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Ein Rückblick auf die Ausstellung der deutschen Wollenindustrie zu Leipzig

Textdaten
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Autor: Georg Buß
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Titel: Ein Rückblick auf die Ausstellung der deutschen Wollenindustrie zu Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 734–737
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Rückblick auf die Ausstellung der deutschen Wollenindustrie zu Leipzig.


Es war vor ungefähr zwei Jahren, als auf dem Delegirtentage des Centralvereins der deutschen Wollenwaarenfabrikanten zu Crimmitschau der Vorstand dieses Vereins zuerst den Gedanken anregte, eine Fachausstellung der deutschen Wollenindustrie zu veranstalten. Die Erfahrungen aus den bisherigen Weltausstellungen hatten zu der Erkenntniß geführt, daß diese großen, alle Branchen der Gütererzeugung umfassenden Ausstellungen, indem sie eigentlich nur Bruchstücke eines jeden Gewerbes enthalten, nicht denjenigen fördernden Einfluß auf das Gewerbe ausüben können, wie jene Ausstellungen, die sich auf ein einzelnes Fach beschränken. Eine Fachausstellung, alle Stadien und Richtungen einer Fabrikation vom Rohmaterial bis hinauf zu dem edelsten, gebrauchsfertigen Fabrikate vorführend, ermöglicht dem Producenten, sich über Rohstoffe, Hülfsmaschinen, Verfahrungsarten, neue Erfindungen im [735] Zusammenhange zu unterrichten und seine Kenntniß der geschäftlichen Seite in Hinsicht auf Bezugsquellen und Absatzgebiete zu erweitern; sie lehrt auch die große Menge der nicht producirenden Beschauer die Ueberzeugung gewinnen, daß die Aschenbrödelrolle, welche der heimischen Industrie gegenüber der ausländischen zugewiesen worden ist, als eine den thatsächlichen Verhältnissen durchaus nicht entsprechende erscheint. Die Werthschätzung heimischen Könnens zu steigern, ist eine der verdienstvollsten Aufgaben der Fachausstellungen.

Alle diese Erwägungen waren für die Veranstaltung einer Fachausstellung maßgebend. Zudem fühlte sich die deutsche Wollenindustrie mit vollem Recht stark genug, um sich in einer Zusammenstellung alles Dessen, was sie zu leisten vermag, einer allgemeinen Beurtheilung zu unterwerfen. Auch war sie überzeugt, daß angesichts der weltgeschichtlichen Bedeutung, zu der sie sich vermöge des nothwendigen Consums ihrer Fabrikate emporgeschwungen hat, und ihrer Wichtigkeit in dem Organismus unserer Volkswirthschaft das Interesse für eine solche Ausstellung in den weitesten Kreisen der Nation Platz greifen würde. Und sie hat sich darin nicht getäuscht. Das Heimathsrecht dieser Industrie auf deutschem Boden liegt in ihrem tausendjährigen Bestehen begründet, und die Phantasie des Volkes, nach greifbaren Werkzeugen suchend, denen sie die Segnungen der Cultur und Civilisation zuschreibt, verehrt mit Recht gerade die Spindel als Symbol segenspendender friedlicher Arbeit.

Die gegenwärtige Bedeutung der Wollenindustrie in der deutschen Volkswirthschaft legen folgende Ziffern dar. Im deutschen Reiche befanden sich nach der Gewerbezählung vom 1. December 1875: 34,311 Betriebe, welche sich mit der Herstellung von Gespinnsten und Geweben aus Schafwolle und anderen Thierhaaren befassen, mit 193,688 beschäftigten Personen und einer motorischen Kraft von 58,235 Pferdekräften, von denen 45,155 per Dampf erzielt wurden.

Der geschätzte Werth der Einfuhr roher und gekämmter Schafwolle, wollener Garne und wollener Waaren bezifferte sich in Summa auf 350 Millionen Mark, der Werth der Ausfuhr der entsprechenden Objecte auf 247 Millionen Mark. Der Verbrauch in Pfunden Wollen wird für Deutschland gegenwärtig (1879) auf etwa 1 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung berechnet.

