Ein Bauerndramaturg im Hochgebirge

Textdaten
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Autor: Fritz Keppler
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Titel: Ein Bauerndramaturg im Hochgebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 354–356
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Bauerndramaturg im Hochgebirge.


Culturbild aus den Alpen von Fritz Keppler.


Ueber mir den tiefblauen Himmel, der sich wie eine ungeheure Kuppel aus leuchtendem Azur über das Hochgebirge herwölbte, lag ich, von tagelanger Wanderung müde, auf der wild zerklüfteten Felsenspitze des Sonnwendjochs und schaute hinüber zu den hinter dem Zillerthale emporragenden krystallblanken Eisgipfeln der Tauern, an denen sich die Strahlen der Abendsonne purpurfarbig brachen, und hinab in’s tiefe, sonnige Innthal, das in der bunten Fülle herbstlicher Farbenpracht tief unter mir schwamm. Winzig kleine blaue und rothe Punkte wimmelten auf dem marmorweißen Straßenstreifen, der sich am silberblinkenden Strome entlang von der Mündung des Alpach- zu der des Zillerthales erstreckt. Es sind die Sommerfrischlerinnen aus Brixlegg, die ihre reichen städtischen Gewänder, vielleicht zum letzten Male in diesem Jahre, in der Alpenwildniß zur Schau tragen. Ein eigenthümliches Gefühl der Sehnsucht nach Seinesgleichen übermannt häufig, wie Heimweh, den Menschen, der sich aus dem lärmenden Gewühle der Großstadt in die Stille der Einsamkeit geflüchtet, wenn er aus sicherer Ferne einen Blick in’s wirre Wogen der großen Welt wirft. So erging’s auch mir, der ich hoch erhaben über dem Treiben der Menschheit auf dem Gipfel des Sonnwendjochs stand und mit mitleidigem Spotte auf das fremdartige Gebahren der Leute da unten herabsah, die all ihren städtischen Putz und Plunder in das stille Alpenthal mit sich geschleppt, wo sie Jedermann, zumeist aber sich selber, damit zur Last fielen. Ich mußte lächeln über die Leutchen da unten, und dennoch zog’s mich unwiderstehlich hinab, wieder einige Stunden mit ihnen zu verleben. Noch einen Blick warf ich zurück zu der grünen Alme auf dem fernen Guffertjoche, wo ich mondelang in beschaulicher Einsamkeit gewohnt, dann flog ich über stundenlanges Gerölle am schwanken Bergstock in’s Innthal hinunter.

Während ich den steilen Abhang des Sonnwendjoches hinabsauste, zogen am östlichen Himmel schwarze Wetterwolken empor, die mit unheimlicher Eile über das Ziller- und Alpachthal herüberrückten und langsam von den jenseitigen Bergspitzen in’s Innthal hinabkrochen. Mit langen, gellenden Athemzügen pfiff der Sturmwind durch das Thal, daß sich die Lärchen, die an den Berghalden hinaufwuchsen, zitternd neigten, und dichte Staubwolken vor ihm auf zum verfinsterten Himmel emporwirbelten, den schwarzen Nebelballen entgegen, die sich schwerfällig von den Bergen herabwälzten. Ein wüstes Wolkenmeer, wirr durcheinanderwogend, lag unter mir und füllte mit seinen hochgehenden Wogen das Thal aus, in das ich mit rasender Eile hinabflog. Aus der qualmenden Finsterniß züngelten blaue Blitze herauf zu mir, um den noch die Lichtfluthen des Tages wogten, und vor der Stimme des Donners erbebte das Gebirge in all seinen Fugen, so daß ich wähnte, die Gipfel des Sonnwendjoches brächen krachend über mir zusammen. Jetzt rauschten die nassen Wellen des Nebelmeeres auch über mich herein, und von allen Schauern des Unwetters überfluthet, kam ich nur mit Mühe vollends nach Brixlegg hinunter.

