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Titel: Die erste Waffenthat
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 291–292
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die erste Waffenthat.
Aus den Erinnerungen eines österreichischen Officiers.

Es war im Juli des Jahres 1848, als ich mein Regiment erreichte. Der Oberst war im Bivouac. Er empfing mich zuerst ziemlich ungnädig, aber nachdem er das Empfehlungsschreiben des Generals gelesen, wurde er freundlicher und sagte mir einige verbindliche Worte.

Hierauf wurde ich meinem Hauptmanne vorgestellt, der eben von einer Recognoscirung zurückkam. Der Capitain, den ich übrigens näher kennen zu lernen nicht Zeit hatte, war ein großer, schwarzköpfiger Mann mit einem harten, zurückstoßenden Gesicht. Er hatte sich durch seine Tapferkeit vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen und seine Epauletten, so wie sein Kreuz auf dem Schlachtfelde gewonnen. Seine matte Stimme contrastirte nicht wenig mit seinem riesigen Körperbaue. Die Ursache dieser Sonderbarkeit war eine Flintenkugel, die ihm bei Wagram durch den Leib gegangen war.

Als er erfuhr, daß ich aus der Schule von ** komme, schnitt er ein Gesicht und sagte: „Mein Lieutenant ist gestern geblieben.“ Ich begriff, daß er sagen wollte: Du bist nicht im Stande, ihn zu ersetzen. Ich wollte etwas Beißendes entgegnen, aber ich hielt es für gerathener, die Pille zu verschlucken.

Der Mond ging auf hinter der Redoute von Ch., die ungefähr zwei Kanonenschußweiten von unserem Lager entfernt war. Das Gestirn der Nacht war groß und roth, wie es gewöhnlich bei seinem Aufgange zu sein pflegt. Aber meine Einbildungskraft ließ es mich noch größer erblicken, als ich es je gesehen. Einige Augenblicke zeichnete sich die Redoute schwarz in seiner Mitte. Sie erschien mir, wie der Gipfel eines Vulcanes kurz nach einem Ausbruche. Ein alter Soldat in meiner Nähe sagte, indem er auf den Mond deutete:

„Er ist halt gewaltig roth; ein Zeichen, daß es nicht wenig Blut kosten wird, die Redoute zu nehmen.“

Ich bin immer etwas abergläubisch gewesen. Diese Prophezeiung, vorzüglich im gegenwärtigen Augenblicke, machte also einen nicht geringen Eindruck auf mich. Ich streckte mich auf die Erde aus; aber es war mir unmöglich, zu schlafen. Ich erhob mich, schritt ein wenig vor und starrte auf die ungeheuere Feuerlinie, welche die Höhen jenseits des Dorfes Ch. überdeckte.

Als ich mein kochendes Blut durch die Frische der Nacht ein wenig abgekühlt, zu haben glaubte, kehrte ich wieder an’s Feuer zurück, wickelte mich in meinen Mantel, schloß die Augen und hoffte, sie erst mit Tagesanbruch wieder zu öffnen.

Aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Unmerklich wurden meine Gedanken ernster, düsterer. Ich sagte mir, daß ich nicht einen Freund unter den hunderttausend Mann habe, welche die Ebene bedeckten. Hätte ich das Unglück, verwundet zu werden, würden unwissende Wundärzte mich ohne alle Rücksicht behandeln. Alles, was ich über dergleichen Operationen gehört, trat mir in’s Gedächtniß. Mein Herz schlug laut. Ohne zu wissen, was ich that, machte ich aus meiner Schreibtasche und meinem Schnupftuche eine Art Küraß auf der Brust. Endlich fielen mir vor Ermüdung die Augen zu. In jedem Momente aber schreckte ein fürchterlicher Gedanke mich auf. Mein Zustand war qualvoll.

Mit Tagesanbruch stellten wir uns in Reihe und Glied zum Appell. Nach demselben wurden die Gewehre wieder zusammengestellt. Alles hatte den Anschein, daß wir einen ruhigen Tag zubringen würden.

Gegen drei Uhr kam ein Adjutant und brachte eine Ordre. Man ließ uns abermals unter’s Gewehr treten. Unsere Scharfschützen zerstreuten sich in die Ebene. Wir folgten ihnen langsamen Schrittes. Nach zwanzig Minuten sahen wir die piemontesischen Vorposten, die sich von allen Seiten in die Redoute zurückzogen.

