Dornröschen (Lehnert)

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Dornröschen
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 174–184
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[174]
26.
Dornröschen.

Eine Königinn hätte so gern, ach so gern ein Kind gehabt, und bekam doch keins, so sehr sie sich auch eins wünschte. Da wurde sie traurig, und weinte und seufzte: „Was hilft uns nun unser schönes Königreich, da wir es keinem eigenen Kinde hinterlassen können?“

Als sie so einmal an einem klaren Bache unter schönen Bäumen hinging, und sah große und kleine Fische im hellen Wasser spielen und sich jagen, und sah die Vögelein ihre Jungen füttern, die über das Nest herauskuckten und pipten, da sagte sie recht traurig: „Ach, die Vöglein haben ihre Kinderchen, und die Fische auch, aber ich – ich habe kein Kind!“

„Sollst eins haben! Sollst eins haben!“ rief ein Vöglein vom Baume herab.

„Eine Tochter! Eine Tochter!“ rief ein Krebs, der den Kopf aus dem Wasser heraussteckte.

„Ueber’s Jahr! Ueber’s Jahr!“ rief eine Stimme, die sich nicht sehen ließ. Da wurde die Königinn recht froh, und alle Leute im Schlosse freueten sich mit ihr.

Und als das Jahr um war, bekam die Königinn eine Tochter, die nannten sie Röslein. Der König aber stellte [175] ein großes Kindtaufen an, und bat alle Feen, die es im Lande gab, – und das waren sieben, – zu Gevattern, damit eine jede dem Kinde etwas zum Angebinde geben möchte, wie es damals Sitte war, und die kleine Prinzessinn dadurch alle mögliche Vollkommenheiten erhalte.

Als nun die Taufe vorbei war, begaben sich die Gäste in das Schloß des Königs, wo man ein glänzendes Fest zu Ehren der Feen angeordnet hatte. Für jede dieser mächtigen Wesen hatte der König bei ihrem Platze an der Tafel einen goldenen Teller und goldene Messer, Gabel und Löffel, mit Diamanten und Rubinen besetzt, hinlegen lassen.

Als man sich nun aber eben zur Tafel setzte, siehe! da öffnete sich die Thüre noch einmal, und eine alte Fee trat herein, die man vergessen hatte einzuladen, weil sie schon seit länger als funfzig Jahren aus dem Thurme, in welchem sie wohnte, nicht herausgekommen war, weswegen man glaubte, sie sey todt oder gar verzaubert. Zwar ließ der König, sie freundlich bewillkommend, ihr sogleich einen Platz an der Tafel einräumen; aber einen goldenen Teller, und ein goldenes Besteck, wie den andern Feen, konnte er ihr nicht geben, weil gerade nur sieben goldene Teller und Bestecke gemacht worden waren. Daher setzte man ihr drei silberne Teller hin, und die Königinn holte einen Strauß von Diamanten, und legte denselben vor ihre Teller. Die Fee schien hiermit nicht zufrieden zu seyn, denn sie hielt sich fälschlich für zurückgesetzt, und sagte dann recht unwillig und verdrießlich: „Ihr habt mich verachtet, weil Ihr mich nicht einmal eingeladen habt; ich verachte nun auch Euch und Eure Speisen und Diamanten, – ich brauche sie nicht; aber ich sage Euch, ehe Eure Tochter funfzehn Jahre alt seyn wird, soll sie sich mit einer Spindel in die Hand stechen, und todt hinfallen.“ Damit entfernte sie sich, ohne weiter Abschied zu nehmen.

[176] Mit Erschrecken hatten Alle den unheilvollen Ausspruch der bösen Fee vernommen, und der König und die Königinn fingen laut an zu weinen und zu klagen. „Beruhigt Euch,“ sagte eine junge Fee, die dem Kinde noch nichts zum Angebinde geschenkt hatte, weil sie die böse Absicht der erzürnten Alten gemerkt hatte; „beruhigt Euch! Euer Töchterchen wird nicht sterben. Zwar kann ich das Geschick, welches die Alte hier über die Kleine verhangen hat, nicht ganz abwenden, und Euer Kind wird sich mit einer Spindel verwunden, aber anstatt davon zu sterben, wird sie nur in einen tiefen Schlaf fallen, der hundert Jahre dauern, und aus dem sie ein Königssohn erwecken wird.“

Um das Unglück, welches seinem Kinde prophezeiet war, so viel als möglich zu verhindern, ließ der König bekannt machen, daß bei Lebensstrafe niemand weder mehr mit einer Spindel spinnen, noch überhaupt ein solch gefährlich Ding in seinem Hause halten sollte. Aber was half alle Vorsicht!

