Ein Liebling Schiller’s

Textdaten
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Autor: Jakob Anton Leyser
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Titel: Ein Liebling Schiller’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 832
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Liebling Schiller’s.
Von J. Leyser.


Unter den Frauengestalten, deren Namen durch Schiller’s Jugend sich schlingen, mag neben Margarethe Schwan[1] die reizende geniale Schauspielerin Karoline Ziegler unvergessen sein – sie, die vertraute Freundin Margarethens, die bei der ersten Aufführung von „Fiesco“ und „Kabale und Liebe“ zu Mannheim als „Leonore“ und als „Louise“ einst mächtig alle Zuhörer ergriffen hat.

Ihre Jugend ist in jene Zeit gefallen, als der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor, damals noch nicht umwuchert von den späteren bigotten Einflüssen, im Jahre 1779 die deutsche Nationalschaubühne zu Mannheim errichtete. Nicht blos die großartige Freigebigkeit, mit welcher der Kurfürst der jungen Schöpfung jene reichen Mittel zuwandte, die bisher im Dienste des französischen Schauspiels und der italienischen Oper gestanden, es war mehr noch das glückliche Zusammentreffen gefeierter Dichter und Schauspieler, was damals die Mannheimer Bühne zu einer classischen Pflanzschule deutscher Schauspielkunst erhob. Unter denen, welche im Herbst des genannten Jahres nach der Auflösung des Gothaer Hoftheaters an den Rhein herüberwanderten, befand sich neben dem feinen Komiker Beil und dem im tragischen Fache ausgezeichneten Böck besonders Iffland, gegenüber dem lärmenden, manierirten Pathos der französischen Schule für Natur kämpfend und für Wahrheit, den Zeitgenossen als dramatischer Schriftsteller wie als Schauspieler gleich beliebt, das thätigste Mitglied in dem durch den Intendanten v. Dalberg begründeten „Theaterausschuß“. Da erschien Schiller’s Genius zu Mannheim. Zum ersten Male gingen „Fiesco“ (Januar 1784) und „Kabale und Liebe“ (März desselben Jahres) über die Bretter. Iffland’s Memoiren lassen uns in den Wellenschlag der Begeisterung hineinblicken, welche damals zu Mannheim und in der Kurpfalz die Gemüther über den Jammer der politischen Verhältnisse emportrug.

Unter solchen Eindrücken ist Karoline Ziegler aufgewachsen (geboren zu Mannheim am 31. Januar 1766). Sorgfältig gebildet, doch einem schlichten bürgerlichen Kreise angehörend, schien es zweifelhaft, daß sie einst die nicht immer dornenlose Bahn der Künstlerin betreten werde. Mit fünfzehn Jahren an den Darstellungen eines Liebhabertheaters in engerem Cirkel theilnehmend, bezauberte ihr Liebreiz und ihr künstlerischer Genius unwiderstehlich alle Herzen. Dalberg sah die talentvolle Dilettantin als „Emilia Galotti“ in Lessing’s berühmter Tragödie – und es gelang ihm, das aufsteigende Meteor für die Mannheimer Bühne zu gewinnen. Widerstrebend nur willigten Karolinens Eltern ein, welche die Tochter lieber in der still umfriedeten Thätigkeit einer glücklichen Hausfrau erblickt hätten. Auch das öffentliche Auftreten Karolinens war ein Siegeszug, alle Herzen flogen ihr zu, Niemand zweifelte, daß sie bald, ein Stern erster Größe, unter Deutschlands Schauspielerinnen erglänzen werde. „Nie habe ich diese Accente wiedergehört“ – schrieb damals Iffland – „noch die Melodie der Liebe, wie sie in Fiesco’s Gattin von diesen Lippen tönte.“ Auch mit Schiller stand sie in lebendigem Verkehr. „Die Frauenzimmer“ – schreibt dieser um die nämliche Zeit an Frau v. Wolzogen – „bedeuten hier sehr wenig und die Schwanin ist beinahe die einzige, eine Schauspielerin ausgenommen, die eine vortreffliche Person ist. Diese machen mir zuweilen eine angenehme Stunde.“

Im Jahre 1784 vermählte sich Karoline Ziegler mit dem Schauspieler Beck, und wie sie bisher als eine strebsame geistvolle Künstlernatur sich gezeigt hatte, so errang sie auch als liebevolle Gattin, als sorgende Hausfrau die allgemeinste Anerkennung.

„Der Morgen gehört der Kunst“ – erzählt von ihr Sophie von La Roche, die wunderbare Frau, mit der Goethe keine andere zu vergleichen wußte – „der Nachmittag den Sorgen für ihre kleine wohleingerichtete Haushaltung, der Abend dem Circel ihrer vortrefflichen Familie und einigen Freunden. Man fand sie einmal beschäftigt, die Rolle von Bianca im ‚Julius von Tarent‘ zu lernen – und das Weißzeug ihres Mannes zu verbessern.“

Nur sieben Monate dauerte diese glückliche Ehe. Karoline Ziegler starb am 2. Juli 1784, erst achtzehn Jahre alt. Wahrscheinlich hat ein unglücklicher Fall bei der Aufführung der „Emilia Galotti“, wo aus Odoardo’s Armen ihr Kopf schmetternd auf den Boden fiel, eine Hirnentzündung veranlaßt, welche mit einem Nervenschlag endete. Sie schied mit der untergehenden Sonne.