Daß diese Industrie nunmehr zum ersten Male unternimmt, eine Specialausstellung zu veranstalten, um der Welt zu zeigen, daß sie sich noch heute wie früher eine der stolzesten Töchter deutschen Fleißes zu nennen das Recht hat, daß sie ferner Betreffs der Qualität vor den westlichen Nachbarn nicht die Segel zu streichen hat, sondern in Bezug auf Intelligenz, Geschmackshöhe und Geschicklichkeit kühn mit ihnen in die Schranken treten darf, dürfte sehr gerechtfertigt erscheinen. So fand das Unternehmen denn nicht allein in den Kreisen der Fachgenossen, sondern auch in ferner stehenden Schichten der Bevölkerung lebhaften Beifall.

Ebenso zögerte Leipzig nicht, nachdem man diese Stadt, die vermöge ihrer industriellen Lage ein Sammelpunkt der kaufmännischen Welt und der Mittelpunkt des so überaus gewerbreichen Sachsens und namentlich der deutschen Wollenindustrie ist, als Ausstellungsort gewählt hatte, das Gebäude der ehemaligen Kunstgewerbe-Ausstellung gegen einen bescheidenen Procentsatz von einem sich etwa ergebenden Gewinn zur Verfügung zu stellen und das für ein aufzuführendes Maschinenhaus nothwendige Grundstück ebenfalls anzubieten. Auch die königlich sächsische Regierung erklärte sich sofort bereit, die Prämiirung der Aussteller zu übernehmen.

Am 1. Juli 1880 wurde die Ausstellung in Gegenwart des sächsischen Königspaares feierlich eröffnet.

Die ausgestellten Gegenstände waren nach sechs Gruppen geordnet: A Gewebe; B Rohmaterial; C Halbfabrikate; D Hülfsmaterialien; E Maschinen und Apparate jeder Art für den Gebrauch der Wollenindustrie; F Unterricht und Literatur. Auffallend schien es, daß keine Gruppe für Geschichte, Handel und Statistik vorhanden war. Die Fachausstellungen sollten diese rein wissenschaftliche Seite des Faches um so mehr berücksichtigen, als sie in umfassender Weise dem ernsten Studium dienen sollen.

Die Betheiligung an der Ausstellung kann leider keine allgemeine genannt werden. Gegenüber den 34,311 Hauptbetrieben, welche das deutsche Reich besitzt, bildeten 800 Aussteller, von denen übrigens 210 gar keine Textilbetriebe repräsentirten, sondern nur Maschinen, Apparate, Chemikalien für den Gebrauch der Wollenindustrie lieferten, einen sehr bescheidenen Procentsatz. Württemberg, Schlesien und die Rheinprovinz, welche mit ihren 560,203 Wollspindeln und 19,176 Wollwebstühlen allein ein Drittel der gesammten Wollspindeln und Wollwebstühle Preußens besitzt, haben sich eben sehr zurückhaltend gezeigt. Dasselbe läßt sich auch in mancher Hinsicht von Sachsen behaupten.

