Die permanente Weltausstellung des neuen Italien

Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Die permanente Weltausstellung des neuen Italien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 732–734
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Victor-Emanuel-Galerie in Mailand
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Die permanente Weltausstellung des neuen Italien.


Wenn nicht binnen jetzt und zwei Monaten, wenn der Herbstregen die festesten Wege und Straßen grundlos macht, die Zeitungen über Unglücksfälle und Einstürze auf der neuen Brennerbahn Bericht erstatten, so will ich gern ein falscher Prophet heißen. In der Nacht sieht allerdings die Brennerbahn, an welcher noch zahllose Arbeiter bei Fackel- und Feuerbeleuchtung ununterbrochen arbeiten, mehr pittoresk als beunruhigend aus. Die in Innsbruck eben erschienenen photographischen Ansichten dieses merkwürdigen Baues und seiner Umgebung lassen das Gefühl der Sicherheit jedoch eben so wenig aufkommen, als dies bis jetzt noch in den Gemüthern der Directoren eingezogen sein muß, da die Fahrten nur im langsamsten Tempo und selbst mit zeitweiliger Unterbrechung vor sich gehen. Wenn die Herbstregen die unfertigen Dämme und Schienenwege unterwaschen haben, so dürfte die Gefahr wesentlich erhöht werden. Warum wartet man nicht, ehe man ein so kolossal großartiges Werk dem Publicum übergiebt, bis dasselbe vollständig fertig ist? Wenn dies der Fall sein wird, so dürfte es kaum einen Weg geben, der an so großartigen, wild romantischen Naturschönheiten vorüber führt. Riesige Gletscher und tiefe Abgründe, in denen die reißendsten Gebirgswasser schäumen, das prachtvolle Etschthal mit seiner wundervollen Umgebung, die bezaubernd liegenden Städte Trient, Bozen, Brixen fliegen an uns vorüber, ein Panorama so reich und abwechselnd, wie es nur allein die Apenninenbahn von Bologna nach Florenz, freilich in noch weit größerem Maßstabe, bietet.

Der alte Zug nach Italien wird die Nordländer in Schaaren über die Brennerbahn führen; daß aber das neue Bauwunder, von dem wir unsern Lesern eine getreue Abbildung mittheilen, die Zahl derer, welche sich mit dem Besuche Oberitaliens begnügen, bedeutend vermehren wird, ist keine Frage.

Die angenehmste Stadt Oberitaliens bleibt für den Fremden immer Mailand. Selbst die Residenz- und Kunststadt Florenz bietet nicht die Fülle von Genüssen und Annehmlichkeiten der lombardischen Hauptstadt. Die Scala, das schönste und großartigste Theater Europas, ist zwar, zum großen Mißvergnügen der Einwohner und zur Verzweiflung der sechshundert Familien, die von diesem Institut leben, dieses Jahr geschlossen, da die Kammern für dasselbe, sowie für die übrigen Hauptbühnen Italiens in Neapel und Florenz, die bisherigen Zuschüsse verweigert hatten, ohne welche die Erhaltung dieser Bühnen unmöglich ist. Gleichsam als Entschädigung für diese Entbehrung wurde am 17. September dieses Jahres die Victor-Emanuel-Galerie eröffnet, ein Bauwunder, welches in Europa nicht seines Gleichen hat. Was die reichste Phantasie, die vollendetste Ausführung und die großartigsten Mittel dazu, im Verein mit allen schönen Künsten der Bau-, Bildhauer- und Malerkunst, der Mechanik und Erzgießerei zu leisten im Stande sind, das bietet sich hier dem staunenden Auge des Bewunderers dar. Es ist daher begreiflich, daß seit der Eröffnung eine unzählige Menge in diesen Prachträumen sich drängt und wogt. Und doch ist das, was dem Publicum bis jetzt geboten wurde, nur ein Theil des Projectes, welches in seiner Vollendung den merkwürdigsten Bauten der ruhmvollsten Vergangenheit Italiens [733] wird an die Seite gestellt werden können, wenn es, unterstützt von den Fortschritten der Technik, selbe nicht an Glanz überstrahlt.

