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Ein Gang durch die Katakomben bei St. Stephan in Wien

Textdaten
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Autor: K. W.
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Titel: Ein Gang durch die Katakomben bei St. Stephan in Wien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 450–453
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Gang durch die Katakomben bei St. Stephan in Wien.


Seit Adalbert Stifter’s ergreifender Schilderung der Katakomben zu St. Stephan hat sich die Phantasie mit dieser seltsamen Stätte des alten Wien viel beschäftigt. Sie schuf entsetzenerregende Bilder aus den düsteren und helleren Gängen, welche sich unter unserem alten ehrwürdigen Dome ausbreiten, verknüpft mit Märchen über dort vorgefallene grauenhafte Scenen aus dem Volksleben. Und unsere Romanschriftsteller hatten dabei um so größeren Spielraum, als die Chronisten über den Ursprung und Zweck der Katakomben sehr schweigsam waren. Ich will es hier versuchen, eine wahrheitsgetreue Darstellung dieser unterirdischen Todtenstätte

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Die Gartenlaube (1872) b 451.jpg

In den Katakomben zu St. Stephan in Wien.
Nach einer Skizze von H. Fritzmann.

zu geben. Auch ohne dichterische Färbung und Reflexion wird sie in Gemüthern, welche sich einer gewissen Pietät für Todte nicht entschlagen können, einige Theilnahme erwecken. Denn wie stumpfsinnig wir auch heute für Alles geworden sind, was einer edleren Gefühlsregung entspringt, so giebt es doch selbst für die gemüthlosesten Verstandesmenschen eine Grenze, die sie nicht gern überschreiten: den Weg zur Rohheit und Verwilderung.

Die Entstehung der Katakomben Wiens hängt mit der alten, noch heute in manchen Dörfern bewahrten Sitte zusammen, die Leichen der Verstorbenen in und neben den Kirchen zu beerdigen. Die Vornehmen und Reichen erwarben gemauerte Grabstätten im Innern der Gotteshäuser und schmückten Wände und Fußböden mit reich gemeißelten Steinplatten, um ihren Angehörigen ein dauerndes Andenken zu sichern. Die Armen mußten sich begnügen, [452] um die Kirche herum in die feuchte Erde gelegt zu werden, über deren aufgeworfenen Hügel ein einfaches, hölzernes Kreuz emporragte. Bei dem beschränkten Raum der Friedhöfe reichte man aber nur kurze Zeit mit der Unterbringung der Leichen aus und so geschah, was heute noch in großen Städten in Anwendung kommt: es wurden die Gebeine der Todten nach einer bestimmten Zeit aus den Gräbern herausgenommen. Aber anstatt sie, wie in unseren Tagen, zu verbrennen oder an Spodiumfabriken abzugeben, sammelte man sie in eigenen Beinhäusern, welche entweder unter den Chören der Kirchen oder in besonderen auf den Friedhöfen erbauten Capellen, sogenannten Karnern, untergebracht wurden.

Auch um St. Stephan breitete sich in der ganzen Ausdehnung des heutigen Platzes ein solches Leichenfeld in mehreren Abtheilungen aus. An der Südseite des Domes, und zwar in unmittelbarer Nähe des hohen Thurmes, lag der älteste Karner, der noch zum alten romanischen Bau gehörte. Ein zweites Beinhaus war in der Magdalenencapelle (um 1340 erbaut) an der Südwestseite des Platzes und ein drittes hinter der Kirche unter dem Hofraum des deutschen Hauses. Bei der wachsenden Ausbreitung des Pfarrbezirkes und der großen Sterblichkeit in der Stadt genügten aber zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts diese Karner nicht mehr, und man begann, neben der unterirdischen Todtencapelle im Deutschen Hause Keller zu graben und darin die Gebeine anzusammeln. Je nach dem Bedürfnisse wurden durch stollenmäßige Grabungen neue, rundbogig überwölbte Gänge angelegt, zuerst in nordöstlicher Richtung gegen den Zwettlhof, dann unter dem Chore und dem Langhause des Domes; kein einziger Gang erstreckt sich aber über den Stephansplatz hinaus und die Meinung, daß sich die Katakomben unter einem großen Theile der Stadt verzweigen, ist nach den jüngsten Untersuchungen unbegründet. Die Anlage der Gruftgänge geschah keineswegs nach einem bestimmten Plane. Es ergiebt sich dies aus ihrer ganz unregelmäßigen Anordnung, welche kein stufenmäßiges ununterbrochenes Fortschreiten gestattet. Ebenso wechselt die Höhe und Breite der Gänge und ihr größtentheils roher, schmuckloser Zustand. Die jüngsten Stollen wurden wenige Jahre vor der Auflassung des St. Stephansfriedhofes unter Kaiser Joseph dem Zweiten geöffnet. Zur Unterbringung der Gebeine dienten die Seitenstollen, welche man nach ihrer vollständigen Belegung zugemauert hatte.