Während mir des „Judenwirths“ freundliches Töchterlein, die braunäugige Marie, die durchnäßten Kleider am Herdfeuer trocknete, verzog sich fast ebenso schnell, wie es gekommen war, das Gewitter, und der Mond schüttete seine goldgrünen Strahlen durch die zahllosen Spalten und Luken, die der siegende Sturmwind in den Wolkenhimmel gerissen. Von einer warmen Wollendecke umhüllt, lag ich am Fenster meines Stübchens, der trockenen Kleider harrend, und schaute hinab in den Garten des Judenwirthes, der im taghellen Mondenlichte vor mir lag. Eine mächtige Gruppe alter Kastanienbäume schloß ihn nach hinten zu ab und warf ihren unheimlichen tiefen Schatten weit hinein auf die hellbeleuchtete Grasfläche. Plötzlich flackerten blutrothe Lichter zwischen den schwarzen Blättermassen hindurch und ein dumpfes Summen von vielen Menschenstimmen drang aus dem Hintergrunde des Gartens hervor. In demselben Augenblicke trat mit in die Augen fallender Eilfertigkeit die flinke Tochter des Judenwirths in meine Stube, um mir die mittlerweile getrockneten Kleider zu bringen. Sie war mit auffälliger Sorgfalt in die ernst-anmuthige Tracht des untern Innthales gekleidet.

[355] Ich frug sie, wohin sie denn noch so spät am Abend gehen wollte.

„In’s Theater,“ war die Antwort.

„Habt Ihr denn ein Theater im Orte?“

„Versteht sich, und ein recht schönes dazu.“

„Da sind wohl Schauspieler aus Innsbruck heruntergekommen?“

„Warum nicht gar! Das können wir selber besorgen.“

„So! da spielst Du am Ende gar die erste Liebhaberin?“

„Wer denn sonst! Sehe ich nicht hübsch genug dafür aus?“ Dabei wiegte sie sich keck auf den schlanken Hüften und machte den vergeblichen Versuch, einen selbstgefälligen Blick in den alten Spiegel zu werfen, der viel zu hoch für den zierlichen Wuchs des hübschen Mädchens an der Wand hing.

„Da spielt Ihr wohl eine heilige Geschichte?“ frug ich weiter.

„So fromm sind wir heute nicht; für diesmal giebt’s ein Lustspiel.“

„Ein Lustspiel!“ rief ich verdutzt und muß dabei ein ziemlich einfältiges Gesicht gemacht haben, weil das muthwillige Mädchen in ein glockenhelles Lachen ausbrach.

„Von wem ist denn Euer Lustspiel?“ fuhr ich fort zu fragen.

„Von unserem Roßknecht.“

Jetzt war die Reihe des Lachens an mir, damit kam ich aber bei der zungenfertigen Tirolerin übel an, denn sie meinte schnippisch:

„Wenn der Herr lachen will, so komm’ er nur in unser Lustspiel – da giebt’s mehr zum Lachen als hier.“

„Das werde ich gewiß nicht unterlassen, mein kleines Mariechen, und hoffe heute noch recht nach Herzenslust lachen zu können. Wie heißt denn das Lustspiel Eures Roßknechtes?“

„Der Müller und sein Schatz.“

„Dann machst Du wohl den Schatz des Müllers?“

„Und wie!“ rief die leichtfüßige Dirne und sprang mit einem Jodler die Treppe hinab.

„So sehen wir uns einmal das Lustspiel an, das im Kopfe eines Tiroler Roßknechts gewachsen! Zu lachen wird es da wohl mancherlei geben, wenn auch in anderem Sinne, als meine lustige Wirthin meint,“ dachte ich bei mir selber, während ich in meine getrockneten Kleider schlüpfte.

