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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Ein Ball im Irrenhause
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 248–251
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[248]
Ein Ball im Irrenhause.

Zufällig führte mich ein kleiner Ausflug, den ich zu meiner Erholung machte, nach dem Städtchen L……s, das eine weit bekannte und berühmte Irrenanstalt besitzt. Ich erinnerte mich bei meiner Ankunft, daß der Director derselben einer meiner Universitätsfreunde war, und beschloß, demselben meinen Besuch abzustatten und zugleich das von ihm geleitete Institut in Augenschein zu nehmen. Von jeher hatte ich mich für Geisteskranke und deren Behandlung ganz besonders interessirt; die pathologischen Zustände der menschlichen Seele waren mein Lieblingsstudium, und ich versäumte keine Gelegenheit, meine Kenntnisse auf diesem Gebiete zu bereichern. Sobald ich daher meine Reisetoilette einigermaßen in Ordnung gebracht hatte, ließ ich mich nach dem eine Viertelstunde von der Stadt entfernten Irrenhause führen. Die Anstalt selbst lag in einer sehr gesunden Gegend auf einem Hügel, von dem ich die herrlichste Aussicht auf die fruchtbare Gegend genoß. Das Gebäude war in früherer Zeit ein reiches Kloster gewesen und man weiß, daß die Mönche es fast immer verstanden, den schönsten Punkt für ihre Ansiedlungen zu wählen. Grüne Thäler und mit Reben bepflanzte Hügel wechselten mit einander ab. Der blaue Strom schlängelte sich durch üppige Wiesen und der Duft des frisch gemähten Grases vermischte sich mit dem balsamischen Harzgeruch der benachbarten Fichtenwälder. Rings herum herrschte eine wohlthuende Stille, die rechte Waldeinsamkeit, ganz geeignet, den Frieden einem zerrütteten Gemüth wiederzugeben. Die Lage konnte nicht besser und passender sein. Ein wohlgepflegter Weg führte zwischen Obstbäumen und blühenden Linden zu dem Institut, das eher einer großen ländlichen Besitzung glich, als dem Aufenthalte der Wahnsinnigen. Nichts mahnte an diese traurige Bestimmung; es schien Alles vermieden zu sein, was daran erinnern konnte. Durch einen zweckmäßigen Umbau und Hinzufügung einiger Seitenflügel war das alte Kloster in einen Palast umgeschaffen worden. Ich glaubte ein Gefängniß, einen düsteren Kerker, eine Wohnstätte des Jammers mit finsteren Zellen zu finden, und sah mich in jeder Beziehung angenehm enttäuscht; dennoch konnte ich mich eines leisen Schauers nicht erwehren, als ich vor der rings herumgezogenen hohen Mauer stand und Einlaß begehrend an dem verschlossenen Thore pochte. Draußen lag die Welt der vernünftigen Wesen, und hier drinnen war das Reich des Wahnsinns und des Irrthums. Nur eine leichte Scheidewand trennte Beide von einander, wie in unserem eigenen Gehirn, wo die Grenzen ebenfalls dicht nebeneinander liegen und kaum bemerkbar in einander fließen.

Ein alter Portier öffnete und fragte nach meinem Anliegen. Ich verlangte den Director zu sprechen.

„Das wird kaum angehen,“ sagte der Hüter, „da der Herr Director eben die Visite machen. Wollen Sie indeß eine Viertelstunde hier verweilen, so werden Sie ihn dann sprechen können. Sie dürfen nur im Garten so lange warten.“

Mit diesen Worten zeigte er mir den Weg über den weitläufigen Hof nach dem hinter der Anstalt liegenden Park. Derselbe war mit vielem Geschmack angelegt und mit der äußersten Sorgfalt gepflegt. Hohe, uralte Eichen, unter deren Schatten einst die Mönche als frühere Bewohner des Hauses wandelten, standen hier in seltener Pracht und schauten wie ehrwürdige Patriarchen auf den jüngeren Nachwuchs der Bäume, welche weit später angepflanzt sein mußten. Der Garten zerfiel in mehrere Abtheilungen für Küchengewächse, Zierpflanzen und selbst für Feldfrüchte. Ich sah Kartoffeln und Kohlstauden von außerordentlicher Größe und Schönheit. Einzelne dieser Abtheilungen waren sorgfältig verschlossen, und mit einem eisernen Gitter rings umzogen. Ich begegnete auch verschiedenen Arbeitern, welche emsig mit Graben, Jäten, Harken und Anpflanzen beschäftigt waren; sie schienen mich wenig oder gar nicht zu beachten und ganz in ihre Arbeit vertieft. Ihrem anständigen Aussehen und ihrer Kleidung nach mußte ich sie für hier angestellte Gärtner halten; nur wunderte ich mich über die große Anzahl derselben, die mir in keinem rechten Verhältnisse zu dem beschränkten Bodenraum zu stehen schien.

