Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Storch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Pionnier des Geistes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45–47, S. 613–616, 633–636, 645–648
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Biographie von Joseph Meyer
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[613]
Ein Pionnier des Geistes.
Von Ludwig Storch.[1]
.
Die Gartenlaube (1857) b 613.jpg

Josef Meyer.

Als mir einst das Gedicht „die Nothwendigkeit“[2] aus der Seele quoll, schwebte ihr ein mir befreundeter Mann und dessen eigenthümliches Schicksal und großartiges Wirken als Schema oder Typus vor, der vom Zeitgeiste die hohe und schwere Mission empfangen hatte, einer der kühnsten und kräftigsten Geistes-Pioniere der Zukunft zu sein, und der diese eben nicht beneidenswerthe Aufgabe schon damals mit Erstaunen erregender Rührigkeit und Gewandtheit löste. Eine Stanze des Gedichtes kann als Motto dieser biographischen Skizze gelten, so ganz und gar paßt sie auf den Mann, den ich hier besprechen will, und ist gleichsam von ihm abgezogen und auf ihn gemacht:

„Nur Lebensdrang stählt die Gefühle
Der Wahrheit und des ew’gen Rechts.
Nicht von des Reichthums weichem Pfühle
Ersteh’n die Helden des Geschlechts.
Still wandeln sie als Morgensterne
In kalter Früh dem Tag voran.
Sie brechen in die lichte Ferne
Durch Trümmerhaufen neue Bahn.“

Dieser Mann war Josef Meyer, der Gründer des „Bibliographischen Instituts in Hildburghausen.“

Unter allen Mitlebenden, mit welchen ich in irgend eine Berührung gekommen bin, war Josef Meyer bei weitem der Bedeutendste, ja, da es doch nichts weniger als widersinnig ist, von dem Theil auf das Ganze zu schließen, so wird in Betracht der nicht geringen Anzahl Menschen, die, mehr oder minder an den precären Segnungen der heutigen Cultur betheiligt, ich auf meinem, auch schon ziemlich langen Lebenswege etwas näher kennen gelernt, die Behauptung gerechtfertigt erscheinen, daß er eines der merkwürdigsten und außerordentlichsten Individuen der Mitwelt war und geradezu der kleinen Anzahl der größten und thatkräftigsten, durch Fülle und Schwung des Geistes, Tiefe des Gemüths, Schärfe und Erhabenheit der Conception und ungemeine Willenskraft ausgezeichnetsten Menschen aller Zeiten angehörte. Und was ihm vorzüglich den scharfen Prägstempel der Ungewöhnlichkeit verlieh, war der seltene Umstand, daß er nicht etwa in einem Fache des menschlichen Wissens und Könnens zur Meisterschaft und Virtuosengröße gedieh, wie andere gepriesene und bewunderte Sterbliche, sondern daß er in einer Menge Fächern, von welchen jedes geeignet ist, ein ganzes Menschenleben zu beschäftigen und auszufüllen, das Primat errang, und gleichsam in allen Sätteln sich als Kunstreiter bewährte. In dem grandiosen Bestreben, das ganze ungeheure Gebiet der menschlichen Thätigkeit, wie sie in ihrer geistigen und technischen Weiterentwicklung, in ihrer flughaften Vergeistigung, begriffen ist, zu erobern und zu beherrschen, zeigte sich Meyer als eine Titanennatur, als ein aus der metaphysischen Speculation in die praktische Philosophie übersetzter Faust. Man bedenke: während er als Industrieller die großartigsten Unternehmungen machte, wie sie in Deutschland nicht, in England weniger ihres Gleichen haben, war er zugleich tiefforschender Gelehrter und schlug als Buchhändler und Buchdrucker eine wahre Riesenbrücke von einem [614] Gebiete zum andern. Während er mit sichrer Hand Etablissements errichtete, die, wenn man ihn hätte ruhig gewähren lassen, Deutschland rasch zu einer nie geahneten Blüthe des Wohlstandes geführt hätten, ergötzte er sein geübtes und seines Kunstkennerauge an dem ungewöhnlich großen Schatze von werthvollen Kunstwerken aller Art, den er mit großen Mühen und Kosten zusammengebracht hatte. Keine Wissenschaft, keine Kunst war ihm fremd, in vielen hatte er sich eine meisterhafte Kennerschaft angeeignet, keine Erwerbsthätigkeit lag ihm zu fern, daß er sie nicht gelegentlich in seinen Gesichtskreis gezogen hätte. Aber – und dies ist gewiß die Krone seines Wirkens und Schaffens – über Alles, was er dachte, schrieb und schuf, waren die zauberhaften Tinten der echten und wahren Lebenspoesie, jener sanfte und liebliche Hauch des Idealen gegossen, der die Bitterkeit des alltäglichen Menscheitschicksals versüßt, die düstre Wirklichkeit verschönt und den Mimen auf der Lebensbühne, wie den Zuschauer geistig und seelisch erhebt, stärkt und beglückt. Ja, Meyer war nicht nur einer der bedeutendsten, markigsten Schriftsteller, er war in all’ seinem Thun und Wesen ein gewaltiger und doch liebenswürdiger Dichter. Oft wenn ich das bewundernde Auge über seine, von so viel sittlicher Würde geschmückte Person und seine ernorme gigantische Thätigkeit hingleiten ließ, war ich versucht seinen kleinlichen Gegnern und Verfolgern, dem armseligen Pygmäenhaufen, der ihn gern gekreuzigt hätte, mit des Pilatus Worten zuzurufen: Sehet welch’ ein Mensch!

Wie bei weitem die größte Zahl der großen Menschen, die befruchtend, anregend, ringend und fördernd über die Erde gegangen sind und ihr die Spuren dieses Ganges für ewige Zeiten eingedrückt haben, ging Josef Meyer aus dem Schoße des Volks hervor. Auch er sieht in der Schaar echter und wahrer Menschen, die mit dem Zimmermanns- und Bergmannssohne die Gemeinschaft des Geistes haben, denen der Genius den Weihekuß der Kraft in der Wiege gegeben, die man sonst kreuzigte und verbrannte, und die man heule schmäht und lästert, verfolgt und behindert, in Kerker wirft und am liebsten verhungern läßt.

Und auch das hat Meyer mit den meisten großen Menschen gemein, daß er, nachdem er sich lange mit allerlei Pack und Pöbel herumgeschlagen, nachdem er unglaubliche Hindernisse besiegt, die theils in den öffentlichen Verhältnissen selbst lagen, theils ihm absichtlich und mit grinsender Schadenfreude bereitet wurden, rastlos titanisch thätig, immer von kleinem boshaften Gethier in die Fersen gebissen, begeifert und gescholten, wenn er ein Centimane Berg auf Berg thürmte, um den Götzen der Aftercultur zu bekriegen, oder ein Prometheus neue bessere Menschen bilden wollte, oder ein Jesaias mit Flammenworten dem verderbten Geschlechte Strafpredigten hielt, – daß er nach all diesem Kampf, nach all’ dieser Arbeit das Werk seines Lebens doch als Torso, als des Daches und der Thürme entbehrenden Dombau verlassen, und sein heißes großes Herz allzufrüh dem erstarrenden Tode überliefern mußte.

Joses Meyer ward am 9. Mai 1796 zu Gotha geboren. Sein Vater, Johann Nikolaus Meyer, war einst als Schuhmachergeselle eingewandert, und hatte als Meister sein Handwerk durch Energie und Speculationsgeist allmählich zu einem schier großartigen Fabrikgeschäft ausgedehnt, das Hunderten von Händen Arbeit und lohnenden Verdienst gab. Auch die Mutter unseres Meyer, Tochter eines Bürgers Gotha’s, wird als eine geistbegabte, thätige, rasch entschlossene Frau gerühmt, welche 80 Jahre alt, 1851 in Hildburghausen bei ihrem Sohne starb, nachdem ihr Gatte schon 1822 in Zurückgezogenheit vom Geschäft mit Tode abgegangen war.

