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Autor: Otto Girndt
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Titel: Ein Seebad
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50–52, S. 829–834, 845–848, 861–864
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[829]
Ein Seebad.
Von Otto Girndt.


1.

Vor dem Café Quadri in Venedig saß unter den alten Procuratien mit Cameraden seiner Waffengattung der Lieutenant Antonio di Fabbris am Abend bei der Mokkatasse und wiegte das jugendliche Haupt nach dem Tact der Musik, die in der Mitte des Marcus-Platzes von der Stadtcapelle auf tragbarem Orchester ausgeführt ward. Ein Theil des zahlreichen Publicums, das sich zum Concert eingefunden, umgab dichtgedrängt wie eine lebendige Mauer die Musikbühne; ein anderer Theil wogte unter dem glänzenden Licht der hohen Gascandelaber auf und ab; ein dritter sah, gleich dem Kreis der Officiere, um kleine Kaffee- und Eistische gruppirt, dem Treiben zu, musterte die Fremden, die aus allen Nationen hier zusammenströmen, oder ergab sich der Unterhaltung mit seiner nächsten Umgebung.

Antonio di Fabbris war als Musikenthusiast bekannt; seine Freunde brachen daher ihm zu Gefallen jedes Mal das Gespräch ab, wenn eine neue Melodie begann. Die Cameraden hielten viel auf den jungen Gesellen; er war als militärische Erscheinung ihr Stolz; denn auf sein Aeußeres paßte, was die Tochter des Regiments in Donizetti’s Oper von dem Schweizer Tonio singt: „Er war der Allerschönste im zweiten Regiment.“ Sein dunkler Teint verlieh ihm ein über seine Jahre männliches Aussehen; sein Wuchs war schlank; er hatte breite Schultern, schmale Hüften, und in seiner Gliederbewegung trat eine Grazie zu Tage, wie sie sonst nur den Frauen eigen zu sein pflegt.

Fabbris entstammte einer alten florentinischen Familie, deren Wappen aber verblichen war, bis Antonio’s Vater es mit neuem Firniß überzog, indem er eine reiche Kaufherrntochter heirathete. Dem einzigen Sohn überließ er es, auch in anderer Hinsicht den Glanz seines Adels wieder zu heben; der junge Lieutenant, der sich schon als Kind für die Kriegerlaufbahn entschieden, mußte, wenn er die väterliche Meinung nicht täuschen wollte, einmal den Generalsrang erreichen.

Bekanntlich wohnt in einem schönen Körper nicht immer eine schöne Seele, indeß Antonio’s Charakter ließ so wenig zu wünschen übrig wie seine Gestalt. Für seine Standesgenossen hatte er eine stets offene Helferhand, wenn Dieser oder Jener sich leichtsinnig in Schulden gestürzt, und er fragte nie, ob oder wann er ein Darlehn wiederbekäme. Seine Mittel erlaubten ihm, großmüthig zu sein. Für seine eigenen Bedürfnisse brauchte er wenig; kostspieligen Leidenschaften huldigte er nicht, nur auf eine ausgezeichnete fachwissenschaftliche Bibliothek legte er Werth und benutzte sie in dienstfreien Stunden eifrig. Die Abende verbrachte er entweder mit seines Gleichen im Freien oder in Familien, wo er eingeführt war. Die vornehmsten Häuser standen ihm durch Empfehlungen offen; auch beim Herzog Bevilacqua hatte er Zutritt gefunden. Der Herzog besaß einen der berühmtesten Paläste am großen Canal und von seiner frühgestorbenen Gemahlin nur ein Kind, eine Tochter.

Erminia hätte schon als kaum erblühte fünfzehnjährige Jungfrau einem Fürsten die Hand reichen können, wenn der Herzog es vermocht hätte, sich von seinem Augapfel zu trennen. Jetzt zählte sie achtzehn Sommer und mochte ihrerseits den Vater nicht verlassen. Sie wußte alle Verehrer, die ihr nahten, in Schranken zu halten, sodaß Keiner offen mit einer Bewerbung heranzutreten wagte und man ihr bereits den Beinamen „Penelope“ gab. Die Bezeichnung war ihr zu Ohren gedrungen – sie lachte darüber. Seit aber Antonio di Fabbris in ihr Haus kam, der ihr achtzehn Jahre im Alter voraus war, bewog sie nicht mehr die Kindesliebe allein, sich frei zu bewahren; sie wünschte heimlich, der Lieutenant möchte sich um sie bewerben.

Doch von Antonio’s Seite blieb es bei harmlosem Verkehr, er merkte nicht einmal, daß Erminia tieferen Antheil an ihm nahm. Wäre sie seiner Gegenliebe gewiß gewesen, von ihrem Vater durfte sie keinen Einwand gegen eine Verbindung unter ihrem Stande fürchten, wenigstens traute sie sich zu, derartige Scrupel des Herzogs leicht zu beseitigen; der gute Herr konnte ihr ja Nichts auf der Welt abschlagen – dazu war er selbst viel zu sehr verliebt in die Tochter. Und konnten die Connexionen Bevilacqua’s am Königshofe, wo er jeden Winter einige Monate mit Erminia verweilte, dem jungen Officier nicht zu ausnahmweise rascher Beförderung verhelfen? Aber, wie gesagt, Fabbris bemerkte die Zuneigung nicht, die man am großen Canal für ihn hegte. Er redete das Herzogskind fortgesetzt „Altezza“ (Hoheit) an, obschon er nach kurzer Bekanntschaft schlechtweg als „Signor Antonio“ begrüßt ward, da der Italiener im traulichen Umgang gern den Familiennamen fallen läßt und sich nur des Vornamens bedient.

Jedesmal, wenn Antonio seine Abenderholung auf dem Marcus-Platz suchte, konnte er auf den zierlichen Knicks eines Blumenmädchens gefaßt sein, das ihm nie das schönste ihrer kleinen Sträußchen vergeblich bot. Regelmäßig empfing die wandernde Händlerin das Fünffache des üblichen Preises für ihre duftende Gabe, die der Abnehmer später meistens liegen ließ oder zerpflückte. Kein Wunder, daß die Fioraja – so heißt in der Landessprache ein Blumenmädchen – sich so gewissenhaft mit ihrem Körbchen am Café Quadri einstellte.

[830] Auch heut kam sie, trat jedoch nicht sofort an den Tisch der Officiere, sondern wartete, bis das Musikstück, das gerade gespielt wurde, die letzte Note erreicht; denn sie hatte den Augen ihres Gönners längst abgemerkt, wie unliebsam ihm jede Störung war, so lange die Instrumente klangen. Das Mädchen ließ sogar noch in der Pause die Töne eine Minute in dem Hörer nachwirken, ehe sie näher trippelte und sich lächelnd präsentirte. Die gewohnte Zahlung glitt ihr in die Hand, aber ihr freundliches Dankwort überhörte Fabbris. Ihn fesselte in dem Augenblicke eine weibliche Erscheinung, die sich königlich von der Menge der Lustwandelnden abhob und fast noch mehr, als durch ihren edlen Wuchs, durch eine Fülle goldblonden Haares auffiel, wie Antonio es noch nie auf einem weiblichen Scheitel gesehen. Sie zog die Augen von allen Seiten auf sich; das Publicum wich ihr aus, stand bewundernd still und schaute ihr nach. Antonio’s Cameraden hatten sie mit ihm zu gleicher Zeit entdeckt.

„Seht, seht,“ flüsterten sie, „wer mag die Fremde sein?“

Denn daß keine Venetianerin vorüberschritt, wußte Jeder; ein solches Phänomen, wenn es der Stadt angehörte, hätte man gekannt.

„Wunderbar!“ murmelte Antonio starren Blicks und erhob sich unwillkürlich halb vom Sessel, um das Meteor zu verfolgen, bis es im Gewühl der Passanten verschwand. Die Officiere stellten jetzt allerlei Vermuthungen auf, welchem Volk der Erde das herrliche Weib entsprossen; Einer meinte, sie müsse eine Engländerin sein; der Andere hielt sie für eine Deutsche; der Dritte versetzte ihren Ursprung nach Schweden; der Vierte gar nach Amerika. Fabbris kümmerte sich nicht um ihr Vaterland; er äußerte nur: „Reicheres Goldhaar kann Lucrezia Borgia, kann Berenice nicht besessen haben.“

In demselben Augenblick klang ein frisches, bekanntes Stimmchen hinter ihm: „Befehlen die Herren zu wissen, wer die Fremde ist?“

Antonio erkannte seine Fioraja, die sich inzwischen nicht entfernt, und forderte hastig Aufschluß.

Die Kleine knixte.

„Eine polnische Gräfin!“. Und da sie sich dachte, daß der Fragende nicht zürnen werde, wenn er noch mehr erführe, ließ sie geschwind folgen: „Wohnt an der Riva, ‚Hôtel Danieli’.“

„Wer hat Dir gesagt, Angela, daß sie eine Polin?“ forschte Fabbris.

„Gestern war sie in der Marcus-Kirche; da hört’ ich’s von den Umstehenden.“

Antonio nickte und winkte dem Mädchen, zu gehen. Sie gehorchte. Er war gespannt, ob das wunderbare Wesen noch einmal sichtbar werden würde, und, was ihm nie zuvor passirt, er gab nicht Acht, als die Musik auf’s Neue begann. Seine Erwartung blieb unbefriedigt; die Polin mußte auf der entgegengesetzten Seite des Platzes längs der neuen Procuratien den Rückweg zur Riva eingeschlagen haben. Die übrigen Officiere trösteten sich mit der Hoffnung auf den nächsten Tag, wo sie dem „Hôtel Danieli“ Fensterpromenade machen wollten. Fabbris zog schweigend die Stirn kraus. Einer Dame in solcher Weise Aufmerksamkeit zu zeigen, war nicht seine Art.

Vielleicht wiederholte die Gräfin ihren Spaziergang am folgenden Abend. Aber da mußte Antonio dem Marcus-Platze fern bleiben; er hatte eine Einladung zum Herzog Bevilacqua. Sollte er absagen, nachdem er angenommen? Aus welchem Grunde? Es wäre unrecht und thöricht gewesen. Es verdroß ihn innerlich, dem Gedanken einen Moment Raum gegeben zu haben. Er stand auf, verabschiedete sich von den Cameraden unter dem Vorwand, in seiner Wohnung noch einen vergessenen Brief schreiben zu müssen, und ging.

Der Capitain Bordone lächelte hinter ihm her:

„Er will uns nur täuschen, er schreibt keinen Brief, ich weiß besser, was er vorhat.“

Die Uebrigen, neugierig gemacht, drangen in den Sprecher, sie einzuweihen, und Bordone that es.

„Fabbris ließ sich neulich mit der Feder in der Hand von mir überraschen, und ein allerdings indiscreter Blick auf das Papier orientirte mich über seine Thätigkeit. Man wird nächstens von einem neuen Militärschriftsteller hören. Er arbeitet an einem kriegswissenschaftlichen Werke.“

Ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens belohnte die Mittheilung. Der Capitain bat sie geheim zu halten, bis Fabbris selbst die Frucht seines Fleißes an’s Licht bringe. Jeder der Hörer machte sich verbindlich, zu schweigen, und Antonio ward jetzt Gegenstand einer äußerst lebhaften Unterhaltung; die Herren stimmten sämmtlich überein, er habe bei seinen vortrefflichen Eigenschaften und seiner Persönlichkeit unzweifelhaft eine Zukunft voll Glück und Ehre vor sich.

Hätte Antonio geahnt, wie man von ihm dachte und sprach, ihm wäre leichter zu Muthe gewesen. So aber fiel ihm plötzlich ein, seine Entfernung könne den Verdacht erregen, er wolle der Polin nachspüren, und er fürchtete für den nächsten Tag Fragen und Foppereien in dem Sinne. Wenn wir Menschen von starker Gemüthsbewegung ergriffen sind, bilden wir uns gar leicht ein, Jedermann sehe uns in’s Herz und errathe die Ursache unseres Zustandes.

In seinem Quartier angelangt, schnallte der Lieutenant den Säbel ab, doch an die Arbeit, wie Capitain Bordone geglaubt, setzte er sich nicht. Er nahm nur ein Buch zur Hand, aber auch mit dem Studiren wollte es heute nicht glücken; er las Worte ohne Inhalt und sprang bald wieder auf, um bis Mitternacht nichts weiter zu thun, als im Zimmer hin und her zu marschiren. Beständig sah er das Weib mit den goldenen Haaren vor sich. Gegen seinen Willen fühlte er sich zu der fremdartigen Schönheit mächtig hingezogen, doch wie sollte er sich ihr nähern? Und wenn sich ein Weg fand, was dann? Kannte er denn ihre Verhältnisse? War sie nicht etwa vermählt? Ihr nur Anbetung wie einem Madonnenbilde zu weihen, schien ihm auf die Dauer unmöglich.

