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Die Geschichte der deutschen Telegraphie

Textdaten
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Titel: Die Geschichte der deutschen Telegraphie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 318–320
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Geschichte der deutschen Telegraphie.

C’est une idée germanique!“ sagte am 5. November 1809 Napoleon I. zu seinem Leibarzt, dem Baron Jean Dominique Larrey, als dieser ihm einen vollständigen elektrischen Telegraphen vorgelegt und dabei erklärt hatte, daß mit diesem Apparat zwischen Straßburg und Paris eine unmittelbare Verbindung möglich sei, während der optische Telegraph, bei seiner Beschränktheit auf bestimmte Entfernungen, die Wiederholung der telegraphischen Zeichen auf vielen Stationen nothwendig mache und ebendeshalb vielfachen Mißverständnissen ausgesetzt sei, der Unterbrechungen seiner Thätigkeit durch Nacht und Nebel nicht zu gedenken. „C’est une idée germanique“, wiederholte der Kaiser, indem er die Legung und Sicherung eines Verbindungsstranges von solcher Länge für viel zu schwierig erklärte, um ausgeführt zu werden, und wies damit die Erfindung als eine „deutsche Träumerei“ – denn das lag in dem wegwerfenden Ton, mit welchem er sie als „idée germanique“ bezeichnete – ohne Weiteres von sich.

Wir nehmen heute Napoleon’s Ausspruch als ein geschichtliches Zeugniß auf für die deutsche Ehre der großen Erfindung. Daß dies aber überhaupt nöthig ist, daß trotz der hohen wissenschaftlichen Stellung des deutschen Erfinders, trotz der ausführlichen Darlegung der Erfindung in deutschen akademischen Denkschriften, trotz der Empfehlung durch bedeutende Männer der Wissenschaft in Frankreich, England, Rußland und Oesterreich, ja trotz der praktischen Ausführung im Kleinen an zwei Stätten deutscher Gelehrsamkeit, daß trotz alledem die deutsche Ehre der Erfindung so ganz und gar vergessen werden konnte, daß bis heute die große Menge im guten Glauben auf die Ehrlichkeit fremder Ansprüche die Ehre der Erfindung an Namen wie Morse knüpfte, der lediglich durch Verbesserungen sich Verdienste erworben hat, das ist ein so ganz gewöhnliches Stück deutscher Erfahrung, daß man sich am Ende wundert, wie Einen über derlei immer neue Entrüstung packen mag.

Der Erfinder des elektrischen Telegraphen ist der berühmte Anatom und Physiolog Samuel Thomas von Soemmerring, und die Zeit der Erfindung das Jahr 1809. Soemmerring, ein geborener Thorner, war Professor der Anatomie in Mainz, als die Universität daselbst aufgelöst wurde. Er lebte dann als praktischer Arzt in Frankfurt am Main, ging 18044 als Mitglied der Akademie der Wissenschaften nach München und wurde 1810 königlich baierischer Geheimer Rath. Diese Notiz ist keine müßige, sie soll beweisen, daß hier das öffentliche Vorurtheil und die nationale Gleichgültigkeit nicht einen armen Forstmann, wie Ressel, den deutschen Erfinder der Schiffsschraube, oder einen armen Artillerie-Unterofficier, wie Wilhelm Bauer, den deutschen Erfinder der unterseeischen Schifffahrt, vor sich hatte, sondern einen berühmten, hochverdienten und auch im Leben hochgehaltenen Mann.

Daß dieser deutsche Gelehrte einer der größten vergleichenden Anatomen der neuern Zeit gewesen, erzählt jedes Conversations-Lexikon. Dagegen hat bis heute das Kleingewerk der deutschen Biographie meist davon geschwiegen, daß diesem Gelehrten allein auch die Ehre zukommt, um die sich noch in der neuesten Zeit Russen, Engländer und Amerikaner streiten, die Ehre der ersten Idee, den Galvanismus für Telegraphie zu benutzen. Die Veranlassung zu dieser Erfindung war folgende.

