Ein Sennhirte

Textdaten
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Autor: Johann Christian Lobe
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Titel: Ein Sennhirte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 216–218
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Sennhirte.

Ich bin ein armer, alter, müder, abgespannter Musikant! Ich habe so viel und so lange in den Tönen geschwelgt, daß ich, nun übersatt, nicht selten an gänzlicher Musik-Appetitlosigkeit leide.

Ach! der Enthusiasmus für meine schöne Kunst ist dahin, – wenigstens für die neueren Wunder-Componisten und Wunder-Virtuosen. An dessen Stelle hat sich die eckligste, minutiöseste Kritik eingenistet, diese grämliche Canaille, die neidisch alle naiven Kunstfreuden zerstört. Es ist erschrecklich, wie tief ich dadurch heruntergekommen bin. Mir kann in Sachen der Kunst nichts mehr ganz recht gemacht werden; überall finde ich auszusetzen, zu mäkeln, denn immer muß ich vergleichen – alle Componisten mit Beethoven, alle Cellospieler mit Bernhard Romberg, alle Violinspieler mit Paganini, alle Clavierspieler mit Liszt, alle Concertsängerinnen mit der Catalani, alle dramatischen mit der Schröder-Devrient! – Denn alle diese höchsten Genien im Reiche der Tonkunst habe ich gehört und gesehen, und alle noch im Frühling und Sommer meines Lebens, da mein Blut durch die Kunstflammen noch leicht in’s Kochen zu bringen war. Sie leben, tönen, klingen, spielen in meiner Erinnerung fort, und da kann ich nun mit dem besten Willen bei den neueren Kunstproductionen nicht mehr in Erstaunen, Bewunderung und Entzückungskrämpfe gerathen.

Ach ja – das ist der Jammer des Alters! Man ist Alles gewohnt worden! Was daher die jüngere Generation als etwas ganz Neues, Unerhörtes, noch niemals Dagewesenes in wahre Wuthflammen des Enthusiasmus versetzt, sie zu hundertfachem Herausrufen, Dacaposchreien, Pferdeausspannen etc. treibt, das alles streicht an Unsereinem als schon längst und besser Dagewesenes wirkungslos vorüber. Das Schlimmste ist, daß ich das alte Lied „Zu meiner Zeit war’s besser!“ sehr wohl kenne und an Anderen oft genug verlacht habe, wie uns jetzt die frohe Jugend mit ihren frischeren, helleren Sinnen und wärmeren Herzen verlachen mag. Was hilft es aber, seine Schwächen zu erkennen, wenn man sie nicht besiegen kann?!

Solche miserabele trübselige Stimmungen suchen mich von Jahr zu Jahr immer öfter heim, und gerade zu einer derartigen melancholischsten Stunde tritt das Dienstmädchen in meine Arbeitsklause und meldet: „Ein fremder Virtuose wünscht Sie zu sprechen.“

„Kreuz und Schwert!“ zürn’ ich ihr entgegen, „wie oft soll ich Dir noch sagen, daß ich die Vormittage nicht zu Hause bin!“ – Nun hat sie’s aber schon verrathen, und ich muß den ungebetenen Gast annehmen.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine Ader diplomatischer Verstellungskunst in mir verspürt, und mein von Natur grämliches Faltengesicht nicht freundlich glätten können, wenn sich eine ärgerliche Empfindung in mir regte. Ich fürchtete daher für mich und für den Fremden, suchte mich aber, gutmüthig, wie ich doch eigentlich bin, zusammenzunehmen.

„Laß ihn kommen!“

Ein junger, hübscher, blühender Mann, von gedrungenem Bau, ein Dreißiger wohl schon, tritt ein, und seine unbefangene treuherzige Ansprache macht einen guten Eindruck. Aber der Teufel traue einem Virtuosenbesuche!

Er heiße Diem, sei Cellovirtuos, im Begriff zum ersten Mal eine größere Kunstreise anzutreten, und wolle Leipzig nicht vorübergehen, ohne etc.

