Ein Standhafter

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Titel: Ein Standhafter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 688
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[688] Ein Standhafter. Es war am Tage der Schlacht von Mars la Tour und Vionville. Leider hatte meine Abtheilung statt in den Kampf eintreten zu dürfen, den Auftrag erhalten, die Wagencolonne von Pont à Mousson nach Thiaucourt zu begleiten. Als wir das kleine Städtchen im Thale mit seiner schmalen, abschüssigen Bergstraße erreicht hatten, langten bereits die ersten Wagen mit Verwundeten an. Wir fragten nicht erst nach dem Ausgange der Schlacht, nach unseren Verlusten, sondern griffen wacker zu, trugen die Verwundeten behutsam von den Wagen in das Lazareth und theilten ihnen aus Brodbeutel und Tornister unaufgefordert alle unsere Schätze mit. Nicht lange, so waren die Schule neben der Kirche und der Saal in der Mairie, der als Bureau für das Hauptquartier bestimmt war, mit Verwundeten überfüllt, und die Aerzte konnten ihre Operationen beginnen.

Ganz zuletzt, weit nach Mitternacht, bot Dr. Ritterfeld aus Berlin, Arzt bei der freiwilligen Krankenpflegercompagnie der Johanniter, seine geschickte Hand in der Kirche von Thiaucourt einem originellen, braven Verwundeten, dem Gefreiten Stert der 5. Compagnie des 20. Regiments. Dieser hatte einen Schuß durch den linken Nasenflügel und den Oberkiefer derselben Seite, von dort in den rechten Oberkiefer und dann in den rechten Unterkiefer erhalten. Die benannten Knochenpartien waren sämmtlich zerschmettert und die in dem Unterkiefer festsitzende Chassepotkugel wurde von Dr. Ritterfeld herausgeholt. Bei der Untersuchung fand der Arzt, daß die vorderen Seiten der Oberkiefer und die Gaumenknochen, sowie sämmtliche obere Zähne fehlten. Er konnte mit dem Finger bis an die untere Augenfläche reichen; die Zähne des linken Unterkiefers schlotterten im Munde umher. Auf die Frage des Arztes, wo denn die fehlenden Knochen geblieben seien, griff Stert in einer Anwandlung von Humor in die Rocktaschen und holte die vermißten hervor. „Sie baumelten,“ sagte er, „mir gar so widerwärtig im Munde herum, und da habe ich sie mir mit dem Taschenmesser ganz abgeschnitten.“ Stert, der den dargereichten Wein nur mit größter Mühe durch die Halsmuskeln in seinen Magen brachte, sprach natürlich höchst unverständlich. Er erzählte:

„Ich bin von Vionville bis hierher ganz allein gegangen. Wenn ich umfallen wollte, dann sagte ich im Stillen zu mir: Hundsfott, willst du weiter! So bin ich denn bis in diese Kirche gekommen. Ach, was wird nun meine Braut sagen! Ob ich sie wohl wieder ordentlich küssen kann? Aber die Franzosen soll das Donnerwetter holen! Herr Doctor, kann ich denn wohl in vierzehn Tagen wieder mit?“

Der Arzt war über diese Standhaftigkeit und diesen Muth so gerührt, daß er erwiderte: „Komm’, Stert, Du sollst einen Kuß haben!“ Dann legten sie sich auf’s Stroh und schliefen Beide auf den Stufen des geweihten Altars.

Als ich am Morgen des Siebenzehnten ganz früh die kleine Kirche betrat, schliefen die Verwundeten alle so fest und sanft, daß ich leise zurücktrat und den jungen Geistlichen fast mit Gewalt hinausführte, der über die Entweihung seines Gotteshauses ein sehr entrüstetes Gesicht zeigte. W. P.