Die drei Gärtnerssöhne

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Die drei Gärtnerssöhne
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 149–155
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[149]
23.
Die drei Gärtnerssöhne.

Ein König hatte einen wunderschönen Garten, und in dem Garten stand ein großer, weitgeasteter Baum, der trug alljährlich viel goldene Aepfel. Es wußte kein Mensch, wie der Baum in den Garten gekommen war; aber er stand nun daselbst seit Menschengedenken, und es war, so weit seine Aeste reichten, ein Gitter von starken Eisenstäben um denselben, und zu der Gartenthüre hatte niemand den Schlüssel, als der König. So konnte nicht leicht ein Apfel entwendet werden, der reif geworden war, und von dem Baume abfiel. Der König aber ließ die Aepfel nicht abpflücken, sondern sie mußten abfallen: denn je reifer sie geworden waren, desto feiner war das Gold.

Nun begab es sich, daß in einem Jahre doch einmal ein Apfel nach dem andern fortkam. Darüber ward der König sehr ungehalten, und forschte nach, wer seine Goldäpfel ihm stähle; aber er brachte es nicht heraus.

Da befahl er dem Gärtner, er solle des Nachts unter dem Baume wachen, und genau Acht haben, ob er den Dieb nicht erhaschen könne. Das that der Gärtner auch treulich, und setzte sich heimlich unter den Baum, und schauete sorgfältig umher, ob er niemand entdecken könnte. Als aber Mitternacht kam, da überfiel ihn der Schlaf, und er wollte ein wenig einnicken: denn er meinte, wenn der Dieb käme, so würde er leicht wieder aufwachen. Darüber schlief er fest ein, und als der Morgen anbrach, erwachte er, und zu seinem großen Schreck war der schönste Apfel fort.

Nun sollte in der nächsten Nacht des Gärtners ältester Sohn wachen. Der begab sich nach dem Baume, setzte sich nieder, und dachte: Dir soll der Dieb nicht entkommen. [150] Aber um Mitternacht wurde auch er müde, und schlief ein, und als er am Morgen erwachte, fehlte wieder ein Apfel. Da ward der König sehr zornig, und schickte des Gärtners zweiten Sohn nach dem Baume; aber dem ging’s nicht besser, wie seinem Vater und seinem älteren Bruder; auch er schlief ein, und am Morgen war wieder ein Apfel fort.

Nun mußte der jüngste Sohn wachen. Der hatte das vorausgesehen, und hatte schon vom Nachmittag bis zum Abend geschlafen, und ging dann hin unter den Baum, und weil er nicht müde war, schlief er auch nicht ein. Da sah er, als es schon Mitternacht geworden war, beim Mondschein einen Vogel durch die Luft daherrauschen, der schimmerte wie lauter Edelgestein. Als der Vogel nun eben einen Apfel abpicken wollte, nahm der jüngste Gärtnerssohn seine Armbrust, und schoß einen Bolzen auf den Vogel. Der Bolzen traf den Vogel nicht recht, sondern schoß ihm nur eine Feder aus, die nahm er auf, und überbrachte sie am Morgen dem König.

Der König aber war sehr erstaunt, als er von dem wunderschönen Vogel hörte, und betrachtete die Feder, und hielt sie gegen die Sonne, und fand bald, daß sie von großem Werthe seyn müsse. Je mehr er aber die Feder betrachtete, desto größer ward auch seine Begierde, den ganzen Vogel zu besitzen, und er sann hin und her, wie er ihn wohl erhalten könne. Niemand aber wußte, wo der Vogel zu finden sey.

Da erbot sich der älteste Sohn des Gärtners, den Goldvogel aufzusuchen, und begab sich auf den Weg. Er kam bis an einen Wald, und sah an dessen Rande einen Fuchs sitzen. „Dich will ich belauern!“ dachte er, nahm seine Armbrust, und legte den Bolzen darauf.

„Schieß nicht auf mich,“ sagte der Fuchs; „ich weiß, wohin du gedenkst, und will dir guten Rath geben, den goldenen [151] Vogel zu bekommen.“ Aber der Gärtnerssohn dachte: Was will dir ein so unvernünftiges Thier rathen. Er nahm also den Bogen, und drückte den Bolzen ab; aber er fehlte, und der Fuchs lief eilends in den Wald hinein.