Eine wilde Jagd von Gedanken und Wünschen brauste durch sein Hirn; mit einem Schlage war die ganze leidenschaftliche Natur des Südländers in ihm erwacht. Erschöpft von selbstgeschaffenen Qualen, warf er sich endlich halb entkleidet auf’s Bett. Da erinnerte er sich der deutschen Sage von der „Lorelei“, die er einmal, in seine Muttersprache übersetzt, gelesen; die polnische Gräfin glich der bethörenden Fee des Rheinstromes, und Antonio fing an von hohen Felsen, von rauschenden Wassern zu träumen; er lag in einer venetianischen Gondel, die ohne Fährmann einem schäumenden Strudel zwischen schwarzen Klippen entgegentrieb; er wollte nicht ertrinken, aber er konnte sich nicht aufraffen und das Ruder ergreifen, bis es ihm doch zuletzt mit einem jähen Rucke gelang.

Wirklich war er vom Kissen emporgefahren und riß die Augen auf – der Morgen dämmerte, ein Fensterladen hatte sich knarrend geöffnet, losgerissen vom Sturme, der sich im adriatischen Meere erhoben und, durch die Lagune hin wie dumpfer Donner rollend, sich in der Stadt verfing. Antonio schüttelte sich und dachte über sein peinigendes Traumbild nach, bis er die Quelle wiedergefunden, der es entsprungen. Er nahm sich vor, das Goldhaar und die Frau, die es trug, zu vergessen; fester Wille vermag ja viel. Ein Sturzbad, das er seinem heißen Kopfe bereitete, so gut es sich mit zwei Händen schaffen ließ, erfrischte und kräftigte ihn dergestalt, daß er sich wieder Mann fühlte. Das Frühlicht hatte zugenommen; er suchte einen Stoß beschriebener Blätter hervor, deren Geheimniß der Capitain Bordone ausgeplaudert, und siehe da, er fand sich im vollen Besitze der nöthigen Kraft und Sammlung, seine Arbeit fortzusetzen. Als er sie abbrach, um in den Dienst zu gehen, berechnete er, daß er nach wenigen Tagen den letzten Strich an dem Werke thun könne, wenn ihn nichts ableite und zerstreue.

Am Vormittage sollte das ganze Regiment, bei dem Antonio stand, exerciren. Im Casernenhofe trat es zum Ausmarsche an. Kaum hatte Fabbris einige Officiere, die sich vor ihm eingefunden, begrüßt, da erschien der Oberst, ließ einen Kreis um sich schließen und eröffnete, er habe soeben eine Depesche erhalten: in einer Woche komme der König nach Venedig.

Es war der erste Besuch, den Victor Emanuel nach der vollendeten Einigung Italiens und der Verlegung des Herrschersitzes von Florenz nach Rom seinen Venetianern abstatten wollte. In Aussicht hatte die Königsreise schon längere Zeit gestanden, nur war der Termin noch nicht bestimmt gewesen; nun rückte er auf einmal so nahe, daß jede Stunde wichtig wurde, um den Kriegsherrn gebührend zu empfangen. Von jetzt an sollte das Regiment täglich Uebungen vornehmen, damit es Ehre einlegte, mochte nun Seine Majestät Parade oder Manöver befehlen.

Antonio freute sich auf die angestrengtere Thätigkeit, und sein [831] Blick war heute geschärfter als je für das kleinste Versehen seiner Mannschaft. Weder in den Pausen beim Exerciren, noch an der Mittagstafel der unverheiratheten Officiere, die gemeinschaftlich im Arsenal zu speisen pflegten, fiel eine Silbe von der blonden Polin; die höchsten Herrschaften beschäftigten alle Gemüther ausschließlich.

Am Abend bestieg Fabbris eine Gondel zur Fahrt in den großen Canal. Er hätte den Palast des Herzogs Bevilacqua schneller erreicht, wenn er die engen Wasserstraßen mitten durch die Stadt gewählt, er zog es aber vor, sich längs der Riva an sein Ziel rudern zu lassen. Weshalb? Was konnte es schaden, wenn er das „Hôtel Danieli“ in’s Auge faßte? Glaubte er doch vor neuen Fieberanfechtungen sicher zu sein, falls er die Gräfin von ungefähr wiedersah. So forderte er das Schicksal heraus und – sollte es büßen. Unten vor dem Hôtel stand ein Blinder, der zur Guitarre sang. Die Stimme des greisen Tenoristen hatte vielleicht einst in großen Opern Furore gemacht; sie klang noch in Trümmern süß und ergreifend. Aus einem weitgeöffneten Balconfenster neigte sich lauschend eine herrliche Frauengestalt zu dem gefallenen Bühnenstern nieder; ihre Hand streckte sich vor; des Blinden Führer fing ihr Almosen im Hute auf.

Antonio unterschied zwar ihre Züge nicht, aber Gasstrahlen vom Kronleuchter im Zimmer hinter ihr streiften das üppige Haar und übergossen es mit röthlichem Schimmer, der die Gestalt eines Heiligenscheines annahm. Und einer Heiligen gleich erbarmte sie sich der irdischen Noth zu ihren Füßen. Wehe dem Zeugen in der dunklen Gondel! Ein Stich durchfuhr sein Herz – alle Vorsätze waren dahin.

Verwirrt, fast taumelnd betrat er den Palast Bevilacqua. Ein Kreis von Gästen umringte im großen Salon den Hausherrn. Natürlich war auch hier nur vom König die Rede, von den Empfangsfeierlichkeiten, welche der Gemeinderath vorbereitete, und den Huldigungen, die der Adel darbringen werde. Antonio’s Erscheinen wäre unbeachtet geblieben, hätte Erminia nicht der Damastportière, durch die sein Weg führte, gegenüber gestanden. Daß sie die Stellung absichtlich eingenommen, wer merkte es? Freundlich ging sie dem Ankömmling entgegen, er jedoch begrüßte sie so förmlich und gemessen, daß sie stutzte. Der übrigen Gesellschaft zugeführt, verhielt Antonio sich schweigsam, theilnahmlos. Erminia beobachtete ihn fortgesetzt, bis sich ihr Gelegenheit bot, ihn ohne Aufsehen in eine Nische zu ziehen.

„Signor Antonio, was fehlt Ihnen?“ fragte sie leise.

„Mir, Hoheit?“

„Sie sind zerstreut, niedergeschlagen.“

„O, nicht doch!“

„Wollen Sie mich täuschen? Ihr Herz ist nicht frei.“ Er zuckte leicht zusammen. Sie hatte einfach gemeint, sein Herz sei bedrückt; jetzt erst ward ihr klar, welch anderer Sinn sich in ihr Wort legen ließ. Doch sie bereute die Doppeldeutigkeit nicht, im Gegentheil, sein Erschrecken machte sie kühner: „Ihre Bewegung verräth, daß ich auf der rechten Fährte bin. – Sie schweigen noch? Sie haben ein Geheimniß? Ei, ei, was soll ich davon denken?“

Er versuchte zu lächeln: „Ihr Scharfblick, Hoheit, ist merkwürdig.“

„Lassen Sie die Hoheit weg, sehen Sie nur das neugierige Mädchen und – Ihre Freundin in mir!“

„Nun denn,“ versetzte er, „ich will es nicht leugnen, ich unterliege einer Bezauberung, gegen die ich vergebens ankämpfe.“

„Warum ankämpfen?“

„Ich muß mich selbst einen Thoren schelten.“

„Gewiß, wenn Sie als Soldat muthlos sind! Was ist einem Manne, der den Degen trägt, unerreichbar?“

„In meinem Falle ist der Degen stumpf.“

„Sie machen mich ungeduldig. Wer hat Sie bezaubert?“

„Ein Weib!“

Sie trat ganz dicht an ihn heran: „Der Name?“

„Ich weiß ihn nicht.“

„Wie?“

Er senkte den halb aufgeschlagenen Blick: „Hören Sie denn, was mir geschehen!“

Und er erzählte. Schon bei seinen ersten Worten lehnte Erminia sich in die Nische zurück, hastig den Fächer vor dem Gesicht bewegend. Ihr Athem flog, aber sie unterbrach den jungen Mann durch keinen Laut, bis sie Alles vernommen. Arglos beichtete er, ohne Ahnung, wie er enttäuschte, welche Empfindungen er weckte. Die weibliche Natur verliert in kritischen Lagen entweder plötzlich jeden Halt oder gewinnt eine Selbstbeherrschung, die den stärksten Mann beschämt. Das Zweite trat bei Erminia ein; Antonio sollte nicht gewahren, daß er ihr weh gethan. „Er weiß ja nichts von meiner Liebe,“ sagte sie sich im Stillen, „sonst würde er mir dieses Geständniß nicht ablegen.“ Sie grollte ihm nicht, vielmehr beschlich sie ein Bedauern, daß ihm der Blick fehlte, zu erkennen, wo ihm Neigung blühte, und daß er seine Schwärmerei einer Unbekannten zugewendet, deren Wesen, wie glänzend es Antonio auch geschildert, ihr einen instinctiven Argwohn einflößte.

„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,“ hob sie an, als der Officier schwieg, „und da ich mich Ihre Freundin genannt, zählen Sie auf meinen Beistand!“

„Beistand?“ Er hob die Augen.

„Nun, es muß Ihnen doch wünschenswerth sein, Genaueres über die schöne Gräfin zu erfahren?“ Und ihn schnell verlassend, trat sie an die Gruppe der Cavaliere, die ihren Vater umgab, und brach mit lauter Stimme keck die Frage vom Zaun, ob die Herren von der strahlenden Polin im „Hôtel Danieli“ gehört oder sie gar schon gesehen? Sofort bejahten Mehrere der Anwesenden, und Fürst Giovanelli erklärte, er habe in der Mittagsstunde das Vergnügen gehabt, die Gräfin Ludovica Bariatinska in nächster Nähe zu bewundern, da sie die Einrichtung seines Palastes in Augenschein zu nehmen gewünscht. Erminia kehrte sich nach Antonio um und winkte ihm, aufzupassen. Der Fürst schwelgte ebenfalls noch in der Erinnerung an das beispiellos üppige Prachthaar. Ludovica hatte ihm offenbart, sie sei sehr jung Wittwe geworden und suche seit dem Verlust ihres Gemahls auf Reisen Trost. „Venedig ist ihr neu,“ fuhr Giovanelli fort, „mein Haus gefiel ihr außerordentlich; ich rieth ihr, sich auch bei Ihnen umzusehen, lieber Herzog, und glaubte, sie einer freundlichen Aufnahme versichern zu dürfen.“

Bevilacqua nickte zustimmend, Erminia fragte schnell: „Wann will sie kommen?“

„O, sie wird nicht lange auf sich warten lassen,“ meinte der Fürst; „denn sie erkundigte sich sofort nach der Zeit, in der Ihr Palast Fremden zur Ansicht geöffnet ist. Sie spricht kein sonderliches Italienisch, desto besser aber Französisch.“

Bevilacqua beklagte, daß ihm selbst der angekündigte Besuch vielleicht verloren gehe, da er den Berathungen des Adels über die Ovationen bei der Ankunft des Königs präsidiren müsse, doch werde jedenfalls seine Tochter bereit sein, die Gräfin zu empfangen. Erminia versprach lebhaft, den Vater würdig zu vertreten; dann näherte sie sich wieder dem Lieutenant Fabbris und flüsterte ihm zu: „Ich werde die Dame auffordern, uns einen Abend zu schenken, dann sollen Sie hier sein. Sind Sie zufrieden?“

Antonio wollte ihr dankbaren Blickes die Hand küssen; sie schlug ihm abwehrend mit dem Fächer auf die Finger und richtete kein Wort mehr an ihn, auch nicht, als er mit den übrigen Gästen aufbrach.




2.