Mittlerweile war es im Garten unten lebendig geworden. Zahlreiche dunkle Gestalten huschten eilfertig dem Kastaniengehölze zu, in dessen Schatten sie verschwanden. Ich eilte hinab und schloß mich dem allgemeinen Zuge an. Hinter dem Kastanienhaine stand ein langes Gebäude, dessen vorgeschobene Langseite auf kurzen massigen Steinpfeilern ruhte. Es sah aus, wie die große Stallung eines alten wohlhabenden Bauerngutes. Zwischen den Pfeilern waren plumpe Tische aufgestellt, auf denen trübrothe Oellampen flackerten. Vereinzelte Gäste saßen noch herum vor halbgeleerten Bierkrügen, die Mehrzahl aber drängte nach einer großen Thür, hinter der eine altersmorsche Treppe zu den oberen Räumlichkeiten des Gebäudes hinaufführte. Ein struppiger Bursche stand unter ihr und erhob das Eintrittsgeld in das Theater, zwanzig Kreuzer für den ersten, zehn für den zweiten und letzten Platz. Das Theater selbst wurde durch einen großen, von qualmenden Oellampen spärlich erleuchteten, von Rauch und Ruß geschwärzten Saal vorgestellt, in dem eine lange Reihe von plumpen Holzbänken hintereinander aufgestellt war; diese bildeten den „ersten Platz“; sie waren durch eine Stange vom zweiten geschieden, wo es keinerlei Vorrichtung zum Sitzen gab. Die nur mäßig erhöhte Bühne war durch einen plump, aber nicht ohne sinnige Auffassung gemalten Vorhang verhüllt. Zwischen ihr und dem ersten Platze saßen auf einer Schranne drei Musikanten, die auf Geige, Cither und Flöte einen Ländler spielten.

Die Gesellschaft der sehr zahlreichen Zuschauer war eine in des Wortes ureigentlichster Bedeutung gemischte zu nennen. Im Hintergrunde des Saales, auf dem zweiten Platze, standen eng zusammengedrängt ausschließlich Männer, zumeist Tiroler Bauernbursche, schlanke, schöne Gestalten mit sonnverbrannten Gesichtern und offenen, kühn geschnittenen Zügen, den Hut mit der herausfordernden Spielhahnfeder trutzig in die kurzgeschnittenen dunkeln Kraushaare gedrückt, zwischen ihnen vereinzelte Baiern, leicht kenntlich am kürzeren vierschrötigen Wuchse und den tückisch schielenden Augen.

Manche von ihnen hielten schwere Holzäxte in breiter, schwieliger Hand, alle aber rauchten aus großen Pfeifen mit kurzen Röhren, so daß der ganze Raum mit dichten Tabakswolken erfüllt war, durch welche die ohnedies trüben Flämmchen der qualmenden Oellampen kaum durchzudringen vermochten. Auf dem ersten Platze saßen Mädchen und Frauen aus dem untern Innthale; ihre freundlichen Gesichter, von braunen neugierigen Augen belebt, waren halbverdeckt von den breiten Rändern ihrer schwarzen Strohhüte. Unter die Kinder des Innthales hatten sich dicke bairische Bauernweiber gemischt mit großen Mützen aus Fischotterpelz auf den unförmlichen Köpfen. Zwischen den Bewohnern der Berge aber waren in bunter Abwechslung zahlreiche fremdartige Gestalten zerstreut, in gewählten, ja zum Theil reichen und prunkhaften Gewändern, was der Versammlung einen eigenthümlichen phantastischen Anstrich gab; neben der grauen Lodenjoppe des Tiroler Wildschützen wogten weiße oder rosenrothe Atlasmieder unter dem widerspenstigen Drucke eines eingezwängten jugendlichen Busens; braungoldige Sammetjacken schimmerten dazwischen und an der kurzen verschossenen Lederhose des Gemsjägers rieb sich das schillernde Seidenkleid der Wiener Baronin. Spielhahnfedern, Adler- und Straußenflaume schwankten und flatterten, vom Windzuge bewegt, durch einander und zwischen Edelweiß und Almenrosen prangten lackglänzende Camelien und farbenprächtige Pariser Blumen in modisch aufgedonnerten Haaren.