Des Abends kam der Bursche in ein Dorf; da standen zwei Wirthshäuser einander gegenüber, und eines davon sah gar schlecht und ärmlich aus, aber in dem andern ging es gar lustig her mit Tanzen und Spielen. Da hinein ging er, lebte in Saus und Braus, und vergaß darüber den Vogel und die Heimath.

Da der älteste Sohn nicht wiederkam, zog der zweite aus, den Vogel und den Bruder zu suchen. Der kam auch an den Wald, und als er den Fuchs sitzen sah, legte er den Bolzen auf die Armbrust, und wollte nach ihm schießen. Der Fuchs aber sagte zu ihm: „Schieß nicht auf mich, ich will dir auch einen guten Rath geben, wie du zu dem Goldvogel kommen kannst.“ Der Gärtnerssohn hörte aber nicht darauf, und schoß den Bolzen ab, ohne den Fuchs zu treffen, welcher wieder waldein lief. Da ging der Bursche weiter, und als er zu den beiden Wirthshäusern kam, sah er seinen Bruder im Fenster dessen stehen, wo es so lustig und herrlich herging. Der Bruder aber rief ihn, und sagte: „Bruder, komm herein, hier giebt es viel Lust und Vergnügen!“ Da ging er hinein, tanzte und trank, spielte und lärmte, und vergaß Vogel und Heimath.

Nun bat der jüngste Gärtnerssohn seinen Vater, daß er ihn möchte reisen lassen, vielleicht wäre er so glücklich, den Goldvogel zu finden, und auch die Brüder wieder mitzubringen. Der Vater aber wollte das ungern zugeben, und dachte, er würde auch ausbleiben: denn es möchte ihm ein Unglück zustoßen, wie es die beiden andern würde betroffen haben; aber der Sohn ließ nicht nach mit seinen Bitten, da erlaubte er ihm endlich, daß er abziehen könne.

[152] Als er nun unterwegs war, und auch an den Wald kam, sah auch er den Fuchs sitzen, und dachte: Den könntest du wohl schießen. Doch der Fuchs merkte sein Vorhaben, und sagte: „Schieß nicht auf mich!“ Da ließ der junge Gärtnerssohn seinen Bogen nieder, und antwortete: „Nein, ich will dich nicht schießen, du hast mir ja nichts zu Leide gethan, warum sollt’ ich dich tödten!“

„So will ich dir auch einen guten Rath geben!“ sagte darauf der Fuchs; „ich weiß, was du suchst, nämlich den Vogel und die Brüder. Die Brüder aber findest du im nächsten Dorfe in einem Wirthshause, wo es gar herrlich hergeht. Da kehre nicht ein, sondern in dem Wirthshause gegenüber, das nach gar nichts aussieht. Ich aber will dich dorthin bringen, weil du so gutmüthig bist. Setze dich nur auf meinen rauchen Schwanz, da kannst du deine Kräfte sparen.“

Das that auch der Jüngste, setzte sich auf den Schwanz des Fuchses, und in kurzer Zeit waren sie im Dorfe. Da stieg der Gärtnerssohn ab, und kehrte in das unansehnliche, geringe Wirthshaus ein, wo kein wildes Lärmen und Schwärmen war, aber Ordnung und Reinlichkeit und gesunde Kost.

Am andern Morgen stand der Fuchs wieder auf dem Wege, und sagte: „Ich will dich zu dem Schlosse bringen, wo der Goldvogel ist, und du sollst ihn erlangen, wenn du mir folgst. Ich bringe dich auf meinem Schwanze bis nahe an das Schloß. Vor dem Schlosse wird ein großer Haufen Soldaten liegen, die allesammt schlafen und schnarchen. Geh’ du nur mitten durch sie hin, sie werden gewiß nicht erwachen; dann gehe weiter im Schlosse, bis du in eine Stube kommst, wo der Goldvogel im hölzernen Käfig sitzt. Daneben hängt aber ein Käfig von Gold, in den sollst du den Goldvogel nicht stecken. Das merke dir wohl; [153] hörst du? sonst möchte es dir schlimm ergehen! Und nun setze dich auf!“

