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Autor: Ludwig Walesrode
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Titel: Die unsichtbare Geistermusik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[497]
Die unsichtbare Geistermusik.[1]
Ein Graudenzer Erlebniß.
Von Ludwig Walesrode.

Am 20. November des Jahres 1845 Vormittags fuhr ich zur Antretung meiner Haft in der Equipage des mir unvergeßlich im dankbaren Gedächtniß lebenden Kaufmanns W., begleitet von diesem und dem geistvollen Justizcommissarius H., nach der eine starke Viertelmeile von der Stadt auf hohem, schroffem Weichselufer liegenden Festung Graudenz. Ich leugne es nicht, es war ein eigenthümliches Gefühl, als der Wagen von dem eine imposant weite Aussicht auf den Weichselstrom und dessen Niederungen bietenden sanft ansteigenden Wege plötzlich über eine Zugbrücke in die Barriere des ersten Festungsaußenwerks einbog und zwischen den scharfen Mauerwinkeln und steilen Walldossirungen der Reduits, Lunetten und Ravelins hindurch endlich in das tiefe, wie ein Felstunnel dunkle Thorgewölbe der inneren Festung hineinrasselte. – Indeß stellte sich doch der Platz, mit dessen Topographie mich meine beiden Begleiter vertraut machen wollten, bevor ich dessen unbeweglicher Insasse wurde, dem ersten von der Neuheit überraschten Blicke nicht so ganz unfreundlich dar. – Die ringsum unter der rasenbewachsenen Wallerde in fortificatorischen Linien sich brechenden Casemattenfaçaden mit ihren zahllosen, schießschartenartigen Fenstern machten den Totaleindruck eines riesigen und antiquirten Palastes von gar barocker Architektur. – Von dem Oberthore, durch das wir eingefahren waren, führte als längster Durchmesser des Platzes eine etwa 600 Schritt lange Pappelallee, an welcher das an den beiden Schildwachen kenntliche Commandanturgebäude und einige gemüthliche bürgerliche Häuschen lagen, nach dem entgegengesetzten Niederthor. Ein drittes, das Wasserthor, befand sich an der sogenannten „Festungskehle“, die auf dem steilen mehrere hundert Fuß hohen Weichselufer gleich einer Mauerkrone saß. Man hatte durch dasselbe, wie durch einen rundbogigen Bilderrahmen, eine prächtige Aussicht auf die sich weit hinstreckenden Weichselkampen mit ihren schimmernden Dörfern und Gehöften. Auf der Place d’armes, einem geschlossenen Polygon gegenüber der Festungskehle, stand unter zahllosen Pyramiden von Geschützkugeln jeglichen Kalibers ein im steifen soldatischen Trophäenstyle ausgeführtes eisernes Monument für den braven Vertheidiger der Festung, den Feldmarschall L’Homme de Courbière, „König von Graudenz“, wie er sich dem französischen Belagerungscorps gegenüber nannte und unterzeichnete. Jene Franzosen des Jahres 1807 waren aber eigentlich großherzoglich hessische Truppen vom Rheinbunds-Contingent.

Soweit unsere Topographische Rundschau, die binnen zehn Minuten bequem erledigt war.

Nachdem ich so gehörig über die Aeußerlichkeiten meines künftigen Aufenthaltsortes orientirt war und meine beiden Freunde mit dem Versprechen, mich bald und recht oft oben zu besuchen, sich verabschiedet hatten – ein Versprechen, das sie ehrlich gehalten –, verfügte ich mich zum Platzmajor Hauptmann N., um mich zum Antritt meines Arrestes zu melden. Dieser theilte mir mit, daß ich schon seit drei Tagen erwartet worden und daß Alles für mich in Bereitschaft sei; zunächst aber müsse er mich auf die Commandantur begleiten, um mich der „Excellenz“, dem Generallieutenant v. Dedenroth vorzustellen. – Es erweckte in mir ein günstiges Vorurtheil, daß ich auf dem Arbeitstische des Commandanten Humboldt’s „Kosmos“ liegen sah, und der bald eintretende General selbst hatte Nichts in seiner Erscheinung, um diese vorgefaßte Meinung zu zerstören. Sein Gesicht, wie die ganze Haltung, hatte etwas Humanes. Er begrüßte mich mit allen Formen wohlthuender Höflichkeit, und selbst die unter den obwaltenden Verhältnissen allerdings eigenthümliche Aeußerung: „Es freut mich Sie hier zu sehen!“ war durchaus gut gemeint. – Es wurde mir gleich klar, daß die außergewöhnliche Casematten-Verfügung, von der man mir in der Stadt Graudenz erzählt hatte, nur in irrigen Voraussetzungen, welche die Berichte des Generalcommando über mich bei dem Commandanten erweckten, oder in einem directen Befehle von Königsberg her ihren Grund haben könnte; eine Ansicht, in der mich die Aeußerung des Commandanten bestärkte, er habe dafür Sorge getragen, daß mir eine recht gesunde Casematte auf der Sonnenseite der Festung eingeräumt worden; offenbar sollte ich in dieser Maßregel keine außergewöhnliche verletzende Strenge erblicken.

Der Platzmajor wurde beordert, mich nach dem mir bestimmten Gefängnisse zu führen. Auf dem Wege dahin engagirte derselbe zu meiner Bedienung einen alten Invaliden, den er sofort anwies, einige Kloben vom „Garnisonholz“ zur vorläufigen Heizung meiner Casematte herbeizuholen; – da ich nämlich auf die Alimentation der Staatsgefangenen, 5 Rthlr. per Monat, Verzicht geleistet hatte, so war ich auch verpflichtet, für Feuerung selbst zu sorgen. – Mein Gefängniß befand sich über dem Wachtlocale am Niederthor. – Obwohl es heller Mittag war, mußte der wachthabende Unterofficier Licht anzünden, mit uns hinaufzuleuchten. – Eine mächtige mit eisernen Ueberwürfen und Vorlegeschlössern verwahrte Eichenthüre, im Hintergrunde der Wachtstube, führte über eine stockdunkle Treppe in eine Art von Vorzimmer, dessen Wände [498] und Decke mit einem glänzenden Schwarz bekeidet waren, das sich bei näherer Untersuchung als lang verjährter, schön krystallisirter Ofenruß darstellte.