Ein Artilleriecorps stellte sich uns zur Rechten auf, ein anderes zur Linken; aber beide ziemlich weit von uns. Sie begannen ein lebhaftes Feuer gegen den Feind, der es energisch erwiderte. Nach einigen Minuten war die Redoute unter dicken Rauchwolken verschwunden.

Unser Regiment war vor dem Feuer der Piemontesen durch eine geringe Erhöhung ziemlich gedeckt. Ihre Kanonenkugeln gelangten nur selten zu uns, denn sie schossen vorzugsweise auf unsere Kanoniere. Die meisten Kugeln gingen über uns hinweg oder schlugen vor uns nieder und bedeckten uns nur mit Erde oder kleinen Steinen.

Sobald der Befehl gegeben wurde, vorwärts zu marschiren, betrachtete mich mein Hauptmann mit einer Aufmerksamkeit, die mich nöthigte, mit der Hand zwei bis drei Mal meinen jungen Schnurrbart zu streichen und mir ein so unbefangenes Ansehen, als nur immer möglich, zu geben.

Uebrigens hatte ich wirklich keine Furcht. Meine einzige Besorgniß bestand nur darin, daß man denken könne, ich fürchtete mich. Die Kugeln, welche uns bis dahin kein Leid zugefügt, bestärkten mich in meiner heroischen Ruhe. Meine Eigenliebe sagte mir aber doch, daß die Gefahr nicht gering sei; denn es war nicht zu bezweifeln, daß ich mich unter dem Feuer einer furchtbaren Batterie befand.

Der Oberst schritt an unserer Compagnie vorüber. Er redete mich an.

„Sie werden zu Ihrem Anfange gleich etwas Ordentliches sehen!“ sagte er.

Ich lachte recht martialisch, indem ich die Erde von meinen Rockärmeln abfegte, die eine Kugel, welche dreißig Schritte vor mir niedergeschlagen war, darauf geschleudert hatte.

Es schien, daß unsere Gegner bald den schlechten Erfolg ihrer Kugeln bemerkten. Sie ersetzten sie durch Bomben, die eine bessere Wirkung in der Vertiefung machten, in welcher wir uns befanden. Eine derselben zersprang ganz in meiner Nähe, tödtete einen Soldaten im Zerspringen und riß mir das Käppi vom Kopfe.

„Ich mache Ihnen mein Compliment!“ sagte der Hauptmann. „Sie sind quitt für heute.“

Ich kannte bereits den militairischen Aberglauben, nach welchem das non in idem ebensowohl ein Axiom auf dem Schlachtfelde, als vor Gericht ist. Ich stülpte mein Käppi wieder auf und sagte:

„Das heißt die Leute ohne Ceremonie zum Gruße nöthigen.“

Dieser schale Witz schien in dem gegenwärtigen Augenblicke vortrefflich.

„Ich wünsche Ihnen Glück!“ fügte der Hauptmann hinzu. „Sie haben heute nichts mehr zu besorgen und am Abende werden Sie eine Compagnie befehligen. Ich sehe wohl, daß der Ofen für mich geheizt wird. Jedes Mal, wenn ich verwundet worden bin, hat der Officier mir zunächst eine matte Kugel bekommen. Und,“ sagte er halblaut und beinahe beschämt, „der Anfangsbuchstabe ihrer Namen war immer P.“

Ich machte den Freigeist. Mancher würde gethan haben, wie ich. Mancher würde auch, wie ich, von diesen prophetischen Worten betroffen worden sein. Als Anfänger aber fühlte ich, daß ich meine Empfindungen Niemand mittheilen könne, und daß ich immer kalt und unerschrocken scheinen müsse.

Nach einer halben Stunde verminderte sich das Feuer der Piemontesen bedeutend. Wir verließen sogleich unsere Stellung und marschirten nun gegen die Redoute.

Unser Regiment bestand aus drei Bataillonen. Das zweite erhielt den Auftrag, die Redoute zu umgehen; die beiden anderen sollten Sturm laufen. Zum dritten Bataillon gehörte ich.

Als wir die Vertiefung verließen, in welcher wir bis dahin sicher gewesen, wurden wir mit Musketenfeuer begrüßt, das uns jedoch nur geringen Schaden that. Das Pfeifen der Kugeln erregte mein Erstaunen. Ich wendete oft den Kopf um und zog mir dadurch [292] den Spott meiner Cameraden zu, die schon vertrauter mit dieser Musik waren.

„Alles in Allem,“ sagte ich zu mir selbst, „ist eine Bataille doch nicht so entsetzlich, als man meinen sollte.“

Wir eilten nun im Sturmschritt vorwärts, die Scharfschützen voran. Plötzlich schallte aus der Redoute dreimal Hurrah! Dann trat eine tiefe Stille ein.