Als die Prinzessinn funfzehn Jahr alt war, geschah es, daß ihre Aeltern mit ihr auf eines ihrer Lustschlösser reisten. Während nun hier die Aeltern eines Tages im Garten lustwandelten, ging die Prinzessinn im Schlosse umher, und da sie vor langer Weile nicht wußte, was sie vornehmen sollte, so lief sie von einem Zimmer in’s andere, und kam endlich auch an einen Thurm, den sie von Innen besehen wollte. Sie ging also hinein, stieg eine Treppe hinauf, und wieder eine, und dann noch eine, und kam nun zu einer kleinen Thüre, die sie mit dem darin steckenden Schlüssel öffnete. Da trat sie in eine kleine Stube, in welcher ein altes Mütterchen, die niemals etwas von dem Befehle des Königs, nicht mehr mit einer Spindel zu spinnen, gehört hatte, am Rocken saß, und emsig spann. Das hatte sie noch nie gesehen; darum gab sie recht Acht, und sagte: „Ob ich’s denn auch wohl könnte?“ – „Ja, liebes Prinzeßchen,“ [177] sagte freundlich das Mütterlein, „das könnt Ihr nicht wissen, bis Ihr es nicht versucht habt.“ Die Prinzessinn wollte es versuchen, nahm der Alten, lebhaft und neugierig wie sie war, die Spindel weg, – stach sich damit in die Hand, und – versank sogleich in einen Todesschlaf.

Laut rief nun die erschrockene Alte um Hülfe. Von allen Seiten lief man herbei, und versuchte, die Prinzessinn wieder in’s Leben zurück zu bringen; aber Alles war vergebens! Der König, welcher an die Weissagung der Fee gedachte, und sich damit tröstete, daß dies Alles so hätte kommen müssen, ließ seine Tochter in das schönste Zimmer des Schlosses bringen, und auf ein Paradebett von lauter Gold- und Silberstoff legen. Da lag sie nun, schön wie ein Engel: denn der Todesschlaf hatte ihre blühenden Farben nicht verwischt; noch glühten ihre Wangen wie Incarnat, und ihre Lippen wie Korallen; nur die Augen waren geschlossen, und an den leisen Athemzügen bemerkte man, daß sie nur schlief, und nicht todt war.

Bald erschien auch die gute Fee, welche durch ihre Fürsorge den Tod von der Prinzessin gewendet hatte. Sie war mit Allem, was der König angeordnet hatte, sehr wohl zufrieden; da sie aber eine kluge und voraussehende Person war, so glaubte sie, es möchte die Prinzessinn in einige Verlegenheit setzen, wenn sie nach hundert Jahren aufwachte, und sich dann so allein in dem großen Schlosse sähe. Was that sie? Sie nahm ihr Zauberstäbchen, und berührte Alle, die im Schlosse waren, – nur den König und die Königinn nicht, – die Hofmeisterinnen, die Ehrendamen, die Kammerfrauen und Kammerherren, die Offiziere, Hausmeister, Köche, Küchenjungen, Laufburschen, Wachen, Schweizer, Pagen, Bediente, sogar die Pferde im Stalle, mitsammt den Knechten, die Hunde auf dem Hofe und das Schooßhündchen der Prinzessinn, welches auf ihrem Bette [178] lag; und so wie sie Alle berührt hatte, so schliefen sie auch sammt und sonders ein, um nicht eher wieder zu erwachen, wie ihre Herrinn. Ja, es war zum Erstaunen. Die Bratenwender voll Rebhühner, und der Dreifuß auf dem Herde, ja selbst das Küchenfeuer und die Tauben in der Bratpfanne überließen sich gleichfalls der Ruhe. Und alles dies geschah in einem Augenblick: denn man muß wissen, die Feen sind sehr geschwind in ihren Geschäften.

