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Autor: Christine Thaler
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Titel: Die letzte Liebe eines Mächtigen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 67–70
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[67]
Die letzte Liebe eines Mächtigen.
Von C. del Negro.

Wie die scheidende Sonne mit ihrem letzten Strahl oft noch das Herz entzückt, so wohl auch einmal der Blick aus brechendem Menschenauge. Dies zu erfahren war einem Manne beschieden, der eine hohe Stellung im ägyptischen Staatsleben einnahm und dessen jäher Schicksalswechsel die allgemeinste Theilnahme nicht nur im Orient, sondern auch in ganz Europa erweckte.

Durch Geschick, Talent, günstige Verhältnisse und die persönliche Zuneigung seines Herrschers hatte sich Ismail-Pascha Saddik nach und nach von Rang zu Rang emporgehoben und endlich die Leitung eines der wichtigsten Staatsämter und unermeßliche Reichthümer erworben.

Die Zierde seines Harems war eine junge Cirkassierin, deren einfache und doch so ergreifende Geschichte ich hier erzählen will.

Mebruhki – so hieß die schöne Sclavin – lebte seit ihrer frühesten Kindheit im Harem des Pascha. Dieser hatte sie, als sie kaum drei Jahre zählte, von einem mit cirkassischen Frauen und Kindern handelnden türkischen Kaufmann erstanden und seiner Gemahlin – der Pascha hatte nur eine legitime Gattin – zum Beiramsfeste verehrt.

Als Kind entzückte die graziöse Kleine durch ihr sanftes, anschmiegendes Wesen den ganzen Harem; als Jungfrau ward sie von den fremden und einheimischen Damen, welche die Gattin des Pascha besuchten, wegen ihrer überraschenden Schönheit bewundert und mit Liebkosungen überhäuft.

Mebruhki war ein liebliches, selten schönes Wesen. Groß, schlank und geschmeidig wie eine Palme, hatte sie zarte unglaublich kleine Hände, Füße und Ohren, große schwarze, glänzende, fast zu glänzende Augen, leuchtendes goldig rothes, gewelltes Haar und ein feines Gesichtchen, dessen rosiger Mund süß, aber zugleich traurig zu lächeln wußte.

Wenn sie in dem Zimmer ihrer Gebieterin in gerader Haltung, wie es einer Sclavin ziemt, neben dem Eingang stand, eine Hand in die andere verschränkt, den Blick gesenkt, so bot sie mit ihrem bis zur Erde reichenden Goldhaar, die vollendet schönen Glieder von einem talarartigen weißen Gewande umschlossen, einen geradezu bezaubernden Anblick. Wer sie so sah, blieb unwillkürlich stehen sie zu bewundern, ihr ein freundliches Wort zu sagen. Wenn sie dann leicht erröthend die Augen aufschlug, erschrak man über den feuchten Glanz dieser „schwarzen Diamanten“, wie die Gattin des Pascha Mebruhki's Augen nannte. Man erschrak, sage ich, über den Glanz dieser Sterne, weil er ein überirdischer war und auf ein inneres, das Leben verzehrendes Feuer schließen ließ. Das Kind schien vom Engel des Todes gezeichnet zu sein.

Viele Menschen gingen in dem Harem ein und aus: die Verwandten des Pascha, männlichen und weiblichen Geschlechts, fremde und einheimische Damen, ein europäischer Arzt, Sprach- und Gesanglehrerinnen, Putzmacherinnen, Wahrsagerinnen, und Alle kannten und bewunderten die schöne Mebruhki. Nicht selten kam es sogar vor, daß die Eine oder die Andere – natürlich geschah es nur von Seite der Inländerinnen – die Hausfrau bat, ihr die liebreizende Mebruhki abzutreten – um hohen Preis! Die Dame war aber hierzu nicht zu bewegen. Einer aber war, der sie nicht kannte, sie nicht sah: der Pascha. Er hatte das kleine Geschöpf, welches er vor mehr als zwölf Jahren seiner Gemahlin verehrte, längst vergessen, und diese war zu klug und zu eifersüchtig, um Mebruhki ihrem für weibliche Reize sehr empfänglichen Gatten in's Gedächtniß zu rufen.

