Das gutmüthige Mäuschen

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Das gutmüthige Mäuschen
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 155–163
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[155]
24.
Das gutmüthige Mäuschen.

Es war einmal ein König und eine Königinn, die waren gar herzensgut, und bemühten sich auf alle Weise, ihre Unterthanen recht glücklich zu machen, daher ihr Land auch allenthalben das glückliche Land hieß.

In ihrer Nachbarschaft aber regierte ein abscheulicher König, der an nichts Gefallen hatte, denn an Mord und Blutvergießen, und Elend und Greuel wohnten in seinem Reiche.

Dieser fiel nun mit seinem wilden Kriegsheer in das glückliche Land ein, obwohl ihm der gute König nie etwas zu Leide gethan hatte, und verbreitete überall Angst und Schrecken: denn wohin er kam, verheerte er Alles, und wüthete mit der größten Grausamkeit. Der gute König war [156] ihm zwar mit seiner Armee entgegen gezogen, aber er hatte zu wenig Kriegsvolk, und verlor die Schlacht, und in derselben zugleich auch sein Leben.

Als die gute Königinn dies hörte, erschrak sie so sehr, daß sie krank wurde, und sich in’s Bette legen mußte.

Bald aber kam der Wüthrich mit seinen Soldaten in der Stadt an, wo die Königinn krank danieder lag, ging zu ihr auf’s Schloß, und befahl ihr, sie solle sogleich aufstehen und ihm folgen. Da sie hierüber aber so in Angst gerieth, daß sie kein Glied bewegen konnte, riß er sie bei ihren schönen langen Haaren aus dem Bette, ließ sie hinter sich auf sein großes schwarzes Pferd setzen, und trabte davon. Gewiß würde er die Unglückliche haben aufhängen lassen, wenn er nicht gehört hätte, daß sie bald ein Kind zur Welt bringen würde, das wunderschön seyn sollte. Er beschloß daher, wenn es ein Prinz wäre, ihn mit der Mutter erwürgen zu lassen, wäre es aber ein Mädchen, so solle es seinen einäugigen Sohn heirathen, der zwar noch klein, aber doch schon an Gestalt und Herzen ein wahres Ungeheuer war.

Die Königinn wurde nun in einem festen Thurm in einer elenden Kammer eingesperrt, wo sie des Nachts auf einem schlechten Strohlager liegen, den ganzen Tag aber spinnen mußte, und nichts zu essen bekam, als ein Paar Händchen voll Erbsen, die in bloßem Wasser geweicht waren, und ein kleines Stücklein Brot.

Voll Ungeduld zu wissen, ob ein Knabe oder ein Mädchen zur Welt kommen würde, bat der böse König eine Fee zu Gaste, und ging mit ihr in den Thurm der kranken Königinn, um sich von ihr darüber Gewißheit geben zu lassen. Die Fee jammerte es, als sie die bleiche, kranke und schöne Frau auf ihrem Strohlager so sanft und geduldig liegen sah, und sprach ihr heimlich Trost und Muth zu; dem Könige [157] aber sagte sie, es werde dieselbe eine schöne Tochter bekommen.

„Das rettet ihr das Leben!“ sagte der Tyrann. „Trifft jedoch die Wahrsagung nicht ein, und ist das Mädchen nicht schön, so laß ich sie an einen Baum hängen, und an ihrem Halse ihr Kind.“

„O wie unglücklich bin ich!“ jammerte die Königinn. „Ist das Kind nicht schön, so werden wir beide umkommen, und ist es schön, so muß es den abscheulichen Prinzen heirathen, und zeitlebens unglücklich seyn. Ach, was soll ich anfangen, und wie soll ich mein Kind retten, wenn es geboren ist?“

Eines Tages saß die arme Königinn auch in Thränen an ihrem Rocken, wehklagend und jammernd, als ein niedliches Mäuschen daher geschlüpft kam, und nach Brosamen suchte. „Du liebes, kleines, hungriges Ding,“ sagte die Königinn sehr traurig, „hier suchst du vergebens, wo ich selbst fast verhungern muß; suche du da, wo du etwas finden kannst.“ Die Maus aber hüpfte ganz lustig hin und her, machte Männchen, und that gar nicht scheu.

