Die weltverbindende Chiffre

Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Die weltverbindende Chiffre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 448–450
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die weltverbindende Chiffre.


Der Engländer ist ein raffinirter Bequemlichkeitskünstler. In allen Aeußerungen und Beziehungen des Lebens geht sein Hauptstreben nach Case und Comfort – zwei schwer übersetzbaren Begriffen, denn unser „Leichtigkeit“, „Behagen“, „Bequemlichkeit“ drücken sie nicht vollkommen aus. Deshalb macht er sich auch seine mündliche und schriftliche Rede gern so leicht und bequem wie möglich, indem er längere Worte abkürzt oder auch durch ganz andere kürzere ersetzt und für eine Menge von Bezeichnungen sich bloßer Buchstaben oder Chiffren bedient, welche rasch das allgemeine Bürgerrecht erlangen. So stutzt er sich seine Vornamen mundrechter zu; Mary verwandelt er in Poll, Robert in Bob, Edward in Ned etc. Der Omnibus ist aller Welt einfach der Bus; ein kurzes M. P. hinter dem Namen bekundet den Träger desselben als Erwählten der Nation, als Mitglied des Parlamentes – Member of Parliament –; die O. und P. kennt Jedermann als die zwischen England und Ostindien gehenden Postdampfer, die Schiffe der Peninsular and Oriental Company, und Niemand ist, dem sich bei der Chiffre T. S. nicht das Bild eines Zeit und Raum aufhebenden Weltverkehres entrollte.

Dieses T. S. schläft niemals, ja schließt nicht einmal das Auge zu noch so kurzem Schlummer. T. S. ist ewig neugierig und ewig bestrebt, seine Neuigkeiten mitzutheilen. Die ärgste Klatschbase in der klatschsüchtigsten kleinen Stadt vermag während ihres ganzen Lebens auch nicht ein Tausendstel der Gerüchte auszustreuen, die T. S. im Laufe einer Stunde in die Welt hinaussendet. Und wie bunt und mannigfaltig ist der Charakter dieser Nachrichten! Die Kunde von den Pariser Mordbrennereien, die Geburt eines neuen Enkels der Königin Victoria, die letzte Rede Bright’s in Birmingham – alle diese Mittheilungen und noch hundert andere laufen in derselben Minute in T. S. ein und machen sich den Vorrang streitig. T. S. hat den Finger am Pulse der Goldbörse von New-York und erzählt von jedem seiner einzelnen Schläge; T. S. vibrirt mit dem Steigen und Fallen des Indigomarktes, dessen Waaren die fernen Felder Ostindiens senden, – mit Einem Worte, T. S. streckt seine Zweige nach allen Richtungen hinaus. Es läuft dahin tief unter dem Pflaster der City, bleibt uns zur Seite auf der Landstraße, säumt die schlüpfrige Wand des Eisenbahntunnels, schwingt sich von Rauchfang zu Rauchfang über den Dächern unserer Häuser und liegt auf dem Grunde des Oceans mitten unter Schiffstrümmern und Korallenriffen, unter verlorenen Schätzen und bleichenden Menschengebeinen. Daß T. S. dem Privatmann auch zu Diensten sein muß, versteht sich von selbst. Durch T. S. Vermittelung erbittet sich der Herzog auf seinem Schlosse hoch im Norden von Schottland das sofortige Erscheinen des berühmten Londoner Arztes, wenn Mylady plötzlich erkrankt ist, und T. S. wieder ist es, das die Trauerkunde vom Ableben Seiner Gnaden des Marquis im fernen Cornwallis in die Hauptstadt trägt.

In allen diesen und tausend anderen Fällen wird T. S. in Requisition gesetzt, denn – der Leser hat es schon errathen – T. S. ist die landübliche Abkürzung von Telegraph Street, der großen Centralstation des englischen Staatstelegraphenwesens.

