Die englischen Prediger Eduard Irving und Dr. Chalmers

Textdaten
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Autor: William Hazlitt
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Titel: Die englischen Prediger Eduard Irving und Dr. Chalmers
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 37–38, S. 145-147, 152
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die englischen Prediger Eduard Irving und Dr. Chalmers.


Der ehrwürdige Eduard Irving ist der populärste und berühmteste der englischen Kanzelredner: seine Strenge und Heftigkeit, sein raschaufloderndes, leidenschaftliches Feuer, seine Intoleranz fanden in London ungemeinen Beifall. Ohne diese Laune der Mode zu erklären, wollen wir es wenigstens versuchen, das wirkliche Verdienst dieses presbyterianischen Geistlichen zu würdigen. Der Stern seines Ruhmes steht in seinem Culminationspunkte; eine unparteiische Kritik, gleich fern von Mißgunst wie von unzeitiger Begeisterung, wird in mehr als Einer Hinsicht nicht ohne Interesse seyn.

Ist es der Diener des Altars, fragen wir zuvörderst, den man in ihm anstaunt, ist es der Verkündiger des göttlichen Wortes, den man in ihm verehrt? Nein; es ist der Schauspieler, dessen überraschendes Auftreten an dem heiligen Orte diese Wirkung hervorbringt. Eine künstliche Versetzung der Ideen, verbunden mit einem großen natürlichen Talente der Rede, versammelte die neugierig gespannte Menge um seine Kanzel. Diese beispiellose Wirkung bezeichnet einen der hervortretendsten und zugleich bedenklichsten Charakterzüge der Gegenwart -den steten Durst nach irgend etwas Neuem. Unerwartet flammen von der calvinischen Rednerbühne die Blitze weltlicher Beredsamkeit; Shakespeare und Byron schmücken den Vortrag des Predigers; seine Gebehrden sind rasch, lebendig wechselnd und voll Anmuth; seine Sprache ist poetisch, sein Ausdruck feierlich, seine Augen füllen sich mit Thränen, sein Gesicht wird belebt von dem Feuer der Leidenschaft. Welch ausserordentliche Erscheinung! Man drängt sich um den neuen Propheten; man vergleicht ihn mit Kemble; man schmäht, oder zittert und bewundert - sein Ruf ist gemacht.

Nie war in England noch ein Mann, der sich mit Irving vergleichen ließ, auf der Kanzel aufgetreten. Die Predigten bestanden bloß aus ermüdenden theologisch-moralischen Abhandlungen, die mit abgemessenem Anstand und leiser Stimme vorgetragen, und mit all der Achtung angehört wurden, welche mit einer herzlichen Langeweile verträglich ist. Da erscheint der neue Prediger: poetisch in seiner Darstellung‚ fanatisch in seiner Lehre , mit imposantem Aeußern und donnernder Stimme. Als Mann der Kirche, als Schauspieler und als Politiker scheint er die widersprechendsten Charakterzüge in seiner Person zu vereinigen.

Der englische Gentleman, der ewigen Pferderennen überdrüßig, die Lady, ermüdet vom Lesen der Romane, der Bürger, dem das Boxen und das Fechten anfängt langweilig zu werden - sie alle laufen herbei, um das neue Wunder mit anzusehen. Ein Mann von gigantischer Größe, auf dem alten calvinischen Rednerstuhle, erklärt seinem Jahrhunderte den Krieg. Der apostolische Herkules verbindet mit den gewaltigen Verhältnissen, welche ihm die Natur verliehen, schöne Formen, und die leichte, beredte Beweglichkeit der Pantomime. Die bleiche Olivenfarbe, die scharfen Züge, die schwarzen, langgelockten Haare, die malerischen Stellungen vollenden die Illusion, und die schiefe Richtung seiner feurigen Blicke verleiht dem ergreifenden Eindruck seiner Rede und seines ganzen Wesens eine ich möchte sagen wilde Kraft.

Statt sich auf der unbequemen Bahn der Zweifel und der Dogmen zu verlieren, greift der geistliche Athlete die Philosophie, die Poesie und die ganze moderne Wissenschaft Stirn gegen Stirn an. Er kämpft mit Locke, wirft Stewart [1] zu Boden, schleudert ein Argument gegen Voltaire, gibt nebenbei den Ministern einen Seitenhieb, oder macht einen Ausfall auf ein Glied der königlichen Familie. [2] So gleicht das Ganze einem lebendigen unterhaltenden Schauspiel, das die Masse anzieht, den Neugierigen befriedigt und selbst den verwöhntesten Müßiggänger auf einige Zeit festhält.