„Da!“ sagte die Königinn, „noch hab’ ich zwei Erbsen, die will ich dir geben, obwohl ich sie selbst gern äße!“ und damit warf sie ihm die Erbsen hin, welche das Mäuschen verzehrte. Als aber die Königinn wieder auf ihren Tisch sah, stand auf demselben ein gebratenes Rebhuhn, und feines Weißbrot lag daneben.

„Ei,“ sagte die Königinn, „das ist gewiß von der mitleidigen Fee, die mich in meinem Kerker mit dem Tyrannen besucht und getröstet hat.“ Sie griff sogleich danach, und es schmeckte ihr ganz vortrefflich. Als sie sich aber halb gesättigt hatte, dachte sie wieder an ihr Kind, das in wenigen Tagen zur Welt kommen sollte, und da fing sie an, [158] bitterlich zu weinen, und ließ das Essen stehen. „Ach,“ seufzte sie tief, „ist denn keine Rettung für uns?“

Da holte das Mäuschen ein Paar Halme aus dem Strohsacke, und ließ die Halme dann liegen.

Da sann die Königinn hin und her, was wohl das Mäuschen damit habe sagen wollen. „Meinst du vielleicht,“ sagte sie nach einem Weilchen, „es ließe sich ein Körbchen aus Stroh für das Kind flechten? und ein Seil, das Körbchen daran vom Thurme herabzulassen, damit es ein Vorbeigehender an sich nähme? – Ja, fürwahr, das wird gehen!“

Die Königinn wurde ordentlich vergnügt über diesen Gedanken, und fing fleißig an zu flechten, erst an dem Körbchen, dann an dem Seil, und da sie kein Stroh mehr in dem Strohsacke hatte, schleppte ihr das Mäuschen viel Strohhalme zu, die es durch sein Löchelchen hereinzog. Es bekam jetzt so viel Erbsen und Brosamen, als es nur wollte, und dafür standen immer auf dem Tische viel bessere Gerichte, nahrhaft und wohlschmeckend.

Eines Tages sah die Königinn aus dem Fenster, um zu untersuchen, wie lang das Seil seyn müsse, um das Kind daran herablassen zu können. Da ging zum Glück eben eine alte ehrbare Frau vorbei, die sahe hinauf, und sagte: „Ich weiß deine Noth wohl, du arme Gefangene, und bin bereit, dir zu dienen.“ Darüber ward die Königinn sehr erfreut, und bat sie, alle Abende unter das Fenster zu kommen, wo sie nächstens ein Kind am Seile wolle herablassen, dessen möchte sich dann die Frau wohl annehmen, sie wolle es ihr gut vergelten, wenn ihr nur Gott erst aus dem Thurme würde geholfen haben.

„Nach Geld und Gut frage ich nicht,“ erwiederte die Alte, „denn ich habe so viel, als ich brauche; aber ich habe zuweilen ein seltsam Verlangen, ein fettes Mäuslein zu [159] speisen. Fange doch einige, und tödte sie, und wirf sie mir vom Thurme herab, so will ich dafür mich deines Kindes erbarmen.“

„O ich Unglückliche! Es ist nur ein einziges Mäuschen auf meiner Kammer, das ist so freundlich und zuthulich, und ist meine einzige Gesellschaft. Mein Herz würde mir brechen, wenn ich es tödten sollte!“

„So?“ sagte die Alte spöttisch. „Nun, wenn du deine Maus lieber hast, als dein Kind, so ist es mir auch recht; ich will schon noch Mäuse anderswo finden!“ Damit ging sie murrend davon.

Aber die Königinn war nun untröstlich, und sah das Essen nicht auf ihrem Tische, und das freundliche Mäuschen nicht, das in der Kammer umherspielte.

In der Nacht brachte die Königinn ein wunderschönes Kind zur Welt, welches ein Mädchen war. Sie küßte es mit tausend Thränen, und jammerte: „Ach, wer wird dir nun helfen, du kleiner, holder Engel? Ach, ich muß von dir scheiden!“

Sie legte das Kind in’s Körbchen, und band das Körbchen an’s Seil. Sie hatte einen Zettel mit zum Kinde gelegt, darauf stand, es sollte Thränenblüthe heißen, und sey ein sehr unglückliches Kind.