Auch manches wohlbekannte Gesicht entdeckte mein suchendes Auge in dem bunten Gedränge; da war, mir zunächst, eine ganze Bank mit Münchener Malern angefüllt, zum Theil alten lieben Freunden; neben dem sinnigen Kurzbauer saßen Laupheimer[WS 1], der den besten deutschen Nachtwächter gemalt, und der jugendliche Zügel, einer der genialsten Thiermaler Deutschlands; aus dem Winkel dahinter winkten die spaßhaften Augen meines Landsmannes Gustav Mayer hervor, der beim Judenwirth in Brixlegg die volksthümlichen Gestalten zu seinem „erste Rausche“ gefunden. Vor ihnen, zwischen zwei lieblichen Mädchengestalten mit flachsblonden Haaren und Wangen, frisch und rosig wie Apfelblüthen, die mit ihren Vergißmeinnichtaugen so fromm und lustig zugleich in die Welt hineinschauten, wie die Posaunenenglein auf den Bildern der Renaissancemaler, saß ein stattlicher Mann mit gedankenvoller Stirne und lockigem, schon ergrautem Haupt- und Barthaar, Ludwig Steub, der anziehendste unter den Beschreibern des heiligen Landes Tirol. Das seelenvolle blaue Auge, das mit leuchtenden Blicken aus der Ecke dort drüben herübergrüßt, gehört dem schönen Kopfe einer der anmuthigsten unter den deutschen Schauspielerinnen, der liebenswürdigen Anna Glenk. Marmorbleich, wie eine lebendig gewordene Statue, lehnte vor ihr die „geschiedene Frau“, die in der „Passionsgeschichte eines Idealisten“ eine so dämonische Rolle spielt: alle Schauer der Verdammniß zuckten in düstern Blitzstrahlen aus der dunkeln Tiefe ihrer wunderbaren Glühaugen empor, und unheimliche Schatten zitterten zwischen den stolzen Brauen hervor über die königliche Stirn hin, von der die Haare, gleich schwarzen Schlangen, sich hinab zu der halbenthüllten Pracht ihrer Schultern ringelten. Eine gnomenhafte Erscheinung wand und krümmte sich ihr zur Seite in qualvoll spaßhaften Krämpfen, welche an die Todeszuckungen eines Heupferdchens erinnerten, das in’s Erntefeuer geflogen. Hinter dem Lockenkopfe der steirischen Amazone blitzte das Auge des Philosophen Du Prel hervor, der sich mit dem Darwinismus so eingehend beschäftigt hat.

