Ein Pirschgang auf Gemsen

Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Gerstäcker
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Pirschgang auf Gemsen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 487–490
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[487]
Ein Pirschgang auf Gemsen.
Von Friedr. Gerstäcker.

Schon ein Pirschgang an und für sich, und wenn es auf einen Rehbock wäre, ist ein wonniges Gefühl, und mit der schußfertigen Büchse im Arm, das Auge überall, das Ohr auch dem geringsten fremden Laut horchend, der eigne Fuß ängstlich jedes Geräusch vermeidend, und fortwährend dabei auf Wind und Deckung achtend, vergißt der Jäger in der Zeit die Welt, und hat nur Sinn und Gedanken auf den einen Punkt gerichtet – auf seine Jagd. Und nun gar ein Pirschgang auf Gemsen!

Die wundervollen Berge um uns her, die Mühseligkeit, ja oft selbst Gefahr der Jagd, das scheue, mit den schärfsten Sinnen begabte Wild zum Ziel, das Alles erhöht nur und mehrt den Reiz solcher Lust, ja die Erinnerung daran ist fast so schön, als der Moment selber – und wie viele solcher Erinnerungen trage ich im Herzen!

Und kann der Nichjäger sich in solche Bergesfreude hineindenken? – Ich will versuchen, ob es möglich ist, ihm einen richtigen Begriff davon zu geben, und konnte er nicht Theil an der Jagd, soll er doch Theil an der Erinnerung nehmen.

Es war im Herbst vorigen Jahres, am 21. October, und ich selber mit einem anderen Schützen von der Jagdgesellschaft in der Riß detachirt worden, die Scharnitzberge auf eigene Hand zu bejagen.

Schon am ersten Tag dort, als wir nach verschiedenen Richtungen hin von dem kleinen Ort Scharnitz aus zu unserem Lager in den Bergen aufbrachen, gelang es mir einen dreijährigen Bock zu schießen. Die nächsten Tage dagegen durchstreifte ich vergebens mit einem der dort stationirten Jäger die Berge. Wir sahen wohl hie und da an den steilen Wänden einzelne Böcke, aber es war nicht möglich an sie hinan zu kommen, und unstäter Wind, der einsetzte, machte endlich sogar jede Jagd vergeblich.

Bei keiner Jagd der Welt hängt mehr vom Wind ab, als gerade bei der auf Gemsen, denn hat das scheue Wild die geringste Witterung vom Jäger bekommen, so mag er nur ruhig seine Büchse schultern und heimkehren. Die Gems nimmt nämlich ohne den geringsten Verzug eine Stellung ein, von der aus sie das ganze benachbarte Terrain vollkommen überschauen kann, und ist ihr dieses nicht offen genug, sind besonders Felsvorsprünge und Schluchten in der Nähe, durch die gedeckt ein Feind doch möglicher Weise anschleichen könnte, so verläßt sie die bedrohte Nachbarschaft ganz und steigt in irgend eine unzugängliche Wand hinein, in die ihr kein Jäger folgen kann.

Bei gutem Wetter weht nun in den Bergen ein vollkommen regelmäßiger Luftzug, und zwar im Sonnenschein die Berge grad hinauf, im Schatten aber die Hänge hinab, und man kann sich beim Pirschen vollkommen gut und sicher darauf verlassen. Ist das Wetter dagegen unbeständig, so fackelt auch der Wind, weht bald das Thal herauf, bald hinab, bald an den Hängen hin, bald her, und ein Anpirschen wird zur Unmöglichkeit.

Wir sahen am 20. ein Rudel Gemsen und wollten, da es mit der Pirsche nichts war, wenigstens versuchen, ob wir sie treiben könnten, aber der unten gebliebene Jäger, der sie beobachten sollte, während ich dem mir bestimmten Stand zustieg, gab bald das verabredete Zeichen zur Rückkehr. Noch wenigstens eine Stunde Weges von ihnen entfernt, hatten die Gemsen schon durch den umschlagenden Luftzug Wind von mir bekommen und waren unruhig geworden, und es blieb deshalb das Beste, sie nicht weiter zu stören. Einen Erfolg konnten wir uns doch nicht davon versprechen. An dem Tag ließ sich deshalb nichts weiter vornehmen, und wir gingen in unsere Almhütte, die wir gemeinsam bewohnten.