Fürst Giovanelli hatte Recht gehabt: Ludovica Bariatinska ließ nicht lange auf sich warten, schon am nächsten Mittag brachte Erminia’s alte Kammerfrau, die als Erbstück von der Mutter her im Hause geblieben, ihrer jungen Herrin die Visitenkarte der Polin. Eine Minute später stand die Gräfin vor dem Herzogskinde. Im ersten Eindruck liegt immer etwas Entscheidendes. Hatte Erminia sich nach den erhaltenen Beschreibungen zu hohe Begriffe von Ludovica’s Reizen gemacht, oder war das junge Mädchen eine zu strenge Kritikerin, genug, trotz der elegantesten Toilette und des graziösesten Lächelns wirkte die Bariatinska eher abstoßend, als anziehend auf sie. Im Auge der Ausländerin lag keine Güte, auch um den Mund spielte ein Zug, der auf wenig Herzenswärme deutete. Der Wuchs allerdings war untadelig, und das goldene Haar mußte Erminien wie Jeden, der es sah, zur Anerkennung seiner Wunderfülle hinreißen. In einer wahren Lockenfluth ringelte es sich unter dem koketten kleinen Hut, einem unverkennbaren Pariser Modell, hervor und floß den Nacken hinab bis tief auf den Rücken.

Erminia verbarg ihr Erstaunen, verbarg auch, daß sie vorbereitet [832] war auf den Gast, erbot sich aber, persönlich als Führerin durch die lange Zimmerflucht ihrer Wohnräume zu dienen, da ihr Vater abwesend sei. Ludovica fand das sehr liebenswürdig von Ihrer Hoheit und bat um Nachsicht für ihre eigene mangelhafte Ausdrucksweise in der Landessprache, die sie indessen nicht hindere, Alles zu verstehen, was sie höre. Gefällig schlug Erminia zur Erleichterung des Verkehrs eine französische Conversation vor; die Gräfin ging mit verbindlicher Neigung des stolzen Hauptes darauf ein, wobei ihr ein paar Locken nach vorn über die Schultern fielen. Unwillig warf sie dieselben zurück.

„Mein abscheuliches Haar! Es chicanirt mich beständig.“

Hatte sie dadurch auf ihren Reichthum aufmerksam zu machen getrachtet, so verrechnete sie sich; Erminia nahm keine Notiz von der Bemerkung, sondern schritt mit der Frage vorauf, ob die Gräfin sich mehr für moderne oder für antike Zimmerausstattung interessire; danach wolle sie ihr Verweilen in den einzelnen Gemächern richten. Ludovica entgegnete, hier erscheine ihr Alles entzückend, worauf ihr Blick falle; Erminia nahm aber wahr, wie oberflächlich die kunstreich geschnitzten Schränke, die Tische mit Intarsia-Arbeit, die Bronzegüsse und Porcellangefäße gemustert wurden, und kam auf den Gedanken, es sei der Polin um ganz andere Dinge bei der Visite zu thun, als um Bereicherung ihrer Anschauungen. In diesem Argwohn ward das junge Herz noch bestärkt durch Ludovica’s plötzliche Aeußerung:

„Sie werden nun bald das Glück haben, Hoheit, Seine Majestät in der Lagunenstadt zu sehen.“

„Ich sehe ihn jeden Winter am Hofe.“

„Ach, Sie Beneidenswerthe!“ seufzte die Andere. „Wie gern würde ich den hiesigen Festlichkeiten beiwohnen, wäre ich nicht fremd, ohne einflußreiche Bekanntschaften, durch die ich vorgestellt werden könnte!“ Da Erminia keinen Laut von sich gab, seufzte sie noch einmal: „Es ist wohl traurig, mit vierundzwanzig Jahren schon völlig vereinsamt in der Welt zu stehen!“

„Sie reisen ganz allein?“ fragte Erminia ziemlich kühl.

„Eine treue Dienerin aus vergangenen glücklichen Tagen ist meine einzige Begleitung.“ Und unaufgefordert erzählte sie, wie lange sie bereits Wittwe sei, und daß sie ihren verstorbenen Gemahl nirgend vergessen lerne.

Erminia dachte bei sich: „Wer sehnt sich zu vergessen, was ihm einst theuer gewesen?“ Ihr geheimer Widerwille gegen die Reisende wuchs, zumal diese hier ganz so mittheilsam war, wie Tags zuvor im Palaste Giovanelli; mutmaßlich also tischte die Gräfin aller Orten dieselbe Geschichte von ihrem Unglück auf. Das verletzte die feinfühlende Seele Erminia’s; sie wünschte die Polin möglichst schnell loszuwerden und beschloß ungeachtet der Verheißung, die sie dem Lieutenant Fabbris gegeben, ihr keinen abermaligen Zutritt zu gewähren. Sie wartete nur, bis Ludovica ihr Klagelied beendet, dann sagte sie:

„Nach diesem schmerzlichen Erguß, Frau Gräfin, sind Sie schwerlich gestimmt, noch Gemälde zu betrachten; ich führe Sie daher nicht mehr in unsere Gallerie hinauf.“

Die Polin biß sich auf die Lippe.

„Vielleicht gestatten mir Hoheit ein anderes Mal die Besichtigung.“

„Wenn Sie mich nicht finden,“ entgegnete Erminia, „die Frau des Portiers steht den Fremden stets in den Stunden von Zwölf bis Vier als Wegweiserin zur Verfügung.“

Die Gräfin empfahl sich, tiefen Aerger im Busen über das spröde, unzugängliche Kind, bei dem sie so gänzlich ihren Zweck verfehlt, zu imponiren und sich einzuschmeicheln. Die Herzogstochter gab ihr nur das Geleit bis an den Vorsaal und trug der dort harrenden Kammerfrau auf, sie die breite Marmortreppe hinunter an den Ausgang zu führen. In der Gondel vor dem Palaste saß „die einzig Treue“, die Reisebegleiterin der Wittwe, der Rückkehr ihrer Gebieterin gewärtig. Ludovica’s finstere Miene weissagte ihrem lauernden Blick nichts Gutes.

„An’s Hotel zurück!“ befahl die Gräfin barsch dem Ruderer.

Die Alte war aufgestanden, half ihr beim Einsteigen und fragte leise: „Nun?“

„Eine junge Gans, das Ding, ein Stockfisch!“ machte Ludovica sich in polnischen Lauten Luft.

„Wer?“ fragte Jene in demselben Idiom.

Die Herrin zerriß fast ihren Spitzenumhang vor Zorn.

„Den Herzog traf ich nicht, nur seine einfältige Tochter, die in ihren dummen Ohren Wachs zu haben schien.“

Das Fahrzeug flog an einem anderen vorüber, in dem ein sauber gekleidetes junges Mädchen saß, den Scheitel blos von einem leichten schwarzen Schleier bedeckt, wie ihn die Töchter der venetianischen Bürgerfamilien tragen. Weder die Gräfin noch ihre Magd hatte Augen für die Kleine, welche dagegen sie desto schärfer fixirte. Kurz nachher legte die zweite Gondel an; das Mädchen zog die Glocke am Gitterportal unter der Säulenvorhalle des herzoglichen Palastes und schlüpfte in’s Innere.

Erminia war in ihr Boudoir zurückgegangen. Wie sollte sie vor Fabbris ihren Wortbruch rechtfertigen? Sie hatte doch ungeschickt gehandelt, blos ihrer unmittelbaren Empfindung zu folgen. Ein Zusammentreffen Antonio’s mit der vergötterten Fremden hätte sein Gefühl vielleicht ebenfalls in Abneigung umgewandelt. Aber es war ihr durchaus unmöglich gewesen, der Gräfin die geringste Sympathie zu heucheln. Sie überlegte und faßte den Entschluß, dem jungen Officier die volle Wahrheit zu bekennen; denn daß sie aus Eifersucht falsch geurtheilt, konnte ihm nicht in den Sinn kommen. Noch hielt sie das liebliche Köpfchen in die Hand gestützt, als ihr ein Blumenmädchen gemeldet ward, das dringend um eine Audienz bitte. Erminia war befremdet, bewilligte aber den Einlaß.

Die Supplikantin führte sich mit überaus zierlichem Knix ein und zog den schwarzen Schleier unter dem Kinn zusammen.

„Wie heißest Du?“

„Angela, Hoheit!“

„Dein Begehren?“

„Sind Eure Hoheit eine Viertelstunde ungestört?“

„Was soll’s? Geschwind!“ drängte Erminia, jedoch ohne Härte.

„Hoheit kennen den Lieutenant Antonio di Fabbris.“

Die Angeredete ward sichtlich gespannt.

„Woher weißt Du?“

„Ich sah ihn eines Abends in Ihrer Gondel. Er ist immer sehr großmütig gegen mich. So oft ich ihm vor dem Café Quadri am Marcus-Platz ein Sträußchen reiche, schenkt er mir eine halbe Lira. Dafür bin ich ihm gut, und sein Wohl liegt mir am Herzen.“

„Wie das?“

„Hoheit hatten soeben Besuch von einer Dame.“

„Nun?“

„Ich bin ihr gefolgt. Ich habe einen Bekannten, der mich umsonst fährt. Wir kreuzten so lange im Canal herum, bis die Dame den Palast verließ.“

„Nun, nun?“

Ich kann’s dem Cavaliere di Fabbris nicht sagen, es schickt sich nicht, und mir würde er gram werden, aber Eure Hoheit kann ihn vor der Fremden warnen.“

Erminia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

„Mädchen! Wie sollte ich dazu kommen?“

„Sie sind eben die einzige Signora, die ich mit ihm bekannt weiß, darum bin ich so dreist.“

„Weshalb ihn warnen?“

„Vorgestern Abend trat ich gerade an seinen Tisch, als er die Fremde zum ersten Male sah. Ich bemerkte augenblicklich, wie sie seine Sinne gefangen nahm; ich sagte ihm, wo sie wohnt, was sie ist; ich hatte es zufällig erfahren. Jetzt habe ich mich weiter nach ihr erkundigt. Der Portier im ,Hôtel Danieli’ ist ein gewitzter Bursche. Er sieht es allen Leuten, die dort einkehren, an, weß Geistes Kinder sie sind. Er hat bedenkliche Anmerkungen über die polnische Gräfin gemacht.“

„So?“ fiel Erminia ein. „Und Deinem Portier bin ich zu glauben verpflichtet?“

„Wie hat die Dame denn Eurer Hoheit selbst gefallen?“

Auf die Gegenfrage war Erminia nicht gefaßt; sie hatte Mühe, keine Verwirrung zu zeigen. „Was geht Dich das an?“

Angela blinzelte schlau. „Hoheit weichen mir aus, sie hat Ihnen also nicht gefallen.“ Erminia machte eine Bewegung, die Fioraja ließ sich jedoch nicht einschüchtern. „Das kann auch gar nicht anders sein. Wer nur einmal begnadigt wird, Ihnen nahe in die Augen zu schauen, der weiß gleich, daß Sie nicht zu der Polin passen.“

„Spare Deine Schmeicheleien, Angela!“

[834] „Wahrhaftig, ich schmeichle nicht.“

„Es ist sehr dreist, mich mit solchem Anliegen zu behelligen.“

„Ich weiß es ja, Hoheit, aber wohin sollte ich denn sonst? Es wäre mir sehr leid um den Cavaliere di Fabbris, wenn er da etwa in Schlingen geriethe –“

„Das ist seine Sache,“ unterbrach Erminia nahezu heftig.

Angela ließ den Kopf sinken. „Verzeihung, Hoheit!“ Zwei schwere Tropfen rannen aus ihren Wimpern.

Die Aristokratin stand betroffen. „Was ist das? Du weinst? Sollte die Verwegenheit, mit der Du Dich zu mir gedrängt, wohl gar einen tieferen Grund haben? Du liebst den Cavaliere Fabbris?“

Die Fioraja sah unschuldig auf. „O nein! Ja, wenn ich eine Fürstin wäre und kein so häßlich Ding!“

„Du bist nicht häßlich.“

„Nicht?“ Angela strahlte plötzlich. „Wenn Eure Hoheit mir das sagt, muß es wahr sein. Ach, wie mich das freut! Ich habe immer gedacht, ich wäre kaum zum Ansehen.“

Erminia mußte lächeln. „Mädchen, Du gefällst mir.“ Angela klaschte außer sich in die Hände. „Ich meine,“ fuhr die Sprecherin erläuternd fort, „Dein Wesen sagt mir zu. Meine Kammerfrau ist betagt; hättest Du Lust, in meinen Dienst zu treten?“

Angela erstarrte fast. „Hoheit – solch Glück – ich?“

„Ja oder nein.“

„Ja, ja, mit tausend Freuden!“

„Wann kannst Du zu mir kommen?“

„Sobald Sie befehlen. Noch heut, noch heut!“

„Du bist Blumenhändlerin; kannst Du Dein Geschäft so ohne Weiteres aufgeben?“

„O, ich werde selig sein, wenn ich nicht mehr mit dem Korb auszugehen brauche. Glauben Sie nur, Hoheit, Unsereins hat manchmal recht rohe Behandlung zu erdulden. Nicht jeder Herr geht mit uns um wie der Lieutenant di Fabbris. Ach, und meine Eltern, wie werden die jubeln, wenn ich im Palast Bevilacqua im Dienst sein werde!“

Sie klatschte von Neuem in die Hände und hüpfte auf dem Flecke, wo sie stand, in die Höhe. Die vornehme junge Dame war bei ihrem Antrag im Grunde nur vom Eigennutz geleitet gewesen; jetzt erkannte sie zu ihrer Freude, daß sie unbewußt ein gutes Werk gethan. Angela wurde entlassen, um im elterlichen Hause ihre Sachen zu ordnen.