Die religiöse Lehre Irvings enthält im Grund durchaus nichts Neues; sie gehört ganz der alten Schule des Presbyterianism an, mit ihrer ewigen Verdammniß, ihrem wilden Fanatismus und ihren Schrecken der Hölle. Längst schlummerte die barbarische Lehre unter der Asche Cromwell’s und Knox’s. Die Eleganz unsrer Salons verschmähte eine so strenge, rauhe Tugendübung. Irving aber scheute sich nicht den vergrabenen Schatz wieder an’s Licht und zu Ehren zu bringen. Bayle und Tindal, nebst allem was Ungläubige und Zweifler mit frecher Stirne hatten drucken lassen, stürzt er mit heiligem Eifer in die Flammen des ewigen Feuers, und indem er so, als Vollstrecker der göttlichen [146] Gerechtigkeit, die erloschenen Gluthen wieder anfacht, erweckt er zugleich in dem Busen seiner Zuhörer jene angenehme innere Aufregung, jenen dramatischen Schrecken, der ihm schnell alle weiblichen Herzen, die gerne gerührt seyn möchten, gewinnt. Mit minderer Anstrengung schmiedete Vulkan dem Könige des Himmels den für das Haupt der Giganten bestimmten Blitz, als hier der heilige Mann die Strafe der Verdammniß auf die Sünder schleudert; die Kanzel dröhnt unter den heftigen Faustschlägen während der Schweiß ihm von der heißen Stirne träufelt.

Die ganze Eigenthümlichkeit Irvings besteht blos darin, daß er, gegen die Vorschrift des Evangeliums, neuen Wein in alte Schläuche gegossen hat. Heiliges und Profanes, Poesie und Prosa, Altes und Modernes, die Mystik des Spiritualism und die Sinnlichkeit des Judaism, die Leidenschaft eines Gerichtsadvokaten, der Dogmatismus der Kanzel, die Uebertreibung des Schauspielers, die Bizarrerie des alten Styls - alles mischt sich bunt durcheinander in der Brust des Einen Mannes; aber der heterogenen Masse verlieh sein Talent den anziehenden Reiz der Neuheit und Ueberraschung. Gerade der lebendige Widerspruch der Gegensätze es, was jenen Zauber hervorbringen mußte. Die kleine Zahl wirklich Frommer beklagte sich über die Profanation des heiligen Orts, der auf einmal zum Theatersaale, zum Cirkus, zur Arena, zur Akademie geworden war; aber diese wenigen Stimmen verloren sich in dem Beifallszuruf der Menge, mit dem sie Ivring in seinem triumphirenden Zuge begrüßte.

Einen Kanzelredner gegen Jeremias Bentham zu Felde ziehen zu sehen, ist eine ganz neue Erscheinung. Sein Auge schweift über den engen Kreis seiner kleinen Versammlung hinaus, es dringt bis in das Heiligthum des Moralisten und Rechtsgelehrten, und entdeckt dort den gefährlichen Feind seines Glaubens. Die Schöngeister werden aufmerksam, die Philosophen erstaunen, die Gelehrten treten unter Waffen, ganz London ist in Bewegung. Der gewandte geistliche, Kämpfer gönnt den Erstaunten keine Zeit wieder zu sich selbst zu kommen: er wirft sich auf Brougham, Canning, Coleridge, Liverpool, wie ein Raubvogel, der sich auf ein Nest voll Staaren stürzt.

Selbst diejenigen, welche fürchten, er werde sie angreifen, mischen sich unter die Menge, und hören geduldig die theologischen Sarkasmen mit an, mit denen der Apostel sie überschüttet. Um Gleichgültigkeit dagegen zu affektiren kehren sie wieder. Das Publikum ist gespannt, ob die Heftigkeit des Angriffs ihre Kühnheit überwinden wird, oder ob sie selbst unter dem Feuer der Batterien ihre Kaltblütigkeit bewahren werden. Man sieht die Kämpfe mit demselben Interesse, mit welchem man einen schönen Kavallerieangriff betrachten würde, der mit Präcision ausgeführt und mit Muth abgeschlagen wird.