Würden die Katakomben in diesem Zustande geblieben sein, wie ich geschildert, so hätten sie schwerlich je der Romantik und der Sage einen reichen Stoff geboten. Aber zu einer Zeit, die sich nicht bestimmen läßt, wurden sie zum Schauplatze einer unmenschlichen Verwüstung und Zerstörung, in welche nur hie und da eine ordnende Hand eingriff und die Spuren des Vandalismus in einer Art milderte, welche den grellsten nüchternsten Gegensatz bildet. Alles weist darauf hin, daß hier im Laufe der Jahre Leichenräuber ihr frevelhaftes Spiel trieben, zum Theil vielleicht auch Neugierde und Muthwille das vollendeten, was Zeit und Verwesung begonnen hatten. –

Eine zufällige Anregung bot mir Gelegenheit, vor wenigen Tagen in Gesellschaft mehrerer Freunde die Katakomben zu besuchen. Wir betraten sie an dem Zugange an der Nordseite des Thores, der nahe der Capistrankanzel liegt, durch eine offene Gitterthür, begleitet von drei Fackelträgern und an der Hand eines Planes, welchen der Conservator für Wien, H. v. Camesina, in den Schriften des Alterthumsvereins soeben veröffentlicht hat. Eine eiserne Fallthür öffnete eine schmale Stiege, über welche wir hinab in einen niedrigen engen Gang gelangten, zu dessen beiden Seiten Grufträume lagen. In einem derselben fanden wir klafterhoch und wie Holz aufgeschichtet Knochen von Armen und Beinen, zwischen denen in eigenartiger symmetrischer Anordnung Köpfe hervorgrinsten. Woher sie zusammengetragen oder aus welchen Gräbern sie genommen wurden, darüber wußten uns die Führer keinen Bescheid zu geben. Nicht weit davon entfernt sah es schon wüster und unheimlicher aus. Da lag in einem Winkel auf kahlem Boden ein Haufen von Knochen und Köpfen, dazwischen abgerissene Fetzen schwarzer Seidengewänder. Einer unserer Begleiter bemühte sich, uns die gute Qualität des Stoffes zu erklären, indem er daraus den Schluß zog, daß es reiche Leute gewesen sein mögen, deren Leichen darin gehüllt waren. Er knitterte das mit einer klebrigen Substanz bedeckte Stück Seide und bot es uns zum Geschenke an, wofür wir uns aber höflich bedankten. In einem anderen Winkel sah es ebenso unheimlich und wüst aus. Es kollerte zu unseren Füßen ein Schädel mit zerrauften Haaren, daneben lagen schwarze Tuchlappen. „Diese Stücke rühren von dem Gewande eines Geistlichen her,“ erklärte der Begleiter. „Und der Kopf?“ frug neugierig einer meiner Freunde. „Wird wohl auch dazu gehört haben,“ – erwiderte lakonisch der Führer, wie der Todtengräber im Hamlet, dem Alles gleich ist, was ihm unter die Schaufel kommt.

Durch einen schmalen unregelmäßigen Gang gelangten wir in eine ebenso unregelmäßige leere Halle, deren Gewölbe in der Mitte auf einen massiven Pfeiler gestützt und deren Wände mit Stuck verziert waren. Welchen Zweck dieser Raum hatte, konnte nicht ermittelt werden. An zwei Seiten lagen Grüfte, deren Eingänge noch vor nicht gar langer Zeit vermauert worden, gegenwärtig aber erbrochen sind. Mit Mühe brachen wir uns Bahn, um in das Innere dieser Grüfte eindringen zu können. Welch ein Bild der Zerstörung! Offenbar war die Gruft früher mit hölzernen Särgen angefüllt, welche entweder schon bei ihrer Uebertragung oder nachträglich in Trümmer zerfielen und deren Bestandtheile in gründlichster Unordnung dalagen. Einzelne Särge hatte man ihrer Deckel beraubt und deren Inhalt durchwühlt. Zu unterst gab es noch einige geschlossene Särge mit schwarzen Kreuzen bezeichnet. Zwischen den durchwühlten Brettern lagen zerstreute Schädel, Arme und Knochen herum, und der Boden war derart mit Schichten von Moder bedeckt, daß kein Tritt gehört wurde. Die Spuren dieser groben Gewaltthätigkeiten hatten auf Alle einen widerlichen Eindruck gemacht. Selbst der Arzt, welcher in unserer Gesellschaft war, erwachte aus seinen anthropologischen Studien und konnte einen Schmerzensschrei über diese Verletzung jeder Pietät nicht unterdrücken.