Dieses Vorzimmer war eigentlich ein Rauchfang. Abermals klirrten Schlösser und Riegel, abermals kreischte eine schwere Eichenthür in ihren Angeln, wir standen in der Casematte. Dieselbe war ein bombenfestes, rundbogiges Gewölbe, wohl 50 Fuß lang und etwa 12 Fuß breit. Der langgestreckte, sargartige Raum mit seinem frischen, blendenden Kalkanwurfe erinnerte mich an das übertünchte Grab der Schrift. Das Licht fiel durch eine schießschartenartige Mauerlücke herein, die nach innen mit dicken eisernen Traillen, sogenanten „schwedischen Gardinen“, versehen war. Mein Arm reichte nur mit knapper Noth durch die Mauervertiefung an die niedrigen Fensterflügel mit den kleinen blinden Scheiben. Ein Paar Eisenringe an der Wand deuteten darauf hin, daß manche der früheren Insassen dieser Casematten an der Kette gelegen haben müssen. An der Hinterwand, in der Nähe der Thüre, befand sich ein neuer riesiger Lehmofen, nach Art derer, wie sie in polnischen Dorfschenken vorkommen – man merkte es ihm an, daß er sich wohl nie mit etwas Anderem als schmaler Gefängnißkost befaßt hatte. Die vom Staate gelieferten Möbel von verzweifelt schlichtem Aussehen bestanden aus einem hölzernen Schemel und einem leeren Bettgestell; jedoch war es den „Festungsstubengefangenen“, wie die Staatsgefangenen zweiter Classe, zu denen ich gehörte, genannt wurden, freigestellt, sich einige Comforts aus eigenen Mitteln anzuschaffen.

Außerdem werden die Gefangenen dieser Kategorie nicht eingesperrt; der Platzmajor übergab mir vielmehr sämmtliche Schlüssel, die zu meiner Casematte gehörten. Am angenehmsten war es mir, zu hören, daß ich täglich sechs Freistunden, von 9–12 und von 2–5 Uhr hätte, in denen ich Besuche empfangen und innerhalb der Umwallung zwischen dem Ober- und Niederthor promeniren dürfe. Was ich sonst noch reglementsmäßig zu thun und zu lassen hätte, würde ich aus den gedruckten „Instructionen“, die mir im Laufe des Tages zugestellt werden sollten, durch Selbststudien erfahren. Während der Platzmajor mich so in meiner neuen Wohnung installirte, stand der zu meiner Bedienung angenommene Invalide, der sechs mächtige Kloben Eichenholz herbeigeschafft hatte, mit respectvoll angezogenen Armen im Hintergrunde. Aber kaum war der Platzmajor fort, als der alte Möbe, so hieß mein Invalide, ungemein beredt wurde. Er mußte mir vom Gesichte abgelesen haben, daß mir die eben bezogene unfreiwillige chambre garnie durchaus nicht behagte, denn er knüpfte seine Worte unmittelbar an diesen Gedanken an.

„Dat is ja niederträchtig,“ sagte er, „dat solche Herrens, wie Sie, Herr Leutnant, über dem Niederthor wohnen sollen; dat is ja gottserbärmlich. Sie sein ja kein Mörder oder so wat. Die andern Herren Stabsgefangenen wohnen alle da unten am Oberthor und viel besser, und zum Donnerwetter, Herr Leutnant, da gehören Sie auch hin!“

Möbe, der ein sonderbares, zwischen Platt und Hoch schwankendes Deutsch sprach, titulirte mich in einem fort „Herr Leutnant“, wie der italienische Cameriere oder Facchino jeden wohlgekleideten Fremden, von dem er ein Trinkgeld erwartet, mit „excellenza“ anredet. – Ich will gerade nicht behaupten, daß ich durch diese unverdiente Titulatur sonderlich bestochen wurde; aber Möbe gefiel mir. Er trug die „Pflaume“, wie die aus Kanonenmetall geprägte Medaille der Feldzüge von 1813–15 genannt wird, auf der linken Brust seiner Invalidenkutka; doch gemahnte sein ganzer Habitus frappant an „Just“ in Lessing’s Minna von Barnhelm. Er sah eben so ehrlich aus, so grob und so verschmitzt, und die Zornesröthe über die schlechte Welt, die permanent auf seiner Nase glühte, bewies, daß Möbe eben so wenig wie Just ein Verächter vom „veritablen Danziger“ oder irgend welcher anderen den Mäßigkeitsvereinen anstößigen Flüssigkeit war.

„Ja, guter Möbe,“ sagte ich achselzuckend, „da ist nun einmal nichts zu machen.“

„Wat? nischt? I, dat wäre ja!“ – brummte Möbe, während er ein gewaltig aufloderndes Feuer von Hobelspänen im Ofen entzündet hatte, „dat wollen wir doch einmal sehen!“ – und paff! kachelte er einen Eichenkloben mit solcher Gewalt in den Ofen hinein, daß dieser ordentlich dröhnte. „Da soll ja ein heiliges Donnerwetter drein schlagen, wenn dat nicht brennt.“ und – paff! paff! hinterher ein zweiter. „I, daß dich die Schwerenoth!“ – „Na, so wat lebt nich!“ – „Na, so muß’t kommen!“ u. s. w. und jeder derartigen Exclamation der Entrüstung schleuderte Möbe einen Kloben wie ein riesiges Ausrufungszeichen hinterdrein in den Ofen.

Es war ein Feuer, bei dem man bequem einen hochseligen Frankfurter Krönungsochsen hätte braten können. – Der gigantische Lehmofen mit seinen zehrenden Gluthen im Innern erschien mir wie das russische Kaiserreich – ein tönerner Koloß – nur daß ihm die Eisenfüße fehlten. – Eines schönen Tages – dachte ich – und – – – „Wollen der Herr Lieutenant nicht spazieren gehen? et könnte hier ja rauchen!“ sagte Möbe, sich wie Just in der Scene, wo er Tellheim seine Rechnung überreicht, den Rauch aus den Augen wischend, doch mit einem gewissen schlauen Seitenblicke. – Mir ahnte etwas von einer Katastrophe. Es war gerade Freistunde, und in der That fing der Ofen an zu rauchen; jedenfalls, dachte ich, wär’s discret, Möbe mit dem Ofen allein zu lassen und mich noch ein wenig draußen umzusehen; – außerdem war ich ja noch meinen Mitgefangenen am Oberthor die Antrittsvisite schuldig. – Es waren deren beim Antritt meiner Haft nicht viele.