Andere Prediger begnügen sich mit dem Vertheidigungskriege, Irving aber ergreift die Offensive. Ohne Patent und Licenz verwandelt er die calvinische Kirche in einen politisch-philosophischen, religiös-moralischen Clubb, dessen Präsident und einziger Sprecher er selbst ist. Andere schmeicheln dem Publikum, Jrving insultirt es. Er übt auf uns eine ähnliche Macht aus, wie Pietro Aretino einst auf die Fürsten, deren Schwäche seiner satyrischen Feder einen Tribut bezahlte. Mit kecker Hand zerbricht er die Idole, die man am meisten verehrt. Politiker, Moralisten, Schriftsteller, Kritiker, Journalisten, Schauspieler, Poeten, Staatsmänner, Machthaber – Niemand verschont er. Weder Titel noch Rang, weder Stand noch Würde, weder die zarten noch die schönen und glänzenden Seiten des Lebens finden Gnade vor seinen Augen. Möge alles in den Staub sinken! möge der Blitz des göttlichen Zorns die Paläste der Großen, die Tempel des Reichthums und des Vergnügens in Asche verwandeln. Verworfenes Jahrhundert, zittre! gehe in dich! mit eigner Hand zerschlage dein Werk! und mitten in diesem großen Sturze der entarteten Civilisation achte Niemand als Herrn Irving, den Boten des Verderbens, ihn der allein aufrecht steht unter den Trümmern.

Allen Künsten und Wissenschaften, den Hoffnungen wie den Erinnerungen, unsern Lastern wie unsern Tugenden erklärt er den Krieg. Nichts bleibt übrig als die schottische Kirche , und an ihrer Spitze Irving. Als ein neuer Peter der Eremit will er, daß jede Verbesserung des gesellschaftlichen wie des Privatlebens als ein Verbrechen gebrandmarkt werde; eine tabula rasa fordert er, die Zerstörung Londons, seiner Ateliers , seiner Kanäle, seiner Magazine. Zum Tempel genügt ein Altar von Rasen; umgeben von ein paar schlechten Hütten, aufgebaut auf dem Platze, wo einst die stolze Hauptstadt Englands stand. Zertrümmert, zerstört! und um Gott in der That und in der Wahrheit anzubeten, laßt Irving eine neue Welt aus dem Stegreife schaffen, ein neues Jerusalem, das er im Namen des göttlichen Worts, im Namen des Königs der Himmel hervorruft.

Dieß sind die Wunder, die er durch die Allgewalt seiner Reden bewirken will. Ist es noch auffallend, daß ein Mann, der den Sturz alles Bestehenden verkündigt, Aufsehen in der Welt erregt hat? Schreibt ein Doctor von Edinburg irgend ein neues Werk über Moral oder Politik so denuncirt er es sogleich als unmoralisch; erhebt sich ein neues Theater, so speut er Feuer und Flammen; wird eine Brücke gebaut oder ein Tempel vollendet, so donnert sein Zorn über die Eitelkeit der Welt. In verlassene Wälder, in die heilige Stille der Felsen des schottischen Hochgebirgs verweist er die Religion. Ferne von den bewohnten Städten liegt die Möglichkeit des ewigen Heils. Und doch bewohnt er selbst diese Stadt, ohne daß sein Enthusiasmus noch verlöscht wäre. Er allein hat das Recht, ohne Gefahr ein Bürger dieses Babels zu seyn. Drängt sich nicht eine lange Reihe von Wappen-Carossen auf dem Wege zu seiner Kirche? Sind es nicht die Schmeicheleien und Liebkosungen der Aristokratie, welche ihn für seine Anstrengungen belohnen? Ist die Hauptstadt, die er verflucht, nicht die Quelle seines Ruhmes? Wer würde von Hrn. Irving sprechen, wenn nicht das Parlament, die [147] Dichter und Künstler, die Hofdamen und Dandies[3] sein Auditorium bildeten?

[152] Dr. Chalmers, dessen Ruf vor einigen Jahren noch so groß war, aber vor dem Ruhme Irvings verschwand, ist sowohl beredter als unterrichteter. Sein Geist hat mehr Umfang und mehr Tiefe; aber ihm mangeln die physischen Vorzüge seines Nachfolges. Ihn muß man lesen, während man Irving hören muß.