Wenn der Pascha seine rechtmäßige Frau besuchte, was nicht gar häufig vorkam, seit ihr Antlitz nur noch Spuren von Schönheit trug, war er zerstreut, übellaunig; er sah nichts von dem, was ihn umgab. Seine Gedanken, seine Augen schienen während der ganzen Dauer des Besuchs abwesend zu sein.

Eines Tages führte das Schicksal den Minister durch eine Verkettung von Umständen doch mit dem Mädchen zusammen, dessen Schönheit ihn derart blendete, daß er, wie von einem dämonischen Zauber ergriffen, ihrem Banne verfiel.

Es war im März. Um diese Zeit pflegen die wohlhabenden Kairiner auf's Land zu ziehen, um dem eigenthümlich schwülen, heißen Wüstenwind, der in diesem und dem nächstfolgenden Monat in Aegypten weht und äußerst erschlaffend auf Körper und Geist wirkt, zu entgehen. In den Landhäusern des grünen Delta, namentlich in den unfern des Nil gelegenen Villen, ist der Chamsin erträglicher als in den Städten.

Der Pascha mußte in diesem Jahre wichtiger Geschäfte halber – es war kurz vor dem Ausbruch des russisch-türkischen Krieges – in der Hauptstadt bleiben, der Harem sollte aber [68] trotzdem nach Alexandrien und Tantah übersiedeln und seine Häuser und Villen am Nilufer und am Meeresstrand beziehen. –

„... Somit wären die Damen sämmtlich untergebracht,“ schloß der Pascha eine stundenlange Berathung, die er mit seinem Leibarzt gepflogen hatte.

„Vergebung, Excellenz!“ beeilte sich der Doctor – ein Europäer – zu sagen. „Ueber die zwölfte und die vierzehnte Section trafst Du noch keine Bestimmung.“

„Wallah, Du hast Recht,“ erwiderte der Muslim. „Indeß bleibt die zwölfte Abtheilung in Masr (Kairo),“ fügte er bedeutsam hinzu.

„Wird die schwüle Witterung Fatma-Hanem nicht ungnädig stimmen?“ fragte der kleine Doctor mit boshaftem Lächeln; denn er wußte, daß die zwölfte Section aus der augenblicklichen Favoritin des Pascha und deren Dienerschaft bestand.

Der Pascha rückte seinen rothen Tarbusch etwas zur Seite, eine Bewegung, die ihm eigen war, kraute sich ein wenig und zupfte dann an seinem schwarzen, dünnen Vollbarte.

„Fatma-Hanem ist eine nervöse Dame,“ fuhr der Arzt fort. „Der Chamsin ...“

„Du hast nicht so Unrecht,“ fiel ihm der Pascha in die Rede. „Die Schöne würde es mich entgelten lassen, wenn sie im Stadtpalais verweilen müßte. Was sagst Du zu einer Villa in der Schubra-Allee?“

„Die Villa müßte abseits vom staubigen Wege liegen.“

„Natürlich! Nicht allzu weit, damit ich jeden Tag hinausfahren kann. Sage dem Haushofmeister, daß er noch heute ein solches Haus auftreiben muß.“

„Wenn aber keines zu verkaufen wäre? ...“

„Das ist nicht denkbar. Jeder wird sich glücklich fühlen, mir seine Villa abzutreten. Aus Furcht vor uns Großen und um Geld thun die Aegypter Alles. Das wäre also abgemacht. Was die vierzehnte Section meines Harems betrifft, so bestimme ich derselben mein Schloß in Alexandrien zum Aufenthalt. Die Seeluft wird meiner Gemahlin wohlthun. Wie?“ Und ohne auf eine Erwiderung zu warten, fuhr er fort: „Lebe wohl! al allah!“

Damit schritt er nach der in den Harem führenden Thür.