„Ertrug die Hülle das innere Streben nach so mancher Vollkommenheit nicht?“ – frug damals tief bewegt die La Roche – „ward sie so früh vollendet, weil die Welt viel Rauhes für ein so reines Geschöpf haben mußte ...?“

Und Gotter, Goethe’s Genosse an der Tafelrunde des Ritterordens, schrieb an den trauernden Gatten: Karoline Beck sei der [837] als wage er es nicht einmal, den todten Wänden das Geheimniß anzuvertrauen:

„Ich war an jenem Morgen im Arbeitszimmer meines Vaters; ich betrat es sonst nur selten, diesmal trieb mich ein kindischer Ungehorsam. Der Vater hatte mir am Tage zuvor ein Buch aus seiner Bibliothek, als ungeeignet für mich, fortgenommen; aber meine Knabenphantasie war von der abenteuerlichen Geschichte allzusehr erregt, als daß ich so leicht auf den Schluß verzichtet hätte. Das Buch lag im Arbeitszimmer, ich wußte es und benutzte die erste Gelegenheit, mich wieder in Besitz desselben zu setzen. Kaum war dies geschehen, als Stimmen auf dem Corridor ertönten; im Bewußtsein meines Unrechtes flüchtete ich mit meinem Buche in die tiefe Nische des Eckfensters, auf wenige Minuten, wie ich meinte, denn der Vater pflegte um diese Zeit stets auszufahren. Diesmal aber trat er mit dem Rentmeister Brand ein. Die der Sonne wegen herabgelassenen Vorhänge verbargen mich völlig, und so ward ich Zeuge einer Unterredung, die ich damals freilich nur zum kleinsten Theile verstand, die sich aber ihres entsetzlichen Ausganges wegen mir mit furchtbarer Deutlichkeit einprägte. Was ich anfangs vernahm, war nicht von Bedeutung; das Gespräch bewegte sich in den geschäftlichen Grenzen. Mein Vater mußte bereits früher eine Anforderung an den Rentmeister gestellt haben, die er jetzt wiederholte, die aber auf’s Entschiedenste abgelehnt ward. Brand bezog sich darauf, daß er die fälligen Gelder bereits an den Grafen abgeführt habe und ohne besondere fürstliche Autorisation keine der Summen ausliefern könne, die sich noch in der seiner Verwaltung anvertrauten Casse befanden und für die er auch die Verantwortung trug. Mein Vater muß sich bereits verloren gegeben, muß kein anderes Mittel zur Rettung mehr gewußt haben, denn er wagte das gefährlichste von allen und machte seinen Untergebenen zum Vertrauten. Er gestand ihm, daß er die bereits empfangenen Gelder zur Bezahlung persönlicher Schulden verwandt habe, daß aber die Ausgaben des fürstlichen Hauses jetzt Deckung verlangten, und das sofort, sollte nicht Alles verrathen werden. Er versuchte den Rentmeister zu bewegen, daß er das Nöthige aus dem augenblicklichen Bestande der Casse hergebe, in wenig Wochen solle Alles ausgeglichen werden. Der Graf verhieß Alles auf sich zu nehmen, er bat, er beschwor, er drohte zuletzt, aber Versprechungen wie Einschüchterungen glitten an der unerschütterlichen Pflichttreue des Mannes ab, der bei seinem festen bestimmten ‚Nein‘ blieb. Gertrud, ich sage es Ihnen noch einmal, eines so teuflisch angelegten Planes war mein Vater trotz alledem nicht fähig; die Pistole, welche geladen auf dem Schreibtische lag, war, das ist meine innerste Ueberzeugung, für das eigene Haupt des Schuldigen bestimmt, er hätte, wie so mancher Ruinirte, durch Selbstmord geendigt, wenn der Rentmeister es verstanden hätte, sich zu mäßigen, aber das starre Pflichtgefühl, die rauhe Aufrichtigkeit des Mannes ward diesem zum Verderben. Er erklärte schonungslos, daß er den Mitwisser einer Unterschlagung als den Mitschuldigen betrachte und sich verpflichtet halte, von dem eben Gehörten sofort Anzeige zu machen, um weiteren Schaden zu verhüten, und reizte dadurch den schon Verzweifelten bis zum Wahnsinn. Er wußte, daß, wenn Jener die Schwelle überschritt, seine Ehre rettungslos verloren war – ich sah die Hand meines Vaters nach der Waffe zucken, sah den Schuß aufblitzen – und Brand stürzte entseelt nieder.“