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Textdaten
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Autor: Johann Hermann Baas
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Titel: Ein absterbender Gebrauch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 511–512
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[511] Ein absterbender Gebrauch. Bekanntlich gabt es auch in Deutschland „Saisons“ für Badereisen, Sommerfrischen, Theaterbesuch, Bälle etc. Des Landmanns „Ballsaison“ liegt zwischen beendeter Ernte und beginnendem Winter und heißt – Kirchweihzeit (rheinisch: Kerrwĕzeit; „Kerrwĕ“ Mehrzahl von „Kerrb“).

Etwa bis zum Jahre 1848, das den Landmann modernisirte, war am Mittelrheine die Kirchweih das einzige Vergnügen in großem Stile, das jener sich das Jahr über erlaubte; denn da sah er „Fremde“, das heißt außerhalb des Dorfes wohnende Verwandte und Freunde bei sich. Wehe ihm, wenn er Einen oder gar Eine zu laden vergaß! Das geschah jedoch schon aus Klugheit nicht leicht; denn waren viele Freunde geladen, so war auch sichere Aussicht vorhanden, wieder an viele Orte geladen zu werden, so zwar, daß die Einladung zur heimischen Kirchweih unter Umständen Einladungen zu allen Kirchweihen in mehrstündigem Umkreise zur Folge hatte. – Die Freunde kamen am Kirchweihsonntagmorgen auf zweirädrigen Karren; großstreifige, mächtige Bettkissen lagen auf den Sitzen, um die gewaltigen Stöße des sprungfederlosen Gefährts einigermaßen zu brechen.

Das Kirchweihfest war (und ist vielfach noch) zusammengesetzt aus der „Vorkerrb“ und der acht Tage später folgenden „Nachkerrb“; die erstere währt drei volle Tage und – nicht zu vergessen – Nächte, vom Sonntag ab gerechnet, die letztere nur einen Tag und eine Nacht.

Während der „Kerrwĕwoch“ hatten die Häuser innen und außen einen neuen Anstrich in meist augenfälliger Farbenzusammenstellung erhalten. Kirchweihsamstag war der bewegteste Tag. Er gehörte durchaus dem weiblichen Theile. Dieser putzte im ganzen Hause unter vieler Wasserverschwendung; das Geschirr ward blank gerieben und in der Küche geordnet, Alles ward zu unterst und oberst gekehrt, daneben aber wurden Kuchen gebacken, eine unendliche Zahl, zwanzig bis fünfzig Stück je nach der Stärke der Haushaltung und des geladenen Besuches, die meisten von Quadratmetergröße. Oft kam man erst spät in der Nacht damit zu Ende. Dann ward noch der Fußboden gescheuert und mit Sand bestreut, dieser auch in schöne Muster gestrichen.

Samstags war zu Hause nicht gut sein. Deshalb zog sich der [512] männliche Theil des Nachmittags in die Wirthshäuser zurück, um Kegel zu schieben und den Wein zu probiren.

Der junge Theil männlicher Einwohnerschaft hatte daneben noch eine besondere Aufgabe: er mußte die „Kerrb“ vergraben. So hieß bildlich eine Flasche Wein, die man an verborgenem Ort in die Erde grub, in der Nähe des Dorfes, vorsichtig, heimlich, damit nicht Schalk und Dieb sie des Nachts auffinden und leeren konnten. Kirchweihsonntagnachmittags um drei Uhr feierte sie schon lustige Auferstehung; früher soll sie von einer Kirchweih zur andern haben warten müssen.

Abgeholt ward die „Kerrb“ unter Vorantritt der Musik, welche bei dieser Gelegenheit „besonders gut“ spielte, weil blos Blechinstrumente thätig waren. Ein Bursche folgte ihr – oder vielmehr: er hüpfte hinter ihr im Tacte, von einem Bein auf das andere springend und unter zeitweiliger vollständiger Drehung um die Längsachse seines Körpers und beständigem Jauchzen; seine Hände bewegten eine Stange im Tacte auf und ab, an deren Spitze ein bändergeschmückter Kranz befestigt war. Vor lauter Lustigkeit war der Träger alsbald heiser. Das schadete aber nicht; denn große Heiserkeit galt als Zeichen größter Heiterkeit, nicht allein beim Kranzträger. Diesem folgten die Burschen in Reih und Glied nach, unter weniger anhaltendem Jauchzen, weil sie doch von Zeit zu Zeit aus dem nebenher getragenen Viertelkruge die Gläser sich füllen lassen und sie dann austrinken mußten, wodurch jedesmal eine Pause entstand. Dem Zuge schloß sich die Jugend, schrillstimmig und vielstimmig, an. War man am Orte, wo die „Kerrb“ vergraben lag, angekommen, so ward diese unter passenden Reden dem kühlen Schooße der Erde entnommen und an die Spitze der Kranzstange erhöht. Darauf kehrte der Zug in umgekehrter Ordnung und noch lauter seiner Freude Ausdruck gebend zum Wirthshause zurück, der Bursche mit der „Kerrb“ voran, dann die Andern, zuletzt die Musik und die Schuljugend.

Zum Schlusse der symbolischen Handlung ward der Kranz mit der Flasche an der Tanzsaaldecke befestigt, worauf die Muse Terpsichore erst ihre Herrschaft antreten durfte. Und über's Jahr ließ man sie wieder auferstehen. Bis dahin aber zählte man die Wochen, die noch verfließen mußten, ehe ihre Herrschaft wieder begann.

Das war „dazumalen“, als auf dem Lande nur auf Kirchweihe getanzt ward. Heute giebt es auch hier, öfters als gut, Sängerbälle, Kriegerbälle, Fahnenweihbälle und „abonnirte“ Bälle nach Belieben. Die „Kerrb“ wird am Rhein aber bald weder mehr vergraben noch abgeholt werden.
Dr. J. Herm. Baas.