Nun küßten der König und die Königinn ihr Kind noch ein Mal, und verließen das Schloß, dem sich fortan niemand mehr nähern durfte. Dies Gebot war indeß überflüssig, denn weiter als eine Viertelmeile rund um das Gebäude schoß ein so dichter und wild verwachsener Wald empor, daß weder Mensch noch Thier durch das verschlungene Gesträuch hindurchzudringen vermochte, und man nur aus weiter Ferne die Zinnen und Thürme der Burg wahrnehmen konnte. Ohne Zweifel hatte die Fee dies so veranstaltet, damit kein unbescheidener Neugieriger sich der Prinzessinn nähern, und sie in ihrem Schlafe stören möchte.

Viele Prinzen wußten, daß ein gar schönes und liebliches Röslein im Schlosse war, und kamen und wollten es befreien, wollten mit dem Schwerte die Dornhecken zerhauen, oder sich durchdrängen, aber das half nichts. Blutig gerissen kehrten sie wieder zurück, und manche sollen sogar in den Dornhecken kläglich umgekommen seyn. Seit der Zeit hieß die Prinzeß Röslein nur – Dornröslein.

So stand das Schloß und das Dorngehege nun schon hundert Jahre, und niemand wußte mehr, was in dem Schlosse vorgegangen war, als ein einziger alter Mann im Lande, dem es sein Großvater erzählt hatte, und der in der Nähe des Schlosses wohnte. Als nun eines Tages der Sohn des damals regierenden Königs, der von einer andern Familie stammte, als die schlummernde Prinzessinn, in der [179] Gegend jagte, und über den dunkeln Wald weg die Thürme des alten Schlosses erblickte, da befragte er zufällig jenen alten Mann über die Geschichte dieses Schlosses, und erfuhr von ihm, daß in dem Schlosse die schönste Prinzessinn von der Welt verzaubert sey, hundert Jahre zu schlafen, bis ein ihr bestimmter Prinz sie erlöse.

Den Prinzen setzte diese Nachricht in Erstaunen. Er kam auf den Gedanken, daß wohl er dazu bestimmt seyn möchte, die schöne Schläferinn zu befreien, und getrieben von Ehrgeiz und Sehnsucht beschloß er, sogleich in den Wald zu dringen.

Er ging nach dem Schlosse zu, und wie er vorschritt, bogen sich von selbst die Bäume und Gesträuche seitwärts, also, daß er ganz ungehindert durch das bisher unzugängliche Gestrüpp dringen konnte. So gelangte er endlich über einen weiten Vorplatz zu dem Schlosse. Niemand ließ sich hier sehen, und niemand von seinem Gefolge war bei ihm. Sie hatten ihm nicht folgen können, denn dicht hinter ihm war das Gezweig wieder durch- und in einander gefahren. Ohne sich zu fürchten, trat er in einen großen Vorhof, wo eine schauderhafte Stille herrschte; überall lagen Menschen und Thiere in erstarrendem Schlafe hingesunken. Da sah er die entschlafenen, wachehaltenden Schweizer, noch die Gläser in der Hand haltend, über deren Leerung sie eingeschlafen waren. Weiterhin, nachdem er über einen großen, mit Marmor ausgelegten Hof gegangen war, fand er in der Wachtstube die Garden, das Gewehr auf der Schulter, in Reih’ und Glied, schnarchend wie Sägemühlen. Noch weiter lagen und saßen in allen Zimmern Hofleute und Fräulein durch einander, und schliefen wie die Ratten. Endlich gelangte er in ein ganz von Gold glänzendes Gemach, in welchem er auf einem Ruhebette, dessen Vorhänge halb geöffnet waren, das wunderschöne Röslein schlafend erblickte. [180] Zitternd und bewundernd nahete er sich ihr, ließ sich auf ein Knie nieder, und sagte: „Ach, bist du so hold, so gut, als du schlafend aussiehst, so solltest du meinem Herzen recht werth seyn, wärest du auch so wunderschön nicht!“

Es war, als flüsterte es ihm zu: „Küsse leise und zart ihre holdseligen Lippen!“ Da beugte er sich nieder, und berührte ihre Lippen leise und sanft; in demselben Augenblick erwachte auch Dornröschen, und sahe ihn gar freundlich an, und sagte: „Seyd mir willkommen als mein Befreier, schon lange erwartete ich Euch mit Sehnsucht.“

Mit dem Erwachen der Prinzessinn waren auch alle übrigen im Schlosse erwacht, und jeder that nun wieder, was seines Amtes war. Alles war Liebe und Friede und Freundlichkeit, und der Prinz und Dornröschen, welche für einander bestimmt waren, begaben sich in das Schloß des Königs, der ihnen sehr gern seinen väterlichen Segen zu ihrer Verheirathung ertheilte.

