Die singende Puppe

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Die singende Puppe
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 164–174
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[164]
25.
Die singende Puppe.

Es war einmal eine brave Frau, die hatte ein einziges Söhnchen, das hieß Tomy. Als sie nun auf dem Sterbebette lag, rief sie den achtjährigen Tomy zu sich, und sagte: „Höre, lieber Tomy, ich werde bald sterben; merke also wohl, was ich dir sage. Dort auf meiner Kommode steht eine Pappenschachtel, die trage, sobald ich todt bin, zu deiner Pathe, der guten Fee Klotilde. Sie wird sich deiner annehmen, und als Mutter an dir handeln; nur sey ihr ja recht gehorsam, mein Herzchen, und folge ihr auf den Wink.“

Das versprach Tomy unter vielen Thränen, denn er hatte die Mutter sehr lieb, und es that ihm weh, daß sie bald sterben würde.

Als nun die Mutter todt war, da nahm er die Schachtel auf den Kopf, und ging wehmüthig zu seiner Pathe, der Fee Klotilde, die in einem nahen Walde wohnte.

„Liebe Frau Pathe,“ sagte er, als er zu ihr in’s Zimmer getreten war, „meine Mutter ist so eben gestorben, und da soll ich dir diese Schachtel bringen.“

„Armer Tomy!“ sprach die Pathe, „du hast nun keine Aeltern mehr, und bist ganz verlassen. Ich will fortan deine Mutter seyn, dich ernähren und kleiden, und einen braven Mann aus dir machen, wie dein seliger Vater war. Versprichst du mir aber auch, recht folgsam zu seyn?“

„Ja, gewiß!“ versicherte Tomy.

„Eins aber muß ich dir ganz besonders anempfehlen,“ fuhr die Pathe fort, „das merke dir wohl. Du darfst nämlich keinem Menschen etwas von dem sagen, was du in meinem Hause siehst und hörst, Kinder dürfen überhaupt niemals aus dem Hause schwatzen. Verstehst du?“

[165] „O ja, liebe Frau Pathe,“ betheuerte Tomy; „ich kann schweigen, und will gewiß nichts ausplaudern, was ich bei dir sehe und höre.“

„Nun, das ist brav, mein Kind!“ sagte hierauf die Pathe; „wenn du Wort hältst, so sollst du es auch recht gut bei mir haben.“

Bei diesen Worten küßte sie den kleinen Tomy, und setzte ihn an den Tisch, und gab ihm zu essen und zu trinken; die Schachtel aber trug sie in ihre Kammer.

Tomy wurde von der gütigen Fee so liebreich behandelt, so viel gestreichelt und geküßt, daß er sich bald an die neue Mutter gewöhnte, und sich sehr wohl in ihrem Hause befand. Er war aber auch recht artig und folgsam, und lernte fleißig, und dann erst ging er hinaus in’s Freie, und vergnügte sich mit andern Knaben, die am Eingange des Waldes zum gemeinschaftlichen Spiele zusammen kamen.

Unter diesen Knaben waren zwei, die es ganz besonders mit Tomy hielten, und bald seine besten Freunde wurden. Beide waren Brüder, und die Söhne eines abscheulichen Menschenfressers, der auch in diesem Walde wohnte, und ein großer Feind der Fee Klotilde war. Das aber wußte Tomy nicht, denn sonst würde er nicht mit ihnen gespielt haben. Auch hatten diese jungen Menschenfresser nichts Gutes im Sinne; sie aßen schon für ihr Leben gern Kinderfleisch, und lauerten nur auf eine gute Gelegenheit, ihn zu erwürgen und zu fressen.

Eines Tages erzählte ihnen Tomy, daß er seiner Pathe eine Pappenschachtel von seiner verstorbenen Mutter gebracht habe; was aber in der Schachtel gewesen sey, wisse er nicht.

„Warum hast du sie denn nicht aufgemacht?“ sagten die beiden Knaben; „da mag wohl was Schönes drinn gesteckt haben; wir möchten es auch gern wissen. Höre, [166] Tomy, schleich’ dich sacht in die Kammer, und sieh einmal nach, was es ist; nicht wahr, du thust es?“

Tomy versprach es. Als daher einmal die Fee in einem andern Zimmer beschäftigt war, ging er leise in ihre Kammer, sah auf der Kommode die Schachtel stehen, machte sie auf, und guckte hinein; er aber sah nichts, denn die Schachtel war leer.