Am Tag in einer Almhütte liegen, während man draußen nach Gemsen jagen könnte, – es ist das ein trauriger Gedanke, und die Hütte selber bot eben nicht viel Anziehendes, darüber die versäumte Jagd zu vergessen. Das Innere derselben war rauchgeschwärzt, verräucherte Heiligenbilder mit hie und da einem Schmuck zerknitterter und verblichener künstlicher Blumen hingen an den Wänden. Der Boden bestand aus hartgestampftem, jetzt aber feuchtem Lehm; das eine kleine Fenster hatte so trübe Scheiben, daß es sich hartnäckig weigerte, auch die geringsten Umrisse der draußen liegenden Landschaft zu verrathen, und der in der Milchkammer stehende eiserne Blechofen sandte den Qualm in dicken Stößen durch das niedrige Gemach.

„Hol der Henker den Wind!“ dachte ich und warf mich auf die in der Ecke bereitete Heustätte, daß eine wahre Wolke von Staub um mich her aufstieg. – Schlechtes Wetter in den Alpen – es gibt nichts Trübseligeres.

Die Nacht heulte der Sturm nur so durch das offene und ziemlich hoch gelegene Thal, aber gegen Morgen wurde es ruhiger, und noch vor Tag kam der eine Jäger, der Franzel, herein und meldete, draußen sei das schönste Wetter, und wir möchten aufbrechen, sobald wir wollten.

Das war eine Freudenbotschaft – in wenigen Minuten waren wir angekleidet, ein Kaffee und Schmarren wurde rasch gekocht und verzehrt, und mit einem kleinen Frühstücksvorrath und einem Schluck Branntwein im Bergsack standen wir fast noch eine Stunde vor Sonnenaufgang im Freien draußen, unsere Jagd zu beginnen.

Vorher genommener Verabredung nach brachen wir Beiden, je mit einem Jäger, nach verschiedenen Seiten auf, unser Glück heute getrennt zu versuchen, und ich wanderte mit meinem Begleiter eine Strecke das Thal hinab, um etwa eine halbe Stunde von dort entfernt einen Berghang zu erreichen, an dem wir gestern Gemsen gesehen hatten. Das Wetter war heute still und ruhig, und wenn wir sie noch an derselben Stelle oder doch in nächster Nachbarschaft trafen, konnten wir uns ohne große Schwierigkeit an sie anschleichen.

Diese Schlußfolgerung war ganz richtig – nur standen die Gemsen nicht auf dem früheren Terrain, sondern hatten sich unglückseliger Weise auf die höchste Spitze des Gebirgsrückens hinaufgezogen, wo ein Anpirschen zur Unmöglichkeit wurde. Ehe wir nur die Hälfte der Höhe hätten ersteigen können, war die Sonne voll heraus; die Luft zog dann aufwärts, und wir wären den Augenblick verrathen gewesen. Ueberdies sind die Scharnitzberge vollkommen kahl, nur ziemlich tief von einem Laatschengürtel umgeben und dabei theils zerklüftet, theils von Reißen (Geröllhänge) angefüllt. Das aber blieb sich hier gleich und der Luftzug die Hauptsache, dem wir nun einmal nicht ausweichen konnten.

In solchen Fällen, wo eine Pirsche zur Unmöglichkeit wird, bleibt nichts Anderes übrig, als das Wild zu riegeln, und das [488] geschieht auf folgende Art und Weise: der Jäger, der sich dabei aber sorgfältig hüten muß, den Gemsen in den Wind zu kommen, besetzt den Wechsel, den die Rudel gewöhnlich in der Flucht nehmen, und sein Begleiter, sobald das geschehen ist, „geht die Gemsen an“. Ein wirkliches Treiben findet nicht statt; der, dem das sogenannte „Riegeln“ überwiesen ist, hat sich nur an irgend einer Stelle zur richtigen Zeit dem Wild zu zeigen, und dieses zieht sich dann langsam von der gefährdeten Nachbarschaft fort, stets den täglich genommenen Wechsel dabei einhaltend. Keineswegs dabei auf der Flucht, kommt es dem im Hinterhalt liegenden Schützen gewiß vor die Büchse, und er hat gewöhnlich auch Zeit, selbst wenn kein einzelner Bock anzieht, sich das beste Stück für seinen Schuß herauszusuchen.

Mit den Gebirgspässen und Wechseln dort noch von früher her genau bekannt, bedurfte ich keiner weiteren Führung, sondern schickte meinen Begleiter ohne Weiteres ab, das Wild zu umgehen, während ich selber im Thal noch ein Stück fortschritt, dann eine aufwärts führende Schlucht annahm, die mich den Blicken des Rudels vollkommen entzog, und nun, so rasch ich konnte, zu der Stelle hinaufstieg, wo ich wußte, daß mir das Rudel anlaufen mußte.

