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Titel: Ein Türke
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 184-185
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[184]
Ein Türke.

Hyder Ali, den ich schon in Berlin als einen Theil der frühern türkischen Gesandtschaft hatte kennen lernen, begegnete mir neulich plötzlich in London. Wir erneuerten beiderseits unsere Bekanntschaft mit Herzlichkeit und besuchen uns nun gegenseitig zuweilen. Gestern trat er zu mir ein in der Dämmerstunde und grüßte mich in der üblichen, würdigen türkischen Weise: „Möge Ihr Abend glücklich sein!“ (aber auf Französisch, das er allein von allen fremden Sprachen flüssig sprach, so daß unsere ganze Unterhaltung französisch blieb.) Der üblichere, familiäre türkische Gruß: „Salem aleikum!“ (Friede sei mit Euch!) ist blos unter Muselmännern selbst Sitte. Ich wollte es ihm so behaglich als möglich machen, nöthigte ihn auf den englischen Couch“ (breites Sopha) und bot ihm eine Cigarre an, wozu ich Kaffee bestellte. Er verweigerte die Cigarre entschieden und sagte, daß der noch nie habe begreifen können, wie die „Franken“ selbst in Paris und London sich des Tabacks in einer so rohen Weise erfreuen könnten. „Wir lieben das Aroma, den Geist,“ fuhr er fort, „und destilliren selbst den Rauch durch das Wasser der Nargili. Es ist eine höhere, reinere, geistigere Art zu rauchen. Wir verunreinigen unsere Lippen nie durch eine Cigarre.“ Da ich keine Nargili hatte, wußte ich mir erst nicht zu helfen, schickte aber bald zu einem benachbarten Freunde, der wenigstens eine Chibuck-Pfeife hatte, und borgte mir sie. Ich füllte den kleinen Kopf mit englischem „Birds-eye“ („Vogelauge“, der gebräuchlichsten Sorte in England), stellte das metallene Pfeifenbrett auf den Fußboden, schrob das bernsteinbespitzte Kirschbaum-Rohr daran, legte eine Kohle auf den Taback (ein Fidibus ist dem Türken unmöglich), reichte ihm die Spitze und meinte nun, es ihm heimathlich gemacht zu haben, zumal da ich ihm auch den Kaffee in türkischer Manier schwarz mit dem „Satze“ und ohne Zucker in einem Glase bot. Er berührte die Bernsteinspitze dann und wann mit den Lippen, nahm einen „Paff“ und fuhr fort zu schweigen.

Nach einer Weile glaubte ich etwas sagen zu müssen und brach eine Gelegenheit vom Zaune der Gegenwart. „Apropos,“ frug ich, „wie geht es denn zu, daß die Türken, welche die Moskowiter (Russen heißen bei ihnen immer so) bei Oltenitza, Citate u. w. w. so tapfer schlugen und Silistria so heldenmüthig zu vertheidigen wußten, sich jetzt als Gassenkehrer der Alliirten in Balaklava brauchen lassen?“

„Ihr habt wahrscheinlich nicht von Amru, dem Sohne Madikarl’s gehört,“ war die Antwort, „dem Araber in den Zeiten der ersten Chalifen. Der Ruhm seines unüberwindlichen Schwertes war so groß, daß Omar, der Chalif, an ihn schrieb, er möge dieses Schwert in seinen Palast senden. Amru sandte es mit pflichtschuldiger Ehrerbietung; aber schon nach einigen Tagen kam eine Gesandter Omar’s zu ihm, daß das Schwert seinem Ruhme durchaus nicht entspreche und nicht besser sei, als jedes andere. Darauf sprach Amru: „Das ist wahr. Ich habe blos mein Schwert gesandt, nicht auch den Arm, der es zu schwingen weiß.“ Darauf sandte Omar zu Amru selbst und brachte Schwert und Helden zusammen, so daß er mit demselben der Schrecken aller Ungläubigen blieb. Die Alliirten haben aber durchaus nichts gelernt vom Chalifen. Sie verlangten blos das Schwert, nicht den Arm, der es schwingt, den Arm, den sie außerdem noch zu fesseln versuchen. Und nun sind sie doch zornig, daß sie das Schwert werthlos finden.“

Diese Anspielung auf Ausmerzung der einzigen Helden, welche die türkische Armee allein zu schwingen verstanden, die auf Oesterreichs Veranlassung vorgenommene Ausscheidung der Renegaten-Offiziere, welche den Stab Omer Paschas bildeten, war ganz im orientalischen Style gehalten, wie Hyder Ali überhaupt alle guten Seiten des Türkenthums beibehalten zu haben scheint, so viele Jahre er sich auch schon im „civilisirten Westen“ aufhielt.

