatim mit besonderer Feier noch den Aufgang und den Untergang der Sonne, mit einem Ritus, der von dem märchenhaften Zoroaster herrühren soll, und kein Parse löscht je ein Feuer, wäre es auch nur das Flämmchen einer Kerze oder das phosphorische Licht eines patentirten Streichhölzchens. Die parsischen Commis in den Comptoirs der reichen handeltreibenden Parsen Londons, wie jene Parsen, die als britische Beamte – man denke sich feueranbetende Geheimräthe und Oberzollcontroleure! – in den Bureaux der Präsidentschaften von Bombay und Madras angestellt sind, haben immer gefällige christliche, muselmännische oder der Hindurace angehörige Collegen zur Hand, welche, wenn ein Brief gesiegelt oder eine Pfeife angezündet wurde, das heilige Feuer des Wachs- oder Talglichtes oder Zündholzes verlöschen, nachdem solches unter den anwesenden Parsen ängstlich von Hand zu Hand gewandert. Die Parsen, die ich zu Gesichte bekam, erschienen sämmtlich in der Gestalt gewichtiger Financiers, welche, eine ungeheure, braune, kürbisartigc Mütze auf dem schwarzhaarigen Kopfe, in feinen schwarzen Oberröcken englischen Schnitts und in tadellosen schönlackirten Halbstiefeln durch das Gewühl der City laviren. Sie sind Friedensleute nach dem Systeme des Friedensapostels Elihu Burrit, trotz des martialischen Schnurrbarts, der ihnen quer durch das gelbbraune Gesicht wächst, und trotz der großen asiatischen Feueraugen. Sie sind sehr „respectirt“, weil hochangeschrieben bei den Banken, und das Accept eines Feueranbeters ist „pique-fein“, um im Berliner Börsenjargon zu reden. Wird aber gar der bloße Name „Sir Dschamsedschi Dschidschibhoy“ erwähnt, so nimmt jeder Engländer inwendig den Hut ab, da dies auswendig nicht Landessitte, der Erwähnte aber irgendwo in Indien bestattet liegt und Verstorbene ohnehin keine Ansprüche auf Höflichkeit mehr zu erheben pflegen.

Obwohl Sir Dschamsedschi Dschidschibhoy nicht zu der parsischen Colonie Londons gehörte, sondern nur England zeitweise besuchte, ist sein Name doch aller Welt dort bekannt, in ganz Asien aber zum Sprüchwort geworden, mit dem Beinamen „der große Bottle-Wallah“ (Flaschen-Fürst). Er war ein Bettlerkind von Bombay und begann seine Laufbahn als ein „selbstständiger“ Händler mit leeren Flaschen, als er noch ein Knabe im Straßenjungencostüm, mit einem Goldpapierkäppchen auf dem Kopfe und spitzen Pantoffeln an den Füßen. Wie der moderne Erzvater Rothschild schwang er sich vom kleinen Trödler in zehn Jahren zum reichen Manne empor; die leeren Flaschen wichen den vollen, die leeren Theekistchen ganzen Theeschiffen, und nachdem er ein reicher Mann geworden, was die Welt „reich“ nennt, wurde er steinreich, denn Demanten und Rubinen wanderten in hunderten seiner eigenen mit Goldstaubhügeln gefüllten Schiffe durch den ganzen indischen und stillen Ocean.

Große Ostindienfahrer wurden sein zu vielen Dutzenden, sein bis auf den kleinsten Wimpel am höchsten Mast; nicht zu gedenken einer zahllosen Flotte von anderen Schiffen bis zur chinesischen Junke und zum Gewimmel der kleinen Perlfischerbarken hinab. Als „Nabob der Börsen“ kannte ihn Bombay, Madras, Cairo, London. In England figurirte er, von der Königin in den Adelstand erhoben, als Sir Dschamsedschi Dschidschibhoy, grafschaftengroße Ländereien in Britannien besitzend; daheim im Oriente galt er bis zu seinem Ableben als der „Bottle-Wallah“, was für ihn als einen „selfmade man“ (selbstgemachten Mann) längst von dem ursprünglichen Spitznamen zu einem Ehrentitel geworden. Und hätte er sich, anstatt einer feuerrothen Hand, eine Flasche Porter zu seinem Wappenschilde gewählt, würde die Verehrung unter seinen eigenen Landsleuten selbst die Lächerlichkeit des Sinnbildes in das Gegentheil verkehrt haben.

Doch daß der Genannte ein Crösus der Crösusse gewesen, als er im vorigen Jahre verstorben, daß er ein feueranbetender Baronet, das macht ihn nicht merkwürdig und des Nachruhms würdig, außer bei Raritätensammlern oder Anbetern des goldenen Kalbes. Aber die, gering gerechnet, volle Million guter Guineen, mit denen er bei Lebzeiten der Armuth beigestanden, und das „Wie“ der wohlthätigen, liebevollen Austheilung dieser Summe, welche sich in sieben Millionen deutsche Thaler übersetzt, verdienen ihm einen Platz in jeder Chronik unserer Tage, in denen es oft leichter ist groß als gut zu sein.