Den Platz erreichte ich auch, tüchtig warm geworden, nach etwa anderthalb Stunden, nahm vor allen Dingen einen Schluck aus der Feldflasche, richtete mir dann mein Versteck an der vollkommen strauchlosen Felswand mit Steinen und Geröll, so gut es gehen wollte, her und erwartete, in den grauen Kleidern auf einige Entfernung überhaupt nicht von dem gleichfarbigen Boden zu unterscheiden, geduldig das Nahen des Wildes.

Eine volle Stunde hatte ich so gelegen, und nicht das Geringste rührte sich. Ein Jochgeier strich einmal mit schwerem Flügelschlage hoch über die Kuppen hin, das Thal hinauf – an den gegenüberliegenden Wänden jagte sich ein Schwärm pfeifender Alpendohlen, und ein Paar Schneefinken zwitscherten dicht um mich her, und suchten sich ihr Futter in dem lockeren Geröll – der abgeschickte Jäger mußte schon auf die Gemsen getroffen sein, und hatten sie sich etwa doch, gegen alle Gewohnheit, thalab gewandt? – dann kreuzten sie weit unter der Stelle, an der ich lag, den Hang, und ich kam hier oben nicht zum Schuß.

Da poltert ein Stein – rasch fährt der Blick zu der Kuppe empor, über die sie kommen müssen, wenn das ganze Riegeln nicht verfehlte Arbeit bleiben sollte, und richtig, über die Höhe nieder springen sieben – acht – neun dunkle Punkte – nicht größer wie die Ameisen – aber in wilder Flucht. Den Berg rasseln sie nieder, daß lockeres Steingeröll nach allen Seiten umherfliegt und mit dumpfem Fall in die Schlucht hinabrollt, oder zischend die Luft durchschneidet – näher und näher, ohne anzuhalten, ohne ein einziges Mal zurückzuäugen – gerade in tollen Sprüngen auf mich ein.

Mir schlug das Herz wie ein Schmiedehammer in der Brust, und vergebens bemühte ich mich jetzt, unter dem wild durcheinander fahrenden Rudel einen Bock herauszufinden. Noch gab es aber vielleicht ein Mittel, sie, wenn auch nur auf einen Moment, zum Stehen zu bringen – ein scharfer Pfiff nämlich, wenn sie sich in Schußnähe befanden, aber ich mußte dann schon wenigstens wissen, auf welches Stück ich schießen wollte.

Voran sprangen die Kitzgeisen mit den Kitzen – die waren frei – aber die letzte Gems im Rudel mußte ein Bock sein – dicker kurzer Hals und breiter Rücken – die Krickeln ließen sich freilich nicht erkennen, denn weil das Rudel bergab gestürmt kam, verschmolzen die Umrisse der schwarzen Krickeln in den dunklen Körpern.

Jetzt waren sie etwa auf achtzig Schritt heran – und, die Büchse vom Backen, pfiff ich, so laut ich konnte – Gott bewahre, – keine dachte daran zu halten – vorwärts stürmten sie, und ließ ich sie bis dicht heran, so wußte ich vorher, daß ich fehlte. Ueberdies durfte ich nicht länger zögern, denn die erste Kitzgeis sprang eben dicht über mir weg, bekam Wind, pfiff und schnellte seitab den Hang hin. Das andere Rudel folgte zum Theil, theils wollten sich einige unter mir fortziehen, die herangesprungenen rascher einzuholen, denn daß hier nicht Alles richtig sei, hatten sie jetzt wohl gemerkt. Ich selber sah nur die eine, die ich mir ausersehen, und auf etwa siebzig Schritt hielt ich eine gute Hand breit vor und feuerte.

Die Gems zeichnete und das Rudel stob bei dem Schuß, der eigentlich mitten zwischen ihnen abgefeuert wurde, wild aus einander. Ich richtete mich jetzt rasch empor und nahm mit dem zweiten Rohr eine der anderthalbjährigen auf’s Korn, die mir wie ein junger Bock aussah – sie mochte jetzt etwa hundert Schritt entfernt sein. Es ist aber kein leichter Schuß, mit der Kugel eine flüchtige Gems zu fassen, und er gelingt nicht immer. Ich schoß zwar, aber die Thiere setzten ihre Flucht unaufgehalten fort und waren im nächsten Augenblick schon hinter dem nächsten Hang verschwunden – die jedoch ausgenommen, auf die ich zuerst gehalten.

Diese hatte sich – schon ein vortreffliches Zeichen – vom Rudel abgethan und zog langsam gerade zu Thal nieder, und als ich hinüber auf den Anschuß sprang, fand ich reichlich hellrothen Schweiß.