„Noch ein Wort, Pascha! In der vierzehnten Abtheilung befindet sich eine Kranke: Mebruhki, die Lieblingssclavin Deiner Gemahlin. Das Mädchen kann nicht nach Alexandrien transportirt werden – es muß hier bleiben.“

„Wo denkst Du hin! Ich sollte eine einzelne Sclavin hier behalten? Das geht ja nicht.“

„Allerdings! Mebruhki könnte ja bei Fat ...“

„Doctor, Du bist von Sinnen. Fatma-Hanem ist in hohem Grade eifersüchtig. Schlüge ich ihr vor, Deinen Schützling bei sich aufzunehmen, so würde sie glauben, daß ich irgend einen Liebling von mir bei ihr einschmuggeln möchte. Das gäbe Auftritte. Allah bewahre mich davor!“

„Die Sclavin ist sehr schön,“ betonte der Arzt, welcher hoffte, daß sich der Pascha für die Kranke interessiren würde, wenn er erführe, daß sie schön sei.

„Desto schlimmer für sie,“ hieß es zurück. „Wenn sie noch unschön wäre, würde Fatma-Hanem sie vielleicht aufnehmen, aber eine schöne Sclavin! ... Kurz, kümmere Dich nicht weiter um die Sache! Ueberlasse das kranke Geschöpf dem Alexandriner Hausdoctor. Abd-Allah wird sie curiren, und wenn nicht, nun, so giebt es eine Sclavin weniger in meinem Harem.“

Er winkte mit der Hand, schlug die Portière der Haremsthür zurück und verschwand hinter derselben.

Acht Tage waren vergangen. Fatma-Hanem hatte eine luftige Villa in Schubra bezogen und der übrige Harem befand sich in Tantah und Alexandrien.

Der Pascha saß allein der Veranda seines Stadtpalais. Sämmtliche Beamte hatten die Kanzlei verlassen, und die Excellenz konnte sich nicht entfernen. Sie wartete auf einen Tschauwisch (Courier) des Khedive, der seinem Minister ein wichtiges Schreiben zu senden versprochen hatte.

Wartet ein Orientale auf Etwas, so läßt er sich auf einen Divan nieder, zieht einen seiner Stiefel aus – wenn er welche an hat – streichelt seinen Fuß und raucht oder trinkt schwarzen Kaffee dazu. Dies that auch unser Pascha. Sein Gesicht hatte indeß nicht jenen halb elegischen, halb schläfrigen Ausdruck, der sich bei dem Orientalen einzustellen pflegt, sobald er „Rauch und Mokka zu schlürfen“ beginnt. Mürrisch sah der große Herr vor sich hin. Die Beschäftigung des heutigen Tages mochte schuld an seiner üblen Laune sein. Hatte er doch stundenlang nichts gethan, als sein Siegel unter gewisse lange weiße Papierstreifen gedrückt. Lauter Rechnungen waren es gewesen. Und was für Rechnungen! Dreihundert Beutel (zu je 106 Mark) für Schuhe, achtzig Beutel für Zöpfe und Chignons, fünfzig für Strümpfe und Strumpfbänder, vierzig für Stecknadeln etc.

Der Pascha seufzte. Er mochte an die guten alten Zeiten denken, als die muslimischen Weiber noch keine falschen Haare trugen, als die Gemahlinnen des Propheten von Quellwasser und frischen Datteln lebten und ihre Besitzthümer aus zwei Röcken einem Kohel-Apparat (zum Schwarzfärben der Augenbrauen) und zwei silbernen Armspangen bestanden. Und das waren Prophetenfrauen!