Als sie es nun wollte herablassen, und hatte es noch zuvor geküßt, kam die kleine Maus, und sprang zum Kinde in’s Körbchen. Da sprach die Königinn: „Ach, du liebes kleines Thier, du weißt nicht, wie viel du mir kostest. Vielleicht mein armes Kind! Ich sollte dich tödten, aber das konnte ich nicht über’s Herz bringen.“

Da that die Maus das kleine Spitzmaul auf, und fing an zu sprechen. Die Königinn aber erschrak gewaltig darüber, weil sie das gar nicht vermuthet hatte. „Wohl [160] weiß ich,“ sagte die Maus, „was du gethan hast; es soll dich gewiß nicht gereuen.“

Nach diesen Worten verwandelte sich die Maus. Die kleinen Vorder- und Hinterpfoten streckten sich aus, und wurden Hände und Füße, der kleine Kopf wurde ein Menschenkopf, und Alles an ihr wurde größer und immer größer, und stand zuletzt als Fee da, welche sie mit dem bösen König besucht hatte.

„Königinn,“ sprach die Fee, „ich wollte dein Herz nur prüfen, weil mich gleich anfangs dein Unglück jammerte, und ich habe dich sanft und gut gefunden. Ich war die Maus nicht nur, sondern war auch die alte Frau. Nun will ich mich deines Kindes treulich annehmen, und es soll einmal deine Freude und dein Stolz seyn!“

Jetzt ließ die Fee die Kleine am Seile herunter, und verwandelte sich wieder in eine Maus: denn sie mochte wohl nur in dieser Gestalt zum Thurme hinaus können. Die Fee kroch als Maus zum Thurme hinaus, am Seil herab, als sie aber hinab kam, war das Kind fort.

Da kroch sie zitternd wieder zu der Königinn hinauf, und klagte ihr das Unglück, und sagte, das habe ihr die böse Fee Gangrüne angerichtet, die sey ihre Feindinn, die ihr alles Gute verderbe; dabei sey sie sehr mächtig, und man werde ihr das Kind nicht leicht wieder nehmen können. Ueber diese Rede erbleichte die arme Königinn, und die Fee kroch vor Schaam und Kümmerniß in’s Mauseloch.

Am andern Morgen kam der böse König, welcher wußte, daß das Kind gekommen seyn müsse, in den Kerker der unglücklichen Mutter, und fragte, wo das Kind sey? Als die Königinn ihm sagte, es sey fort, und eine böse Fee habe es ihr mit List und Gewalt genommen, da wurde er grimmig, und rief wüthend: „Nun sollst du hängen, wie ich es dir gedrohet habe, und ich will dich selbst mit dem

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DAS GUTMÜTHIGE MÄUSCHEN.

[161] Stricke am Baume hinaufziehen, und meine Lust daran haben!“

Hiemit zog er die Königinn an den Haaren hinter sich her nach einem Walde hin, wo er auf einen Baum stieg, und die arme Verlassene am Stricke hinaufziehen wollte. Aber die gute Fee stieß unsichtbar den ruchlosen König vom Baume herab, daß er einen schweren Fall zur Erde that, und sich Arme und Beine heftig zerschlug.

Während ihm nun seine Leute zu Hülfe kamen, führte die Fee die gerettete Königinn in ihrem Luftwagen davon, und behielt sie bei sich und ließ es ihr an nichts fehlen. Die Königinn lebte hier nun ganz zufrieden, denn sie hatte bei der guten Fee ja Alles, was ihr Herz nur verlangen konnte; aber sie war doch oft sehr betrübt, daß sie nicht ihr liebes Kind bei sich hatte, nach welchem ihr Mutterherz große Sehnsucht empfand.

Funfzehn Jahre hatte bereits die Königinn in dieser Einsamkeit zugebracht, als man hörte, der Sohn des bösen Königs, der Prinz Unhold, wie man ihn nannte, wollte sein Gänsemädchen heirathen, die aber wolle ihn durchaus nicht haben; die schönsten, kostbarsten Brautkleider habe er ihr geschenkt, allein sie wolle dieselben nicht anziehen. Darüber wunderte sich alle Welt gar sehr.

Prinz Unhold aber dachte, er wolle das Mädchen zur Heirath schon zwingen, und hatte viele Gäste zur Hochzeit eingeladen, die auch in kurzer Zeit wohl hundert Meilen weit her gekommen waren.

