Edison und sein Phonograph

Textdaten
<<< >>>
Autor: G. van Muyden
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Edison und sein Phonograph
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 732–734
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[732]
Edison und sein Phonograph.

Es ist eine eigenartige Erscheinung in der Geschichte des technischen Fortschritts, daß die große Menge die Verdienste mancher Männer, man möchte sagen, geflissentlich übersieht, andern Männern dagegen alle möglichen Erfindungen zuschreibt, an denen sie so unschuldig sind wie neugeborene Kinder. Unter hundert Menschen ist, selbst in Deutschland, vielleicht kaum einer, der da weiß, daß Philipp Reis der eigentliche Erfinder des Fernsprechers (vgl. „Gartenlaube“ 1886, S. 254) und der Anatom und Physiolog Samuel Thomas von Soemmerring, † 1830 in Frankfurt a. M. (vergl. „Gartenlaube“ 1864, S. 318), der geistige Vater des elektrischen Telegraphen ist. Der Schreibtelegraph wird zumeist dem Amerikaner Morse zugeschrieben, während der Deutsche Steinheil ihn erfand (vergl. „Gartenlaube“ 1887, S. 605). Den Fernsprecher schreibt man aber Edison auf Rechnung, wobei abgesehen von Philipp Reis noch einem Landsmann des „Erfinders von Menlo-Park“, Graham Bell, insofern bitter Unrecht geschieht, als dieser dem Fernsprecher in der Hauptsache die jetzige praktische Gestalt gegeben hat.

Woher jene Erscheinung, jene bittere Ungerechtigkeit der Menge gegen eine Anzahl hochverdienter Männer? Vielleicht kommt sie daher, daß diese Männer ihre Verdienste nicht ins rechte Licht zu setzen verstanden? Vielleicht ist auch jene Ungerechtigkeit auf eine gewisse Trägheit zurückzuführen? Ist es doch weit bequemer und leichter, sich einen Namen zu merken, als eine ganze Reihe.

So ist es gekommen, daß das Publikum ohne weiteres Edison alles aufzupacken pflegt, was auf dem weiten Gebiete der Elektrotechnik geschieht, etwa wie die Engländer dem in Großbritannien naturalisirten Wilhelm Siemens die weltbewegenden Erfindungen seiner Brüder Werner und Friedrich zuschreiben. In Wahrheit hat Edison an dem Fernsprecher einen nur sehr geringen Antheil – er erfand nur den ersten Kohlen-Heber, welcher aber durch das Mikrophon längst verdrängt ist, sowie ein wenig verbreitetes lautsprechendes Telephon. Viel weniger bestreitbar sind dagegen Edisons Verdienste um das elektrische Glühlicht. Allerdings veröffentlichte der Franzose Sidot bereits 1870 in den Denkschriften der Pariser „Akademie der Wissenschaften“ eine Beschreibung der Glühlampe; allerdings haben Swan und andere zur Vervollkommnung dieser weltbewegenden Erfindung wesentlich beigetragen und wurde der Antheil des eben Genannten an der Sache von den englischen Gerichten ausdrücklich anerkannt. Doch vermag dies alles die Thatsache nicht zu verdunkeln, daß Edison der Glühlampe zuerst die praktische Gestaltung gab und ihr damit zum Siege verhalf (vergl. „Gartenlaube“ 1880, S. 81). Wer es gesehen, welche unendliche Sorgfalt namentlich die Bereitung der lichttragenden Kohlenfäden in den Glühlampen und das Luftleererhalten der niedlichen Glasbirnen erheischt, und wer da weiß, daß diese Errungenschaften im wesentlichen auf Edison zurückzuführen sind, wird dem genialen Amerikaner schon daraufhin einen der ersten Plätze in der Ruhmeshalle der Erfinder anweisen und ihn zu den größten Wohlthätern der Menschheit zählen.

Merkwürdigerweise scheint Edison auf die Ausgestaltung des Glühlichts, welchem er doch hauptsächlich seinen Ruhm und auch seine Millionen verdankt, weniger zu geben, als auf ein etwas ungerathenes Kind seines erfinderischen Genies, welches in letzter Zeit, besonders aus Anlaß der ersten europäischen Reise des „Erfinders von Menlo-Park“ in aller Munde war. Wir meinen den Phonographen oder „Stimmschreiber“, jenen vielbewunderten und allerdings an sich in hohem Grade bewunderungswürdigen Apparat, welcher die Stimme des Menschen, wie überhaupt jedes Geräusch verzeichnet und hierauf, so oft man es begehrt, „phonographisch getreu“ wiedergiebt.

Mit dem Phonographen trat Edison zuerst 1877 auf (vergl. „Gartenlaube“ 1878, S. 169 und S. 464). Der erste Apparat war jedoch so mangelhaft, daß das Ansehen des Erfinders bei den Fachleuten und einem Theil des Publikums dadurch einen bedenklichen Stoß erhielt. Durch diesen Mißerfolg ließ sich aber der Vater des Glühlichts keineswegs entmuthigen. Er hat vielmehr seitdem unablässig an der Vervollkommnung seines Stimmschreibers gearbeitet, und das Ergebniß des heißen Kampfes liegt nunmehr in einem wissenschaftlich nahezu vollkommenen, praktisch allerdings noch an manchen Mängeln leidenden Apparate vor, welchen wir unseren Lesern heute im Bilde vorführen.