Vor allen Dingen lud ich nun meine Büchse wieder, mich nicht weiter um die schwer kranke Gemse kümmernd, und wie ich dabei nach oben sah, entdeckte ich meinen Franzel, der schon halbwegs den steilen Hang, mit Steigeisen und Bergstock einkrallend, halb rutschend, halb laufend, herunter kam. Er mußte ganz dicht hinter den Gemsen gewesen sein, und darum schien das Rudel in solch erstaunlicher Eile.

Wie Franzel herankam, erzählte er die Geschichte. Die Gemsen hatten, ohne ihn jedoch zu wittern, freiwillig ihren Stand gewechselt, waren ihrem gewöhnlichen Wechsel zugegangen, und wären ohne Störung jedenfalls langsam und vertraut zu mir herunter gekommen. So aber glaubte er, daß sie sich gleich von dort aus zu Thal gezogen hätten, und wollte ihnen den Weg dahin abschneiden, und erst als er sie nirgends finden konnte, verfolgte er seine zuerst eingeschlagene Bahn, mich abzurufen. Oben nun auf der Bergkuppe rannte er plötzlich unversehens mitten in das Rudel hinein, und daß die Gemsen jetzt über Hals und Kopf den Hang hinabstürmten, war natürlich.

Wir suchten vor allen Dingen den zweiten Anschuß ab, aber ohne Erfolg. Es war kein Tropfen Schweiß, kein abgeschossenes Haar zu finden, und ich hatte mit dem zweiten Lauf gefehlt. Die kranke Gemse fanden wir dagegen, kaum vierhundert Schritt entfernt, verendet neben einem großen Felsblock liegen, und es war richtig eine Geis, aber ein altes geltes, außerordentlich feistes Thier, das mit dem kurzem Hals und dem gedrungenen Körper kein Mensch in nur mäßiger Entfernung von einem Bock hätte unterscheiden können. Gelte Geisen sind aber jagdbar, und ich war deshalb mit meinem Erfolg – wenn mir ein alter Bock auch lieber gewesen wäre – zufrieden.

Wir waideten die Gemse aus, packten sie in Franzel’s Bergsack und setzten uns nun an den Hang, unser mitgebrachtes Frühstück zu verzehren. Eine Stunde ist nämlich in den Bergen gar bald verstiegen, und es war indessen Mittagszeit geworden, bis wo der Mensch in der leichten reinen Luft einen enormen Hunger fühlt. Dabei unterließen wir jedoch nicht, sowohl sämmtliche benachbarte Berge, wie die gegenüberliegenden Hänge sorgfältig mit unseren Teleskopen abzuäugen, und hie und da wurden nach und nach Gemsen entdeckt, und die Möglichkeit oder Unmöglichkeit besprochen, an sie hinanzukommen – war es doch noch früh genug am Tage, eine zweite Jagd zu versuchen.

Dem Hang gegenüber, an dem wir uns befanden, lag das sogenannte Kaltwasserkar, in das Karwendelgebirge hineingedrückt, und auf den hohen und weißen Reißen derselben stand ein Rudel von fünfzehn Stück. Es waren aber, wie sich mit meinem vortrefflichen Glas recht deutlich erkennen ließ, fast lauter Kitzgeisen, und auf den vollkommen offenen Reißen selber überdies gar nicht an sie anzukommen.

Unter den Reißen lag – wie es von dort aussah – ein schmaler Streifen coupirten Terrains, mit Büschen und Gras bewachsen, und mit dem bloßen Auge ließ sich nichts Lebendiges darauf unterscheiden. Mit dem Glas fand ich aber bald verschiedene einzelne Gemsen, dir sich dort theils äßten, theils niedergethan hatten und in voller Ruhe schienen. Und war dort hinüber zu kommen?

„Ja, hinüber zu kommen wär’ schon“, sagte Franzel, der mit seinem Glas die Gemsen nicht hatte ausmachen können, und jetzt das meinige nahm, sie erst einmal zu betrachten; „wir hätten aber schon zwei gute Stunden zu marschiren, bis wir nur unter den Hang kämen, und müßten dann über eine vollkommen offene Lanne hinüber, recht in Sicht von den Böcken.“

Und was waren zwei Stunden? – die Hänge drüben lagen überdies an der Nordseite, also im Schatten – bis wir hinkamen, trat außerdem die Abendkühle ein und der Wind schlug ab, in dieser Hinsicht konnten wir es uns also nicht besser wünschen. Und [489] die Lanne? – wenn wir dorthin kamen, fand sich auch vielleicht ein Ausweg sie zu umgehen, und der Versuch sollte jedenfalls gemacht werden.