Einzelne Classen der obengenannten Gruppen wiesen jedoch eine stärkere Betheiligung auf. Die Tuch- und Buckskinfabrikation Preußens und Sachsens, die Fabrikate in Kammgarn, die wollenen Decken aus Süddeutschland und vom Harz, die Teppichfabrikation, vertreten durch die Brüsselteppiche von Berlin und die nach orientalischer Art geknüpften Teppiche von Schmiedeberg, Cottbus, Wurzen und Springe, die gehäkelten und gestrickten Phantasiewaaren von Apolda, dem alten Stammsitze dieser Fabrikation, und von den in jüngster Zeit aufgetretenen Concurrenzstädten Erfurt, Freiberg in Sachsen und Liegnitz, endlich die Filzwaaren gaben immerhin ein bezeichnendes Bild von der Bedeutung und der hohen Entwickelung der betreffenden Branchen. In hervorragender Weise hatten sich die Fabrikation der viel geschmähten Kunstwolle und die Maschinenindustrie betheiligt. Erstere, welche mit Hülfe von Maschinen aus Wolllumpen die Wollfasern zu weiterem Gebrauche herauslöst und das kurzfaserige Material aus Tuch und anderen Wollstoffen mit dem Worte „Mungo“, das Material aus Stricklumpen, Kammwollstoffen etc., also das langhaarige mit dem Worte „Shoddy“ benennt, wurde durch etwa ein Zwölftel der sämmtlichen Mungo- und Shoddyfabriken Deutschlands, letztere durch zahlreiche und bedeutende Werke von Chemnitz, Berlin, Werdau, Aachen, Leipzig etc. repräsentirt.

Nach dieser Uebersicht über die Betheiligung an der Ausstellung mögen die Eindrücke geschildert werden, welche wir von dem Ausgestellten empfangen haben.

Die halbrunde Vorhalle, welche das Vestibül des alten Kunstgewerbe-Gebäudes bildet, war für die Ausstellung des Rohmaterials benutzt worden. In zahlreichen eleganten Glasschränken und Kasten lag die Wolle in allen Graden der Reinheit und in den verschiedenen Stadien der Verarbeitung ausgebreitet. Vor der im Centrum der Halle auf hohem Postament thronenden Statue Friedrich August’s von Sachsen hatte eine umfangreiche, für Lehrzwecke systematisch zusammengestellte Wollsammlung des landwirthschaftlichen Instituts der Universität Leipzig ihren Platz gefunden. Diese Collection entsprach ihrer Bestimmung in ausgezeichneter Weise, sodaß auch der Laie nach genauerem Studium derselben wenigstens eine annähernde Vorstellung von dem ihm bisher unbekannten Gebiet der Wolle erhielt. Eine Anzahl lithographirter Tafeln veranschaulichte in sehr bedeutender Vergrößerung den Bau des Wollhaars, den Längen- und Querschnitt desselben, seine Entstehung und seinen Sitz in der Haut des Schafes.

Die Wollfaser der Merinowolle erscheint in dieser Vergrößerung aus einer Menge kleiner Hörner zusammengesetzt, die eins in das andere gesteckt sind, die Spitzen nach der Wurzel der Faser, also nach der Haut des Thieres gerichtet – die Wollfaser der anderen Wollen als ein massiver Cylinder, der wie ein Tannenzapfen mit dachziegelartigen Schüppchen bedeckt ist. Dieser Bau erklärt die Neigung mancher Wolle, sich zu kräuseln, und die Fähigkeit aller, sich zu filzen. Die Anzahl der Kräuselungsbogen hat zum Maß für die Qualität der Wolle Anlaß gegeben. So hat feine Wolle auf gleicher Haareslänge ungleich mehr kleine, flache Kräuselungsbogen, als grobe Wolle. Neben der Kräuselung sind aber noch verschiedene andere Eigenschaften des Haares für die Bestimmung der Wolle maßgebend: so vor Allem die Dicke, das heißt der Durchmesser und die Länge des Haares. Auf dem Längenunterschiede basiren die beiden Hauptgebiete der Wollspinnerei: die Kammgarnspinnerei und die Streichgarnspinnerei. Lange Wollen (6 bis 20 Centimeter lang) dienen als Kammwollen. Kurze Wollen (1,5 bis 7 Centimeter lang) werden als Streichwollen verarbeitet.