Am 5. Julius 1809 saß Soemmerring in Bogenhauscn an der Tafel des Ministers Grafen Montgelas. Im Laufe der Unterhaltung äußerte der Minister gegen den von ihm sehr geschätzten Gelehrten, die Akademie würde ihn erfreuen, wenn sie ihm Vorschläge zu einem möglichst zweckmäßigen Telegraphen vorlege. Dieser Wunsch war es, der die Erfindung erzeugte, und ihr selbst war bereits auf wissenschaftlichem Wege vorgearbeitet. Soemmerring beschäftigte sich nämlich neben seinen Berufsarbeiten gern mit physikalischen, chemischen und astronomischen Studien. Sie hatten ihn schon 1801 zu Versuchen mit der Voltaischen Säule geführt und die Wirkung derselben auf das Nervensystem in ihm schon damals die Ahnung einer Analogie zwischen galvanischer Erregung und Nerventhätigkeit erweckt. Konnte ihm da der Gedanke fern sein, isolirte galvanische Drähte zu einem telegraphischen Leitungsseil zusammenzuwinden „und dadurch ein, wenn auch noch grobes Analogon eines Nervenstrangs zu construiren“ ? – Wie er nun, daran festhaltend, Versuch an Versuch reiht, bis endlich die ganze Erfindung vollendet und der erste Apparat in seiner Thätigkeit erprobt ist, dies Alles hat Soemmerring in einem Tagebuch niedergelegt, aus welchem sein Sohn, Hofrath Dr. W. Soemmerring, das Wesentlichste in einer Schrift[1] veröffentlichte, die uns für diesen Artikel als Vorlage dient.

Die hauptsächlichsten Tagebuchsätze sind: Am 8. Juli (1809). „Die ersten Versuche gemacht, die Voltaische Säule zu einem Telegraphen zu verwenden, nämlich durch Gasentbindung Buchstaben an entfernten Orten zu bezeichnen. Die Batterie hatte 15 Glieder (Brabanter Thaler, Filz mit gesättigter Kochsalz-Auflösung befeuchtet und Zinkplatten).“

Am 22. Juli. „Endlich den Telegraphen geendigt.“

Diesen ersten elektrischen Telegraphen der Erde theilen wir hier in Abbildung mit. Soemmerring hatte zu diesem „Trogapparat“ bei Mechanikus Settele in München einen Glaskasten anfertigen lassen, dessen Boden aus Kork besteht, und in welchem 27 einzelne Goldstifte befestigt und mit den Buchstaben des [319] Alphabets nebst einem Wiederholungszeichen und Punkt bezeichnet sind, ferner für den Schreiber (des Telegramms) ein ähnliches Gestell, dessen 27 Zapfen ähnlich bezeichnet sind, wie die Abbildung zeigt.

Montag, den 28. August 1809. „Ich zeige meinen elektrischen Telegraphen in der Sitzung der Akademie vor. Gegenwärtig waren: Jacobi, Schlichtegroll, Krenner, Pallhausen, Niethammer, Martini, Reichenbach, Neumann, Gehlen, Moll, Ritter, Ellinger, Pezzl, Flurl, Güthe und Imhoff.“ Welche gewichtigen Zeugen für den deutschen Ursprung einer solchen Erfindung, – der trotz dieser deutschen Akademie so gründlich aus dem Gedächtniß der Zeitgenossen im Vaterland verschwinden sollte!

Im Herbst dieses Jahres 1809 war es, wo Napoleon mit seinem Leibarzt, Baron Larrey, nach München kam. Durch letztern, einen Verehrer Soemmerring’s, gelangte, wie wir im Eingang erzählten, der neue Telegraph zur Kenntniß des französischen Kaisers.

Napoleon war nicht der einzige Zweifler an der Ausführbarkeit dieser „Idée germanique“; er fand auch hierin bei den Landsleuten Soemmerring’s den eifrigsten Beistand. Ein Herr Premierlieutenant Prätorius erklärte, noch ehe in den Denkschriften der Münchener Akademie die Darstellung der Apparate mit den Abbildungen veröffentlicht war, die ganze Sache für eine paradoxe Idee, die wohl nur einem Scherze ihren Ursprung verdanke. Das geschah in Gilbert’s Annalen und unter der Ueberschrift: „über die Unstatthaftigkeit der elektrischen Telegraphen für weite Fernen.“ –

Aber auch die wissenschaftlichen Zeugen für die Erfindung mehrten sich. Trotz der Abneigung Napoleon’s gegen dieselbe, legte Larrey den Apparat in einer Sitzung des Instituts von Frankreich am 5. December 1809 vor, und es wurde eine aus Biot, Carnot, Charles und Monge bestehende Commission zur Berichterstattung darüber ernannt. Der Bericht selbst ist zwar nicht vorzufinden, aber Biot hat die Belohnung Morse’s in Paris noch mit erlebt und dasselbe Stillschweigen dazu beobachtet, wie so viele Männer der Wissenschaft in Deutschland.