Als er nun wieder zu den beiden Gespielen kam, und ihnen sagte, daß er umsonst nachgesehen habe, da stellten sie sich sehr verwundert, und sprachen: „Gewiß hat es deine Pathe in ihren hübschen Schrank verschlossen, da mußt du nachsuchen, bis du es gefunden hast; es könnte wohl gar ein Schatz seyn, den dir deine Mutter hinterlassen hat, und den die Fee ungerechter Weise für sich behalten will.“

„Das könnte wohl seyn,“ dachte Tomy. „Vielleicht ist meine Mutter nicht so arm gewesen, als sie sich stellte. Ich muß doch sehen, ob ich nicht dahinter kommen kann!“

Nun ereignete es sich, daß eines Tages die Fee ausgegangen war; da durchsuchte er alle Zimmer, und kam auch an den schönen Schrank. Wie erstaunte er aber, als er darin singen hörte! „Was ist das?“ sagte er; „ist denn jemand in diesem Schranke eingesperrt?“ Er horchte, und hörte deutlich die Stimme eines Mädchens, das aus vollem Halse ganz allerliebst sang. Er konnte aber den Schrank nicht öffnen, und so bekam er auch das Mädchen nicht zu sehen.

Das Alles erzählte er seinen beiden Freunden, die ihn nur noch neugieriger machten, und ihm zuredeten, den Schrank aufzuschließen, und nachzusehen, was das für ein Mädchen sey, die darin so wunderschön sänge.

Bald darauf verreisete die Fee auf ein Paar Tage, und übergab dem kleinen Tomy das Haus, und ermahnte [167] ihn, ja hübsch artig zu seyn, und Alles im Hause in Ordnung zu erhalten, und niemand hinein zu lassen.

„Das ist schön, daß die Pathe fort ist!“ sagte Tomy; „nun muß ich wissen, wer in dem Schranke so schön gesungen hat.“ Aber wie sollte er ihn öffnen? Dies war die Frage: denn die Fee hatte nicht nur den Schrankschlüssel, sondern auch den Schlüssel zur Kammerthüre mit sich genommen. Er ging zu seinen beiden Freunden, und klagte ihnen seine Noth. Die aber gaben ihm ein Zauberstäbchen, womit man ganz leicht alle verschlossenen Thüren öffnen konnte. Das nahm Tomy, und schlug damit an die Kammerthür, die sogleich weit aufflog. Er trat nun hinein, und hörte wieder, wie das erste Mal, in dem Schranke singen, und zwar noch stärker, als damals. Hierauf schlug er mit dem Zauberstäbchen auch an den Schrank, und als sich die Thüren geöffnet hatten, sah er mit Erstaunen eine schöne, reich gekleidete Puppe, ungefähr zwei Spannen lang, die auf einem Brettchen stand, und wie eine Sängerinn, bald den einen, bald den andern Arm bewegte, die Augen verdrehete, den Kopf bald rechts, bald links neigte, und die wunderschönsten Arien mit ungemeiner Geschicklichkeit sang. So klein sie war, so hatte sie doch eine sehr helle Flötenstimme. Sie sah den kleinen Tomy, der sie aufmerksam betrachtete, liebäugelnd an, und sang ihm drei oder vier Liedchen, eines schöner als das andere.

Anfangs fürchtete er sich ein wenig, bald aber machte er sich bekannt mit ihr, nahm sie aus dem Schranke, und setzte sie auf den Tisch, wo sie zu seiner nicht geringen Freude, Dreher und Schleifer, kosackisch und hanackisch tanzte, und Sprünge machte, wie eine Ballettänzerinn. Sie sprach nie, sondern sang beständig, und zwar nicht Worte, sondern nur die Töne der Arien: ha, ha, ha, ha, ha, hi [168] ha, hi ha, da, da, da, da, da, di da, und dann kamen Läufer und Triller mit ungemeiner Schnelligkeit.