Meyer war bis zu seinem 11. Lebensjahre Schüler der durch nichts ausgezeichneten Bürgerschule und der untern Classen des durch Scholarchismus und Pedantismns ausgezeichneten Gymnasiums seiner Vaterstadt. Dieser lieblose und eigensinnige Schulgeist, dem sich der lebendige Knabe nur mit Widerwillen fügte, hatte die natürliche Folge, daß Meyer nur geringe Fortschritte machte und nahe daran war zu verwildern. Eine so üppige und keusche junge Menschenpflanze bedarf vor allem der liebevollsten, gütigsten Pflege, und gerade diese war auf dem gothaischen Gymnasium eine unbekannte Größe. Interessant ist, daß einer der weisen Herren Schulmonarchen, durch seine ewige Consternation und Confusion der Schöpfer nie versiechender Heiterkeit unter seinen Schülern, an Meyer Prophetenamt übte, indem er ihm oft zurief: „Aus Dir wird im Leben nichts, Junge!“ Ein genialer Knabe ist in den plumpen Händen solcher Baculanten Hamlets Flöte; sie verstehen nicht darauf zu spielen. Nie war Meyer als reifer Mann heiterer und liebenswürdiger, als wenn er seine Schulfata erzählte und der Prophezeihung des sehr würdigen Herrn gedachte, der doch so viele Bücher hatte drucken lassen. Er sprach aber auch sehr ernste und hoherzigenswerthe Worte über den ungeheuern Schaden, welchen solche gepriesene Lehranstalten in den Geistern und Herzen ihrer Schüler anrichten, und wie verderblich sie dadurch einem ganzen Lande, einer ganzen Generation werden. Meyer’s schon früh erwachter Oppositionsgeist gegen Ungerechtigkeit und seine Unerschrockenheit retteten ihn glücklich aus der großen Staatspräparir-Anstalt, wo „der Geist recht wohl dressirt und in spanische Stiefel eingeschnürt“ wurde. Vom Lehrercolleg zu einer entehrenden Strafe verurtheilt, weil er einen ältern Knaben nicht unbedeutend verletzt, der seinen jüngeren Bruder August (den noch lebenden, rühmlich bekannten Theologen und Bibelcommentator Consistorialrath Meyer in Hannover) gemißhandelt hatte, konnte er weder durch Bitten noch durch Drohungen in die Schule zurückzukehren vermocht werden. Diese beiden Brüche, der Armbruch jenes Knaben und der Bruch Meyer’s mit der Schulweisheit und Gerechtigkeit, wurden die geöffneten Flügelthüren seiner ihm angemessenen Lebensbahn. Die für das geistige Wohl des Sohnes besorgten Eltern brachten diesen in das Pensionat eines als Pädagogen aus der Salzmann’schen Schule gerühmten Pfarrers in Weilar, einem eisenachischen Dorfe, wo der talentvolle Knabe im Schoße ländlicher Einfachheit, gepflegt und gehoben von der echten Liebe und Humanität seines von den liberalsten und verständigsten Erziehungsgrundsätzen beseelten, an Geist und Gemüth gleich wahrhaft gebildeten Lehrers, die schönste, naturgemäßeste Entwicklung erfuhr und die zwei glücklichsten Jahre seiner Jugend verlebte. Diese beiden Jahre sind vom entschiedensten Einfluß auf seine spätere Bildung und von der höchsten Wichtigkeit für sein Leben geworden; denn das tiefe Gemüth des Knaben, zeither vom dünkelhaften Baculismus verwahrlost und verbittert, eröffnete sich hier dem befruchtenden Sonnenstrahle der Liebe und würde von der innigsten Anhänglichkeit und zartesten Verehrung für seinen hochsinnigen Lehrer und dessen Haus erfüllt. Meyer begriff den Unterschied zwischen der handwerksmäßigen Strenge seiner früheren Lehrer und der freien warmen Pflichterfüllung seines jetzigen, und diese Einsicht förderte früh seine Menschenkenntniß und gab seinem Charakter in den Jugendjahren, wo Andre noch willenlose Rohre im Schulsumpfe und vom scholastischen Winde hin und hergeworfen sind, jene prägnante Entschiedenheit und seiner Seele die lyrische Gefühlsweichheit und den Schwung, welche Trias in seinem männlichen Leben und Wirken so scharf ausgeprägt hervortritt.

Nach der Confirmation des Sohnes, brachte ihn der Vater, welcher mit seinem Fabrikat die Messen in Frankfurt am Main bezog und in dieser Stadt vielfache Bekanntschaften und Geschäftsverbindungen hatte, dorthin, um ihn in einem Colonialwarengeschäft zum Kaufmann bilden zu lassen, denn dieser Lebensberuf Josef’s war Wahl des Vaters und Sohnes zugleich. Von 1809 bis 1813 dauerte diese Lehrzeit, welche Meyer pflichtgetreu zu seiner Ausbildung benutzte. Der großartige Verkehr Frankfurts erweiterte seinen geistigen Horizont. Der Genius in ihm fing schon an die Flügel zu regen, und er kehrte als ein ebenso tüchtiger Kaufmann, wie gesitteter Jüngling in’s Vaterhaus zurück, um die mercantile Leitung eines von den Eltern inzwischen errichteten Schnittwarengeschäfts und der noch bestehenden Schuhfabrik zu übernehmen. Vom 17. bis zum 20. Lebensjahre handelt der ungemein hübsche, blühende, freundliche und gewandte Jüngling mit Kattun, Gingham, Merino’s, Tüchern und Bändern, führt die Geschäftsbücher, betreibt in seinen freien Stunden mit Eifer und Lust das Studium der kaufmännischen Wissenschaften, der modernen Weltsprachen und sieht sich mit Nutzen in der Geschichte und Literatur Deutschlands, Englands und Frankreichs um. Aber während dieser Beschäftigungen wuchsen und erstarkten ihm die Flügel des Geistes. Er reckte sie und dehnte sie, und eines schönen Tages machte er die Bemerkung, daß das Vaterhaus für ihn zu eng geworden sei, und daß es bessere Dinge für ihn zu thun geben möchte, als mit Bürger- und Bauernweibern in der Bude zu feilschen und über die Lieferungen fleißiger Schuhmachergesellen Buch und Rechnung zu führen.

Sobald der in ihm schlummernde Funke erwacht und von der jungen Zuglust des Geistes glühend und sprühend geküßt war, wurden ihm Kattun und Schuhe zuwider, aber er verzehrte sich [615] nicht in lyrischer Sehnsucht nach einem unbestimmten Lebensziele; wie von einem Blitze erleuchtet, stand es plötzlich in scharfen Umrissen und von reiner Glorie umflossen vor dem dürstenden Jünglingsauge seiner Seele und er rang sich diese Seele nicht wund an Hindernissen und Unmöglichkeiten: er wollte und deshalb konnte er. Einmal sich seiner Kraft bewußt, gab es kein Hinderniß für den jungen Helden, leicht und kühn rang er sich aus den engen Schranken des Vaterhauses empor; er wußte nun, daß er Flügel hatte, er ahnete, daß es Adlerfittiche seien, und damit war ihm auch die Nothwendigkeit gegeben, sie zu gebrauchen. Und sein erster Flug ging gleich nach der Sonne. Wie sein Landsmann Joh. Andreas Stumpff 26 Jahre früher, wanderte Meyer im gleichen Alter, mit eben so geringen pecuniären Mitteln und unter sehr ähnlichen Verhältnissen nach London. Nichts als seine Kenntnisse, seinen glühenden Willen, seine sprudelnde Thatkraft hatte der zwanzigjährige Kattunhändler, als er im Frühling 1816 in der Weltstadt anlangte. Thatkräftige poetische Naturen waren beide Jünglinge, aber Stumpff’s lyrische Natur arbeitete sich still und langsam zu einer, wenn auch behaglichen, doch immer bescheidenen Existenz empor; Meyer’s dramatische Natur erstürmte sich ein glänzendes großartig bewegtes Leben, gleich einem Perseus auf dem Flügelrosse. Der erste Wurf zeigte, weß Geistes Kind er war; mochte er gelingen oder mißglücken, er bethätigte die herakleische Kraft des Werfers. Mit rastloser Anstrengung macht sich Meyer alle ihm nöthig erscheinenden Elemente jener kaufmännischen und Lebensbildung, wie sie ein Stapelplatz des Weltverkehrs erheischt, zu eigen und erringt sich eine würdige Stellung in einem großen Handelshause. Tausende hätten sich damit begnügt und sich der großen und bunten Lebensströmung überlassen; nicht unser junger Thüringer. Nicht ein Getriebener konnte er sein, sondern ein Treiber; nicht als „dienendes Glied“, sondern als „Ganzes“ mußte er wirken.

Ohne Zaudern orientirt er sich in Natur und Wesen der dortigen Platzgeschäfte und hat sich zum Erstaunen Aller, die ihn kannten, in der unglaublich kurzen Zeit eines Jahres aus der bescheidenen Sphäre eines Commis in die stolze weitgreifende eines selbstständigen großen Londoner Speculanten emporgeschwungen. Unerhörte Kühnheit von unerhörtem Erfolge gekrönt! Der einundzwanzigjährige Sohn der kleinen thüringischen Residenzstadt, vor einem Jahre noch Lappen- und Bandkrämer auf den idyllischen Jahrmärkten seines speciellen Vaterländchens, jetzt unter den Tonangebern der Londoner Börse, ein genannter Geschäftsmann auf dem Weltmarkt und mit den Millionären verkehrend, als sei er Einer aus der Clique, ein aus der Dichtung des großen Briten in die Wirklichkeit gesprungener königlicher Kaufmann von Venedig. Aber als sollte er, der poetische Waghals, auch das vom Dichter geschaffene Schicksal jenes idealen Kaufmanns erfüllen, stürzte er, nachdem er drei Jahre alle Wechselfälle seines gefährlichen Geschäftszweiges erlebt, ungeheuere Summen gewonnen und verloren und seinem Namen eine glänzende Geltung verschafft hatte, von der schwindelnden Höhe, die er athemlos erklommen, getroffen von wiederholten Wetterschlägen widriger Conjuncturen, und beschloß, 24 Jahre alt, im Londoner Schuldgefängniß den ersten Abschnitt seines außerordentlichen Sturm- und Dranglebens.

Das ist wahr! er verstand es schon damals, die Leute von sich reden zu machen. Als Schüler des Gothaischen Gymnasiums hörte ich damals zuerst von Meyer, der mir sieben Jahre älter als ich war, und in einer mir befreundeten Familie, deren Oberhaupt mit Meyer’s Vater in enger Geschäftsverbindung gestanden, erfuhr ich sehr interessante Details über seine Persönlichkeit. Erst hatte man in Gotha viel bewundernden Rühmens von seiner unerhörten Londoner Carrière gemacht, als sie aber wie Ikarus’ Sonnenfahrt endigte, hatte natürlich jede Philisterweisheit das vorausgesehen, und als vollends Meyer’s Vater all’ seine Habe zum Opfer brachte und auch die Hülfe des Herzogs August in Anspruch nahm, um den Sohn zu befreien und zu retten, da hatte Gotha nicht Material genug, um den verwegenen Sonnenfuhrmann zu steinigen. Die ganze Stadt sprach von ihm, und man erinnerte sich mit Genugthuung, welcher Ungeberdigkeit wegen er das Gymnasium verlassen hatte. Deshalb that der junge Schiffbrüchige wohl daran, daß er nicht in seine Vaterstadt zurückkehrte, sondern das ihm so theure Haus seines Lehrers und Erziehers in Weilar aufsuchte. Hier empfing ihn alte Liebe mit Herzlichkeit, und junge Liebe blühte mit Inbrunst für ihn auf. Des Pfarrers Tochterlein, Minna, das er einst als Kind verlassen, war zur zarten sittigen Jungfrau heraufgeblüht, und der junge unglückliche Held fand in ihrer Theilnahme an seinem Geschick den rechten Trost, in ihrem Umgange die rechte Erheiterung, so daß ihm die augenblicklich gelähmten Flügel schnell wieder erstarkten. Wie er in Weilar einst das schönste Knabenglück gefunden, so fand er jetzt hier wiederum das schönste Jünglingsglück. Aber die Liebe machte ihn nicht zum unthätigen Träumer; sie gab ihm im Gegentheil neue Kraft zum Handeln und Streben, und in dieser Kraft einen höhern Schwung. Denn in dem großartigen neuen Industrieunternehmen, das er hier begründete, verband er zum ersten Mal mit der merkantilen Thätigkeit jene nicht genug zu rühmenden Humanitätsbestrebungen nach ungewöhnlichem Maßstabe, welche in seiner ganzen spätern, sich immer gewaltiger entfaltenden Wirksamkeit maßgebend und bestimmend für ihn geworden sind.

