Ein Besuch beim Componisten der „Wacht am Rhein“

Textdaten
<<< >>>
Autor: V.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch beim Componisten der „Wacht am Rhein“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 543–544
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[543] Ein Besuch beim Componisten der „Wacht am Rhein“. Wie aus den Tagesblättern bekannt, weilt gegenwärtig in dem lieblichen Elgersburg Wilhelm, der Componist der „Wacht am Rhein“, um von dem über ihn gekommenen schweren Leiden unter der sorgsamen Pflege des Dirigenten der dortigen Curanstalten, Dr. Schultz, Heilung zu suchen.

Ich mußte ihn aufsuchen, den Componisten des Liedes, das der nationalen Begeisterung dieser Tage Flügel geliehen, des ersten wahrhaft kernigen Volksliedes seit Jahrzehnten, ganz angethan, in den kommenden Geschlechtern das Bewußtsein brüderlicher Zusammengehörigkeit wach zu erhalten, sie fort und fort zu erinnern an die Thaten ihrer Väter, durch welche die lange genährte Sehnsucht der edelsten Nation ihre Erfüllung fand.

Die Dienerin öffnete mir den im Erdgeschosse der schmucken Villa des Dr. Schultz von lachendem Grün umrankten Salon. Bei meinem Eintritt erhob sich langsam vom Divan ein älterer Herr von freundlichen und doch schmerzlichen Gesichtszügen, mit einem Seufzer auf seinen Stab sich stützend, indem er mit klagender Stimme einige gebrochene Worte der Entschuldigung für seine, wie er glaubte, nicht gesellschaftliche Erscheinung mir entgegenbrachte.

Auf meine direct – wir waren allein – an ihn gerichtete Frage, ob er der Musikdirector Wilhelm sei, erwiderte er wehmüthig: „Dieser arme Mann bin ich.“ Mich an seine Seite ladend, reichte er mir mit thüringischer Treuherzigkeit die Hand und hielt die meinige bis zu meinem baldigen Weggange fest, nachdem er in mir einen Verehrer und Dilettanten seiner Kunst erkannt. Von seinen den unverkennbaren Stempel deutscher Tüchtigkeit an sich tragenden, vielfach von Thränen begleiteten Gesprächen werden mir die mit Innigkeit gesprochenen Worte, deren Zusammenhang sich von selbst erklärt, unvergeßlich bleiben: „Die schönste Frucht ist die Einheit.“ Hier wurden die matten Augen heller und die Wehmuth wich einer erkennbaren freudigen Erregtheit. Er wollte noch mehr zu sprechen sich überwinden, mir aber war es ein Gebot schuldiger Rücksicht, mich baldigst zu verabschieden, und ich durfte nur noch dem Kranken den traurigen Dienst erweisen, als er sich zu nochmaligem Händedrucke des Abschiedes erhob, ihm den entfallenen, leider unentbehrlichen Stab aufzunehmen.

Ein tragisches Geschick darf es wohl genannt werden, daß gerade in den Tagen, da das zweite Reich die Morgensonne seiner neuen Herrlichkeit über sich aufgehen sah, dieser deutsche Mann in Fesseln geschlagen ward durch die verstärkte Wiederkehr eines Schlaganfalles, der ihm die linkseitige Körperhälfte lähmte. Wilhelm’s Zustand ist indessen nicht so hoffnungslos, als er selbst sich ihn vorstellt. Seit jenem Besuche sind kaum zwei Wochen verflossen, und während ich dies schreibe, darf er selbstständig einen kleinen Spaziergang in Elgersburgs paradiesisch schöne Umgebungen auf seinen Stützen unternehmen. Auf seinem sonst so heitern harmlosen Gemüthe lastet freilich schwer der Jammer, daß es ihm nicht vergönnt ist, an der Sonne, die er nur durch trübe Wolken schimmern sah, sich mit den Millionen seiner Stammesgenossen freudig zu erwärmen; erklärlich daher, daß Wehmuth jetzt den Grundzug seiner Seelenstimmung bildet. Selbst die überraschende frohe Botschaft des Fürsten Reichskanzlers, die dem fünfundfünfzigjährigen nationalen Componisten die verdiente Sorgenfreiheit für seinen Lebensabend verbürgt, vermochte anfänglich nicht, ihn aufzurichten; er ließ das Dotationsrescript vierundzwanzig Stunden bei sich liegen, bevor er seinem Arzte und Pfleger oder sonst Jemandem davon Mittheilung machte.

[544] In den letzten Tagen erst, wo die Zunahme der physischen und geistigen Kräfte ihm den Glauben an die Unmöglichkeit benimmt, noch einige Weile sich einer ihm bis dahin unbekannten sorgenfreien Existenz freuen zu dürfen, hat er es vermocht, dem großen Staatsmann seinen Dank auszudrücken; er hat dies in einem mühsam zu Stande gebrachten Briefe gethan, dem ersten eigenhändigen, den er seit sechs Monaten schreiben konnte, und hin und wieder zeigt sich bei unserm Freunde, einem echt deutschen biedern Gefühlsmenschen, die Rückkehr seines natürlichen, stets bereiten treffenden Witzes und jenes Humors, der den Musikern so gern eigen zu sein pflegt. Wilhelm beabsichtigt, bevor er in seine stille Häuslichkeit zurückkehrt – er wohnt unverheirathet in seiner Vaterstadt Schmalkalden – die Elgersburger Cur bis in den Monat October fortzusetzen, also noch diejenige Zeit hindurch, in welcher nach kundigem Urtheile die berühmten Heilkräfte des wunderlieblichen, von einem kostbaren Rahmen duftender Tannenwälder und grüner Wiesen umgebenen Elgersburg vorzugsweise wirksam sind.

Unsere herzlichsten Segenswünsche lassen wir ihm zurück, der ungeahnt mit Kleinem so Großes für das verjüngte Vaterland gewirkt hat.
V.