Zwei Elbinger Kaufleute saßen wegen fahrlässigen Bankerotts; ein Artillerielieutenant v. Scz. – Pole bis zum Fanatismus – wegen Insubordination; ein Oekonom aus Gnesen, wegen schwerer Mißhandlung seines Dieners. Ein seltenes Verbrechen büßte ein gewisser Cl. ab; obwohl selbst katholischer Confession, hatte er in der Domkirche zu Kulm, während des Hochamtes am ersten Ostertage, aus der dichtgedrängten knieenden Menge hervorstürzend, das Crucifix vom Altar gerissen, auf den Boden geschleudert und, ehe noch die bestürzten Priester interveniren konnten, unter lauten Verwünschungen und Flüchen mit Füßen getreten. Das irre, scheue Wesen dieses Mannes, der mit Niemandem Umgang pflog, ließ kaum einen Zweifel darüber aufkommen, daß derselbe zweckmäßiger im Irrenhause als auf der Festung untergebracht worden wäre. Ein Fähnrich v. G. wurde auf Gesuch seines Onkels und Vormumds, des Generals v. G., durch besondere königl. Verfügung nun schon Jahr und Tag gefangen gehalten. Sein ganzes Verbrechen war, daß er nach dem vulgären pädagogischen Ausdrucke „nicht gut thun wollte“. Er erinnerte mich an Mirabeau, den der eigene Vater auf Grund einer ausgewirkten auf der Insel Rhé einsperren ließ – von anderen Aehnlichkeiten des Fähnrichs mit Mirabeau ist mir nichts bekannt geworden; interessant war’s mir jedenfalls, aus eigener Anschauung zu erfahren, daß es damals auch in Preußen lettres de cachet gab oder doch etwas dem Entsprechendes. – Ob der pädagogische Zweck mit dem Fähnrich erreicht worden ist, hab’ ich starken Grund zu bezweifeln; von mir wenigstens kann ich nicht sagen, daß ich die Festung gebessert verlassen hätte.

Von den Gefangenen am Oberthor vernahm ich denn auch die Bestätigung dessen, was ich in der Stadt gehört, daß sie seit meiner Ueberweisung nach Graudenz einer weit strengeren Controle als bisher unterlägen und daß meine Casematte am Niederthor wirklich als eine bisher nur von schweren Verbrechern bewohnte berüchtigt war. – In der That erschienen mir die Oberthorcasematten für die Festungsstubengefangenen weit wohnlicher, einige sogar freundlich. Sie lagen sämmtlich zu ebener Erde und waren daher ungewölbt, außerdem hatten sie größere und helle Fenster, und der Eingang vom Platze her war frei und führte durch keine Wachstube. einen ganz besonderen Reiz für die Herren vom Oberthor hatte die vis-à-vis-Nachbarschaft eines niedrigen einstöckigen Häuschens mit einigen gemüthlichen Linden davor. In demselben waren, nach kleinstädtischer Art, ein Materialwaarenladen, eine Bäckerei, eine Schnapskneipe und eine Weinstube vereinigt. Von den hier verkehrenden Artillerieofficieren wurde dieses Häuschen das „Zündloch“ genannt; für mich war’s im Laufe meiner Gefangenschaft ein wirkliches „Gasthaus“, d. h. gastlich im liebenswürdigsten Sinne des Wortes, obwohl eigentlich den Gefangenen der Verkehr daselbst wie an jedem anderen öffentlichen Orte, mit Ausnahme des Betsaales, untersagt war.

Doch ich will hier nicht zu weit vorgreifen. Muß ich doch ohnedies schon, um die Leser mit Ort und Verhältnissen vertraut zu machen, mehr erzählen, als streng genommen eigentlich zu dem Erlebniß, das ich hier mittheilen will, gehört.

Als ich nach etwa einer Stunde wieder in die Wachtstube am Niederthor trat, kam mir der wachthabende Unterofficier mit der [499] Meldung entgegen, daß ich jetzt wohl schwerlich mich in meine Casematte hinauf begeben könne; es müsse mit dem Ofen oben wohl nicht ganz in Ordnung sein, da der Rauch sich sogar hinunter in die Wachtstube gezogen. Ich witterte in diesem Rauche so etwas wie Moderluft. Auf meine Bitte begleitete mich der Unterofficier nach oben. Ein dicker Qualm wälzte sich uns schon auf der Treppe entgegen. In der Casematte selbst konnten wir uns nur durch rasches Oeffnen von Thür und Fenster des erstickenden Qualms erwehren und den Schaden in der Nähe besehen. Die breite Decke des Ofens war nach innen gestürzt und hatte denselben im Fallen, wie’s schien, aus den Fugen gerissen. Die Lehmruinen spieen nun Flammen und Dampf, gleich einem wüthenden Vulcan. An eine Feuersgefahr ist in den unter der Wallerde liegenden feuer- und bombenfesten Gewölben nicht zu denken; werden ja die Schornsteine niemals gefegt, sondern der überhandnehmende Ruß durch ein auf dem Heerde angezündetes Strohfeuer in Brand gesetzt, daß die Flammen lichterloh oben hinausschlagen. Aber was sollte ich bei der schon scharf eingetretenen Winterkälte in einem Casemattengewölbe ohne Ofen machen?

Auf mein Ersuchen schickte der Unterofficier sofort eine Ordonnanz an den Platzmajor mit der Meldung von dem Vorgefallenen. Dieser kam denn auch sofort in officiellster Hast angerannt; bald darauf stellte sich der Ingenieurofficier vom Platz ein, um den Fall technisch zu untersuchen. Möbe, der wieder mit straff angezogenen Armen und dem ehrlichsten Gesichte von der Welt im Hintergrunde stand, wurde scharf in’s Verhör genommen. Allein der blieb dabei, daß er den Ofen mit zartester Schonung und Rücksicht geheizt habe, daß es daher wohl an dessen schwächlicher Constitution gelegen haben müsse. Der Ingenieurofficier, der den Ofen erst vor kurzem und eigens für mich hatte setzen lassen, wußte nicht was er denken sollte, und der Platzmajor schüttelte in einem fort Kopf und Federhut. „Ein janz neuer Ofen, bei Jott, es ist unjlaublich!“ – Er war aus Sangerhausen in der Provinz Sachsen, und das weiche G war der einzige weiche Zug, den ich an ihm kennen gelernt.