Franzel – überhaupt sehr wortkarg, aber ein vortrefflicher Jäger, war mit Allem einverstanden, sah nach der Sonne und nach seiner Uhr, schob sein pappenes Teleskop zusammen, beendete sein Frühstück, stand dann langsam auf, schulterte die Gemse und sagte: „Wollen wir?“ – Ich war ohne Zögern an seiner Seite, und so rasch es der rauhe Boden erlaubte, stiegen wir den Hang hinab, zu Thal.

Franzel hatte die Entfernung keineswegs überschätzt. Erst ging es tief hinab, dann wieder eine Strecke in die Höh, dann wieder nieder, und so abwechselnd, bis wir endlich einen Streifen Wald erreichten, von dem aus wir die Kaltwasserkar, oder wenigstens deren Reißen, vollkommen gut überschauen konnten. – Das Rudel stand auch noch ruhig da – einige Stück hatten sich niedergethan, die Kitzen spielten mit einander, und ein Paar alte Geisen äßten sich an der süßen Gemskresse, die auf solchen Reißen in Masse wächst. Es war lauter Mutterwild und junges Zeug, wegen dessen es der Mühe nicht gelohnt hätte, den weiten Weg zu machen. Von den vermutheten alten Böcken in den Büschen war aber hier unten nichts mehr zu sehen, denn breite Lagen Geröll hatten sich, die Aussicht verdeckend, vorgeschoben, während trotzdem irgend ein alter Bock recht leicht hinter den Büschen am Rand derselben stehen konnte. Die größte Vorsicht blieb deshalb noch immer nöthig.

Von den Bäumen gedeckt, konnten wir allerdings noch ein Stück vorwärts rücken, dann aber lag, wie Franzel ganz recht behauptet hatte, eine breite, vollkommen baum- und strauchlose glatte Lanne zwischen uns und den Laatschen des nächsten Hanges, und das Rudel auf den Reißen mußte uns sehen, wenn wir dieselbe überschritten. Von jenem Rudel waren wir allerdings noch 1500 bis 2000 Schritt entfernt, aber was ist das in jener reinen Luft, die alle Gegenstände fast vor die Augen rückt, und wie scharf äugt eine Gemse! Hier blieb aber wirklich kein Ausweg, wir mußten über diese Lanne, wenn wir nicht einen Umweg von wenigstens zwei Stunden machen wollten, und dann wäre die Jagd für diesen Abend unmöglich geworden – also wie geschah das am Besten?

Mein Vorschlag war, ganz langsam und ohne rasche auffällige Bewegung Einer dicht hinter dem Anderen in die vor uns liegende, grasbewachsene Schlucht hinabzusteigen. Der Weg war vollkommen gefahrlos, und vielleicht ließen uns die Gemsen unbemerkt, wenigstens unbeachtet, den Schutz der nächsten Büsche erreichen. Franzel wußte nichts Besseres, und ohne weiter ein Wort zu sagen, schulterte er die erlegte Gemse wieder und schritt voran, ich dicht an seinem Rücken hinterdrein. Keiner sprach natürlich ein Wort, und nur ängstlich horchten wir, ob wir nicht bei jedem nächsten Schritt das fatale und verrätherische Pfeifen einer der aufmerksam gewordenen Gemsen hören würden – aber nichts regte sich. Schritt nach Schritt stiegen wir die steile Bahn hinab, den Blick auf den Boden geheftet, als ob wir schon damit die scheuen Thiere ruhig halten könnten, und endlich – endlich hatten wir den ersten Laatschenbusch erreicht, hinter dem wir uns Beide schweigend niederkauerten.

Es ist nämlich eine oft beobachtete Thatsache, daß eine Gemse den anpirschenden Jäger bemerkt, ohne den geringsten Warnungsruf hören zu lassen, so lange sie ihn mit ihren Blicken verfolgen, also auch beurtheilen kann, in wie weit ihr die Gefahr näher rückt. Sie läßt ihn dann allerdings nicht mehr aus den Augen und steht zur Flucht bereit, aber sie pfeift auch nicht, bis er sich irgendwo versteckt, oder durch Fels oder Busch ihren Blicken entzogen wird. Dann erst läßt sie den scharfen, nur zu wohl bekannten Pfiff ertönen und flieht – bleibt nach einer Weile wieder stehen und äugt umher, und sieht sie den Feind dann noch nicht, so pfeift sie wieder und flieht die Gegend, so rasch sie kann.