Tomy hatte lange seine herzliche Freude an dieser Wunderpuppe. Am Ende aber, als er sie lange genug hatte singen und tanzen sehen, stellte er sie wieder in den Schrank, und lief zu seinen Kameraden und erzählte ihnen, was er gefunden hatte. Diese baten und quälten ihn, auf den Abend die Wunderpuppe mitzubringen, und sie ihnen auch zu zeigen. Der einfältige Tomy versprach es, und freuete sich schon im Voraus auf den Spaß, den sie Alle damit haben würden.

Indessen gingen die beiden jungen Menschenfresser nach Hause, und erzählten ihrem Vater Alles, was sie von Tomy gehört hatten. Dieser war darüber sehr erfreut, und befahl ihnen, dem dummen Tomy die Puppe wegzunehmen, und sie ihm dann zu bringen. „Diese Puppe,“ sagte er, „ist von großer Wichtigkeit: denn die Fee Klotilde verdankt ihr einen großen Theil ihrer Macht; ist sie aus ihren Händen, so kann sie mir weniger schaden. Die kleine Figur sollte bei Tomy’s Mutter stumm bleiben bis zu ihrem Tode, dann aber zu Klotilden gebracht werden, und bei ihr anfangen zu singen; so lange aber die Puppe singen würde, sollte die Fee im Besitze der ganzen Macht seyn.“

Die beiden jungen Unholde versprachen dem Vater, ihm die Puppe zu bringen, und warteten nur auf den Abend, wo Tomy sie ihnen zu zeigen versprochen hatte.

Als es nun anfing zu dämmern, nahm Tomy das Zauberstäbchen, und schlug damit an den schönen Schrank, und nahm die Puppe heraus, und stellte sie auf den Marmortisch, der vor einem großen Spiegel stand. Es war, als ob die Puppe wüßte, daß sie ausgehen sollte; denn sie brachte ihre Haare in Ordnung, setzte ihren Kopfputz zurecht, warf [169] sich einen schönen mousselinenen Shawl um, und fing wieder an zu singen, wie eine Nachtigall. Tomy sah ihr eine Zeitlang mit Vergnügen zu, dann nahm er sie auf den Arm, streichelte und küßte sie, ging mit ihr fort, schloß das Haus hinter sich zu, und suchte seine Kameraden auf.

Diese waren schon alle versammelt, und erhoben ein großes Geschrei und Gelächter, als die Puppe anfing zu singen, zu tanzen, zu springen, und sich herum zu tummeln. Einer nach dem andern trieb seinen Scherz mit ihr, nahm sie auf den Arm, und ließ sie ihre Künste machen; Alle aber jauchzten über ihre Geschicklichkeit und bewunderten sie.

Darüber war es aber Nacht geworden, und die Kinder gingen aus einander. Nur Tomy und die beiden jungen Menschenfresser waren noch allein zurück. Ehe sich aber Tomy versah, sprangen diese schnell mit der Puppe davon, und überbrachten sie ihrem Vater. Tomy lief und schrie und weinte ihnen nach, aber sie waren ihm schnell aus den Augen gekommen, und all sein Schreien und Weinen war umsonst – er erhielt die Puppe nicht wieder.

Voller Angst und Unruhe ging er nun nach Hause zurück, doch als er an Ort und Stelle ankam, hilf Himmel! da war kein Haus mehr; das war in einen großen Schutthaufen zusammengestürzt. „O, ich Unglückskind!“ schrie Tomy, „was habe ich gethan! Ich bin Schuld an dem Verderben meiner guten Mutter Klotilde; ich mag nicht länger leben, ich will sterben!“

So sprach er, und lief in der Nacht durch Waldgesträuch und Dornengestrüppe fort, um einen Abgrund zu suchen, daß er sich hinabstürze. Während er so meinte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erweichen mögen, begegnete ihm ein Mann, der redete ihn an, und sprach: „Was fehlt dir, Kleiner?“ – „Ach,“ antwortete Tomy, „ich bin sehr übel daran; ich habe die singende Puppe meiner [170] lieben, guten Frau Pathe verloren.“ – „Komm mit mir,“ sagte der Mann, „du sollst deine Puppe wieder haben, ich weiß, wo sie ist.“