Ach ja, das ist die alte, abgedroschene Melodie, die sie jeder Feder vorsingen, von der sie einen Liebesdienst verlangen. Der Kern folgte denn auch gleich: Wenn ich in einer größeren Zeitung einige freundlich empfehlende Worte über ihn schreiben wolle, würde seine Laufbahn dadurch sicher bedeutend geebnet werden, die, „wie Sie ja am besten wissen, in unserer virtuosenreichen Zeit immer precärer und dornenvoller wird.“

In einer größeren Zeitung! Mein Gott, dachte ich, aus welchem fernen Winkel der Erde kommt denn der gute Mann her? Der führt ja noch alle Taschen voll unschuldigen Vertrauens auf die Menschen, und sogar auf die Recensenten mit sich!

Ich brauchte einige allgemeine Redensarten; da fing aber mein Besuch davon zu erzählen an, wie er vor zehn Jahren noch mit dem blauen Schurz als Knecht eines Allgäuer Bauern das Feld gepflügt, Kühe und Ochsen in benachbarte Städte zum Verkauf getrieben, und vor drei Jahren den ersten Strich auf dem Violoncell gethan habe. Ich machte gewiß ein etwas ungläubiges Gesicht; trotzdem aber konnte ich nun nicht mehr widerstehen und rief: „Nun denn, mit Vergnügen, wollen Sie heut’ Abend mit einem Butterbrot bei mir fürlieb nehmen, so sollen Sie willkommen sein.“

‚Mit Vergnügen!‘ ‚Willkommen sein!‘ So muß auch der ehrlichste Kerl zuweilen heucheln, wenn er bescheidenen Menschen nicht weh thun will. Ich seufzte ja bei diesem ‚willkommem sein‘ innerlich recht schwer über das zu erwartende – Vergnügen, denn was – um Gotteswillen, kann Einer nach erst dreijährigem Studium auf dem Cello leisten, dem schwersten aller Instrumente! Auf den zwei oberen Saiten, die, weich gesponnen, leicht und willig ihre Töne hergeben, geht’s wohl, da hört man sonore Klänge. Geräth aber die Composition in Leidenschaft, ich meine in die Passagenwühlereien, dann geht auf den borstigeren, tieferen Saiten ein Rumpeln, Grunzen, Glucksen los, als würde ein Schwein abgestochen, und schießen sie hinauf in die hohen und höchsten Regionen, so pfeift’s, fischelt’s, kratzt’s und schrillt’s, daß es Einem in die Zähne fährt, als würde mit Löschpapier über eine Glasscheibe gestrichen! Man hört eben bei den Streichkünstlern viel kunstreiche Töne, aber wenig schöne Klänge!

Dachte ich nun an die nur dreijährige Uebung meines Mannes, und sah ich dazu sein natürlich einfaches Benehmen, das so gar nichts Virtuosenhaftes zeigte, – manch vierteljähriger Conservatorist hat sich wahrlich schon ein genialeres Ansehen anzuschaffen gewußt, – so kann man sich denken, was ich von dem heutigen Abend erwartete! Nichts mehr und nichts weniger als die schrecklichste Pein für’s Ohr, und Langeweile für den Geist.

Herr Diem ließ Abends nicht auf sich warten. Er langte aus seinem Kasten, was mich einigermaßen wunderte, einen echten Guarneri heraus und begann zu spielen, natürlich, wie’s kein Virtuose jetzt anders mehr darf, auswendig, und, was mir auffiel, aber sehr gefiel, ohne alles äußerlich carrikirte Mitspiel des Körpers, womit jetzt so mancher Virtuose seine Genialität und innerlich tiefe Gefühlserregung anschaulich zu machen beliebt.

Ja, was soll ich sagen? Kaum hatte er begonnen, – das „Ave Maria“ war’s von Fr. Schubert, – so fühlte ich, daß meine Augen sich feuchteten. Warum soll ich mich schämen, zu sagen, was wahr ist? Erzählte mir doch Mendelssohn einstmals auch ohne die geringste Scham, daß ihm die Thränen jedesmal in die Augen träten, wenn er das Papagenolied in der Zauberflöte höre!