Unter ihnen zog ein alter Mann ganz besonders meine Aufmerksamkeit auf sich; er stand vor einem eben oculirten Baum und sprach ganz laut, so daß ich in einiger Entfernung jedes Wort verstehen konnte. Anfänglich konnte ich mir nicht erklären, mit wem er sich eigentlich unterhielt, und ich vermuthete irgend einen mir unsichtbaren Gefährten, bis ich meinen Irrthum gewahr wurde. Der Arbeiter redete bald mit sich selber, bald mit seinem von ihm oculirten Stamme, den er wie ein lebendes Wesen behandelte.

„Wirst Du auch fortkommen?“ fragte er mit zitternder Stimme, die etwas unendlich Rührendes für mich hatte. „Oder willst Du auch zu Grunde gehen? O, nur nicht sterben! Der Tod ist schrecklich, sehr schrecklich. Ich kenne ihn, er hat mich besucht und mir Alles fortgenommen, Alles, Alles. Du darfst mir nicht sterben, wie meine Kinder, die armen Kinder und die Blumen, die alle mitgestorben sind. Ich bin ein unglücklicher Mann. Was ich berühre, verwelkt, und Du wirst auch verdorren.“

Während der Alte so sprach, strömte eine Thränenfluth über seine eingefallenen bleichen Wangen und sein Schmerz erschütterte mich selbst auf das Höchste. Ich vergaß fast, daß ich mich in einem Irrenhause befand, und wollte ihn anreden und zu trösten versuchen. Als ich mich jedoch bis auf einige Schritte ihm genähert hatte, erschien einer der immer hier verweilenden Aufseher und hielt mich zurück.

„Sie scheinen fremd zu sein,“ sagte derselbe mit Höflichkeit, „sonst würden Sie wissen, daß Niemand mit den Kranken hier reden darf.“

„Das Schicksal des armen Mannes geht mir nahe. Er hat gewiß in seinem Leben große Verluste und Familienkummer gehabt?“

„Keineswegs,“ antwortete der Aufseher. „Er ist nur ein schwerer Hypochonder, der sich einbildet, daß seine Kinder gestorben sind.“

„Wie, sie leben noch?“

„Allerdings, aber er hält sie für todt, und gibt trotz aller angewandten Mühe den Glauben nicht auf.“

„Und hat man nicht den Versuch gemacht, durch die Gegenwart seiner Angehörigen ihn von seinem Wahne zu heilen?“

„Das nutzte nichts; er blieb dennoch fest bei der Meinung stehen und behauptete, daß sie nur die Geister der Verstorbenen wären. Trotzdem hofft der Herr Director, ihn noch herzustellen. Seit er im Freien arbeitet, hat sich sein Zustand bedeutend gebessert, und es gibt wenigstens Augenblicke, in denen er seinen Irrthum vollkommen einsieht.“

Da indeß die Viertelstunde, wo ich den Director erwartete, vorüber war, so verließ ich den Garten und den freundlichen Aufseher. Einen Blick des tiefen Mitleids schenkte ich noch dem armen Hypochonder, obgleich ich wußte, daß seine Leiden eingebildet waren. Aber ist denn der Schmerz, den wir zu empfinden glauben, nicht eben so traurig und peinigend, wie die Wirklichkeit? Welcher Unterschied besteht denn zwischen einem derartigen Unglücklichen und dem Familienvater, der in Wahrheit den Verlust seiner Familie zu beklagen hat? Fühlte der Wahnsinnige minder tief, minder wahr? [249] Nicht in der Außenwelt, in unserer Seele nur liegt der Quell unserer Leiden und Freuden. Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit des geistreichen Paradoxon eines neueren Schriftstellers, welcher den Wahnsinn als die Vernunft des Einzelnen, die Vernunft als den Wahnsinn Aller bezeichnete.

