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Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Die sieben Kapellen bei Höckendorf
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 29–38
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[29]
4.
Die sieben Kapellen

bei
Höckendorf.

[30] Die Kapellen auf dem Wege von der Kirche zu Höckendorf nach Kunnersdorf gleichen mehr bloßen Betsäulen, und stehen von den sieben nur noch zwei, die andern fünf sind umgestürzt. Aber auch an diesen zwei übrig gebliebenen ist von Inschriften nichts mehr zu erkennen. An der geschichtlichen Wahrheit dieser Begebenheit, welche in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts fällt, möchte man wohl mit Unrecht zweifeln.




[31]

Ei so bleibt mir vom Halse, mit eurem Begehr,
     ich mag es euch nimmer gewähren.
Denn was ich auch gäbe, doch würdet ihr mehr
     in der andern Minute begehren.

5
Die himmlischen Güter, die lobet ihr mir;

und trachtet nach ird’schen mit schnöder Begier?
     Das macht euerm heiligen Stande
                    nur Schande!“

So Konrad von Theler, 1) ein trotziger Herr,

10
     zu seinem Kaplane, Sylvestern,

der nun mit verdrüßlichem Pfaffengeplärr
     anhub seinen Ritter zu lästern:
„Der Tag wird einst kommen, wo der Geitz euch gereut!
Wann Gottes Verdammniß der Hölle euch weiht,

15
     dann wird, was ihr heute gesprochen,

                    gerochen!“

So keifte der Pater und stürzte davon,
     nachscholl ihm des Ritters Gelächter:
„Schlecht steht dir das Betteln, du armer Patron,

20
     doch wahrlich das Zürnen noch schlechter.“

So höhnet der Ritter und lachet sich satt,
daß Sylvester zum Schimpfen nicht Worte gnug hat,
     und läßt sich das Wüthen des Gecken
                    nicht schrecken.

[32]
25
Doch als in der Predigt des Tages darauf

     der Pater ihn wieder verfluchte,
da wallte der Ingrimm im Herzen ihm auf,
     daß am Pfaffen er Rache drob suchte.
Und da kommt in der Wuth ihm das Gräßlichste bei,

30
und er eilt nach der Predigt zur Sakristei,

     und stößt ihn mit blitzendem Schwerte
                    zur Erde.

Wie winselt der Pater, wie krümmet er sich,
     wie verflucht er den Mörder zur Hölle!

35
Der Ritter erbebte im Innern, und wich

     bestürzt von der blutigen Stelle.
Wild scholl ihm zu Ohren des Sterbenden Fluch,
ihn faßte Verzweiflung, er brüllte und schlug
     vor die Stirn sich und stürzte ohn’ Oden

40
                    zu Boden.


Und als er erwacht, ist die tobende Wuth,
     zum Jammer des Wahnsinns geworden;
dumpf heult er: „Wie stinken die Hände nach Blut!
     Wie sind sie so müde vom Morden!

45
Wie winselt, wie ächzet der fromme Kaplan!

Wie schreit meine Sünde zum Himmel hinan!
     Wie schreit sie zu Gott, mein Verbrechen
                    zu rächen!“

So schlaflos drei Tag’ und drei Nächte hindurch,

50
     zerwühlet der Ritter die Betten;

aufspringt er am vierten, hinweg von der Burg
     zerrt’s ihn wie mit eisernen Ketten

[33]

hinaus in das Weite, und hastig gebeut
er einem der Knechte, bei guter Zeit

55
     zwei Rosse zu satteln und zäumen

                    ohn’ Säumen.

Und als nun das Frühroth in Osten tagt,
     da bestellt er sein Haus noch, und reitet
von dannen behend wie zu lustiger Jagd,

60
     vom treusten der Knappen begleitet,

und spricht unterwegs: „Wohl haben wir weit,
denn siehst du, wir reiten zur Ewigkeit,
     drum laß uns nur sonder Verweilen
                    recht eilen.“

65
Der Knappe frägt ängstlich: „Wohin denn? wohin?

     Wohin, Herr, wollen wir reiten?
Euch ist so verzweifelt vergnüglich zu Sinn,
     das mag mir nichts Gutes bedeuten.“
Da lachet der Ritter: „Armseliger Knecht,

70
was frägst du so unnütz? Doch, hast wohl recht.

     Will Trost mir und Ruhe für’s Leiden
                    erreiten!“

Jach spornt er den Rappen, und sprengt in den Wald,
     und kommt auf die Höh’ eines Felsen,

75
und stiert in die Tiefe, und schauerlich schallt

     sein Verzweiflungsruf in den Gehölzen:
„Hier finde ich Ruhe, hier find’ ich ein Grab!
Hinunter, mein Roß! in die Tiefe hinab!
     Ich will ja der Hölle mein Leben

80
                    gern geben!“


[34]

Drauf hetzt er den Rappen mit Peitsche und Sporn,
     doch sonder Bewegen und Regen;
steht das Roß, und stemmet sich kräftiglich vorn
     der entsetzlichen Tiefe entgegen.

85
Und der Knappe sprengt voller Bestürzung heran:

„Was soll das, Herr Ritter? Was ficht euch an?
     Ihr stürztet, that Gott nicht ein Wunder,
                    hinunter!“

„Das ist nicht der Weg einen Mord zu bereu’n,

90
     der Selbstmord führet zur Hölle!