„Ich habe solch’ Schweigen nicht gern,“ sagte der Hauptmann, „es bedeutet nichts Gutes.“

Ich dagegen fand unsere Soldaten zu lärmend, und konnte nicht umhin, eine innerliche Vergleichung zwischen ihrem Geschrei und dem imposanten Schweigen des Feindes anzustellen.

Wir gelangten jetzt rasch an den Fuß der Redoute; die Pallisaden waren von unsern Kugeln zersplittert. Die Erde war aufgewühlt. Die Soldaten drangen auf diesen neuen Ruinen vor, indem sie noch stärker schrieen, als zuvor: „Es lebe der Kaiser!“

Ich schlug meine Augen auf. Nie werde ich den Anblick vergessen, der sich mir darbot. Der größte Theil des Rauches hatte sich erhoben und schwebte wie ein Traghimmel etwa zwanzig Fuß über der Redoute. Durch einen bläulichen Dunst bemerkte man hinter der halbzerstörten Brustwehr die piemontesische Linie, die Gewehre hoch haltend und unbeweglich wie Bildsäulen. Ich glaube noch jeden Soldaten, das linke Auge auf uns geheftet, das rechte hinter dem Flintenlauf verborgen, zu erblicken. In einem Winkel, kaum einige Fuß von uns, hielt ein Artillerist die Lunte neben einer Kanone.

Ein Schauder überlief mich. Ich glaubte, meine letzte Stunde habe geschlagen.

„Nun fängt der Tanz an!“ rief der Hauptmann. „Gute Nacht.“ Das waren seine letzten Worte.

Das Wirbeln der Trommeln erschallte in der Redoute. Sogleich neigten sich alle Gewehre. Ich verschloß die Augen und vernahm ein entsetzliches Krachen, auf welches Geschrei und Stöhnen folgte. Ich blickte um mich, erstaunt, noch zu leben. Die Redoute war von Neuem in Rauch gehüllt. Rings um mich her sah ich nur Todte und Verwundete. Der Capitain lag ausgestreckt zu meinen Füßen. Eine Kanonenkugel hatte ihm den Kopf zerschmettert. Ich war von seinem Blute und seinem Gehirn bespritzt. Von der ganzen Compagnie waren nur noch sechs Mann auf den Beinen.

Nach dieser Explosion blieb einige Minuten Alles ruhig. Dann steckte der Oberst seinen Hut auf den Degen und kletterte zuerst mit dem Ausrufe: „Es lebe der Kaiser!“ die Brustwehr hinan. Alle noch Lebenden folgten ihm.

Ich habe kaum noch eine genaue Erinnerung von dem, was nun geschah. Wir betraten die Redoute, ich weiß nicht wie. Man schlug sich Faust gegen Faust, Brust gegen Brust, mitten in einem so dicken Rauche, daß man sich nicht sehen konnte. Ich glaube, daß ich um mich hieb, daß ich mehrere Feinde verwundete oder tödtete, denn mein Säbel war ganz mit Blut bedeckt.

Endlich hörte ich schreien: „Sieg! Sieg!“ Der Rauch verminderte sich. Ich sah mich mitten im Blut und unter Leichen. Man ging nur auf Todten. Die Kanonen selbst waren unter denselben begraben. Etwa zweihundert Mann in österreichischer Uniform waren ohne alle Ordnung gruppirt. Einige ladeten ihre Gewehre. Andere wischten ihre Bajonette ab. Elf schwarz-italienische Männer standen als Gefangene neben ihnen.

Der Oberst war der Länge nach auf einem zerbrochenen Pulverkasten ausgestreckt. Es war ganz mit Blut besudelt. Einige Soldaten beschäftigten sich mit ihm. Ich näherte mich ihm.

„Wo ist der älteste Capitain?“ fragte er einen Unterofficier.

Dieser zuckte auf eine sehr bezeichnende Weise mit der Achsel.

„Und der älteste Lieutenant?“

„Herr P., der gestern angekommen ist?“

Der Oberst lächelte bitter.

„Wohlan,“ sagte er endlich zu mir gewendet, „Sie haben den Oberbefehl. Lassen Sie den Eingang der Redoute mit Wagen befestigen. Der Feind ist zahlreich genug. Aber der General C. ist nicht fern.“

„Herr Oberst,“ rief ich, „Sie sind schwer verwundet.“

„Zum Henker!“ entgegnete er, „aber die Redoute ist genommen!“