Durch unser Verstecken nun machten wir die Probe, ob wir von dem scheuen Wild bemerkt oder beachtet wären, und als wir etwa zehn Minuten dort still und regungslos gelegen und gerastet hatten, flüsterte Franzel: „Sie haben nichts gemerkt – jetzt kommen wir an.“

Vorsichtig legte er nun seinen Bergsack mit der schweren Gemse ab, diese auf dem Rückwege mit zu nehmen, packte sie aber vorher aus und hing sich den leeren Bergsack auf den Rücken.

„Wozu?“ flüsterte ich leise.

„Den Bock hinein zu thun“, lachte Franzel – „haben ihn schon.“

Diese Zuversicht theilte ich nun allerdings nicht, dennoch hatten wir das bis jetzt schwierigste Hinderniß beseitigt, und mit gutem Wind war in der That die Möglichkeit, daß ich an einen oder den anderen Bock anpirschen konnte. Aber wo standen die Gemsen jetzt, die wir drüben von dem Hang aus auf dem „kleinen Grasflecken“ erkennen konnten? Diese „kleinen Grasflecken“ selber hatten, wie mir jetzt schien, eine ungeahnte Ausdehnung gewonnen, und wo die einzelnen Gemsen darin suchen, ohne einer oder der anderen zu früh in den Wind zu kommen? Für jetzt blieb freilich nichts übrig, als die Deckung der Laatschenbüsche, so weit das anging, zu benutzen; als wir diese aber endlich verlassen mußten und einen breiten, offenen Streifen Geröll erreichten, waren wir durch eine früher gar nicht bemerkte, abhängende Wand gedeckt, so daß uns jetzt keine obenstehenden Gemsen mehr sehen konnten, bis wir wenigstens den oberen Hang erreichten.

Ueber das Steingeröll mußten wir trotzdem sehr vorsichtig schreiten, denn die Steine klapperten unter den eisenbeschlagenen Schuhen. Den Bergstock umgedreht, daß die Eisenspitze das Geröll nicht berührte, schritten wir langsam aufwärts und erreichten endlich, nach einer guten halben Stunde etwa, die ersten Erlenbüsche, zwischen denen wir das Wild wußten.

Der Nachmittag war indessen viel weiter vorgerückt, als wir bisher vermuthet hatten. Die Sonne konnten wir schon lange nicht mehr sehen, und Franzel meinte, wir würden nicht viel Zeit übrig haben, bis wir „aufi“ kämen. Schritt für Schritt konnten wir auch von hier aus nur vorwärts rücken, denn jeder Fußbreit brachte uns höher, und der Wind schlug ab; umgehen durften wir also keine Gemse, wenn wir nicht die ganze Jagd verderben wollten, und vorsichtig nach allen Seiten umheräugend, pirschten wir uns langsam aufwärts.

So sorgfältig nun Franzel dabei vermied, je laut aufzutreten, so machen auf der Pirsche Zwei doch immer mehr Geräusch als Einer, und ich winkte ihm nach einer Weile, da, wo er stand, zurückzubleiben, während ich das Terrain allein absuchen wollte. Ohne ein Wort zu erwidern, nickte er nur leise mit dem Kopf, drückte sich dann unter den nächsten Busch, und rührte und regte sich nicht mehr.

In der peinlichsten und doch wieder für den Jäger wonnigsten Spannung schritt ich indessen weiter. Meinen Bergstock, den ich hier nicht mehr brauchte, hatte ich bei Franzel zurückgelassen, und die gespannte Doppelbüchse – einen Baader’schen Bock – in der Hand, kroch ich mehr, als ich ging, die nächste Anhöhe hinan, hinter der ich jedenfalls irgend eine der von drüben gesehenen Gemsen vermuthen mußte.

Jetzt hatte ich sie erreicht und hob vorsichtig den Kopf – nichts zu sehen. Todtenstill lag der ganze Platz; kein Laut war zu hören, kein Blatt fast. Wo in aller Welt waren die Gemsen geblieben? Sollte ich jetzt links oder rechts abgehen? – Ich that erst das Eine, dann das Andere, aber nach keiner Richtung konnte ich das ersehnte Wild erspähen, und der Boden war dabei so wellenförmig gehoben, daß man von einer der kleinen Anschwellungen aus nur immer eine äußerst kurze Strecke überschauen konnte. Hatten uns die schlauen Thiere doch am Ende gewittert und das Weite gesucht? Auf dem lockeren Geröll der Reißen hätten wir aber ihre Flucht hören müssen. Jedenfalls standen oder saßen sie noch wie früher hier im Busch zerstreut, und ich durfte mich darauf gefaßt machen, in der nächsten Minute vielleicht schon das verhängnißvolle Pfeifen zu hören.