Wie ich erwartete, wurde ich von dem Director, der sich meiner lebhaft erinnerte, mit offenen Armen aufgenommen und auf das Freundschaftlichste empfangen. Bald waren wir im eifrigsten Gespräche, das anfänglich unsere Jugenderinnerungen und die Vergangenheit, später mehr die Gegenwart und unsere verschiedenen Lebensverhältnisse berührte. Wie man sich denken kann, kamen wir auch bald auf das uns Beide so sehr interessirende Capitel des Wahnsinns und auf die Behandlung desselben. Mein Freund war mit Leib und Seele Irrenarzt, und er betrachtete seine Stellung wie eine ihm aufgetragene höhere und heilige Mission.

„Auf keinenn Gebiete der Medicin,“ sagte er im Verlauf unserer Unterhaltung, „hat sich das Vorurtheil und die Bornirtheit so lange behauptet, als auf dem der Geisteskranken. Bis in die neuere Zeit wurden die Wahnsinnigen nicht wie andere Kranke, die sie in der That nur sind, sondern wie Verbrecher behandelt. Mit Schaudern denke ich noch an die Marterwerkzeuge und Instrumente einer Tortur, die dem Mittelalter Ehre gemacht haben würde, und welche ich bei meinem Amtsantritt noch vorfand. Da gab es einen Drehstuhl, worin die Armen, wenn sie unruhig waren, so lange im Kreise herumgewirbelt wurden, bis sie vor Schwindel die Besinnung verloren; Zwangsbetten und Zwangsjacken; selbst Ketten für die Rasenden, an die man die Aerzte zuerst selber hätte anschließen müssen.“

„Du huldigst also dem entgegengesetzten Systeme, der möglichst größten Freiheit?“

„Du weißt, daß ich schon auf der Universität ein Feind aller sogenannten Systeme war. Die Natur kümmert sich nicht um derartigen menschlichen Schubfachkram; sie geht ihren eigenen Weg. Ich habe nichts weiter gethan, als was alle besseren Aerzte seit Hippokrates thaten! die Natur beobachtet und die so gewonnenen Resultate nach dem Beispiele meiner Lehrer, eines Esquirol, Ideler, Pinel, Martini u. s. w. auf die Geisteskranken angewendet. Dadurch bin ich allerdings zu überraschend günstigen Resultaten gelangt, von denen Du Dich noch heute überzeugen wirst. Du bleibst natürlich hier und bist mein Gast. Ich gebe nämlich diesen Abend einen Ball, zu dem Du hiermit feierlichst eingeladen wirst.“

„Und ich nehme Deine Einladung an; doch zuvor möchte ich gern Deine Pflegebefohlenen sehen.“

„Dazu haben wir ein andermal Zeit, wenn ich die Abendvisite abhalte. Augenblicklich bin ich durch Verwaltungsgeschäfte dermaßen in Anspruch genommen, daß Du mich entschuldigen mußt. Ich habe Rechnungen durchzusehen, Briefe und Eingaben zu beantworten, kurz, eine ganze Last von Arbeiten, die mit einem so großen Institute natürlich verbunden sind, und die ich beim besten Willen nicht aufschieben kann. Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich Dich jetzt verlasse.“

„Gewiß nicht; mit einem alten Freunde brauchst Du keine Umstände zu machen.“

„Und auf den Abend sehen wir uns wieder; vergiß nur nicht, Deine Tanzstiefel zu schmieren, Du warst wenigstens früher ein flotter Tänzer auf der Universität.“

„Ich hoffe auch jetzt noch mit Ehren zu bestehen.“

„Das ist mir lieb, und nun auf baldiges Wiedersehen.“

Ich verließ das Irrenhaus vorläufig in einer ganz anderen Stimmung, als ich erwartet hatte; ich war in der Absicht gekommen, meine Kenntnisse zu bereichern, das dunkle Gebiet der psychologischen Krankheiten an der Hand eines kundigen Führers zu betreten, den Wahnsinn in allen seinen Graden und Abstufungen, vom stumpfen Blödsinn bis zur rasenden Wuth zu sehen, und erhielt statt dessen eine Einladung zu einem Balle. War das nicht eine bittere Ironie des Zufalls, wenn nicht gar die Absicht dahinter steckte, mich für meine zudringliche Neugierde auf diese feine Weise zu bestrafen. Mein Freund war mir von früher bei all seiner Wissenschaftlichkeit als ein loser Spottvogel bekannt, und ein kleiner Hang zur Satire war ihm ganz besonders eigen. Trotz dieser Bedenklichkeiten schien mir seine Einladung doch mit so vielem Ernste vorgebracht, daß ich keinen Anstand hatte, dieselbe eben so zu nehmen und ihr unbedingt Folge zu leisten. Zum Glück führte ich in meinem Felleisen den für solche Gelegenheiten unvermeidlichen Leibrock und die ebenso unvermeidliche weiße Weste. Mit Hülfe dieser Kleidungsstücke versetzte ich mich in das gebräuchliche, schwarzweiße Ballcostüm, womit ich, in Anbetracht, daß ich eigentlich nur ein Reisender war, alle Ehre einzulegen hoffte.