In Ostindien steht kein Hospital, keine Volksschule für Arme, kein Armenhaus, kein Wohlthätigkeitsinstitut, sei es für Parsen, Muselmänner, Hindus, ja auch für Christen und Juden bestimmt, das nicht theilweise als seine Schöpfung gilt, in vielen Fällen als die seinige ganz allein, gar nicht zu reden von den seiner eigenen Secte zu Liebe errichteten zahlreichen Parsen-Tempeln. In dem langen Kataloge der von ihm ausgeübten Wohlthaten, soweit dieselben durch ihre Summengröße bekannt geworden, sind von 10 – 15,000 Pfd. Sterl. (100,000 Thaler) unter den gewöhnlichen Stipendien, die er an der Londoner Universität wie an der von Bombay zum Theil für Studirende ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses aussetzte, werden mit drei Nullen geschrieben. Hunderte von Brunnen ließ er mitten in der Einöde graben, um der Wassersnoth unter seinen Landsleuten abzuhelfen, und pflanzte Wälder, und baute ganze Dörfer und in Städten ganze Straßen für die Armen und Obdachlosen unter seinen Landsleuten, Glaubensgenossen oder Anderen. An einem Tage schenkte er 18,000 Gold-Mohurs (à 10 Thaler) an die nothleidenden Parsen von Surate und Nowsaree und zeichnete zugleich über eine Million Thaler zum Bau einer Wasserleitung zu Punah, welche Stadt großer Dürre und Hungersnoth preisgegeben war. Der Viaduct wurde über das Bett einen ausgetrockneten Stromes gebaut. Da trat eine unvorhergesehene Überschwemmung ein. Sie riß den Bau fast ganz nieder, und Sir Dschamsedschi baute ihn von Neuem und vertheilte, als Hülfe in der Zwischenzeit, 17,000 Pfd. Sterl. an die Nothleidenden der Stadt. Die Zahl der Beamten seiner eigenen verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten beläuft sich auf zweihundert! Nur vom Gerüchte bezeichnet, aber nicht genannt, sind zahllose Beweise stiller Wohlthätigkeit an verschämte Arme jeden Standes, in Asien, wie selbst mitten in London, das er mehrere Male besuchte. Der „große Heide mit dem Herzen eines großen Christen“, so nennt ihn die Londoner Chronik, und sein Reichthum stand in den Berichten neben den in den Märchen der „Tausend und eine Nacht“ genannten unerschöpflichen Schätzen. Eine englische Zeitung sagte in dem ihm gewidmeten Nekrologe: „Mit der einen Hand machte er Gold und streckte gleichzeitig die andere Allen gefüllt entgegen, die mit einem Weh oder einem Lebensjammer zu ringen hatten.“

Als einst ein englischer Bischof am Hofe zu London mit Sir Dschamsedschi in’s Gespräch gekommen und ihm seine ehrliche Bewunderung so unerhörter Freigebigkeit aussprach, blickte der Andere einige Minuten lang bewegt in die untergehende Sonne, welche die hohen Fenster des Buckingham-Palastes gerade mit ihrem Purpurgolde überfluthete, und sagte: „Alles kommt vom Lichte und schuldet also dem Lichte! Wir kennen in unserm Indien eine Fabel unserer Nachbarn, der Perser, und ich glaube an diese Fabel. Einst erschien ein Engel des ,Gottes des Lichtes’ dem Nouroji, einem vornehmen Perser. Der Engel schrieb mit einem Demantgriffel auf einer goldenen Tafel. Was schreibst Du?’ fragte der Perser. ,Ich schreibe,’ entgegnete der Engel, ,die Namen aller derer, welche Gott lieben.’ ,Ist der meinige darunter?’ fragte Nouroji, aber der Engel schüttelte das Haupt. ,Dann schreibe wenigstens nieder,’ fuhr Jener fort, ,daß ich meine Mitmenschen mein ganzes Leben lang geliebt habe, mit Herz, Seele – und Hand.’ In der nächsten Nacht erschien der Engel wieder mit Schreibtafel und Griffel. Und oben an der Spitze derer, die Gott lieben, stand der Name ,Nouroji’, des Persers, leuchtend in Strahlen!“ Und der Bischof schüttelte ihm schweigend die Hand.

Dies ist in der That die Moral des Lebens und Wirkens des Feueranbeters und Flaschenhändlers Sir Dschamsedschi Dschidschibhoy.

Als sein Testament eröffnet wurde, enthielt es noch lange Listen „wem zu geben in Asien und Europa“. Der City von London übermachte sein Sohn und Erbe von Bombay aus im Juni dieses Jahres 150,000 Thaler als ein Legat seines Vaters für gewisse Wohlthätigkeitsanstalten christlicher Liebe in der Stadt, und die City verlieh dem Sohne ihr Ehrenbürgerrecht. „So endete selbst der Tod nicht die Güte dieses Nabob!“ riefen die Zeitungen. „Keiner gab fürstlicher, Keiner wohlgefälliger wohl Dem, der auch den Trunk Wassers belohnt.“

Zu Guzerat in Indien, der Parsenstadt, steht ein hoher Parsentempel, der „Thurm des Schweigens“ genannt. Auf dessen oberes Plateau bettete man die Leiche des Verstorbenen, nach dem Ritus der Feueranbeter sie den Geiern und Raben und dem „Gefieder, das in Wolken wohnt“, überlassend und dem „Feuer der auf- und untergehenden Sonne“.