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Die zweihundertste Auflage eines deutschen Schulbuches

Textdaten
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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Die zweihundertste Auflage eines deutschen Schulbuches
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 533–535
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[533]
Die zweihundertste Auflage eines deutschen Schulbuches.
Von Adolf Ebeling.


Es war zu Anfang der dreißiger Jahre, als eines Tages ein junger Mann dem Buchhändler Dumont in Köln ein kleines Manuscript zum Verlegen anbot. Der Titel dieses Manuscripts lautete: „Praktischer Lehrgang zur schnellen und leichten Erlernung der französischen Sprache“, und der Name des Verfassers Franz Ahn. Der Verleger fand Gefallen an dem strebsamen und intelligenten jungen Manne, der mit großer Klarheit seine neue Methode kurz und bündig aus einander setzte und dessen Ansprüche, wie sein ganzes Auftreten dabei sehr bescheiden waren. Man einigte sich leicht. Es galt gewissermaßen einen Versuch, die veralteten französischen Lehrbücher, die fast durchweg mit dem abstracten theoretischen Theil, speciell der Grammatik, begannen, durch eine rein praktische Unterrichtsweise zu ersetzen.


Die Gartenlaube (1879) b 533.jpg

Franz Ahn.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.


Der Erfolg des kleinen, kaum hundert Druckseiten umfassenden Buches war gleich bei seinem ersten Erscheinen ein ganz außergewöhnlicher und hat im Laufe der Jahre in so kolossalen Proportionen zugenommen, daß in diesem Jahre, also nach kaum etwas über vier Decennien, die zweihundertste Auflage erscheinen wird. Ein solches, selbst bei den bedeutendsten und weitest verbreiteten Schulbüchern fast beispielloses Resultat dürfte wohl ein hinreichender Grund sein, dem großen Leserkreise der „Gartenlaube“ den Verfasser und sein Werk in kurzen Umrissen vorzuführen.

Franz Ahn wurde im Jahre 1796 in Aachen geboren, also nur wenige Jahre vor dem Frieden von Campo-Formio und dem späteren von Lüneville, wodurch bekanntlich Belgien und das linke Rheinufer an Frankreich kamen. Aachen wurde die Hauptstadt des Roer-Departements und Ahn’s Vater zum Bureauchef bei der Präfectur ernannt. Die französische Regierung, oder richtiger der General Bonaparte, blieb auch hier dem alten Princip getreu, die tüchtigen Beamten der neuerworbenen Länder in ihren Stellen zu lassen oder zu höheren Aemtern zu befördern. Im Uebrigen wurde Aachen aber bald ganz französisch, so auch in Bezug auf die Schulen, in welchen die vorgeschriebene Unterrichtssprache die französische wurde, was in jenen deutschen Grenzländern, die im steten und directen Verkehr mit Frankreich gestanden hatten, nur auf geringe Schwierigkeiten stieß. Dieser Umstand wird jedenfalls nicht ohne Einfluß auf die Entwickelung des Knaben in Bezug auf die französische Sprache geblieben sein und erklärt zugleich seine Vorliebe für dieselbe und für das geistige Leben in Frankreich, obwohl er stets seinem deutschen Vaterlande aus vollem Herzen zugethan war. Soll er doch in späteren Jahren, wenn die Rede auf die Befreiungskriege kam, oft beklagt haben, wegen seines allzu jugendlichen Alters davon ausgeschlossen gewesen zu sein, und mehr als einmal hat er als Mann seine echt deutsche und patriotische Gesinnung an den Tag gelegt.

Auf den Wunsch seiner Eltern trat der junge Ahn bei einem Aachener Kaufmann in die Lehre, aber nur für kurze Zeit, denn sein innerer Beruf wies ihn auf andere Bahnen. Zunächst suchte er seine tüchtige Kenntniß der französischen Sprache zu verwerthen, und da gerade am Gymnasium seiner Vaterstadt eine diesbezügliche Lehrerstelle neu besetzt werden sollte, bewarb er sich um dieselbe und erhielt sie auch, obwohl er der jüngste unter den zahlreichen Concurrenten war.

