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Autor: Dr. Z.
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Titel: Ein Patriot im Priesterrock
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 56–59
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Carl Christian Immanuel Steinbrück
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[56]
Ein Patriot im Priesterrock.

Das Licht zieht den Geist an, den Geist in jeder Form, auch in der des kämpfenden Glaubens, der mehr als ein Mal selbst ein Führer zum Lichte war. Mußten wir es nun leider nicht selten erfahren, mit welch’ rührigem Eifer die Feinde des Lichts jede politische Dämmerung sogleich für den Dienst der Finsterniß ausbeuteten, und wie unter diesen ein zur Pfaffenschaft hinabgesunkener Theil der Geistlichkeit sich stets am ungescheutesten in den Vordergrund drängte, so begrüßen wir es als eine um so tröstlichere und erhebendere Erscheinung, wenn in Tagen, wo um Licht und Recht der Kampf von Neuem entbrennt, auch die Kirche dem Volk wackere Streiter sendet. Mit hoher Achtung blicken wir auf die Geistlichen in Schleswig-Holstein, die abermals für ihrer Heimath Recht und Ehre die Gefahren des Elends wagen, und auf ihre Amtsbrüder in vielen deutschen Ländern, die ebenso mannhaft für sie auftreten. Und mit demselben Stolze dürfen wir auf manchen braven Mann der Kanzel blicken, der, als das deutsche Volk nach der Befreiung von Napoleon’s Sclavenketten rang, grade im Unglück sich als Held bewährte. Denn die festlichen Erinnerungen an die große Zeit der Erhebung des deutschen Volkes vor funfzig Jahren rufen das Andenken auch an solche Männer wach, die, wenn auch nicht durch glänzende Thaten auf dem Schlachtfelde, doch durch nicht minder ehrenwerthe Handlungen und eine eben so glühende Liebe zum Vaterlande sich ausgezeichnet haben.

Ein solcher Patriot im besten Sinne des Wortes war der Mann, dessen Charakterbild ich in den folgenden Zeilen zu zeichnen versuchen will, und die Gartenlaube, die bereits in anerkennenswerthem Streben so viel gethan hat, das Andenken an eine große Zeit und an ihre Helden von Neuem zu beleben, wird auch dem kurzen Lebensabriß eines einfachen Landgeistlichen, der sich als einer der besten Söhne des Vaterlandes erwies, den erbetenen Raum gewähren.

Carl Christian Immanuel Steinbrück [WS 1]wurde in einer kleinen Stadt in der Nähe Stettins auf dem linken Oderufer, wo sein Vater damals Rector und Nachmittagsprediger war, i. J. 1772 geboren. Nach gründlicher Vorbereitung, die er auf den Schulen in Colberg und Stettin erhielt, bezog er im Jahre 1792 die Universität Frankfurt a.O., um Theologie zu studiren, und zwar unter dem Einflusse des berüchtigten Wöllner’schen Glaubensedicts, dessen Verfolgungssucht die rationalistischen Docenten dadurch auszuweichen wußten, daß sie bei dem Vortrag ihrer mit dem von oben her „commandirten Glauben“ nicht in Einklang stehenden Forschungen ihren Zuhörern das Nachschreiben untersagten, dafür aber, nachdem sie ihrer Kritik den Zügel sattsam hatten schießen lassen, den eifrig lauschenden Jüngern eine durchaus gläubige Exegese und Dogmatik in die Feder dictirten, „damit sie solches im Examen vor der Glaubenscommission verwenden könnten.“ – Auch Heinrich Zschokke war damals sein Lehrer.

Nachdem Steinbrück länger Hauslehrer gewesen, erhielt er 1796 eine Pfarrstelle zu Friedland in Westpreußen. Hier finden wir ihn noch in dem verhängnißvollen Jahre 1806, wo das Unglück auch über diesen fernen Theil der preußischen Monarchie und seine Bewohner herein brach. Den unaufhaltsam vordringenden Franzosen kostete es nicht große Mühe, den polnischen Adel jener Gegenden aufzuregen, ihn zum Abfall vom Könige von Preußen zu bewegen und ihn zu Napoleon, „dem Großen, dem Unüberwindlichen“, hinüberzuziehen. Es galt nur noch, auch der preußischen Beamten sich zu versichern und sie mit Güte oder Gewalt zur Anerkennung des aus den ehemals polnischen Landestheilen mit Hülfe der Franzosen neu zu bildenden polnischen Reiches zu bewegen. Wie hierin selbst französische Officiere sich ungemein thätig erwiesen, davon erzählt der Prediger Steinbrück ein Beispiel. Wir lassen ihn selbst reden:

„Am 12. Novbr. 1806, bald nach ein Uhr Mittags, sprengte ein französischer Officier mit zwölf Husaren durch die Stadt, kam aber bald wieder zurück, indem er nur die Gegend vor dem Conitzer Thore recognoscirt hatte. Er stellte sich mit seinen Leuten auf dem Markte auf, schickte einige Mann als Posten an die Thore ab und forderte, daß die beiden Prediger (außer mir war noch ein katholischer Geistlicher in der Stadt) und der Bürgermeister sogleich zu ihm kämen. Ich, der ich dies vor meiner Thür hörte, antwortete in französischer Sprache: „„Mein Herr, ich bin der eine Prediger, den Sie suchen.““ Er antwortete: „„Das ist gut, laßt sogleich den Andern auch holen und stellt Euch hierher,““ wobei er mir mit dem Säbel den Ort anwies und einen Mann Wache an meine Seite stellte, damit ich nicht davonlaufen sollte. Meine Frau schrie und jammerte in der Thüre, ich mußte aber gehorchen. Jetzt befahl der Officier dem ebenfalls herbeigekommenen Bürgermeister Schmidt, die von ihm geforderten Bedürfnisse, Lebensmittel und Geld, zur Stelle zu schaffen, was auch geschah. Zu mir sagte er dann: „„Führt mich in eine Schreibstube!““ worauf ich ihm die Kämmerei vorschlug und zeigte. Der Officier und sein Maréchal de logis nahmen mich in die Mitte und führten mich dorthin als ihren Gefangenen. Hier forderte der Officier Schreibzeug und Papier, und als ihm dies gebracht war, sagte er zu mir: „„Napoleon hat diese Provinz bis an die Weichsel erobert und ist Euer Herr; ich nehme diese Stadt in Besitz, entlasse Euch hierdurch aus Euern Pflichten gegen den König von Preußen; Ihr habt keine Verbindlichkeiten mehr gegen ihn und müßt mir jetzt auf mehrere Fragen Antwort geben. Redet Ihr eine Unwahrheit, so werdet Ihr in’s Hauptquartier geführt und aufgehangen; werdet Ihr aber gar nicht antworten, so lasse ich auf dem Markte eine öffentliche Execution an Euch vollziehen! Uebrigens will ich Euer Glück machen, wenn Ihr mir recht viel aussagt und in der Provinz unser Führer sein wollt.““ Er legte dann einen Bogen Papier vor sich auf den Tisch, auf welchen unter Anderem folgende Fragen verzeichnet worden, über welche er von mir Auskunft verlangte: Wo ist der König und die Königin von Preußen? Wo die Brüder des Königs.? Wie stark ist die preußische Armee? Wer commandirt sie? Wie groß ist die Provinz? Wie viele Rekruten liefert sie? und dergl. mehr. Ich erwiderte, daß ich das nicht wisse, und daß es außerdem wider meine Pflicht sei, auf solche Fragen Antwort zu geben. Da ergriff der Officier seine Pistole und hielt sie mir vor’s Gesicht, als er aber sah, daß auch dies mich nicht wankend machte, ließ er die Waffe sinken und entließ mich unter allerhand Schimpfwörtern und Flüchen.“

Es ist bekannt, wie jene oben erwähnten Bestrebungen des polnischen Adels, unterstützt und geschützt durch die siegreiche Armee Napoleon’s, noch im Herbste des Jahres 1806 in der Errichtung einer eigenen Regierungscommission in Bromberg vorläufig verwirklicht wurden. Diese Commission erließ, gestützt auf den polnischen Adel, der sich aller Orten schnell bewaffnete, eine Proclamation, welche zum Zweck hatte, das alte polnische Reich wiederherzustellen, und welche die Provinz Preußen als dazu gehörig reclamirte. Sie befahl, jeder Beamte, der nicht selbst die Waffen ergreifen könnte, sollte einen Mann stellen; zugleich sollte jeder eine ihm zugesandte, in Form eines feierlichen Eides abgefaßte Erklärung unterzeichnen, worin er sich vom Könige von Preußen lossagte und dem Kaiser Napoleon, dem wiederherzustellenden polnischen Reiche, und der Regierungscommission huldigte. Wer dem nicht Folge leisten würde, solle seines Eigenthums, aller Aemter und Würden verlustig und für einen Feind des Vaterlandes erklärt werden. Die Prediger sollten diese Proclamation von der Kanzel bekannt machen und die Unterthanen kräftig zum Abfall bewegen, ja man ging so weit, den König seines Reiches für verlustig zu erklären, der, wie hinzugefügt war, „sich ein neues Königreich suchen könne“. Unser Patriot nennt jene Proclamation in seinen hinterlassenen Auszeichnungen eine „respectswidrige und die schuldige Ehrfurcht verletzende Schmähschrift“, und fährt dann in der Erzählung über diese merkwürdigste Zeit seines Lebens folgendermaßen fort:

„Friedland ist von den Dörfern des Caminer Kreises umgeben, gehört aber selbst zum Conitzer Kreise. Ich erhielt von dem aufgestandenen polnischen Adel beider Kreise solche rebellische Schmähschrift, ließ mich indeß so wenig durch die darin enthaltenen Versprechungen verführen, daß mir Gott vielmehr die Einsicht und den Muth gab, unter die erste zu schreiben: „Herr, erlaube mir, in die Heerde Säue zu fahren“ (Matth. 8. 31), und unter die andere schrieb ich: „Ein – Sr. Majestät meines Königs ist mir ehrwürdiger, dem werde ich gehorchen, aber die sich so nennende Regierungscommission werde ich nie anerkennen, weil ich sie vielmehr verachte!“ Mit diesen Unterschriften sandte ich die Schreiben an die Commission zurück.