Telegraph Street ist kaum eine Straße zu nennen, nur eine Sackgasse, die in einen sehr engen Hof mündet. Unmittelbar an [449] dessen Eingange erhebt sich der umfängliche Gebäudecomplex, welchen wir als das eigentliche T. S. bezeichnen müssen. Im Erdgeschosse desselben befindet sich neben einer behaglichen Pförtnerloge, um deren Besitz man den in Scharlach gekleideten dicken Portier beneiden könnte, zunächst Apotheke mit Doctorzimmer, welche bei dem ungeheuern Personale des Instituts fast täglich ihre Dienste zu leisten haben, und daran der Saal, in dem über die Geschäfte mit den verschiedenen Gesellschaften, welche auf regelmäßige Depeschen abonnirt sind, Buch und Rechnung geführt wird. Als die bedeutendsten dieser „Neuigkeitengesellschaften“ – News Companies – haben wir zu erwähnen die Central Preß, die Preß Association und den Lombard, deren Boten von fünf Uhr Abends bis drei Uhr des nächsten Morgens unablässig hin- und hereilen, um Telegramme zu bringen und in Empfang zu nehmen. Außer diesen großen Compagnien unterhalten mehrere der vornehmsten Provinzialblätter einen mit T. S. direct communicirenden Sonderdraht, der nach sieben Uhr Abends ihren Londoner Correspondenten, welchen ein eigenes Zimmer im Etablissement vorbehalten ist, zur Verfügung steht. Daß das Erdgeschoß auch einen großen Speisesaal für die verschiedenen Beamten enthält, charakterisirt ebenfalls Art und Umfang der Anstalt. Von den für die City bestimmten Depeschen geht übrigens nur ein Theil unmittelbar von T. S. aus, da dort noch eine ziemliche Anzahl anderer Telegraphenstationen im Betriebe ist.

Eine mit Leder umkleidete Röhre befördert die zu expedirenden Telegramme in das Ausgabelocal, wo eine Reihe von jungen Damen das Geschäft des Couvertirens und der Aushändigung an die verschiedenen Boten besorgt. T. S. hat eine große Menge stehender Kunden und für jeden derselben seinen besondern Vorrath von Couverts mit gedruckten Namen und Adresse; an regelmäßigen Boten, Knaben oder doch jungen Menschen, die gut gedrillt und einer gewissen militärischen Disciplin unterworfen sind, besitzt es hundertsiebenundsechszig. Sie empfangen keine feste Besoldung, sondern werden so zu sagen nach dem Stück bezahlt, für die einzelne Depesche je nach der Entfernung der Adressaten mit einem halben oder ganzen Penny. Auf diese Weise beeilen sich die jungen Boten, soviel sie können, um im Stande zu sein, täglich eine recht große Anzahl von Telegrammen auszutragen.

Im ersten Stockwerk des Gebäudes empfängt uns ein riesiger Saal, die sogenannte Metropolitan Gallery. Sie wimmelt von jungen Damen, an denen uns zunächst die wahrhaft unendliche Mannigfaltigkeit der Chignons auffällt, mit denen sie ihre Köpfe verziert, oder besser, verunziert haben, während ihre Kleider, wenn auch nicht in Stoff und Farbe, so doch in Schnitt und Ausputz von so uniformer Gleichartigkeit sind, als wären sie von einem Regimentsschneider für eine Amazonenlegion fabricirt worden. Diese jungen Frauen und Mädchen sitzen an langen Zeilen von Tischen, welche den Raum von einem Ende zum andern ausfüllen, und sind von früh bis Abend damit beschäftigt, die einlaufenden und zu befördernden Depeschen nach der Stadtgegend, auf welche die Adresse lautet, zu sortiren. Zu solchem Endzwecke dienen große Pläne, auf denen die dem Publicum jetzt allgemein geläufigen Postdistricte mit den von der Oberpostdirection eingeführten Bezeichnungen angegeben sind, und immer eine gewisse Anzahl von Damen hat die Depeschen aus einem dieser Districte zu sortiren und zum Austragen bereit zu machen. Eine Oberaufseherin führt die Controle über jede solche Section. Alle eingehenden Telegramme wandern nach diesem gigantischen Sortirlocale; die nicht für die Stadt bestimmten werden mittels eines Aufzugs nach einem oberen Saale, der Provincial Gallery, emporgehoben; diejenigen, welche die City zu empfangen hat, laufen durch eine pneumatische Röhre nach der ihrem Bestimmungsorte nächstgelegenen Station. Dergleichen pneumatische Canäle, die den ganzen Tag unaufhörlich Depeschen befördern, haben sich außerordentlich bewährt und arbeiten gegenwärtig nicht allein zwischen unserm T. S. und den Hauptstationen der City, sondern werden auch von dem Anglo-Amerikanischen, dem Indo-Europäischen und dem Falmouth- und Gibraltarbureau zum Verkehr mit der Centralstation benutzt. Hierbei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die nach dem Continent bestimmten Depeschen lediglich durch die Hände von männlichen Beamten des Etablissemens gehen, einem gemischten Corps von Ausländern und fremder Sprachen mächtigen Engländern.