Aber der enggezogene Wirkungskreis eines bloßen Lehrers der neueren Sprachen genügte ihm nicht, und er gründete einige Jahre darauf eine Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für junge Leute mit dem speciellen Zweck einer praktischen Vorbereitung derselben für den Handelsstand. Diese Anstalt, die bald bekannt wurde und florirte, ist schon insofern interessant, als man sie mit Recht „einen Vorläufer des späteren Realschulwesens“ nennen darf, denn schon gegen Ende der zwanziger Jahre stellte der junge Ahn für seine Schule fast ganz dasselbe Programm auf, das in den vierziger Jahren (und strenggenommen erst durch die neue preußische Schulordnung vom 6. October 1859) für die Realschulen in den Rheinlanden vom Unterrichtsministerium in Berlin festgesetzt wurde. Als später die Stadt Aachen die Ahn’sche Anstalt übernehmen, ihr aber, Gott weiß aus welchem Motiv, einen anderen Director und dem Gründer nur die erste Lehrerstelle geben wollte, ließ sie dieser, da sie ohne ihn nicht bestehen konnte, lieber ganz eingehen und folgte im Jahre 1843 einem Rufe nach Neuß als Lehrer der neueren Sprachen an der dortigen Realschule, wo er bis zu seinem Tode (1865) auf das Segensreichste gewirkt hat.

Wir haben indeß für unseren heutigen Artikel weit weniger jenen Wirkungskreis im Auge, als das bereits oben erwähnte Lehrbuch, das den Namen des Verfassers bald durch ganz Deutschland trug und später zu einem europäischen machte, ja mehr als das, denn das Ahn’sche Lehrbuch, oder richtiger die Ahn’sche Methode, ist so ziemlich in der ganzen Welt, wo es Schulen und Unterrichtsanstalten giebt, verbreitet. Wie neuerdings in Japan, so war schon früher in Peking die Ahn’sche Methode zur Erlernung fremder Sprachen in Anwendung gekommen, und Schreiber dieses hat noch in den letzten Jahren an der ägyptischen Kriegsschule zu Kairo den deutschen Unterricht nach dem arabischen Ahn geleitet. Doch davon weiter unten noch einige nähere Notizen.

Die Ahn’sche Methode könnte man wirklich mit dem Ei des Columbus vergleichen. Als sie da war und sich schnell und mit überraschend günstigem Erfolge bewährte, gab es nicht wenig Schulmänner, die über die Einfachheit derselben lächelten und fast geringschätzend sagten: „Wenn es weiter nichts ist – das begreift ja jedes Kind, was braucht es da groß Kopfzerbrechen?“ Gewiß, ihr Herren, und jetzt hattet ihr gut reden, wo das Ei auf der Spitze stand. Die neue Methode war auch nur für Kinder, aber sowohl für die kleinen wie für die großen, denn im Gebiete des Lernens ist jeder Anfänger, und wäre er [534] noch so alt, nur ein Kind. Dieser Gedanke ist auch die eigentliche Basis der Ahn’schen Methode. Wie die Mutter ihrem Kinde für die ersten kindlichen Begriffe und Vorstellungen die Wörter vorspricht, dann die Wörter zu kleinen Sätzen gestaltet, aus den kleinen Sätzen größere macht und, indem sie nach und nach den Kreis der Begriffe und Vorstellungen erweitert, das Kind auf diese Weise sprechen lehrt – gerade so verfährt die Ahn’sche Methode, und das ist ihr ganzes Geheimniß.