Am nächsten Sonntage – es war am Neujahrsfeste 1807 – predigte ich über das Thema: „Standhafte Treue kann nur in Gefahr bewiesen werden“, indem ich zuerst von der Größe der gegenwärtigen [57] Gefahr sprach und dann zeigte, wie man in derselben Treue beweisen könne und müsse. Auch erließ ich auf meine eigene Hand die folgende Proclamation: „„Da in den jetzigen Zeiten, wo die Verordnungen nicht durch die ordentlichen Behörden zu Jedermanns Kenntniß gelangen können, Mancher aus Unwissenheit fehlt, auch durch Unterlassung seiner Pflicht unrecht handelt, wodurch er künftig verantwortlich und strafbar wird, so halte ich es als rechtlicher Mann für meine Pflicht, wenigstens so viel ich kann, durch Ermahnen und Warnen Andere zu ihrer Pflicht zu bewegen und dadurch dem Vaterlande nützlich zu werden. Es halten sich nämlich viele Soldaten hier und in den Dörfern auf, ohne zur Armee oder dahin zu gehen, wo so viele ihrer Cameraden hingehen. Einige haben gegen mich selbst geäußert, daß kein Befehl vorhanden wäre, nach welchem sie zu ihrem Corps gehen sollen, Andere behaupten, sie hätten sich selbst rancionirt und gehörten Niemandem an. Allen diesen mache ich hiermit bekannt, daß es ausdrücklicher Befehl Sr. Majestät ist, daß jeder Soldat, auch der sich selbst rancionirt hat, längst hätte zur Armee gehen sollen. Ich ermahne und warne also Jeden, sein Vergehen dadurch gut zu machen, daß er ungesäumt zu seiner Pflicht zurückkehrt, da ihm die Unwissenheit nicht mehr zu Statten kommen kann. Um die Richtigkeit meiner Warnung zu beweisen, werde ich hier eine Verfügung des Elbinger Magistrats bekannt machen, die ich in der Zeitung soeben gelesen und woraus sich Jeder überzeugen wird, daß diese Behörde lediglich nach den ergangenen königlichen Befehlen gehandelt, und daß alle Behörden so handeln werden, wenn dieses zu ihrer Kenntniß kommen wird.““ (Es folgt nun eine Verfügung des Elbinger Magistrats mit der Überschrift: „„Wohlgemeinte Ermahnung und Warnung an alle sich hier und in den Dörfern aufhaltenden, von ihren Corps versprengten Unterofficiere und Soldaten.““)

Die Wirkung dieser von mir erlassenen Proclamation,“ fährt Steinbrück fort, „war, daß auch kein Einziger abfiel! Auch den Katholiken, die mehr als ein Viertel der Einwohner ausmachten und die ebenfalls meine Aufforderung zu lesen bekamen, muß ich das ruhmwürdige Zeugniß geben: sie blieben treu und kamen von da ab sehr oft zu mir in die Kirche, Einige sogar alle Sonntage. Da aber der Magistrat sich der polnischen Regierungscommission gegenüber auch darüber ausweisen mußte, daß er die Proclamation dieser sogenannten Regierung habe publiciren lassen, so ließ er dies durch den Küster thun, und wie dieser darüber von mir eine Bescheinigung forderte, schrieb ich unter die Proclamation: „Dies hat der Magistrat durch den Küster bekannt machen lassen, der auch allein diese Schande zu verantworten hat.““

Es leuchtet ein, daß ein so entschiedenes Vorgehen gegen die Absichten der augenblicklich fast allein mächtigen Partei den Haß derselben erregen mußte und daß die polnische Regierungscommission nicht lange anstehen würde, einen so offen auftretenden Gegner unschädlich zu machen. Dazu kam, daß im Orte selbst ein den Polen vollkommen ergebenes Werkzeug lebte, welches Sorge trug, das ihnen feindliche und ihre Pläne, wenigstens so weit sein Einfluß reichte, durchkreuzende Vorgehen Steinbrück’s seinen Gönnern und vermeintlichen Vorgesetzten geziemend und in aller Eile zu berichten. Dies war der Landrichter V…, den, als er aus seinem Vaterlande vertrieben war, der König Friedrich Wilhelm III. in seine Staaten aufgenommen und angestellt hatte.’ V..., ein Mensch von niedriger und egoistischer Gesinnung, hatte sich, wie viele Beamte in jener Zeit, durch große Versprechungen verleiten lassen, die Partei der Polen zu ergreifen. Steinbrück kannte seine Gesinnung wohl und wußte, wessen er sich von ihm zu versehen hatte. Bereits im November des vorhergehenden Jahres hatte der Landrichter an der Tafel eines benachbarten polnischen Edelmanns in Gegenwart unseres Predigers ungescheut seine Sympathien für die Polen und für Napoleon bekannt, und als er deshalb offen von Steinbrück zur Rede gestellt war, hatte er diesen gewarnt und ihn auf die große Gefahr aufmerksam gemacht, in die er sich durch sein unerschrockenes und, wie V… es nannte, „unüberlegtes“ Reden bringen könne. Dieser schon vor Monaten geführten Rede gemäß handelte nun auch der Landrichter V … in Friedland; er unterzeichnete nicht nur jene Proclamation, sondern strich auch überall in den schon gefertigten Verfügungen die Worte „Königlich Preußisch“ aus und setzte „im Namen der Regierungscommission“ an die Stelle. Auch suchte er vielfach die Bürger zum Abfall zu verleiten und schickte auch Steinbrück eine derartige Bekanntmachung zu. Der aber antwortete, „daß er seinen Verstand verloren haben müsse; wie er so schlecht handeln könne? der König von Preußen habe ihm Amt und Ehre verliehen, da er aus seinem Vaterlande weggejagt sei!“