Sicher wirkte hier auf mich mit, daß ich, den gegebenen Umständen nach, doch nur etwas sehr Gewöhnliches erwarten zu dürfen glaubte. Und nun hörte ich einen Virtuosen allererster und allerbester Art! Ein Ton, voll und männlich in den kräftigen, weich und zart in den sanften Stellen, aber immer rein und edel; – eine Fertigkeit, die mit spielender Sicherheit die schwierigsten Stellen überwand, Läufer von rapider Schnelligkeit über das ganze Griffbrett hinweg bis in die höchste Flageoletregion, Terzen-Duodecimen-Doppelgriffe, ein seltenes Staccato, in den Cantilenen ein tief in’s Herz tönender Gesang. Und was am Cellospieler vorzüglich zu schätzen, war das geschickte Maßhalten mit dem Bogen in den Passagen und Kraftstellen, wodurch er das schreckliche Kratzen und Fischeln zu vermeiden wußte.

Er fing an, wie schon bemerkt, das „Ave Maria“ von Fr. Schubert auf den Tenorsaiten zu singen, so tief empfunden, so rührend, mit so wohllautendem Klang! Dann entfaltete er in dem Concert von Goltermann, darauf in der „Schweizermelodie“ von Goßmann die eminenteste Fertigkeit und Kürze, es war eine Virtuosenerscheinung, wie sie natürlicher, schöner, Herz, Seele und Geist befriedigender nicht gedacht werden kann.

Nun aber – als wir bei der Tasse Thee und einfachem Imbiß saßen, brach ich hervor: „Jetzt, Meister Diem, gestehen Sie vorerst gefälligst, daß Sie mit Ihrer Erzählung, Sie seien ‚vor zehn Jahren noch Bauerknecht gewesen‘ und ‚hätten vor drei Jahren den ersten Strich auf dem Cello gethan,‘ einen Scherz gemacht haben.“

[217] „Keinesweges,“ erwiderte er, „es ist genau so, wie ich sagte.“

„Nun, denn, so erzählen Sie mir Ihren Lebensgang, der absonderlich genug gewesen sein muß, wenn er einen zwanzigjährigen Bauernknecht zu einem dreißigjährigen Virtuosen ersten Ranges umzumodeln vermochte.“

Ich fasse seine Mittheilungen hier kurz zusammen. Joseph Diem ist der Sohn armer Bauerleute, geboren zu Kellmünz bei Memmingen in Baiern. Die Musik war ihm allerdings angeboren, denn schon als Kind in der Schule lernte er bei seinem Schulmeister Violine spielen, wobei sich, was seine spätere Ausbildung allein erklärlich macht, eine schnelle geistige Fassungskraft und mechanische, gelenke Ausübungsfähigkeit zeigte. Nach einem halbjährigen Unterricht, in seinem neunten bis zehnten Jahre, spielte er bereits Ouvertüren, so fertig wenigstens, als es sein Meister selbst vermochte.

Talent, Lust, Fleiß – aber ringsum kein Auge und Ohr und Herz dafür! Mit dem zehnten Jahre mußte er hinaus auf die einsame Weide, um Kühe und Ochsen zu hüten. Aber die Musik verließ ihn nicht, sie folgte ihm auch dahin. Sie hatte sich schon fest eingenistet in seine Seele, und alle Gedanken des armen Hirtenjungen richteten sich entschieden und entschlossen nur auf das eine Ziel, ein berühmter Tonkünstler zu werden.

Der ganze Jahreslohn des jungen Hirten bestand in einigen Gulden, einem Paar Stiefeln und einem Hemde. Dennoch ersparte er sich davon fünf Gulden, kaufte sich in Memmingen eine Flöte und Scala dazu, und lernte damit, umgeben von seinen vierbeinigen Genossen auf den sonnigen Höhen der Alm sitzend, fern von den Wohnungen und dem Getriebe der Menschen, dieses Instrument spielen. Auf eben solche Art ging’s nach und nach weiter mit Clarinette, Horn, Trompete etc. Während dreier Jahre, die er später in Kellershausen als Senne verlebte, zog er nun schon alle Musikanten ringsherum an sich, und bildete daraus eine kleine Capelle. Aber unter welchen Umständen! Die Uebungen und Proben mit seinen Schülern mußte er lange Zeit – im Kuhstalle abhalten. Endlich erhielt er die Erlaubniß, das Schulzimmer als Uebungslocal benutzen zu dürfen. Er brachte es dahin, daß er mit seinen Leuten zum Tanzaufspielen, bei Kirchweihen und Kirchenmusiken verlangt wurde. Unbegreiflich fast ist die Energie, die physische Kraft, die Ausdauer, die er dabei zeigte. Wenn Diem von Nachmittag an bis Morgens zwei bis drei Uhr ununterbrochen zum Tanze aufgespielt hatte und ganz erschöpft nach Hause kam, mußte er sofort fünfundzwanzig bis dreißig Kühe melken, und er konnte den Melkkübel gewandt handhaben. Er war als „guter Senn“ bekannt, denn was er war, war er ganz. Seine Käse wären immer sauber und gut gerathen. Auch hatte er die Natur, Krankheiten und Heilarten seiner Thiere fleißig beobachtet, und so wurde der junge Senn oft stundenweit gerufen bei Gebresten und Nöthen der Kühe, was ihm neben Geld auch einmal drei Tage Einsperrung zuzog und zwar auf Klage des Thierarztes wegen unbefugter Ausübung der Thierheilkunde.