Der bisherige Schlendrian, dem die meisten Lehrer mehr aus Ueberlieferung als aus innerer Ueberzeugung anhingen und der eine möglichst gründliche Kenntniß der Grammatik als erstes Erforderniß bei Erlernung einer lebenden Sprache anstrebte, dieser Schlendrian wurde durch das neue Ahn’sche Lehrbuch gründlich beseitigt, und Lehrer und Lernende fühlten sich dadurch wie in einer neuen Welt. Hier war Alles so einfach und so klar, und dabei doch so durchdacht und in so richtigem Fortschritt geordnet, daß Unterricht und Lernen angenehm und leicht wurden. Dabei muß man aber ja nicht denken, daß die Ahn’sche Methode nur ein oberflächliches Wissen bezweckte und die Grammatik nur nebenbei behandelte oder gar vernachlässigte – alles Vorwürfe, die dem Verfasser schon deshalb sofort in Menge entgegen traten, weil sein Lehrbuch alle anderen verdrängte – im Gegentheil, gleich in den ersten Lectionen werden kurze grammatische Regeln gegeben, aber stets nur das Nöthigste und frei von jedem abstracten Wust. Natürlich gilt dies nur in Bezug auf den „Praktischen Lehrgang“, mithin nur vom sprachlichen Elementarunterricht; für das Weiterstudium speciell der französischen und englischen Sprache verfaßte Ahn noch eine außerordentlich große Anzahl anderer Lehrbücher, die wir hier unmöglich auch nur nach ihren Titeln aufführen können, da sie in den Katalogen eine ganze Reihe von Seiten füllen. Nur die in Mainz (bei Kupferberg) jetzt schon in der 36. Auflage erschienene französische Grammatik sei hier erwähnt, weil sie nach dem Urtheil bewährter Schulmänner zu den besten ihrer Art gehört und den Verfasser als einen gründlich gebildeten Philologen documentirt.

Der auffallend günstige Erfolg des „Lehrganges“ veranlaßte Ahn alsbald, dieselbe Methode auch umgekehrt und zwar zunächst für Franzosen zur Erlernung der deutschen Sprache anzuwenden, alsdann für Engländer, Italiener etc., und in allen Ländern fand die praktische Methode den größten Anklang, sodaß 30, 40 und 50 Auflagen auch von diesen Büchern noch bei Lebzeiten des Verfassers erschienen. Und da einmal der Anstoß gegeben war, so konnte die Methode leicht immer weiter und weiter ausgenutzt werden: französisch und englisch und umgekehrt; französisch und italienisch und umgekehrt und so fort, bis in’s Unendliche, möchte man fast sagen, da der deutsche Theil des Lehrganges in alle lebenden europäischen und auch in viele außereuropäische Sprachen übersetzt wurde. Rechnet man Alles zusammen, so kommen (es ist wirklich nicht übertrieben!) Millionen Exemplare heraus, auf denen der Name Franz Ahn als Verfasser steht. Von den vielen Nachahmungen, welche die Ahn’sche Methode in’s Leben rief, noch gar nicht zu reden. Sogar auf die alten Sprachen wendete man die neue Methode an und in den unteren Classen mit Erfolg, obwohl der Hauptzweck derselben, das sofortige Sprechenlernen, hier nicht in Betracht kommen konnte.

Als in Frankreich mit dem neuen Kaiserthum, und zwar nach dem speciellen Willen des Kaisers, das deutsche Sprachstudium wieder auf allen Staatsschulen obligatorisch wurde, entschied man sich in dem sogenannten „Conseil supérieur de l’Instruction publique“ alsbald für das Ahn’sche Lehrbuch, anfangs nicht ohne Widerspruch von Seiten der Universität, der, ähnlich wie manchem deutschen Professor, „Der kleine Ahn“ nicht gelehrt genug war. Schon früher hatte ich selbst Gelegenheit gehabt, eine Lanze für den Landsmann zu brechen, und ich freue mich noch heute so darüber, daß ich nicht umhin kann, den Vorfall kurz zu erzählen.

