Differenzen zwischen Karl V. und seinem Bruder Ferdinand im Jahre 1524

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Autor: Hermann Baumgarten
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Titel: Differenzen zwischen Karl V. und seinem Bruder Ferdinand im Jahre 1524
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aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 2 (1889), S. 1–16.
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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Quelle: Scans auf Commons
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[1]
Differenzen zwischen Karl V. und seinem Bruder Ferdinand im Jahre 1524.
Von
Hermann Baumgarten.


Es mag nicht oft vorgekommen sein, dass zwei Brüder, welche nebeneinander regierten, ein ganzes Leben hindurch so einträchtig zusammengewirkt haben, wie Karl V. und König Ferdinand, und zwar unter Verhältnissen, welche so mannigfaltige Anlässe zu tiefgreifenden Differenzen enthielten. Denn wenn auch beide im Grossen und Ganzen durch dieselben Interessen, durch gleiche Gesinnungen und Bestrebungen zusammengehalten wurden, so gab es doch in der Natur der von ihnen regierten Länder und der ihnen gestellten Aufgaben so viel Gegensätzliches, dass oft ein starkes Auseinandergehen ihrer Politik kaum vermieden werden zu können schien. Seit Ferdinand König von Ungarn geworden war, konnte ihm die wesentlich gegen Frankreich gerichtete Politik des Kaisers nicht mehr conveniren; er musste jetzt ebenso dringend den Frieden unter den christlichen Mächten wünschen, damit sie ihre vereinigten Kräfte gegen den Türken kehrten, als er früher seine begehrlichen Blicke auf Italien und Burgund geworfen und den Kriegseifer des Bruders gegen König Franz geschürt hatte. Wir hören denn auch seit 1526, namentlich aber seit 1528 aus seinem Munde immer ungeduldigere Mahnungen an den Kaiser, er möge dem Kriege mit Frankreich ein Ende machen und alle seine Kräfte auf die Beschirmung der Christenheit vor den Ungläubigen concentriren, während umgekehrt Karl der Meinung ist, Ferdinand solle sich mit einem leidlichen Abkommen [2] in Ungarn begnügen. Dieses Auseinandergehen der beiderseitigen Interessen schien die Brüder um so mehr trennen zu müssen, als ja doch höchst peinliche Erinnerungen aus ihrer frühen Jugend zwischen ihnen standen. Hatte nicht Karl lange fürchten müssen, die Vorliebe des Grossvaters Ferdinand für den jüngeren Bruder würde ihn um das spanische Erbe bringen? Hatte er dann nicht, nachdem er die spanische Regierung angetreten, in wohl übertriebenem Argwohn mit äusserster Schroffheit und Rücksichtslosigkeit den Bruder all seiner Freunde und Vertrauten beraubt, hatte er ihn nicht bald nach seiner Ankunft in Spanien aus diesem Lande seiner Geburt und Liebe entfernt? Hatte er nicht, als während des Wahlkampfes bei den im Reiche thätigen Agenten die Ansicht aufgetaucht war, die Stimmen der Kurfürsten möchten leichter für den in Deutschland anwesenden Ferdinand zu gewinnen sein als für den fernen König von Spanien, mit schärfster Empfindlichkeit jede derartige Möglichkeit zurückgewiesen?

Solche Eindrücke der Jugend pflegen doch tief im Gemüthe zu haften, und dass das bei Ferdinand der Fall war, zeigt eine Instruction vom 8. December 1528, welche seine Vertreter beim Kaiser beauftragt, demselben vorzustellen, welche grosse und wahre Ergebenheit, Liebe und Unterthänigkeit er ihm Zeit seines Lebens bewiesen habe, vor Allem damals, als er auf Karl’s Befehl Spanien, das Land seiner Geburt und Erziehung, verlassen habe, die Liebe zur Heimath im Interesse des Bruders verleugnend. Er habe sie aber auch damals bewiesen, als er sich auf Befehl Karl’s verheirathet habe, ohne seine Gemahlin gesehen und gekannt zu haben, ohne zu wissen, ob diese Heirath ihm zusagen werde, lediglich, um einen Wunsch des Bruders zu erfüllen[1].

La grande y verdadera obidiencia, amor y umildad, in der That, sie hatte Ferdinand bei all diesen Gelegenheiten in seltenem Masse bewiesen. Während bei den berührten Verhältnissen unter den beiden Brüdern sich sehr leicht eine gefährliche Rivalität hätte entwickeln können, ordnete sich vielmehr Ferdinand mit unbedingter Fügsamkeit dem doch nur drei Jahre älteren Karl unter. Er konnte mit Recht in jener Instruction sagen, er habe [3] seit ihrem letzten Zusammensein in den Niederlanden keine Gelegenheit versäumt, um Karl evidente Beweise seiner Ergebenheit zu bieten; mehr aber noch als diese äusseren Handlungen bedeute die innere Gesinnung, durch die er mit dem Bruder verbunden sei, und welche niemals einen Wandel erfahren werde. Diese Hingebung an das kaiserliche Interesse ging ja lange so weit, dass er von den besonderen Ansprüchen der seiner Verwaltung anvertrauten österreichischen Länder wenig berührt zu sein schien. Mit ganzer Seele lebte er in dem grossen europäischen Kampfe seines Bruders; nach Italien und Burgund strebten seine Gedanken. Er hatte über Karl viele und grosse Beschwerden zu führen; der Kaiser erfüllte die ihm gegebenen finanziellen Zusagen ebenso wenig, als die den Reichsfürsten ertheilten; die Statthalterschaft im Reiche war für Ferdinand die Quelle unendlicher Verdriesslichkeiten und Verlegenheiten, nicht nur weil der Kaiser nicht zahlte, sondern auch weil er auf die wichtigsten Entscheidungen nicht selten ungebührlich warten liess. Aber wie dringend auch Ferdinand an die Erfüllung gegebener Zusagen mahnte, und wie lebhaft er immer neue Wünsche in Betreff der österreichischen Lande, des Reiches, Italiens u. s. w. vortrug, und wie wenig der Kaiser auf diese Wünsche einging, er blieb seinem Dienste immer mit derselben unwandelbaren Treue ergeben.