Hierauf denuncirte nun V … wider Steinbrück bei der Regierungscommission in Bromberg und erklärte derselben geradezu, daß alle ihre Bemühungen vergeblich sein würden, so lange Steinbrück in Wirksamkeit sei. Der ganze Kreis hinge ihm an, deshalb müsse er aus dem Wege geräumt werden. Täglich erwartete der Landrichter nun die gefängliche Abführung seines Gegners, um dessen Leben es geschehen war, sobald er erst einmal in der Gewalt der Polen sich befand. Hatten dieselben doch erst vor Kurzem den Bürgermeister von Labeczin nach Posen abführen und dort erschießen lassen, weil dieser neuausgehobeue Rekruten nicht, wie die Commission ihm befohlen, zu den Polen, sondern zu den Preußen geschickt hatte.

Wie durch ein Wunder entging jedoch Steinbrück der über seinem Haupte schwebenden Gefahr, während der Denunciant, der nur auf den Sturz seines Gegners lauerte und sich selbst ganz sicher wähnte, von seinem Geschick ereilt wurde.

Jenes von dem Landrichter abgesandte Schreiben kam nämlich durch einen Zufall in die Hände der preußischen Husaren vom Regiment Würtemberg, die einen Cordon zwischen den Preußen und den rebellischen Polen gebildet hatten. Diese schickten ein Commando zur Aufhebung des Landrichters ab. An einem nebligen Morgen, anfangs Januar, zog eine in Mäntel gehüllte kleine Reiterschaar in die Stadt. Kaum erhält V … davon Kunde, als er freudig vor die Thür springt und, da er die Reiter am Pfarrhause halten sieht, ausruft: „Jetzt holen sie den Pfaffen!“ Bald aber sieht er sich bitter getäuscht. Die Reiter waren keine Polen oder Franzosen, sondern jenes Commando preußischer Husaren, die den Auftrag hatten, den Herrn Landrichter V … aufzuheben und auf die Festung Graudenz zu transportiren. Die Schuljugend kam gerade aus der Schule, als man V … auf einem Leiterwagen aus der Stadt führte. Er verhüllte mit dem Mantel sein Gesicht, nicht allein aus Scham, sondern auch zum Schutz gegen die Steinwürfe der lieben Jugend. Zufällig befand sich damals in jener Knabenschaar ein späterer Freund und Amtsbruder des ältesten Sohnes des Prediger Steinbrück, der jenem oft von diesem Tage und seiner eigenen Betheiligung an dem Vorfall erzählt hat.

Die Polen waren über die Abführung eines ihnen ergebenen Beamten sehr aufgebracht; sie sorgten zunächst dafür, daß das Auftreten Steinbrück’s der „Commission“ bekannt werde, die dann auch nicht lange säumte, Repressalien zu gebrauchen und an dem widerspänstigen Priester in Friedland Rache zu üben. Es wurde zu seiner Aufhebung ein Commando von Bromberg abgeschickt und beschlossen, ihn zum warnenden Beispiel öffentlich erschießen zu lassen. Glücklicher Weise wurde Steinbrück noch zur rechten Zeit gewarnt. Zwei Meilen von Friedland machte das Commando zum letzten Male auf seinem Marsche Halt; hier wollte man den Einbruch der Nacht abwarten, um den Schlafenden um so sicherer festnehmen zu können. Eine Pächterfrau, bei der ein Theil der Mannschaft einquartiert war, und die aus dem geheimnißvollen Auftreten der Leute und aus der Richtung des Weges, auf dem sie weiterziehen wollten, nichts Gutes für unsern Pastor ahnte, mit dem sie, als geborene Colbergerin, in ihren patriotischen Gesinnungen lebhaft sympathisirte, hatte durch wiederholtes Fragen und Forschen endlich – trotz des strengen Verbotes – von einem Soldaten erfahren, daß ihre Befürchtungen nur zu begründet waren und daß es in der That auf den Pastor Steinbrück in Friedland abgesehen sei. Sie macht sich sogleich auf, eilt noch spät am Abend nach Friedland und theilt dem Pastor mit, welche Gefahr ihm drohe, wenn er nicht sogleich durch die Flucht sich rette; morgen früh werde es dazu schon zu spät sein. Da galt es, einen schnellen Entschluß zu fassen. Nach kurzem Abschied von Weib und Kind, die er der Obhut seiner am Orte wohnenden Schwiegereltern übergiebt, verläßt der Verfolgte sein Haus, ohne jedoch den Seinigen das Ziel, dem er zueilt, zu nennen, um sie nicht in Gefahr zu bringen; auch wußte er wohl selbst noch nicht, wohin er sich wenden sollte. Er eilt zunächst einer tief im Walde, weit von der Straße entfernt liegenden Mühle zu; der Müller läßt ihn noch in derselben Nacht über die pommersche Grenze fahren, und so war er wenigstens augenblicklich vor den Polen in Sicherheit. Das zu seiner Aufhebung abgesandte Commando fand, als es am Morgen in der Stadt anlangte, eine tiefgebeugte Pfarrersfrau und ein [58] Kind; in ihrer Erwartung getäuscht, zogen die Feinde bald ab, ohne große Unbill zu verüben.