Schneller, als ich gedacht, kam der Abend heran, und ich begab mich, meiner Einladung folgend, wieder in das Irreninstitut. Diesmal wurde ich von dem alten Portier überaus freundlich nach einem großen Saale gewiesen, wo sich die Gesellschaft bereits versammelte. Ich wunderte mich, den eigentlichen Wirth des Hauses, meinen Freund, hier noch nicht anzutreffen; er wurde, wie man mir sagte, durch einige dringende und unvorhergesehene Berufsgeschäfte abgehalten. An seiner Stelle empfing mich ein junger Mann mit großer Höflichkeit, der mir einer der Assistenzärzte der Anstalt zu sein schien. Er machte mit vielem Anstande die Honneurs, und bald befand ich mich mit ihm und noch einigen der anwesenden Gäste in ein unterhaltendes Gespräch verwickelt. Ich bewunderte in der That den Scharfsinn meines neuen Bekannten, der außerdem keine geringe Bildung und die gediegensten Kenntnisse entwickelte. Er war mit den neuesten Entdeckungen der Chemie und Physiologie ganz vertraut, und nie glaubte ich eine lichtvollere Auseinandersetzung dieser wissenschaftlichen Probleme gehört zu haben, was mich um so mehr in dem Wahn bestärkte, einen philosophisch gebildeten Mediciner vor mir zu sehen. Wie geistreich behandelte er seine von ihm aufgestellten, oft nur zu paradox klingenden Ideen, wie scharf und treffend war sein Urtheil und mit welcher Begeisterung sprach er von seinen Studien! Seine Wangen rötheten sich, sein Auge glänzte, in einem ungewöhnlichen Feuer strahlend, und sein ganzes Gesicht gewann dann einen leidenschaftlichen Ausdruck. So konnte nur ein Mann reden, der von seinem Stoff ganz erfüllt, dem es einzig und allein um die Wahrheit zu thun war. Die Zuhörer verriethen auch einen hohen Grad von Aufmerksamkeit und folgten mit sichtbarer Spannung, wie ich selber, seinem genialen Vortrage, den ich allerdings am wenigsten in einer Ballgesellschaft zu vernehmen hoffte.

„Alle diese Fortschritte,“ sagte der junge Mann am Schlusse seiner Rede, „alle diese neuen Entdeckungen der Wissenschaft sind jedoch nur von vorübergehendem Werthe und nehmen nur eine untergeordnete Stelle ein gegen meine jüngste Erfindung auf dem Gebiete der Chemie. Es ist mir nämlich nach unendlicher Mühe gelungen, die atmosphärische Luft zu versteinern. Ich kann, unter uns gesagt, auch aus Kohlenstoff Demanten machen. Ich habe sogar schon welche gemacht und ich könnte Ihnen die nöthigen Proben liefern. Leider fürchte ich, daß Sie mir nicht glauben werden, das ist das Schicksal aller Erfinder, man verachtet und verspottet sie.“

Damit entfernte sich der junge Mann, um einige eintretende Damen zu begrüßen. Ich wußte wirklich nicht, was ich von ihm nach einer solchen Rede denken sollte, und hielt das Ganze lediglich für einen Scherz, für eine ironische Mystification. Ich äußerte diese Meinung vor einem der Herren, der, wie ich, seiner Auseinandersetzung beigewohnt hatte.

„Das kann doch nicht im Ernst die Meinung dieses jungen Gelehrten sein?“

„Doch,“ entgegnete mein Nachbar. „Er glaubt wirklich, daß er die Luft zu versteinern weiß.“

„Mein Gott!“ rief ich erschrocken aus. „Der Herr ist doch nicht etwa ein Bewohner dieser Anstalt?“

Der Gefragte ließ mich umsonst auf eine Antwort warten; er starrte mich mit einem eigenthümlichen Lächeln an, zuckte mit den Achseln und ließ mich voll Verwunderung stehen. Diese Unhöflichkeit setzte mich in ein noch größeres Erstaunen, aber schien mir wiederum erklärlich, da das Orchester so eben die Polonaise anstimmte und mein Nachbar wahrscheinlich irgend eine von ihm engagirte Dame suchte.