Der Kaiser schien diese brüderliche Liebe im vollsten Masse zu erwiedern. In seinen Briefen äussert er sich öfter geradezu zärtlich; die Wendung, er liebe und achte Ferdinand comme ung aultre moy mesmes, er liebe ihn nicht nur wie seinen Bruder, sondern wie seinen ältesten Sohn, kehrt nicht selten wieder. Allerdings entsprechen diesen Worten die Handlungen lange recht wenig. Manche sehr berechtigte Wünsche Ferdinand’s blieben Jahre lang unerfüllt, die Geldnoth immer dieselbe. Aber konnte der Kaiser beim besten Willen den Bruder befriedigen? Ferdinand wusste wohl, wie es mit den kaiserlichen Kassen bestellt war und wesshalb die ihm auf Neapel und Venedig angewiesenen Zahlungen ausblieben. Schwerer mochte er sich erklären, wesshalb Karl so lange zögerte, ihm die Regierung über die abgetretenen Lande aus eigenem Rechte zu übertragen. Er hat sich einmal sehr empfindlich darüber geäussert. Immerhin kamen dabei keine ernstliche Zwistigkeiten zum Vorschein. Der [4] Verkehr der Brüder während der Jahre 1522–1524 ist ein so herzlicher, sie gehen so Hand in Hand, dass wir sie uns in allen wesentlichen Fragen von erfreulicher Uebereinstimmung erfüllt denken müssen. Da ist es denn höchst überraschend, den Kaiser mit einem Male in scharfem Widerspruche mit der ganzen Regierungsweise Ferdinand’s zu finden.

Förstemann hat in seinem „Neuen Urkundenbuche“ S. 143 eine vertrauliche Werbung Karl’s an Kurfürst Friedrich von Sachsen aus dem Jahre 1524 abgedruckt, welche auf das Verhältniss der beiden Brüder ein sehr eigenthümliches Licht wirft. Der Kaiser ersucht darin, um es kurz zu sagen, den Kurfürsten, er möge doch seinen Einfluss bei Ferdinand dafür geltend machen, dass er seine sehr bedenkliche Regierungsweise ändere und namentlich denjenigen Mann entferne, welcher die hauptsächliche Schuld daran trage, „unsers lieben Bruders Liebhaber Salamanca“. Das von Förstemann mitgetheilte Actenstück ist nicht Original, sondern gleichzeitige Abschrift, überdies nur das Fragment einer solchen, und endlich, wie sofort zu bemerken, eine sehr unbeholfene Uebersetzung. Gegen die Echtheit desselben regen sich alsbald starke Bedenken. Wie, fragt man sich, sollte wohl Karl auf den Gedanken gekommen sein, dem Kurfürsten eine so missliche Zumuthung in demselben Augenblicke zu machen, wo er ihm den grossen Kummer bereitete, die vor drei Jahren verabredete Verbindung ihrer beiden Häuser durch die Verheirathung seiner jüngsten Schwester Katharina mit dem Kurprinzen Johann Friedrich aufzukündigen? War es überhaupt von dem höchst vorsichtigen Kurfürsten zu erwarten, dass er sich auf eine derartige überaus delicate Intervention einlassen werde? Stand er in so intimen Beziehungen zu Ferdinand, übte er über denselben eine so starke Autorität, dass sich von seinen Vorstellungen irgend ein Erfolg hoffen liess? Konnte der Kaiser jetzt noch in diesem ganz vertraulichen, herzlichen Tone zu dem Beschützer Luther’s reden? Und kann man es glauben, dass Karl gegen diesen Fürsten über seinen Bruder so weit gehende Besorgnisse geäussert habe, die Besorgniss, Ferdinand könne das Schicksal seines Schwagers Christian von Dänemark erfahren, wenn seiner Missregierung nicht rasch Einhalt gethan werde?