[845] Erminia rief ihre Kammerfrau und eröffnete ihr, was sie mit dem Mädchen verhandelt. Die Matrone nahm die Mittheilung anfangs mit Bestürzung auf; sie könne ihren Dienst noch mit ungeschwächter Kraft versehen, meinte sie; doch als sie den Trost empfing, sie solle keineswegs aus Amt und Würden verdrängt, sondern in ihren Leistungen nur unterstützt werden durch ein armes Kind, welches aus unerquicklichen Lebensverhältnissen in bessere zu kommen verdiene, da gab die gute Seele sich zufrieden.

Nach wenigen Stunden zog Angela mit ihren Habseligkeiten bei der neuen Herrschaft ein. Die Kammerfrau kam ihr mütterlich entgegen, klopfte ihr die Wangen und sagte:

„Sei nur immer recht artig gegen Hoheit! Sie verlangt nicht viel und ist nie schlechter Laune. Und wenn Du mit den Handreichungen in der ersten Zeit nicht Bescheid weißt, mein Töchterchen, so wende Dich getrost an mich! Ich werde Dich in Allem unterweisen.“

Angela fiel der alten Frau wie einer langjährigen Bekannten um den Hals, ließ sich ihr künftiges Zimmer zeigen, legte ihr Kleiderbündel ab, gönnte sich aber nicht Muße, es aufzuschnüren, bevor sie Erminia wiedergesehen. Die Kammerfrau begleitete sie, meldete sie an und blieb Zeugin der folgenden Begrüßung:

„Nun sei willkommen, Angela! Ich hoffe, Du wirst Dich bei uns wohl fühlen.“

„Ach, hier ist der Himmel, Hoheit. Mutter und Vater lassen Ihnen tausendfachen Dank für Ihre Gnade zu Füßen legen und werden täglich für Sie beten. Ich bringe auch eine große Neuigkeit mit.“

Erminia errieth, wen die Neuigkeit betraf, und entfernte die Kammerfrau mit einem kleinen Auftrage; dann befahl sie erwartungsvoll: Sprich!“

Angela’s Zunge ging wie ein Rädchen:

„Ich war unterwegs noch einmal im ‚Hôtel Danieli’. Habe ich Eurer Hoheit schon gesagt, daß es besonders das prächtige Haar der Gräfin ist, das dem Cavaliere Fabbris in die Augen gestochen? Ich weiß jetzt, wie seine Flamme zu löschen ist. Aber Hoheit müßten mir Urlaub geben, daß ich einmal in die Seebäder nach dem Lido hinausfahren kann.“

„Was schwatzest Du? Ich verstehe Dich nicht.“

„Ganz sollen mich Hoheit auch vor der Hand nicht verstehen; denn Sie werden sich nicht herablassen, eine Intrigue mitzuspielen.“

„Gewiß nicht!“ erklärte Erminia.

„Doch mich wollen Sie gewähren lassen?“

„Intriguen sind mir verhaßt – das merke Dir von vornherein!“

„Doch wenn es sich darum handelt, den Cavaliere vor Schaden zu bewahren?“

„Signor Fabbris steht in keiner Beziehung zu mir, die mich zu seiner Wächterin bestellte,“ entgegnete Erminia mit Haltung.

„Es kann Ihnen nimmermehr gleichgültig sein, wenn ein Freund Ihres Hauses und ein so edelmüthiger junger Herr Gefahr läuft.“

Hätte die Schwätzerin geahnt, wie sie der Hörerin aus der Seele sprach! Erminia ließ es nicht merken, wie ihr das Herz vor Freude darüber schlug, an ihrer Untergebenen ein Werkzeug zu gewinnen, das ihren Wünschen diente, ohne von ihr selbst dazu angeleitet zu werden. Scheinbar ruhig, ja kalt that sie die Frage: „Was willst Du auf dem Lido.“

„Das ist eben mein Geheimniß,“ lächelte Angela. „Der Portier bei Danieli, welcher das polnische versteht, hat ein Gespräch der Gräfin mit ihrer Dienerin belauscht. Der Cavaliere würde trotz seiner Schönheit doch kein Glück bei der Dame haben; denn sie [846] geht auf ganz andere Eroberungen aus. Sie will die Augen Seiner Majestät des Königs auf sich zu ziehen suchen, wenn der Monarch in der nächsten Woche unsere Stadt beehrt.“

„Nicht möglich!“ fuhr Erminia auf.

„Mein Portier verhört sich nicht,“ behauptete Angela. „Die Gräfin ist voller Wuth von Eurer Hoheit zurückgekommen, hat in ihren Zimmern laut auf die Kälte meiner gnädigen Herrin gescholten –“

Das Mädchen brach ab, da Erminia erregt einige Schritte durch das Gemach that.

„Dem ritterlichen König, der stets gegen meinen Vater und mich die Güte selbst gewesen, will diese – diese Circe nachstellen? Angela, ich ertheile Dir unbeschränkte Vollmacht; ich will Dein Mittel nicht kennen lernen, aber thu’, was Du magst, um das gefährliche Weib unschädlich zu machen!“

„O, das ist köstlich,“ frohlockte die Angerufene leise. „Doch wenn es gelungen, darf ich wohl erzählen, was ich angestellt? Im Vertrauen auf die Genehmigung meiner Herrin habe ich mit dem Portier schon das ganze Stückchen verabredet; es muß glücken; die Gräfin geht sicher in’s Garn, und die Badewärterin auf dem Lido ist meine Tante.“

Erminia war noch in Wallung.

„Ich begreife Dich nicht mit Deinem Lido, doch meinetwegen fahre hinaus!“

„Gut, ich verschwinde; vor Abend bin ich zurück, aber Hoheit müssen mir den Abend selbst auch noch Freiheit geben, wenn ich Alles in’s Werk richten und zwei –“

Sie stockte.

„Und zwei?“ wiederholte Erminia im Frageton.

„Verzeihung, ich wollte ungeziemender Weise sagen: wenn ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen soll. Heut Abend ist Concert auf dem Marcus-Platz, wenn das Wetter gut bleibt, und es bleibt gut. Bei der Musik fehlt der Cavaliere di Fabbris nie. Adio, Hoheit!“

Ohne die Antwort der Herrin abzuwarten, schlüpfte Angela geschmeidig wie eine Eidechse hinaus.

Erminia dachte unruhig, verstimmt den Reden des Mädchens nach. Gegen die Polin stieg geradezu Abscheu und Haß in ihr auf. Als sie den Vater heimkommen hörte, nahm sie sich zusammen, ihre Erbitterung zu unterdrücken, ließ die Bariatinska unerwähnt und theilte nur mit, daß sie eigenmächtig dem Dienstpersonal ein neues Glied einverleibt. Der Herzog, mit Allem zufrieden, was sein Töchterchen that, lobte ihren Einfall, weil man während der Abwesenheit des Königs mehr dienende Hände, als gewöhnlich, nöthig haben werde.

Der Abend kam. Auf dem Marcus-Platz herrschte großes Gewühl. Die Schauläden in den Arcaden der Procuratien, die Juwelier- und Glaswaarengewölbe, die Bilderhandlungen hatten in den beiden letzten Tagen merklich gearbeitet, ihr Bestes auszustellen; der Hof sollte seine Augenweide finden. Bis in die engsten, winkligsten Gassen war die Kunde von der nahen Ankunft des volksthümlichen Kronenträgers gedrungen, und Alles, was Beine hatte und nicht durch Krankheit gefesselt lag, war in Bewegung. Jeder wollte sehen, welche Zurüstungen getroffen wurden.

Antonio, der am Vormittag wieder tüchtig mit seinem Regiment exercirt hatte und dann in sein Quartier geeilt war, weil es ja möglich schien, daß er schon eine Einladung in den Palast Bevilacqua vorfand, hatte eben keine gefunden; sein goldhaariges Idol war also unzweifelhaft noch nicht bei Erminia gewesen. Er mußte sich in Geduld fassen und begab sich zu Tische in’s Arsenal. Ob die Gräfin sich heute wohl wieder unter die Menge auf dem Marcus-Platz mischte? Antonio wünschte es, deshalb hoffte er’s; und als die ersten Laternen ihr Licht ausstreuten, brach er sich Bahn durch den Volksstrom bis zu seinem Stammsitz vor dem Café Quadri.

Wie immer, gesellten sich Cameraden zu ihm; die Musik begann; sie spielte lebendiger, feuriger als je; die Vorfreude auf die kommenden Tage rauschte aus den Trompeten und Bombardons in die weiche Luft. Kaum war das erste Stück verklungen, so spürte Fabbris einen würzigen Duft in seiner Nähe und hörte von wohlbekannter Stimme einen freundlichen Abendgruß. Angela stand hinter ihm, ihr Blumenkörbchen wie sonst am Arm, und bot ihm das übliche Sträußchen dar. Aber als diesmal die halbe Lira in ihre Hand fallen sollte, lehnte sie die Annahme flüsternd ab und fügte, unhörbar für Antonio’s Tischnachbarn, hinzu: „Fahren Sie morgen Mittag nach dem Lido! Um zwei Uhr treffen Sie die blonde Gräfin dort in den Bädern. Still, Herr!“ bat sie, da sie sah, wie es ihn durchzucke. Den Finger auf den Mund gedrückt, huschte sie davon, im Nu von der großen Menschenwoge überfluthet.

Die anderen Officiere hatten die Fioraja ganz übersehen; ebenso entging ihnen die dunkle Gluth im Antlitz des jungen Waffenbruders, der sich einerseits unangenehm berührt fühlte, daß ein Mädchen wie Angela sein Herz durchschaut, andererseits aber wieder ihre Botschaft mit Entzücken vernommen hatte. Belogen war er sicherlich nicht, und am folgenden Tage fiel der Uebungsmarsch aus; in der Caserne sollten Monturen und Waffen geputzt werden; mithin stieß die Lidofahrt auf kein Hinderniß.

Angela eilte vom Marcus-Platze der Piazzetta zu. Dort schenkte sie ihr Körbchen einem Kinde, das ärmer war als sie. Zum letzten Mal hatte sie’s gefüllt, und sie triumphirte innerlich, daß sie sagen konnte: „Mein letztes Sträußchen war ein Geschenk an ihn.“ An der Riva wartete ihrer die Gondel des Freundes, der sie umsonst fuhr. Der braune Bursche ruderte in den großen Canal und hielt vor dem Palast Bevilacqua.




3.

Der Lido ist die äußerste und umfangreichste der Inseln, welche das Wasser der Lagunen oder Strandseen vom Adriatischen Meere scheiden. Auf der Südseite des Lido sind über Holzpfählen die Zellen erbaut, worin sich die Badegäste entkleiden, die weiblichen links, die männlichen rechts, und zwar stehen diese Zellen in Zusammenhang mit einer dazwischen liegenden Restauration, welche von einer Terrasse aus den Blick nach beiden Seiten hin frei giebt. Der alte Griechendichter Euripides singt: „Das Meer spült alles Schlechte von den Menschen ab.“ Auch von der strengen Etikette befreit es sie; die Schaumfluthen, wenn sie halbwegs hochgehen, werfen jenseit der nicht allzuweit in die Wellen ragenden Scheidewand häufig Männlein und Fräulein hart zusammen, woran die Badenden so wenig Anstoß nehmen, wie an den Zuschauern, die sich über die Brüstung der Terrasse lehnen. Enganliegende Wollengewänder ohne Aermel umschließen die Glieder der Frauen. Der Salzgehalt der Adria ist stärker, als der des ligurischen und tyrrhenischen Meeres; deswegen lockt der Lido zur Sommerzeit zahlreiche Gäste aus Genua, Rom und selbst aus Neapel an. Der Portier des „Hôtel Danieli“ hatte der Gräfin Bariatinska auf Angela’s Betrieb das Märchen aufgebunden, der König liebe es sehr, schöne Damen baden zu sehen; sofort war die Polin entschlossen, sich mit dem Meere vertraut zu machen. Nur um ihr Haar hatte sie Besorgniß geäußert, allein der böse Feind raunte ihr zu, dafür gäbe es schützende Badekappen, die dem Einfluß des Salzwassers vorbeugten. Indeß ihre Ausbildung zur Nereide wollte sie gern unbeachtet vornehmen, der Rathgeber empfahl ihr deshalb die zweite Nachmittagsstunde, wo sie muthmaßlich die einzige Taucherin sein werde.

