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Die französischen Orpheonisten in London

Textdaten
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Titel: Die französischen Orpheonisten in London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, 31, S. 477-479, 483-487
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[479] Die französischen Orpheonisten in London. So dicht das englische Insel-Land auch an Frankreich sich mit seiner breiten Basis anlehnt, kann es d[o]ch nichts Verschiedeneres geben, als diese Gallier drüben und diese Anglosachsen hier. Haben sie doch auch Jahrhunderte lang theils wirklichen Krieg mit einander geführt, theils auf Kriegsfuße gelebt. Und auch neuerdings rüsten sie sich in gegenseitiger, diplomatisch gebrauter Entrüstung. Am 24. Juni paradirten 25,000 Mann Londoner Freischaaren vor der Königin im Hyde Parke. Ganz England bedeckt sich mit solchen freiwilligen Rifle-Corps, weil man sich ernstlich und gründlich vor einer französischen Invasion fürchtet, auch nachdem die Diplomaten beider Völker nach mehrjähriger „Alliance“ noch einen ganz besondern Friedens- und Freihandels-Vertrag geschlossen haben. Wer herrscht jetzt in Europa? Man sage nicht: Hier Dieser, dort Jener. Es gibt nur Eine herrschende Macht, das von Napoleon ausschwitzende, über ihm schwebende Fatum allseitigen, alle Herrscher beherrschenden Mißtrauens, die Nemesis der letzten 10 Jahre, als deren Personification wir den grauen oder schwarzen Mann in Paris anzuerkennen haben. Dieses allseitige Mißtrauen begleitete auch die große Sänger-Mission aus Frankreich. Der aus 200,000 Mitgliedern bestehende, über ganz Frankreich verbreitete Sängerbund der Orpheonisten (nach Orpheus, dem antiken Meister der Töne, so genannt) sandte in fünf Dampfschiffen und mit Extra-Eisenbahnzügen über 3000 seiner besten Sänger herüber nach London in den Krystall-Palast, dazu die rothen, gelbgestreiften „Guides“, das vollkommenste Orchester, das je existirt haben soll. Sie feierten durch ihre Gesänge und Töne in einem dreitägigen Gesangsfeste einen beispiellosen Triumph vor dem nach Tausenden zählenden englischen Publicum, das ihnen einen in England ebenfalls unerhörten Enthusiasmus zeigte, wie ihn Engländer wohl kaum je gefühlt haben.

Und doch munkelt das Mißtrauen, diese beinahe 4000 lustigen, singenden Franzosen in England seien nichts als eine Art trojanisches Pferd, wie es die Griechen einst als Friedenszeichen in das belagerte Troja sandten. Riskirte der Krystall-Palast die schweren Kosten, 4000 Franzosen aus allen Theilen Frankreichs nach Dieppe zusammenzubringen, sie von da aus in fünf Expreß-Dampfschiffen nach Newhaven, von hier durch Expreß-Eisenbahnzüge nach London zu fördern und hier mindestens acht Tage lang zu logiren und zu beköstigen, – etwa 20,000 Pfund Auslage? Unmöglich, sagt das Mißtrauen, zumal da Napoleon mit großer Bereitwilligkeit seine „Guides“ gleichsam zugab. Der Krystall-Palast hat allerdings schon über 18,000 Pfund riskirt, um das Händelfest zu Stande zu bringen, und dabei just 18,000 Pfund Reingewinn gemacht. Warum hätte er nicht mit der berühmtesten und großartigsten aller musikalischen Körperschaften eine ähnlich kostbare Specülation wagen sollen? Wir unsererseits weisen den sonst überall in Diplomatie und Politik herrschenden Popanz des Mißtrauens aus dem Kreise der lustigen, friedlichen Orpheonisten, die sich den Teufel um den Menschen scheeren, für den nie eine Leyer erklang, nie ein Orpheus in die Saiten griff, und aus dem sonnigen Feentempel des Krystall-Palastes, wo die Directoren zwar immer großartig und scharf speculiren, aber eben deshalb gewiß nie auf den Gedanken kamen, aus der jetzigen Politik Geld zu machen.

Wir sind plötzlich mitten im Feste. Doch nein, erst müssen wir diesen ungeheueren Halbmond von Orchester, diese Auserwählten der großartigsten musikalischen Schöpfung und Organisation, vorstellen. Vor etwa funfzehn Jahren fing ein Deutscher in Paris, den die Franzosen Wilhem schreiben (jedenfalls entstellt), an, Singvereine in Schulen und Gemeinden zu gründen. Er aber starb unter unglücklichen Versuchen. Eugéne Delaporte, Organist in der Hauptkirche zu Sens, Schüler und Erbe des Wilhem’schen Planes, wanderte eines Tages mit einem Stock und einer Reisetasche hinweg von seiner Orgel, seinem Brode, seiner Familie, von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf in Frankreich, Singvereine und „Choral-Gesellschaften“ gründend. So wanderte, schuf und organisirte er unter den mannichgaltigsten Hindernissen vier Jahre. Dann kam Hülfe und Gunst von Obrigkeiten und künstlerischen Berühmtheiten. Jetzt gibt’s in allen größern Städten und selbst in unansehnlichen Dörfern Frankreichs Orpheon-Gesellschaften, zusammen über achthundert mit 40,000 ordentlichen und 200,000 „Auxiliar“-Mitgliedern. Sie singen und üben Liebe und Freundschaft gegen einander und arme Menschen. Bereits über zwei Millionen Francs haben sie für letztere ersungen und vertheilt. Paris ist deren Mittelpunkt und Delaporte noch deren geliebtes, allverehrtes Haupt. Als er unten im Orchester erschien, am 20. Juni um 3 Uhr, vor mehr als 10,000 Köpfen des höheren englischen Publicums, wurde er von seinen Sängern mit einer wahrhaften Wuth enthusiastischer Begeisterung, mit Freudenschrei, geschwungenen Kopfbedeckungen aller Art und Notenblättern empfangen.