Eine Möglichkeit blieb noch: es konnte ein zweites Rudel gewesen sein, das, hier nur auf dem Grasboden zerstreut umheräßend, sich indessen wieder gesammelt hatte und mit hinaus auf die Reißen gezogen war. Das mußte ich vor allen Dingen untersuchen, und pirschte mich nun rasch nach oben. Der Abend dämmerte stark, und ich hatte keine Viertelstunde Zeit mehr zu versäumen.

Der obere Rand war indessen gar nicht so leicht erreicht, wie ich es vermuthete, wenigstens an der Stelle, an der ich gerade hinauf wollte, denn eine kleine steile Felswand lag dazwischen – aber es ging doch. Oben dehnte sich ein flacher, mit dichten Alpenrosenbüschen bewachsener Hügelkamm aus, und von diesem ab mußte ich die ganzen glänzend weißen Reißen übersehen können. – Richtig, wie ich den Kopf langsam und vorsichtig über die Büsche der Alpenrosen emporhob, lag die ganze, schräg auflaufende Fläche der Reißen vor mir, und dort, etwa vierhundert Schritte entfernt, stand noch das nämliche Rudel, das wir von drüben aus gesehen – fünfzehn Stück – keines mehr und keines weniger, und weiter war nicht eine einzige Gemse auf der weiten, hellglänzenden Fläche zu [490] erkennen. Jene andern Gemsen staken noch jedenfalls rechts und links von mir in den sie deckenden Büschen.

Sollte ich jetzt zurückpirschen? – dann kam ich von oben und sie mußten Wind bekommen – ich begriff überhaupt nicht, daß sie mich nicht schon lange gewittert hatten. Aber was anders anfangen? Der Abend brach mit Macht herein, und in dem Thal hinter mir lag schon die Nacht. Eine Möglichkeit blieb noch.

Gemsen, und wahrscheinlich mehrere alte Böcke standen um mich her, ohne bis jetzt eine Ahnung von meiner Nähe zu haben, denn wäre nur einer von ihnen vorher geflohen, so würde das Rudel da oben nicht so ruhig seinen Stand behauptet haben. Die Entfernung bis dorthin war allerdings zu groß, wenn ich aber nun mit hohem Visir auf eines der jungen Thiere hielt? Durch den Schuß wurden die mir nächsten Gemsen erschreckt, und möglicher Weise konnte mir gerade eine vor das zweite Rohr laufen.

Es war das ein verzweifeltes Mittel, aber auch das letzte, vor Dunkelwerden die Sache zur Entscheidung zu bringen. Ich klappte deshalb rasch entschlossen das hohe Visir auf, legte meine Büchse auf einen Stein, nahm eines der jungen Thiere, das möglicher Weise ein zweijähriger Bock sein konnte, auf’s Korn, hielt dann noch etwa anderthalb Hand breit darüber und – drückte ab.

Die Gemse, auf die ich geschossen, zuckte allerdings zusammen, denn die Kugel mochte wohl dicht dabei auf die Steine geschlagen haben, getroffen war sie aber nicht. Das ganze Rudel fuhr im ersten Schreck durcheinander, die paar Kitzgeisen, die gesessen hatten, sprangen in die Höhe, und plötzlich nahmen alle ihre Flucht gerade nach mir herunter.

Die Ursache war leicht erklärlich: der Schall des Schusses brach sich donnernd an der hinter ihnen aufsteigenden steilen Felswand und täuschte sie dadurch in der wirklichen Richtung, von welcher der Schuß dröhnte.

Ganz auf ähnliche Weise hatte ich früher einmal einen starken Bock erlegt, indem mir, als er noch weit entfernt war, der eine Lauf zu früh losging, der Bock aber, durch das Echo des Knalls getäuscht, gerade auf mich zu floh.

Während das Rudel jetzt über das lockere Geröll der Reißen prasselte, sah ich ängstlich nach rechts und links, ob mir nicht einer der alten Grauröcke zum Schuß käme – aber Alles blieb in den Büschen still, und nur das Rudel kam näher und näher. – Jetzt floh es, durch irgend eine Laune der Leitgeis geführt, in einer Schwenkung auf etwa hundert Schritt quer vor mir vorüber, über die Reißen. Sollte ich meine letzte Kugel an eines der jungen Dinger wagen? Und wenn mir dann ein alter Bock noch zum Schuß gekommen wäre? – Plötzlich schrak ich zusammen, als ob ich einen Stich in’s Herz bekommen hätte, denn dicht, dicht vor mir, nicht zehn Schritt von mir entfernt, gerade hinter den Alpenrosen, tauchten ein paar mächtige Krickeln auf, und eine Secunde später stand ein alter Bock in Lebensgröße vor mir und äugte mir scharf und erstaunt in’s Gesicht. Im Nu flog die Büchse an den Backen – das Rudel hörte und sah ich nicht mehr, aber – das hohe Visir. Ich hatte vergessen, es niederzuklappen, und wie ich das Korn suchte, fühlte ich mehr, als daß ich es sah, die veränderte Lage.