Jetzt hörte die echt tirolermäßig gemüthliche Tanzmusik auf, und der Vorhang ging langsam in die Höhe. Die Scene stellte eine Landschaft aus dem Hochgebirge dar; die Coulissen waren plump zwar und mit dilettantenhafter Aengstlichkeit, aber nicht ohne liebevolles Naturverständniß entworfen und gemalt. Das Lustspiel des poetischen Roßknechts behandelte in vier Acten einen dürftigen und in seinen Hauptwirkungen ziemlich hausbackenen Stoff: ein junger Müller, fromm und bieder, liebt die Tochter eines reichen Bauern, die ihn selbstverständlich wieder liebt; derselbe hat aber einen vom Vater des Mädchens ausschließlich begünstigten Nebenbuhler – an dem Bader, der „schon ein gesetzter Mann, aber noch in seinen besten Jahren ist“, obgleich er die Seifenschüssel bereits so lange durch’s Leben getragen hat, daß er sich schon etwas Namhaftes zurücklegen konnte; trotzalledem wird er gründlich angeführt, ein Loos, in das er sich [356] mit dem Vater des Mädchens zu theilen hat, der ein ehrwürdiger, aber etwas einfältiger und, wie alle alten Väter, eigensinniger Greis ist. Den Schalk im Stücke spielt der Barbiergeselle, ein junger Schlingel, „der mit allen Hunden gehetzt ist und an keinen Teufel glaubt“ und zum Ueberflusse gleichfalls in das Mädchen verliebt ist; ebenso entschieden, wie er letzteres liebt, haßt er seinen Brodherrn, der neben seinen sonstigen respectabeln Eigenschaften auch ein gut Theil Heuchelei besitzt und „es faustdick hinter den Ohren hat“, und nimmt jede Gelegenheit wahr, ihm, wie ein richtiger Figaro, „auf die sauberen Schliche zu kommen“. Die Heldin endlich ist ein recht verständiges Bauerndirnchen, ohne jeglichen Anflug von Sentimentalität, überhaupt, wie ein echtes Bauernkind, mehr praktisch als poetisch gestimmt; obwohl sie dem Müllerburschen, der, wie alle Liebhaber im Lustspiele, nicht gerade an Ueberfülle von Verstand leidet, „von Herzen gut ist“, zieht sie doch auch die Heirath mit dem ökonomisch so wohlsituirten Bader ernstlich und, wie mich fast bedünken will, für eine richtige Liebhaberin fast allzu ernstlich in Erwägung, dabei hat sie zu allem Ueberflusse in einer geheimen Falte ihres Herzens eine kleine, stille Zuneigung halb mütterlicher, halb schwesterlicher Gattung, die jedoch nicht ganz über jeden Verdacht erhaben ist, zu dem pfiffigen Barbiergesellen versteckt, der freilich als Heirathscandidat für die kluge Tochter der Berge nicht wohl in Betracht kommen kann, immerhin aber die leichten Herzensregungen, die sie von Zeit zu Zeit für ihn verspürt, noch am ehesten verdient. Nimmt man noch dazu zwei zufällig des Weges kommende Handwerksburschen, die keinen Heller in der Tasche haben, und eine alte Dorfklatschbase, so hat man die Träger der Handlung beisammen.

Selbstverständlich „kriegen sich“ die Liebenden am Schlusse des vierten Actes trotz aller Dorfcabalen, und zwar weil der verliebte Müllerbursche mit Gefährdung seiner biedern Persönlichkeit seinen Schatz aus einem brennenden Hause rettet, das der heimtückische Dorfbarbier angezündet. Man sieht hieraus, daß der Theaterdichter von Brixlegg es sich nicht minder bequem gemacht hat als seine bekannteren Collegen an den verschiedenen Hof- und Stadttheatern des deutschen Reiches, und daß er, wie diese, sein Publicum kennt, das eben überall nur sich selbst und seine guten Bekannten, seine häusliche Noth und Misère auf den Schaubuden sucht und sehen will. Auf der andern Seite aber müssen wir dem poetischen Roßknecht das Zugeständniß machen, daß er es unleugbar verstanden hat, seinen an und für sich einfachen Stoff dramatisch wie sprachlich zu gestalten; so waren namentlich einzelne Episoden von urkomischer Wirkung und machten einen geradezu hinreißenden Eindruck; vor Allem müssen wir hervorheben, daß der aufgeklärte Dorfpoet den bäurischen Aberglauben ganz meisterhaft komisch zu verwerthen gewußt hat. Was mir aber am meisten auffiel, war das vortreffliche Zusammenspiel der Darsteller, zu denen durchweg Dorfbewohner aus Brixlegg verwandt worden waren. Sie hatten ihre Rollen so musterhaft auswendig gelernt, daß sie, obwohl das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde, keines Souffleurs bedurften.

Nach der Vorstellung brachte ich noch in Erfahrung, daß der Vater, der neben dem jungen Georg gerade am besten gespielt, ein vollständig tauber Greis war, der sich also sein Stichwort lediglich aus dem Mienenspiele der Mitspielenden ablesen mußte. Das Spiel selbst war zwar entschieden schablonenhaft, aber nicht ungefällig, und zeugte unleugbar von ganz sorgfältiger Einübung. Die ganze Darstellung machte den wohlthuenden Eindruck vollendeter Sicherheit, und die Ausstattung des Stückes war durchaus sachgemäß, obgleich sie mit den allereinfachsten Mitteln bewerkstelligt wurde.