Wir kehrten auf demselben Wege in schon betretene Grufträume zurück und wurden von hier in eine große, breite gewölbte Halle geführt, welche unter dem Querschiffe des Domes lag. Stiegenaufgänge an beiden Enden führten in den Dom. In früherer Zeit hatte man dem Publicum bei bestimmten Anlässen den Zutritt in diese Halle gestattet, daher auch die Decken der Gewölbe und die Abschlußwände mit Malereien und Stuckverzierungen geschmückt sind. Nicht geringe Ueberraschung bereitete uns einer der Fackelträger, als er den mittleren Seitengang betrat. Da lagen zu beiden Seiten offene Särge, mit Leichen bedeckt, welche nur halb verwest und nur zum Theil ihrer Kleider entblößt waren. In dem Gesichte eines alten Mannes waren noch die Schmerzenszüge erkennbar, unter denen er sein Leben ausgehaucht hatte. Mit dem etwas vorgebeugten Kopfe und den gestreckten Gliedern machte die Leiche einen wehmüthigen Eindruck. Dort lag eine Frau vollständig entblößt; nur über den Sarg hinaus verbreiteten sich Stücke eines mit Silberfäden durchwirkten Stoffes. Sie war zur Mumie ausgetrocknet; aber in den wohlgeformten Zügen konnte man noch herausfinden, daß sie ein schönes, jugendlich kräftiges Wesen gewesen sein mußte. In ihren Armen hielt sie das Gerippe eines kleinen Kindes. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, um zu wissen, wofür die arme Frau gelitten, was ihr den Tod gebracht. Wer mag sie gewesen sein? Gut ist es, daß ein tiefer Schleier den Namen der Unglücklichen bedeckt, sonst müßten ihre Nachkommen das Erbarmen anrufen, daß man den Leichnam so rücksichtslos bloßgelegt hat. An einer andern Leiche hing wie steifes Leder die vertrocknete Haut von den Füßen weg, während[WS 1] der Kopf und die übrigen Körpertheile noch Spuren aufwiesen, daß sie der Leiche eines jungen Mannes angehört haben. In demselben Seitengange standen auch zwei kupferne Särge mit den Ueberresten des Bischofs Emerich Sinellius (gestorben 1685) und Joh. Andreas Joannelli’s (gestorben 1673), die unangetastet waren.

Von der Querhalle aus führten in der Richtung gegen den Hochaltar des Domes zwei oblonge Räume mit Aufzugslöchern an den Gewölben. In einem Raume hatte man Steinfiguren von dem Bildhauer Moll hingelegt, welche vor der Restauration einen Altar der Seitenchöre zierten. Seltsamer war die Wahrnehmung in dem zweiten Gruftraume. In einer kleinen Nische stand ein viereckiger Behälter von Eisenblech. Auf unsere Anfrage erhielten wir die Auskunft, daß darin im Jahre 1852 die Leichen zweier Kinder des brasilianischen Gesandten am österreichischen Hofe beigesetzt worden waren. Eine an der Wand angebrachte Tafel, die aber gegenwärtig ganz verwischt ist, bezeichnete den [453] Todestag der Kinder. Dies waren die jüngsten Bewohner der Katakomben. Welcher Grund wohl zu dieser sonderbaren Beerdigung geführt hatte?

Von dieser Stelle aus durchschritten wir unter dem Thore, wo heute das Friedrichs-Denkmal steht, mehrere Gänge, die aber keinerlei Interesse boten, und standen am Ende unserer Wanderung. Nach einem einstündigen Aufenthalte hatten wir Alles gesehen, was die Katakomben Denkwürdiges bieten. Wir athmeten leichter, als hinter uns sich das Gitter der Eingangsthür schloß, auf der die gut christliche, aber hier nicht in Erfüllung gegangene Inschrift steht: „Gott, gieb ihnen die ewig’ Ruh’, und das ewige Licht leuchte ihnen!“

K. W.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wärend