Das schöne Geschlecht war ebenfalls zahlreich vertreten; ich bemerkte darunter reizende Erscheinungen, einige junge Mädchen mit rosigen Wangen, feurigen Blicken und herrlichen Taillen. Allerdings gab es auch hier viele verblühte Schönheiten, nervöse Frauen, deren bleiche Gesichter, gelblicher Teint und erloschene Augen die Modekrankheit unseres Zeitalters errathen ließen. Ja die Zahl solcher Leidenden schien mir vorzuwiegen, obgleich ich auch unter diesen einige Damen zu bemerken hatte, welche sich durch eine gewisse Feinheit und den geistigen Adel ihrer Gesichtszüge auszeichneten. – Besonders interessirte mich eine bleiche Schönheit mit blassen Wangen und dunkelschwarzem Haar, das glatt und glänzend sich an die hohe, vielen Verstand verrathende Stirn anschmiegte. Ein [250] unendlicher Zauber umgab die ganze Gestalt, deren melancholisch sanftes Auge von brauner Farbe eine magnetische Anziehungskraft auf mich ausübte. Ich habe nie wieder in meinem späteren Leben einen ähnlich seelenvollen Blick gesehen; so stellte ich mir das Auge der heiligen Märtyrer im Momente ihrer Verzückung oder Verklärung vor; bald erschien mir dieser Blick wie die stille Klage der unerfüllten Sehnsucht, bald wie die demüthige Ergebung in einen höheren Willen; er schien nicht mehr der Erde, sondern mir noch dem Himmel anzugehören, ein heiliges Mysterium zu verhüllen. Wunderbar von diesem geheimnißvollen Blicke angegangen, näherte ich mich der Frau, die trotz ihres bleichen Aussehens mehr Reize für mich hatte, als all’ die blühenden Mädchengestalten, denen ich bisher begegnet war. Endlich stand ich ganz in ihrer Nähe und wagte, sie zu der Polonaise zu engagiren, selbst auf die Gefahr hin, einen Korb zu bekommen, da ich ihr nicht vorgestellt war. Zu meiner Verwunderung nahm sie mein Anerbieten an und ich war schon eitel genug, dieses Glück meiner Kühnheit und von der Natur nicht ganz vernachlässigten Persönlichkeit zuzuschreiben.

Man kann sich denken, daß ich meinen ganzen Geist und all’ die mir zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit aufbot, um meine Tänzerin zu unterhalten. Sie hörte mir auch anscheinend mit der größten Aufmerksamkeit zu und ich schmeichelte mir, bereits einen bedeutenden Eindruck auf sie oder gar auf ihr Herz gemacht zu haben, aber so sehr ich mich auch bemühte, eine entsprechende Antwort auf meine Fragen zu erhalten, so mißlang mir jeder derartige Versuch. Nur mit Mühe und Noth entpreßte ich ihr ein trockenes „Nein“ oder ein eben so trockenes „Ja“; im Uebrigen setzte sie meinen geistreichsten Reden ein eben so hartnäckiges als beleidigendes Stillschweigen entgegen. Ich konnte mir nicht denken, daß eine Frau mit solchen Augen keinen Geist besitzen sollte; deshalb stellte ich ihr Verstummen auf Rechnung einer kleinen weiblichen Rache, um mich für meine Zudringlichkeit zu strafen. Meine Eitelkeit erhielt dadurch einen neuen Sporn und ich setzte alle Schleußen meiner Beredsamkeit in Bewegung, um ihr Stillschweigen zu brechen und endlich ihren feinen, geistreichen Lippen ein interessantes Wort oder ein zustimmendes Lächeln abzugewinnen. Vergebliche Mühe, alle meine Anstrengungen waren umsonst; ich verzweifelte zum ersten Male vielleicht in meinem Leben einer Dame gegenüber; ich fühlte mich vernichtet und vollkommen gedemüthigt. Mit mehr Ungeduld, als ich anfänglich mir vorgestellt hatte, erwartete ich das Ende der Polonaise, welche mir eine Ewigkeit zu dauern schien. Sobald der letzte Takt verhallt war, führte ich meine stumme Schöne oder schöne Stumme zu ihrem Platze zurück, noch einmal um Entschuldigung für meine Zudringlichkeit bittend; sie sah mich nur mit ihren wunderbaren Augen an, ohne eine Sylbe mir zu antworten. O, es war zum Verzweifeln! Auch hier schien es mir nur auf eine Mystification abgesehen. – Als ich mich umwendete, entdeckte ich endlich meinen Freund, den Director, der mir sogleich entgegenkam.