Es ist bekannt, wie peinlich sich Ferdinand von der Vollmacht berührt fühlte, welche der Kaiser seinem ausserordentlichen [5] Botschafter zum Nürnberger Reichstage des Jahres 1524 ertheilt hatte, und von dem ganzen Auftreten dieses Hannart während der Nürnberger Verhandlungen. Eben Hannart sollte nun auch jene Werbung an den Kurfürsten ausrichten und ihm gleichzeitig eröffnen, dass aus jener Heirath nichts werden könne, da sich der Kaiser durch wichtige Interessen genöthigt sehe, seine Schwester Katharina mit Portugal zu verbinden. „Es scheint,“ sagt Ranke, „als habe Hannart, statt Salamanca zu stürzen, ihn vielmehr auf seine Seite gezogen: die Zuschrift wenigstens, durch welche der Kaiser den Kurfürsten von Sachsen aufforderte, zur Entfernung Salamanca’s mitzuwirken, lieferte er demselben nicht aus.“ Ranke meint mit dieser Zuschrift doch ohne Zweifel das von Förstemann publicirte Actenstück, dessen Echtheit er offenbar nicht bezweifelt. Woher er weiss, dass Hannart dasselbe dem Kurfürsten nicht übergab, sagt er nicht; es ist freilich im höchsten Grade wahrscheinlich. Wie kam es dann aber in des Kurfürsten Archiv? Bucholtz theilt zwar einen Brief Ferdinand’s an Karl mit, worin er sich über das anmassende und dem kaiserlichen Interesse schädliche Benehmen Hannart’s bitter beschwert; dass aber dieser von Karl derartige Aufträge gehabt habe, verräth er mit keiner Silbe. Auch Chmel, welcher doch diese Jahre der Geschichte Ferdinand’s fleissig durchforscht hatte, erwähnt bei der Mittheilung einer anderen Beschwerde Ferdinand’s über Hannart[2] nichts von solchem Vorkommniss. Wird es da nicht doch recht wahrscheinlich, dass jene „Werbung“ auf irgend einer Erfindung oder einem Missverständniss beruhe?

Nun aber findet sich in dem Wiener Archiv[3] unter der Correspondenz Karl’s (P. A. 3) dasselbe Actenstück in vervollständigter lateinischer Fassung. Sie ist auch nur gleichzeitige Abschrift, vermuthlich ebenfalls Uebersetzung aus dem französischen Original; denn die Werbung an den Kurfürsten stellt sich hier als ein Stück der Hannart ertheilten Instruction dar. Der Kaiser sagt darin unter anderem, er höre, dass sein Bruder contra consuetudinem Germanicae nationis hucusque observatam gubernare. Nam Majestati suae venerunt informationes et avisationes [6] per privatas personas et per literas in hanc sententiam: nisi Majestas sua fecerit celerem provisionem, alias stabit in illo puncto, quod Majestas sua ejusdemque frater irrecuperabile damnum pati cogerentur, quemadmodum regi Datie noviter contigit. Cujus quidem casus praefati Majestatis Caesareae fratris amator Salamanca potissima sit causa. Nam in omnibus suis negociis avaritia manifeste apparet, qui justitiam vendit, loca Majestatis Caesareae ejusdemque fratris hereditaria sine aliquo justo titulo sibi attrahit. Cum itaque illa contra Majestatem Caesaream attentat, quid non poterit machinari contra alios et praesertim contra conservationem et concordiam utriusque fratris, quemadmodum Dilectio sua tamquam antiquus princeps elector, rerum mundanarum experientiam habens, melius cogitare poterit. Der Kaiser habe alle diese Dinge aus allen seinen deutschen Erblanden, besonders aus Tirol und Württemberg, erfahren. Da er dem Kurfürsten vor Allen wie seinem Vater (paterne) vertraue und der Bischof von Trient (Ferdinand’s intimer Rath) dem Salamanca alles nachsehe, so ersuche er Seine Liebden freundschaftlich und bitte ihn aufs höchste, quatenus Dilectio sua velit super annexis litteris credentialibus per Majestatem suam manu propria scriptis juxta tenorem istius brevis instructionis cum saepe nominato Caesareae Majestatis fratre nomine suae Majestatis, prout suae Dilectioni magis videbitur consultum, tractare ea quae ad praecavenda praenarrata incommoda et pericula magis videbitur et Orator Caesareus a Majestate sua oretenus clarius intellexit. Sollte der Kurfürst dieses Geschäft für sich allein zu schwierig finden, so könne er die alten Räthe des Kaisers zuziehen. Et prae omnibus. Dilectio sua summe requiretur, quatenus efficiat, ut dictus Salamanca deponatur a curia fratris Caesareae Majestatis. Endlich wird Hannart beauftragt, dem Bischof von Trient alles Gute zu sagen und ihm das Vorstehende zum Theil zu eröffnen und ihm zu erklären, der Kaiser habe nie gedacht, dass er auf solche Weise den Salamanca werde gewähren lassen. Er solle den Bischof ernstlich ermahnen, seiner Pflicht eingedenk zu sein.

