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Textdaten
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Autor: W. S.
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Titel: Ein Walzer im Schnee
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 655-656
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[655] Ein Walzer im Schnee. Der holsteinische Graf R. hatte mehrere Jahre lang im Auslande gelebt. Gewissermaßen zur Feier seiner Heimkunft, beschloß er im Winter des Jahres 182– den ihm zumeist befreundeten ritterschastlichen Familien der Provinz ein ungewöhnliches Ballfest zu geben und ließ die Einladungen dazu bereits vier Wochen vorher durch seinen Kutscher und Jäger zu Pferde in der Runde entbieten.. Natürlich, daß die Gäste nur aus der haute volée des Landes sein durften. Nur Grafen, Barone und Ritter der holsteinischen Ritterschaft waren darum berufen, zu erscheinen. Es sollte eben ein rein adeliger Cercle werden, man wollte ein mal ganz „unter sich“ sein. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten. Und das Geschick hatte diesmal den Humor, seine Rolle in der Person des eigenen ältesten Sohnes des Festgebers, Grafen R., spielen zu lassen.

Dieser sein besagter ältester, einziger Sohn und Stammhalter studirte nämlich der Zeit auf der holsteinischen Landesuniversität Kiel, dort mit der Jurisprudenz sich befassend, so weit das ihm für ein eventuelles Staats-Examen behufs demnächstiger Staatsraths- oder Ministerwerdung räthlich oder nothwendig erschien. Es war nun gerade um die Zeit der Weihnachtsferien der Kieler Universität. Der junge Graf R. hatte aber dieselben nicht zu einer Reise nach dem väterlichen Dache und den mütterlichen Speisetöpfen benutzt, sondern der Einladung eines Universitätsfreundes Folge gegeben, welcher ihn für diese vierzehn Tage mit in das Haus seines Vaters, des reichen Kaufmanns und Senators F. zu Hamburg, führte. Der junge Graf, welcher trotz seiner steif-adeligen Erziehung doch in Kiel schon etwas von dem freiheitlichen, akademischen Geiste eingesogen, amüsirte sich auch in jeder Hinsicht aufs Vorzüglichste in der bürgerlichen Sphäre des hamburgischen Handelshauses, welches eine gute Tafel, exquisite Weine und liebenswürdige Damengesellschaft, Theaterbesuch, Schlittenfahrten und noch manche andere Erlustiguug dem vergnüglichen Sinne des geehrten vornehmen jungen Gastes zu Gebote stellte.

Der Studiosus Graf Bodo R. hatte darum, als die väterliche Einladung zu dem projectirten Ballfeste in den Hallen seiner Ahnen auf seiner Hauskneipe in Kiel einlief, unter besonderem Vorwande abgelehnt, weil er eben in Hamburg sich besser zu amüsiren rechnete, als auf der holsteinischen Stammburg. Allein Papa mochte wohl durch seinen Kieler Correspondenten oder durch einen kürzlich in Hamburg gewesenen Nachbar es erfahren haben, daß sein Herr Sohn nicht auf der Ostsee-Akademie den Wissenschaften, sondern in der Handels-Metropole an der Elbe den Vergnügungen obliege, denn plötzlich erhielt Graf Bodo in Hamburg einen Brief vom Papa, der ihn auf das Gemessenste bedeutete, unverweilt nach Schloß R. hinüberzukommen, um dem dort einige Tage später stattfindenden solennen Ballfeste als ältester Sohn und nächster Repräsentant des Hauses mit beizuwohnen.

Was war da zu machen? Dem väterlichen Befehle mußte gehorsamt werden. Um nun aber die voraussichtliche Langweiligkeit des Zusammenseins mit all’ den steifen Vettern, Tanten und Muhmen sich einigermaßen eriträglich zu machen, lud Graf Bodo sowohl den Sohn des Senators F., wie auch einen zweiten Kieler Commilitonen, der dort zum Ferienbesuche mit verweilte, den Studiosus Heinrich G., Sohn einen mecklenburgischen Domänenpächters, ein, ihm als seine Gäste zu dieser Theilnahme an dem besagten Ballfeste das Geleite zu geben. Für den alten adelstolzen Grafen R. mochte es wohl gleich als ein kleiner Wermuthstropfen in seinem so vorsorglich präparirten Freudenbecher erscheinen, als sein Herr Sohn, mit zwei Begleitern in den Schloßhof sprengend, alsbald diese ihm einfach als seine Universitätsfreunde Herrn Studiosus F. und Herrn Studiosus G. präsentirte.

Der alte Herr ließ sich das aber nicht merken, empfing die beiden jungen Freunde seines Sohnes mit vollendeter Courtoisie, sie als willkommenste Gäste begrüßend, und mochte auch wohl darauf rechnen, daß diese beiden jungen Zeisige, unbemerkt hinsichtlich ihrer nichtedelmännischen Abkunft, im Schwarm der übrigen edlen und hochedlen Gesellschaft mitflattern würden. Doch Weiberaugen und Weibernasen sehen und spüren bekanntlich in gewissen Dingen noch schärfer als die eines Polizisten. Der Ball war am bestimmten Abende schon eine Stunde und länger im besten Gange, auch die drei Herren Studiosen hatten schon mit den theilweise hübschen Comtessen und Baronessen, denen sie sich bald als die flottesten Tänzer bewährt, weidlich der Lust des Tanzes gefröhnt, da sollte einer der selben eben so plötzlich wie ungeahnt an die Mangelhaftigkeit seiner Abkunft erinnert werden.