„Verzeihe nur,“ sagte er, „daß ich Dich dem Zufalle überlassen mußte und Dich nicht selbst empfangen konnte; aber ein Arzt ist selten Herr seiner Zeit. Wie ich sehe, hast Du bereits Dich bekannt gemacht und sogar getanzt.“

„Sage mir, wer war meine Tänzerin? Du kennst sie gewiß.“

„Dort die Dame mit den schönen Augen? Baronin von Eichenhof.“

„Ganz recht; ich wollte Dich nur fragen –“

Aber ehe ich noch meine Frage stellen konnte, war der Director mir entführt und ich gerade so klug, als zuvor. Ich wußte wirklich nicht, ob ich meinen Freund mehr beneiden oder mehr bedauern sollte. Nie habe ich in einer Gesellschaft einen Wirth getroffen, der mehr von seinen Gästen in Anspruch genommen wurde, als er. Jeder wollte mit ihm reden, wenigstens ein Wort aus seinem Munde hören; Alles drängte sich um ihn; man suchte ihn für sich zu fesseln und ihn ausschließlich fest zu halten. Es fand ein förmlicher Wettkampf um seine Person statt und besonders die Damen schienen seinetwegen förmlich auf einander eifersüchtig zu fein. Ich freute mich über eine solche Beliebtheit, obgleich ich selbst darunter zu leiden hatte, da ich nur selten und im Fluge meinen Freund zu sehen bekam; an Sprechen war unter solchen Umständen gar nicht zu denken. Aus demselben Grunde mußte ich also auf die Befriedigung meiner Neugierde verzichten und mich vorläufig nur mit dem Namen der stummen Baronin mit den schönen Augen begnügen.

Noch ganz niedergebeugt von meiner ersten Niederlage, ließ ich den nächsten Tanz vorübergehen und suchte Unterhaltung im Nebenzimmer, wo einige Spieltische aufgestellt waren. Als Zuschauer nahm ich Antheil an einer Wisthpartie, welche von zwei Herren und einer Frau gespielt wurde. Niemals waren mir ähnliche Spieler vorgekommen; jedes von ihnen schien mir ein seltenes Original zu sein. So oft die schon ältliche Dame Karten gab und zufällig Coeur Trumpf wurde, stieß sie ein schallendes krampfhaftes Gelächter aus, worauf sie im halbleisen Tone nach einer eigenen Melodie die Worte sang: „Herzen macht Schmerzen, Pique aber froh,“ wozu sie mit dem Kopfe und ihrer schon aus der Mode gekommenen hohen Frisur in ganz seltsamer Weise wackelte. Auch die beiden Herren hatten ihre besonderen Angewohnheiten, wie man sie jedoch zuweilen bei alten Spielern findet. Wenn der Erste ausspielte, warf ihm stets der Zweite einen wüthenden Blick zu und meist blieb es nicht nur bei bloßen Blicken, sondern es wurden auch allerlei scharfe, anzügliche Redensarten von ihm vorgebracht und zuletzt die Karten auf den Tisch geworfen, ohne Rücksicht auf die Gegenwart der Dame zu nehmen. Diese Heftigkeit des Einen bildete in der That einen komischen Contrast zu der fast phlegmatischen Sanftmuth des Andern, der für den aufbrausenden Zorn seines Gegners nur ein stumpfes Lächeln und seine Tabaksdose hatte, aus der er bei jedem neuen Wuthanfall des Tyrannen eine Prise mit den eintönigen Worten nahm: „Contenance, nur immer Contenance, Patience und immer Patience.“

Zuletzt ermüdete mich dies einförmige Schauspiel und ich kehrte wieder in den Saal zurück, wo einige Erfrischungen herumgereicht wurden. Dort in einer Ecke stand der junge Chemiker, der Entdecker der versteinerten Luft, und schien sich lebhaft mit der Analyse eines Glases Mandelmilch zu unterhalten, während meine Tänzerin mit ihren bezaubernden Augen die Decke anstarrend einen Löffel Ananaseis zwischen ihren zarten Lippen schmelzen ließ. Der Bediente näherte sich auch mir mit dem Präsentirteller und bot mir einige Erfrischungen an, für die ich ihm dankte.

„Warum nehmen Sie denn nichts?“ fragte mich ein feingekleideter Herr, der mir eine große Sorgfalt auf seine Toilette verwendet zu haben schien; „warum nehmen Sie denn nichts?“ wiederholte er in verwundertem und, wie es mir vorkommen wollte, gebieterischem Tone.