Beim mündlichen Examen zur Aggregation an der Sorbonne bekam ich zuerst ein Capitel aus Lessing’s „Laokoon“ zur französischen Uebersetzung und Erklärung. Die Herren Examinatoren, meist französische Akademiker, machten sich die Sache sehr leicht, weil sie die gedruckte französische Uebersetzung neben sich liegen hatten und mehr in diese, als in das deutsche Original hineinschauten; nur bei den grammatikalischen Fragen kamen sie manchmal in Verlegenheit, weil eben davon nichts in ihrem Buche stand. Als aber später wie zufällig die Rede auf die Declinationen kam (bekanntlich ein sehr heikles Thema der deutschen Grammatik), erklärte ich dieselben nach Ahn’s „Zweitem Cursus“ so kurz und bündig, daß ich, ob des leichten Verständnisses, allgemeine Zustimmung fand, die indeß von einigem Erstaunen begleitet war, als ich meinen Gewährsmann nannte. Dies führte uns zu einer Discussion über die Ahn’sche Methode, und ich hatte die Genugthuung, die gelehrten Herren, von denen damals gar viele von Ahn kaum mehr als den Namen kannten, so einstimmig dafür zu gewinnen, daß mir der Vorsitzende, der Generalinspector Duruy (der spätere Unterrichtsminister) versicherte, auch ihm erscheine diese Methode als die einfachste und am meisten praktische von allen anderen. Bald darauf wurde sie auf allen französischen Staatsschulen eingeführt.

Einen noch eclatanteren Beweis dafür sollte ich zwanzig Jahre später, noch dazu in einem fremden Welttheile, erleben, nämlich in Aegypten an der viceköniglichen Kriegsschule, wohin ich 1873 zur Leitung des deutschen Unterrichts berufen wurde.

Der Khedive hatte bekanntlich seinen zweiten Sohn, den Prinzen Hassan, zur militärischen Ausbildung nach Berlin geschickt und zugleich decretirt, daß seine Cadetten auch deutsch lernen sollten – alles in Folge der gewaltigen Machtstellung Deutschlands nach dem deutsch-französischen Kriege, wodurch das frühere Uebergewicht Frankreichs in Aegypten einen so harten Stoß erlitten. Jetzt galt es, „die Sprache Bismarcks“ auch der ägyptischen Jugend und zunächst der militärischen beizubringen. Ein orientalisches Decret muß sofort ausgeführt werden; um das Wie? bekümmert sich der Herrscher nicht weiter; das ist Sache der betreffenden Behörden, und im vorliegenden Falle hatte der Kriegsminister dafür zu sorgen.

Zum Unterricht gehören aber auch in Aegypten zwei Factoren: die Lehrer und die Lernenden. Die letzteren waren zahlreich vorhanden, sogar in allen Farbenabstufungen, vom dunkelsten Schwarz bis zum lichten Braun – aber die ersteren fehlten. Da half man sich, so gut es gehen wollte, und stellte allerlei Leute als „Lehrer“ an, die nur irgendwie etwas Deutsch wußten. So z. B. einen inländischen Apothekergehülfen, der einige Jahre in Wien conditionirt hatte; einen syrischen Dragoman, der „fließend“ deutsch sprach; sogar einen jungen Ungar oder Böhmen, der früher in einer deutschen Familie Kammerdiener gewesen. Die guten Leute versahen sich mit allerlei Lehrmitteln, der eine mit „polyglotten Gesprächen“, der andere mit einem Büchlein „in drei Monaten ein perfecter Deutscher zu werden“, der Apothekergehülfe hatte sogar als Hülfsbuch ein altes „Compendium über die gewöhnlichsten Krankheiten des menschlichen Körpers“ – und nun thaten sie ihr Möglichstes und „unterrichteten“ recht und schlecht, dieses aber weit mehr als jenes.