„Aber Amru,“ erwiederte ich, mich möglichst seiner Ausdrucksweise anbequemend, „war nur ein Sterblicher. Was war das Schicksal seines Schwertes?“

„Allah ordnete es so,“ antwortete er, „daß Amru’s Schwert immer einen Arm, es zu schwingen, fände, so oft es gilt, es gegen Unrecht und Anmaßung zu führen. Wir finden es noch einmal in unserer Geschichte erwähnt. Als der byzantinische Kaiser Nikephoros den Tribut an Harun al Raschid, den großen Chalifen, verweigerte (obgleich ihn die Kaiserin Irene versprochen) und statt des Goldes ein Dutzend Schwerter sandte, nahm Harun Amru’s Schwert und hieb die zwölf griechischen Schwerter mit einem Streiche durch, als wären es Rüben. „Wenn ihr keine bessern Klingen in eurem Lande habt,“ sagte Harun zu den Gesandten, „so nimm diese Stücke zurück und bezahlt den Tribut, wie bisher.“ Aber sie verweigerten das Gold, und Harun nahm Amru’s Schwert und holte es sich, wenigstens die Stadt Erekli am schwarzen Meere, die ihr Heraclea nennt.“

„Harun,“ engegnete ich, „bekam in Heraclea eine Goldmine, obgleich er sie nicht erkannte. Und eure unthätige Regierung denkt noch bis heute nicht daran, sie sich zu Nutze zu machen. Hat man nicht bei Heraclea ein reiches Bett von Anthracit-Kohlen entdeckt? Haben wir nicht Recht, euer Volk Barbaren zu nennen, da ihr euch durchaus nicht zu industriellen Unternehmungen entschließen könnt?“

Hyder Ali behielt seine größte Seelenruhe und erwiederte mit der kältesten Würde: „Wir nehmen von Erekli gerade so viel Kohlen, als wir für unsere Dampfschiffe brauchen. In unseren Häusern lieben wir sie nicht, wie die Engländer thun. Von diesen Engländern haben wir auch gelernt, daß Baumwollemachen und Machen von allem Möglichen, um nur Geld für sich und keinen Menschen, nicht einmal sich selbst glücklich zu machen, für uns nicht paßt. Wir lieben es nicht, unser Leben zu opfern, um viel Geld zu hinterlassen, uns und unsere Herzen gegen unser eigenes Glück und das Recht der Andern zu verschließen, um sagen zu können: wir haben viel Geld. Wozu mehr Dinge schaffen, als wir zum ruhigen, einfachen Leben brauchen? Wozu Kohlen haben, die wir nicht verbrennen wollen? Die Engländer wollten Kohlen verbrennen. Die Armee bei Balaklava brauchte Feuerung. Sie schifften ihre Kohlen nach Malta, von Malta nach Corfu, von Corfu nach Balaklava, und ließen ihre Soldaten erfrieren und verhungern, während Erekli, die „Goldmine“, die Jeder kennt, Balaklava gerade gegenüber liegt. Warum gaben sich die gebildeten Franken nicht selbst den guten Rath, den sie brauchten? Mögen die Franken unsere Kohlen brennen, wir haben nichts dagegen. Ihr dürft uns nicht für eure eigenen Fehler tadeln.“

Ich merkte, daß er sich etwas verletzt fühlte und lenkte das Gespräch auf die glänzende, poetische, gebildete, weise Periode Harun al Raschids zurück. Er pries ihn mit glühender Malerei und erzählte folgende Anekdote:

„Der Chalif hatte manche Umdrehungen des Schicksals erfahren, aber sein Glaube blieb ungewunden und stark. Sein Vater al Maadi überließ die Sorge seiner Regierung seinen beiden Söhnen gemeinschaftlich, damit sie mit vereinten Kräften Recht übten und den Islam ausbreiteten. Aber der ältere Bruder weigerte sich, gerecht gegen den jüngern Bruder zu sein, verstieß ihn und beraubte ihn all seines Rechtes und seiner Habe. Al Hadi hieß der ältere, der jüngere war Harun al Raschid. Der letztere stand nun beraubt all seiner Güter an der Brücke des Tigris und sah zu, wie die Wogen des Flusses alle nach dem Meere liefen unaufhaltsam, ohne daß eine wiederkehren dürfte. Und so dachte er, wie auch sein Glück gegangen sei, eins nach dem andern, und keins wiederkehrte.