Der Prinz lebte mit seiner jungen schönen Gemahlinn in großer Eintracht und Freude, und ihr Glück wurde um Vieles noch vermehrt, als der Himmel ihnen schon im ersten Jahre ihrer Ehe eine Tochter schenkte, die sie Aurora nannten, und im folgenden Jahre auch einen Sohn, den sie Tag hießen, weil er noch viel schöner war, als seine Schwester. Die Aeltern liebten diese beiden Kinder auf das zärtlichste, und hüteten sie, wie ihren Augapfel. Und das war auch sehr nöthig, denn die Königinn stammte aus einer Popanzen-Familie, und man wollte bemerkt haben, daß sie schon oftmals ein großes Gelüste nach Menschenfleisch gehabt hätte. Sie war aber ungeheuer reich, und nur deshalb hatte sie der König geheirathet.

Nun geschah es, daß nach einigen Jahren der König starb, und der Prinz den väterlichen Thron bestieg. Bald darauf aber wurde er in einen Krieg mit einem benachbarten [181] Kaiser verwickelt, und mußte ins Feld rücken. Da übergab er einstweilen, nach der Sitte des Landes, seiner Mutter, der verwittweten Königinn, die Herrschaft, und empfahl ihr besonders seine Gemahlinn und Kinder, und bat sie auf das dringendste, ja dafür Sorge zu tragen, daß ihnen nichts zu Leide geschehe. Das versprach ihm auch die Mutter, worauf er, nicht ohne ängstliche Besorgniß, in den Krieg zog.

Kaum aber waren einige Tage verflossen, so sandte die alte Königinn ihre Schwiegertochter mit deren beiden Kindern auf ein altes, abgelegenes Waldschloß, in der Absicht, sie hier ihren abscheulichen Gelüsten zu opfern, und folgte dann selbst nach.

Eines Tages ließ sie, am späten Abend, ihren Haushofmeister zu sich kommen, und sagte zu ihm: „Morgen Mittag will ich die kleine Aurora speisen; hört Ihr?“ – „Um Gottes Willen, gnädigste Frau!“ rief erschrocken der Haushofmeister. – „Keine Widerrede!“ versetzte die Königinn, „und zwar will ich sie mit einer sauern Zwiebelbrühe essen.“ – Der arme Mann wagte hierauf nichts zu erwiedern, nahm sein großes Messer, und ging in die Kammer der kleinen Aurora. Diese kam ihm freundlich entgegen gesprungen, fiel ihm liebkosend um den Hals, küßte ihn und sagte: „Ach gewiß bringst du mir schönes Zuckerwerk mit!“ Diese holde Freundlichkeit und Unschuld rührte den Haushofmeister bis zu Thränen; er ließ das Messer fallen, und lief auf den Hof, und schlachtete da ein Lämmchen, das er köstlich bereitete, und es der alten Königinn vorsetzte, die es mit großem Wohlgeschmack verzehrte. Die kleine Aurora aber brachte er zu seiner Frau, um sie in einer geheimen Kammer zu verbergen, welche er unten im Hofe hatte.

Acht Tage darauf sprach die alte Königinn abermals zu dem Haushofmeister: „Die kleine Aurora hat mir außerordentlich wohl geschmeckt, nun will ich auch den kleinen [182] Tag speisen; bereitet ihn auf dieselbe Art!“ Der Haushofmeister erwiederte kein Wort, sondern dachte: Ich werde dich jetzt wieder täuschen, wie das erste Mal.

Er ging nun zu dem kleinen Tag, der eben einen Degen in der Hand hatte, und sich mit einem großen Affen herumfocht; und gleichwohl war er erst drei Jahre alt. Er brachte ihn auch seiner Frau, um ihn zu der kleinen Aurora zu thun, und statt des Kindes tischte er der alten Königinn ein junges zartes Reh auf, das ihr ganz vortrefflich schmeckte.