Das neue Etablissement, welches er in Gemeinschaft mit den in der Nähe begüterten edlen Herren von Boyneburg in Weilar unter der Firma „Gewerbs- und Hülfsanstalt“ schuf, hatte nämlich die Hebung und Belebung der Spinnerei und Weberei jener armen Gegend zum Zweck und versprach ein reicher Segensborn für das dortige Proletariat zu werden.

Aber ein eigenthümlicher Unstern waltete über Meyer’s ersten Schöpfungen. So gut sie auch anfangs prosperiren, so gehen sie doch dann rasch an der Ungunst äußerer Umstände zu Grunde. Auch das Weilarsche Unternehmen scheiterte nach drei Jahren (1823) an der Feindseligkeit eingetretener Conjuncturen, welche seine planmäßige Entwickelung verhinderten. Das geschäftliche Verhältniß Meyer’s mit den Herren von Boyneburg löste sich zwar, aber die freundschaftlichen Beziehungen und der geistige Verkehr zwischen beiden Parteien dauerten fort und übten sogar auf Meyer’s spätere Lebensverhältnisse gestaltenden Einfluß. Zu derselben Zeit starb Meyer’s Vater, und die Zurechtstellung seiner Familienverhältnisse führte ihn wieder nach Gotha.

Hier trat er sehr bescheiden als Privatlehrer der englischen Sprache auf und lebte zurückgezogen. Bald war er ein gesuchter Lehrer, der sich schon nach einigen Monaten als Schriftsteller eigne Bahn brach. Er gab nämlich im eigenen Verlage ein „Correspondenzblatt für Kaufleute“ heraus, das wegen seiner neuen und originellen Ansichten und ungewöhnlichen Sprache rasch allgemeine Verbreitung findet und des Verfassers Ruf als kaufmännischer Schriftsteller begründet. Mit diesem Blatte beginnt eine neue Aera in Meyer’s Leben, die der literarischen und buchhändlerischen Thätigkeit, welche, von nun an nie wieder geschieden, ihn vereint bis an’s Lebensende begleitete. Denn er ist stets Schriftsteller und Buchhändler zugleich gewesen, ohne was der Vielgestaltige sonst noch war. Zwar stand er eine Zeit lang 1824 und 1825 mit der Hennings’schen Verlagsbuchhandlung in Gotha in Geschäftsverbindung, aber sie zerschlug sich bald wieder, und Meyer entfaltete seine bibliopolische Taktik, die von der zeither in Deutschland üblichen himmelweit verschieden war.

Wie die beiden ersten mercantil industriellen Etablissements Meyer’s in London und Weilar eigentlich Fehlgriffe, Uebergriffe in’s Riesige und Massenhafte waren, aber großartige Irrthümer, wie sie nur ein Genie von so eigenthümlich hochgestimmter Besaitung wie Meyer begehen kann, so war auch sein erstes größeres literarisches Unternehmen ein merkwürdiger Fehlgriff, der ebenfalls vollgültiges Zeugniß von Meyer’s kühner Genialität nach einer andern Richtung hin ablegte. Ich meine seine damals mit großem Aussehen oder eigentlich Spott und Tadel aufgenommene, jetzt wohl ziemlich vergossene Uebersetzung, richtiger Bearbeitung und Verbesserung einiger Shakespeare’schen Dramen, des Macbeth, Othello und Sturm (denn die übrigen, im Verlage der Hennings’schen Buchhandlung in Gotha erschienenen Shakespeare-Stücke sind nicht von Meyer bearbeitet).

Es war doch in der That der verwegene Griff eines jungen Kaufmanns, der in London in mercantiler, in Weilar in industrieller Wirksamkeit falsch speculirt hatte, nun den größten Dichter des christlichen Zeitalters für die Deutschen bearbeiten, resp. verbessern zu wollen. Aber nur ein gewaltiges Genie konnte einen solchen Mißgriff thun. Große Menschen sind in allem groß und oft in ihren Irrthümern am größten. Gleichzeitig begann Meyer eine gelungene Uebersetzung Walter Scott’scher Romane in bis dahin unerhört billiger Ausgabe. Nur „Waverley“ und „Ivanhoe“ sind vollständig erschienen. Eine junge süddeutsche Buchhandling [616] behielt nämlich die für den Meyer’schen Walter Scott gesammelten zahlreichen Subscribenten zu einer von ihr selbst rasch veranstalteten Ausgabe des übersetzten schottischen Dichters und machte, die Hennings’sche Ausgabe überflügelnd, einen bedeutenden Gewinn. Meyer, von Hennings’ Langsamkeit geärgert, sagte sich von ihm los und stand von nun an auf eigenen Füßen. Mit dieser Shakespeare- und Walter Scott-Ausgabe hat er aber den großen Wurf gethan, der dem deutschen Volke von unberechenbarem Nutzen geworden ist, er ist damit der Schöpfer der billigen Literatur geworden. Und auf diesem Felde hat er einen Segen ausgestreut, welcher erst den kommenden Geschlechtern als echte goldene Ernte erblühen wird.

[633] In eignen Verlage erschien 1825 eine englische belletristische Zeitschrift „Meyer’s british Chronicle“ und ein Handbuch für Kaufleute, beide mit großem Absatz. Und auch mit diesen Verlagsartikeln brach Meyer eine neue Bahn im Buchhandel, die nachher Andere mit so großem Erfolg gewandelt sind; er begründete damit das Subscriptionswesen auf größere Werke in periodisch erscheinenden Bruchtheilen. Dieser kühne Geist war vom Schicksal bestimmt, überall, wo er auftrat, neue Sphären zu eröffnen. Ermuthigt durch den großartigen Erfolg seiner billigen Preise, faßte Meyer die Idee, ein eignes großes Verlagsgeschäft auf denselben Principien zu gründen, welches dem Volke für wenige Thaler eine unterhaltende, anregende und belehrende Literatur in die Hände geben und alle dem Buchhandel verwandten Arbeitsbranchen in sich vereinigen, d. h. die Bücher vollständig produciren sollte. Meyer’s Ideen verwandelten sich immer rasch in lebende Gestalten; seine neueste Schöpfung war das „Bibliographische Institut.“ Ein reizend über der Stadt an einer Anhöhe gelegenes Wohnhaus mit Grundstück erhielt die nöthigen Anbauten, die weltbezwingenden bleiernen Soldaten mit ihren Batterien, den Pressen, wanderten ein, Lithographie und Buchbinderei wurden hergestellt, und die Eroberungsschlacht des Geistes begann unter Leitung des muthigen und einsichtsvollen Feldherrn.

Und gewiß war der erste Wurf ein ungemein glücklicher. „Das Volk muß seine Dichter für einige Groschen kaufen können, damit es sie sich in Fleisch und Blut verwandle. Ohne solche Kenntniß seiner Dichter bleibt es ewig in der Sclaverei der Dummheit und des Egoismus.“ Also sprach Meyer und gab dem deutschen Volke vier verschiedene Ausgaben der älteren deutschen Classiker in geschickter Auswahl, Miniatur-, Cabinets-, Hand und Quartausgabe, und in vielen Hunderttausenden wanderten sie in die Häuser und Hütten, „so weit die deutsche Zunge klingt.“

Man hat die Blumenlese aus den Classikern oft als Nachdruck bezeichnet, und die Cotta’sche Buchhandlung in Stuttgart ließ als rechtmäßige Eigenthümerin der Goethe’schen und Schillerschen Werke die Bände der Meyer’schen Ausgabe, welche Auszüge aus denselben enthielten, mit Beschlag belegen. Was daraus geworden ist, kann ich nicht angeben, der Proceß hat lange gewährt. In Bezug auf die moralische Beschuldigung mußte man Meyer selbst hören. Da stand er fest auf humancultorischem philanthropischem [634] Standpunkt. Dem Volke seine großen Dichter vorenthalte, sei eine Versündigung am Volksgeiste, an der ganzen Nation, welche die vollgültigsten Ansprüche an geistige Ausbildung habe. Hohe Preise der Dichterwerke seien aber eben die bezeichnete Sünde, welche grober Egoismus, auf Privilegien und Schutzbrief gestützt, so lang als möglich in seine Taschen ausbeute. Goethe und Schiller seien Eigenthum der Nation und nicht einiger Nachkommen dieser Männer und einer Buchhandlung, welche nach Belieben hohe Preise für die Werke dieser Dichter fordere. Jeder Deutsche muß sie drucken und verkaufen können. – Daß sich vom juristischen Standpunkte aus viel gegen dieses Räsonnement einwenden läßt, versteht sich von selbst. Inzwischen darf man die billigen Ausgaben, welche die Cotta’sche Buchhandlung in neuester Zeit von den in ihrem Verlage erschienenen Classikern veranstaltet und davon einen ungeheuren Absatz erzielt hat, geradezu als eine Folge der Meyerschen Bestrebungen bezeichnen. Es leuchtet in die Augen, welch großen Dank das deutsche Volk unserm Meyer schuldig ist.