„Ich danke, da ich weder Hunger noch Durst verspüre,“ entgegnete ich ablehnend.

„Sie müssen aber essen und Sie sollen trinken. Ich befehle es Ihnen!“ herrschte er mir mit hochmüthiger Geberde zu.

„Mein Herr, der Scherz geht zu weit!“

„Wer sagt Ihnen, daß ich scherze! Wissen Sie, mit Wem Sie sprechen!“

„Zwar habe ich nicht die Ehre, aber jedenfalls sind Sie so gut wie ich hier ein Gast des Directors.“

„Ich ein Gast? Lächerlich! Ich bin der Kaiser Napoleon, der Beherrscher der ganzen Welt.“

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Daß ich mich in einer Irrenanstalt befand, daß dieser Ball nur ein geistreiches Experiment meines Freundes war, wurde mir nun mit einem Male klar. Die meisten der eingeladenen Gäste mußten demnach Wahnsinnige sein und ich empfand jenes eigenthümliche Grauen, das mehr oder minder uns die Nähe von Geisteskranken einzuflößen pflegt. Jetzt konnte ich mir sowohl die seltsamen Reden des jungen Gelehrten wie die Apathie der Baronin deuten, der erste war ein überstudirter Schwärmer und die Dame eine beginnende Blödsinnige, trotz ihrer herrlichen Augen. – Ich eilte, um meinen Freund aufzusuchen und ihn wegen seiner Mystification einigermaßen zur Rede zu stellen. Bevor ich jedoch meinen Vorsatz ausführen konnte, trat mir wiederum eine neue Erscheinung entgegen, welche ganz und gar meine Aufmerksamkeit und Theilnahme in Anspruch nahm. Unter dem Schwarme, der sich mir entgegenstellte, begegnete ich unvermuthet einem bekannten Gesichte. Es war der Regierungsassessor Feldern, mit dem ich längere Zeit in einer Stadt und in naher Berührung gelebt hatte. Ich hatte in ihm einen eben so biederen Charakter als ausgezeichneten Kopf achten und schätzen gelernt; nur unsere verschiedene Berufsthätigkeit verhinderte, uns noch enger aneinander zu schließen. Seit seiner Versetzung hatte ich nichts von ihm direct gehört, nur zufällig erfuhr ich, daß er verheirathet und Vater eines oder mehrerer Kinder war. Ich erkannte ihn sogleich und seine Anwesenheit an diesem Orte erfüllte mich mit Trauer, da ich dieselbe nicht mit Unrecht einer geistigen [251] Krankheit zuschrieb. Auch er schien mich erkannt zu haben, denn er näherte sich mir und reichte mir seine ausgestreckte Hand.

„Armer Feldern!“ dachte ich im stillen. „Auch Du bist den finsteren Mächten verfallen.“

Meine Bemerkung mußte ihm nicht entgangen sein, denn er sah mich mit dem mißtrauischen, forschenden Blicke an, den man meist bei Wahnsinnigen anzutreffen pflegt.

„Mein Gott!“ rief er mir zu, „wie kommen Sie denn hierher? – Ich habe Sie früher doch nie bemerkt.“

„Natürlich, da ich erst seit heute hier bin.“

„Sie bleiben und ich gehe. O! ich bedauere Sie von ganzem Herzen, obgleich Sie hier in jeder Beziehung vortrefflich aufgehoben sind. Der Director ist der trefflichste Arzt, den ich kenne, und er wird Sie ohne Zweifel wieder herstellen. Ich verdanke ihm meine vollständige Genesung.“

„Was fällt Ihnen ein? Ich bin ja gar nicht krank,“ rief ich, bei dem bloßen Gedanken schon von Entsetzen ergriffen.

„Sie sprechen gerade so, wie ich im Anfange gesprochen habe. Das ist ein gewöhnliches Symptom, das man bei jedem Neuangekommenen Patienten findet. Bevor man nicht zu dem Bewußtsein seines Wahnes gelangt, eher ist auch keine Heilung möglich. Fragen Sie den guten Director, dort kommt er, mein Retter, mein edler Wohlthäter.“

Das war mir doch zu toll, daß ich von Feldern für toll gehalten wurde. Indeß bedurfte es nur einiger Worte meines Freundes, um dieses Mißverständniß sogleich aufzuklären. Er entschuldigte sich mit seinem gewöhnlichen satirischen und doch wieder so gutmüthigen Lächeln wegen der kleinen Ueberraschung, die er mir zugedacht hatte.