Ich hätte vielleicht können ein Stück tiefer halten, aber auf so kurze Entfernung blieb der Schuß dann doch immer ungewiß, auch dachte ich in dem Augenblick nicht daran. Rasch zog ich die Büchse zurück und drückte das Visir nieder – aber der Bock war wie in den Boden hinein verschwunden. Doch er konnte mir nicht mehr entgehen; mit einem Satz war ich auf dem Alpenrosenrande, der mich bis dahin halb verdeckt hatte. Wollte er in die Büsche, so mußte er ebenfalls diesen überspringen, und über die Reißen hin hatte ich nach allen Seiten freien Schuß. Dort rasselten jetzt die Steine, und im nächsten Augenblick floh der alte, feiste Gesell, der aus einer Art Mulde wieder zum Vorschein kam, über das weiße Geröll. Das aber gab unter seinen Schalen nach; er konnte nicht recht flüchtig werden, und wie ich ihm jetzt auf höchstens sechzig Schritt bedächtig auf’s Blatt zielte, brach er mit dem Schuß im Feuer zusammen.

Ich habe mich schon über manchen Schuß gefreut, aber kaum je mehr als über diesen, und ein lautes Hurrah! – denn mit der leeren Büchse brauchte ich keine Rücksichten weiter zu nehmen – brachte wenige Minuten später den bergaufkeuchenden Franzel an meine Seite.

„Haben wir ihn?“

„Dort liegt er, Franzel!“

„Kann er noch fort?“

„Nein, er ist fertig – ein guter Bock.“

„Der ist recht“, sagte Franzel vergnügt, indem er, während ich die Büchse wieder lud, meinem ausgestreckten Arm folgend, der Stelle zukletterte, wo der Bock in den letzten Zuckungen mit dem lockeren Gestein langsam zu ihm niederrutschte. Das Rudel floh indessen der linken Wand zu, die es auf einem schmalen, nur solchen Thieren zugänglichen Pfad hinanstürmte, und rechts von mir sah ich auch jetzt zwei andere Gemsen, jedenfalls Böcke, das Weite suchen. Die aber hatten Ruh, unsere Jagd war gemacht, und still vor sich hinlachend, brach Franzel den jetzt verendeten Bock auf und hob ihn in seinen Bergsack.

„Hab’ ich nicht gewußt, daß wir den Sack brauchen würden?“ schmunzelte er, als er mir meinen Bergstock reichte – „der war noch recht heut’ Abend. Die werden schauen, wenn wir auf die Alm kommen! Aber viel Zeit hatten wir auch nicht mehr zu verlieren, denn ’s wird mit Macht dunkel und der Weg ist schlecht.“

Franzel hatte Recht, und hielt sich auch nicht mit weiteren Worten auf. Schnurgerade glitt er den Hang hinunter, der Stelle zu, wo wir die andere Gemse zurückgelassen hatten. Diese nahm ich in meinen Bergsack, und da wir noch eine gute Stunde von unserer Almhütte entfernt waren, schritten wir jetzt wacker aus, sobald als irgend möglich unser Nachtquartier zu erreichen.

Und was für ein wonniges, seliges Gefühl ist es, nach solcher Tagesarbeit, mit der eigenen schweren Beute im Bergsack, der stillen Jägerhütte in den Alpen zuzuschreiten! Das muß aber wirklich erst einmal selber mit durchgemacht sein, um es ganz begreifen und empfinden zu können; durch Worte läßt sich das im Leben nicht beschreiben.

Daheim war mein Jagdgefährte indessen ebenfalls mit einem jungen Bock eingetroffen, und weil er früher als ich mit seiner Jagd fertig geworden, hatte er noch eine ganze Partie Gemskresse zu einem Salat gepflückt und mitgebracht. Gemskressensalat und gebratene Gemsleber, Kaffee und Schmarren, es soll mit irgend ein Gourmand kommen und behaupten wollen, daß er in seinem ganzen Leben besser gegessen habe!