Während ich mit der beaufsichtigenden Beamtin die ungeheure Metropolitan-Galerie hinabschritt, durfte ich nach Gutdünken weilen, wo ich eben Lust hatte, und Fragen stellen, wie sie mir gerade in den Kopf kamen. So blieb ich einen Augenblick bei einer jungen Dame stehen, vor der auf einer Papptafel mit großen Buchstaben das Wort „Holborn“ zu lesen war, der mithin die Depeschenbeförderung aus diesem verkehrsvollen Stadtviertel oblag.

Es war vierundfünfzig und eine halbe Minute nach drei Uhr, und sie schrieb soeben die letzten Zeilen eines dreiundfünfzig Minuten nach drei Uhr am Holborner Viaduct aufgegebenen Telegramms ab, welches in spätestens zwei Minuten zur Behändigung an den betreffenden Boten fertig sein wird. Eine andere junge Dame, an die ich mich wandte, war sehr kurz in ihren Antworten, was ich erklärlich und sehr verzeihlich fand, als ich erfuhr, daß ihr vom Südwestbezirke, mit welchem sie zu thun hat, siebenundzwanzig gleichlautende Depeschen übermittelt worden waren, die sie abzuschreiben und an ihre verschiedenen Adressen zu befördern hatte. Eine solche Monotonie muß ja auch dem eifrigsten aller eifrigen Arbeiter peinlich werden. In demselben Südwestdistricte liegen die meisten Amtslocale, das Kriegsministerium, das auswärtige Amt, das Schatzamt, die Admiralität, die Parlamentshäuser und der Palast der Königin, Buckingham Palace. Für alle diese Localitäten, die selbstverständlich eine große Anzahl von Depeschen entsenden und empfangen, sind, da die Telegramme häufig aus Chiffren bestehen, besondere Alphabete und eigene „Nadeln“ im Gebrauche, wie natürlich auch in Folge dieser vielen officiellen Gebäude und Anstalten gerade der Südwestbezirk sein besonderes Quantum an Arbeit verursacht und ein mehr als doppeltes Contingent von Arbeiterinnen erfordert. In Windsor, Osborne und Balmoral, den verschiedenen Landresidenzen der Königin, stehen Telegraphenapparate unter der Leitung eines stets mit dem Hofe reisenden Beamten; ebenso sind die Landsitze der Minister und mancher Edelleute mit dergleichen Vorrichtungen ausgestattet.

Das ganze Jahr hindurch hat die Metropolitan-Galerie ihr reiches Maß von Arbeit zu bewältigen, welches sich indeß noch beträchtlich vermehrt gelegentlich der großen Londoner Volksfeste, wie bei dem Derbytage und der von den beiden Universitäten Cambridge und Oxford alljährlich veranstalteten Bootwettfahrt. Auch ein ungewöhnlich dicker Nebel bringt den Damen viel Extrabeschäftigung, und ohne die für dergleichen Anlässe getroffenen Vorkehrungen würden die Drähte der andringenden Fluth von Depeschen, welche die Unmöglichkeit ausdrücken, genommene Verabredungen einzuhalten, auch nicht annähernd gerecht werden können. Alle für die Röhrenstationen bestimmten Depeschen kommen in verschiedene mit den Namen der jedesmaligen Oberaufseherinnen bezeichnete Oeffnungen. Von dem Umfange der in T. S. abgethanen Geschäfte aber giebt die Thatsache eine Vorstellung, daß es bis jetzt schon dreihundertvierunddreißig Telegrammen-Ablieferungsstationen in London giebt und daß die Zahl derselben noch immer im Wachsen begriffen ist.