Der Flüchtling erinnerte sich in seiner Verlassenheit eines Freundes in Colberg, zu diesem nahm er seinen Weg, meist zu Fuß wandernd, nur mit wenig Wäsche und mit noch weniger Geld versehen. Glücklich langte er nach mehreren Tagen vor der bereits von den Franzosen eingeschlossenen Festung an, in die er auch, da zu jener Zeit die Belagerung noch keine allzustrenge war, unter dem Anschein eines Spaziergängers aus der Stadt, ohne weitere Schwierigkeiten eingelassen wurde und bei seinem Freunde, dem Rector Schäfer, gastfreundliche Aufnahme fand. Sonst möchte es auch schwer gehalten haben, in der mit Truppen und vielen Flüchtlingen aus der Nähe und Ferne angefüllten Stadt ein Unterkommen zu finden.

Hier beginnt nun eine höchst bewegte und interessante Zeit für unsern Steinbrück; fast die ganze Sturm- und Drangperiode der denkwürdigen Belagerung Colbergs hat er mit durchgemacht; denn es war Anfangs Januar, als er dort eintraf, und erst einige Tage, nachdem der in Tilsit abgeschlossene Waffenstillstand bekannt gemacht war, am 6. Juli verließ er Colberg wieder. Es liegt mir ein vom 14. März bis zum 6. Juli fortgehendes genaues und ausführliches, von ihm selbst geschriebenes Tagebuch vor, das über diesen höchst merkwürdigen Zeitabschnitt viel Beachtenswertes mittheilt und dessen Veröffentlichung ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zu der Geschichte der letzten Belagerung Colbergs liefern würde. Ich muß mich hier freilich darauf beschränken, kurz die ferneren Schicksale unseres Helden nach Anleitung dieses Tagebuches zu erzählen.

Bald nach seiner Ankunft in Colberg meldete sich Steinbrück bei dem damaligen Commandanten der Festung, dem Obersten v. Loucadon, und bat denselben im Namen der in Westpreußen dem Könige treu gebliebenen Städte, ein Commando dorthin zu schicken, um diese vor den polnischen Insurgenten zu schützen; auch hoffte er mit diesen Truppen zu den Seinen zurückkehren zu können. Das Erstere mußte der Commandant ablehnen, da es ihm an Truppen fehlte, ihn selbst aber versprach er zu schützen und ihn weder an die Polen, noch an die Franzosen auszuliefern. So mußte denn freilich Steinbrück seinen Plan aufgeben, vor Aufhebung der Belagerung in die Heimath zurückzukehren, und von dem Augenblick an, wo er darüber Gewißheit erhielt, stand auch sein Entschluß fest, den Colbergern in ihrer Noth treu zur Seite zu stehen. Bald schloß er sich an den wackeren Nettelbeck an und nahm Theil an dem Dienst der Bürgerwehr, später wurde er von dem nachherigen Commandanten Gneisenau bisweilen auf dem Militärbureau mit Schreibereien beschäftigt. Uebrigens fand er in mehreren Familien der Stadt, in denen er noch von seiner Schulzeit her bekannt war, freundliche Aufnahme und liebevolle Theilnahme, an Allem aber, was die Stadt betraf, und an jedem Vorfall in dieser kriegerischen, unruhigen Zeit nahm er den lebhaftesten Antheil. Den größten Eindruck scheint, nach seinen ausführlichen Aufzeichnungen zu urtheilen, Schill’s Persönlichkeit und sein Auftreten auf ihn gemacht zu haben, auch läßt er den militärischen Talenten und den vortrefflichen Eigenschaften des zu jener Zeit noch wenig bekannten Majors v. Gneisenau[1] volle Anerkennung zu Theil werden, der den alternden Commandanten, Obersten von Loucadon, seit dem 29. April ersetzte.