In der kaiserlichen Canzlei war ein so barbarisches Latein, wie es dieses Schriftstück aufweist, nicht üblich; auch aus der Canzlei Ferdinand’s wird etwas Aehnliches kaum nachgewiesen werden können. Da nun überdies alle sachlichen Bedenken, welche sich gegen die „Werbung“ bei Förstemann regen, diesem [7] lateinischen Stück wenigstens in demselben Umfang entgegen stehen, so kann der Umstand allein, dass es sich unter den Papieren des Kaisers findet, selbstverständlich für seine Echtheit keine genügende Bürgschaft leisten. Wir werden aber in unseren Zweifeln um so mehr bestärkt, als Ferdinand in einem ausführlichen Actenstücke, welches unter anderem Salamanca sehr nachdrücklich gegen alle Verdächtigungen und Schmähungen in Schutz nimmt, sich zwar mit grosser Lebhaftigkeit über Hannart auslässt und auch seinen Missmuth darüber nicht verbirgt, dass Karl eine solche Persönlichkeit in solcher Weise abgeordnet habe, dass dieselbe sich als seinen Herrn habe geriren können zum grössten Aergerniss aller in Nürnberg versammelten Stände, aber das Vorhandensein einer derartigen Instruction doch nicht ahnen lässt[4]. Als aber Ferdinand so schrieb, hätte er, sollte man meinen, von jener Weisung des Bruders, von jenem über alles empfindlichen Auftrage an Hannart doch wohl wissen müssen. Es haben sich aus derselben Zeit, in welcher Ferdinand jene ausführliche Instruction für Bredam aufsetzen liess, drei Briefe Ferdinand’s an Karl erhalten, d. d. Stuttgart den 10. und 12. Juni[5]. Der eine der beiden vom 12. Juni ist ganz eigenhändig. Ferdinand empfiehlt darin zuerst den Bischof von Trient aufs wärmste und bittet den Kaiser dringend, er möge doch die Versprechungen erfüllen, welche er ihm bei seiner Abreise von Brüssel mündlich und dann verschiedentlich durch Briefe für den Bischof gegeben habe. Er höre auch, fährt er fort, dass man Salamanca gegen alle Wahrheit beim Kaiser verleumdet habe, während derselbe ihnen beiden ein tres leal serviteur sei. Auch hier von jener Instruction keine Spur.

Aber einen Monat später stossen wir auf ein Schreiben Ferdinand’s, das nun freilich doch jeden Zweifel beseitigt. Aus Linz den 11. Juli theilt er dem Kaiser eigenhändig Folgendes mit: Monseigneur. Jay entendu non sans mon grant desplaisir turbacion et regret a gens dignes de foy comen vrẽ Majeste par les Raports des anvieulx de mon honeur et amour fraternele entre [8] nous ait baillest (et) envoie par decha quelque instrucion en laquelle sont contenues plusieurs choses injustement faites contre moy et malignement excogitees, et combien que nullement puise croire que ce procede (de) vrẽ voulonte et sentence ne que ladicte instrucion ai teste despechee de vrẽ ceu et voulonte, neantmoins je me trouve non petitement blesse. Er sei auf das Schmerzlichste davon berührt. Da er Niemand an Treue und Ergebenheit gegen den Kaiser nachstehe, ihn wie seinen Vater verehre, so habe er gemeint, Karl könne solche Dinge nicht nur nicht schreiben, sondern nicht einmal denken. Er könne dazu nur von solchen angestiftet sein, welche von ihrer Zwietracht Vortheil hofften. Seine (Ferdinand’s) Ehre sei aufs empfindlichste durch diese Instruction des Kaisers, die schon überall bekannt sei, gekränkt. Karl möge doch bedenken, wie derartige Vorfälle ihnen beiden schaden müssten. Er beschwört den Bruder bei Gott und dem Mutterleibe, so bösen Verdacht zu bannen und die Verleumder zu strafen.

Man kann kaum etwas Dringenderes und Rührenderes lesen als dieses Schreiben Ferdinand’s. Unter demselben aber lesen wir, ich meine von Gattinara’s Hand, Ferdinand sei zu antworten, comme Sa Majeste ne scet riens que Hannart ayt eu charge de dire ny proposer chose que soit ou doit estre au prejudice de lhonneur et reputacion de Monseigneur son frere, ny entend avoir signe instruction de la substance contenue en la copie envoyee. Et si telle chose eust este faicte, ce seroit au desceu de Sa Majeste et pour quelque habilete, dont Sa Majeste se trouveroit tres desplaisant et le vouldroit bien chastier. Der Kaiser lasse an Hannart schreiben, er solle seine Originalinstruction einsenden; dann werde sich die Wahrheit herausstellen und der Kaiser alles thun, um Ferdinand’s Ehre volle Genugthuung zu gewähren.

Hiernach lässt sich nun doch wohl kaum zweifeln, dass die copie envoyee jenes lateinisch abgefasste Schriftstück gewesen sei[6], dass Hannart eine solche Instruction (wie sie auch immer [9] entstanden sein möge) nicht nur gehabt, sondern auch mit ihr so indiscret operirt habe, dass sie Anfang Juli schon überall bekannt war, woraus sich dann auch erklärt, dass eine abschriftliche Uebersetzung derselben in den Besitz des Kurfürsten von Sachsen gelangen konnte. Dass ein solcher Vorfall für Ferdinand nicht nur im höchsten Grade verletzend sein, sondern auch seine an sich schwache Autorität empfindlich erschüttern musste, versteht sich von selbst. Denn wenn es überall bekannt wurde, dass der Kaiser über Ferdinand’s Regierung und den hauptsächlichen Träger derselben so urtheile, so konnte es nicht anders sein, als dass die längst rege Opposition sich dadurch ausserordentlich ermuthigt fühlte. Um den bedenklichen Charakter eines solchen Zwischenfalls recht zu würdigen, müssen wir uns erinnern, dass eben damals Waldshut den Befehlen Ferdinand’s kecken Widerstand entgegen zu setzen und die Bauern von Stühlingen sich gegen die Grafen von Lupfen zu erheben begonnen hatten, während die drohende Ausführung der Regensburger Beschlüsse ganz Oberdeutschland mit wachsender Gährung erfüllte.