Aber nicht blos als Nachdrucker, sondern als Buchdrucker überhaupt erfuhr Meyer die stärksten Anfechtungen. Die Reyhersche Buchdruckerei in Gotha besaß ein altes von allen Landesfürsten bestätigtes Privilegium, welches sie gegen Meyer geltend machte. Vergebens stellte dieser vor, daß er ja nur für seinen eigenen Verlag drucke, also mit dem Reyherschen Privilegium gar nicht collidire. Der herkömmliche Unsinn behielt, wie gewöhnlich, die Oberhand. Dazu trug viel bei, daß Meyer unter den hochgestellten und einflußreichen Leuten, die nicht an einem Ueberschuß von Genie und Bonhomie litten, viele Feinde hatte. Er konnte nicht katzenbuckeln und kriechen; er war kurz angebunden, geradeheraus und zuweilen gar grob. So wurde er denn in seiner Vaterstadt ein Gegenstand allgemeinen Aergernisses. Alle nur erdenklichen Hindernisse, die aus Zunftgesetzen, Gewerbszwang und gekränktem Autoritätsdünkel herzuleiten waren, wurden ihm in den Weg geworfen. Jedermanns Hand war gegen den „tollen Abenteurer,“ welcher noch vor wenigen Jahren Kattun und Band verkaufte, dann in London und Weilar „verrückte Dinge getrieben,“ nachher den „Shakespeare verbessert“ hatte und nun in der sehr ehrbaren Stadt Gotha ein „Nachdruckergeschäft“ etabliren wollte. Das Geschrei gegen ihn war groß; er kam nicht viel aus dem Gerichtssaale des Rathhauses.

Aber damit war der Hader und der Streit, den Meyer durchzukämpfen hatte, noch lange nicht erschöpft; die ganze Buchhändlerwelt, die sich in ihrem süßen Schlendrian durch diesen naseweisen Eindringling gestört sah, entbrannte in Zorn gegen ihn. Man wollte seine Verlagserzeugnisse nicht auf dem herkömmlichen Wege expediren; man griff ihn öffentlich mit Hohn und Spott an. Meyer wählte sogleich einen anderen Weg; er vertrieb seine Bücher durch die Post und Colporteure; er schrieb Entgegnungen auf die erfahrenen Angriffe und erlittene Behandlung, welche Meisterstücke genannt zu werden verdienen. Außer den göttlichen Grobheiten Jean Pauls las ich nie Aehnliches in diesem Genre. Bald spielte er mit dem Feinde wie die Katze mit der Maus, bis er ihm plötzlich den Kopf abbiß, bald vernichtete er ihn gleich, machte ihn wieder lebendig, um ihn nochmals todt zu schlagen und zu begraben. Damals traten die beiden Hauptrichtungen seines geistigen und seelischen Wesens schon scharf und deutlich hervor: gegen die ihm feindliche Außenwelt die gigantische stachlige Natur, der mit der Keule dreinschlagende Herkules, in seinem Hause Friede und Freude, thätige Ruhe, ruhige Thätigkeit, poetischer Cultus der heitern sanften Götter des Heerdes, das Glück zärtlicher Liebe und Eintracht. Der kämpfende Herkules war hier ein sanftes Kind, mit einem andern Kinderherzen aufs Innigste verbunden. Seine geliebte Minna war seit 1825 sein Weib. Um diese Zeit war’s, als ich zuerst mit Meyer in Verbindung trat und für ihn arbeitete.

Nie sah ich ein glücklicheres Ehepaar, nie ein reizenderes Bild in sich abgeschlossener befriedigter Häuslichkeit. Die junge hübsche Frau arbeitete mit ihrem Manne als Buchhalter; es war ein ungemein wohlthuender Anblick, sie emsig schreibend ihm gegenüber am Schreibpulte stehen zu sehen.

Nach langen Jahren – fast einem Menschenalter – bietet sich mir jetzt zum ersten Male ungesuchte Gelegenheit, die tiefgerührte Bewunderung öffentlich auszusprechen, welche mir die sittige, bescheidene und gleich ihrem Gatten nach allen Seiten hin unermüdlich thätige Frau einflößte. Nie hab’ ich wieder so viel wahre echte Tugenden in einem Weibe beisammen gesehen, nie bot sich mir wieder ein so vollständiges Bild einer deutschen Hausfrau. Nie sah ich auch wieder in solch’ idealer Schönheit und Vollkommenheit die Harmonie des ehelichen Zusammenlebens, nie paßten Eheleute besser zusammen. Frau Meyer war die weibliche Kehrseite ihres Gatten; sie verstand nicht nur seinen universellen Geist vollkommen, sie besaß auch diejenigen schönen Talente und Eigenschaften, welche diesem Geiste als Stützen und Ergänzungsmittel zu dienen eben so geschickt als willkommen waren.

Und so ist diese, treffliche Frau längere Zeit, namentlich so lange der Ausbau des bibliographischen Instituts der hauptsächliche Gegenstand der Sorge und Thätigkeit Meyer’s war, ein sehr wichtiger und wirksamer Factor im Gedeihen desselben gewesen und hat, wie die meinige, oft die Bewunderung Aller erregt, denen zu beobachten Gelegenheit geboten war, mit welcher wahrhaften Virtuosität sie ihre Obliegenheiten als Mutter und Hausfrau, mit den von ihr so lebhaft verfolgten und geförderten Geschäftsinteressen zu verbinden wußte.

Es ist für die rührende Gattenliebe, die großartige Energie, den edlen Stolz und den ehrenhaften Unabhängigkeitssinn Meyer’s und seiner Lebensgefährtin bezeichnend, daß während des lebhaftesten Betriebs des Geschäfts er keinen Comptoirgehülfen und sie keine Dienstmagd hatte. Außer einem beträchtlichen Theil der Comptoirarbeiten besorgte Frau Meyer vorzüglich die Auswahl und die Redaction der in die vielerlei Ausgaben der Classiker aufzunehmenden Stücke. Kann man sich ein wohlgefälligeres Bild denken, als das einer jungen anmuthigen Frau, die, wenn sie in der Küche und Kinderstube treu und emsig gewaltet, auf dem Comptoir des Gatten Berge von Arbeit bezwingt und dann in den Mußestunden aus den Geisteswerken deutscher Schriftsteller die treffende Auswahl für das deutsche Volk trifft? Man wird gestehen müssen, die Frau war in ihrer Art so ausgezeichnet, wie der Mann in der seinigen, und Beide ein höchst seltenes und sehr ehrenwerthes Ehepaar.

Der sehr gescheidte Chef eines Dikasteriums in Gotha hatte, der Sage nach, geschworen, er wolle Meyer aus der Stadt treiben oder selbst davongehen. Meyer begriff, daß er werde weichen müssen, und sah sich nach einer Zufluchtsstätte um. Die Einladung des regierenden Herzogs von Sachsen-Meiningen, sich in seinem Lande niederzulassen, wo ihm alle nur erdenklichen geschäftlichen, gewerblichen und geistig tendentiösen Freiheiten gewährt werden sollten, bestimmte Meyer, im Herbste 1828 nach Hildburghausen überzusiedeln. Er wurde dieser Stadt mit seinem großartigen Etablissement bald ein Ersatz für den Hof, welcher kurz zuvor nach Altenburg gezogen war. Für Gotha ist Meyer’s Austreibung ein nicht zu berechnender Verlust gewesen, und gewiß wäre dieser unverzeihliche Mißgriff nicht geschehen, wenn die neue Regierung den Mann und die Verhältnisse genau kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hätte.

Mit Meyer’s Einrichtung in Hildburghausen beginnt eine neue Periode seiner Wirksamkeit, die des großartigen Aufschwungs, des materiellen und geistigen Wachsthums, welches, unterstützt von geldkräftigen Freunden, zwanzig Jahre lang (bis zum Jahr 1848) in ununterbrochener Ausdehnung begriffen gewesen ist. Die Geschichte dieser in ihrer Art einzigen Entwickelung kann natürlich hier nur angedeutet werden. Für viele in Meyer’s späterem Leben auftretenden ungewöhnlichen Erscheinungen fließen mir auch keine Quellen, doch verdiente Meyer mehr, als viele Andere, einen tüchtigen mit allen Verhältnissen vertrauten Biographen, damit Deutschland die Kraft, Tüchtigkeit, die ungeheuere, schier fabelhafte Thätigkeit und den großen Sinn dieses ausgezeichneten Mannes nach allen Seiten hin und in allen Einzelnheiten genau kennen lernte.

In den ersten Jahren zu Hildburghausen traten zu den bisherigen mit übergesiedelten Unternehmungen die Anfänge des Kunst- und kartographischen Verlags, welcher hernach so ungemein große Resultate lieferte.

Das Jahr 1830 rief unsern Meyer, wie viele Andere, auf das politische Gebiet; er wurde sich seiner Kraft auch nach dieser Richtung bewußt und auf dem festen Flügel seines Genius erreichte er den hohen, alles beherrschenden Standpunkt, von welchen, aus er bis an sein Ende die werdende Geschichte der Völker so richtig und wahr beurtheilte. Zwar wurde das von ihm gegründete politische Blatt „der Volkfsreund“ bald unterdrückt, aber er schuf sich sogleich ein anderes Organ, welches durch die Kühnheit, [635] Kraft, Leichtigkeit, Gewandtheit und lichtvolle Darstellung seiner Feder weltberühmt geworden ist, sein „Universum“. Dieses Bilderwerk hat nichts Gleiches in der ganzen Welt, nicht der Stahlstiche wegen, so schön und vollendet sie auch meist sind, sondern seiner originellen Darstellung wegen. Und die war Meyer’s eigenthümliche Schreibart. Bis zu 17 Bänden ist das Werk seine eigene Schöpfung. In ihnen hat sich Meyer als einer der ersten deutschen Schriftsteller bewahrt, würdig genannt zu werden, wo man die besten Namen nennt. Ja, diese Stahlfeder! sie hat Vulcan geschmiedet, aber Josef Meyer ist selbst der Vulcan der Neuzeit und die Feder wird in seiner Hand zum Hammer, unter dessen raschen kräftigen Schlägen die Geistesfunken sprühen und die Schlacken veralteter Zustände abfallen. Und der moderne Vulcan ist zugleich der moderne Prometheus, der mit götterscharfem klarem Blick in alle Höhen und Tiefen des obsolet gewordenen Lebens dringt, alle Fäulniß bezeichnet, alle Krankheit beim rechten Namen nennt, und nun wieder der Herkules, der die Sümpfe auszutrocknen, und der Aeskulap, der die Krankheit zu heilen versteht. Die Feder wird zum Flügel, auf welchem er prächtig und sicher, titanenmäßig, wie Alles, das er thut, himmelstürmend emporsteigt, und dann ist sie selbst wieder ein dem Flügel eines über die Noth und das Leid der Menschheit wehmüthig trauernden Engels entfallener Kiel, und ihre Klänge tönen ein Klagelied, wie die an den Weiden aufgehängten Harfen des gefallenen Volkes Israel.