In Irving’s Orationen[4] belebt der Glanz des Styls selbst eine ganz gewöhnliche Materie, obgleich die beständige Uebertreibung den Leser trotz der Neuheit und Seltsamkeit der Bilder ermüdet. Dr. Chalmer’s Reden[5] hingegen sind anspruchsloser, ohne alles Theatralische. Die Ueberzeugung, der theologische Gewissenszweifel in seiner ganzen Kraft und Aufrichtigkeit scheint sie diktirt zu haben. Ohne Nebenzweck widmet er sich der Untersuchung einer verborgenen, dornenvollen Wahrheit, und verfolgt sie rastlos auf unbekannten Bahnen. Es ist kein Mensch mehr, es ist der Geist der Controverse selbst, kämpfend mit dem gordischen Knoten der Dogmen und Mysterien, die Stirne hoch aufgezogen, das Auge starr und brennend, die Stimme zitternd und die Phantasie hingerissen in die Regionen des abstraktesten Idealismus. So steht Walter Scott’s bewunderungswürdiges Portrait vor uns: jener alte Balfour von Burley, im Hintergrunde seiner Höhle, die Bibel in der einen Hand, die andere am Griffe seines Degens, mit schäumendem Munde und gepreßter tiefaufathmender Brust, in Visionen versunken, ein Feind des menschlichen Geschlechts.

Diese kalte prophetische Wuth des Dr. Chalmers, dieser raisonnirende theologische Starrsinn kann bei weitem nicht jenes mächtige Interesse hervorrufen, das Irving durch seine Gewandtheit, seine Beredsamkeit, sein glänzendes Feuer jedem Gegenstande mittheilt, den er berührt. Dennoch aber kann man sich nicht enthalten, mit Aufmerksamkeit der ganzen verwickelten Reihe künstlicher Schlüsse zu folgen, welche Dr. Chalmers vor dem Verstande ausbreitet; seine unendliche Spitzfindigkeit, die Sonderbarkeit und Neuheit, so wie die lebendige Verkettung seiner Schlüsse und Demonstrationen, zieht an, indem sie der natürlichen Neigung des menschlichen Geistes entspricht, sich im rasch wechselnden Kampf mit Schwierigkeiten zu versuchen, und sich nur dann besiegt zu glauben, wenn es in aller Form geschieht. Chalmers Beweise können den Leser nie ganz befriedigen, und setzen ihn dennoch sehr in Verlegenheit, darauf zu antworten. Seine Prämissen sind unsicher und seine Folgerungen noch zweifelhafter, aber die einen wie die andern sind wenigstens möglich, und entwickeln und reihen sich mit wunderbarer Kunst aneinander. In seinen Sermons häuft er Hypothese auf Hypothese, kommt von einer unwahrscheinlichen Voraussetzung auf eine noch unwahrscheinlichere, verliert sich in einem Labyrinth unauflöslicher Schwierigkeiten, gibt uns eine Geschichte des Planeten und eine Auseinandersetzung der Absichten Gottes bei den Cometen – und am Ende sind wir doch über alle diese Dinge so unwissend als zuvor, und höchst erstaunt, daß wir es wagen konnten sie erklären zu wollen. So läßt ein gewandter Theatermachinist in der Oper einen Engel oder einen Halbgott sich in die Wolken erheben; wir bewundern seinen Muth, wir zittern für sein Leben: die Illusion ist nicht vollständig, aber dennoch zieht die Geschicklichkeit und die Kühnheit uns an.

Bei Irving hingegen sind seine Gebehrden seine Gedanken, seine Blicke seine Beweise. Ein schlechterer Logiker, aber ein besserer Redner, blühender aber weniger leidenschaftlich, hinreissender aber weniger tief, übertriebener aber weniger scharfsinnig, spricht er mehr zu den Sinnen, Chalmers mehr zum Verstand. Der Eine versteht seine Kunst besser und bringt daher größere Wirkung hervor, während der andere gewissenhafter seinen Beruf verfolgt. So repräsentirt jener in England die Sekte der Anthropomorphisten, dieser hingegen die Theologie der Casuisten.
(New-Monthly Magazine.[6])
  1. Dugald Steward, Professor der Philosophie in Edinburg, Verfasser des Essay on Moral science, des Life of Dr. Robertson etc. etc.
  2. Irving griff den Herzog von Sussex öffentlich in einer Predigt an, der dieser selbst beiwohnte.
  3. Stutzer.
  4. Few Orations for the Oracle of God.
  5. Sermons on Astronomy by Dr. Chalmers.
  6. Diese Charakteristik ist aus der Feder des bekannten Hazzlitt, des Verfassers des so eben erscheinenden Life of Napoleon.