Dumpf rauschende, seidensäuselnde, notenblätterig raschelnde, erwartungsvolle Stille. Plötzlich auflebendes, schnell anschwellendes Gelächter mit Jubelruf und Händegeklatsch. Was ist’s? In einer der Passagen unten zwischen den zehn Schillinge à Person placirten Tausenden windet sich schnell und graciös aalartig ein agiler kleiner Franzose mit einem irgendwo geraubten Stuhle, von einem Kellner verfolgt, der ihm den Stuhl mit Gewalt wieder abnehmen will. Der Franzose siegt und triumphirt fliehend, den Stuhl geschickt aus der einen in die andere Hand sichernd, schlüpfend, tanzend, gleitend vor dem verfolgenden, plump und vergebens zutappenden Engländer, der, obgleich mit Gesetz und Recht auf seiner Seite, aber „auf beiden Händen links“, eclatant und unter gloriosem Gelächter total geschlagen wird. Der Franzose tanzt mit dem Stuhle bis zu seiner Dame, pflanzt diese darauf und winkt dem Verfolger mit allerliebster, graciöser Unverschämtheit, sich zurückzuziehen. Dieser zieht sich zurück, so verlacht und so verschämt mit eingebogenen Leibrocksflügeln, wie ein geprügelter Köter mit eingeklemmter Ruthe. – Eine ganz unbedeutende und doch ganz ungeheuer charakteristische Scene. Wie ich vorher und nachher bemerkte und es durchweg schlagend auffiel, zeichneten sich diese allerliebst schmutzigen, leger liederlich, sogar oft ärmlich gekleideten, kleinen, schwatzenden, lärmenden, braunen und bronzenen, frechen Franzosen, Kinder eines geknechteten Staates, durch das allerfreieste Benehmen vor den freien, durch Etikette und Vatermörder, durch sociale Aengstlichkeit und Langstieligkeit geknechteten, kleinlauten, ängstlich reinlichen, weißgewaschenen, sorgfältig gebürsteten, am Hinterkopfe gescheitelten, backenbartstarrenden Engländern aus. Das Rauchen, an unzähligen Stellen des Krystall-Palastes strict verboten, war ihnen überall erlaubt, weil sie die Leichtigkeit und Courage hatten, dem Gesetze zu trotzen. Sie schwatzten und sprangen überall umher wie personificirte Anarchie. Und die Engländer waren außer sich vor Freude über diese Blüthen der Volkssouverainetät, die sie zum ersten Male von diesen Kindern des Tyrannenstaares kennen lernten.

Sie sangen. Dreitausend auserwählter Männerstimmen. Ich kann nicht sagen, was und wie sie sangen. Ich bin kein Musikkenner, aber noch nie haben Engländer ihr „God save the Queen“ so glorios, so deutlich, so wirksam vernommen, und über ihr „Veni, Creator“ Mozarts und dessen „O Isis und Osiris“ jauchzte Alles, was da gekommen war. Sie sangen theils ohne, theils mit Orgel-, theils mit „Guides“-Begleitung, immer [480] triumphirender, immer erwärmender, in Begeisterung erhitzender. Ach, und „der kleine Rekrut“ von Kücken und das Mendelssohn’sche „Lebewohl!“ und andere heimische Klänge hier in gloriosester Meisterschaft, zwei feindliche Völker verbrüdernd, triumphiren zu hören, das war ein Genuß für ein deutsches Ohr und ein deutsches Herz, für welchen ich alles Heimweh und Weh der Heimath vergaß und vergab.

Tiefste Stille, fernes, fernes Trommeln, sich nähernd, anschwellend, Anbrausen der Heeresmacht zum Sturme, hitziger Kampf, Weichen, Fliehen, allmähliches Absterben des Geräusches der Flucht und der Trommeln – Todtenstille. Aufbrechendes Erdbeben mit einem so furchtbaren Knattern und Klirren, als brächen alle Millionen Scheiben des Krystall-Palastes in Billionen Scherben. Was ist das? Beifallssturm über „La Retraite“ von Laurent de Rillé, einem Mitgliede, ein Sturm nach dem andern, immer ärger, immer fanatischer, bis dieses unerhörte Meisterstück von Pianissimo, Crescendo und neuem Absterben zum Pianissimo mit 3000 Stimmen wiederholt wird. – Mohr, der deutsche Director des besten Orchesters in der Welt, der „Guides“, mit seiner „Giralda“, „Oberon“, „der Tag des Herrn“ von Kreutzer – doch nichts mehr davon. Wir sind am Schlusse. Ueber 10,000 Engländer und Engländerinnen, sonst so kaltblütig respectabel, springen auf. Die Lüfte zittern von Jubelgeschrei, und bunte Wolken von Hüten, Mützen, Taschentüchern, gefranzten Sonnenschirmen wallen über ihren Häuptern. Die 3000 Franzosen erwidern dies von oben mit viel mehr Lärm und Enthusiasmus, und singen „God save the Queen“ noch einmal, noch schöner, noch feuriger. Beide Völker bombardiren mit Beifalls-Attacken hin und her und mischen sich draußen zum großen Fontainen-Schauspiel enthusiastisch durcheinander. So hab’ ich die Engländer nie gesehen. Alte, eingewurzelte Feindschaft zwischen den beiden Völkern? Sie schießen sich vielleicht eines Tages wieder gegenseitig todt, aber nicht als Engländer und Franzosen, sondern als politisirte Bestien lügnerischer Diplomaten.