Mög’ Gott euch den Frevel gnädig verzeih’n.
     Jetzt rasch und hinweg von der Stelle!
Laßt rathen euch, Ritter, und höret mich an,
ich hab’ euch ja immer zum Besten gethan!

95
     Gott zeiget durch mich euch die Pfade

                    zur Gnade.“

„In’s heilige Land hin lasset uns zieh’n,
     um Vergebung zu flehen und bitten,
dort lasset uns beten und jammern und knie’n,

100
     dort, wo einst der Heiland gelitten.

An des heiligen Vaters hochheilgem Thron
in Rom, da erflehet euch Absolution!
     Dort ist die Vergebung der Sünden
                    zu finden!“

105
So poltert der Knappe in ängstlicher Hast,

     und starr und versunken in’s Sinnen,
schweigt der Ritter dazu eine ziemliche Rast,
     und hält kaum die Thränen noch innen.

[35]

„Hast recht, du Getreuer! – so spricht er bewegt –

110
will harr’n und bereu’n, bis mein Stündlein schlägt,

     will pilgern nach heiligen Städten,
                    zu beten.“

Und sie reiten selbander wohl eilends nach Rom,
     und wenn sie ein Bethaus wo finden,

115
in jeder Kapelle, in jedem Dom,

     kniet der Ritter und bereut seine Sünden,
und jammert bei Tage und jammert bei Nacht,
bis daß sie die mühsame Reise vollbracht
     und Ablaß für’s blut’ge Vergehen

120
                    erflehen.


Drauf reiten sie weiter und schiffen sich ein,
     und segeln zum heiligen Lande,
und landen beim siebenten Abendschein
     am palästinischen Strande,

125
und wenden sich freudig zur heiligen Stadt,

wo der Heiland am Kreuze gelitten hat,
     und betreten die heiligen Mauern
                    mit Schauern.

Von Jerusalem krümmt sich ein steinigter Pfad

130
     gen Golgatha hin, und die Stellen,

wo Christus mit dem Kreuze geruhet hat,
     bezeichneten sieben Kapellen.
Dort strömt es ohn’ Ende von nah und von fern,
so Fürsten wie Bettler, so Diener wie Herrn,

135
     und hoffen Vergebung der Sünden

                    zu finden.

[36]

Andächtig wohl knieet der Sünder Heer,
     und betet in inniger Wehmuth,
doch wie Conrad so brünstig fleht keiner mehr,

140
     keiner kniet in so reuiger Demuth.

Drob werden auch seine Gebete erhört,
die Ruhe allmälig ihm wiederkehrt,
     als ein Priester ihm, daß er entsündigt,
                    verkündigt.

145
Da kehren die Beiden nach Deutschland zurück,

     und kommen zum heimischen Schlosse,
und der Ritter verkündet sein seltnes Geschick
     der Reisigen freudigem Trosse.
Drauf geht er zum Grab des erschlag’nen Kaplan:

150
„Magst du mir, was Böses ich an dir gethan,

     für dies und das bessere Leben
                    vergeben.“

Und damit seine Reue nie werde alt,
     gebeut er am grauenden Morgen

155
dem greisen Vogte, wie möglich so bald,

     für kundige Maurer zu sorgen.
Die müssen ihm sieben Kapellen erbaun,
so wie sie bei Golgatha waren zu schaun,
     in derselben Entfernung und Weite

160
                    und Breite.


Und täglich durchwallt er die fromme Station,
     und betet in jeder Kapelle,
und sein alterndes Auge erblindete schon,
     doch im Herzen blieb’s immer ihm helle.

[37]
165
Sein Begleiter, dereinstens im heiligen Land

führte jetzt auch den Ritter mit sorglicher Hand,
     bis Gott ihn hinauf zu den Frommen 2)
                    genommen.

Jahrhunderte nagten mit fräßigem Zahn

170
     an den Mählern herzinniger Reue,

doch von den Kapellen auf grünendem Plan
     sieht der Wandrer jetzt immer noch zweie.
Und drin, wo der Ritter die Mordthat vollbracht,
in der Sakristei kniet er in reisiger Tracht,

175
     und die steinernen Augen noch scheinen

                    zu weinen.





[38]
Anmerkungen.

1) Die von Theler besaßen Höckendorf vom vierzehnten bis in das sechzehnte Jahrhundert.

2) Konrad Theler starb 1361. Außer dem Baue dieser sieben Kapellen und Betsäulen beschenkte er auch die Höckendorfer Kirche mit einem prächtigen Altar, dessen Schnitzwerk in Wien gefertigt und 5000 Thaler, die Vergoldung und Vorhänge aber über 20000 Thaler gekostet haben soll. Dieser Altar steht noch, und ist wirklich schön geschnitzt und stark vergoldet, doch die Summe ist wohl etwas übertrieben. Die Herren von Theler waren von jeher reich, und wurden es noch mehr durch den Bergbau. Ihr Reichthum machte sie übermüthig, sie ließen die Pferde mit Silber beschlagen, und hielten einst in einer Weitung der Grube „Edle Krone“ ein Gastgebot von 100 Personen, wobei sie aber ein Wolkenbruch überraschte, der die Grube anfüllte, und die Mehrzahl der Gäste ertränkte. Seitdem kam der dasige Bergbau nie wieder Recht in Schwung.