Der kritische Casus war aber der: was mit mir anfangen? An einen Neubau des Ofens konnte für’s Erste nicht gedacht werden, eben so wenig daran, daß ich ohne Ofen daselbst aushalten sollte; nirgends aber war im gegenwärtigen Momente eine andere Casematte zu meiner Aufnahme frei oder geeignet. Es war Humor in der Situation: ein Gefangener, der nicht wußte, wo er sein Haupt hinlegen sollte! Ich wartete gutes Muthes die Lösung dieses Dilemma in der Wachtstube ab, während der Platzmajor und der Ingenieurofficier zum Commandanten sich verfügt hatten, um demselben die Angelegenheit vorzutragen. Endlich nach ziemlich langer Conferenz kam der Platzmajor mit dem Bescheide an mich zurück, Se. Excellenz habe angeordnet, daß Casematte Nr. 1, Coupure 1, am Oberthor bis morgen Abend zu meiner Aufnahme in Stand gesetzt werden solle und daß ich mich bis dahin in das Weise’sche Gasthaus, der Commandantur gegenüber, einlogiren könne, was ich denn auch mit Freuden that. Konnte ich dann doch noch eine Nacht als freier Mann schlafen! – Auf der Wachtparade des nächsten Tages ging die Ofengeschichte unter den Officieren von Mund zu Mund und erregte nicht wenig Heiterkeit. In dem eng abgeschlossenen Raum einer fernabgelegenen Festung, wo der Garnison ein Tag wie der andere in dienstlicher Eintönigkeit dahin geht, erhalten dergleichen Historien einen anekdotischen Charakter, sie gehen in die mündlichen Ueberlieferungen der stabilen Festungsbewohner über. Meine einjährige Gefangenschaft in Graudenz hat die Chronik dieses Platzes um manche heitere oder ernste Anekdote bereichert. Man wollte durchaus nicht glauben, daß der Ofen von selbst auf den Einfall gekommen sein könnte, einzufallen, um mich gewissermaßen so durch ein Elementarereigniß, durch höhere Gewalt aus dem wohlweislich mir zugedachten Silvio Pellico-Kerker zu befreien; man meinte steif und fest, daß ich selbst mit Hülfe Möbe’s die ganze Katastrophe in Scene gesetzt und durchgeführt hätte. Der arme Möbe! Glücklicherweise hatte er bereits als Invalide und Befreier Deutschlands, mit der „Pflaume“ auf der Brust, einem wöchentlichen Commißbrod und zwei Thaler monatlich, die höchste Staffel seines militärischen Ehrgeizes erklommen, so daß ein solcher Verdacht ihm in seinem weiteren Avancement nicht hinderlich sein konnte. Und was mich betrifft, so kann ich vor jedem terminirenden Assessor die drei Schwurfinger aufheben und beeidigen, daß ich bei besagter Ofenaffaire des Polonius weise Lehren befolgt und keinem in mir aufsteigenden Gedanken „die Zunge gegeben“. Ich lächelte blos, und Möbe fluchte, und der Ofen fiel ein – das war Alles.

Aber ohne „Aber“ giebt’s nun einmal nichts hienieden, selbst nicht einmal auf einer Festung, wo doch jedes „Aber“ als subordinationswidrig streng verpönt ist. Auch an meine humoristische Erlösung aus der fatalen Niederthorcasematte durch den „feurigen Ofen“ klammerte sich diese fatale Conjunctionsklette.

„Aber,“ sagte mir die alte polnische Schaffnerin im Weise’schen Gasthause, „zu beneiden sind Sie gerade nicht um Ihre neue Casematte am Oberthor.“

„Zu beneiden nun wohl nicht,“ meinte ich, „aber gewiß doch weniger zu beklagen.“

„Hm, das ist sehr die Frage. Am Niederthor hätte es doch wenigstens nicht gespukt!“

„Was, in meiner neuen Casematte spukt’s?“ lachte ich ungläubig in mein Glas hinein; „das habe ich in der That nicht gewußt, daß hier auch Geister in Garnison liegen.“

„Ja, lachen Sie nur, aber wahr bleibt doch wahr! Sie werden es schon erfahren.“ Weiter wollte sie, sichtlich mürrisch, meinem Unglauben nicht Rede stehen.

Am anderen Morgen besuchte ich zur Paradezeit, wo ich sicher war, keine Officiere dort zu finden, das erwähnte „Zündloch“, das der mir bestimmten Casematte schräg gegenüber lag. Man sah mich dort schon als Nachbarn an und kam mir mit der gemüthlichsten Aufmerksamkeit entgegen.

„Es ist uns recht lieb,“ sagte die freundliche, geschäftführende Cousine des Hauses, „Sie in unserer Nähe zu haben; Sie bekommen auch eine weit bessere Casematte, als die am Niederthor Ihnen zugedachte; aber es ist leider ein Uebelstand dabei –“

„Es spukt doch nicht etwa da?“ kam ich scherzhaft fragend zuvor.

„Nun, Sie werden sich selbst die Antwort auf Ihre Frage geben können.“

„Also wirklich? Von welcher Art sind aber die Geister oder Gespenster, die dort ihr Wesen treiben? Sie drehen Einem doch hoffentlich nicht den Hals um oder treiben sonst welchen gefährlichen Schabernack?“

„Das nicht! Im Gegentheil, sie musiciren. Sie werden manche Nacht ganze Concerte aufführen hören.“

„I, das wäre ja ganz vortrefflich – da hätte ich ja meine Hauscapelle – und die Geister machen hoffentlich gute Musik!“

„Wenn Sie das schauerliche Ereigniß kennten, das diesem Spuk zu Grunde liegt, würde es Ihnen schon unheimlich genug zu Muthe werden.“

„Würden Sie vielleicht die Freundlichkeit haben, mich darüber näher zu unterrichten?“

Meine neue liebenswürdige Nachbarin ließ sich nicht lange bitten. Ich erfuhr von ihr Folgendes:

„Es sind etwa sechs Jahre her, daß ein Edelmann aus dem Großherzogthum Poseu, Graf J-sky, wegen politischer Vergehen zu mehrjähriger Festungsstrafe condemnirt, Insasse der in Rede stehenden Casematte wurde, die schon seit langer Zeit auf unheimliche Weise berüchtigt war. War’s doch, als ob Melancholie, Verzweiflung und tragische Katastrophen ihre Opfer vorzugsweise in diesem Winkel suchten, denn in keinem Kerker der Festung waren je so viel grauenhafte Selbstmorde vorgekommen, als gerade hier. Mit dem Einzug des neuen Gefangenen jedoch schien der finstere Dämon, der hier herrschte, gebannt zu sein, gebannt wie der böse Geist des Königs Saul durch die Macht der Musik. – Gras J-sky, ein Mann von jener chevaleresken männlichen Schönheit und Tournüre, die das nationale Erbtheil des Sarmatenstammes geblieben ist, trotz aller Theilungen und Zerstückelungen Polens, hatte in seine Gefangenschaft seine treue Geige mitgebracht, auf der er Meister war. – Man hörte ihn den größten Theil des Tages bis spät in die Nacht hinein seine musikalischen Monologe halten. Bald vertiefte er sich in Etuden, deren technische Schwierigkeiten zu lösen die durch keine Zerstreuungen und Geschäfte gestörte Verlassenheit des Kerkers und die hingebende Geduld des Gefangenen ganz besonders geeignet sind, wie denn auch die Sage, daß Paganini sich während langer Gefangenschaft in einem italienischen Kerker zum unsterblichen Maestro gespielt, mag sie nun erfunden sein oder nicht, ihre sinnige Bedeutung hat. Bald rief er, voll sehnsüchtig jugendlicher Lebenslust, heitere Reminiscenzen des geselligen Lebens in klingenden Weisen herbei. Wer vermöchte [500] zu sagen, welche liebe, warme Erinnerungsträume aus den Takten der galanten Polonaise oder der feurigen Mazurka ihn umfingen, welche weiche Hand einer anmuthigen Tänzerin die seinige drückte, welches flammende Auge ihn aus vertrauten Tanzrhythmen grüßte? Bald erging er sich mit phantasirendem Humor in bunt sich jagenden Opernmelodien, wie Jemand, der wehmüthig ein Album durchblättert, um an flüchtigen Schattenzügen die dahin geschwundenen Momente erhabener Kunstgenüsse zu beleben. Dann spielte er wieder jene zwischen rührender Klage und keckem Uebermuthe wie trunken taumelnden Nationallieder, aus denen treu der polnische Volkscharakter und ein Stück polnischer Geschichte herausklingen.

So wurde Graf J-sky bald der musikalische Wohl- und Wunderthäter seiner Umgebung. Der in fester Gefangenschaft schmachtende Bewohner der oberen Casemattenwölbung lauschte, das bleiche Gesicht gegen die Eisentraillen des Fensters gedrückt, auf die herrlichen Töne, die ihm so menschlich und so göttlich klangen; selbst der an die harte Arbeit vorbeigeführte Baugefangene stand pausirend still, als fürchte er durch sein Kettengerassel das Spiel zu stören, und horchte hoch auf, während der escortirende Patrouilleur, die scharfgeladene Muskete bei Fuß gesetzt, ihn eine Weile gewähren ließ und eben so lauschte. In der Dunkelheit lauer Sommerabende aber schlichen flüsternde Gruppen von „Festungsdamen“ unter den Fenstern jener Casematte einher, um den polnischen Grafen auf der Geige phantasiren zu hören und auch wohl nach den Klängen einer Mazurka oder Cracovienne oder eines deutschen Walzers leise und unbelauscht ein Tänzchen zu machen.

Aber ein Pole, und noch dazu ein so jugendlich-feuriger wie der gefangene Graf, schwebelt und nebelt nicht platonisch auf deutsche Weise in dem Tonäther umher. Die lustige Unterhaltung mit seiner Geige genügte nicht seinem sehnsüchtig an das warme sinnliche Leben sich drängenden Herzen. Und so entspann sich, durch die müßige Einsamkeit des Kerkers gefördert, bald ein inniges Verhältniß zwischen ihm und der jungen Frau eines unten in der Stadt garnisonirenden Unteroffiziers, die, wie andere Unterofficiersfrauen, sich mit der Aufwartung von Staatsgefangenen befaßte. Sie war erst seit Kurzem verheirathet, selbst von polnischer Herkunft und von seltener Schönheit. Ihr Mann, wegen seines ehrenwerthen, biedern Charakters von seinen Vorgesetzten eben so geachtet wie bei seinen Cameraden beliebt, ließ es arglos zu, daß die junge Frau sich den Tag über oben auf der Festung aufhielt, um durch die Einnahme, die sie von den Staatsgefangenen zog, sich eine Aushülfe für die Haushaltung zu verschaffen, für welche die kümmerliche Unterofficiergage nicht ausreichte. Er hatte um so weniger dagegen, als ihr Leben bisher ein durchaus makelloses gewesen und er sich der Treue seiner Frau eben so sicher hielt, als er sie selbst über Alles leidenschaftlich liebte. – Allein auf der Festung giebt’s keine Geheimnisse. Die Mauern, so verschwiegen sie aussehen, plaudern, und der Teufel „Gerücht“ weiß eben so die Wallerde von den Casematten abzudecken, um zu erspähen, was im Innern derselben vorgeht, wie Le Sage’s hinkender Teufel es mit den Dächern der Häuser machte. – Bald war das Geheimniß von dem gar intimen Verhältniß des gefangenen Grafen und der jungen, schönen Unterofficiersfrau aus der Stadt ein öffentliches – und außerdem hat es noch keinem Othello, mag er weiß oder schwarz sein – an einem schadenfrohen Jago gefehlt.

Eines Tages war der sonst so dienstpünktliche Unterofficier ohne vorhergegangene Meldung von dem ihn treffenden Dienst ausgeblieben. Man schickte nach ihm – die Thüre seiner Wohnung war von innen verschlossen. Als diese gewaltsam geöffnet wurde, fand man die Unterofficierfrau mit zerschmettertem Hirnschädel todt auf ihrem Bette hingestreckt: eine blutige Axt neben ihr. Auf dem Boden aber wälzte sich unter unsäglichen Schmerzen ihr Mann, der sich als der Mörder seines treulosen Weibes bekannte. Er selbst hatte sich mit Schwefelsäure vergiftet und starb nach wenigen Stunden in entsetzlichen Todesqualen.

Man mag sich denken, welchen Eindruck der gewaltsame Tod der allgemein bekannten jungen und schönen Frau und des braven im blühendsten Mannesalter stehenden Unterofficiers in der Stadt und oben auf der Festung machte.