Der wesentliche Unterschied zwischen der Metropolitan- und der Provinzialgalerie besteht darin, daß in der letzteren die oben erwähnten Papptafeln anstatt der Namen von Londoner Straßen und Bezirken die Namen von Provinzialstädten tragen. Im Uebrigen sind Anstrich und Geschäftsbetrieb so ziemlich die gleichen wie in jener; insbesondere gewahrte ich ganz die nämliche Fülle an möglichen und unmöglichen Chignons und dieselbe Ruhe und Emsigkeit. Unser specielles Interesse jedoch verdienen in der Provinzialgalerie mehrere der daselbst thätigen telegraphischen Apparate. So führte man mich zu dem „Liverpool-Departement“, um mir eines von den berühmten Hughes’schen Instrumenten zu zeigen, mittelst dessen das Telegramm sofort in completen deutlichen Buchstaben und Worten niedergeschrieben wird, und forderte mich auf, mit dem in Liverpool an einem Exemplare des nämlichen Instrumentes operirenden Beamten zu correspondiren. Ich that so, und in weniger als anderthalb Minuten sah ich seine Antwort auf meine Anfrage sich schlangengleich in schönem Druck aus der Maschinerie hervorwinden. Dies Liverpool ist beiläufig ein wahrer Vielfraß von Depeschen. Nicht nur, daß es allein von T. S. aus elf und von der Fondsbörse fünf, zusammen also sechszehn besondere Apparate in Requisition setzt, es kommt damit noch nicht aus und wird schon in der nächsten Zukunft noch eine Reihe anderer Instrumente zu seinem alleinigen Gebrauche im Gange haben. Im Appetit am nächsten steht ihm Manchester; eine für dasselbe arbeitende junge Dame versicherte mich, daß sie [450] zwischen elf Uhr Morgens und drei Uhr Nachmittags heute schon dreihundert und einige vierzig Depeschen abgesandt habe. Und die gegenwärtige Zeit gilt für eine der stillsten Perioden im Jahr. Während der regsten Geschäftsmonate beträgt die Zahl der täglich abgehenden Telegramme nahezu zwanzigtausend! Hierin aber sind die vielen von der Presse in Umlauf gesetzten Depeschen nicht einmal mitbegriffen! An dem Tage, an welchem ich T. S. meinen Besuch abstattete, waren bis gegen fünf Uhr Nachmittags bereits dreizehntausend expedirt worden. Und wie viele konnten noch bis zum Einbruche der Nacht Erledigung finden! Jedenfalls wurde die Durchschnittszahl mehr als erreicht.

Eine der wichtigsten Maschinerien in T. S. bildet das Probezimmer, testing box, der Ort, wo alle die von T. S. auslaufenden Drähte geprüft werden. Dies geschieht regelmäßig jeden Morgen um sechs Uhr, wo sich der angestellte Oberingenieur mit allen Endstationen in Rapport zu setzen pflegt, um zu sehen, ob die Linien in jeder Beziehung in gutem Zustande sind. Desgleichen begiebt er sich in das Testing Box, wenn ihn irgend einer der Beamten auf einen Fehler des in sein Ressort gehörenden Drahtes aufmerksam macht. Jeder Draht hat seine besondere Nummer und Bezeichnung, und mit Zuhülfenahme des Galvanometers erkennt der Ingenieur auf der Stelle, ob die Beschädigung, der Riß oder Bruch sich an seinem Ende des Drahtes befindet. Ist dies nicht der Fall, so untersucht er den Draht in den verschiedenen Sectionen, in welche derselbe eingetheilt ist, bis er auf die schadhafte Stelle trifft, die dann der specielle Sectionsingenieur auszubessern hat. Unter dem Fußboden der Provinzial-Galerie liegen allein ziemlich sechzig englische Meilen Draht, einzig und allein zur Verbindung der verschiedenen Localbatterien etc.

