Ein Missionär unter den Wilden in London

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Missionär unter den Wilden in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 602–603
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[602]
Ein Missionär unter den Wilden in London.

Als vor mehreren Jahren Oschibbeway-Indianer in London waren, versuchte man sie zum Christenthum zu bekehren, der Häuptling aber antwortete: „Als wir in dieses Land kamen, glaubten wir alle weißen Männer wären gut und mäßig, aber wir erkannten bald, daß wir uns irrten; wir meinten, der Glaube der Weißen mache alle zu redlichen Menschen, aber wir glauben es nicht mehr. Wir hören, daß Ihr Schwarzröcke zu den Indianern senden wollet, aber wir haben unter uns keine hungernden und frierenden Kinder, keine Trunkenbolde, Keine, die den großen Geist lästern. Wir meinen also, es wäre besser, wenn Euere Prediger [603] unter Euch blieben und in Euern Straßen thäten, was sie bei uns thun wollen.“

Der Indianer hatte wohl Recht und es fand sich auch ein menschenfreundlicher Mann, David Nasmyth, der zuerst vier Missionäre für London besoldete. Gleichgesinnte schlossen sich ihm an und so entstand eine Gesellschaft, welche jetzt zweihundert und fünf und vierzig Missionäre unter den „Heiden“ der Weltstadt beschäftiget und jährlich etwa 160,000 Thaler zu diesem Zwecke verausgabt.

Einer dieser Missionäre, der sich sechs Jahre lang seinem schweren Berufe gewidmet, Vanderkiste, hat eben ein Buch herausgegeben, in dem er erzählt, was er gesehen und erfahren, so weit er sich nicht scheute es vor die Öffentlichkeit zu bringen. Das Buch enthält vielleicht das Gräßlichste, was über den Menschen in Elend und Sünde geschrieben worden ist und man kann es nicht lesen ohne daß Einem eiskalter Schauer über den Rücken läuft.

Der Bezirk Vanderkiste’s, Clerkenwell ist einer der schmuzigsten in ganz London und von den 54,000 Einwohnern, d. h. Bettlern, Dieben, jüdischen Hehlern etc. befinden sich mindestens zwei Dritttheile in einem Zustande der Armuth, von dem wir keine Vorstellung haben. Es ist die Heimath des Schmuzes, der Unwissenheit und des Lasters und seine Gäßchen kennt nur der verkleidete Polizeimann und der aufopfernde Missionär, der, in abgeschabtem Rocke, um Mitternacht vielleicht, vor dem faulenden Stroh kniet, auf dem ein Verbrecher verscheidet. „Fast stets,“ sagt Vanderkiste, „wenn ich in einem Hause in der Nacht erschien, bedeckte sich mein Rock und mein Hut mit Regimentern von Wanzen und der Gestank war oft so arg, daß ich umkehren mußte.“ Alle, Diebe und ehrliche Bettler, gehen fast nackt, liegen auf Stroh und – verhungern endlich. „Eines Tages besuchte ich eine Familie und sah, daß der Hausvater, der lange nichts verdient hatte, an etwas Schwarzem kauete. Ich fragte ihn was es sei und nach langem Zögern gestand er, es sei ein Knochen, den er in einem Kehrichthaufen gefunden und der vorher im Feuer gelegen habe. Die ganze Familie hatte seit drei Tagen keinen Bissen gegessen. Wie es solchen Leuten zu Muthe ist, erklärte ein Zigeuner: am ersten Tage ist der Hunger nicht schwer zu ertragen, wenn man etwas Tabak zu kauen hat; am zweiten Tage wird es fürchterlich, die Zähne knirschen schauerlich; am dritten Tage ist es nicht sehr schmerzhaft mehr, man fühlt sich matt und erwartet jeden Augenblick ohnmächtig zu werden.“ Aber denkt man auch immer darüber nach, welcher außerordentliche moralische Muth bisweilen dazu gehört dem Laster und dem Verbrechen zu widerstehen? Vanderkiste lernte ein achtzehnjähriges Mädchen kennen, das verführt worden war und ein Kind hatte. Nur durch die angestrengteste Arbeit wurde es ihr möglich sich und das Kind zu erhalten, das sehr unruhig war und fast ihre ganze Zeit in Anspruch nahm. Sie mußte deshalb in der Nacht arbeiten, in der Kälte, bei leerem Magen, Hemden nähen und Schuhe einfassen. „Wenn ich das kleine Wesen ansah,“ erzählt sie, „und bedachte, in welcher Noth ich seinetwegen war, wandelte mich eine grauenhafte Lust an es zu tödten und ich konnte der Versuchung kaum widerstehen. Da träumte ich einst, ich habe das Kind umgebracht und es liege todt in dem kleinen Sarge. Ich empfand eine unbeschreibliche Angst und mir war als höre ich eine Stimme, die sagte: Du sollst nicht tödten! Als ich erwachte und sah, daß das Kind lebte, ach wie inbrünstig dankte ich Gott!“

Noch schwerer fast mag es sein, der Entmuthigung zu widerstehen und mitten in der tiefsten Armuth die Liebe zur Reinlichkeit zu bewahren. Die Geschichte eines armen Mannes, der nur ein Hemd hatte und dies immer rein erhielt, verdient deshalb Erwähnung. „Ich gehe in einen Winkel und ziehe mein Hemd aus; kann laufe ich in einer Straße an eine Stelle, wo warmes Wasser von einer Dampfmaschine herausläuft. Hier wasche ich mein Hemd und gehe damit eine halbe Stunde weit zu den Kalköfen, wo ich es trockene. Dann ziehe ich es wieder an und fühle mich wie neugestärkt.“

