Die jüngste „Königin der Instrumente“

Textdaten
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Autor: Hermann Langer
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Titel: Die jüngste „Königin der Instrumente“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 700–702
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die jüngste „Königin der Instrumente“.


Die ernste Stille des herrlichen Domes zu Schwerin wurde in den Tagen des Monats Mai vom frühesten Morgen bis in die späten Abendstunden durch Schläge des Hammers und der Axt verscheucht. Bald sollte nach rastlosem Schaffen das rauhe Getöse dem wunderbarsten Orgelklange weichen, denn schon verkündeten unter des Künstlers Hand die ersten Stimmen aus metallenem Munde, wie herrlich sie gelungen! Da traten, vom Landesfürsten, dem im letzten Franzosenkriege vielgefeierten Großherzog geleitet, der Kronprinz des deutschen Kaiserreichs und seine Gemahlin in den Dom. Der Besuch desselben galt dem genialen Orgelbauer Fr. Ladegast. Bald stand der Künstler im bescheidenen Werkeltagskleide vor seinen Gästen und bald konnte er hocherfreut wahrnehmen, wie Alle teilnehmend den großartigen Orgelbau mit all seinen neuen Schöpfungen hinsichtlich Größe und Anzahl der Principal-, Gamben-, Flöten- und Zungenstimmen, sowie der neuen Constructionen innerer Theile in einem vollen Bilde zu erfassen suchten. Der Wunsch derselben, daß der Meister sein großes Werk glücklich vollenden möge, ging schon nach einem

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Die Gartenlaube (1871) b 701.jpg

Die neue Orgel im Schweriner Dom.
Nach der Natur aufgenommen von E. S.

[702] Vierteljahre in Erfüllung. Am 3. September ertönte zum ersten Male bei kirchlicher Feier der Chorus der Stimmen des gewaltigen Werkes unter der Künstlerhand des Organisten Hepworth. Erschütternd umwogte die andächtigen Hörer das Tonmeer, doch nimmer wurde es eine unfaßbare Tonmasse, Sinn und Gehör verwirrend. Urmächtig, doch wohlthuend blieben die vollen Accorde, in mannigfachste Klangfarben gekleidet, die klaren Leiter der begeistert singenden Gemeinde. Ladegast’s Meisterschaft ist oft, auch an dieser Stelle, anerkannt worden: in diesem Werke feiert seine Kunst höchste Triumphe. – Es ist hier nicht am Orte, diese Orgel in ihren Theilen und deren Verbindung zu schildern, es wird dies in einer vom großherzoglichen Musikdirector und Orgelrevisor Dr. Maßmann verfaßten Broschüre geschehen, doch sei ihrer Vorzüge in Kurzem gedacht.

Die vierundachtzig klingenden Stimmen der Orgel sind auf vier Claviere und ein Pedal so vertheilt, daß ein jedes der beiden Hauptclaviere in zwei Abtheilungen gruppirt ist, die zweiundzwanzig Stimmen des Pedals aber in drei Abtheilungen zerfallen. Sechs sanfte Stimmen bilden die dritte Abtheilung, ein vortrefflich wirkendes Piano-Pedal.

Die eben genannten und andere Stimmengruppen können durch besondere Tritte regiert, d. h. zum augenblicklichen Erklingen und plötzlichen Schweigen gebracht werden, ohne daß die den Abtheilungen angehörenden Register erst kurz zuvor gezogen oder entfernt werden müssen. Solcher Collectivtritte sind fünfzehn vorhanden, und dieselben beherrschen die verschiedenen Theile aller Manuale und des Pedals. Waren schon bisher die Ton- und Klangverbindungen einer größern Orgel unberechenbar und in ihren Verbindungen von staunenswerther Wirkung, so erweitert sich durch die Vorrichtung der Combinationen die Macht und die Wirksamkeit derselben zu einer wunderbaren Tongewalt.

Nicht nur diese Combinationen werden durch ein pneumatisches Werk für die Registratur geschaffen, vor Allem muß erwähnt werden, daß dasselbe Werk eine Crescendo- und Decrescendo-Einrichtung regiert, die bedeutendste Erfindung und großartigste Errungenschaft, welche die Orgelbaukunst gerade in dieser vollkommenen Gestalt Herrn Ladegast verdankt. Um eine größere Stärke der Töne nach und nach zu erlangen, war bisher nöthig, die verschiedenen Register in gewisser Reihenfolge zu ziehen, eine besonders bei größeren Orgeln höchst zeitraubende und die Hände störende Thätigkeit. Mittels eines einzigen Zuges oder Trittes wird hier das pneumatische Werk in Thätigkeit gesetzt und es treten nach und nach, je nach dem Willen des Spielers, zu der sanftesten Flötenstimme alle übrigen Stimmen in wohlberechneter Ordnung hinzu, so, daß zwar im Nu das ganze Werk ertönen, aber auch jede einzelne Stufe des erreichten Crescendo beliebig beibehalten oder auch zu einem schwächeren Stärkegrade zurückgeführt werden kann. Die Anwendung dieser Construction ist von unbeschreiblicher Wirkung und erhebt die Orgel in der That zu der Stellung der „Königin der Instrumente“. Combinationen auch für das Crescendo und Decrescendo herzustellen, war man in Paris mehrfach bemüht, doch blieb es bei wenig ergiebigen Versuchen. Die Orgelbaukunst sah zu keiner Zeit solchen Erfolg, wie hier nie rastender Fleiß und ausgesprochene Genialität errangen. Zu beiden Eigenschaften gesellt sich Accuratesse, Solidität und Eleganz der Arbeit. So entstand unter specieller Aufsicht des Meisters in der Werkstatt zu Weißenfels ein deutsches Kunstwerk. Das fabrikmäßige Schaffen ist an dieser Stelle nicht zu Hause. Leider können nur wenige, aber dann auch wahre Werke der Kunst von hier aus der Welt geboten werden!

Es würde zu weit führen, dem Leser mehr des Neuen dieser Kunst vorzuführen (wie die Leistungsfähigkeit eines neuen Windapparates in Gestalt von vier doppelt wirkenden Luftpumpen etc.), nur auf den im Bilde beigegebenen großartigen Prospect sei noch aufmerksam gemacht. Ein Werk des Herrn Baurath Krüger in Schwerin ist er in reiner Harmonie zu den Räumen und dem Baustil des Domes gedacht und ausgeführt.

Dr. Maßmann schreibt am Schlusse seines officiellen Gutachtens, das Resultat der achttägigen gründlichsten Prüfung: „Das kolossale Werk ist unbestreitbar die großartigste und hervorragendste Orgel im ganzen deutschen Vaterlande!“
Dr. H. Langer.