Trotz der großen Sorge um das Schicksal der Seinen und trotz der steten Angst, in welcher alle Bewohner Colbergs bei dem von Tage zu Tage heftiger werdenden Bombardement schwebten, fehlte es doch dem Bedrängten nicht an erhebenden, freudigen Stunden. Eine solche wurde ihm bald nach seiner Ankunft zu Theil, als er eines Morgens zu dem Commandanten beschieden ward, der ihm in Gegenwart der Officiere folgende so eben von Memel per Estafette eingegangene Cabinetsordre vorlas, die wir uns nicht versagen können, ihrem Wortlaut und ihrer Orthographie nach hier genau wiederzugeben:

„Seine(r) Königlichen Majestät“, so lautet das uns im Original vorliegende Schreiben, „haben aus einer Anzeige des General-Lieutenant von Monstein zu Danzig mit ganz besonderer Zufriedenheit ersehen, wie pflichtmäßig sich der Prediger Steinbrück zu Preusch-Friedland gegen das Ansinnen des dasigen Land- und Stadtrichter V …, die feindliche Authorität von der Canzel zu proklamiren benommen hat, und daß derselbe außerdem mit eigner persönlicher Gefahr alles was in seinen Kräften gestanden angewendet hat, die Unterthanen in der Pflicht gegen ihren Landesherrn zu befestigen, damit der feindlichen Gewalt nicht weiter als so weit und so lange sie das Gegentheil erzwingen konnte nachgegeben werde. Ohnerachtet nun dem Prediger Steinbrück das Bewußtseyn, seine Pflichten gegen seinen Landesherrn und Vaterland erfüllet zu haben, künftig vorzüglich zur großen Beruhigung gereichen, und die Erinnerung hieran ihm glückliche Tage bewürken müssen, so verdient indeß doch diese von ihm erwiesene so standhafte Treue gegen seinen Landesherrn eine ausdrückliche Anerkennung und Belohnung. Seiner Königlichen Majestät haben dahero nicht allein befohlen, daß auf die Beförderung und Verbesserung der Dienstlage des Prediger Steinbrück bey der ersten Gelegenheit Bedacht genommen werde, sondern wollen demselben auch hierdurch ausdrücklich Allerhöchstdero besondere Zufriedenheit über sein Wohlverhalten zu erkennen geben, und ihn der ferneren Königlichen Gnade versichern.

Memel den 27. Januar 1807.

(L. S.)
(gez.) Friedrich Wilhelm.“ 

Die auf sehr bescheidenem Papier geschriebene Cabinetsordre trägt die eigenhändige Unterschrift des Königs und ist mit dessen Privatsiegel untersiegelt. Dieselbe mußte übrigens nach einer ebenfalls bei den Papieren noch befindlichen „Allerhöchsten Verordnung“ d. d. 19. Februar 1807, die an sämmtliche Superintendenten in Pommern gerichtet ist, von allen Kanzeln im Lande verlesen werden. Für die dringendsten Bedürfnisse sorgte außerdem der König, indem nach einem zweiten Cabinetsschreiben, datirt Bartenstein, den 25. Apri 1807, dem Prediger Steinbrück ein kleines Wartegeld von dem Gouvernement in Colberg ausgezahlt werden mußte.

Aus Steinbrück’s denkwürdigen Colberger Erlebnissen theile ich nur das Folgende, die Schilderung der letzten Tage der Belagerung, nach dem von ihm hinterlassenen Tagebuche mit. „Bisher,“ so beginnt er den Bericht über jene Tage, „war mein und aller Colberger Loos erträglich, aber das Schlimmste bestanden wir erst während des schrecklichen Bombardements, welches um 2 Uhr Morgens am 1. Juli anfing und erst nach 38 Stunden, am 2., Nachmittags 4 Uhr endete; nur zu vier verschiedenen Malen wurde eine Pause von einer Viertelstunde gemacht, um die Geschütze abkühlen zu lassen. Man schätzte die während der 38 Stunden abgefeuerten Paßkugeln, Bomben und Granaten auf 6000 bis 8000, von denen die bei weitem größere Mehrzahl in die Stadt fiel. Da die Domstraße, in welcher ich wohnte, unmittelbar mit dem Wall und der Schanze auf demselben in Verbindung stand, so war die Erschütterung so heftig, daß ein Glas und eine Pfeife, welche auf dem Fensterbret standen, gleich bei den ersten Schüssen herunterfielen, und daß Alles auf dem Tische sich bewegte. Mein Wirth, Schäfer, der bald nach dem Beginn des Bombardements, Morgens um 4 Uhr ausgegangen war, kam nach kurzer Zeit mit der Nachricht zurück, daß der Hafen vom Feinde genommen und kaum ein Boot gerettet sei, um die Communication mit der See zu unterhalten. Ich lief auf den Wall und die dort befindliche Schanze, die „Katze“ genannt, wo Gneisenau fast fortwährend sich aufhielt. Von hier aus sah ich das nächste Dorf zwischen dem Wall und dem Strande, Stubbenhagen, mit Sturm nehmen und die Italiener bis an das Glacis vordringen. Die Kugeln der Jäger und Schützen erreichten die Wälle, und ein Mann neben mir wurde durch den Kopf geschossen. Ich kehrte in meine Wohnung zurück und setzte mich auf das an der Wand stehende Bett; eine Bombe schlug zwischen meiner und des Nachbars Wohnung nieder. Durch die Erschütterung wurde ich von dem Bette bis an die Stubenthür geworfen, aber zu meinem Glücke; denn durch das Platzen der Bombe stürzte auch die Stubendecke ein und verschüttete das Bett, so daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach getödtet worden wäre, wenn ich nicht den Augenblick vorher von jener Stelle geschleudert worden. Ich mußte nun daran denken, die Wohnung zu verlassen; aber wo konnte ich jetzt noch Schutz vor dem Verderben finden? Alle meine Freunde waren bald nach dem Beginn des Bombardements in die bombenfest eingerichteten Casematten geeilt; dazu war es jetzt bei dem ununterbrochen anhaltenden Kugelregen zu spät; ich flüchtete deshalb auf den ganz in der Nähe gelegenen hohen Thurm der Marienkirche, wo eine Warte eingerichtet war, der ein gewisser Roland vorstand, welcher durch Signale mit den schwedischen und englischen Schiffen correspondirte und alle Abende einen Rapport [59] auf der Hauptwache abzuliefern hatte. Dieser, der einst mein Schulcamerad in der Tertia des Colberger Lyceums gewesen war, nahm mich freundlich auf. — Die Garnison, nur noch 4000 Mann stark, vertheidigte Wall und Mauer gegen 15,000 Feinde, indem die Bürger die Wachen bezogen. Tausend Verwundete und Kranke lagen in der Kirche, die eine der größten in Deutschland ist. Bald brach auch Feuer an zwei Orten in der Stadt aus.