So fand ich die „deutschen Classen“ vor, in den Heften die seltsamsten französisch-arabisch-deutschen Dictate und in den Köpfen ein ähnliches dreifaches Mischmasch von Brocken und Phrasen – eine babylonische Verwirrung! Und doch hatten die intelligenten jungen Aegypter, deren Lernbegier und Folgsamkeit gar vielen europäischen Schülern zum Muster dienen könnten, von diesem bunten Allerlei schon viel profitirt, und die muthigsten, als sie mir vorgestellt wurden, radebrechten deutsche Begrüßungen und Versicherungen von Gehorsam und Treue. Der Minister hatte mir volle Freiheit gegeben, und so machte ich denn zuerst „rein Haus“.

Alle bisherigen Schulbücher wurden bei Seite und dafür einem Jeden der französisch-deutsche Ahn in die Hände gelegt. Zwei gebildete ägyptische Officiere, die vortrefflich französisch sprachen, dienten als Dolmetscher, und der Unterricht begann gleich in der erste Stunde. Die übrigen Lehrer, die man doch nicht wohl entlassen konnte, bekamen gleichfalls den Ahn, und nun ging Allen ein Licht auf. In kaum sechs Wochen hatte außerdem der eine Officier den ganzen ersten Cursus in’s Arabische übersetzt und wußte ihn zugleich fast vollständig auswendig, und schon am Schluß des ersten Semesters konnte ich mich mit ihm recht gut deutsch unterhalten. Im zweiten Semester wurde bereits der Zweite Cursus des Ahn’schen Lehrganges mit hinzugezogen, und im dritten konnten schon die älteren Cadetten die jüngeren neu aufgenommenen nach dem ersten Cursus vorbereiten.

Noch nie hatte ich in meiner langjährigen „Ahn’schen Praxis“, wenn man mir diesen Ausdruck zugute halten will, einen so schnellen und schlagenden Erfolg erlebt, aber auch noch nie lernbegierigere [535] und begabtere Schüler gehabt. Was könnte aus diesem Volke unter einer weisen und tüchtigen Regierung werden! Doch das gehört nicht in unser Capitel; der Umstand indeß, daß sich Ahn’s Methode bei zwei so heterogenen Sprachen, der arabischen und deutschen, praktisch so glänzend bewährte, dürfte wohl das beste Zeugniß für ihre absolute Vortrefflichkeit sein.[1]

Allerdings verlangt diese Methode, die äußerlich und auf den ersten Blick so „kinderleicht“ erscheint, ein ernstes Eingehen in die tiefer liegenden Absichten und Zwecke des Verfassers, und bei keiner anderen paßt vielleicht das Wort „der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig“ so sehr wie bei dieser. Indeß einmal von diesem Geiste durchdrungen, erzielt ein tüchtiger Lehrer geradezu staunenswerthe Erfolge. In Frankreich und in den übrigen Ländern romanischer Zunge ist die Ahn’sche Methode, wenigstens für den Elementarunterricht, noch immer die vorherrschende; in Deutschland ist sie im letzten Decennium durch verschiedene andere verdrängt worden, denen aber der Kundige sofort ansieht, daß sie sämmtlich mehr oder weniger auf der Ahn’schen begründet sind. Wir dürfen hier keine Namen nennen, schon um von unserer Arbeit, die einen verdienstvollen Todten ehren soll, jede Polemik fern zu halten, aber das dürfen wir immerhin sagen, daß gar manche unter Ahn’s Nachfolgern auf diesem Gebiete ihrem großen Vorgänger nicht immer die schuldige Pietät bewiesen haben. Warf man ihm doch von solcher Seite her schon bei Lebzeiten namentlich die Einfachheit seiner Phrasen und Beispiele, also seinen „beschränkten Ideenkreis“ vor, ohne zu bedenken, daß gerade diese Einfachheit principiell und wohlüberlegt war und daß er nur ihr seine großen Erfolge verdankte. Das Goethe’sche Wort: „in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, könnte man sehr gut dem Ahn’schen „Lehrgang“ als Motto voransetzen. Ob die Nachfolger mit ihren „inhaltreichen“ Beispielen, die unserer Ansicht nach das Anfangsstudium mehr erschweren als erleichtern, größere Erfolge erzielen, muß die Zeit lehren; wir wagen es zu bezweifen.