Da ging Tomy mit, obwohl er den Mann nicht kannte, und ihm in der stockfinstern Nacht nicht einmal in’s Gesicht sehen konnte. Sie kamen an ein Haus, das ganz wie eine alte Burg aussah. Der fremde Mann klopfte an, und als die Thür geöffnet war, stieß er den zitternden Tomy hinein. Dieser erschrak nicht wenig, als er beim Lampenschimmer seinen Führer näher betrachtete, und in ihm einen Mann von riesenhafter Gestalt erblickte, mit feuerrothen Augen, einem gräßlichen Gesichte, einem dicken, kohlschwarzen Barte. Auf dem Kopfe hatte er eine hohe Kosackenmütze mit einem Federbusch zur Seite, und unter dem schwarzen Mantel, in den er sich eingehüllt hatte, sahen zwei häßliche, stinkende Bocksfüße hervor. – Es war der Menschenfresser, der Vater seiner beiden Gespielen, die ihm die Puppe weggenommen hatten.

„Sperre mir diesen kleinen bösen Buben unten in meinem Keller ein!“ rief er seiner Frau zu; „er ist seiner Pathe ungehorsam gewesen, und hat sie unglücklich gemacht, dafür soll er jetzt gestraft werden. Und da ihm so viel an der singenden Puppe gelegen ist, so soll er sie wohl singen hören, aber sehen soll er sie nicht mehr.“

Die Alte nahm hierauf den armen Tomy, der ganz erbärmlich weinte, beim Arm, und sperrte ihn in den stockfinstern Keller, wo er beständig die Puppe singen hörte, die nur durch eine dünne Bretterwand von ihm getrennt zu seyn schien.

Da hatte nun Tomy Zeit, über seinen Ungehorsam nachzudenken. „Ach,“ seufzte er, „was habe ich gethan! Ich versprach meiner guten Pathe, ihr immer folgsam zu seyn, und nichts auszuplaudern, was ich in ihrem Hause [171] sehen und hören würde, und nun habe ich durch meinen Leichtsinn sie gar um die schöne Puppe gebracht, und ihr dadurch vielleicht sehr geschadet. Ach, wie wird mir’s ergehen! Ich bin in der Gewalt eines abscheulichen Menschenfressers, der mich ganz gewiß schlachten und fressen wird; doch ich hab’s verdient!“

Er fing wieder heftig zu weinen an, und weinte so lange, bis nach einigen Stunden die Kellerthüre aufging, und die beiden jungen Menschenfresser, seine falschen Freunde, zu ihm hereintraten. „Ha, ha!“ sagten sie, „du kleines Plaudermaul, bist du nun hier? Du sollst uns gut schmecken, denn wir fressen gern frisches Menschenfleisch, und könnten dich gleich jetzt verzehren; aber wir wollen dich lieber aufsparen, bis morgen zum Frühstück.“

„Ach nein,“ rief Tomy, „freßt mich lieber gleich; es geschieht mir recht.“

„Nicht doch,“ sagten sie; „du mußt erst Zeit haben, deine Dummheit zu bereuen.“

Damit gingen sie wieder weg aus dem Keller. Tomy aber mußte noch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht allein bleiben, und bekam nichts, als ein Stück trockenes Brot, und einen Topf mit Wasser. Er ließ aber Alles stehen, denn er war so voll Angst, daß er nichts essen und trinken konnte.

Am Morgen des andern Tages begab sich der alte Menschenfresser in den Keller, nahm Tomy bei dem Arm, und schleppte ihn die Treppe hinauf. „Bete!“ schrie er ihn an, „und bereite dich zum Tode, denn du mußt sterben!“

Da legte Tomy ängstlich seine Hände zusammen, und bat Gott und seine Pflegemutter, ihm seine Fehler zu vergeben. Dann nahm ihn der Menschenfresser auf die Schulter, und trug ihn auf einen hohen Felsen, der von einem [172] stinkenden Sumpf voll Schlamm und Ungeziefer umgeben war; in dem Sumpf aber waren eine Menge gräßlicher Thiere, Kröten, Nattern, Krokodile und dreiköpfige Schlangen.

