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Titel: Die Industrie-Ausstellung in Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 180-184
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[180]
Die Industrie-Ausstellung in Paris.

Ein Janustempel des Friedens will sich wieder öffnen, während der Krieg sich bemüht, ihn geschlossen zu halten und sein Licht unter den Scheffel zu stellen, damit Mars um so ausschließlicher blitzen und donnern könne. Die Industrie-Ausstellung in Paris ist nicht nur eine Lebensfrage für Paris, sondern auch für die ganze westliche Civilisation. Gelingt sie nicht, macht ganz Paris bankerott und Barricaden, sagen manche Leute. „Das Kaiserthum ist der Friede,“ hieß es früher. Jetzt sagt dieselbe Autorität, d. h. der Kaiser der Franzosen:

[181]
Die Gartenlaube (1855) b 181.jpg

Der Palast der Industrie-Ausstellung in Paris.

[182] „Die Industrie-Ausstellung ist der Friede und noch mehr!“

Es wird gefürchtet, daß sie neben dem Kriege Fiasco machen könne, so daß alle möglichen Anstrengungen gemacht werden, den brüllenden Mars vorher zum Schweigen zu bringen. In Paris, wo Gewerbe und Handel und alle ihre Lebensquellen der Luxus-Industrie bedeutend siechen, haben Alle ihre Hoffnungen auf die Industrie-Ausstellung gebaut: Zimmer zu vermiethen, Hotels, Proviant-Speculationen, ungeheuere Vorräthe von Ladenhütern, Tausende von Arbeit- und Brotlosen – alle trösten sich bis zur Eröffnung des großen Friedenstempels.

So knüpft sich ein ungewöhnliches Interesse an diesen neuen Tempel auf den elysäischen Feldern, wo er sich unter bedeutender, wenn auch nicht sehr laut gewordener Opposition erhob, da er einen der schönsten Plätze der Welt in seinen lachenden Aus- und Fernsichten unterbricht und zwar auf die Dauer. Man will ihn nicht wieder abtragen, sondern zu einer bleibenden Schau- und Kultusstätte machen. Auch dieser Nebenumstand ist von Wichtigkeit. Es hängt von dem Erfolge ab, ob die Pariser den Verlust ihrer schönsten Promenade verschmerzen. Ob das große Unternehmen neben dem Kriege oder gegen ihn siegen werde, läßt sich jetzt noch gar nicht mit irgend einer Wahrscheinlichkeit voraussehen. Jedenfalls ist ihm der glänzendste Erfolg zu gönnen, da es unter allen Umständen zur Entwaffnung des barbarischen Mars beitragen und weiter ausbilden wird, was das eigentliche Vaterland der Industrie-Ausstellungen und die erste kosmopolitische Exhibition in London anlegten und begründeten.

Paris, die graciöseste Königin aller schönen Industrie, ist auch die Geburtsstätte der Gewerbe-Ausstellungen. Die erste nationale Schau der Art fand vor mehr als anderthalb Jahrhunderten statt, im Schlosse St. Cloud unter Präsidentschaft und auf Veranlassung des Marquis d’Avèze und zwar mitten im Schrecken der ersten großen Revolution. Die Leute schrien nach Arbeit und Brot. Er sammelte die Prachtwerke der Gobelins von Sèvres und Savonneir in seinem Schlosse zur Ansicht und zum Verkaufe. Bald wimmelte das Schloß von froher Gesellschaft, die schaute und kaufte und die Wuth der Revolution in sich und Andern milderte. Die nächste Ausstellung fiel in das Jahr 1801, im Louvre, und hatte so glänzenden Erfolg, daß schon im nächsten Jahre eine dritte folgte. Die andern vertheilen sich auf die Jahre 1806 (nach der Schlacht bei Jena) 1819, 1823, 1827, 1834, 1839, 1844 und 1849. Die letzte galt auch als die erste und vollkommenste, als ein Triumph des Geschmacks in der französischen Kunst, Technik und Industrie. Man hatte für sie ebenfalls einen besondern Tempel auf den elysäischen Feldern errichtet. Die Zahl der Aussteller betrug 4494. Die Franzosen waren die Ersten, welche der Industrie Kulturtempel erbaueten. Bei ihnen gehört dieser Kultus gewissermaßen schon zu den nationalen Institutionen mit systematischen, regelmäßig wiederkehrenden Ausstellungsfestlichkeiten. Da dieser Kultus auch bei andern civilisirten Völkern bereits Bedürfniß geworden ist, läßt sich erwarten oder wollen wir wenigstens hoffen und wünschen, daß der geflügelte Merkur und die aus sich selbst bewaffnete, Städte und Civilisation schützende Pallas Athene (welche bekanntlich schon im trojanischen Kriege für die Civilisation Partei nahm) diesmal einen recht gründlichen Sieg über den confusen, ideenlosen, entweder blos barbarisch brüllenden oder feig diplomatisch lispelnden Kriegsgott Mars feiere. Paris, das so oft durch Umstürzen von Wagen und Verstopfung der Straßen sich selbst und andere Völker zu falschen Freiheitskämpfen verführte, ist der Welt Beispiele wahrer Freiheit doppelt schuldig. Der umgestürzte Wagen ist nicht die wahre Revolution, sondern der gehende, fliegende, ungehindert Völker zu Völkern bringende, Ideen und Waaren befördernde und austauschende.

Der Ausstellungstempel ist, architektonisch genommen, eben so originell wie der kosmopolitische Krystalltempel im Hydepark zu London es war, eine Combination des Massiven und Substantiellen der Baukunst mit dem Luftigen und Leichten des Londoner Palastes. Die irdische Grundlage, die majestätische Hauptfront mit dem kolossalen Hauptthore in der Mitte sind eine edeler Körper für das große, gen Himmel gerichtete Auge des Daches, welches das Himmelslicht in voller Kraft herunter führt in die prächtigen und geschmackvoll decorirten einzelnen Gebiete der Nationen und der Kunst- und Industriezweige. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß die innern Einrichtungen an Zweckmäßigkeit und Schönheit die des Londoner Tempels von 1851 bei Weitem übertreffen. Dafür bürgt schon der natürliche Formen- und der hochgebildete Kunstsinn der Franzosen. Was ihnen an politischer Freiheit, an Talent für staatliche Schönheit abgeht, hat sich um so vollkommener, graziöser in ihrer Industrie, in ihnen persönlich entwickelt. Der Engländer stolzirt mit seiner politischen Freiheit und ist dabei persönlich serviler als irgend eine unterdrückte Nation. Er mißbraucht seine Freiheit freiwillig zur Speichelleckerei gegen Lords, Banquiers, Bischöfe und sonstige Personen von Geld und Geltung. Der englische Arbeiter und Ladenbesitzer ist unangenehm höflich gegen Leute, die über ihm zu stehen scheinen. Der französische Arbeiter zeigt in seiner blauen Blouse im Vergleich zu dem englischen eben so viel persönliches Selbstgefühl, als höfliche, gebildete Formen, die dem Engländer bis in die höchsten Stände ziemlich abgehen. Der Engländer ist Sclave eines Mechanismus auch in staatlicher Beziehung, der Franzose hat immer etwas von der Noblesse, der Selbstbestimmung, dem Stolze des schaffenden und denkenden Künstlers, wenn er nicht durchweg einer sein sollte. Die Franzosen sind seit 1848 der Kulturgeschichte einen Beitrag schuldig. Jetzt wollen sie ihn liefern. Von Herzen wünschen wir, daß er sich als gelungen bethätige.