Als ein zweites interessantes Instrument muß ich den Chronophor, die Normaluhr für ganz England, anführen. Sechszehn der bedeutendsten Städte des Landes stehen mit dieser Vorrichtung in directer Communication, während der Apparat seinerseits unmittelbar mit der Sternwarte zu Greenwich communicirt. Zwei Minuten vor zehn Uhr wird jeden Morgen aller andere telegraphische Verkehr suspendirt, damit keine Collision mit dem sogenannten „Zeitstrome“ eintritt, der präcis mit dem Glockenschlage die Kunde davon nach den sechszehn einzelnen Stationen blitzt, mit denen er verbunden ist. Alle großen Londoner Uhrmacher, wie Dent, Benson und andere, empfangen ihre Zeit von diesem Chronophor. Mittels elektrischer Batterien, welche mit demselben correspondiren, werden außerdem in Newcastle und Shields um ein Uhr Nachmittags Uhrkanonen abgefeuert. Die Genauigkeit des Instruments aber thut der Umstand dar, daß es den zwanzigsten Theil einer Secunde zu messen im Stande ist.

Das T. S. bedienende Personal macht augenblicklich ein Heer von siebenhundertsechsundvierzig Beamten aus. Davon sind zweihundertachtundsiebenzig männlichen und vierhundertachtundsechzig weiblichen Geschlechts. Von den letzteren tritt ein Theil seinen Dienst acht Uhr Morgens an, um bis Nachmittags vier Uhr zu fungiren; eine andere Abtheilung arbeitet von zwölf Uhr Mittags bis acht Uhr Abends. Keine Telegraphistin ist indessen vor acht Uhr Morgens oder nach acht Uhr Abends in Thätigkeit, alle Nachtarbeit bleibt vielmehr ausschließlich einem besondern männlichen Personal vorbehalten, welches von acht Uhr Abends bis neun Uhr Morgens zu functioniren hat. Ehe T. S. Staatsanstalt wurde, hielt man die weiblichen und männlichen Beamten in strengster Absonderung von einander, und Heirathen zwischen beiden zogen den Verlust der Stelle für einen und den andern Theil nach sich. Eine väterliche Regierung sieht jedoch dergleichen Dinge mit wohlwollenderem Auge an, und fern davon, ihre Beamten zur Ehelosigkeit zu verdammen, befördert sie im Gegentheil die eheliche Verbindung derselben. Um fünf Uhr Nachmittags ist allgemeine Theestunde in T. S., sämmtliche Beamten der Anstalt, welche um diese Zeit Dienst haben, erhalten die nationalenglische Erfrischung unentgeltlich geliefert. Ich habe diesen Regierungstee gekostet und vortrefflich, zugleich aber als eine nationalökonomisch sehr zweckmäßige Maßregel gefunden. Denn die Tasse wird neben jeden Arbeiter und neben jede Arbeiterin hingestellt, und diese schlürfen daraus in den geschäftsfreien Intervallen, während, wenn sie die Vespercollation irgend anderswo einnehmen würden, dadurch ein weit größerer Zeitverlust entstände, als die Kosten des gespendeten Thees betragen.

Ohne mancherlei Irrthümer und Versehen läßt sich natürlich ein menschliches Institut von einer solchen Ausdehnung und Complication, wie unser T. S., nicht wohl denken, der Totaleindruck aber, den ich aus demselben mitnahm, war der einer seltenen und von Tag zu Tage steigenden Vollkommenheit. Es steht ebenbürtig da neben seinem älteren Bruder, dem britischen Postorganismus, der nach unserem deutschen Postwesen, welches gegenwärtig den ersten Rang einnimmt, als der ausgezeichnetste der Welt anerkannt ist.
S.