Ja, ein wahres Universum ist dieses Werk Meyer’s und es sichert seinem Namen die Unsterblichkeit. – Das Werk zählte in Deutschland allein über 80,000 Abonnenten, es suchte die Deutschen in allen Ländern des Erdbodens auf und wurde eine Zeit lang in zwölf Sprachen übersetzt. Welches deutsche Buch hat ein gleiches Schicksal erfahren?

Verbote des Werks wegen der darin ausgesprochenen politischen Ansichten blieben natürlich nicht aus und schmälerten den Absatz, am meisten in den Jahren 1850 und 1851. Im letzteren Jahre hatte Meyer auch wegen einer Stelle des Universums, die ihm Anklage und Verurtheilung zugezogen hatte, mehrmonatliche Gefängnißstrafe zu bestehen.

Von den übrigen Unternehmungen des bibliographischen Instituts sind hervorzuheben: Ausgaben der griechischen und römischen Autoren (unvollendet), die verschiedenen Ausgaben der Bibel, die es in Millionen Exemplaren verbreitete; die neue und erweiterte Ausgabe der deutschen Classiker: „Familienbibliothek“, 100 Bände; „Groschenbibliothek“, 365 Bändchen; „Nationalbibliothek“, 120 Bände. – Ferner: das Riesenwerk „Meyer’s Conversationslexicon“ in 52 starken Großoctavbänden, eine der größten und besten Encyklopädien der Welt; die „Volksbibliothek der Naturkunde“, 102 Bände, und die noch unvollendete „Geschichtsbibliothek“; große und kleinere Atlanten und der reichhaltige und großartige Kunstverlag, welcher Werke der namhaftesten Stecher, wie Amsler, Barth, Fr. Müller, Felsing, Corrichon, Krüger, Neureuther, Kohl, Schüler u. A. enthält.

Gegen Ende der dreißiger Jahre tritt Meyer’s geniale Thätigkeit in eine neue Entwickelungsphase, welche seinen gewaltigen Unternehmungsgeist und sein erstaunliches Organisationstalent erst recht schlagend bekundete und in das klarste Licht setzte.

Es sind seine bergmännischen Unternehmungen, mit welchen ein neuer noch schwunghafterer, höher strebende Flügelschläge seines Genius vorführender Abschnitt seines Lebens beginnt. Nach dem gewöhnlichen Lebensgang der Menschen hätte man meinen sollen, daß die vielfachsten immer höher gesteigerten Kraftanstrengungen des nach allen Seiten hin wachsenden Instituts alle materiellen und geistigen Mittel Meyer’s absorbirt hätten, und jetzt gerade macht er Unternehmungen, welche, in keinem Zusammenhange mit den zeitherigen, diese an riesenhafter Thätigkeit, weitgreifender Speculation und kühner Combination weit hinter sich lassen. Seine mineralischen Anlagen umfassen allmählich alle nutzbaren Berggüter, und er besitzt zuletzt Steinkohlen- und Braunkohlenwerke, Torfstiche, Eisen-, Kupfer- und Silberminen, Kobald- und Nickelgruben, Schiefer- und Marmorbrüche, Thongruben und Hüttenwerke. Sollte man es für möglich halten, daß derselbe Mann, der auf seinen Schnellpressen Millionen Bücher, auf seinen Kunstpressen Millionen Bilder drucken läßt, hier die literarische Thätigkeit seiner zahlreichen Schriftsteller, dort die seiner Künstler, und in Newyork, Philadelphia, London, Paris, Amsterdam, Pest von ihm errichtete Zweiggeschäfte leitet, der sein Universum schreibt, an seinem Conversationslexikon die besten Artikel selbst arbeitet, daß dieser selbe Mann in die Erde hinabsteigt, um die gesammten unterirdischen Schätze Thüringens in seiner Umgebung aufzuschließen und dadurch dem von ihm so heiß geliebten Lande neue Arbeits- und Erwerbsquellen zu eröffnen? Und doch that dieser Mann noch mehr, noch weit mehr, wie wir bald sehen werden, und mit welcher Energie griff er dieses und jenes und Alles an!

Die bedeutendsten seiner industriellen Schöpfungen waren die auf Actien gegründeten „Hüttenwerke der deutschen Eisenbahnschienen-Compagnie“ und die Kohlenwerke bei Neuhaus in der Nähe von Sonnenberg.

Wie weltumfassend Meyer’s ins Leben gerufene Ideen waren, beweisen vorzüglich zwei Unternehmungen, die nach ganz entgegengesetzten Richtungen hin, doch beide auf die Förderung der modernen allgemeinen Volksbildung und Hebung des materiellen und ideellen Volkslebens (seine eigentliche Lebenstendenz) abzielten. Es waren dies die Errichtung der eben erwähnten Commanditen seiner Buchhandlung schier in allen Hauptstädten der civilisirten Welt und die Idee seines „Centraldeutschen Bahnnetzes,“ welche 1837 zur Concessionirung und Actienzeichnung gereift war. Beide Unternehmungen sind nicht geglückt; das erste scheiterte an der Untauglichkeit und Gewissenlosigkeit der an den verschiedenen Platzen angestellten Geschäftsführer und in Amerika an der Teilnahmlosigkeit der meisten dortigen Deutschen am literarischen Fortschritt ihrer Nation im Mutterlande, das andere an der Weigerung einer einzigen deutschen Regierung, Meyern die Concession zu ertheilen. Beide aber bilden nichtsdestoweniger wichtige und merkwürdige Momente in Meyer’s bibliographischer und industrieller Wirksamkeit und geben von der seiner Zeit weit vorauseilenden, gleichsam prophetisch schaffenden Gestaltungskraft seines Geistes einen richtigen Begriff.

Jener ausländischen Thätigkeit Meyer’s, in seiner Weise (die man wirklich nur die Meyer’sche nennen kann) begonnen und betrieben, sei hier nur mit einigen Worten gedacht.

Das erste Newyorker Etablissement und Zweiggeschäft des Instituts wurde 1832 gegründet, ging aber bei dem bekannten großen Brande der nordamerikanischen Hauptstadt 1835 wieder unter. Ende der dreißiger Jahre gründete Meyer eine zweite amerikanische Commandite in Philadelphia, die sich außer mit dem Vertrieb des eignen Verlags des Mutterhauses auch mit specifisch amerikanischer Literatur und Kunst befaßte und selbst producirte. Das Geschäft hatte nach zwei Jahren ansehnlichen Umfang erreicht, als es plötzlich durch Betrug und moralische Schlechtigkeit seines Vorstehers zu Grunde ging. Fast gleichzeitig oder kurz nachher nahmen die übrigen mit dem ersten Newyorker zusammen errichteten Zweiggeschäfte in London, Paris, Amsterdam und Pest aus ähnlichen Gründen ein Ende. Allen diesen Etablissements fehlte das persönliche Wirken Meyer’s. Erst 1849 wurden von Seiten Meyer’s wieder neue Verbindungen mit Nordamerika angeknüpft und zwar durch seinen einzigen nun herangewachsenen, durch Bildung, Geschäftskenntniß und Charakterfestigkeit gleich ausgezeichneten Sohn Hermann, welcher 1850 in Newyork ein eignes Etablissement unter seiner Firma gründete, für welches das Bibliographische Institut hauptsächlich producirte. Dieses Geschäft und seine Beziehungen zum Bibliographischen Institute bestehen auch nach der Rückkehr des jungen Meyer in die Heimath 1855 noch fort. –

Und auf dieses einen Mannes Schultern ruhte die ganze tausendfältige Sorge und die Gebirgslast der Leitung all dieser ausgedehnten verschiedenartigen Geschäfte, von der hundert starke Männer zu Boden gedrückt worden wären, und obgleich er sich’s nicht leicht machte, so trug er sie doch mit Anmuth und Würde, und wenn Andere ausruhten von tausendmal geringerer Arbeit und sich behaglicher Muße überließen, dann warf er erst beim Strahl von Minerva’s Nachtlampe seine gewaltigen Apostrophen an das deutsche Volk auf das Papier, ja es gelang ihm wohl ein heitres Gedicht; dann gab er sich in seiner Weise Jahre lang neuen Arbeiten zu seiner weiteren Ausbildung hin. Eine Wissenschaft nach der andern nahm er vor; sein scharfer Verstand drang schnell bis auf den Kern jeder Sache, und sein erstaunliches Gedächtniß hielt tausend verschiedene Einzelheiten so fest, daß sie ihm zu jeder Zeit gegenwärtig waren. Auf diese Weise gelangte er ganz durch sich selbst, ein wahrer Autodidakt, zu der universellen [636] Bildung, die man während der flüchtigsten Unterhaltung an ihm zu bewundern Gelegenheit hatte.