Wie verhielt es sich denn nun aber mit diesem seltsamen Actenstück? Hatte der Kaiser dasselbe wirklich, wie die angekündigte Antwort an Ferdinand behauptete, nicht ausgefertigt? Wie war es dann entstanden? Hatte es etwa Hannart sich selbst geschmiedet? Das wäre doch ein höchst verwegener, fast beispielloser Streich gewesen.

Sehen wir den Entwurf der Antwort genauer an, so zeigt sich, dass der Erlass der Instruction doch nicht so kategorisch abgeleugnet wird, wie es auf den ersten Blick scheint. Der Kaiser „meint (entend) nicht eine solche Instruction unterzeichnet zu haben, und wenn etwas Derartiges geschehen wäre, so wäre es ohne Wissen Sr. Majestät geschehen et pour quelque habilete“. Man sollte doch wohl meinen, wenn Karl wirklich die fragliche Instruction nicht erlassen hätte, so würde die Antwort gelautet haben: „Ich habe eine solche Weisung nicht gegeben, ich werde Hannart sofort zur Verantwortung ziehen.“ Statt dessen will er Hannart auffordern, seine Originalinstruction einzusenden, dann werde sich die Wahrheit herausstellen! Wurden denn von so wichtigen Actenstücken in der kaiserlichen Canzlei keine Concepte aufbewahrt? Und wenn wir dieses schwer Denkbare einmal annehmen wollten, waren denn Karl und seine Räthe [10] von so schwachem Gedächtniss, dass sie sich im Sommer 1524 nicht mehr erinnern konnten, ob sie Hannart im August oder September[7] 1523 den Auftrag ertheilt hatten, gegen Ferdinand’s Regierung in solcher Weise vorzugehen? Es wäre das eine durchaus vereinzelt dastehende Thatsache.

Wir kennen aber nicht nur, was Gattinara für die Ferdinand zu gebende Antwort aufgezeichnet, sondern auch das, was Karl wirklich seinem Bruder am 4. October aus Tordesillas geantwortet hat. Der Kaiser schreibt: „Je vous certiffie mon frere, que je nentends avoir jamais signe ny ordonne telle instruction, et suis tres desplaisant de si grande faulcete, laquelle jentends bien faire averer, et aussy faire punicion du delict, telle que ce soit exemple a tous aultres. Et si du couste de pardela en pouvez par quelque facon avoir la verite tout au cler, me ferez tres grand plaisir de men advertir. Car je ne vouldroye souffrir telle chose demeurer impugnie tant pour le debvoir de justice que pour lhonneur et reputacion de nous deux, et mesmement de vous que jextime ung aultre moy mesme. Et scavez bien la bonne amour que je vous porte, laquelle ne diminuera jamais, mais la trouverez tousjours si tres ferme et tres affectione que meilleur ne scauroit estre“[8].

Das klingt nun allerdings doch sehr anders. Freilich sagt der Kaiser auch hier nicht rundweg: „eine solche Instruction habe ich nie unterzeichnet oder befohlen“, sondern nur: „ich meine eine solche Instruction nie unterzeichnet zu haben“; aber der ganze Ton seiner Antwort ist doch von der Art, dass man nicht denken kann, er habe je wissentlich eine derartige Weisung gegen den Bruder erlassen. Er hat eine lebhafte Empfindung dafür, wie sehr durch einen solchen Vorgang sie beide verletzt und geschädigt werden. Er fordert eine ernstliche Untersuchung und verheisst nachdrückliche Züchtigung. Was jedoch der Kaiser in dieser Beziehung angeordnet, was er Hannart selbst geschrieben und dieser zu seiner Rechtfertigung geantwortet hat, ist mir nicht bekannt. Am 9. December dankt Ferdinand dem Kaiser für seine freundliche Erklärung; er habe nie geglaubt, dass derselbe [11] eine solche Instruction erlassen habe, weil dadurch nicht nur ihre beiderseitige Ehre, sondern namentlich auch Karl’s Autorität und Reputation verletzt worden wäre. Er sei fest überzeugt, dass sie von solchen erfunden worden, welche weder des Kaisers Ehre noch Ferdinand’s Wohl liebten. Damit nun aber Karl diese grosse Bosheit genauer kennen lerne und die Schuldigen strafen könne, möge er in den Niederlanden zwei oder drei geeignete Personen wählen und zu ihm senden, damit sie alles untersuchten und bei zuverlässigen Personen, namentlich auch dem Kurfürsten von Sachsen, Erkundigungen einzögen. Am 16. December schreibt der Kaiser an Ferdinand, er habe Hannart befohlen, bis zum April nach Spanien zurückzukehren, damit er sich wegen der Instruction und der anderen Dinge, welche ihm Ferdinand Schuld gegeben, rechtfertige. Ferdinand möge bis dahin alle möglichen Informationen und Documente zur Begründung seiner Anklagen senden, damit Hannart bestraft werde, wenn er schuldig befunden werde. Am 4. Februar 1525 erwidert der Kaiser auf jenen Vorschlag Ferdinand’s, er habe seinem Wunsche gemäss angeordnet, dass drei vornehme Niederländer zu Ferdinand geschickt würden, damit er sie von allem in Kenntniss setze und durch sie einen unterzeichneten und versiegelten Bericht an ihn sende. Um die Wahrheit noch besser zu erfahren, schreibe er an den Herzog (Kurfürsten) von Sachsen und andere von Ferdinand genannte Personen. Ferdinand selbst möge die nöthige Sorgfalt anwenden, um auf den Grund der Sache zu kommen. Hannart habe er zu seiner Rechtfertigung citirt. Sollte etwa Margarethe wegen Geldmangels die drei Herren nicht senden können, so möge Ferdinand einen der Räthe des Reichsregiments mit der versiegelten Information senden. Car il fault que je sache la verite de ceste practique. –