Die schönste Sonne begünstigte Ludovica’s Seeprobe. Um ein Uhr bestieg sie mit ihrer Dienerin das Dampfboot, welches allstündlich den Verkehr zwischen der Riva von Venedig und dem Lido vermittelt. Der Portier geleitete sie an die Bude, wo der Billetverkauf stattfindet, und schärfte ihr noch besonders ein, beim Anlegen des Meercostüms sich ja von der Badewärterin helfen zu lassen, die eine äußerst erfahrene, geschickte Person sei und namentlich mit der Unterbringung des Haares der Damen umzugehen wisse, sodaß es beim höchsten Wellenschlag von keinem Tropfen durchnäßt werde.

Den Lieutenant di Fabbris hatten Ungeduld und Sehnsucht schon zwei Stunden vor der Gräfin durch die Lagune getrieben. Erwartungsvoll aufgeregt schritt er den Strand entlang, eine Strecke über die Bäder hinaus; endlich warf er sich, da er ganz einsam dahinschlenderte, in den trockenen Dünensand, stützte den Kopf auf den Ellenbogen und blickte träumerisch hinaus über die weite, grünblaue Wasserfläche, die am fernen Horizont wie eine unbewegliche Linie erschien, wie ein stiller, großer Gedankenstrich der Schöpfung. Durch ein Fensterchen des Damenbades erspähten den Ruhenden zwei scharfe schwarze Augen, und ein schelmischer Mund kichern vergnügt. Angela besuchte heute wie gestern ihre Tante, die Badewärterin.

[847] Der Seewind milderte die Mittagswärme; Antonio ward durch die Sonne, obgleich sie fast senkrecht über ihm stand, nicht belästigt. Eine einzige Fischerbarke, den Farbenzeichen ihrer Segel nach einem Bewohner der Insel Chioggia gehörig, schwebte geräuschlos nahe am Lidostrande hin, als suchte sie eine Stelle zur Anfahrt. Plötzlich trottete ein junger Soldat kaum zwanzig Schritte vor dem Officier vorüber, ohne ihn zu gewahren. Die Büchse an langem Riemen über den Rücken geworfen, die Hände darunter verschlungen, stieg er bis dicht an’s Ufer hinab und marschirte der Barke entgegen. Es war der Strandwächter, der seine Aufgabe erfüllte. Spitzbübische Schiffer suchen hier gar zu gern heimlich zu landen, verbotene Waaren auszuladen und dieselben dann in kleinen Partieen auf Gondeln, die auf der Wasserdogana im venetianischen Hafen nicht visitirt werden, in die Stadt einzuschmuggeln.

Die Barke schwamm näher und näher, Antonio’s Adlerauge konnte die Gestalten auf ihr unterscheiden. Zwei schmutzige Männer, aus kurzen Pfeifen rauchend, saßen, scheinbar unbekümmert um den Strandwächter, auf dem Deck. Jetzt blieb der Soldat stehen, drohte stumm mit dem Zeigefinger und nahm sein Gewehr in den Arm. Da tauchte aus der Kajüte ein brauner Mädchenkopf empor. Noch ein paar Secunden stand der Hüter des Gesetzes still, dann sah er sich um, hängte die Büchse wieder über die Schulter, machte Kehrt, warf keinen Blick mehr rückwärts nach den Fischern, sondern schritt der Düne zu. Ungestört ging hinter ihm die Barke an’s Land.

Antonio hatte den Vorgang gespannt verfolgt; er begriff den Zusammenhang nicht. Als der Soldat ihm nahe genug war, stand der Officier mit einem Sprung aufrecht, wie aus der Erde gewachsen. Bei dem unverhofften Anblick des Vorgesetzten erblaßte der junge Mensch.

„Bursche, was hast Du gethan?“ donnerte ihn Fabbris an. „Siehst Du nicht, was dort geschieht?“

Der Schuldbewußte sank in’s Knie und faltete die Hände:

„Gnade, Hern Gnade!“

„Gnade?“ rief Antonio. „Weißt Du, daß Du die Kugel verdienst?“

„Herr, ich weiß es,“ wimmerte Jener, „aber wenn mich die schwerste Strafe trifft –“

„Sie wird Dich treffen,“ unterbrach der Lieutenant, „ich habe Alles gesehen; Du hast nicht aus Unachtsamkeit, sondern mit vollem Wissen und Willen gegen den Dienst gefehlt.“

„Ja, Herr, ich bin schuldig, aber wenn die Ninetta mit ihren Feueraugen mich anschaut, könnte der Tod neben mir stehen, ich vergäße ihn und Alles.“

„Die Dirne in der Barke?“

„Sie hat mir’s angethan, Herr!“

Das offene Bekenntniß entwaffnete Antonio’s Empörung. Durfte er als strenger Richter auftreten, wo ein armer Junge aus Liebe an seiner Pflicht gesündigt? Wenn er sich in die Lage des Frevlers versetzte – hätte er nicht vielleicht dasselbe Unrecht begangen? Was wäre er nicht im Stande zu wagen, wenn die blonde Gräfin ihn einmal anschaute wie die braune Dirne den Schächer, der vor ihm lag? Gemäßigt versetzte er:

„Die Halunken haben uns beobachtet; sie laden nicht aus, sie steuern seewärts; das kommt Dir zu statten. Ich will Dich nicht unglücklich machen – steh auf, fort!“

Der Soldat sprang auf die Füße und wollte davonrennen.

„Halt!“ gebot Fabbris.

Der Delinquent stand angewurzelt.

„Wenn Du mir wieder begegnest, kennst Du mich nicht. Verstanden?“

Der Begnadigte kreuzte wie ein betender Türke die Arme über der Brust. Auf einen kurzen Wink des Officiers schoß er hinweg, so rasch er laufen konnte.

Antonio ging langsam den Bädern zu. Er empfand an sich selbst, wie die Leidenschaft für ein Weib des Mannes Sinn und Seele zu berücken vermag, und ein altes Lied hebräischen Ursprunges fiel ihm ein, das er leise vor sich hin murmelte:

„Stark wie der Tod ist Liebe,
Fest wie die Unterwelt ihr Wille,
Eine Flamme Gottes;
Keine Gewalt der Erde
Lindert ihre Gluth.
Nie erlischt die Liebe
In gewaltiger Wogen
Brausender Wasserfälle,
Noch durch wilder Stürme
Aufgeregte Wuth – “

Hier verließ ihn sein Gedächtniß, er fand die Schlußzeilen nicht und grübelte ihnen noch nach, als er schon auf der Terrasse inmitten der Bäder stand. Je angestrengter wir etwas in unserer Erinnerung suchen, desto geringer ist meist der Erfolg. Antonio gab endlich alles Kopfzerbrechen auf; war doch inzwischen die Zeit nahe gerückt, wo die Gräfin kommen mußte.

Und siehe da: als wäre sein Gedanke eine Wünschelruthe, rauschte plötzlich ein Kleid durch den offenen Saal hinter seinem Platz; Ludovica mit ihrer alten Dienerin stand neben ihm. Die heftige innere Bewegung, die ihn ergriff, legte einen Flimmer vor seine Augen, daß er ihre Züge wiederum nicht deutlich erkannte; nur in unbestimmten Umrissen schwankten Antlitz und Gestalt hin und her. Um so klarer war der Blick der Gräfin: die Schönheit des jungen Mannes in der schmucken Uniform überraschte sie, und als er sich unwillkürlich verneigte, lächelte sie ihn holdselig an:

„Können Sie mir sagen, mein Herr, wo ich in das Damenbad gelange?“

Statt sich von seiner Verwirrung zu erholen, verlor er die Fassung noch mehr, sodaß ihm die Antwort fehlte. Zum Glück kam ihm eine Hülfe, die er nicht vermuthet, ja die ihn in höchstes Befremden versetzte.

„Folgen Sie mir, ich bitte, Signora! Ich werde Sie führen,“ rief aus dem Hintergrunde des Saales eine Mädchenstimme.

„Ah, gut!“ sagte die Gräfin und nickte so freundlich, als hätte Antonio Auskunft ertheilt: „Ich empfehle mich, Signor!“

Damit entschwebte sie.

Fabbris strich sich über die Augen: „War das nicht Angela?“ Auf dem verdeckten Gange in die Badezellen konnte sein Blick von der Terrasse aus Niemand verfolgen, doch war er auch ohne das überzeugt, sich nicht geirrt zu haben. „Ja, ja, Angela. Aber wie kommt sie hierher?“

Daß ihre Anwesenheit in einer Verbindung mit ihrer Einflüsterung vom vorigen Abend stand, errieth Antonio, allein in welcher Verbindung, das blieb ihm dunkel, obwohl der nebelhafte Schleier vor seinem Gesichte zerfloß und seine körperliche Sehkraft die gewohnte Schärfe wiedergewann.

Währenddessen hatte Angela die Gräfin an eine Zelle geführt, und Ludovica fragte nach der Badewärterin, die, wie sie gehört, in ihrer Hantierung so gewandt sein solle, daß sie es vorziehe, sich von der Frau, statt von ihrer eigenen alten Dienerin, für’s Wasser costümiren zu lassen. Angela holte ihre Tante. Als sie mit ihr erschien, hatte Ludovica den Hut bereits abgelegt. Die Wärterin brach in laute Verwunderung über das üppige Haar aus; reicheren Naturschmuck habe sie in ihrem Leben nicht gesehen, obschon sie vornehmen Damen aus allen Weltenden die Badekappe aufgesetzt.

„Ich verlasse mich auf Sie, gute Frau,“ entgegnete die Polin, „daß Sie mein Haar vor jeder Befeuchtung schützen. Vorsichtshalber will ich zunächst ein leichtes Tülltuch über den Scheitel ziehen.“ Gesagt, gethan. „Ich vertrage durchaus keine Nässe daran,“ schloß sie.

„Meine Nichte wird mir helfen,“ erwiderte die Wärterin.

Angela sprang hinzu.

„Gewiß, Tante! Wir müssen Nadeln zur Befestigung nehmen – hier sind sie!“

Die Gräfin ließ sich entkleiden und in das ärmellose wollene Gewand hüllen.

„Ach, wie wundervolle, weiße Arme!“ rühmte Angela dabei. „Was würden unsere Bildhauer darum geben, wenn sie solche Modelle hätten!“

Ludovica lächelte wohlgefällig.

Jetzt ging’s an die Bergung des Haares. Die Wärterin schaffte die größte Kappe aus ihrem Vorrathe herbei. Die schweren goldenen Locken wurden aufgerollt und eingepreßt. Als die Nadeln gesteckt werden sollten, verlangte Ludovica zwei Handspiegel, einen wollte sie selbst vor sich halten; den anderen befahl sie dem jungen Mädchen hinter ihr emporzuheben, damit sie prüfen könne, ob die Coiffüre zu ihrer Zufriedenheit ausfalle. Angela runzelte einen Moment die Brauen, fügte sich aber und brachte die Spiegel.