Die Victor-Emanuel-Galerie in Mailand.

Ob dies Riesenwerk nicht für eine Stadt, wie Mailand, zu groß, zu reich und vor Allem zu kostspielig sein wird, ob die Unternehmer nicht als die ersten Opfer fallen, ist freilich eine andere Frage, die aber den Werth der Sache nicht verringert. Die bis jetzt vollendete Galerie nimmt allein einen Flächenraum von achttausend sechshundert Quadrat-Meters ein.

Ein ganzes Stadtviertel, zwölf Straßen und Plätze umfassend, vom Domplatz bis zur Scala, soll nach allen Richtungen hin in [734] derselben Weise neu erbaut und unter riesige Glaskuppeln gebracht werden.[1] Die dafür concessionirte Gesellschaft, unter Direction des genialen Architekts Giuseppe Mengoni in Bologna, von dem der ganze Plan ist, hat ihren Sitz in London, ihre Baubureau’s in Mailand, und den Titel: „City of Milan Improvements Company limited.“ Der Bau der Galerie, so weit sie jetzt vollendet ist, hat dreißig Monate gedauert, und, nach dem Arbeiterpersonal berechnet, eine Million Arbeitstage in Anspruch genommen. Am 4. März 1865 wurde der Grundstein vom König Victor Emanuel gelegt, und am 15. September 1867 wohnte er, umgeben von all seinen Ministern und einer zahllosen Volksmenge, der Eröffnung des Prachtbaues bei.

Derselbe wird von zwei Gängen gebildet, die sich rechtwinkelig kreuzen. Den Mittelpunkt bildet eine ungeheure Rotunde. Die Gänge haben eine Länge von ungefähr zweihundert Meter. An den beiden Seiten derselben befindet sich eine Anzahl glänzend ausgestatteter Magazine, deren Vorderfronte aus einer einzigen riesigen Spiegelscheibe von venetianischem Glase besteht und die durch reiche dorische Säulen getrennt sind. Ueber diesen sind die Fenster des Entresols, theils durch reiche Basreliefs verziert, theils sind zwischen denselben vortrefflich ausgeführte Marmorstatuen von der Höhe der ersten Etage angebracht, die berühmtesten Männer Italiens vorstellend: Michel Angelo, Dante, Volta, Galileo Galilei, Raphael, Savonarola etc. etc. Um das ganze innere Gebäude läuft ein Balcon in zierlichster Form von reichvergoldetem Eisenguß, zwischen demselben hundert Reliefmedaillons, welche, auf rothem Grund vergoldet, die Wappen der bedeutenden italienischen Städte – Rom fehlt leider noch in dieser Sammlung – vorstellen. Die im besten Geschmacke verzierten Fenster der übrigen Etagen sind durch gewaltige marmorne Tragepfeiler getrennt und in einer Höhe von sechsunddreißig Metern über dem letzten Stockwerk mit sechsundzwanzig eisernen Bogen überspannt, die, in kühner Wölbung mit Glas gedeckt, den freien Blick in den Himmelsraum über der Kuppel gewähren. Namentlich bei Beleuchtung dieser Kuppeln, die in wahrhaft genialer Weise durch eine Unzahl von am Tage fast nicht bemerkbaren Apparaten in Sonnenform bewirkt wird, ist der Eindruck dieses ungeheuren Glasgewölbes ein märchenhafter. Die sehr ausgiebige Ventilation wird durch diesen Apparat ebenfalls bewirkt. Der Boden ist theilweise mit Lava, theilweise mit Metall in Mosaikarbeit gepflastert, deren Mittelpunkt die riesigen Wappenschilder Englands und der Stadt Mailand bilden. Unter diesem Boden befinden sich, durch dicke Krystalle mit Licht versehen, die Souterrains für die Beleuchtung, die fließenden Wasser, die Brunnen etc. etc. Auf eisernen spiralförmigen Treppen sind diese unterirdischen Räume zugänglich.