Inzwischen trugen sich grosse Dinge in der Welt zu, welche die Sünden Hannart’s wohl in Vergessenheit bringen konnten. Die Schlacht bei Pavia veränderte die Lage des Kaisers und seines Bruders von Grund aus und berührte auch ihr gegenseitiges Verhältniss wesentlich. Ferdinand hatte alle seine deutschen Nöthe zur Seite geschoben, und was er von Mitteln besass, auf die Rettung der kaiserlichen Position in Italien verwendet. Er hatte sich um den grossen Sieg, wie Karl wieder und wieder [12] anerkannte[9], die wesentlichsten Verdienste erworben. Ueber Pavia und dem Bauernkriege gerieth doch wohl bei den Menschen in Vergessenheit, was im Sommer 1524 durch jene Instruction aufgewühlt sein mochte. Hannart fand sich auch keineswegs, wie ihm der Kaiser befohlen haben wollte, im April, sondern erst im Herbst in Spanien ein. Sollte da nicht die ganze Geschichte begraben gewesen sein?

In der That finden wir sie Monate lang in der Correspondenz der Brüder nicht mehr erwähnt. Aber am 25. Juni nimmt sie der Kaiser mit merkwürdiger Lebhaftigkeit wieder auf. „Quant au fait de Hannart“, schreibt er an diesem Tage dem Bruder aus Toledo, „je ne lay bien entendu a cause de la maladie que lors javoye.“ Er habe Hannart, um sich zu rechtfertigen, nach Spanien geladen. Ferdinand werde gut thun, ihm die gesammte Information über die Angelegenheit zu übersenden. Car la chose touche tant a vous et moy, que ne la veulx laisser en oubly ou endormir. Mais la veulx bien entendre pour ce quelle est fort commune et en parle lon en diverses sortes[10]. Am 1. September meldet Ferdinand die Uebersendung von allem, was er über Hannart hat erfahren können. Das ist aber zugleich die letzte Notiz, welche ich über den merkwürdigen Handel gefunden habe.

Wir sehen uns also schliesslich in der fatalen Lage, unsere Zuflucht zu Vermuthungen nehmen zu müssen. Eins dürfen wir da von vornherein als ausgeschlossen hinstellen, dass nämlich Hannart, dieser im kaiserlichen Dienst ergraute, seit dem Beginn des Jahrhunderts in den wichtigsten Stellungen verwendete Mann die unerhörte Verwegenheit besessen habe, aus irgend welchen Gründen das fragliche Schriftstück zu schmieden. Denn in diesem Falle würde er doch der schärfsten Züchtigung kaum haben entgehen können. Statt dessen finden wir ihn zwar nicht, wie Brewer in seltsamer Verwechslung gemeint hat, als kaiserlichen Commissär beim Speierer Reichstage des Jahres 1526[11], [13] wohl aber im November desselben Jahres in diplomatischer Thätigkeit am englischen Hofe[12]. In den folgenden Jahren wird er verschiedentlich in niederländischen Geschäften genannt. Als Karl seine Schwester, die Königin Marie von Ungarn, mit der Verwaltung der Niederlande betraute, ernannte er Hannart ebenso zum Mitgliede ihres Rathes, wie er diese Stellung bei Margarethe eingenommen hatte. Endlich ging er 1532 als kaiserlicher Botschafter an den französischen Hof und erwarb sich in dieser schwierigen Mission die ausgezeichnete Zufriedenheit des Kaisers[13]. Es ist doch wohl undenkbar, dass ein Mann in dieser Weise das fortwährende Vertrauen des Kaisers genossen haben könnte, welcher sich gegen ihn und den Bruder in so skandalöser Weise vergangen hätte.