Noch mehr geschah für das Bekanntwerden der Erfindung im Jahre 1811. Jetzt erst erschien der Band der Denkschriften der Münchener Akademie, welcher Beschreibung und Zeichnung der Apparate enthielt. – Im Juni dieses Jahres wird zuerst des Kais. Russ. Staatsraths Barons Schilling von Cannstadt Erwähnung gethan, durch welchen die Kunde der Erfindung nach Rußland kam. Nachdem derselbe gemeinsam mit Soemmerring viele neue Versuche gemacht, u. A. den, den elektrischen Strom durch fließendes Wasser (durch einen Canal und längs der Ufer der Isar) zu führen, nahm er einen ganz nach Soemmerring’s Plan in München verfertigten Telegraphen mit nach Petersburg. Hier wohnte Kaiser Alexander selbst dem Versuche bei, mittels eines durch die Newa geleiteten Drahts eine Kanone der Peter-Pauls-Festung auf das Commando des Kaisers durch den elektrischen Funken abzufeuern. An eine Ausführung in’s Große dachte man jedoch nicht.

Die Gartenlaube (1864) b 319.jpg

Elektrischer Telegraph von Soemmerring.
A Voltaische Säule, deren Pole durch zwei Leitungsdrähte mit B¹, dem Telegraphen des Schreibers, verbunden sind. B² die vordere und B³ die obere Seite desselben. Bei B² stecken die mit beiden Polen der Säule durch Drähte verbundenen zwei Zäpfchen auf den durchlöcherten Stiften B³, welche zu den 24 einzeln isolirten zum Leitungsziel E verbundenen Drähten führen. In C¹, dem Telegraphen des Empfängers, endigen diese in 24 Goldspitzen, welche in dem Boden des mit Wasser gefüllten Glastroges C³ befestigt sind, an denen die sich entbindenden Gasströme die auf B¹ vom Schreiber bezeichneten Buchstaben dem Empfänger angeben. Soll der Wecker D den Empfänger aufmerksam machen, so steckt der Schreiber die zwei Zäpfchen bei B¹ auf die Stifte B und C, wodurch, wie C² zeigt, an den entsprechenden zwei Goldspitzen Gas entwickelt wird, welches den Löffel in die Höhe hebt, der am Ende eines gebogenen Hebels bei C¹ auf dem Glaskasten über B und C beweglich angebracht ist. Er kömmt dadurch in die bei C¹ punktirte Lage, das am anden Ende aufgesteckte Bleikügelchen fällt durch den Trichter auf die Schale des Weckers D und löst ihn aus, daß er zu schlagen anfängt.

Der im Mai 1811 aus Paris zurückgeschickte Apparat hatte die Ehre, die Erfindung Soemmerring’s auch vor den dritten Kaiser Europa’s zur Parade zu bringen. Ein russischer Graf Potocki ließ denselben am 5. Juli in Wien vor Franz I., der Kaiserin und den Erzherzogen Karl und Johann operiren. Seine Majestät waren „enchantirt“ und wünschten sich einen solchen Telegraphen zur Verbindung von Wien und – Laxenburg. Selbst dieser bescheidene Wunsch blieb unerfüllt.

Am meisten schien Dalberg, der damalige Großherzog von Frankfurt, die interessante Neuigkeit zu würdigen, denn er überraschte Soemmerring dafür mit einem sehr ehrenden Schreiben und einer goldenen Medaille mit seinem Bildniß. Auch anderswo, in der Schweiz und in Holland, fand der Apparat laute Anerkennung.