Kein Wunder aber, wenn sein kerngesunder, kräftiger Körper endlich doch von der namenlosen und unausgesetzten Anstrengung und den aufreibenden, nie endenden Widerwärtigkeiten angegriffen und morsch wurde! War es doch bei ihm viele Jahre Regel, immer drei Nächte in der Woche durch zuarbeiten, in den übrigen Nächten sich nur wenige Stunden Schlaf und am Tage niemals Rast zu gönnen. Eine schwere, lebensgefährliche Krankheit hielt ihn 1842 lange am Siechbette gefesselt, und sie ist’s, die abermals eine neue Epoche in Meyer’s wunderbarem Wirken und Schaffen bildet. Es ist allerdings wahr, daß Meyer’s gesammte Thätigkeit von seinem ersten Auftreten als Geschäftsmann bis zu seinem Tode den Charakter einer industriellen trägt, weil sein erfinderischer Geist, sein großartiges Organisationstalent und sein wunderbarer Scharfblick ihn auf allen Gebieten seines Wirkens die praktische Seite ins Auge fassen ließ und ihm die umfassendsten Mittel zur Ausführung seiner Pläne an die Hand gab, allein von 1825 bis 1842 hatte diese Thätigkeit eine überall gleich stark hervortretende geistig-sittliche Tendenz; sein praktisches Wirken hatte einen reichen, festen, von höhern Potenzen durchgeisteten Boden, er wurde gehoben und getragen von einer großen, weltbezwingenden Idee; was er that, so scheinbar materiell es auch sein mochte, war dennoch eine Mission des Idealismus, der da berufen ist, die Menschheit in immer neuer Wandlung und Verjüngung einem großen Ziele entgegen zu führen.

[645] Anders wurde Meyer’s Streben nach der überstandenen Krankheit; denn von nun an wendete sich seine Speculation ausschließlich auf die rein materiell-industrielle Größe, und der einst hochfliegende Genius grub sich in die Erde, um ihre Schätze zu Tage zu fördern. Er selbst wußte und fühlte, daß er nicht mehr der frühere Ringer nach dem Idealen war, und erklärte diese Wandlung seiner selbst in schwermüthiger Selbstschau, daß er in der Krankheit von seiner frühern hohen geistigen Kraft und der Nothwendigkeit des sittlichen Aufschwungs degradirt sei, so daß, was ihm noch an Kraft geblieben, allein auf materielle Zwecke angewiesen sei, und er pflegte dann wohl seufzend zu sagen: „Gott hat sich von mir gewendet und mir einen Götzen zurückgelassen, den ich anbeten soll.“

Eigentlich war aber diese sogenannte Umkehr oder Verwandlung Meyer’s doch nichts weiter, als eine psychologische Selbsttäuschung. Er war geistig und sittlich noch der Frühere, nur war der gewaltige Drang seines Geistes nach großartiger, weitgreifender Thätigkeit in fieberhaften Feuereifer ausgeartet; aber das Feuer des Geistes ist dem materiellen Feuer gleich. Auch auf die Flamme des Geistes lassen sich Schiller’s schöne Worte anwenden:

„Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft.“

Zu dieser Meyern verderblichen Ausschweifung verleitete ihn der Bergbau. Eine Feder, die ihn in frommer Pietät zu würdigen verstand, gibt mir darüber folgendes treffliche Bild: „Der Bergbau, früher sein unschuldiges geduldiges Steckenpferd, wurde nun zum wilden, schäumenden, weitausgreifenden Rosse. Der verwegene Reiter schwang sich auf seinen Rücken, drückte ihm die Sporen in die Weichen, und das ungezähmte und schlecht gezäumte Thier ging mit seinem Reiter durch. Anstatt ihn auf die Sonnenhöhe seiner glänzenden Ziele zu führen, schlug es eine abwärts gehende Bahn durch Stein und Dorn und tausend andere Hindernisse ein, und warf endlich den erschöpften Reiter inmitten einer unwegsamen und unwirthlichen Gegend ab.“

Soviel Auswege sein Genie und sein unbeugsamer Muth ihm auch zeigten, Meyer lebte nicht lange genug, um auch nur einen einzigen bis zu Ende verfolgen zu können. Und so steht der große Industrielle da, wie der Torso einer Heldenfigur, wie eine abgebrochene Tempelsäule. Die industrielle Carrière Meyer’s ist nichts weniger als abgeschlossen gewesen. Das Sachliche darüber ist kurz Folgendes: Liebe zur Wissenschaft und eifriges Studium der unterirdischen Bodenverhältnisse seines engeren Vaterlandes, des Thüringerwaldes, hatten Meyer’s Speculationstrieb eine Menge nützlicher Winke über den in seiner Umgebung verborgenen großen Mineralwerth gegeben. Nach seiner Krankheit, vielleicht schon in derselben, glaubte er die Berufung zu erkennen, diese Schätze zum Heil seines Vaterlandes zu heben. Mit seiner rastlosen Energie, jetzt aber auf wahrhaft Staunen erregende Weise potenzirt, mit dem Aufwande aller seiner materiellen und geistigen Mittel griff er das riesige Werk an. Alle Räume der innern Berge, wohin sein geistiger Adlerblick drang, durchforschte er mit seinen Bohrversuchen, Stollen und Schachten, und combinirte endlich seine zahlreichen und glücklichen Entdeckungen zu jener allgewaltigen riesenhaften Idee, die ihres Gleichen nicht in Deutschland, nicht auf dem Continente[WS 1][646] hat, und gleichsam die strahlende Sternenkrone seines Lebens bildet: Thüringen, das Herz von Deutschland und Central-Europa, sollte der Sitz einer großartigen monopolisirenden Eisenerzeugung werden. Damit sollte ein Werk hingestellt werden, so segenbringend, so zukunftbefruchtend, so allgewaltig und allbeherrschend, wie kein zweites. Nachdem Meyer alle Elemente in ausreichender Ausdehnung zu diesem Titanenwerke gesammelt zu haben glaubte, hielt er es im Jahre 1845 an der Zeit, den Hebel anzusetzen, um diesen Koloß von Plan in Bewegung zu bringen.

Aber die Idee war verfrüht. Meyer’s grandiose Ansprache an den Unternehmungsgeist des großen Capitals, an den Patriotismus nationaler Arbeit zerfuhr in den tausend schmutzigen und lichtlosen Winkeln des damals noch kleindeutschen Krämergeistes, und verhallte in der engherzigen Oede der Unkenntniß der eignen Interessen, des Mißtrauens in die eigne Kraft. Meyer’s Frage nach Millionen Capital wurde knapp nur mit so viel Hunderttausenden beantwortet. Dennoch vertrauete er seinem an Mitteln der Speculation so schöpferischen Genie, das ungeheure Werk durchsetzen zu können. Er ließ seine großen Belehnungen auf das Neuhaus-Stockheimer Steinkohlenflötz auf der Grenze von Meiningen und Baiern in schwungvollen Angriff nehmen, erwarb höchst werthvollen Kohlenbesitz im großen Zwickauer Kohlenbassin, das seine meisten und ergibigsten Aufschlüsse Meyern verdankt; er arrondirte seine ausgedehnten Eisenstein-Concessionen im baierschen, meiningischen, schwarzburg-sondershäusischen und rudolstädtischen, kurhessischen, sächsischen und lobensteinschen Gebiet derart, daß der Möglichkeit einer gefährdenden Concurrenz für alle Zeiten und Fälle vorgebeugt war, und auf diese großartige Weise ausgerüstet und vorbereitet, ging er an die Erbauung des Neuhauser Eisenwerks. Außerdem betrieb er noch zu gleicher Zeit weitläufige Braunkohlenwerke an der Rhön; Eisenstein-, Kobald- und Nickelgruben im meininger Unterland; Steinkohlenwerke bei Eisfeld; Kupfer- und Silbergruben im Rudolstädtischen; Braunsteingruben, Schiefer- und Marmorbrüche, Torfstiche etc., und verwaltete diesen kolossalen Besitz, der an Montanausdehnung der bedeutendste in Deutschland ist, mit eben so großer Umsicht als Energie. Die dazu im Verhältniß stehenden enormen Mittel des Aufwandes wußte sein nie verlegener Speculationsgeist und sein ihm ganz eigenthümlicher Aufopferungssinn ohne Unterlaß zu beschaffen. Schon leuchteten ihm Erfolge, schon durfte er sich der ihm zu gönnenden Hoffnung hingeben, er werde der Endschaft seiner Riesenarbeit und der glücklichen Ausführung seiner in ihrer Art einzigen Pläne in’s Auge sehen dürfen, zu welchen er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt zu haben sich schmeicheln konnte – da überraschte ihn die Revolution des Jahres 1848 an der Spitze von zweitausend Arbeitern, und warf ihn von der schwindelnden Höhe der selbstgewählten Bahn hinab in den Sumpf und das Wirrsal einer zerbrochenen riesenhaften Lebensaufgabe. Alle die traurigen Folgen, welche die Ereignisse jenes und der darauf folgenden Jahre für die Interessen der Arbeit und des industriellen und merkantilen Verkehrs mit sich brachten, kamen in schlimmster Weise über Meyer’s halbfertige Unternehmungen, und brachten sie bald genug fast zum gänzlichen Erliegen. Eine lavinenartig anwachsende Schuldenlast wälzte sich auf Meyer’s Person, und drohte ihn mit all seinen fruchtbaren Ideen und hingestellten Thaten in den tiefsten Abgrund des Verderbens zu reißen.