„Ich wollte Dir einen praktischen Cursus meiner neuen Methode zeigen. Die früheren Irrenärzte wirkten durch Drohungen und Schrecken, wir durch Milde und Freude. Schon die Alten suchten den Wahnsinn durch Musik zu heilen und ich glaube, daß sie auf dem richtigen Wege waren. Der gesunde, wie der kranke Mensch bedarf der Liebe; sie allein thut Wunder. So manche Regierung würde ganz wohl daran thun, ein Collegium über Geisteskrankheiten und deren Behandlung zu hören; sie würde zu der Ueberzeugung gelangen, daß weit mehr durch Nachsicht und Milde als durch Strenge und Tyrannei sich wirken und erzielen läßt. Dir aber, dem Denker und Philosophen, gönne ich auch die Dir heut zu Theil gewordene Lehre, daß die Kluft zwischen uns und den armen Geisteskranken keineswegs so groß ist, wie wir uns in unserer Eitelkeit einbilden. Du hast die Wahnsinnigen für vernünftige Wesen angesehen und Du selbst bist von Andern für wahnsinnig gehalten worden. Hoffentlich wirst Du mir nicht deshalb zürnen.“

Er reichte mir die Hand mit seiner alten Herzlichkeit hin, so daß ich nicht böse sein konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte. Hierauf wandte er sich zu Feldern, den scherzhaften Ton zum Ernst umstimmend.

„Sie sind genesen und ich kann Sie schon morgen entlassen.“

„Tausend Dank für diese Nachricht!“ rief der Glückliche mit strahlenden Blicken.

„Es handelt sich nur darum, Sie vor der Möglichkeit eines Rückfalls zu bewahren. Wenn Sie noch einige Wochen bei uns bleiben wollen, so bürge ich für Ihre fernere Lebenszeit.“

„So werde ich bleiben,“ sagte Feldern, indem Thränen seinen Augen entstürzten. „Ich hatte mich allerdings darauf gefreut, meine gute Frau und meine Kinder in einigen Tagen wiederzusehen; aber Ihr Ausspruch allein ist für mich entscheidend.“

„So ist es Recht,“ erwiderte der Director; „aber Ihre Frau und Ihre Kinder sollen Sie deshalb doch sehen. Sie sind hier, um Sie abzuholen. Nach dieser Probe ist kein Rückfall mehr zu befürchten. Morgen reisen Sie mit Gott.“

In demselben Augenblicke öffnete sich der herumstehende Kreis und eine Dame mit zwei blühenden Kindern umarmte den überraschten Feldern, der nicht wußte, wie ihm geschah. Sein Auge füllte sich mit Thränen und auch der Blick des Directors, der an solche Scenen gewöhnt war, wurde feucht, als der jüngste Knabe von vier Jahren Feldern mit kindlicher Stimme zurief:

„Papa! Du darfst nicht weinen; ich will ja artig sein.“

Die übrigen Geisteskranken nahmen mehr oder minder an dem frohen Ereignisse dieser Familie Antheil; auf Alle schien der günstige Fall einen wohlthätigen Eindruck gemacht zu haben; sie dachten wohl dabei an die eigene Genesung und an die baldige Vereinigung mit den Ihrigen, obgleich auch nicht ein Einziger von ihnen den Wunsch aussprach, vor der Zeit die Anstalt zu verlassen. – Mit neuer Lust kehrten die Meisten zu ihrem Vergnügen zurück und der Ball hatte nach dieser angenehmen Unterbrechung seinen ungestörten Fortgang. Auch ich genoß jetzt mit anderen Gefühlen das außerordentliche Schauspiel, welches mir hier geboten wurde. Nicht die geringste Störung trübte das in seiner Art seltene Fest. Der Geist des Directors übte einen unsichtbaren, magnetischen Einfluß auf alle Anwesenden aus, sie sahen in Gedanken nur auf ihn und hatten nur das eine Streben, seine Zufriedenheit zu erlangen. So herrschte er mit einer Allgewalt, wie sie kein Fürst auf dieser Welt besitzt, lediglich durch seinen Geist und seine Liebe, die er zu der leidenden Menschheit trug und in ihr hervorzurufen wußte; denn nur die Liebe weckt Gegenliebe; sie vollbringt die größten Wunder und vermag noch mehr, wie der Glaube, Berge zu versetzen und selbst die armen Geisteskranken in vernünftige Wesen umzuschaffen. –

Max Ring.