Nach diesen verschiedenen Eigenschaften wird die Wolle eingetheilt in die Classen: Electorale 1 und 2, Prima 1 und 2, Secunda, Tertia und Quarta. Unterhalb dieser Proben lagen in großen Glaskästen Vließe von den besten Heerden jener alten Zuchtrichtung ausgestellt, welche bis zur Mitte der sechsziger Jahre florirte, und nicht nach der Fleischgewinnung, sondern nach der [736] Production einer möglichst feinen Edelwolle strebte; ferner Vließe der neuen Zuchtrichtungen, deren Vertreter vorzugsweise Fleischgewinnung im Auge behalten. Beide Zuchtrichtungen haben ihre entschiedenen Anhänger; die Einen schwören auf Wollschaf, die Anderen auf Fleischschaf. Man scheint aber schließlich doch zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß die Fleischgewinnung bei der Richtung des Volksgeschmackes nicht ganz die gehofften Resultate ergeben hat, und daß es wirthschaftlich richtiger ist, die Wolle wiederum als wichtigen Factor in die Calculation zu ziehen.

Neben dieser Sammlung der Leipziger Universität erregten besondere Aufmerksamkeit die Vließ- und Stapelproben mehrerer edlen Merinoheerden Westpreußens und Schlesiens und die von einer Wollwäscherei zu Wurzen hübsch zusammengestellten Proben roher und fabrikgewaschener Wollen von circa siebenzig deutschen Stammheerden.

Den Beschluß der deutschen Wollen machten mehrere Vließe des Marsch- respective Eiderschafes, welche von dem nordfriesischen Verein zu Bredstedt und dem landwirthschaftlichen Verein zu Eiderstedt bei Garding ausgelegt waren. Daß diese Wolle der Niederungsschafe mit derjenigen der Edelzüchtungen nicht wetteifern kann, dürfte auch dem Laien bekannt sein; sie ist grob von Haar, indeß fest und elastisch, und wegen ihrer Länge für den Kamm geeignet.

Die ausländische Wollproduction wurde in hervorragendster Weise durch mehrere Collectionen von Colonialwollen veranschaulicht, unter denen besonders eine von neun Bremer Firmen zusammengestellte vortheilhaft auffiel. Hier wurden Wollproben, Vließe, Abfälle von Wolle, Producte aus Wollschweiß etc. aller derjenigen überseeischen Wollen vorgeführt, welche der deutsche Fabrikant vorzugsweise verbraucht. Es verdient dieses selbstständige Importiren Bremer Firmen um so mehr Anerkennung, als es das Bestreben zeigt, den Import überseeischer Wollen nach Deutschland nicht mehr durch Vermittelung des Londoner Marktes zu bewerkstelligen, sondern ihn selbst in die Hand zu nehmen. Daß Bremen immer mehr zu einem Stapelplatze überseeischer Wolle werden möge, ist von Herzen zu wünschen.

Wir wenden uns nun zur Kunstwolle. Als dieses Material Ende der vierziger Jahre auftauchte, war die ganze civilisirte Welt entrüstet. Und fünfundzwanzig Jahre später? – da existirten allein in Deutschland 129 Kunstwollfabriken mit 4776 Arbeitern – eine Anzahl, die sich heutigen Tages schon um ein Beträchtliches vermehrt haben dürfte. Dieser gewaltige Aufschwung eines früher so mißachteten Industriezweiges ist vorzugsweise auf die verbesserte Fabrikationsweise zurückzuführen. Man erfand Maschinen, welche es ermöglichen, die Wollfaser aus dem alten Gewebe oder den Fäden so zu lösen, daß sie nicht zerreißt, also möglichst lang bleibt; man erfand neue Verfahrungsweisen, bei deren Anwendung das immerhin kurze Material gut zu verspinnen ist; man erfand im Anfang der sechsziger Jahre das Verfahren des Carbonisirens, wodurch es möglich ist, auch aus halbwollenen Lumpen die Wollfaser zu gewinnen und zu Fäden zu verspinnen; man wandte endlich verbesserte Reinigungsverfahren an, welche das aus den Lumpen hergestellte Gewebe oder Gespinnst von allen Unreinigkeiten gänzlich befreite. Auch der Widerwille des Publicums gegen das Fabrikat schwand nach und nach. Die Noth lehrt eben beten. Der Unbemittelte greift gern zu jenen billigen, gewöhnlich dicken Stoffen, die, wenn sie auch nicht den aus Naturwolle hergestellten an Feinheit und edlem Aussehen im Entferntesten gleichkommen, doch immerhin eine ziemlich haltbare und warme Bekleidung abgeben. Der Protest der Aesthetiker gegen Shoddy und Mungo hat ebenso wenig genützt, wie derjenige, den sie gegen die Anilinfarben erhoben. Die Kunstwolle hat sich in der Industrie ihre Stellung errungen, und ihre Verfertiger können sich in der That rühmen, die Ausnützung eines Stoffes bis in die äußersten Grenzen der Möglichkeit getrieben und hierdurch neue Werthfactoren geschaffen zu haben.