Trotz aller dieser Zeichen von der erkannten Wichtigkeit der Erfindung blieb sie eine wissenschaftliche Rarität ohne praktische Anwendung; selbst der berühmte Mathematiker und Astronom Gauß in Göttingen, der im April 1815, ihretwegen nach München reiste, schien ihr damals noch keine andere Bedeutung verschaffen zu können.

Weil nun weder die drei Kaiser, noch die übrigen intelligenteren Fürsten, noch die Gelehrten des Continents dem großen Werke Soemmerring’s die ihm gebührende Bahn zu eröffnen verstanden hatten, so suchte endlich auch Soemmerring sein Heil in England. Er übergab am 15. Mai 1816 dem damaligen englischen Legationssecretair Sir Lyonel Harvey in München einen Telegraphen mit einer ausführlichen Abhandlung für Humphrey Davy, den größten Chemiker Englands. Die Sendung kam jedoch zurück, angeblich weil die englischen Zollbehörden dem Apparat den Eingang verweigerten!- - Eine zweite Zuschrift an Harvey, der indeß britischer Gesandter in München geworden war, datirt vom 20. Mai 1819 und schließt mit den denkwürdigen Worten: „Ich übergebe meine Erfindung mit allem Vertrauen der tiefen Kenntniß, dem unparteiischen, nachsichtigen und edlen Charakter Sir Hnmphry Davy’s in der Ueberzeugung, daß unter seinem Schutze dieser elektrische Telegraph nicht nur manche Verbesserungen gewinnen, sondern sehr bald zur höchsten Vollendung und zum beständigen Nutzen Großbritanniens gediehen sein wird.“ Und an Davy selbst schrieb er: „Sie werden es vielleicht noch erleben, daß der Telegraph durch den Canal geführt wird.“ So sicher blickte Soemmerring in die Zukunft seiner Erfindung.

Doch auch dieser Schritt blieb ohne Erfolg. Im folgenden Jahre wurde Oerstedt’s, des großen dänischen Physikers, Entdeckung des Elektromagnetismus bekannt, den der oben genannte Baron Schilling v. Cannstadt sofort zur Construirung eines elektromagnetischen Telegraphen (mit zwei Leitungsdrähten) benutzte. In dem selben Jahre siedelte Soemmerring von München wieder nach Frankfurt am Main über, wo er am 2. März 1830 starb.

Der Mann war todt, sein Werk konnte nicht untergehen, – aber sein Name konnte von diesem Werke getrennt, verschwiegen und endlich sogar vergessen werden.

[320] Die Ehre der ersten praktischen Anwendung des elektromagnetischen Telegraphen sollte, trotz des Mißgeschicks des Erfinders des elektrischen, Deutschland dennoch zu Theil werden. Im Jahre 1833 construirten die Professoren Gauß (der, wie oben bemerkt, achtzehn Jahre früher Soemmerring’s Apparat in München kennen gelernt hatte) und Weber in Göttingen einen sogen. Nadel-Telegraphen, welcher mit einer doppelten Drahtleitung das physikalische Cabinet der Universität mit dem außerhalb der Stadt gelegenen Observatorium in Verbindung setzte. Und vier Jahre später mußte wunderbarer Weise in München, der Heimstätte der Erfindung, Professor Steinheil von Göttingen aus angeregt werden, die Sternwarte in demselben Bogenhausen, wo die erste Anregung zu dieser Erfindung durch Montgelas gegeben worden, mit dem nämlichen Münchener Akademie-Gebäude, in welchem Soemmerring die ersten Versuche mit seinem Apparate öffentlich angestellt hatte, durch elektrische Telegraphendrähte bleibend zu verbinden.

Vierzehn Tage später, am 25. Juli 1837, feierte England das Fest der Einführung des ersten elektro-magnetischen Telegraphen durch den Probeversuch am Londoner Terminus der Nord-Westbahn mit einem Drahte von 11/4 englischen Meilen Länge.

Es gehört zur Aufgabe dieses Artikels, den Weg nachzuweisen, auf welchem die deutsche Erfindung nach England kam, denn es war dies nicht der gerade der directen Mittheilung Soemmerring’s an Humphry Davy, sondern ein sehr krummer.