Daß er ein Musiker in höherem Sinne werden wolle und müsse und könne, stand fest bei ihm; aber wie, das wußte er nicht. Nur Eins begriff er, daß vor Allem Geld dazu nöthig sei. Zu diesem Zwecke lebte er mit der Sparsamkeit eines Geizhalses, trieb die Entbehrungen bis auf’s Maximum und sah sich endlich dadurch und mit Hülfe der Einnahmen von dem Tanzaufspielen, von den Concerten etc. im Besitz eines Sümmchens von zweihundertfünfzig Gulden. Was und wo aber damit anfangen? Hier nun sandte ihm das Schicksal zum ersten Male seinen Beistand – durch einen Ochsen! Im Jahre 1857 nämlich trieb Diem einen solchen Vierfüßler nach Memmingen, um ihn für seinen Herrn zu verkaufen. Auf dem Heimwege kam er an der katholischen Kirche vorbei, gerade als drinnen Probe zur Kirchenmusik gehalten wurde. Diem ging auf die Orgel und ersuchte den Nächsten, ihm seine Violine zu überlassen, er wolle spielen. Der Angeredete schaute den Bauerburschen, mit der nicht ganz saubern Schürze verwundert an, gab ihm aber, wohl in Erwartung eines zu erlebenden Spaßes, die Geige. Chordirigent und Pfarrer staunten über den sichern Mitspieler und riethen ihm dringend, sich der Musik ausschließlich zu widmen und vor Allem ordentlichen Unterricht zu nehmen. Da bekam er denn endlich den nöthigen Muth. Entschlossen gab er seinen Dienst als Bauerknecht auf und ging mit seinen zweihundertfünfzig ersparten Gulden nach Augsburg, um Musik zu studiren. Er nahm Unterricht bei Fehlner.

Aber die paar Gulden schmolzen schneller, als die Fertigkeit kam, und der Geldmangel trieb ihn zu einer böhmischen Musikbande, wo ein Geiger fehlte; da machte der Schwabe, der Sechste im Bunde, als Pseudoböhmake die Reisen der fahrenden Künstler mit. Sie durchzogen die Schweiz und mehrere deutsche Länder, aber mit dem Verdienste stand’s schlecht. Diem mußte oft bitter Noth leiden. An ein Capitälchen sammeln, wie er gehofft, war nicht zu denken. Enttäuscht verließ er die Gesellschaft, um wieder heimwärts zu steuern.