[848] Das Werk gedieh zu Ende. Nichte und Tante begleiteten die Gräfin an die kleine Stiege, die in’s Wasser führte. Schon war die Dame zwei Stufen hinunter, als Angela rief:

„Erlauben Sie, Signora! Bleiben Sie stehen! Eine Locke quillt hervor; ich stecke sie Ihnen geschwind noch fest.“

Arglos ließ die Polin sich den Dienst leisten, diesmal ohne ihn durch den Spiegel zu controliren. Angela warf einen flüchtigen Blick voll Schalkheit in das feuchte Element und heftete an der Haarverkleidung zwei Schnürchen mit kleinen spitzen Angelhaken ein. Dann drängte sie:

„Nun rasch, Signora, rasch, daß Sie sich nicht erkälten! Treten Sie nur fest auf; der Grund ist flach; ich werde Ihnen mit dem Finger zeigen, wie Sie gehen müssen, damit Sie von keiner Sturzwelle getroffen werden. Hier, mehr nach rechts!“

Die Badende folgte vertrauensvoll der Anweisung, doch nach einigen Schritten fragte sie aus der Tiefe hinauf: „Kommt man dort nicht in’s Schilf?“

„Das ist kein Schilf, Signora; das nennt man Seetang; er thut Ihnen nichts – nur muthig weiter, immer rechts gehalten, rechts! Sie können sich auch dreist geradeaus wagen, bis zu den eingerammten Pflöcken dort!“

Während das Mädchen so durch Wort und Wink die schöne Frau leitete, die sich schnell sicher auf dem Meeresboden fühlte, stand Antonio di Fabbris regungslos, einem Säulenheiligen gleich, und verwandte kein Auge von den schwellenden Armen, die bald in der freien Luft Schaumperlen von den feinen Fingern schüttelten, bald unter dem Wasser Schwimmbewegungen übten.

Wer das Meer kennt, sieht einer Welle schon aus der Entfernung an, ob sie matt verlaufen oder, ihres Gleichen an sich ziehend, zur schäumenden Sturzwelle werden wird, und Angela kannte ihre Adria ausgezeichnet. Sie hatte eine Minute geschwiegen, die Gräfin sich kokett wiegen und biegen lassen und mitunter seitwärts nach Antonio geschielt; jetzt rief sie: „Links, Signora, links!“

Ludovica that, wie ihr geheißen; im nächsten Augenblicke jedoch ward sie von sprühendem Gischt überschüttet, verlor das Gleichgewicht, sank rücklings, wähnte, die Wucht des Wassers erdrücke sie, ward aber von derselben Macht, die sie niedergeworfen, ebenso schnell wieder aufgerichtet und vorwärts geschleudert, wobei ein jäher Schmerz durch ihre Stirn fuhr, als würde ihr der Kopf in zwei Hälften aus einander gerissen.

Die Empfindung beruhte nicht auf bloßer Täuschung, denn – das wunderbare Haar hatte bis auf einige unbedeutende Ueberbleibsel die Schläfen und den Nacken schmählich verlassen und sich sammt der Kappe, deren Obhut es anvertraut gewesen, kraft der Angelhaken an den Seetang geklammert.

Angela stieß einen Schreckenslaut aus und rief alle Apostel an; ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen: „Signora, Signora!“ Die Gräfin lehnte an der Treppe, erschöpft nach Athem ringend; sie hörte erst, als Tante und Nichte von Neuem Lärm erhoben, tastete in den Nacken und war nahe daran, abermals umzusinken. Hülfreich glitt Angela die Stufen hinab, ergriff die Wankende am Arm und stützte sie beim Emporsteigen. Ein giftiger Blick war der Lohn für ihren Beistand. Aber kein lautes Wort des Vorwurfs traf das Mädchen; die Gräfin knirschte nur hörbar mit den Zähnen, und Angela sah so betreten, so unschuldig-dumm aus, daß Ludovica nicht im Entferntesten eine absichtlich gestellte Falle wittern konnte.

Schweigend eilte die Lockenberaubte in ihre Zelle. Hier erst fragte Angela, die ihr mit der Tante auf den Fersen geblieben, mit verschüchterter Stimme:

„Sollen wie Ihr Haar auffischen, Signora, und an der Sonne trocknen? Es wird vielleicht wieder brauchbar.“

Die Gräfin machte nur eine heftig verneinende Geste und herrschte ihre perplex dareinschauende Dienerin in ihrer den Italienerinnen unverständlichen Sprache an, die Hände zu rühren und sie anzukleiden. Die Alte winkte der Badewärterin wie dem Mädchen, sich zu entfernen, und schloß die Thür. Draußen verständigten sich Tante und Nichte, leise kichernd, durch Zeichen; dann lief Angela den Brettergang hinauf nach der Terrasse. Sie suchte den Lieutenant – er war fort. Als sie unverrichteter Sache zurückkehrte, hörte sie abermals in der Zelle der Gräfin fremdländische Laute und schloß aus der Tonfarbe, daß die Polin zornig schalt und schimpfte. Die Tante hatte unterdessen einen kleinen Nachen neben der Wassertreppe gelöst, ihn an die Stelle gestoßen, wo die goldenen Locken nach wie vor in den grünen Armen des Seetangs halb über, halb unter der Meeresfläche tanzten, nur nicht mehr gekräuselt, sondern in lange Strähnen zerfasert, und mit einem Bootshaken arbeitete die gute Frau an der Befreiung des gefangenen Kunstwerks, welches bisher im Glauben der Welt als Naturproduct gegolten. Der Zustand, in welchem es endlich der rettenden Stange folgte, war trostlos; nichtsdestoweniger griff Angela begierig darnach und schwenkte es triumphirend, wie ein siegreicher Krieger in der Schlacht die zerfetzte Fahne des Feindes. Vor der Zelle erwartete sie damit das Heraustreten der entthronten Haarkönigin und hielt es ihr mit einem stummen Knicks entgegen.

Die Gräfin trug den Kopf verbunden wie eine Bauerfrau, die an Zahnweh leidet; Angela und ihre Tante hätten beinahe laut aufgelacht. Die Reste ihres zerstörten Schmucks riß Ludovica mit stummem Ungestüm an sich und schleuderte sie ihrer Dienerin zu, die das kostbare Gut mit zitternden Fingern unter ihren Shawl stopfte. Der Badewärterin ein Trinkgeld zu verabreichen, vergaß die Dame, und während die Italiener sonst nicht blöde sind, für die kleinste Dienstleistung, oft sogar für die bloße Antwort auf eine Frage, Entschädigung in klingender Münze zu fordern, wich Angela’s Tante doch hier einmal von der Landessitte ab und ließ es geschehen, daß die Polin ohne Erleichterung ihrer Börse wie ohne mündlichen Abschied das Seebad dröhnenden Schrittes verließ.

[861] Jetzt konnte Angela sich zwanglos der Freude über ihr Schelmenstück hingeben und küßte ihre mitverschworene Tante so oft und stürmisch, daß die bejahrte Frau den Liebkosungen der kleinen Hexe schier erlag. Nun aber mußte das Mädchen nach Venedig zurück, um ihrer Herrin zu verkünden, was sie ausgeführt. Sie flog die etwa acht Minuten lange Chaussee über den Lido bis zum Landungsplatze des Dampfboots in der halben Zeit hinunter, die Aeuglein rechts und links umherschickend. Ihr Opfer entdeckte sie nirgends; vermuthlich war es in eins der Gasthäuser an der Lagune geflüchtet und wollte den Sonnenuntergang zur Fahrt in die Stadt abwarten. Auch von Fabbris gewahrte sie nichts. Doch ja: das Dampfboot ging ihr vor der Nase ab, und auf dem Decke saß Antonio, ihr und dem ganzen Lido den Rücken zukehrend. Aergerlich stampfte sie mit dem Füßchen, daß sie zu spät gekommen. Wie gern hätte sie ihn unter dem rauchenden Schornstein angeredet, um zu hören, wie er jetzt von der schönen Fremden dachte, nachdem er Zeuge der Entwerthung ihres herrlichsten Kleinods gewesen.

Es blieb dem Mädchen nichts übrig, als in einer Gondel dem brausenden Dampfer langsam nachzufahren.

Fabbris erreichte in einer Viertelstunde die Riva. Noch einmal so lange, und er ließ sich im Palast Bevilacqua melden. Der Herzog war wiederum abwesend, doch Erminia befand sich zu Hause und empfing den heimlich Geliebten. Beim ersten Blick fiel ihr seine eigenthümliche Verstörtheit auf.

Kommen Sie, mich an mein Versprechen zu mahnen, Signor Antonio?“ begann sie.

„Hat Ihnen die Gräfin schon Visite gemacht, Hoheit?“ fragte er schnell zurück.

„Allerdings! Aber –“

„Und Sie haben sie eingeladen?“ unterbrach er.

„Nein!“

„Dem Himmel sei Dank! Ich ersuche Sie inständigst, es unter keiner Bedingung zu thun.“

„Welche Sinnesänderung! Was ist geschehen?“

„Ich beschwöre Sie, Hoheit, fragen Sie nicht! Ich kann Ihnen nicht mehr sagen.“

„Ihre Weigerung macht mich erst recht wißbegierig.“

„Ich kann nicht sprechen, bei Gott nicht! Ich schäme mich der Raserei, die mich für ein Weib ergriffen, das –“ er stockte und wiederholte: „ich kann nicht mehr sagen.“

Was Erminia gehört, war genug, sie heiter zu stimmen.

„Setzen Sie sich doch! Sie scheinen sehr aufgeregt; kommen Sie zur Ruhe! Ich als Ihre Freundin, der Sie Ihre Schwärmerei nicht vorenthalten, habe ein gewisses Recht, Ihre Reuebeichte zu hören; nehmen Sie Platz!“

Sie setzte sich – er blieb stehen.

„Ich bin auf Ehre nicht im Stande, Ihnen mitzutheilen, was ich erlebt; liegt Ihnen aber daran, Hoheit –“

„Sie sollen mich ja nicht so unterthänig tituliren,“ fiel sie ihm in’s Wort. „Freilich liegt mir an einer Erklärung!“

„Ich könnte Ihnen, wenn Sie gnädigst gestatten, ein junges Mädchen schicken, eine Fioraja –“

„Angela?“

Er stand frappirt:

„Sie wissen?“

Lächelnd erwiderte sie:

„Ich weiß, daß Angela Sie dankbar verehrt und von der Polin Schaden für Sie fürchtete.“

„Was sagen Sie? Nun wird mir Manches klar. Aber woher Ihre Kenntniß?“

„Das Mädchen kam zu mir mit dem Ansinnen, ich sollte Sie, weil Sie ein Freund unseres Hauses, vor der Gräfin Bariatinska warnen. Das war nun nicht meines Amtes; indeß Angela’s Manieren gefielen mir; ich nahm das Kind in Dienst.“

Antonio’s Verwunderung stieg immer mehr.

„In Ihren Dienst? Wie kam Angela dann diesen Nachmittag auf den Lido?“

„Sie hatte mich gleich gestern und heut nochmals gebeten, ihre Tante, die Badewärterin, besuchen zu dürfen. Es kam so heraus, als wünschte sie die Erlaubniß in Ihrem Interesse, Signor Antonio, deshalb hielt ich sie nicht zurück; allein, was Angela dort vorgehabt, werde ich vielleicht nun von Ihnen erfahren.“

Zum ersten Mal ruhte Antonio’s Blick mit einem Ausdruck von Innigkeit auf Erminia:

„In Ihnen wohnt kein Falsch.“

„Ich denke, nein!“ sagte sie ruhig, und die Augen Beider trafen sich.

Errieth er jetzt, wie es um ihr Herz stand? Es ward ihm heiß in der Brust, aber nicht wie auf dem Marcus-Platz beim ersten Erscheinen der Polin, sondern es war ein wohlthätiges Feuer, das ihn durchströmte.

„Darf ich fragen,“ hob er von Neuem an, „was Sie abhielt, die Gräfin zum Wiederkommen aufzufordern?“

[862] „Einfach das Unbehagen, das sie mir einflößte!“

Er nickte.