Da, in der Stunde der höchsten Gefahr, bewährte sich die alte Kraft seines Genius als eine gottverwandte! Je rasender der Sturm, desto gewaltiger die ihm widerstehende Titanenkraft. Was der Sturm auch hinwegriß, er selbst, der große Mann, stand wie ein Fels in der Brandung, als wären seine Füße mit Eichenwurzeln im Boden befestigt. Seine so oft erprobte fast übermenschliche Geistesgegenwart in allen Fährlichkeiten des geschäftlichen Lebens; seine bewunderswerthe Geschicklichkeit in Benutzung aller sich darbietenden Chancen und Umstände; seine unerschütterliche Ausdauer und eiserne Arbeitskraft hielten ihn und seine Werke aufrecht. Und so zahlreiche Steine des Vorwurfs auch niedrige Gesinnung seiner persönlichen Widersacher, schmutzige jüdische Speculationssucht und erbärmliche Raublust, Engherzigkeit und getäuschte Hoffnung seiner frühern sogenannten Freunde auf ihn schleuderten: von allen unbefangenen, parteilosen und verhältnißkundigen Beurtheilern wird ihm das einstimmige Zeugniß, daß die Erhaltung des werthvollen und zukunftreichen Besitzes, und damit die Garantie für die bedeutenden fremden, seinen Unternehmungen zugewendeten Capitale einzig und allein seiner entschlossenen pflichtgetreuen Haltung, dem vielseitigen Andrängen und Versuchen zu seinem Sturze gegenüber, zu danken sei.[3]

Man wird die schier märchenhafte Thätigkeit Meyer’s seit dem Jahre 1842 erst in ihrem rechten Lichte erblicken, wenn man erfährt, daß seine Gesundheit von diesem Zeitpunkte an eine wankende war. Seit der geschilderten Geschäftskrisis schlagähnlichen Anfällen und Krämpfen ausgesetzt, die, durch übermäßige geistige Anstrengung und heftige Gemüthsbewegung herbeigeführt, ihn plötzlich überfielen und an den Rand des Grabes versetzten, konnte sein Leben nur durch die äußerste Sorgfalt und Pflege erhalten werden. Dennoch erlag es einem solchen zu heftigen Anfalle am 27. Juni 1856.

Was Meyer geschaffen liegt der Welt zur Beurtheilung vor; er ist darob verwundert und geschmäht, viel gehaßt und viel geliebt worden. In dem Urtheil stimmen Feinde und Freunde überein, daß er einer der außerordentlichsten Menschen war, die über die Erde gegangen sind. Das auch müssen ihm Alle einräumen, daß er ungemein befruchtend auf die nächste Zukunft der socialen Entwickelung eingewirkt hat. Der ungeheuere Umschwung des Lebens in den Ideen und der daraus erwachsenen Umgestaltung der Verhältnisse, der gewaltige Trieb und Betrieb des heutigen Geschlechts, er ist zum großen Theil Meyer’s Werk. Er war über das, was er wollte und erstrebte, sehr klar. „Erst muß das Volk seine Dichter für ein paar Groschen erhalten,“ sagte er mir einst, „damit ihm der Geist geweckt werde und es richtig fühlen und denken lerne; dann muß es mit der Natur und ihren gewaltigen Kräften, soweit die heutige Wissenschaft sie kennt und beherrscht, vertraut gemacht werden, damit es begreift, was es zu thun hat. Endlich muß man ihm die Geschichte der Völker in die Hand geben, damit es erkenne, wie sehr die Menschheit auf dem Wege nach einer großen allgemeinen Glückseligkeit geirrt und gefehlt hat, damit es diese Irrthümer und Fehler vermeide. Neben diesen Mitteln zur Erkenntniß muß man ihm auf der einen Seite das Schöne, auf der andern das Gute bieten, jenes in der Kunst, dieses in der Arbeit. Ein so sittlich und wissenschaftlich gebildetes Volk wird vernünftig arbeiten, sich vernünftig freuen und ein vernünftiges Staatsleben führen. An der Erreichung dieses Zweckes laßt uns genügen!

Das waren Meyer’s Ansichten und danach hat er gehandelt. Er war im vollsten und schönsten Sinne des Wortes ein Mann der Zukunft, und in diesem Sinne habe ich ihn einen Morgenstern genannt.

Ein wie viel besprochener Mann Meyer aber auch war; sein eigentliches inneres Wesen, den Zauber seiner Persönlichkeit haben, bei der Abgeschlossenheit seiner Lebensweise, doch verhältnißmäßig nur Wenige erkannt, die Meisten geradezu verkannt. In ihm ist eine der seltensten und herrlichsten Erscheinungen dahingegangen. Von der unerschöpflichen Thatkraft, welche in dem Manne wohnte, von seinem reichen umfassenden Geiste gibt auch die flüchtigste Skizze seines Wirkens Kunde: von der unerschöpflichen Liebe, die ihn beseelte, von der unendlichen Güte und Milde seines Herzens wissen nur die zu reden, die seinem häuslichen Kreise anzugehören oder nahe zu stehen so glücklich waren. Und alle diese preisen es als ein hohes Glück, vom Strahl seiner Liebe berührt oder erwärmt [647] worden zu sein. Ich hörte eine junge Frau, die liebenswürdige Gemahlin eines bedeutenden deutschen Schriftstellers, mit dem feuchtverklärten Auge dankbarer Rührung und Begeisterung von den hohen Tugenden seines Herzens reden, den sie mit Stolz ihren Pflegevater nannte. Ja, ich darf sagen, mit der stärksten Liebe, deren ein Menschenherz fähig ist, hielt er Alle, die seinem Herzen nahe standen, umschlungen. Bis an sein Ende war er der zärtlichste Gatte, der liebevollste Vater, der treueste Freund. In der Mitte der Seinen fühlte er sich froh, reich und glücklich, mochten von außen noch so harte Schläge ihn treffen. Und wohl bot auch seine Familie alle Elemente, um ihm das reichste und höchste Glück des Lebens zu gewähren, ein Glück, das leider seit Jahren nur zu oft durch Krankheitsfälle getrübt wurde.

Als die Rücksicht auf seine wankende Gesundheit mehr Erholung, besonders Bewegung im Freien gebot, kaufte er einen großen wüsten Bergrain an, den er mit wahrhaft Meyer’scher Energie durch massenhafte Anpflanzung von viel tausend Bäumen binnen kurzer Frist in einen Park verwandelte. Dorthin sah man zur Sommerzeit den Mann im schlichten grauen Rock, wenn die Witterung und sein Befinden es gestatteten, in ihm lieber Gesellschaft wandern, und mochte er noch so verstimmt und gedrückt von der Last des Tages von Hause weggegangen sein, stand er nur erst unter seinen lieben Bäumen, die er alle einzeln kannte, sog er nur die reine Bergluft ein, so wurde ihm wohl und frei um’s Herz, und mit liebenswürdigem Behagen gab er sich der Betrachtung der Natur und der Unterhaltung mit den anwesenden Verwandten und Freunden hin. In seinem Hause, besonders während der Winterzeit, vertraten die Stelle der Naturgenüsse die Kunstgenüsse. Meyer war nämlich ein bedeutender und feiner Kunstkenner (wie vielseitig er auch war, er war alles bedeutend und im ungewöhnlichen Maßstabe!) und war im Besitz von sehr werthvollen Kunstschätzen; reiche Sammlungen von Handzeichnungen, Kupferstichen, Holzschnitten, Autographen, Niellen, Intaglien etc. lagen dem Beschauer zur Ansicht vor, der sich der gründlichen und lehrreichen Besprechung derselben von Seiten des Besitzers erfreute. Gewiß ein schöner und seltener Genuß!

Dieses große Herz voll zärtlicher Liebe, voll hingebenden Mitgefühls für alles menschliche Bedürfniß, dieses sanfte Gemüth von fast weiblicher Tiefe und Innigkeit und alle darin wurzelnden, zu so schöner Entfaltung kommenden Tugenden mögen nun, da er nicht mehr ist, den Tadel entkräften, den man ihm während seines Lebens oft und vielleicht nicht ganz ungerecht gemacht hat, daß sich sein kolossales Streben nur zu leicht in’s Maßlose verlor und er sich dadurch eine Sorgen- und Arbeitslast auf die Schultern lud, deren zehnter Theil zuletzt doch den Stärksten erdrückt haben würde, die aber, täglich wachsend, bei seiner zuletzt schwankenden Gesundheit, auch für ihn, den modernen Atlas und Centimanen, nicht zu bewältigen war. Immerhin wird ihm aber zur Entschuldigung dienen, daß er bei all’ seinem Gigantenschaffen unter dem Einfluß eines sittlichen Gesetzes stand, das doch noch stärker war als seine Kraft, daß er also der inneren Nothwendigkeit nachgebend nicht anders handeln konnte. Und so sind es zuletzt doch nur große Tugenden und Eigenschaften in der Uebertreibung, welche an ihm zu rügen sind. Wie auch hätte er sich ohne das ihm inwohnende Gesetz jene Jugendfrische und Schwungkraft des Geistes, jene keusche Kindlichkeit des Gemüths und jene reine Erhabenheit der Gesinnung bis an sein Ende bewahren können, die die ihm Näherstehenden an ihm bewundern mußten? Unter den tausend Sorgen, Arbeiten und Aergernissen, die unausgesetzt auf ihn eindrängten und stürmten, oft abgezogen durch körperliches Leiden, fortwährend unterbrochen durch Besuche aus allen Schichten der Gesellschaft, durch Arbeitsuchende oder durch eigene Arbeiter, die sich Raths erholten, durch Bettelnde aus allen Ständen, förderte er noch mit Leichtigkeit ein neues Unternehmen nach dem andern an’s Licht und warf wie spielend die brillanten Artikel seines „Buchs“ (das Universum) auf’s Papier. Das Wort Vergnügen war für ihn gar nicht vorhanden; er kannte nur die hohe Lust der Pflicht, nur die seelische Befriedigung ernsten Strebens und Schaffens. Ganz in derselben nie rastenden, immer hochstrebenden Weise war sein Sinn über die Grenzen seiner persönlichen Existenz weit hinaus auf das große Ganze und Allgemeine gerichtet. Festen Fußes stand er auf der Höhe der Zeit und überschaute von da kühnen, scharfen, sichern Blicks das Leben der Gegenwart und der Vergangenheit und drang mit dem Adlerauge durch die Schleier der Zukunft. Den höchsten Interessen der Menschheit war so fortwährend seine regste frischeste Theilnahme gewidmet. Keine neue große oder interessante Erscheinung auf irgend einem Felde menschlicher Thätigkeit, keine wissenschaftliche Entdeckung, keine namhafte Erfindung ging unbemerkt und ohne in ihren Folgen erwogen zu werden, an ihm vorüber, und für Durchführung und Erforschung mannigfacher Probleme hat er bedeutende Summen bereitwillig geopfert. Sein eigentliches Lebenselement war jedoch die Politik, und auf diesem Boden stand er mit der ganzen Wucht seiner Oppositionskraft für seine Ueberzeugung ein. Seine Gesinnungen sind in seinen Werken niedergelegt; er hielt sie auch im Privatverkehr nie ängstlich zurück, und es bedurfte nur geringer Anstrengung, um den Strom seiner flammenden Rede wie eine vulcanische Eruption ergießen zu machen. Man mag seinen Meinungen beipflichten, oder sie verwerfen: gewiß ist, daß kein Herz je wärmer, treuer und aufopfernder für Vaterland und Menschheit schlug, als das Meyer’s, und daß es auch hier die Liebe war und nur die in ihm glühende unerschöpfliche Liebe, die ihn zum Aeußersten hinriß. Und das sollten auch Gegner ehren.