Ein neuer Walzer begann eben, als der Studiosus Heinrich G., der sich im Nebenzimmer bei einem Glase Wein etwas verspätet und nur noch wenige Tänzerinnen in der Damenreihe als noch nicht engagirt erblickte, sans façon vor einer derselben seinen Bückling machte und diese um den nächsten Tanz bat. Die Angeredete, eine geborene Reichsfreiin, Comtesse von A., ein schon etwas ältliches, steifes, nichts weniger als schönes, aber dafür desto adelstolzeres Fräulein, welche neben ihrer gleich gearteten Frau Mutter im Fauteuil sich fächelte, maß den jungen Herrn mit kalt verächtlichem [656] Blicke von unten bis oben und erwiderte ihm sodann vornehm näselnd: „Ich bedauere recht sehr. Sie sind bürgerlich. Ich tanze nur mit Edelleuten.“

Der junge G. zog sich, trotz der ihm sonst eigenen studentischen Keckheit, doch durch diese Antwort einigermaßen verblüfft, zurück.

„Was! Die alte Schachtel hat es gewagt, Dir, meinem Freunde, den Tanz zu versagen? Das ist ja zugleich eine directe Beleidigung für mich. Na, warte, ich werde sie gleich einmal abtrumpfen!“ brauste Graf Bodo R. auf, als sein Freund G. ihm, nach beendigtem Walzer, das eben erlebte Unglück im Nebenzimmer erzählte.

„Nein, laß das jetzt, Bodo,“ entgegnete Heinrich G., „mache jetzt keinen Spectakel, der die ganze Lustbarkeit stören würde.“

„Halt! mir kommt da ein Gedanke,“ wandte sich Graf Bodo zu seinem andern Freunde, dem Studiosus Arnold F., „gehe Du jetzt auch zu der Dame und bitte sie ebenfalls um einen Tanz! Wollen doch sehen, ob sie es mit Dir eben so macht.“

Herr Arnold F. machte seinen Gang und kam ebenfalls mit demselben Resultat zurück. Ihm war ein gleicher Korb gereicht worden.

„Nun, bei Gott, das ist zu viel!“ loderte der Graf Bodo auf, „dafür muß der alten eingebildeten Kokette eine exemplarische Züchtigung werden. Kommt, laßt uns bei ein paar Flaschen Wein darüber nachsinnen; zum Tanzen werden wir nun alle Drei doch keine Lust mehr haben.

Es war am zweiten Tage nach besagtem Balle, etwa um die zehnte Vormittagsstunde, als eine schwerfällige Landkutsche, in welcher zwei mit Pelzen und Fußsäcken gegen die Winterkälte wohlverwahrte Damen, eine ältere und eine jüngere, saßen, um die Ecke eines reifbedeckten Tannengehölzes, im langsamen Schritte der vorgespannten feisten Ackergäule, in einen Haideweg der weithin sich dehnenden schneebedeckten Ebene einbog. Die beiden weiblichen Insassen der Kutsche mochten, bei der Eintönigkeit und Stille der Landschaft, eben zu einem kleinen Morgenschläfchen eingenickt sein, als ein donnerndes Halt! von drei Männerstimmen sie wach schüttelte. Drei Männergestalten zu Pferde, mit langen Reitstiefeln, Jagdröcken und Pelzmützen bekleidet, wovon der eine eine Violine am Bande auf dem Rücken trug, waren, aus den Tannen heraussprengend, die drei Acteurs dieses Impromptus. Während der Fiedelträger, nachdem er dem Kutscher einige Worte in’s Ohr geraunt, abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes an eine Radspeiche festgebunden hatte, trat der eine seiner beiden berittenen Begleiter an den Kutschenschlag, öffnete denselben, lüftete zierlich seine Mütze und sprach: „Gnädigstes Fräulein, Comtesse von A., vorgestern Abend verweigerten Sie mir und meinem Freunde im Ballsaal des Grafen R. einen Tanz. Wir, als deutsche Studenten, sind aber nicht gewohnt uns derartig abspeisen zu lassen. Wir sind deshalb gekommen, und ersuchen Sie jetzt hier mit uns ein Tänzchen zu machen.“

Die Gnädige wollte sich sperren; allein der Redner wiederholte seine Aufforderung so eindringlichen Tones, mit einer Miene, die ihn entschlossen zeigte, die Dame nöthigenfalls gewaltsam aus dem Wagen zu holen und draußen mit sich im Kreise herumzuschwenken, daß sie wohl oder übel sich der Zumuthung zu fügen vorzog. Die Comtesse stieg, doch wohl mit einigem Zittern, aus ihrer Kutsche, der Student G. machte zierlichst seine Verbeugung, erfaßte seine nunmehrige Tänzerin, der vermummte Fiedler spielte einen raschen Walzer auf und das Pärchen machte seine Rundtour über und durch den Schnee der Haidfläche rings um den Wagen. Als diese erste Tour beendigt war, trat der Student F. vor und erbat auch für sich eine zweite von der Dame. Sie konnte auch dies natürlich nicht verweigern.

Derselbe Rundtanz wie vorhin um die Kutsche. Dann ward die Dame höflich wieder in ihren Wagen gehoben, eine artige stumme Verbeugung der beiden Tänzer gegen sie, und die Kutsche setzte sich langsam wieder in Bewegung nach der angeerbten Stammveste schützendem Dache.

In homerischem Gelächter aufbrausend aber sprengten die beiden Studenten und ihr vermummter Begleiter, dessen Person wohl unschwer zu errathen, nach des Freundes väterlichem Sitze heimwärts. Die beiden Damen sollen zwar nie von diesem „Walzer im Schnee“ erzählt haben, aber auf der Holsatenkneipe wie auf der ganzen Universität Kiel wurde die Geschichte davon bald und noch lange nachher jubelnd des Oeftern vorgetragen als einer der bestgelungenen Studentenstreiche.

W. S.