Da erschien Doctor O. in der Veranda. „Excellenz, Du mußt mir erlauben, nach Alexandrien zu reisen. Abd-Allah-Effendi telegraphirte –“ hier wies der Arzt auf das Papier in seiner Hand – „daß Mebruhki – das ist jene Sclavin von der ich neulich mit Dir sprach – im Sterben liege. Laß mich fort! Ich will versuchen, sie zu retten. Abd-Allah ist ein Quacksalber, wie Dir bekannt ist. Der Himmel weiß, was der ihr eingab, etwa Papierstreifen mit Koransprüchen beschrieben“ (eine in Aegypten sehr beliebte Medicin); „der Effendi hat eine besondere Vorliebe für derlei Heilmittel.“

„Wohl möglich,“ erwiderte der Pascha. „Du darfst indeß nicht abreisen, mußt hier bleiben. Fatma-Hanem hat Kopfschmerzen.“

„Pascha!“ rief entrüstet der Leibarzt. „Es handelt sich um ein Menschenleben.“

Der Orientale rückte seinen Tarbusch hin und her, sah eine kleine Weile sinnend in die Höhe und sagte alsdann:

„Weißt Du was – ich lasse Deinen Schützling nach Kairo zurückkommen. Hier kannst Du ihn meinetwegen pflegen.“

Der gute Doctor öffnete den Mund, um Etwas zu sagen, allein in demselben Augenblick stürzte ein sporenklirrender, säbelrasselnder Tschauwisch des Khedive in die Veranda, um dem Pascha das ungeduldig erwartete vicekönigliche Schreiben zu überbringen.

Der Minister nahm den Brief, führte ihn an Mund und Stirn, verabschiedete den fürstlichen Sendboten und stieg eilig in seinen Wagen, ohne von den Einwendungen und Fragen seines Leibarztes die geringste Notiz zu nehmen.

Auf seinem Wege nach der Schubra-Allee hielt der Pascha vor dem Telegraphenbureau und ließ durch seinen Secretär folgende Depesche aufgeben:

„Sclavin Mebruhki noch heute per Extrazug nach Kairo expediren.“

Niemand fiel es auch nur im Traume ein, dem Befehl des Pascha nicht Folge zu leisten. Noch in derselben Nacht langte die Todtkranke in Kairo an.

Als der Arzt, der am andern Morgen in aller Eile zu dem Pascha gerufen wurde, in dessen Zimmer trat, fand er denselben in fieberhafter Aufregung. Der sonst so gelassene Mann ging im Sturmschritt auf und nieder.

„Wallah!“ rief der Erregte dem Eintretenden zu. „Sie ist schön, unglaublich schön! Warum sagtest Du mir niemals, daß mein Harem ein solches Kleinod berge? Sie ist wahrlich eine Mebruhki (Gesegnete) – gesegnet von Allah und dessen Propheten.“

„Mebruhki!“ rief erschrocken der Doctor.

„Ja, Mebruhki ist in Kairo, in jenem Zimmer dort.“

„In Deinen Privatgemächern Pascha?“

„'Oft wird Liebe durch einen einzigen Blick in's Leben gerufen!'“[1] entgegnete der Orientale mit glühenden Augen. „Ein wahres Wort!“

Noch wahrer ist dieses: „'Er verscheuchte sein Vöglein und lief ihm alsdann nach.'“[1]

„Auch das ist wahr – doch jetzt gehe hinein und heile sie!“

Der Doctor mußte über diesen Befehl unwillkürlich lächeln, um sofort im ernsten Tone zu sagen:

„Mebruhki's Zustand muß sich in Folge der Reise verschlimmert ...“ [70] „Schweige!“ unterbrach ihn der Pascha mit zorniger Geberde. „Sie muß genesen – hörst Du? Beanspruche ein Vermögen, aber heile sie! Mebruhki muß leben. Weh Dir, wenn Du noch einmal sagst, daß ihr Zustand ein bedenklicher sei! Jetzt eile zu ihr!“ –

Anfangs hatte es den Anschein, als wolle die Natur dem Befehl des mächtigen Mannes Folge leisten. Man weiß nicht, ob es der Luftwechsel oder Doctor O.'s Behandlung war, was das Zehrfieber des schönen Geschöpfes plötzlich hemmte, kurz, Mebruhki schien überraschend schnell zu genesen.