Als sich der jüngste Gärtnerssohn aufgesetzt hatte, ging es sausend vorwärts über Stock und Stein, und gegen Mittag waren sie schon am Schlosse, und die Soldaten schliefen, und Alles im Schlosse schlief. Da ward es dem jungen Burschen leicht, hindurch zu kommen bis zu dem Saale, wo der Vogel nur in einem schlechten Holzkäfig hing, obwohl sich neben demselben ein prächtig glänzender Goldkäfig befand. Er nahm den Holzkäfig herab, und der Vogel blieb ganz ruhig sitzen. „Ei,“ dachte er, „der schöne Vogel in dem schlechten Käfig, das ist auch nicht recht; ich will ihn nur in den schönen Goldkäfig setzen, der schickt sich besser für ihn.“ Darauf nimmt er den Goldkäfig, und will nun den Vogel greifen; der aber schlägt gewaltig mit den Flügeln, und fängt an, sich jämmerlich zu gebehrden. „Das kann schlimm werden!“ dachte der Gärtnerssohn, und setzte den Goldbauer eiligst wieder fort, und nahm den hölzernen, worin der Vogel ganz ruhig sitzen blieb, und ging damit ab.

Vor dem Schlosse aber stand der Fuchs, und freuete sich, als er den Jüngling mit dem Goldvogel im hölzernen Käfig kommen sah, und versprach, ihn auf dem Rückwege zu begleiten, damit er ihm mit seinem Rathe beistehen könne, wenn er etwa in Noth gerathen möchte.

Als sie so mit einander gingen, und in einen Wald kamen, sagte der Fuchs zum Gärtnerssohne: „Schieße mich todt, und haue mir dann Kopf und Schwanz ab; mehr verlange ich nicht von dir für meinen Rath und Beistand.“

„Ei!“ sagte der Jüngling, „das wäre ein schöner Lohn für deine Liebe und Treue! Nein, ich kann dich nicht tödten, du lieber, guter Fuchs.“

„Nun,“ erwiederte der Fuchs, „wenn du durchaus [154] nicht willst, so will ich dir noch einen guten Rath geben: Nimm deine Brüder nicht mit dir, denn die sind falsch, und setze dich an keinen Brunnenrand.“ Damit ging er in den Wald.

Als nun der dritte Sohn in das Dorf kam, wo er zuerst eingekehrt war, erfuhr er, daß seine Brüder in dem prächtigen Wirthshaus viel Lärm und Unfug getrieben, und weil sie all ihr Geld durchgebracht, und nichts mehr gehabt hätten, den Wirth zu bezahlen, so wären sie in’s Gefängniß geworfen, wo sie noch säßen. Da empfand der Jüngste Mitleid, und es jammerte ihn derselben, und sprach: „Sie sind doch immer brave Bursche gewesen, nur das Vergnügen hat sie verdorben; ich will sie wieder frei kaufen, und mit mir nehmen.“

Das that er auch, und nahm die Brüder mit sich. Unterwegs aber hielten diese heimlichen Rath, um dem jüngsten Bruder den Vogel wegzunehmen, und ihn dann dem Könige zu überbringen, ohne daß dieser es erführe, wer eigentlich den Vogel gefunden habe.

Als sie nun im Walde an einem Brunnen lagerten, setzte sich der Jüngste an den Brunnenrand; da stürzten ihn die beiden Brüder rücklings in den Brunnen hinab, und zogen ab mit dem Vogel, und brachten ihn zum König, und sprachen, sie hätten ihn erbeutet, und erhielten dafür große Ehre und Macht. Aber der Vogel saß ganz still, und pfiff nicht.

Als aber der jüngste Bruder bis an das Wasser des Brunnens hinabgesunken war, da dachte er an das Wort des Fuchses, und sagte: „Ich bin doch recht dumm gewesen, daß ich nicht guten Rath befolgt habe, nun muß ich hier elendiglich umkommen.“

„Nein,“ sagte der Fuchs, der gleich wieder da war, „ich bringe dich durch einen unterirdischen Gang wieder [155] an’s Tageslicht, wenn du mir gelobst, mich nachmals zu tödten, und Kopf und Schwanz abzuhauen.“ Das gelobte er nun, und wurde von dem Fuchs herausgebracht; und als er nun den Fuchs getödtet, und mit ihm gethan hatte nach seinem Verlangen, siehe, da stand mit einem Male ein wunderschöner Prinz vor ihm.

Der Prinz aber ging sogleich mit ihm zum Könige, und erzählte ihm Alles, wie es sich zugetragen hatte. Da wurde auch der Vogel recht lustig, und flatterte umher, und pfiff ganz allerliebst. Die Brüder aber fielen vor dem Könige nieder, und baten um Gnade. Der König jedoch ließ sie zur Strafe in’s Gefängniß werfen; den Jüngsten dagegen erhob er zu hohen Ehren, und gewann ihn sehr lieb, und hielt ihn wie seinen eigenen Sohn.