Nur seines Vaters kostbarer Ring war ihm geblieben, dessen er sich sehr freute im Glanze der Sonne auf der Brücke des Tigris. Der Schein seines Edelgesteins war ihm die letzte Bürgschaft seiner geschwundenen Größe. Aber in demselben Augenblicke kamen Boten von Al Hadi, welche den Ring zurückverlangten. Harun nahm ihn von der linken Hand, hielt ihn noch einmal gegen die Sonne, warf ihn in die Wogen des Tigris und sprach zu den Boten:

„Erzählt Eurem Meister, daß alle seine Macht diesen Ring nicht zurückbringen kann. Er ist begraben im Bette des Tigris, wo ihn kein Taucher finden kann. Soll ich das letzte Zeichen meiner Geburt verlieren, will ich wenigstens es nicht ihm geben, der mich beraubt hat aller meiner Rechte.“

Al Hadi versprach dem Taucher, der den Ring wiederbringen würde, einen königlichen Preis, aber der Fluß hatte ihn verschlungen und gab ihn nicht heraus.

[185] Fünf Monate später stand Harun auf derselben Brücke. Sein Bruder war gestorben und hatte ihm die Alleinherrschaft über das große Reich hinterlassen müssen. Umjauchzt von dem frohlockenden Volke ritt er triumphreich in seinen Palast. Auf der Brücke fiel ihm die Wendung des Glückes in den Sinn. Er nahm jetzt seinen bleiernen Ring, den er bisher als Zeichen seines Unglücks getragen, vom Finger und warf das letzte Zeichen seines Elends in die Fluth.

„Auf nun, Taucher!“ rief er, „hinab! Zehn Beutel Goldes für den, der mir den Ring kann wieder zeigen!“

Große Massen von Schwimmern und Tauchern sprangen hinab in die Fluthen und verschwanden. Der Erste, der wieder auftauchte schwang freudig einen Ring in der Hand. Es war der Juwelenring des Vaters. Den bleiernen fand Niemand wieder.“

„Danke für diese schöne Version des griechischen Polykrates-Ringes!“ rief ich. „Es ist eine sinnige Verbesserung der Sage. Doch warum so lange bei alten Geschichten weilen? Warum bekümmert sich euer Volk überhaupt nicht gern um die Gegenwart und liest keine Zeitungen?“

„Ich kann diese eure Zeitungspapiere nicht lesen, Herr!“ rief er mit Entrüstung, „sie ekeln mich an. Ich verstehe sehr wohl die Worte der französischen und englischen Zeitungen, aber ich finde nicht den Werth und Sinn darin, den Ihr Franken darin sucht. Ich bin bekannt geworden mit vielen jener Männer, welche eifrig Profession daraus machen, die öffentliche Meinung zu fabriciren, just wie der Weber sein Zeug zusammenwirkt. Ich kam öfter mit ihnen in londoner und pariser Gesellschaften zusammen und sah, daß sich Niemand viel um das bekümmerte, was sie sagten, weil sie als Personen bekannt waren, die nicht viel zu sagen und keinen besondern Werth haben. Sobald nun aber dieselben Personen unbekannt werden und als Unbekannte, ihrem Namen und ihrer Person noch nicht zu Entdeckende ihre Worte und Meinungen in großen Papieren drucken lassen, werden sie als Meinung der Nation, als öffentliche Meinung geachtet und gewinnen Einfluß auf Eure Gesetzgeber und Minister, welche nicht die geringste Notiz von dem unbekannten Schreiber selbst nehmen. Ich bin in Ava, der großen Stadt des birmanischen Reiches, gewesen und habe gesehen, wie das Volk vor dem Priester niederkniet, wenn er seinen großen, gelben Mantel trägt; wenn er ihn aber wusch und auf eine Stange zum Trocknen hing, gingen sie ohne das geringste Zeichen von Ehrfurcht vor ihm vorbei. Sie werfen sich blos vor dem gelben Kleide nieder. Ihr Franken nennt die Birmanier Barbaren, aber seid Ihr besser? Sind diese Engländer hier nicht viel schlimmer, welche sich, wie es der Punch neulich abbildete, vor einem mit einem Staatsmantel angethanen und an einen Stammbaum gelehnten Perrückenholzkopf niederwerfen, obgleich sie die Freiheit haben, auf ihren eigenen Füßen stehen zu bleiben und auf ihren Kopf zu bestehen?“

Ich mußte Beifall lächeln, so unangenehm mir auch seine einleuchtende Wahrheit die Augen drückte.