„Alle die Thiere, die du da unten siehst,“ sagte der Menschenfresser zu Tomy, „sind meine Kinder, die deine gottlose Pathe, mir zu Leide, in solch Ungethüm verwandelt hat. Daher ist es billig, daß sie dich fressen.“

Damit nahm er den unglücklichen Tomy, der schon vor Schrecken halb todt war, bei dem einen Beine, und wollte ihn hinabschleudern in den giftigen Sumpf. Der aber schrie in seiner Angst, so laut er konnte: „Erbarme dich, erbarme dich, liebe Mutter! wo bist du?“

Schnell wie der Blitz kam ein kleines altes Weib auf einer geflügelten Katze durch die Luft daher geritten, und berührte den abscheulichen Menschenfresser mit einem Zauberstäbchen, der plötzlich wie versteinert stehen blieb, und sich nicht mehr regen und bewegen konnte. Dann nahm sie ihm schnell den kleinen Tomy, der ohnmächtig geworden war, aus der Hand, und sagte zu dem Ungeheuer: „Wie wagst du, Gottloser! dich an diesem Kinde zu vergreifen, das dir niemals etwas zu Leide gethan hat! Zwar war es ungehorsam gegen mich, und hat deswegen Strafe verdient, allein was gehet das dich an? Deine Kinder habe ich allerdings in Kröten, Nattern und Schlangen verwandelt, sie waren aber auch nichts Besseres werth, denn es war eine gottlose, verworfene Brut. Auch du verdienst kein besseres Loos; darum sey fortan in ein Schwein verwandelt, und deine beiden Knaben, die meinen Tomy so schändlich betrogen haben, sollen als Spanferkel dich begleiten.“

Hierauf berührte die Fee, welche auf ihrer Reise zur Vorsteherinn der Feen ernannt war, und dadurch große Macht erhalten hatte, mit ihrem Zauberstäbchen den Menschenfresser, [173] der nun als ein schmutziges und gefräßiges Schwein den Felsen grunzend hinablief, und sich in dem Sumpf herumwälzte; seine beiden Knaben aber, in Spanferkel verwandelt, schrieen hinter ihm her.

Tomy hatte sich mittlerweile wieder erholt, und nun bekam auch er seinen Theil. „Du ungehorsamer, geschwätziger Junge,“ sagte die Fee zu ihm; „du hättest wohl verdient, daß ich dich in einen Staarmatz oder in eine Elster verwandelte. Hattest du mir nicht heilig versprochen, nie aus meinem Hause zu schwatzen, und keinem Menschen zu sagen, was du bei mir sehen und hören würdest? Zum Dank für meine Liebe, mit der ich dich aufnahm und versorgte, hast du mir meine Puppe geraubt, und sie den Söhnen meines ärgsten Feindes gegeben; ist das recht, kleiner Dieb? ist das recht?“

Tomy fiel auf seine Knie, und bat weinend um Vergebung, und versprach, nie wieder so undankbar zu seyn, und seine gute liebe Pathe durch keinen Ungehorsam je wieder zu betrüben.

„Nun, ich will dir verzeihen,“ erwiederte die Fee, „wenn du nur Wort hältst, und dich besserst.“

Als Tomy dies nochmals fest versichert hatte, holte die Fee die geraubte Puppe aus dem Hause des Menschenfressers, und verwandelte sie in ein allerliebstes sechsjähriges Mädchen, das sie Tochter Herzblatt nannte. Sie erzog sie mit dem kleinen Tomy, der sie sehr lieb hatte, und mit ihr spielte, so daß beide recht vergnügt und glücklich lebten. Als aber das hübsche Mädchen achtzehn Jahre alt war, ließ die Fee Beide zu sich kommen, und sagte: „Nun hört, Kinderchen; da ihr euch Beide so gut seyd, und immer so einträchtig und friedlich mit einander gespielt und gelebt habt, so wünsche ich, daß ihr euch heirathet, und als Mann und Frau euch gegenseitig beglücket.“ Damit waren Herzblatt [174] und Tomy sehr zufrieden, und die Fee hielt ihnen eine Hochzeit, wie man seit hundert Jahren keine gesehen hatte.

Tomy hatte sein junges, schönes Weibchen außerordentlich lieb. In seinem ganzen Leben aber vergaß er nie die Gefahr, in die er einst durch sie, oder vielmehr durch seine Schwatzhaftigkeit und seinen Leichtsinn gerathen war.