Seit jenem Ereigniß waren die Mazurka’s, Cracoviennes und die polnischen Volkslieder verstummt, die sonst so heiter aus der Casematte Nr. 1, Coupure 1, am Oberthor weit über den Festungsraum hinklangen. Graf J-sky schien seine Geige vergessen zu haben. Seine Casemattenfenster blieben fest geschlossen, wie seine nur den revidirenden Polizeiunterofficieren sich öffnende Thüre. Man sah ihn nicht, wie sonst wohl während der Freistunden, mit anderen Gefangenen promeniren, und obwohl er bis zehn Uhr Abends Licht brennen durfte, eine Erlaubniß, die er früher unbehindert über Gebühr ausdehnte, blieb nunmehr seine Casematte stets finster. – Eines Abends jedoch – es mochten wohl 14 Tage seit jener blutigen Katastrophe verstrichen sein – hörten die Umwohnenden wieder seine Geige durch das Dunkel der Nacht klingen. Es waren schwermüthig klagende Phantasien, unterbrochen von bizarren Passagen, die wie wahnsinnig gellend dazwischen lachten. Die Töne verklangen endlich melancholisch, wie ein leise verhauchendes Grabeslied. Es wurde still. Da plötzlich knallte durch das tiefe Schweigen der Nacht ein Schuß. Die erschreckten Nachbarn stürzten herbei, die Fenster der Gefangenen-Casematten öffneten sich; Ordonnanzen von der alarmirten Hauptwache am Oberthor hatten den Platzmajor und den Officier du jour herbeigeholt. Diese ließen die von innen verrammelte Thüre sprengen. Ein entsetzlicher Anblick zeigte sich ihnen und den ihnen nachdringenden Neugierigen. Der Graf hatte sich mit einem Pistolenschuß den Kopf zerschmettert, die Wände waren mit Gehirn und Blut bespritzt. Der grausig entstellte Leichnam lag mitten auf dem Boden der Casematte; nicht weit davon die zertrümmerte Geige, eine prachtvolle Amati von großem Werthe – sie war sichtlich mit einem Fußtritt zerstampft worden.

Es sind nunmehr bereits, wie gesagt, sechs Jahre seit dieser blutigen Katastrophe verflossen; aber noch immer ist deren unheimlich gespenstisches Echo nicht verhallt. Während der Stille der Nacht klingt eine leise, wie durch eine weite Ferne abgedämpfte Musik durch die Casematte. Alle späteren unfreiwilligen Bewohner derselben haben sie mit Grausen vernommen und waren froh, wenn sie durch Versetzung in einen anderen, wenn auch schlimmeren Kerker von der unheimlichen Geisternähe befreit wurden.“

So erzählte meine neue freundliche Nachbarin – und ich erzähle es ihr, wenn auch nicht in ihren eigenen Worten, doch inhaltstreu nach. Was ich gehört, hatte mich nicht gläubiger gemacht; allein ich lachte nicht mehr über die Spukgeschichte.

[526] Spät am Nachmittage war, wie angeordnet, die für mich bestimmte Casematte in vollständige Bereitschaft gesetzt und wurde auch sofort von mir bezogen. Ihre Lage war keine besonders anmuthige. Während die anderen Oberthor-Casematten in gebrochener Linie Halbfront gegen die durch die Festung führende Alleestraße und vor Allem gegen die Morgensonne machten, lag die meinige im rechten Winkel an die hohe finstere Mauer der Festungskehle gelehnt, gewissermaßen im ewigen Schattenreiche. Selbst wenn die Sonne bei ihrem scheinbaren Jahresgange um die Erde sich in diese Ecke der Festung Graudenz verirrte, vermochte sie doch keinen ihrer goldenen Strahlen durch die niedrig am Boden gelegenen tief in die Mauer gebrochenen Fenster in das Innere dieser Casematte zu senden. Darum war diese so kalt und feucht, daß ich selbst während des heißen Sommers von 1846 genöthigt war, dieselbe heizen zu lassen. Auch das offene Latrinengewölbe in meiner nächsten Nachbarschaft, vor welchem in den Morgenstunden die Baugefangenen die widerlichsten aller öffentlichen Arbeiten verrichten mußten, war gerade nicht im Stande, das ästhetische Behagen an diesem Platze zu steigern. Das Einzige, was einigermaßen Ersatz für diese unerquickliche Lage bot, waren die schräg zulaufenden Musketen-Schießscharten in der Befestigungsmauer, durch welche ich in schmalen perspektivischen Streifen eine Aussicht über den Weichselstrom, seine Kempen und das gegenüberliegende Ufer bis an den weitblauenden Horizont hatte. Ein solches noch so knauserig zugemessenes Stückchen Aussicht ins Freie ist von unschätzbarem Werthe für den auf Jahr und Tag auf den engen, von hohen Wällen umschlossenen Festungsraum beschränkten Gefangenen. – Der Zutritt zu meiner eigentlichen Casemattenstube ging über einen schmalen Hausflur, von welchem gerade vor meiner Stube eine doppelte mit Eisenüberwurf und Vorhängeschlössern versicherte Fallthüre in den „Mordkeller“ hinabführte, wie das tiefe unter der Erde ausgemauerte Gewölbe genannt wurde, welches den Zugang zu den labyrinthischen Gängen des nach den Außenwerken der Festung führenden Minensystems bildete. Also zu der schauerlichen Geistergeschichte auch noch der Mordkeller. Es war als ob ich in die Einleitung eines haarsträubenden Schauerromans, verlegt von Gottfried Basse in Quedlinburg oder von Fürst in Nordhausen, einträte. – Die zu ebener Erde liegende, durch eine doppelte Bohlendecke von dem oberen Gewölbe getrennte Casematte hatte die Dimensionen eines Pferdestalles für mindestens 10 Gespanne. Selbst an den hellsten Tagen herrschte in dem Hintergrunde derselben in der Nähe des Ofens ununterbrochene Dämmerung. Sonst war sie, den Umständen nach, nicht unfreundlich. Die Fenster waren ohne die sonst übliche Eisenvergitterung und die Wände al fresco mit einer gelben Tünche bepinselt, die mit dem Gelb der Baugefangenen-Uniform auf’s Innigste harmonirte. Außerdem hatte mein in seiner Sorgfalt und Aufmerksamkeit für mich unermüdlicher Freund W. aus der Stadt durch Hinaufsendung einiger Möbeln, wie eines Lehnstuhles, Schreibtisches, Spiegels und Bettes, die Casematte so behaglich als möglich ausstatten lassen.