Meine Theilnahme an dem ländlichen Kunstinstitute wurde noch um ein Merkliches gesteigert, als ich mich nach dem Leiter desselben erkundigte und zu meiner Verwunderung erfuhr, daß derselbe Niemand anders sei, als wieder „der Roßknecht des Judenwirths“. Selbst Vorhang und Coulissen, sowie sämmtliche Inventarstücke und die ganze Maschinerie des Theaters hatte er allein mit eigener Hand angefertigt. So war er Theater-Dichter, ‑Director, ‑Maler, ‑Maschinist, ‑Inspicient und ‑Hauptdarsteller, Alles in einer Person, denn die Rolle des jugendlichen Komikers, des Barbiergehülfen Georg, hatte er gleichfalls gespielt.

Die unleugbar hohe geistige Begabung dieses Bauernknechtes und das ernste Streben, das ihn beseelt, in den enggezogenen Grenzen seines künstlerischen Wirkens etwas Tüchtiges zu leisten, würden genügen, ihm unsere volle Achtung zu erwerben; dazu kommt aber noch ein eigenthümliches Lebensschicksal, das er mit einem bekannten norddeutschen Grafen gemein hat, der seiner Liebhaberei für die Schauspielkunst eine glänzende Stellung und einen fürstlichen Reichthum zum Opfer gebracht, obwohl, wenn wir die beiden Schicksalsgenossen nach den Erfolgen ihrer künstlerischen Neigungen messen, die Wagschale entschieden zu Gunsten des „gemeineren“ Mannes sinken wird.

„Des Judenwirths Roßknecht“ nämlich war vor Zeiten ein reicher Bauer, so reich, wie nur irgend einer im Innthale; die stattliche Mühle, die der Alpbach treibt, ehe er sich in den Inn ergießt, war sein eigen und dazu Wiesen und Felder und manches schöne Stück Vieh. Allein der unselige Hang zur Schauspielkunst ließ ihm nicht eher Ruhe, bis er in seiner Mühle ein Theater eingerichtet und seine Bekannten und Freunde alle zu Schauspielern abgerichtet hatte. Jetzt wurde gespielt und gedichtet, was das Zeug hielt, aber die Mühle ging dabei von Tag zu Tag langsamer, bis sie schließlich ganz stille stand. Und der Müller verkaufte zuerst die Kühe und dann die Wiesen, die er doch nicht mehr brauchte, weil er keine Kühe mehr zu füttern hatte, zuletzt aber kam das Gericht und jagte ihn von Haus und Hof. Da gab ihm der pfiffige Judenwirth ein enges Kämmerlein neben seinem Pferdestalle und das tägliche Brod dazu, wofür ihm der Arme die Gäule seiner Gäste verpflegen und in seinen Freistunden in einer alten Scheune ein Theater einrichten mußte. Und der Judenwirth hatte seine Rechnung gut gemacht, denn so oft sein Roßknecht ein Stück aufführte, war das Theater ausverkauft und die erheiterten Gäste tranken an einem Abende mehr von seinem Wein und Bier, als er sonst in einem ganzen Monat verbraucht hatte. So ward allen Theilen geholfen, das Dörflein Brixlegg aber kam zu einem Theater, und der Dichter fand sein ordentliches Auskommen, was wohl schwerlich bei allen seinen Collegen der Fall ist.

Als ich am anderen Morgen die gastliche Herberge verließ, stand der Roßknecht in Hemdärmeln unter dem Thore und striegelte einen Fuhrmannsgaul. Freundlich und bescheiden wünschte er mir Glück auf die Reise, ich aber mußte bei mit selber denken: Wie wenig braucht ein braver Mensch, um glücklich zu sein!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anton Laupheimer (1848–1927), Vorlage: Laubheimer