„Wie doch eine reine Seele Nichts braucht, als ihr Gefühl, um Menschen richtig zu beurtheilen! Können Sie mir verzeihen?“

„Was?“

„Die Verirrung meiner Leidenschaft!“

„Nach meiner kurzen Unterhaltung mit der Gräfin hoffte ich, Sie würden das Feuer nicht lange nähren.“

„Ich genas, ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben.“

„Das thut mir leid,“ sagte Erminia, „ich mußte glauben, Sie hatten sich ihr genähert und aus eigner Anschauung –“

„Jawohl,“ fiel er mit ironischem Accent ein: „aus eigener Anschauung im wahrsten Sinne bin ich zur Vernunft gekommen.“

Er athmete tief auf. Sie sah ihn fragend an, aber er erklärte sich nicht deutlicher, sondern faßte ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, als er sie an die Lippen drückte und leiser sprach:

„Leben Sie wohl! Ich bin nicht werth –“

Ein Geräusch ließ sich hinter ihm vernehmen. Er wandte schnell den Kopf; Angela stand im Eingang. Als hätte er sie nie gesehen, ging er nach schweigender Verbeugung gegen ihre junge Herrin an ihr vorüber und hinaus. Angela war betroffen. Warum ignorirte er sie völlig? Grollte er ihr, oder wußte er noch nicht, daß sie in den Palast gehörte? Und was hatte er zur Stunde hier zu schaffen gehabt? Ihr rathloses Mienenspiel ergötzte Erminia, die den Finger hob:

„Du, Du!“

„Was denn, Hoheit?“

„Der Cavaliere di Fabbris verleugnet seine Bekanntschaft mit Dir.“

„Sagt er’s?“

„Sein Benehmen sagt es.“

Angela ward wieder guten Muths:

„Das hat seine Gründe. Wüßte ich nur, ob er mir böse ist!“

„Weswegen?“

„Weil ich ihm seine Gräfin verleidet. Lieben kann er sie nicht mehr – es ist rein unmöglich.“

„So?“

„Darf ich jetzt reden, Hoheit? Ich komme vom Lido. Alles ist geglückt, meine kühnste Erwartung erfüllt. Den König wird die Dame wohl in Ruhe lassen. Wenn sie klug ist, macht sie sich bei Nacht und Nebel davon. Ihr Geheimniß kennt jetzt nicht mehr blos ihre gräuliche alte Magd und mein Portier bei Danieli, der sie vorgestern früh bei der Toilette überraschte, sondern ebenso gut und noch besser kennt’s seit ein paar Stunden meine Tante, ich und, was die Hauptsache ist, der Herr Lieutenant. Sie kann sich nicht mehr auf den Marcus-Platz wagen, angenommen selbst, sie hätte Ersatz in ihrem Koffer versteckt.“

Hier schnitt Erminia den Faden ab:

„Was mengst Du wieder durch einander? Wer soll daraus klug werden? Ersatz in ihrem Koffer – wofür?“

„Erlauben Hoheit einen Augenblick!“ bat Angela und umging ihre Gebieterin. Diese folgte mit dem Kopfe der Bewegung.

„Nein, nein,“ fuhr das Mädchen fort, „fest stehen bleiben, Hoheit! Bitte, bitte, nicht den Hals drehen! Ich bin gleich fertig.“

„Was sollen die Possen, Angela? Wirst Du mir eine vernünftige Erklärung geben?“

„Mit unendlichem Vergnügen und gehorsamstem Respect,“ rief der Kobold, „denn ich habe gesehen, was ich sehen wollte: Eure Hoheit trägt nur eigenes Haar.“

„Ah!“ stieß Erminia hervor. „Das Haar der Gräfin –“

„Ist in Folge eines einzigen Seebades ausgegangen.“

„Angela!“

„Wär’ ich ein Bube, ich schlüge Rad wie die Gassenjungen auf der Riva!“ lachte die Fioraja und rapportirte nun, wie sie den Hôtelportier angestiftet, der Gräfin das Seebad plausibel zu machen, wie sie den Lieutenant verlockt, dem Wasserschauspiel beizuwohnen, und wie sie das tragische Ende herbeigeführt.

„Leider,“ klagte die verschlagene kleine Person in ihrem rollenden Redefluß, „entging mir der unmittelbare Eindruck des Schlußeffects auf den Cavaliere di Fabbris, aber mein Stück muß auf die Bühne, auf’s Marionettentheater in San Moisé[1]; da thut eine Neuigkeit noth; über die alten Sachen mit den schalen Witzen auf die Nationalbank und die Kürbisverkäufer kann kein Mensch mehr lachen. Meinen Hoheit nicht, daß die Geschichte sich vorzüglich zum Lustspiel für Gliederpuppen eignet? Und die noch nicht dagewesene Scenerie, die Meerdecoration, die Bade-Anstalt sammt meiner Tante und mir – der Lieutenant auf der Terrasse wird in ein anderes Regiment versetzt –“

„Schweig!“ gebot Erminia mehr heiter, als streng. „Du begreifst doch, daß von der Sache keine Silbe in die Oeffentlichkeit dringen darf? Du wirst auch Deinem Portier ein Siegel auf den Mund drücken, wenn Dir meine Gunst lieb! Hörst Du? Ich werde selbst meinem Vater nichts erzählen.“

Sprach es, kehrte sich um und ging in die anstoßenden Zimmer. Angela, allein gelassen, blickte zur Decke.

„Ich werde selbst meinem Vater nichts erzählen?“ Sie legte den Finger unter’s Kinn. „Das ist viel. Wenn ein Mädchen – und das ist Hoheit doch trotz der Hoheit – so schweigen kann, dann hat es immer – eine – besondere Bewandtniß!“




4.

Antonio ließ sich vor der Ankunft des Königs nicht mehr am großen Canal sehen. Ebenso mied er den Marcus-Platz. Nahmen ihn die Regimentsexercitien nicht in Anspruch, so beschäftigte er sich mit seiner Arbeit. Er wollte das neue Gefühl, das in ihm aufkeimte, die Neigung zu Erminia, ersticken; denn obgleich ihm eine innere Stimme zuraunte, daß die Sympathie der Herzogstochter für ihn früher rege geworden, als die seinige für sie, so konnte er sich doch nicht vorstellen, Bevilacqua werde in eine Verbindung seiner einzigen Erbin mit einem schlichten Lieutenant willigen. Sollte der junge Mann die Schmach einer Abweisung auf sich laden?

Und selbst wenn der Herzog den Wünschen seines Kindes nachgäbe, würde er’s doch nur mit Widerstreben thun; die Hand einer Gattin aber wie ein Gnadengeschenk vom Vater anzunehmen, dagegen sträubte sich Antonio’s Stolz. Wenn er arbeitete, vergaß er die Außenwelt. Daß Erminia um seine schriftstellerische Thätigkeit wußte, ließ er sich nicht träumen. Die Kunde davon war durch den Capitain Bordone zu ihr gedrungen. Der Brave zählte zu den Leuten, die Alles, was sie sehen und hören, weitertragen, überall jedoch, wo sie geplaudert haben, ihre Enthüllungen mit der Bitte schließen, keinen Gebrauch davon zu machen. Bordone hatte, noch ehe er Antonio’s Cameraden eingeweiht, Erminia in einer Familie getroffen, wo Beide der Mutter des Hauses, die von langer Krankheit genesen, ihre Glückwünsche darbrachten; bei der Gelegenheit kam die Rede auf Fabbris, und der Capitain verrieth der jungen Altezza den häuslichen Fleiß ihres Lieblings. Mit stiller Freude vernahm sie die Neuigkeit; bei ihr war der Zusatz, sie möge dieselbe für sich behalten, überflüssig.

Noch viermal wechselte Abend- und Morgenröthe, da hielt der König mit ansehnlichem Gefolge seine Einfahrt in Venedig. Die Gondeln der Nobili, sonst, dem Gesetze gemäß, schwarz und schmucklos wie die Fahrzeuge der niederen Gesellschaftsclassen, erschienen zur Einholung mit dem köstlichsten Sammet drapirt, der in langen, gestickten Schleppen das trübe Wasser des großen Canals streifte. Gekrönte Häupter können bei Rundreisen durch ihr Reich unmöglich viel empfinden, wenn in jeder Stadt von Thürmen und Häusern die Landesfarben flattern, wenn die Kanonen zur Begrüßung dröhnen und Musikbanden die übliche Nationalhymne spielen. Die Lust am Empfang ist ungleich größer auf Seiten des Volks, das an solchen Tagen müßig gehen, gaffen und seine Lungen in Vivatrufen erweitern kann. Die Großen thun genug, wenn sie sich nicht ermüdet und gelangweilt zeigen bei der Annahme längstgewohnter Huldigungen.

Am ersten Abend seines Aufenthalts musterte der König Galantuomo (Ehrenmann), wie das Volk ihn nannte, im Schloß die Honoratioren. Unter den Anwesenden befand sich in vorderster Reihe der Herzog Bevilacqua mit seiner Tochter, die der Herrscher auf’s Huldvollste begrüßte und nach der eigentlichen Cour in ein längeres vertrauliches Gespräch zog, welches den Neid und die Eifersucht mancher minder berücksichtigten Dame wachrief. Den zweiten Abend füllte eine Regatta und Serenade in illuminirten Barken auf der Lagune aus; am dritten Tage inspicirte Victor Emanuel die Garnison. Antonio di Fabbris stand in Reihe und Glied, als der Oberst des Regiments, den der König in seine Suite commandirt, plötzlich während des Ganges längs der Front [863] vom Monarchen angeredet ward und gleich darauf im Laufschritt dem Lieutenant nahte:

„Majestät befiehlt, Sie vorzustellen.“

„Mich?“ stutzte Antonio.

„Rasch, rasch!“

Der junge Officier folgte, ohne sich erklären zu können, was das bedeute, und salutirte vor dem Kriegsherrn. Dieser faßte ihn mit sichtlichem Wohlgefallen in’s Auge, prüfte sein Aeußeres vom Wirbel bis zur Sohle und sagte mit ernster Freundlichkeit: „Lieutenant di Fabbris, Sie haben ein militärisches Werk unter der Feder?“

Antonio erschrak, daß ihm der Säbel fast entfiel.

„Majestät!“

Auch der Oberst machte große Augen.

„Ist es nicht so?“ fuhr der König fort.

Fabbris faßte sich: „Ich kann allerdings den Versuch nicht leugnen, nur weiß ich nicht, wer Eurer Majestät Kenntniß von einem Unterfangen zu geben vermocht, das ich –“

„Ja, der Verräther schläft nicht,“ unterbrach ihn der hohe Herr scherzend.

„Majestät, ich habe Niemand die geringste Mittheilung gemacht,“ versicherte der Officier.

„Ist es ein Unrecht, das Sie begangen? Was behandelt Ihr Werk?“

„Die Truppenaufstellung in der Schlacht, um jeden Augenblick Verstärkungen an gefährdete Punkte führen zu können und dem Feinde das numerische Uebergewicht zu entziehen.“

„Sieh, sieh! Steckt ein junger Feldherr in Ihnen? Wie sind Sie mit der Arbeit?“

„In der letzten Nacht, Majestät, habe ich sie beendet.“

„Das ist gut,“ sagte der König lebhaft, „ich will sie sehen.“

„Majestät –“ zögerte der Autor.

„Schreiben Sie deutlich?“

„Ich glaube, meine Hand ist lesbar, indeß mein Concept –“

„Thut nichts, thut nichts! Die erste Eingebung ist oft die beste. Ich will keine Copie. Bringen Sie mir Ihr Manuscript in’s Schloß! Ich werde Zeit dafür finden. Haben Sie bei Nacht geschrieben, so kann ich auch bei Nacht lesen.“

„Zu Befehl, Majestät! Aber mein gnädiger Herr und König wird die unterthänige Frage vergeben –“

„Ah!“ fiel ihm der Souverain von Neuem in’s Wort, „Sie wollen wissen, wer mir von Ihrem Unternehmen erzählt? Eine Dame! Auf Wiedersehen!“ Ein entlassender Wink – Antonio mußte abtreten, Victor Emanuel schritt weiter.

„Eine Dame, eine Dame!“ klang es in dem wirbelnden Hirn des Lieutenants nach. Wodurch war eine Dame von seinem Thun und Treiben unterrichtet? „Erminia!“ blitzte es in ihm auf. Aber wie war Erminia hinter sein Geheimniß gekommen? Hochroth nahm er seinen Platz in der Colonne wieder ein.

Als der Monarch das Regiment verabschiedete, drängten sich alle Cameraden um Antonio und wollten hören, was Seine Majestät mit ihm gesprochen. Er lehnte jede Auskunft ab, bis der Oberst kam und ihm die Hand reichte: „Ich gratulire und wünsche Ihnen ferner Glück.“

„Wozu, wozu?“ rief es in der Runde.

„Wenn Lieutenant di Fabbris nicht selbst spricht,“ wies der Commandant die Neugier ab, „fühle auch ich mich nicht befugt.“

So blieb Jedermann unbefriedigt, Antonio aber eilte nach Hause, seine losen Blätter zu ordnen. Bangen ergriff ihn, wie der König den Inhalt beurtheilen werde. Aendern ließ sich nichts mehr daran; der Verfasser hätte auch keine Ruhe dazu in seinem Innern gefunden. Zagend begab er sich in’s Schloß. Dort war schon Befehl ertheilt, ihn ungesäumt vorzulassen.