Bis jetzt war nun Alles gut gegangen; aber wie erschrak der arme Haushofmeister, als die böse Königinn eines Abends zu ihm sagte: „Ich will nun auch die Mutter von den Kindern essen, und zwar mit derselben Brühe!“ Dies Mal war es schon schwieriger, ja fast unmöglich, die Alte zu hintergehen. Die junge Königinn war ohne die hundert Jahre, die sie verschlafen hatte, etwas über zwanzig Jahre alt; ihre Haut war etwas hart, obgleich weiß und schön, und wo sollte er in dem ganzen Thiergarten ein Thier finden, das ihr gliche? Er entschloß sich daher, um das eigene Leben zu retten, die junge Königinn zu schlachten, und ging mit einem großen Messer in ihr Zimmer, wo er ihr dann mit aller Ehrerbietung ankündigte, welchen Befehl er von ihrer Schwiegermutter, der verwittweten Königinn, erhalten habe.

„Thut, wie Euch befohlen ist!“ rief die junge Königinn, und hielt ihm den Hals hin; „so werde ich von meinem Kummer erlöst, und meine armen Kinder wiedersehen.“ Denn sie hielt sie für todt, weil sie ihr heimlich entführt worden waren.

Den Haushofmeister hatten die Worte der unglücklichen Mutter so gerührt, daß er es nicht über sich vermochte, sie zu tödten. Daher sagte er zu der Königinn: „Nein, [183] nein! Ihr sollt nicht sterben; ich will Euch wieder zu Euern Kindern bringen, die ich vor der Wuth Eurer Schwiegermutter verborgen habe; der Alten aber werde ich eine Hirschkuh zubereiten, vielleicht daß sie auch dies Mal den Betrug nicht entdeckt.“

Er führte hierauf die Königinn in die Kammer zu ihren Kindern, die ihr mit großer Freude um den Hals fielen; dann richtete er eine Hirschkuh zu, und brachte sie der Alten, die sie, in der Meinung, daß es die junge Königinn sey, sehr begierig verzehrte. Nun nahm sie sich vor, dem Könige bei seiner Rückkehr vorzureden, daß seine Gemahlinn nebst den beiden Kindern von den Wölfen angefallen und aufgefressen worden wären.

Als sie aber eines Abends in den Höfen des Schlosses umherschlich, und in das Hintergebäude kam, wo der Haushofmeister wohnte, hörte sie, wie der kleine Tag weinte, weil seine Mutter ihm die Ruthe geben wollte, denn er war ungehorsam gewesen; auch die Stimme der kleinen Aurora hörte sie, die für ihren Bruder um Verzeihung bat.

Da ward nun das alte böse Weib gewaltig grimmig, daß man sie so hintergangen hatte, und befahl gleich am andern Morgen mit einer fürchterlichen Stimme, vor welcher Alles zitterte, daß man mitten auf den Hof einen großen Bottig setzen sollte, den sie mit Schlangen, Kröten, Eidechsen und Vipern anfüllen ließ. In diesen Kübel sollte dann die arme Königinn mit ihren beiden Kindern, und dem gutmüthigen Haushofmeister sammt dessen Frau und Magd, gestürzt werden.

Schon standen die Unglücklichen mit auf den Rücken gebundenen Händen da, und schon waren die Henker im Begriff, sie in das abscheuliche Gefäß zu werfen, als plötzlich der König, den man noch gar nicht erwartet hatte, in den Hof geritten kam. Er war ganz erstaunt über das [184] Schauspiel, welches sich ihm hier darbot, und erkundigte sich sogleich, was diese gräßlichen Vorbereitungen bedeuten sollten. Niemand aber wagte es, ihm Auskunft darüber zu geben, als plötzlich die alte Königinn, wüthend über das Fehlschlagen ihrer Rache, sich selbst, vor Aller Augen, in den Bottig stürzte, wo sie sogleich von dem Schlangen- und Krötengezücht gefressen wurde. Der König war hierüber nicht wenig erschrocken, und betrübte sich sehr, denn sie war doch immer seine Mutter; bald aber tröstete er sich in dem Anblick seiner schönen, tugendhaften Gemahlinn und seiner beiden liebenswürdigen Kinder.