Hundertmal am Tage eilte der Pascha an das Lager der liebreizenden Kranken, um nachzusehen, wie es ihr ergehe, sie auf's Zärtlichste zu fragen, ob sie nichts wünsche, und immer brachte er Mebruhki ein Geschenk mit, entweder seltene Blumen, köstliche Früchte, auch werthvolle Toilettegegenstände, funkelndes Geschmeide, Pariser Spielzeug, Geschenke, welche die Sclavin nicht wenig zu erfreuen schienen. Ein Lächeln ihres Rosenmundes, ein Aufleuchten in ihren dunkeln Augen erfüllte den verliebten Mann mit Seligkeit.

Die Kunde von der so plötzlich aufgekeimten Leidenschaft des Pascha verursachte im Harem keinen geringen Schrecken, der zunahm, je mehr die Krankheit der neuen Favoritin, die eine zweite legitime Gemahlin zu werden drohte, abzunehmen schien.

Als die Damen das Palais in Kairo auf's Neue bezogen hatten und selbst dann Alles beim Alten blieb, als der Pascha sämmtliche Frauen seines Harems einschließlich der Gemahlin ignorirte und jeden freien Augenblick am Lager der „rothhaarigen Kranken“, wie der Harem Mebruhki nannte, zubrachte, da geriethen die Zurückgesetzten, Vergessenen in eine Wuth, die das Schlimmste für die schöne Sclavin befürchten ließ.

Der Leibarzt, den die Damen wegen Mebruhki's halb zu Tode quälten sagte dem Pascha, es sei gefährlich, die Aufregung, welche zur Zeit im Harem herrsche, zunehmen zu lassen.

Hierauf erwiderte der Orientale mit vollendeter Ruhe:

„,Wenn mir der Mond leuchtet, kümmere ich mich nicht um die Sterne.'[1] Sage meiner Gemahlin, ,daß die Eifersucht der Schlüssel zur Scheidung ist.'[1] Die Uebrigen aber sollen es nicht wagen, Mebruhki ein Haar zu krümmen sonst erfahren sie, was ein Löwe zu thun vermag, wenn man ihn reizt. Das sage ihnen, Doctor!“

Doctor O. richtete diese Botschaft nicht aus, sondern theilte den erzürnten Damen zu ihrer Freude mit, daß der Pascha gar bald sein Krankenwärteramt niederlegen würde, da die Verhaßte in Bälde sterben müsse. In Folge dessen legte sich der Sturm, der sich im Harem erhoben. Dem Pascha selbst suchte der Arzt schonend beizubringen, daß ein Rückfall in den alten Zustand zu gewärtigen sei und dieser Rückfall Mebruhki lebensgefährlich werden könnte. Der Pascha lächelte bei dieser Eröffnung und meinte zum ersten Male, daß sein Leibarzt verzweifelt wenig verstehe. Und der Rückfall blieb nicht aus. Indeß bemerkte ihn der Verblendete nicht.

An einem wunderschönen Abend saß er am Rande des Divans, auf welchem die geliebte, in ein duftiges weißes Gewand gehüllte Sclavin ausgestreckt lag. Der Pascha hatte seinem Lieblinge ein goldenes Ei mitgebracht, das lauter Perlen und Rubinen enthielt. Diese schüttete Mebruhki langsam von einer Hand in die andere, während ihre großen glänzenden schwarzen Augen auf den Mann an ihrer Seite gerichtet waren, der zum ersten Male von Liebe sprach und köstliche Luftschlösser für die Zukunft baute.