Nebst den oben erwähnten Sonnen, die am Tage durch die sehr geschickte Vorrichtung den Blicken des Beschauers fast ganz entgehen, um Abends einen um so blendenderen Glanz und Schimmer zu verbreiten, werden die Galerien durch zweitausend in eleganten, matt geschliffenen Glasgloben brennende Flammen und der Fuß der Kuppel durch eine Guirlande von dreihundert Lichtern, ferner durch eine dreifache Guirlande von je zweihundertundachtzig Brennern erleuchtet. Vier riesige vergoldete Candelaber von äußerst malerischer Form ergießen ihren Antheil in dieses Meer von Licht und Glanz. Das Eisen ist in diese ungeheueren Glasflächen durch äußerst geschickte Vorrichtungen fast unsichtbar eingefügt, so daß die krystallne Kuppel fast aus einer einzigen Fläche gebildet scheint, indem die Flammen die verbindenden Eisenbogen decken. Unter der kühnen und doch überaus anmuthigen Kuppel sind wieder sechszehn Kolossalstatuen angebracht, die beiden Winkel der Wölbung der vier Schiffe derselben scheint je ein ungeheuerer Greif mit ausgespannten Flügeln stützen zu wollen, der in seinen Fängen das Wappen von Savoyen und Mailand hält. In den Wölbungen unter der Kuppel befinden sich vier Fresken, die vier Welttheile darstellend – Australien scheint für Italien noch nicht zu existiren – in vollendeter Schönheit der Ausführung. Die Breite dieser wunderbar schönen Bilder ist ungefähr fünfzehn, die Höhe gegen acht Meter. Die Beleuchtung der Rotunde gießt ihr blendendes Licht auf das reiche Colorit dieser Prachtgemälde. Eben solche Bilder, Poesie, Handel, Malerei und Mechanik vorstellend, zieren die Wölbungen der Eingangshallen. Die reichen Arabeskenverzierungen sind in Marmor gravirt und in dunkler Farbe emailartig fest gehalten, eine neue Erfindung, deren Zierlichkeit mit ihrer Dauerhaftigkeit wetteifert.

Aus dem Geschilderten geht wohl selbst hervor, in welch’ überschwänglich reicher Weise die Stuck- und Marmorarbeiten, die Säulengänge, Vergoldungen und übrigen Verzierungen dieses Wunderbaues ausgeführt sind. Nun denke man sich diese Räume bevölkert von allen Schichten der Gesellschaft, die theils promenirend, theils vor und in den Räumen der eleganten Cafés sich erfrischend, den Klängen der rauschenden Musikchöre lauscht, theils in lebhafter Conversation sich ergeht, das bunte Gemisch der Nationaltrachten neben den eleganten Costümen der Modewelt, die Lebhaftigkeit der Südländer bei solchen Gelegenheiten, und man macht sich ein Bild von diesem wunderbaren Märchenbau, welches freilich von der Wirklichkeit weit übertroffen wird. Es ist ein Palast, wie keine zweite Nation einen ähnlichen aufzuweisen hat, der Eindruck ist ein unbeschreiblich bewältigender, und die Wunder der Pariser Ausstellung, die mich noch ganz umfangen hielten, schmälerten nicht im Geringsten mein Entzücken beim Anblick dieser größten Merkwürdigkeit: „der permanenten Weltausstellung des neuen Italiens“.
Franz Wallner.




  1. Die Stadt Mailand hat alle diesen Stadttheil einschließenden Häuser aus ihren Mitteln angekauft und der Gesellschaft zur Ausführung des Planes unentgeltlich abgetreten.