Sein Charakter, der Reflex jener Liebe, war – wie hätte er anders sein können? – lauter und rein wie Gold, und nur aus guten ehrenhaften Motiven ging all’ sein Streben hervor. Von Eitelkeit, Egoismus, Gewinnsucht, falschem Ehrgeiz, von allem Schmutz und aller Niedrigkeit des Lebens war seine große Seele frei, und Schwächen, unsaubere Neigungen dieser und jener Art, wie sie sonst wohl auch bei geistig hochstehenden Menschen nicht ungewöhnlich sind, lagen tief hinter ihm. Wahrlich, man konnte Goethe’s Worte über Schiller auch auf unsern Meyer anwenden:

„Und hinter ihm im wesenlosen Scheine
Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.“

Wenn dieser Mann darauf ausgegangen wäre, nur Geld zu machen, er wäre bei seinem Genie ein Rothschild geworden.

Und derselbe Mann, dessen Geist unablässig in großen Combinationen lebte und webte, der in seinem „Buche“ wie ein strafender Cato gegen die Sünden der Zeit donnerte, dieser ernste gewaltige Geist, der keinem Zweifel in uns Raum gab, daß er in Zeiten einer wirklichen Revolution die Rolle eines Dictators mit fürchterlicher Strenge gehandhabt haben würde – dieser selbe Mann überschüttete seine Umgebung mit einem Uebermaße gemüthlich zärtlicher Aufmerksamkeit; dieser industrielle Heros konnte sich mit kindlicher Lust den kleinsten und bescheidensten Genüssen hingeben; dieser tiefe Denker erfreute sich innigst an einer Blume, an einer Aussicht oder an einem Spiel der Jugend, die ihm zu seinem Bedauern immer zahmer und wohlgezogener zu werden schien; dieser kühne Händler ging schonend der Ameise aus dem Wege, die zu seinen Füßen kroch, und schenkte mitleidig jeder alten Bettlerin Gehör, die ihm ihr Leid klagte, ohne die dadurch verlorene kostbare Zeit, die bei ihm mehr als bei jedem Anderen Geld war, zu beklagen. Das Wohl oder, richtiger, die Noth des Volkes war’s vor allen Dingen, die ihm täglich und stündlich am Herzen lag, und der Gedanke, zu ihrer Linderung beizutragen, verband sich mit all’ seinen Bestrebungen. Was er im Stillen zu diesem Zwecke gethan, ist außerordentlich; seine Hand war allezeit der Armuth geöffnet. Nur mit Faulheit und Liederlichkeit, wenn sie erwiesen vorlagen, hatte Meyer kein Erbarmen. Dagegen fand jedes rührige und tüchtige Streben, das ihn ansprach, seinen Beistand, und manches Talent, das vielleicht in Dürftigkeit verkommen wäre, ist durch seine Ermunterung und Unterstützung zu schönem Ziele gelangt.

Meyer’s äußere Gestalt war wohlgebildet, von mittlerer Größe; sehr bedeutend war die Form seines Kopfes, den er, wie alle gedankenschwere Menschen, etwas vorgebeugt trug; von unbeschreiblichem Zauber waren Ausdruck und Tiefe seines Auges. Sein Mund zeugte von der Anmuth und Milde seines Wesens. In Geschäftssachen kurz, fast wortkarg, sprudelte dieser Mund von flammender Rede über, sobald er gemüthlich erregt war. Meyer war tief religiös, aber seine Religion war ein schöner und erhabener Deismus. – Im Alterthum würde er zum nationalen Mythus geworden sein; in England Glied des Unterhauses, das der Aristokratie zu Leibe gegangen; in Amerika Präsident eines Staates; in Deutschland wollten ihn erst die Kaufleute nicht, und doch war er ein großer Kaufmann; dann wollten ihn die Buchhändler nicht, und doch wurde er ein großer [648] Buchhändler; ferner wollten ihn die Industriellen nicht, und doch wurde er einer der größten Industriellen; endlich wollten ihn die Schriftsteller nicht, und doch wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller.

Der Tod hat seinen Anstrengungen und Ansichten, die großen Zwecke einer fünfundzwanzigjährigen Arbeit noch glänzend zur Geltung zu bringen und den tausenderlei Hoffnungen und Existenzen, welche sich darauf stützen, vollständige Befriedigung zu gewähren, ein Ende gemacht. Die Elemente dazu aber hat er ungeschmälert wohlerhalten und gepflegt zurückgelassen, und auf das geschickte und besonnene Verfahren derjenigen, welche Ansprüche darauf haben, wird es ankommen, dem großen schönen Bau die Spitze aufzusetzen und dafür zu sorgen, daß er nicht zur Ruine werde. Eine sichere Garantie für die Vollendung seines Werkes hat er selbst in seinem Sohne Hermann hinterlassen, in welchem der Feuergeist des[WS 2] Vaters sich zur plastischen Ruhe abgeklärt hat. Wie von einem guten Genius geführt, kehrte dieser treffliche junge Mann noch zur rechten Zeit mit Aufgebung des dortigen Etablissements von New-York in’s Vaterhaus zurück, um eine vollständige Uebersicht über alle Geschäftszweige und die Verhältnisse derselben zu erlangen. Trefflich gebildet und mit Nutzen durch die Schule des Lebens gegangen, hat er mit fester Hand Hammer, Kette und Winkelmaß ergriffen, um den Bau des Vaters zu vollenden, und hat, wie ich zu meiner großen Freude höre, schnell das Vertrauen aller Betheiligten gewonnen.

Hermann Meyer hat sich eine schöne Aufgabe gestellt, die von seinem edlen kindlichen Herzen, von seiner moralischen Kraft und von seiner Geschäftstüchtigkeit ein gleich ehrenvolles Zeugniß gibt, und er verfolgt ihre Erreichung mit einem Eifer und einer Würde, die ihm den ungetheilten Beifall aller Guten und Verständigen sichert; es ist die Aufgabe: den ehrlichen Namen seines Vaters in der Geschäftswelt zu retten, das schwer befrachtete aufgefahrene Schiff wieder flott und damit rüstige Fahrten auf dem Weltmeere zu machen. Er will nicht nur dem großen Todten den gebührenden Kranz voll und schön und unzerzaust von gefräßigen Nagethieren und Raubvögeln auf das Grab legen, er will auch seine ganze Kraft daran setzen, daß dieser Kranz wurzelt und wuchert und neue Sprossen treibt, damit er für die Nachwelt grüne, blühe und Frucht trage. Wer wollte dem trefflichen Sohne nicht das fröhlichste Gedeihen seines Werkes wünschen?

Und so hat Josef Meyer ein seltenes und schönes Glück auf Erden gehabt, die edle Gattin, die ihn verstand und herrlich unterstützte, und den hochsinnigen Sohn, der da schön vollenden wird, was der Vater groß begonnen.

  1. Gedichte von Ludwig Storch. Leipzig, Ernst Keil. 1854.
  2. „Medaillon“ aus dessen „Denkwürdigkeiten.“
  3. Zum Beweis, wie mächtig und vertrauenerweckend M.’s persönliches Wesen auf wahre Menschen wirkte, diene Folgendes. Zwei mir befreundete Damen von edler Abkunft und noch edlerer Gesinnung, Schwestern und begütert, hatten M.’s Laufbahn mit dem Auge der Bewundernng verfolgt, und ihm ein nicht unbedeutendes Capital in’s Geschäft gegeben. In dieser gefährlichen Zeit reiseten sie selbst nach Hildburghausen. um zu retten, was zu retten sei. M.’s persönliche Bekanntschaft, sein großartig, plastisch ruhiges Wesen imponirte ihnen nicht nur, es entzückte sie dergestalt, daß sie voll seines Lobes in ihre Heimath zurückkehrten, und ferner ganz unbesorgt um ihr Capital waren. „Und wenn wir’s auch verlieren sollten,“ sagte die Eine dieser trefflichen Damen zu mir, „die Bekanntschaft dieses großen herrlichen Mannes, der uns wie einer der alten Patriarchen vorgekommen ist, wäre damit nicht zu theuer erkauft. Wer wie wir M.’s ganze Größe in seinem Hause zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird ihn nicht nur bewundern und verehren, er wird ihn auch lieben und ihm Alles anvertrauen.“
    Dieser Ausspruch ehrt ebenso den, welchem er galt, als die, welche ihn abgaben, und sein Werth wird noch durch den Umstand erhöht, daß er von zwei reinaristokratischen Damen einem Demokraten vom reinsten Wasser geweiht war.

  1. Vorlage: Con-/tingente
  2. Vorlage: der