Sein Mittagsmahl theilte Roland mit mir und noch einem Freunde, der sich zu uns geflüchtet hatte; da aber nur ein Löffel da war, so wurde ausgemacht, daß Jeder vier Bissen nahm und dann den Löffel weiter gab. — Während der Nacht schlief ich, so viel man bei dem ununterbrochenen Kanonendonner schlafen konnte, in dem höchsten Gemache auf dem Thurme, die Unterlage war Steingruß; die ganze Nacht dauerte das Bombardement und der Sturm gegen Wall und Mauern fort, da die Außenwerke bis auf zwei bereits genommen waren. Am Juli gegen Mittag gerieth auch die schöne Hauptwache und der Thurm auf dem Markte in Brand. Es machte einen höchst betrübenden Eindruck, als der Bürgerofficier mit den Schützen aus der brennenden Hauptwache mit Musik abzog in das Schützenhaus oder in die Casematte. Die Stadt brannte nun in der Mitte und an vier andern Orten. Als ich Nachmittags mich noch einmal hinunter wagte, um womöglich uns durch Ankauf eines Commißbrodes zu verproviantiren, sah ich nur hier und da einen Menschen scheu und eilig an den Häusern hinschleichen; denn ohne die größte Noth wagte sich Niemand mehr aus dem Hause oder — besser gesagt — aus den Kellern, worin die meisten Einwohner Schutz gesucht hatten. Ich hörte aber doch erzählen, daß der Commandant Gneisenau den Bürger Nettelbeck gefragt habe, wie lange wir uns noch halten könnten, und daß der unerschrockene Nettelbeck geantwortet habe: wenigstens noch vierzehn Tage! Das machte auch uns wieder Muth, Niemand aber hatte eine Ahnung davon, daß unsere Erlösungsstunde so bald schlagen würde.

Es war gerade um 4 Uhr Nachmittags und die Noth war bereits auf’s Höchste gestiegen, als ein Courier die Nachricht von dem in Tilsit geschlossenen Waffenstillstande brachte, welcher bekanntlich dem Frieden vorausging. Da dieser Courier von Cöslin kam, so hatte er auf seinem Wege zur Stadt schon die nächste Batterie des Feindes benachrichtigt; diese signalisirte der nächsten, so verbreitete sich die Kunde schnell im Lager des Feindes, und während einer Viertelstunde hörten eine nach der andern alle Batterien zu feuern auf. Ich wunderte mich über diese plötzliche Unterbrechung und sah aus den Luken des Thurmes, daß unten auf der Straße auf einmal überall sich Gruppen von Menschen bildeten, die sich umarmten. Schnell stieg ich hinunter, da vernahm ich denn die frohe Botschaft von dem geschlossenen Waffenstillstande und sah Thränen des Dankes und der Freude über die nicht mehr gehoffte Rettung in manchem Auge glänzen."

Da die Franzosen noch Herren im Lande waren, so mußte Steinbrück, um die Festung schon vor dem definitiven Friedensschlusse verlassen zu können, sich von dem commandircnden General der Belagerungsarmee, dem Divisionsgeneral Loison einen Paß erbitten, um vor den Verfolgungen der Polen in seiner Heimath sicher zu sein, zumal er über das weitere Schicksal Friedlands und wem die Stadt jetzt angehöre, während seines halbjährigen Aufenthalts in Colberg nichts erfahren hatte.