Es bleibt also nur die Annahme übrig, dass Hannart im August oder September 1523 wirklich eine Instruction erhalten habe, in welcher sich jener seltsame Auftrag an den Kurfürsten von Sachsen fand. Wie sollen wir uns die Möglichkeit seiner Entstehung vorstellen? Konnte er ohne Wissen des Kaisers in die Instruction aufgenommen werden? War einer der Räthe des Kaisers, war selbst Gattinara (der übrigens mit den deutschen Dingen wenig zu thun hatte) in der Lage, etwas Derartiges zu wagen? Konnte auf der anderen Seite der Kaiser so nachdrücklich erklären, er habe von der Sache nichts gewusst, wenn sie mit seiner Zustimmung geschehen war? Lag es in seiner Art, sich in so grellen Widerspruch mit der Wahrheit zu setzen, zumal dem Bruder gegenüber?

Man wird viele wichtige Momente in der Regierung des Kaisers nicht verstehen, wenn man sich nicht stets gegenwärtig hält, dass er bei all seinem Geschäftseifer doch völlig ausser Stande war, das ungeheuer ausgedehnte Getriebe seiner Politik wirklich zu beherrschen. Wie könnte man sich (um nur das auffälligste Beispiel aus dieser Periode zu erwähnen) die antipäpstlichen Schriften der Gebrüder Valdés, diese im Dienst und zur Vertheidigung des Kaisers abgefassten und doch mit dem ganzen System des Kaisers im grellsten Widerspruche stehenden Schriften erklären, wenn man annehmen dürfte, der Kaiser habe [14] von ihnen irgend genaue Kenntniss gehabt? Nun stehen ja freilich derartige literarische Productionen auf einem wesentlich anderen Boden als eine wichtige Staatsschrift, wie die Hannart ertheilte Instruction. Sollen wir uns vorstellen, der Kaiser habe ein Actenstück von dieser Bedeutung unterzeichnen können, ohne von seinem Inhalt Kenntniss genommen zu haben, so müssen wir, scheint’s, unsere Meinung von seiner politischen Thätigkeit und Selbständigkeit beträchtlich herabstimmen. Und doch liegt die Sache wohl etwas anders. Nach dem, was wir von Hannart’s Instruction wissen, war sie ein höchst weitläufiges Actenstück, das sich fast über den gesammten Umfang der europäischen Politik erstreckte, die englischen, niederländischen, dänischen, polnischen Angelegenheiten ebenso behandelte, wie die deutschen. Die Redaction einer derartigen Weisung konnte kaum in allen Einzelheiten durch den Kaiser bestimmt, noch weniger ihre wirkliche Abfassung von ihm controlirt werden. Es war schon viel, wenn er mit seinen Räthen die wichtigsten Punkte im Allgemeinen feststellte; die Ausführung im Einzelnen musste er ihnen überlassen. Wenn der Kaiser Ende Juni 1525 seinem Bruder schreibt: Quant au fait de Hannart, je ne lay bien entendu a cause de la maladie que lors javoye, so sehe ich darin das Zugeständniss Karl’s, er habe allerdings den anstössigen Auftrag ertheilt, aber Krankheits wegen die Tragweite desselben nicht wohl übersehen können. – Diese Entschuldigung würde freilich nicht ganz mit den Thatsachen stimmen, (so viel wir wissen, befand sich der Kaiser im August und September 1523 sehr wohl, erst ein Jahr später wurde er von anhaltendem Unwohlsein heimgesucht), aber das ist ja sehr oft die Art der Entschuldigungen.

Allerdings bleiben auch so der Seltsamkeiten genug übrig, vor Allem der Appell an den Kurfürsten von Sachsen nahezu unbegreiflich. Aber darf man sich darüber wundern, dass aus einer höchst abnormen und irrationellen Situation eine Menge der wunderlichsten Handlungen hervorgingen? Würde es nicht in Wahrheit viel überraschender sein, wenn das unmögliche Unternehmen, die deutschen Dinge von Spanien aus zu leiten, ohne die erstaunlichsten Verstösse gegen die Natur der Dinge abgelaufen wäre? Liess sich etwas Sinnwidrigeres denken, als im August oder September 1523 in Toledo feststellen zu wollen, was Hannart im Februar oder März 1524 in Nürnberg und noch [15] viel später beim Kurfürsten von Sachsen zu thun haben werde? feststellen zu wollen auf Grund von Informationen, welche in den Frühsommer oder gar in den Frühling 1523 zurück reichten?

Das historische Interesse des Vorganges beschränkt sich aber nicht darauf, einen lehrreichen Beitrag zur Charakteristik der kaiserlichen Politik zu liefern, er wirft vornehmlich ein scharfes Licht auf die damalige Regierung Ferdinand’s. Es müssen doch am kaiserlichen Hofe sehr bedenkliche und gewichtige Nachrichten über die Zustände in Ferdinand’s Ländern eingelaufen sein. Hätten der Kaiser und seine vornehmsten Räthe nicht die Ueberzeugung gewonnen, dass da in der That eine recht ernste Gefahr drohe, so wäre die seltsame Werbung an den Kurfürsten von Sachsen vollkommen unbegreiflich. So wäre aber auch die ganze Bevollmächtigung Hannart’s unerklärlich. Der Kaiser konnte diesen Mann nur dann in solcher Weise gewissermassen seinem Bruder überordnen, wenn er von der Ansicht erfüllt war, Ferdinand’s Regierung bewege sich auf den übelsten Wegen, er sei in der Hand von Personen, denen ebensowenig die Leitung der Reichspolitik, als die Verwaltung der österreichischen Gebiete anvertraut werden könne. War es nun wirklich mit der damaligen Regierung Ferdinand’s so überaus schlimm bestellt? Uebte der vielgeschmähte Salamanca einen so höchst verderblichen Einfluss? Eigentlich wissen wir von diesen doch in der That keineswegs gleichgültigen Dingen so gut wie nichts. Auch der sonst so verdienstliche dritte Band von Huber’s österreichischer Geschichte lässt diese Verhältnisse in dem bisherigen Dunkel; er verweist auf die sehr dürftigen Notizen, welche ich in meiner Geschichte Karl’s V. geben konnte. Es wäre doch recht erwünscht, wenn sich österreichische Forscher mit dieser wichtigen Periode ihrer vaterländischen Geschichte eingehend beschäftigen und da dann auch die bis jetzt sehr räthselhafte Gestalt Salamanca’s in ein helleres Licht rücken möchten[14].