Dem Grundsatze getreu, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, müssen wir hier eine Einschaltung machen und der Wahrheit gemäß berichten, daß Edison keineswegs als der alleinige Urheber des jetzigen Phonographen anzusehen ist. Kurz bevor er mit dem verbesserten Apparat auftrat, wurde bekannt, daß ein Deutsch-Amerikaner, Emil Berliner, andererseits aber ein Vollblut- Yankee Namens Tainter „Stimmschreiber“ erfunden hatten, welche sie mit den griechischen Namen „Grammophon“ bezw. „Graphophon“ belegten. Mit dem Apparat von Berliner, dessen Urheber hauptsächlich die galvanoplastische Vervielfältigung der Phonogramme, die sogenannte Phonogravüre, im Auge gehabt zu haben scheint, haben wir uns hier nicht zu befassen, wohl aber mit dem Graphophon, auf welches Tainter bereits 1886 ein Patent erhielt. Den Forschungen Tainters haben wir es nämlich zum guten Theil zu verdanken, daß der Phonograph leistungsfähig geworden ist. Zur Aufspeicherung der Laute bediente sich Edison ursprünglich einer Zinnfolie, Tainter überzog dagegen seine Walzen mit einer Schicht durch einen Zusatz von Paraffin gehärteten Bienenwachses. Die Zinnfolie erwies sich aber als unbrauchbar, und Edison war genöthigt, seinem Mitbewerber Tainter das Recht zur Benutzung des Wachsüberzugs abzukaufen. Andererseits aber war es Tainter nicht gelungen, mit seinem Graphophon Töne naturgetreu wiederzugeben, und es war Edison vorbehalten, diese letztere, sehr bedeutende Schwierigkeit zu überwinden. So ergänzen beide Forscher einander.

Das Princip des Apparates ist nun folgendes: Unter der Einwirkung des Schalles, also z. B. der menschlichen Stimme, [733] welche durch das rechts in der Abbildung dargestellte Sprachrohr zu dem Apparat geleitet wird, schwingt ein äußerst dünnes Häutchen, dessen Schwingungen auf einen Stift übertragen werden. Dieser gräbt in die Wachsschicht der sich vermittelst eines kleinen Elektromotors mit gleichmäßiger Geschwindigkeit drehenden Walze (in der Abbildung der weiße Cylinder; vorräthige derartige Cylinder stehen links unten) eine Furche, deren Tiefe der Stärke der Schwingungen entspricht. Soll umgekehrt der Phonograph die aufgespeicherten Schallwellen wieder von sich geben, so zieht sich der Stift durch die Furchen und überträgt seine auf- und abgehenden Bewegungen auf das Häutchen, welches dadurch in Schwingungen versetzt wird, die den ursprünglichen genau entsprechen. Legt man nun eines von den in der Abbildung sichtbaren dünnen Höhrrohren ans Ohr, so vernimmt man eine vollständig getreue Wiederholung der Töne, welche der Stift in den Wachscylinder eingekritzelt hat.

Die übrigen Vorrichtungen, welche auf unserer Abbildung sichtbar sind, haben den Zweck, die regelmäßige Drehung und die Seitwärtsbewegung der Walze zu sichern.

Die Gartenlaube (1889) b 733 1.jpg

Thomas Alwa Edison.

Etwas Sinnreicheres läßt sich kaum denken, und wer eine phonographische Vorstellung veranstaltet, ist eines völligen Erfolges sicher. Ganz anders verhält sich aber die Sache, sobald man den Phonographen auf seine praktische Brauchbarkeit hin prüft. Offen gestanden, wir glauben an diese Brauchbarkeit kaum, es sei denn, daß das Edisonsche Schoßkind nach drei Seiten hin bedeutende Verbesserungen erfährt.

Ein Hinderniß gegen die Einbürgerung des Apparates liegt in seinem hohen Preise. Er kostet nämlich über 500 Mark. Wünschen also zwei entfernt lebende Personen den Briefwechsel durch Phonogramme zu ersetzen, indem sie ihre Mittheilungen in einen Phonographen hineinsprechen und die „beschriebene“ Walze dem andern übersenden, so hat die Erfüllung dieses Wunsches eine Ausgabe von mindestens 1000 Mark zur Voraussetzung. Wie viele können sich jedoch eine solche Ausgabe leisten? Was aber die kaufmännischen Geschäfte anbelangt, auf welche doch in erster Linie zu rechnen wäre, so ist ihnen mit der getreuen Wiedergabe der Stimme der mit der Korrespondenz betrauten Gehilfen wenig gedient. Viel lieber ist dem Principal sicherlich ein von seinem Geschäftsfreund unterschriebener altmodischer Brief.