Auf den rings um die Wände laufenden Divans, welche mit dem zeltartigen, schleierbehangenen Bette die Ausstattung des mit dunkelbraunem Holz getäfelten und von goldenen und blauen Arabesken überwölbten Gemachs bildete, auf diesem Divan aus taubengrauem Atlas, dessen eine Ecke der Pascha und die Sclavin einnahmen, lagen in malerischer Unordnung die Geschenke umhergestreut, mit welchen der Crösus seinen kranken Liebling überschüttet hatte, bunt schillernde Seidengewänder, milchweiße Gewebe aus Brussa, werthvolle Spitzen, blitzendes Edelsteingeschmeide, Goldschmuck, Diademe und Halsbänder von Brillanten, Handspiegel in kostbaren Rahmen, farbige Blumenkronen, Puppen, Bonbonniéren in den verschiedensten Formen und allerlei Tand.

Durch die weitgeöffneten Fenster drang die weiche, wohlige Abendluft, getränkt mit den Düften des blühenden Rosengartens, drangen die Strahlen der sinkenden Sonne, die schöne Sclavin mit rosig-goldenem Schimmer umwebend. Draußen säuselte der Wind in den leise sich wiegenden Zweigen der mit purpurnem Licht umflossenen Palmen; innen war es still, ganz still geworden. Beide schwiegen. Er war über Mebruhki gebeugt, seine Augen senkten sich in ihre feuchtschimmernden „schwarzen Diamanten“.

Mebruhki erhob nach langem Stillschweigen das Haupt, um mit matter Stimme die letzten Worte zu wiederholen, die er ausgesprochen hatte: „Wenn Du mich gesehen hättest, würdest Du mich früher geliebt haben? Sprachst Du wahr?“

Edelsteine und Perlen glitten von dem Schooße der sich Aufrichtenden und fielen leise klirrend auf den marmornen Boden.

„Ich sprach die Wahrheit, Mebruhki!“

„O, hättest Du mich früher gesehen!“ hauchte sie, indem eine tödliche Blässe ihr Antlitz bedeckte, und sank auf das Kissen zurück. Mit lautem Schmerzensschrei warf sich der Pascha auf die Gestalt der Ohnmächtigen.

Der Doctor, welcher bis jetzt stumm in einem Winkel des Zimmers gesessen hatte, erhob sich, trat sanft zu der Gruppe und faßte die Hand Mebruhki's ... es war die Hand einer Todten.

„Todt! todt!“ stöhnte der Minister.

Wenige Minuten später saß der Pascha in einem eleganten Wagen neben seinem Fürsten. Der Khedive hatte ihn abgeholt, um mit ihm spazieren zu fahren. Solche Wünsche sind Befehle.

Der Wagen jagte durch das neue Stadtviertel Ismailia, über die Brücke des Nil, die Ghezireh-Allee hinauf und hielt vor dem viceköniglichen Schloß. Ein Officier trat herzu und legte die Hand auf die Schulter des Ministers.

„Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftet,“ sagte er.

Der Khedive, von seiner bekannten Geldnoth gedrängt, hatte mit echt orientalischer Rücksichtslosigkeit beschlossen, sich der Reichthümer seines Finanzministers und Jugendfreundes zu bemächtigen und ihn selbst aus dem Wege zu schaffen. Damit Ismail-Pascha Saddik keinen Argwohn schöpfen und entfliehen möchte, behandelte ihn der heimtückische Fürst bis zum letzten Augenblick, da er ihn den Schergen überlieferte, mit wärmster Freundlichkeit. Darnach ließ er ihn unverzüglich nach Oberägypten schaffen, ohne ihm zu gestatten, daß er von seinen Frauen und Kindern Abschied nehme, und als während der Nilreise der Geächtete plötzlich starb, argwohnten Viele eine Vergiftung.

Jetzt hat auch ihn, den heimtückischen Khedive, die Nemesis ereilt.


  1. a b c d Arabische Sprüchwörter.