Leider müssen wir aber noch mehr sagen. Auch unsere Kenntniss der Regierung Karl’s V. steht in manchen Beziehungen noch in recht bescheidenen Anfängen. Als Lanz vor 36 Jahren seine Actenstücke und Briefe zur Geschichte Karl’s V. zu veröffentlichen [16] begann, wurde damit die wichtigste Quelle, die sogen. Brüsseler Canzlei des Wiener Archivs zum erstenmal ernstlich berührt. Leider ist diese Publication gleich mit dem ersten bis 1520 reichenden Bande ins Stocken gerathen. Der fleissige Chmel hat zwar eine beträchtliche Menge Abschriften zur Fortsetzung des Lanz’schen Werkes anfertigen lassen, dieselben haben aber nie das Tageslicht erblickt. Und doch möchte man meinen, es gebe für die Wiener Akademie keine wichtigere und dankbarere Aufgabe, als der Forschung über die grösste Zeit des Hauses Habsburg die unentbehrliche Grundlage zu bieten. Ohne eine wirkliche Correspondenz Karl’s V. (wie weit die von Lanz meist nach den unvollständigen Brüsseler Copien gegebenen drei Bände davon entfernt sind, eine solche zu bieten, weiss jeder) dürfen wir nicht hoffen, auf festen Boden zu kommen. Der ungeheure Umfang des Stoffes mag eine Theilung der Arbeit in der Art empfehlen, dass z. B. die auf die Niederlande bezüglichen Stücke einer besonderen Publication durch die Brüsseler Akademie überlassen werden, wozu man ja in Belgien bereits die Anregung gegeben hat. Aber die Hauptmasse der die grosse Politik des Kaisers betreffenden Correspondenz wird immer der Wiener Akademie als dem natürlichen historischen Organ des Hauses Habsburg zufallen. Man wird wohl sagen dürfen: Was auch von den mannigfaltigsten Publicationen zur Geschichte der Reformationszeit gegenwärtig unternommen werden mag, für die politische Seite der damaligen Epoche wird sich an Bedeutung keine mit der Herausgabe einer erschöpfenden Correspondenz des mächtigen Kaisers messen können.



Anmerkungen

  1. Ferdinand’s Instruction für Antonio de Mendoça, Pedro de Cordova, Martin de Salinas und Gabriel Sanchez. Wien. Arch. P. A. 7.
  2. Archiv für österreichische Geschichte 1, 139.
  3. Mit diesem kurzen Ausdrucke meine ich selbstverständlich immer das Haus-, Hof- u. Staatsarchiv.
  4. S. die für Herrn von Bredam Stuttgart den 13. Juni 1524 unterzeichnete Instruction Ferdinand’s im Archiv für österreichische Geschichte 1, 129 f. u. 189.
  5. Wiener Archiv. P. A. 7.
  6. Wenn Ferdinand in dem Briefe an den Kaiser die Uebersendung dieser Copie nicht erwähnt und dieselbe auch jenem Briefe nicht beiliegt, so erklärt sich das daraus, dass Ferdinand alle Details seinem Gesandten am kaiserlichen Hofe, Martin de Salinas, aufzutragen pflegte. Von den Briefen Ferdinands an diesen Salinas haben sich im Wiener Archiv nur ganz vereinzelte Fragmente erhalten.
  7. Noch am 9. September wurden Instructionen für ihn an Margarethe aufgesetzt.
  8. Wiener Archiv. P. A. 5.
  9. Nach der göttlichen Gnade, schrieb er ihm am 31. Marz, je me tiens tenu a vous comme celuy qui en est une des principalles causes.
  10. Diese Briefe Karl’s in dem Copialbuch des Wiener Archivs (Lettres de l’empereur Charles-Quint à son frère Ferdinand 1524–1543) p. 4 b u. 9 b.
  11. Calendar IV, 2, 1067. Brewer hat ein zum Nürnberger Reichstage von 1524 gehöriges Schriftstück auf den Speierer Reichstag von 1526 übertragen.
  12. l. c. p. 1172.
  13. Biographie nationale 8, 695 ff.
  14. Für denjenigen, welcher sich dieser dankbaren Aufgabe widmen wird, bemerke ich, dass sich im Stuttgarter Archive zwei reiche Convolute der Correspondenz Salamanca’s aus den Jahren 1524 u. 1529 befinden.