Ferner bietet die Walze nur Raum für etwa 200 Worte, das heißt so viel, wir müssen auf die phonographische Wiedergabe längerer Reden, Musikstücke etc. verzichten. Allerdings kann man stets neue Walzen einsetzen, doch entsteht dadurch eine Lücke, es sei denn, daß der Redner oder der Sänger so gefällig ist, gerade dann einen Augenblick innezuhalten.

Die Gartenlaube (1889) b 733 2.jpg

Der Phonograph.

Endlich, und das ist wohl der Hauptübelstand, verzeichnet der Phonograph nur ziemlich starke Geräusche, obenein durch Vermittelung eines Schalltrichters, und seine Stimme ist nur vernehmbar, wenn man das mit dem Häutchen verbundene Hörrohr ans Ohr hält.

Doch werden diese Uebelstände sicherlich in absehbarer Zeit beseitigt. Ist namentlich der letztgenannte behoben, so dürfte dem Phonographen eine sehr wichtige Rolle als Ergänzung des Fernsprechers zufallen. Er könnte, mit diesem in Verbindung gesetzt, die telephonischen Gespräche fixiren und damit einen Hauptfehler des Fernsprechers beseitigen, den nämlich, daß die Unterredungen keine Spur hinterlassen, es sei denn, daß man sie stenographirt. Ist der Phonograph erst empfindlicher, so wäre auch der Fall denkbar, daß z. B. ein Schriftsteller seine Gedanken dem Phonographen diktirt, das Phonogramm in die Druckerei wandert und dort seinen Inhalt dem Setzer zuflüstert. Die Sache erscheint insofern schon durchführbar, als der Empfänger der phonographischen Botschaft es in der Hand hat, den Lauf des Apparates zu hemmen, in dem „Ableiern“ Pausen eintreten zu lassen. – Es erübrigt noch ein Blick auf die sonstigen Erfindungen Edisons sowie auf das Leben des hervorragenden Mannes.

Vor einigen Jahren trat Edison mit einem laut sprechenden Telephon sowie mit einem sogenannten Zugtelegraphen auf, das heißt einem Apparate, welcher die Verbindung eines fahrenden Zuges mit der nächsten Station und umgekehrt gestattet. Beide Erfindungen haben sich jedoch bisher unseres Wissens nicht [734] einbürgern können. Wird der von der Abschußstelle aus zu lenkende Torpedo ein besseres Schicksal haben, den Edison im Verein mit Sims erfunden hat? Darüber fehlt es an zuverlässigen Nachrichten. Bisher sind solche lenkbare Torpedos nur in England zur Einführung gelangt.

Edison hat sich auch mit dem größten Problem der Jetztzeit, der unmittelbaren Erzeugung der Elektricität aus der Verbrennungswärme der Kohle, eingehend beschäftigt. Er trat vor einigen Jahren mit einem Ofen auf, welcher dieses Problem allerdings zum Theil löst; jedoch fehlt noch viel daran, daß der Apparat ökonomisch arbeitet und damit gewerblich verwerthbar wird. Seitdem ruht die Sache anscheinend ganz. Vielleicht nimmt Edison sie, nachdem der Phonograph zustande gekommen ist, wieder auf und liefert etwas Brauchbares. Er ist noch jung und bereitet uns sicherlich noch manche Ueberraschungen, falls ihn das angestrengte Arbeiten nicht vorzeitig aufreibt.

Thomas Alwa Edison wurde 1847 im Staate Ohio geboren und erhielt von seiner Mutter nur den nothdürftigsten Unterricht. Frühzeitig mußte er sich seinen Lebensunterhalt selbst erwerben. Seine riesige Arbeitskraft und erstaunliche Bedürfnißlosigkeit sind eine Errungenschaft dieser harten Lebenstage. Er trat als Zeitungsjunge bei einer Eisenbahn seiner engeren Heimath ein und gründete, erst zwölf Jahre alt, eine Zeitung, den „Grand Trunk Herald“, die er mit solchen Nachrichten füllte, welche die Reisenden der Bahn interessiren konnten. Die Zeitung druckte er selbst in einem Winkel des Packwagens mit einer alten Presse und alten Schriften, die er billig gekauft hatte. Nebenbei studierte er in dem Winkel eifrig Chemie und Physik. Als er aber beim Experimentieren einmal den Wagen in Brand gesteckt hatte, wurde er entlassen. Edison trat alsdann als Telegraphist bei dem Telegraphenamt in Port-Huron ein, vervollständigte dort seine Kenntnisse und konnte endlich 1868 in Boston die erste elektrische Werkstätte eröffnen. Nachdem er sodann in den Dienst der „Western Union Telegraph Company“ getreten war, errichtete er in Newark eine Telegraphenbauanstalt, die sich besonders mit dem Bau von Börsentelegraphen befaßte.

Bald hatte er es hier so weit gebracht, daß er seine Stellung aufgeben und das berühmter gewordene Laboratorium in Menlopark eröffnen konnte, von welchem seine epochemachenden Erfindungen ausgegangen sind. Kürzlich hat er jedoch diesen Wohnsitz verlassen und in Orange eine umfangreiche Fabrik errichtet, wo er sich angeblich vor allem der Herstellung von Phonographen widmen will. G. van Muyden.