So war ich denn richtig auf ein volles Jahr ding- und bombenfest untergebracht. In sentimentaler Anwandlung hätte ich mir wohl auch provisorisch eine bis zu Thränen rührende Leichenrede halten können. Ruhte ich doch nunmehr, wie’s wenigen Sterblichen bei Lebzeiten beschieden ist, unter feuchtem Rasen, der mit dem nächsten Frühling gar grün und blumig über mir aufsprießen sollte; und auch eine Kuh sollte da oben über meinem irdischen Leichnam grasen, wie eine solche über dem verfallenen Staube des Königsberger Humoristen Hippel auf dem Armenkirchhof zu Königsberg graste, bis vor kurzem dort dem immer mehr um sich greifenden Festungsbau auch das grüne Fleckchen eines rührenden Friedhofhumors zum Opfer fiel.

Vor Allem aber wollte mir die Geschichte meines Vorgängers, des polnischen Grafen, gar nicht aus dem Sinn. Denn es ist ein Anderes, so etwas flüchtig zu hören oder zu lesen und unter den Zerstreuungen des geräuschvollen Tages zu vergessen, ein Anderes in enger Räumlichkeit auf den Boden einer solchen Schauergeschichte gebannt zu sein, gewissermaßen in einen lebendigen Zusammenhang mit einer unheimlichen Tradition zu treten. Wer könnte ruhig in einem Bette schlafen, von dem er wüßte, daß ein Mensch seinen letzten schweren Todesseufzer darin verröchelt? Wer möchte auf einer ehemaligen Richtstätte die Comforts und die geselligen Freuden der Häuslichkeit genießen?

Ich hatte mir Licht angezündet, das meine langgestreckte Casematte nur zweifelhaft erhellte, und an der Lectüre der „Instruction für die Königlichen Festungscommandanten wegen Behandlung der Festungsstubengefangenen“ vom Jahre 1826, unterzeichnet: Kriegsminister v. Hacke, suchte ich mich von all den Eindrücken zu ernüchtern, mit welchen ohnedies die erste im Gefängniß anbrechende Nacht den Neuling umfängt. Die damalige bureaukratische Weisheit des preußischen Staates hatte zum Ueberflusse auch das Leben des Gefangenen in ein dichtes Netz von Paragraphen eingesponnen. Ich hatte für eine volle Stunde genug zu lesen. Aber unwillkürlich schweifte mein Blick oft von der Instruction an den Wänden umher, als zöge ihn ein gewisses Etwas, die besagten Blutspuren an denselben zu entdecken, und in der That schien’s fast, als träten blutige Flecken unter der frischen gelben Tünche hervor. – Endlich war’s, nach Paragraphus so und so viel der Instruction, vorschriftsmäßige Zeit, das Licht auszulöschen und zu Bett zu gehen.

In der Festung war’s still geworden bis zur Lautlosigkeit. Nur von Viertelstunde zu Viertelstunde hörte man das sogenannte „lange Werda?“, das sich die Wachen als Controle ihrer Wachsamkeit ringsum zurufen müssen, eine Art von gedehntem Hahnenschrei, das R im „Werrrrrrrrda?“ so rollend, daß unsere Schauspielerinnen und Sängerinnen sich desselben für das so zungenschlagfertig schnarrende Bühnen-R als treffliche Uebung bedienen könnten.

Auch von den Außenwerken trug der Wind den Wachtruf in die Festung hinein, so daß man ihn wie in einem zwanzigfachen Echo verhallen hörte. Dieses „Werda?“ in seiner eintönigen Regelmäßigkeit hatte etwas Einschläferndes wie der Pendelschlag einer Uhr oder wie das Rauschen des Mühlrades. Nochmals zog Alles, was ich am Tage erlebt und gehört, als Einleitung zu einem phantastisch bunten Traume durch die halbwachen Sinne. Da mit einem Mal streifte eine leise abgedämpfte Musik wie aus einer Wolke schwebend dicht über mein Lager hin, bald im leisen Pianissimo verhauchend hinsterbend, bald wieder in wunderbaren Modulationen anschwellend den ganzen Casemattenraum durchringend. – Anfangs glaubte ich wirklich zu träumen und willenlos dem Spiele meiner entfesselten Einbildungskraft hingegeben zu sein; aber der gerade von der Oberthorwache herschallende Anruf der Ronde, das Commandowort, das Klirren der Musketen der unter’s Gewehr tretenden Wache etc. weckte mich zum vollen Bewußtsein der Sinne.

Jetzt war’s wieder still geworden, man hörte nichts als das Rascheln des Windes in dem Geäste der Linden gegenüber, da – richtig – da klang’s wieder wunderbar geisterhaft bald in diesem bald in jenem Winkel der Casematte, schwebte es über meinem Haupte weg, verlor sich’s leise, kehrte es anschwellend hin und wieder. Es hörte sich meist an wie ein Streichquartett mit obligat concertirender Geige. Die Töne, wie sie so aus weiter jenseitiger Ferne klangen, und doch wiederum in nächster und unmittelbarer Nähe, hatten etwas geisterhaft Neckisches; man wurde an den muthwilligen Ariel mit seiner unsichtbar durch die Lüfte ziehenden Musik in Shakespeares „Sturm“ erinnert. – Hört man erst Töne, so bleiben auch die Melodien nicht aus. Alle meine musikalischen Reminiscenzen wurden wach gerufen. Bald glaubte ich ein Violinconcert von Mayseder, bald einen Satz aus einem Quartette von Beethoven, Onslow, Feska u. A. zu hören. Bald meinte ich wieder die chevaleresk galante Polonaise des Grafen Oginsky zu erkennen. Gesteh’ ich’s nur, ich fühlte die Schauer unheimlicher Geisternähe mich kalt durchrieseln; denn mein Herz ist so gläubig hingebend, wie nur eins in der Welt, und das Wunder ist sein liebstes Kind. Allein mein Kopf ist wiederum ein gar kühler Skeptiker, der dem gläubigen Herzen und dessen verzogenem Wunderkinde auch nicht das Geringste durchgehen läßt. Ich war fest entschlossen, meine bestochene Einbildungskraft zur Ordnung zu rufen und nicht eher [527] zu rasten, als bis ich dem Spuke seine geheimnißvolle Larve abgerissen. – So stand ich denn auf und zündete, trotz des Paragraphen X. der Instruction, Licht an – hatte ja auch die Instruction den Fall nicht vorgesehen, daß es auf der Festung spuken könnte.