Sollen wir den Lesern eine Familie schildern, die unser Missionär kannte? „Die beiden C. waren seit langer Zeit Diebe, die Mutter immer betrunken und der Vater ausschweifend. Die Mutter starb plötzlich an der Cholera; der Vater stand im 60. Jahre. Eine Verwandte, ein Mädchen von 19 Jahren, pflegte die Frau in der Krankheit und am Tage nach deren Tode stellte sie sich als „die neue Frau“ vor. So schlecht die Söhne waren, protestirten sie doch gegen diese Mißachtung ihrer Mutter und wurden deshalb von dem Vater aus dem Hause gejagt. Dieser zog mit seiner „neuen Frau“ aus, die nach etwa acht Tagen die Stube ausräumte und mit einem andern Manne durchging. Als der Alte nach Hause kam, erkannte er, „daß der Weg der Sünder ein gar beschwerlicher sei.“ Er ging in das Haus, in dem seine erste Frau gestorben war und erhing sich da in einem Schuppen, der so niedrig war, daß der alte Mann die Beine hatte hinaufziehen müssen, um seinen Vorsatz auszuführen.“

Vor einigen Jahren hielten tausend Weiber, deren Anzug aus weniger als Lumpen bestand, eine Versammlung. Fünf von ihnen hatten in der letzten Woche 6 Schilling (2 Thaler) verdient, das Höchste, 96 hatten es bis zu 1 Schilling gebracht, 100 auf 1/2 Schilling u. s. w.; 233 hatten gar nichts verdienen können.

Die Missionäre haben die Aufgabe, unter diesen Leuten Christenthum zu predigen. Kommen sie zu Katholiken – Irländern namentlich – so überzeugen sie sich, daß diese, so liederlich und verbrecherisch sie auch sein mögen, fast nie versäumen das Zeichen des Kreuzes zu machen, bisweilen zu beten oder eine Kapelle zu besuchen, während die Protestanten, sobald sie unehrlich geworden sind, auch jedes äußere Zeichen ihres Glaubens vergessen und vollständig zu Heiden werden. Oft bekommen die Missionäre von betrunkenen Irländern Schläge oder werden die Treppen hinunterworfen. Einer starb an den Folgen. – Sie scheinen indeß einen großen Theil der Schuld selbst zu tragen, weil sie sich stets bemühen, aus diesen sogenannten Katholiken – Protestanten zu machen!

Die Unwissenheit in Glaubenssachen unter diesen „Wilden“ ist grenzenlos und Vanderkiste erzählt viele Beispiele. Sehr viele, die Meisten haben in ihrem Leben von Jesus nichts gehört. Eine Frau glaubte, die Taufe sei eingeführt, weil die Kinder besser gediehen, wenn sie getauft wären. Einer wußte sich viel mit seinen Kenntnissen und nannte Jesus „den Vater des lieben Gottes.“ „Bekennen Sie, daß Sie ein Sünder sind?“ fragte Vanderkiste einen alten Dieb, mit dem er lange gesprochen hatte. „Sünder sind wir doch alle,“ antwortete der Mann. „Was ist ein Sünder?“– „Ja sehen Sie, ich bin dumm immer gewesen; ich kann’s Ihnen nicht sagen.“

Einige, denen der Missionär aus der Bibel vorlas, nahmen alles was sie hörten buchstäblich und wagten nichts zu deuten, weil es in der Bibel stand; noch zahlreicher aber waren die Freigeister, die bei allem, was ihnen die Missionäre vorsprachen, pfiffig blinzelten und zu verstehen gaben, auch wohl es gerade heraus sagten: sie ließen sich nichts weis machen; sie kennten die List der Geistlichen schon; ihnen dürfe man so nicht kommen.

Das Entsetzlichste unter diesen unwissenden, armen, verbrecherischen Menschen ist die Trunksucht. Die Unwissenheit läßt sich bannen und sie kehrt dann nicht wieder, aber die Trunksucht scheint unausrottbar zu sein. Vanderkiste gesteht, daß ihm da keine Bekehrung ganz gelungen sei und erzählt Beispiele von schrecklichen Rückfällen. Ein Ehepaar, das viele Jahre dem Trunke ergeben gewesen war, ließ sich bekehren und sehr bald trat in Folge davon eine Besserung in der Lage der Leute ein. Es vergingen einige Jahre und man hielt sie für gänzlich bekehrt. Da wandelte sie eines Tages die Versuchung an, die stärker war als ihr Muth. Sie fingen wieder an zu trinken, erst mäßig, aber bald ganz wie sonst. Sie verkauften und versetzten, was sie hatten und die Armuth kehrte zurück. Sie waren nun aber schlimmer daran als früher, denn sie hatten auch die Reue zu tragen und sie machten einander Vorwürfe über ihre neue Noth. Ein Mann, der unter ihnen wohnte, hörte eines Morgens großen Lärm oben; er ging hinauf und sah, daß die Frau aus Verzweiflung sich gehenkt hatte.

Auch eine Frau, eine Riesin, eine Amazone in Lumpen, die den ganzen Tag betrunken war, dann mit dem Besen in der Hand in ihrem Gäßchen umherging und mit Jedem und Jeder Prügelei anfing, ließ sich durch Vanderkiste bekehren. Sie wurde sogar Predigerin der Mäßigkeit. Nach einigen Jahren traf sie der Missionär wieder, blutig geschlagen, besinnungslos betrunken, in der Gosse liegend.

Vanderkiste gesteht offen, daß alle seine und seiner Eollegen Bestrebungen bisher – nutzlos gewesen sind und zwischen den Zeilen seines Buches liest man, daß sie vielleicht mehr gewirkt haben würden, wenn sie – Zwang hätten ausüben können.