Der Commandant v. Gneisenau gewährte Steinbrück bereitwillig die Erlaubniß, sich in’s französische Hauptquartier zu Loison zu begeben, da aber vorläufig nur ein Waffenstillstand geschlossen war, so hielten die Franzosen die freie Passage in ihr Lager für bedenklich. Steinbrück wurde deshalb am Thore von einem französischen Unterofficier und zwölf Mann in Empfang genommen und, nachdem ihm die Augen verbunden waren, zu dem Gemral geführt. Loison empfing ihn artig und freundlich, versicherte, schon von dem muthigen Patrioten gehört zu haben, und daß es ihm erfreulich sei, ihn kennen zu lernen. Auch gewährte er gern die Erlaubniß, daß Steinbrück zu seinen Eltern zurückkehren könne, denn dorthin wollte der Bedrängte sich zuerst wenden, um von da aus erst nähere Erkundigungen einzuziehen, bevor er nach Friedland selbst zurückging.

Am 5. Juli verließ nun Steinbrück das schwerbedrängte, aber ungebeugte Colberg, und während des kurzen Aufenthaltes bei seinen Eltern erhielt er bald günstige Nachrichten über die inzwischen stattgehabten Veränderungen in Westpreußen. Die Grenzen des von Napoleon neu errichteten Herzogthums Warschau, zu dem ein großer Theil von Westpreußen gelegt war, erstreckten sich zwei Meilen östlich von Friedland, so daß dieses selbst mit seinen nächsten Umgebungen beim preußischen Staate verblieben war. Diese Kreise waren zwar ebenfalls von französischen Truppen besetzt, doch hatte der in sein Amt zurückgekehrte Pastor von diesen nichts zu befürchten, auch hielten sie außerdem gute Ordnung.

Nur ein Ereigniß aus der Zeit bis zum Abzuge der Franzosen verdient Erwähnung, weil es nicht minder als das bereits erzählte ein Zeugniß von der Liebe Steinbrück's zu seinem Vaterlande und von seinem unbeugsamen Muthe ablegt. „Zu einer Geburtstagsfeier Napoleon’s," so erzählt er selber in seinen Denkwürdigkeiten, „die der französische Oberst Habest, natürlich auf Kosten der Stadt, veranstaltete, wurde auch ich eingeladen. Diecse Einladung anzunehmen, hielt ich gegen meine Grundsätze und wich derselben aus, indem ich an dem Tage nach einem nahegelegenen Dorfe ging. Am nächsten Tage begegnete mir der Oberst, fragte, ob ich nicht eingeladen, und als ich dies bejahete, warum ich nicht gekommen sei. Ich antwortete, ich hätte doppelte Trauer: einmal trauerte ich um den Tod eines nahen Verwandten, und dann könnte ich nicht froh werden, so lange er und seine Truppen mein armes Vaterland besetzt hielten. Um sich zu rächen, schickte der Oberst mir am Nachmittag desselben Tages sechs Mann als Einquartierung, von der ich bis dahin verschont geblieben war. Ich redete die Leute, welche Franzosen waren, freundlich an, bat, daß sie mit mir fürlieb nehmen möchten, und brachte ihnen selbst eine Schüssel Obst, das sie sehr liebten. Dadurch gewann ich sie so, daß sie mir unzweideutige Beweise ihrer Achtung gaben und schon nach einigen Tagen freiwillig abzogen."

Während der folgenden Jahre der Erhebung des Vaterlandes gegen die Fremdherrschaft blieb unser Pastor nicht müßig; er that Alles, um auch in seinen Kreisen die Begeisterung für den großen Kampf zu erwecken und rege zu halten; auch sammelte er fleißig Geld und Lazarethbedürfnisse für die Verwundeten, worüber mir aus seinen nachgelassenen Papieren Quittungen vom Königl. Lazareth-Magazin in Berlin und von der Regierung zu Marienwerder vorliegen.

Aber auch der König hielt sein dem wackern Manne gegebenes Versprechen, denn als im Jahre 1817 die königliche Pfarrstelle in der Gemeinde Stolzenhagen bei Stettin vacant wurde und Steinbrück sich um dieselbe bewarb, wurde ihm die Stelle sofort und zwar auf Grund einer Cabinetsordre verliehen, obwohl bereits von dem Consistorinm über die Besetzung anderweitig verfügt war. In diesem Amte blieb er nun bis zu seiner auf sein Ansuchen im Jahre 1853 erfolgten Emeritirung, und wenige Jahre nachher, am Mai 1858 entschlief er in den Armen seines ältesten Sohnes und Amtsnachfolgers. Bis in sein hohes Alter hatte er sich einen regen Sinn für Alles, was Gutes und Erfreuliches die Welt bewegte und die Entwickelung der Menschheit förderte, zu bewahren gewußt; einfach und schmucklos, aber zu allen Zeiten wahr, treu und bieder, so lebte und wirkte er, und so wirkt auch sein Andenken im Segen in seiner Gemeinde und bei allen denen fort, die ihm im Leben nahe gestanden haben. – Wahrlich, er war es werth, den Besten seines Volkes beigezählt zu werden!

H., am 1. Weihnachtstage 1863.
Dr. Z. 
  1. Gneisenau kam als Major nach Colberg, wurde aber noch während der Belagerung zum Oberstlieutenant ernannt.

WS-Anmerkungen

  1. laut http://www.blog.pommerscher-greif.de/wp-content/uploads/2013/09/stammbaum.pdf direkter Vorfahr von Peer Steinbrück, SPD-Politiker