In rastloser Thätigkeit und mit seltener Geistesfrische wirkte Franz Ahn bis an sein Ende; er lebte nur seinem amtlichen Berufe, seinen schriftstellerischen Arbeiten und seiner Familie. In der letzteren fand er Erholung und stets neue Freude; seine zahlreichen Kinder hingen an ihm mit unendlicher Liebe, und es war täglich für sie ein Fest, wenn er zur bestimmten Stunde aus seinem Studirzimmer herüberkam, „um mit ihnen zu spielen“. Ueberhaupt war der Mann, der sein ganzes geistiges Schaffen und Wirken der Jugend gewidmet hatte, ein großer Kinderfreund, und seine Schüler bildeten gewissermaßen seine zweite Familie. Selten haben aber auch wohl Schüler mit größerer Verehrung an ihrem Lehrer gehangen, als die seinigen an ihm. Er strafte fast nie, denn sein ganzes Wesen war Sanftmuth und Milde, und doch hat es vielleicht kaum jemals einen Lehrer gegeben, der so schnelle und glückliche Erfolge erzielt hätte, wie er. Auch für die Armen und Nothleidenden hatte er stets ein warmes Herz und die aufopferndste Theilnahme. Noch heute erzählt man sich eine Menge kleiner Züge seiner Nächstenliebe, die wir aber, und sicher in seinem Sinne, hier nicht nacherzählen wollen, denn Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit waren Haupteigenschaften seines vortrefflichen Charakters. Gegen äußere Ehren und Auszeichnungen war er sehr gleichgültig; nur als ihn im Jahre 1857 die Universität Heidelberg zum Ehrendoctor ernannte, empfand er lebhafte Freude, weil speciell in dem Diplom seine Methode als „weltverbreitet“ und „nutzbringend wie keine andere“ bezeichnet war.

Die Nachricht von seinem Tode war das Signal einer allgemeinen Trauer für ganz Neuß, und seit Menschengedenken hatte die Stadt einen so großartigen Leichenzug nicht gesehen, wie den seinigen. Von nah und fern waren die Freunde und unzählige seiner früheren Schüler herbeigeeilt, um dem Todten, der in seinem langen, segensreichen Leben keinen Feind gehabt hatte, die letzten Ehren zu erweisen. Der rühmlichst bekannte Dombildhauer Professor Mohr fertigte später eine sehr gelungene Marmorbüste des Verstorbenen an, die auf dem neuen Kirchhofe in Neuß das Ahn’sche Grab zum dauernden Gedächtniß schmücken mag.


  1. Auch die vornehmen Haremsdamen, sowohl in Kairo wie in Constantinopel, werden manchmal im Französischen unterrichtet, und dann stets nach Ahn’scher Methode. Spaßhaft klingt es, was H. Bambéry in seinen „Sittenbildern aus dem Morgenlande“ darüber berichtet: „Mir war oft reichlich Gelegenheit geboten, das Haremsleben aus der Nähe zu beobachten; ja ich war sogar so glücklich, einer kaiserlichen Prinzessin in den Anfangsgründen der französischen Sprache Unterricht zu ertheilen. Es war dies allerdings ein sonderbarer Unterricht. Die Prinzessin F....., Tochter eines Sultans und Schwiegertochter eines Großveziers, saß in ihrem weißmarmornen Palaste zwischen Bebek und Emirgian stets hinter dem schweren Teppichvorhange ihres Gemaches, während ich im Vorzimmer, von grimmigen Eunuchenblicken bewacht, Ahn’s deutsch-französische Grammatik in der Hand, ‚mon père est bon‘ in den Vorhang hineindocirte, worauf die zarte Damenstimme ‚benim babam eij dir‘ respondirte. Lehrer und Schülerin hörten sich zwar, aber sahen sich nicht.“