Bot die Abtheilung für das Rohmaterial in ihrer seltenen Reichhaltigkeit besonders dem Fachmanne vieles Interessante, so noch mehr die Maschinenhalle. Unermüdlich arbeiteten die großen Dampfmaschinen, senkten und hoben sich die Kolben, drehten sich in fliegender Eile die Räder, schnurrten die Spindeln, sausten mit Blitzesschnelle die Weberschiffchen dahin und rasselten in immer beschleunigterem Tempo die Strick- und Stickmaschinen. Die menschliche Hand schien geradezu unnöthig geworden zu sein; denn fast ohne ihre Beihülfe wurden die verschiedensten Functionen verrichtet; die Maschinen webten, wirkten, strickten, stickten, griffen tief hinein in das Gebiet der menschlichen Kunst und beschämten jede Geschicklichkeit unserer Hand. Eine Menge neuer praktischer Constructionen und Verbesserungen übte auf die Fachleute eine ungemeine Anziehungskraft aus, während das Laienpublicum, weniger mit diesem Rädergetriebe vertraut, mit einem gewissen Staunen die modernen Errungenschaften der Technik betrachtete. Ihm schienen besonders die mechanischen Webstühle das meiste Interesse zu gewähren. Angesichts des Schönherr’schen Gobelinstuhles erhielt man in der That einen Begriff davon, welche Fortschritte die Technik gerade in dieser Richtung gemacht hat, und wie die noch vor fünfzehn bis zwanzig Jahren herrschende Ansicht, daß complicirtere Einrichtungen, wie namentlich die Jacquard-Maschine, nur schwer mit dem mechanischen Stuhle in Verbindung gebracht werden könnten, sich als völlig unzutreffend herausgestellt hat.

Der ganze hintere Theil der Maschinenhalle wurde von vier Dampfmaschinen eingenommen, während der vordere Theil und der Raum längs den Wänden zur Ausstellung der Hülfsmaterialien der Wollenwaaren-Fabrikation benutzt worden war. Hier lagen Chemikalien, Seifen, Leime, Oele, Producte aus Wollschweiß, Wasserglas, Dextrine, Kunstgummi, Farbhölzer, Krystallgebilde aus purpurnem Blutlaugensalz, ferner Kratzen, Pappspulen, Bürsten, Kupferarbeiten zum Theil in geschmackvollen Arrangements ausgebreitet.

Die mit Hülfe der Maschinen aus dem Rohmaterial hergestellten Fabrikate barg das Innere der alten Kunstgewerbehalle. Der langgestreckte Raum bot ein glänzendes Bild; denn mit seltenem decorativem Geschick waren nicht nur die kostbaren Stoffe und Teppiche, sondern auch die geringsten Fabrikate in einer dem Auge wohlthuenden Weise zusammengestellt worden. Die Fabrikanten von nicht weniger als sechsundzwanzig Städten hatten Collectiv-Ausstellungen arrangirt und anscheinend keine Kosten gescheut, um ihre Waaren in ansprechender, würdiger Weise vorzuführen. Tuche, Buckskin, Paletot- und Kammgarnstoffe, Decken, Flanelle, Strumpf- und Strickwaaren, Shawls, Möbelstoffe, Teppiche, Filze etc., Producte der süd- und norddeutschen, der rheinischen und holsteinischen, elsässischen, schlesischen und sächsischen Fabrikation waren hier vertreten. Besonders erregten die von den Fabriken zu Wurzen, Schmiedeberg, Cottbus und Springe aufgestellten Smyrnateppiche die allgemeinste Bewunderung. Gerade auf dem Gebiete der Teppichfabrikation sind ja die glänzendsten Resultate zu verzeichnen.