Die gute Fee war auch mit unter den Gästen, denn sie hatte sich wieder in ein Mäuschen verwandelt, und kroch in ein Kämmerchen neben dem Gänsestall, worin das Gänsemädchen wohnte. Da lagen die prächtigsten Kleider, Bänder, Spitzen, Ringe und kostbare Steine auf dem Boden neben dem Mädchen; das Mädchen aber war gar schlecht [162] gekleidet, und dennoch sah es die herrlichen und glänzenden Sachen nicht einmal an.

Jetzt nun trat der Prinz Unhold zum Gänsemädchen, und sagte: „Nun ist’s hohe Zeit, du nichtswürdiges Ding; nimm mich und habe mich lieb, oder ich schlage dich todt!“ Das Mädchen aber hatte Herz, und antwortete dreist: „Wer kann dich denn lieb haben? Du bist ja gar nicht liebenswürdig, sondern abscheulich. Ja, an Deine häßliche Ungestalt wollte ich mich wohl noch gewöhnen, denn die hast Du Dir nicht selbst gegeben; aber Du bist auch so boshaft und grausam und tückisch. Darum will ich Dich nicht, und mag Dich nicht; schlage mich lieber nur todt, das ist viel besser für mich!“

Der Unhold wußte nicht, was er anfangen sollte, und ging fort. Die kleine Maus aber verwunderte sich über den Muth des Mädchens, noch mehr aber über seine außerordentliche, wunderherrliche Schönheit.

Am andern Morgen trat die Fee in der Gestalt einer Hirtinn zum Mädchen, als es die Gänse wieder hütete, und erkundigte sich nach Allem. Da erzählte die schöne Gänsemagd, daß sie Thränenblüthe heiße, und wäre der bösen Fee Gangrüne entlaufen, die sie immer gepeitscht und gequält hätte ohne Schuld, und nun wäre sie hier ein Gänsemädchen geworden, und wolle das lieber bleiben ihr Lebelang, als den garstigen, bösen Prinzen heirathen, oder sich lieber heut Abend in den finstern Thurm einsperren lassen, und darin bis zum Tode bleiben, wie der Prinz ihr gedrohet habe, wo sie ihn nicht noch heute zum Gemahl nähme.

„Ich weiß nun Alles,“ sagte die Hirtinn; „laß Dich nur einsperren, ich will Dir schon helfen.“

Thränenblüthe wurde eingesperrt; aber in derselben Nacht verwandelte sich die Fee in eine Maus, und biß den König jetzt in das eine und jetzt in das andere Ohr, daß [163] das Blut häufig darnach floß. Dann rannte sie behend zu dem Bette des Prinzen, und machte es mit ihm eben so, und zerkratzte ihm noch das Gesicht. Und als der König ein Bißchen wieder eingeschlafen war, biß sie ihn in die Nasenspitze, daß er vor Schmerz gewaltig aufschrie, und die Zunge heraussteckte; da biß sie ihm die Zungenspitze ab, daß er wüthend wurde, und die Maus überall suchen ließ, und selbst mit bloßem Degen suchen half. Die kleine Maus hatte indessen aber schon dem Prinzen Unhold das eine Auge fast ausgebissen, das er noch hatte. Da wurde auch dieser wüthend, und nahm seinen Degen, und rasete, so arg er nur konnte, im Schlosse umher, und hieb links und rechts um sich. Da schimpfte der Vater auf ihn, und schlug ihn mit dem Degen. Das wollte er aber nicht leiden, und hieb und stach nach dem Vater, und der Vater hieb und stach nach dem Sohne. Da rannten sie sich Beide den Degen durch den Leib, und blieben Beide auf der Stelle todt.

Thränenblüthe wurde nun von dem Volke aus dem Kerker erlöst, und zur Königinn ausgerufen, weil sie so schön war, und so viel erlitten hatte, und weil ihr Vater auch ein König gewesen war. Die Mutter wurde nun wieder mit ihrer Tochter vereinigt, und hatten Beide große Freude, als sie einander sahen, und dankten der guten Fee mit herzlicher Rührung für die Hülfe und den Beistand, welchen sie ihnen mit so vieler Liebe und Theilnahme bewiesen hatte. Alle waren nun recht froh und glücklich, und blieben es bis an ihren Tod. Das machte, weil sie so gut waren, und sich nichts Böses zu Schulden kommen ließen.