Oben ist es gesagt, daß Baron v. Schilling Soemmerring’s Telegraphen nach Petersburg gebracht, und daß er 1820 den ersten Versuch der Benutzung des Elektromagnetismus für die Telegraphie gemacht hat. Mit einem solchen, und zwar dem ersten, elektromagnetischen Apparat kam v. Schilling 1835 zur Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte nach Bonn. Hier zog derselbe besonders die Aufmerksamkeit des Prof. Munke von Heidelberg auf sich. Als Schilling mit seinem Apparat von Bonn nach Frankfurt ging und ihn in dem damals noch jungen physikalischen Verein bei Valentin Albert zeigte, kam auch Munke herbei und ließ den Apparat bei Albert nachmachen, um ihn für seine Vorlesungen in Heidelberg zu benutzen. In Heidelberg hielt sich damals ein Engländer, William Fothergill Cooke, auf, um im anatomischen Institut Wachspräparate für die neue Universität in Durham anzufertigen, und diesem erklärte Munke am 6. März 1835 den von Frankfurt mitgebrachten Telegraphen. Der Blick des Engländers sprang sofort kühn über die Beschränktheit des wissenschaftlichen Experimentirens mit der großen Erfindung hinweg; er gab seine ganze bisherige Beschäftigung auf, eilte mit seinem Funde nach England, wo er schon am 22. April ankam, und verfolgte fortan unablässig seinen Plan: elektromagnetische Telegraphen bei den Eisenbahnen in England einzuführen. Aber erst im Jahre 1837 kam er zum Ziel, und zwar nur durch seine Verbindung mit dem Professor der Physik am Kings-Collegium zu London, Wheatstone, mit dem er am 12. Juni ein Patent auf die Erfindung nahm und, wie bereits bemerkt, am 25. Juli die ersten Telegramme Englands durch den Draht sandte.

Die Entdeckung dieses Weges der deutschen Erfindung über Rußland, Bonn, Frankfurt und Heidelberg nach England und auch nach Amerika verdanken wir dem russischen Staatsrath Dr. v. Hamel, der, wie Schilling, ein Deutsch-Russe und für alle neuen Entdeckungen und Erfindungen lebhaft interessirt, es sich große Reisen in Europa und Amerika kosten ließ, um der Geschichte der Telegraphie auf die wahre Spur zu kommen. Ihm selbst gestand nämlich der Amerikaner Morse, welcher offenbar den Telegraphen auf seinen wiederholten Reisen in Europa kennen gelernt hatte, daß er die ersten Versuche mit einem noch sehr unvollkommenen Schreib-Telegraphen erst am 4. September 1837 gemacht habe – also 28 Jahre nach Soemmerring’s Erfindung und 17 Jahre nach Schilling’s erster Verbesserung derselben!

Das ist die Geschichte der deutschen Telegraphie. Es liegt nicht in der deutschen Art, fremdes Verdienst zu verschweigen. Bereitwillig ist es anzuerkennen, daß Wheatstone und Morse die große Erfindung erst in’s große Leben einführten und daß jener durch die Vervollkommnung des Nadeltelegraphen, dieser durch Construirung des Schreibtelegraphen, und beide durch die Energie in der Verfolgung ihrer praktischen Zwecke sich ein Recht auf besondere Auszeichnung in der Geschichte der Erfindung erworben haben; aber die Erfinder der Telegraphie sind sie nicht, und es war ebensoviel Anmaßung von jener Seite, die Huldigungen Europa’s und Amerika’s mit stolzer Erfindermiene entgegenzunehmen, als es namentlich in Deutschland mehr als die alte Lahmheit und Zahmheit gegen auswärtige Frechheit war, in diese Huldigungen mit einzustimmen und mit den Lorbeerhaufen für den Engländer und den Amerikaner den deutschen Erfinder so hoch zu überdecken, daß sieben Jahre nach seinem Tode sein Name für die Erfindung verschollen war und daß es zwanzig Jahre später gelehrter Forschungen bedurfte, um für ihn und Deutschland die Ehre der Erfindung zu retten!



  1. Der Elektrische Telegraph als deutsche Erfindung Samuel Thomas von Soemmerring’s, aus dessen Tagebüchern nachgewiesen von Hofrath Dr. W. Soemmerring. Frankfurt am Main, 1863.