„Sie haben in mancher Beziehung Recht,“ erwiederte ich, „aber gegen die Zeitungen sind Sie zu streng. Sie verstehen die Institutionen des Westens noch nicht zu würdigen, von denen die Presse eine der wichtigsten und segensreichsten ist. Haben wir nicht Ge- und Verbrechen zu rügen und große Männer öffentlich anzuerkennen?“

„Große Männer?“ fragte Hyder Ali mit einem ungemein großen „Paff“ aus dem Chibuck, indem die beiden großen Augen mit ungemein viel Weiß aus der Dunkelheit unter dem rothen Fez strahlten. „Wenn Ihr wirklich große Männer habt, um so schlimmer für Euch. In den Zeitungen find’ ich keine. Die Presse läßt sie in England nicht aufkommen, in Frankreich giebt es gar keine Presse. Ihr liebt und begreift die großen Männer nicht. Ein Franke in meinem Lande hatte einen gefährlichen Weg vor sich voller Felsen und Gruben und Deiche. Sein arabischer Führer brachte ihm ein Kameel und einen Esel, um auf einem von beiden den Weg zu reiten. Der Franke sah sich das Kameel an, wie es mit hochgerichtetem Kopfe gerade aus in die weite Ferne sah, ohne auf seine Füße zu sehen, und hielt es deshalb für unsicher. Der Esel dagegen, der seinen Kopf zur Erde bog und gewissenhaft seine Füße besah und den Weg dicht vor sich, gefiel ihm. Er genoß sofort das Vertrauen des Franken. Er bestieg den Esel, der Araber das Kameel. Der arme, gewissenhafte Esel stolperte über jeden Stein auf dem Wege und fiel in den ersten Deich mit seinem Reiter, während das Kameel mit hochgerichtetem, weithinsehendem Haupte stolz dahinschritt über Steine und Gruben.“

„Wie kommt es,“ rief der abgesetzte Reiter des Esels, „daß der Esel mit aller seiner Gewissenhaftigkeit und Aufmerksamkeit auf jede nahe Gefahr stolpert und fällt, während das Kameel, ohne einmal auf den Weg unter sich zu sehen, die Gefahren vermeidet oder überschreitet?“

„Der Esel,“ erwiederte der Araber, „hält seinen Kopf so nahe zur Erde und betrachtet nur das Nahe und Einzelne (wie Eure Staatsmänner und Eure Zeitungen – fügte Hyder Ali halblaut hinzu) und sieht die Gefahr erst, wenn sie so nahe ist, daß er sie nicht mehr vermeiden kann; das Kameel sieht den Feind schon in der Ferne und seine Füße gehorchen dem Haupte.“

Hyder Ali hatt seine Pfeife auf delicate, künstlerische, sparsame Weise ausgeraucht. Er erhob sich gravitätisch und sprach:

„Möge Ihre Nacht glücklich sein, Herr!“ und so ging er, ohne sich noch einmal umzukehren, obgleich ich ihn mit dem schnell angezündeten Lichte bis an die Thür begleitete, als wollt’ er mein Nachdenken über seine Parabel mit keiner Silbe mehr stören. Indem ich darüber nachdachte, schrieb ich sie nieder, aber für keine Zeitung, sondern für ein gemüthliches Blatt, das sich nicht, wie der Essel, mit blos naheliegenden, für den Tag geltenden und flatternden Fliegen und Gefahren beschäftigt, sondern ein Verdienst darin sucht, die Leser durch ewige Wahrheiten in der Natur und im Menschenleben zu beruhigen, zu erheitern und so über die Steine des Anstoßes hinweg tragen zu helfen.

Dieses Gespräch mit dem Türken ward nicht als interessant und wichtig in sich mitgetheilt, sondern als ein Hülfslicht für die Betrachtung eines Volkes und einer Kultur, woran wir alle Antheil nehmen, da die Geschichte offenbar die Absicht hegt, eine bedeutende Aenderung damit und unmittelbar auch mit uns vorzunehmen.