Ich durchleuchtete jeden Winkel der Casematte, um den Schlüssel zu dem musikalischen Geheimnisse zu finden; allein die schwebende Musik schien förmlich mit mir zu spielen oder meiner zu spotten; sie war bald hie bald dort, nur da nicht, wo ich sie suchte. Nur kam’s mir vor, als ob’s in der Nähe des Ofens stärker tönte als an anderen Stellen. So erst entdeckte ich, was ich bei meinem abendlichen Einzuge in die Casematte übersehen: im Hintergrunde derselben unfern des Ofens eine Eichenthür. Sie war unverschlossen und nur eingeklinkt. Ich öffnete sie und trat in ein schwarz ausgeschlagenes Gemach, das bei näherer Besichtigung ganz so wie das bereits geschilderte Vorzimmer zur Niederthor-Casematte mit dichtem glänzendem Ruß an Decke und Wänden bekleidet war. Auch ließ der eigenthümlich muffige Ofenrußgeruch keinen Zweifel über die stoffliche Eigenschaft der Decoration aufkommen.

Es war eine förmliche Rauchkammer. Die Zugröhre meines Ofens mündete auf einen großen Heerd, der die ganze mit dem Wallprofile parallel laufende Wand einnahm und in dessen sogenanntem „Heerdmantel“, der unteren Schornsteinöffnung, trichterförmig auslief. – Es war mir gleich klar, daß hier der musikalische Spuk seine natürlich akustische Lösung finden müsse, wie die biblischen Wunder in Dinter’s Schullehrerbibel in den Anmerkungen zum Texte sich natürlich auflösen. Und wirklich klangen hier die Töne nicht nur unmittelbar mit stets wechselndem Crescendo und Decrescendo, sie wehten mich förmlich luftig an in den durch den Schornstein streifenden Windstößen; nur daß es jetzt meiner Einbildungskraft nicht mehr gelang, bestimmte Melodien heraus oder hinein zu hören. Doch immer tönte es ätherisch lieblich gleich den Accorden einer Aeolsharfe.

Ich stellte mich auf den Heerd und leuchtete mit dem Licht so hoch als möglich in den Schornstein hinein; da sah ich auch etwa drei Fuß über dem Heerdmantel fünf wie Saiten einer Lyra nebeneinander gespannte Eisenstäbe eines Rostes, durch den zweifelsohne die Gefangenen an Fluchtversuchen durch den Schornstein verhindert werden sollten. Das war in der That eine Aeolsharfe, auf welcher der in diesem Festungswinkel stets rege Zugwind durch den Schornstein spielte; der Heerdmantel bildete dazu eine allmählich sich erweiternde Schallöffnung von ausgezeichneter Resonanz, aus welcher die hervorflutenden Schallwellen durch die weiten Räume der Casematte schwammen und ebbend verhallten, oder sich an den eigenthümlich construirten Mauern brachen, oder endlich, wie aus unberechenbarer Ferne abgedämpft, in dem Ofen erklangen. Die technischen Aufschlüsse, die ich einige Tage später von einem liebenswürdigen Ingenieurofficier der Festung über den eigenthümlichen Bau der Cassemattenschornsteine erhielt, bestätigten nicht blos meine Erklärung des Phänomens, sondern bereicherten dieselbe noch um einige weitere akustische Momente. Ich erfuhr nämlich, daß der Schornstein in spiralen Windungen durch die Wallerde gezogen sich nach oben hin immer mehr verenge und daß die Höhlung desselben noch an mehreren Stellen von Eisenstäben unterbrochen wäre, die also als immer mehr sich verkürzende Saiten eine gar mannigfaltige Tonscala bildeten.

Als ich am andern Tage meiner freundlichen Nachbarin im „Zündloch“ mein erstes nächtliches Casemattenabenteuer und dessen Lösung mittheilte, war diese sichtlich über die letztere verstimmt. Und auch auf die meisten eingebürgerten Festungsbewohner machte meine Erzählung keinen günstigeren Eindruck. Ich hatte ihnen unbarmherzig ein Stück unheimlicher Poesie geraubt, an dem sie schon seit Jahren gehangen – das schauerliche Geisterwunder war ihnen lieber gewesen, als dessen physikalisch nüchterne Deutung. So geht es mit allen Erscheinungen des Aberglaubens, die sich heut zu Tage noch durch irgend ein überraschendes Phänomen der Gesellschaft bemächtigen; so geht es mit dem dogmatischen Aberglauben, der sich durch Jahrtausende hindurch von Geschlecht zu Geschlecht als Heilswahrheit vererbt hat. Das gläubige Gemüth läßt sich kein Jota davon rauben, weil es durch einen solchen Raub in seinem Innern zu verarmen fürchtet. Die rücksichtslose Herrschaft der Logik mit ihren kalten unbeugsamen Gesetzen erscheint den gläubig seligen Gefühlsmenschen als eine um so unerträglichere Tyrannei, als sie selbst durch dieselbe zum Denken gezwungen werden sollen.

Einen psychologisch interessanten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Sage bietet auch noch der Umstand, daß die Sage von der unsichtbaren Geistermusik sich erst nach der schauerlichen Katastrophe mit dem Grafen J-sky bildete, obwohl die besagte Musik, seitdem die Festung Graudenz besteht, hätte gehört werden müssen. So auch hat das Volk gewiß von jeher seine Sagen gedichtet, indem es ein erlebtes, seinen Sinnen oder seiner Empfindung imponirendes Factum in das Reich des Uebersinnlichen und Dämonischen hinüber spielte; so wurde eine rohe Thatsache poetisch zur Tradition verklärt.

Das wären die Betrachtungen und Nutzanwendungen, die dieser harmlosen Erzählung auch in den Augen des Lesers vielleicht einiges Interesse verleihen könnten.

In Bezug auf mich habe ich schließlich hinzuzufügen, daß ich oft noch mit Vergnügen auf die ihres schauerlichen Ursprungs entkleidete „Geistermusik“ in stillen Gefängnißnächten gelauscht und daß es meiner Phantasie nicht schwer wurde, gar herrliche bekannte Tonschöpfungen aus derselben auch ferner herauszuhören.


  1. Als Probe aus dem nächstens bei E. Keil erscheinenden Volkskalender von B. Auerbach für das Jahr 1864.