Das war eine lange traurige Wanderung! Im Winter, acht Tage vor Weihnachten, trat er sie von Zürich aus an, mit einem einzigen Franc in der Tasche! Indessen hatte er bei sich, was ihm zur Noth durchhelfen konnte – seine Geige. Er kehrte Abends in einsamen Gehöften oder Dorfschenken ein, und es gelang ihm, für seinen Magen ein Nachtmahl und für seine müden Glieder ein Strohlager zu ergeigen. Wer, der ihn so durch Wind und Wetter, auf der öden menschenleeren Straße oft in die Nacht hinein, dahinwandern gesehen oder wie er in gemeinen Kneipen den Bauern aufspielte, wer hätte ihm prophezeien mögen, daß er einst in glänzenden Concertsälen vor dem feinsten Publicum als Virtuose ersten Ranges auftreten werde, und zwar auf einem Instrumente, an das er damals noch gar nicht dachte, auf dem Cello! Indessen muß er doch schon zu jener traurigen Wanderzeit eine nicht unbedeutende Fertigkeit auf der Violine gezeigt haben. Denn einmal, in St. Gallen, war ihm vergönnt, vor einer musikalischen Privatgesellschaft ein Violinsolo zu spielen, wofür ihm das für seine Lage honette Honorar von dreißig Francs gezahlt wurde; ein zweites Mal lächelte ihm ein ähnliches Glück in Lindau. Das waren aber doch nur einzelne Lichtblicke auf seiner dunklen Bahn. Das Ende dieses traurigen Wanderliedes war, daß er entblößt von allen Mitteln und in sehr defecter Kleidung nach Hause kam, wo es ihm nicht an Spott der plumpen unwissenden Bauern über den hochtrabenden Musikanten fehlte. Das entmuthigte ihn aber nicht, und um so weniger, als bald darauf eine Wendung in seinem Leben eintrat, die ihn für immer aus den niederen Kreisen herauszog und in die der feinen gebildeten Welt führte.

Ein wohlhabender Jude, der Gutsbesitzer Kaula, unterstützte den Katholiken Diem und gewann auch einige andere wackere Leute für ihn, wodurch er in den Stand gesetzt wurde, vier Jahre das Musikconservatorium in München zu frequentiren, immer noch in dem Glauben, für die Violine bestimmt zu sein, weshalb er sich in den Unterricht Lauterbach’s, des berühmten Geigenspielers, jetzigen Concertmeisters in Dresden, begab. Bald jedoch war es ihm, als warne ihn etwas, daß er dabei nicht bleiben solle. Das Cello war’s, das ihm zurief: wähle mich, gehe zu mir über, ich werde der beste Interpret deines reichen inneren Gefühlslebens werden! Mit dem fünfundzwanzigsten Jahre that er den ersten Griff und Strich darauf, und so bedeutend war die Kraft seines Talentes, so energisch sein Wille und so unermüdbar seine Ausdauer im Ueben Tag und Nacht, wobei ihn sein eiserner Körper willig unterstützte, daß er drei Jahre danach sein erstes Concert im Saale zur goldenen Traube in Augsburg gab. Immer unverrückbar auf sein Ziel blickend, hatte er sich nun auch wieder so viel gespart, daß er den berühmten Cellisten Coßmann, damals in Baden lebend, als Lehrer wählen, ihm auch später nach Weimar, wo derselbe als Kammermusicus angestellt war, folgen konnte.

Wie Diem als Cellovirtuos sich auf die Höhe der Ersten seines Fachs emporschwang, erwarb er sich auch durch unablässige Lecture und Umgang mit der feineren Gesellschaft eine Bildung, die immerhin merkwürdig ist, wenn man die niedere Sphäre kennt, in der er geboren und in der er einen großen Theil seiner Jugend festgehalten wurde. Auch für ein gutes Instrument sorgte der Himmel durch einen Gönner, den Fabrikbesitzer Zeltner in Nürnberg. Dieser edle Mann schenkte Diem das prachtvolle Instrument, das er jetzt besitzt, ein Werk des Jos. Guarneri, gut und gern seine siebenhundert Gulden werth.

Diem hat schon mehrere kleine Kunstreisen gemacht, hat in Stuttgart, Nürnberg, Hannover, Ulm etc. gespielt, immer mit außerordentlichem Erfolge. Jetzt will er weiter, in die große weite Welt hinaus, und eine nicht geringe Triebfeder dabei ist der Wunsch, seiner Mutter in ihren alten Tagen eine heitere Existenz [218] zu schaffen. So ziehe denn hin, treuer liebevoller Sohn, wackerer, echter, bescheidener Künstler; die Stürme sind überstanden, der Hafen ist erreicht.

Es wird aber vielleicht Mancher, der diese Schilderung liest, denken: „Na, da ist der alte Musikant wieder einmal in seinen Lobe-Paroxysmus verfallen, wie es ihm schon manchmal passirte.“

Darauf erwidere ich: „Das soll mir Einer sagen, nachdem er Diem gehört hat!“
J. C. Lobe.