Der König empfing den befangen Eintretenden mit ermuthigender Güte: „An ein Erstlingswerk darf man keinen zu hohen Maßstab anlegen. Sie sollen meine Ansicht hören, bevor ich abreise.“

Ein gut Theil erleichtert, warf Fabbris sich in die nächste Gondel, die er auftrieb, schweigend, als könne der Fährmann sein Ziel errathen.

„Wohin, Herr Lieutenant?“ hörte er sich gefragt.

„Palast Bevilacqua!“ stieß er heraus, riß den Czako ab und stützte die Stirn, in der es heftig hämmerte, mit beiden Händen. Der Gondolier schüttelte den Kopf; er hielt seinen Fahrgast für sehr unglücklich.

Der Beschließer des Palastes eröffnete dem Eindringlinge, Erminia sei nicht zu Hause. Was nun thun? Antonio forderte Papier und Feder und schrieb mit fliegender Hand:

„Freundin, da Eure Hoheit Ihren Rang verschmähen!

Der König weiß, daß ich ein Manuscript verfertigt. Es ist in seiner Hand. Er weiß es durch eine Dame, die keine Andere sein kann, als Sie. Woher aber Sie es wissen, weiß der Allmächtige besser, als das Menschenkind mit brennendem Kopf, das sich zu nennen wagt

Ihren tiefergebenen
A. di F.“

Der Schreiber schloß das Billet in ein Couvert und entfernte sich. Ob Erminia ihm schriftlich antworten werde? Das blieb die Frage. Er ging heute mit Absicht nicht in’s Arsenal zur Officierstafel; man sollte ihn nicht nochmals über die Worte des Königs ausforschen, auch spürte er in seiner Verfassung wenig das Bedürfniß nach irdischer Speise; nur einen leichten Imbiß nahm er im ersten besten Restaurant und ging dann in sein Quartier. Ein kleiner Brief auf dem Tische? Er kannte Erminia’s Hand nicht, aber das waren unverkennbar Federzüge einer zarten Frauenhand. Bebend vor Begier öffnete er das Couvert und las:

„Ich war zu Hause, nur nicht für Sie. Haben Sie Ihre Freundin so lange vernachlässigt, kann ich nun auch warten, bis die königliche Recension erfolgt ist, ehe ich Sie wiedersehe.

E.“

Die Vernachlässigung, die sie ihm vorwarf, war offenbar nicht der wahre Anlaß, aus dem sie ihn fernhielt. Da sie nicht in Abrede stellte, daß sie den König aufmerksam auf ihn gemacht, gab sie es zu, Antonio merkte aber, sie wolle ihm den Zusammenhang erst entschleiern, nachdem ihre Bemühungen ein Resultat erzielt. Die Absicht, ihn in seiner Laufbahn zu fördern, war der untrüglichste Beweis, wie sehr sie ihn liebte; so ließ er denn auch seine Bedenken fallen, legte sich keine Entsagung mehr auf, sondern gab seine Seele rückhaltlos dem Verlangen nach Erminia’s Besitz hin. Doch sein Zartgefühl verbot ihm, irgend einen Schritt zur Annäherung zu thun. Lang war die Geduldprobe überdies nicht; der König verweilte höchstens noch fünf Tage in Venedig.

Antonio’s Geschick sollte sich früher erfüllen, als er erwartete. Schon am folgenden Morgen klopfte ein Hoflakai an seine Thür und beschied ihn sofort zu Seiner Majestät. Dieses „Sofort“ schien kein ungünstiges Zeichen; dennoch trat der Fuß des jungen Mannes im Schloß nicht eben fest auf. Der König stand in der Mitte des Empfangsaals an einem kleinen Mosaiktisch, auf dem die losen Blätter des Manuscripts in mehrere Schichten abgetheilt lagen. Die Miene des Monarchen war ernst; zwischen den Brauen dunkelte sogar eine Falte.

„Lieutenant di Fabbris,“ klang die Anrede, „ich habe gelesen.“ Eine kurze Pause folgte. Antonio’s Athem stockte. „Ist dies wirklich Ihre erste derartige Arbeit?“

„Zu Befehl, Majestät!“ sagte der Officier beklommen.

„Dafür ist sie sehr bedeutend,“ erklärte langsam der hohe Kritiker. „Ich werde sie dem Kriegsminister und dem Generalstab vorlegen. Ich habe mir hier und da Notizen am Rande gemacht. Ich wünschte einen Kopf wie Sie in meiner unmittelbaren Nähe placirt. Ich habe Sie unter der entsprechenden Rangerhöhung zu meinem persönlichen Adjutanten ausersehen.“ Dem Ueberraschten zitterten die Kniee. „Ma – je – stät!“ stammelte er.

Jetzt blickte ihn der Herrscher wohlwollend an.

„Oder würden Sie nicht gern nach Rom kommen? Fesselt Sie Etwas in Venedig? Es könnte ja sein.“

„Die Gnade meines Monarchen,“ versetzte Fabbris leise, „ist so groß, daß ich ihrer völlig unwerth wäre, empfände ich in diesem Augenblicke etwas Anderes, als tiefste Dankbarkeit.“

Der König unterdrückte ein Lächeln.

„Ihre Dankbarkeit gebührt vor Allem dem Fürsprecher, der mein Augenmerk auf Sie gelenkt. Errathen Sie ihn?“

„Majestät erklärten gestern, es sei eine Dame.“

„Die Sie lieben?“

Antonio schlug den Blick nieder.

„Die ich wohl kaum lieben darf!“

„Doch danken dürfen Sie ihr. Thun Sie das unverzüglich; halten Sie sich aber nicht zu lange auf! Denn ich befehle [864] Ihnen, Ihren Regimentschef noch diesen Vormittag von meinem Willen in Kenntniß zu setzen, und erwarte Sie zur Tafel zurück.“

Antonio’s Antlitz strahlte. Er hätte sich vor Seligkeit seinem hohen Gönner zu Füßen werfen mögen, allein Victor Emanuel trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der in allen Sinnen Berauschte wider alle Regel fast stürmisch küßte.

„Auf Wiedersehen, Herr Adjutant!“ Damit war er entlassen.

Wie Antonio durch die Vorzimmer die Treppe hinab in eine Gondel und in den Palast Bevilacqua kam – er wußte es nicht. Unversehens stand er vor Erminien, vor ihr allein.

Seine Augen sprachen, ehe sein Mund die Worte fand:

„Wie soll ich Sie nennen? Meinen Schutzgeist? Meine Fee? Was haben Sie für mich gethan! Und warum?“

„Warum?“ lächelte sie mit erkünstelter Ruhe. „Wozu haben wir Freunde, wenn sie bei günstiger Gelegenheit Nichts für uns thun wollen? Sie sind Adjutant des Königs?“

„Sie wissen?“ rief Fabbris.

„Unser gütiger Herr glaubte, es würde mich interessiren, und ließ es mir vor einer Stunde anzeigen. Wir werden Sie also im Winter ist Rom finden.“

„Im Winter?“ wiederholte er fragend. „Erst im Winter?“

„Früher,“ entgegnete sie scheinbar gleichmüthig, „geht der Papa nicht mit mir in die Hauptstadt.“

„In keinem Fall?“ Sein Blick hing glühend an ihr.

„Der König,“ sprach Erminia in ihrer vorigen Weise, „müßte denn besondere Pläne mit ihm haben. Gleichzeitig mit der Botschaft an mich erging an ihn ein Befehl, zu Seiner Majestät in’s Schloß zu kommen. Aber ich glaube, ich höre Papa.“

Ein paar Augenblicke später trat der Herzog ein. Auf seinem Gesicht lag eine ungewöhnliche Feierlichkeit.

„Da sind Sie, mein lieber Fabbris! Ich bitte, folgen Sie mir!“

„Herr Herzog?“ fragte Antonio betroffen.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“

Der junge Mann verbeugte sich, warf einen Blick nach Erminien zurück, die sich indessen rasch abgewendet, und schloß sich dem Führer an, der mehrere Gemächer durchmaß, bis er sein Privatcabinet vor Fabbris aufthat. Er deutete auf einen Sessel, nahm selbst Platz und begann mit großer Würde, die nur ein leises Vibriren der Stimme etwas beeinträchtigte:

„Mein werther junger Freund! Wir leben in einer Zeit, die dem Talente und Verdienste das Zugeständniß macht, seinen Werth neben angeborenen Rang zu stellen.“

Der Hörer merkte augenblicklich, daß der Herzog nicht aus eigener Eingebung sprach, sondern die Ueberzeugung vom Recht des Talentes soeben durch Einfluß einer höheren Person gewonnen. Er schwieg aber und ließ den Redner fortfahren.

„Sie sind überdies von tadellos alter Familie, die nur in Folge der Ungunst des Weltlaufs ihre ehemalige Bedeutung eingebüßt. Ich zweifle nicht, daß Sie Ihrem Namen neues Ansehen verleihen werden. Seine Majestät, unser allergnädigster Herr, öffnet Ihnen den Weg dazu; ich trage daher kein Bedenken, einem solchen Manne die Bewerbung um die Hand meiner Tochter zu gestatten, da ich über Ihre Neigung zu Erminien, die Sie bisher rücksichtsvoll und bescheiden verborgen gehalten, von glaubwürdigster Seite informirt worden.“

Er hielt inne und schöpfte, wie nach einer großen Anstrengung, tief Athem. Antonio aber sprang auf:

„Herr Herzog, ich fühle, Ihre Großmuth bringt ein Opfer; dennoch, mein Vater, ich nehme es an in der Hoffnung, daß Sie die Zeit erleben werden, wo Sie sagen: ich bereue es nicht.“

Bevilacqua schloß ihn in die Arme und forderte, wie bei seiner Rückkehr aus dem Königspalaste:

„Folgen Sie mir!“

Keine Minute verging, da umfingen zwei andere Arme den Glücktrunkenen, der nun auch erfuhr, wann, wo und durch wen Erminia ihn als heimlichen Schriftsteller kennen gelernt. Gewiß ist niemals eine Indiscretion freudiger verziehen worden, als die des Capitains Bordone.

Und gewiß selten setzen Fürsten sich so heiter, so aufgeräumt zur Tafel, wie an jenem Tage der König Galantuomo. Unter den Geladenen war natürlich der Herzog Bevilacqua mit seiner bräutlichen Tochter. Der König brachte persönlich das Wohl der Verlobten aus, unterhielt sich viel mit seinem neuen Adjutanten, brach aber mitten in einem Satze ab:

„Was mir da einfällt! Mein Kammerdiener hat heute in einer hier erscheinenden Zeitung ein seltsames Geschichtchen gefunden, das uns insofern angeht, als die Heldin sich mit der Idee getragen haben soll, ein Attentat gegen mich durch Amor’s Pfeile zu verüben. Sie sei, heißt es, in Besitz des reichsten goldfarbenen Haares gewesen, das man je gesehen, habe es aber bei einem Seebade am Lido unvorsichtig im Tange hängen lassen und sei die Nacht darauf mit Sack und Pack von dannen gefahren, ohne Angabe ihrer künftigen Adresse. Weiß Jemand Näheres über die Dame?“

„Das war zweifellos,“ rief der Fürst Giovanelli, „die Gräfin Bariatinska aus Polen, die unlängst meinen Palast besuchte!“

„Welch Glück,“ fiel der Herzog Bevilacqua ein, „daß sie mein Dach gemieden!“

Erminia sah vor sich nieder, desgleichen Antonio, und Beide schwiegen. Sie wußten wohl, warum.

Einen Monat später knieten sie Hand in Hand vor dem Priester; dann übersiedelten sie in’s ewige Rom, und Angela folgte ihnen. Der Palast Bevilacqua am großen Canal zu Venedig ward seitdem ein stiller Ort, denn der Herzog lebt mehr bei seinen Kindern, als in der alten Heimath, und freut sich des Ansehens, das sein Eidam über den Tod Victor Emanuel’s hinaus auch bei dessen Nachfolger genießt. Neuerdings hat er sogar den Entschluß gefaßt, das Erbhaus seiner Väter zu verkaufen. Wer achtmalhunderttausend Franken überflüssig hat, kann den Palast zu jeder Stunde erwerben.

  1. San Moisé ist ein Stadttheil in Venedig mit sehr engen Gassen; in einer der engsten liegt das Marionettentheater.