Nachdem auf den ersten Weltausstellungen die Ueberzeugung von der Vortrefflichkeit der orientalischen Teppiche durchgedrungen, beeilte man sich, diese Vorbilder für die eigene Fabrikation zu verwerthen. Die Engländer legten in Smyrna selbst Fabriken an, welche für den englischen Markt[WS 1] arbeiteten, da der Orientale bei seiner langsamen Arbeitsweise den englischen Bedarf nicht decken konnte. In Deutschland war es ein intelligenter Fabrikant, Kühn mit Namen, welcher selbst nach dem Orient reiste, um die Teppichfabrikation zu studiren und dieselbe nach seiner Heimath zu übertragen. Bald entstanden jene schon oben angeführten Fabriken, welche zur Zeit Fabrikate anfertigen, welche die alten, echten Smyrnateppiche an Haltbarkeit übertreffen. Ahmte man anfänglich nur die groben Sorten in Grün, Roth und Blau nach, so schritt man bald weiter fort und wagte sich auch an die feineren Arten, bis man endlich Technik und Ornamentationsprincip so weit beherrschte, daß nach eigenen Entwürfen gearbeitet werden konnte. Alle diese Teppiche sind Knüpfteppiche, also die plüschartig in die Höhe stehenden Fäden der Oberfläche sind genau wie bei den orientalischen einzeln mit der Hand in das Gewebe eingeknüpft. So hatten Schütz und Juel aus Wurzen ein Exemplar ausgestellt, welches bei einer Größe von 9½ Quadratmeter 1,231,200 Knoten enthielt. Hoffentlich wird sich auch bei der Herstellung unserer geringen Teppichsorten jener reformatorische Geist in verstärktem Maße geltend machen, der für die kostspieligeren Erzeugnisse der Teppichweberei so schöne Früchte getragen hat.

Mit diesen Andeutungen über die Fabrikation der Teppiche möge unser Bericht über die Ausstellung der deutschen Wollenwaaren-Industrie schließen; sie ist von 109,105 Personen besucht worden und ergab einen reinen Ueberschuß der Einnahme von 20,000 Mark, welche nach Zurückzahlung des Garantiefonds zu gemeinnützigen Zwecken verwendet werden sollen; ihr Schluß erfolgte [737] am 15. October mit einem Hinweis auf das freudige Fest, welches an demselben Tage am Rheine gefeiert wurde.

Es sei schließlich noch der zahlreiche Fachversammlungen gedacht, die im Anschluß an diese Ausstellung tagten. Es waren dies: ein Verbandstag der deutschen Färber, eine allgemeine Weberlehrer-Conferenz und eine Schafschau, der sich noch der zum ersten Male im Jahre 1823 in Ausführung gebrachten Idee von Albrecht Thaer ein Wollconvent anschloß.

So hat die Ausstellung in jeder Beziehung anregend und fruchtbar gewirkt. Sie hat gezeigt, daß die deutsche Wollenindustrie stark genug in ihrem Können, strebsam genug in ihrem Wollen und sich ihrer Ziele ausreichend bewußt ist. Sie hat auch bewiesen, daß jenes herbe Wort, welches im Sommer 1876 jenseits des Oceans über die deutsche Industrie gefällt ward, auf die deutsche Wollenindustrie keine Anwendung mehr findet.

Georg Buß.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Mark