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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Die beiden Doppelgänger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, 41, 42, S. 565–568, 594–596, 610–612
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
weitere Veröffentlichungen unter dem Titel: Der Doppelgänger
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[565]
Die beiden Doppelgänger.
Von Fr. Gerstäcker.

Hoch oben in den californischen Bergen, an einem Bache, der seine Wasser etwa eine Stunde von dort in den Macalome ergoß, stand ein kleines Lager von Goldwäschern, wie gewöhnlich aus der wunderlichsten Mischung von Menschen und Zelten zusammengesetzt.

Niemand dachte natürlich an eine regelmäßige Aufstellung der verschiedenen Wohnungen, und wo eine stattliche Eiche Schatten gegen die Mittagssonne, und eine zufällige Erhöhung trockenen Boden bei eintretendem Regenwetter versprach, da wurde das Zelt von den Eigenthümern desselben aufgeschlagen, ja dieser einmal genommene Lagerplatz nicht einmal streng festgehalten, sondern oft gewechselt, je nachdem die Besitzer weiter oben oder unten am Bache Lohn für ihre Erdarbeiten zu finden hofften.

Die Amerikaner sind in solchen Lagerplätzen auch stets die unstätesten und am leichtesten bereit, ihre Wohnung wieder zu wechseln. Am hartnäckigsten hängt der Deutsche an dem alten Platz, und wo er einmal sein Heerdfeuer angezündet hat, treibt ihn nicht leicht eine augenblickliche Laune wieder fort.

Der kleine Lagerplatz hier oben in den Minen an Devil’s creek oder dem „Teufelsbach“ gelegen, bot davon auch ein treffliches Beispiel, denn im Anfang bestand der kleine Ort aus großentheils amerikanischen Zelten, und nur einige Deutsche hatten sich zwischen ihnen niedergelassen. Ob den Amerikanern der Bach aber nicht „reich“ genug gewesen, oder ob ihnen die nächsten Spiel- und Trinkzelte zu weit ablagen, sie zogen sich nach und nach fast alle wieder fort, während mehr und mehr Deutsche an ihrer Statt eintrafen und der Devil’s creek zuletzt fast nur ein deutsches Lager wurde.

Weshalb der kleine reizend gelegene Bach mit seinem krystallhellen Bergwasser Teufelsbach getauft worden, wußte Niemand. Die Indianer hatten ihn früher in ihrer bilderreichen Sprache das Krystall- und Diamantauge genannt – und nannten ihn in der That noch so. Unter den eingewanderten Fremden war aber der Name Devil’s creek gangbar geworden, und wie es mit solchen Benennungen geht, er hing einmal an dem Ort und ließ sich jetzt nicht mehr abschütteln.

In allen jenen dicht bewaldeten Bergen, in denen jetzt der Boden von Tausenden von Menschen nach dem edlen Metall durchwühlt wurde, hätte man aber wohl kaum ein romantischer gelegenes Plätzchen finden können, als dieses Lager, in dem die bunten Zelte unordentlich zerstreut theils unter dichtem Gebüsch, theils unter den riesigen Bäumen der Waldung standen. Nach dem Macalome zu fiel dabei der Hügel schroff ab und gestaltete dadurch eine herrliche Fernsicht gen Norden, von hinter einander sich aufthürmenden Gebirgsrücken, die bis jetzt vielleicht noch nie der Fuß eines Weißen betreten hatte. Aber auch ihre Zeit kam, und wie jetzt die goldgierige Bevölkerung von Osten und Westen zugleich hereindrückte, breiteten sich die Menschenmassen langsam aber sicher nach allen Seiten aus und die Zeit war nicht mehr fern, wo sie den rothen Sohn der Wälder, der dieses schöne friedliche Land seine Heimath nannte, weit in die Schneegebirge hinaufdrücken mußten – dort sein Leben kümmerlich zu fristen oder – unterzugehen. Was lag den Weißen daran, wenn sie nur Gold fanden?

Die Deutschen hatten noch das meiste Mitleiden mit den eingeborenen Stämmen, behandelten sie jedenfalls am freundlichsten, wo sie mit ihnen in Berührung kamen, ohne sich jedoch ein Gewissen daraus zu machen, daß sie ebenfalls dabei halfen, ihre Jagdgründe zu zerstören und das ihnen gehörende Gebiet zu besetzen; ja die Meisten dachten nicht einmal daran. Sie wollten ja nur nach Gold graben, und sonst hätten die Indianer mit dem übrigen Land machen können was sie wollten – so weit sie nämlich betheiligt waren. Der Deutsche ist überdies kein Groß-Politiker, und war es nie – wenigstens schon so lange nicht mehr, als sein eigenes Vaterland zerstückelt wurde, und er jetzt daheim alle Hände voll zu thun hat, nur wenigstens noch die einzelnen Stücken zusammen zu halten.

Mit einem lecken Schiff getraut sich kein Seemann hinaus auf den offenen Ocean, sondern fährt vorsichtig und schüchtern an den nächsten Küsten umher. Nur wer ein festes, sicheres Fahrzeug unter sich fühlt, eilt keck hinaus in die See, denn er weiß, daß er mit leichter Mühe allen Stürmen und Gefahren Trotz bieten und sie besiegen kann.

Doch was kümmerten sich die leichtherzigen Goldwäscher um derlei Dinge? Eine Vergangenheit gab es für sie nicht, kaum eine Gegenwart, und nur die Zukunft malten sie sich mit glühenden und bunten Farben aus, wenn sie als reiche Leute, schwer mit Gold beladen, in die Heimath zurückkehren würden – und was wollten sie daheim dann Alles mit ihren gewonnenen Schätzen anfangen? – Ob sie die ganze Woche und auch heute umsonst gehackt und gegraben, oder doch nur eben ihren Lebensunterhalt gewonnen, was that’s? der morgende Tag oder ein anderer brachte sie vielleicht an die schon lang ersehnte Stelle, an der sie ihre Säckel füllen konnten, und der Gedanke ließ sie immer wieder voll neuen Vertrauens die schwere Arbeit mit jedem jungen Morgen beginnen. Wer wußte denn, ob nicht gerade die heutige Sonne für sie die glückliche war?

Und was für ein buntes Gemisch von Kräften hatte sich hier [566] gesammelt! Da kam nichts darauf an, welchem Stand die Goldwäscher früher angehört hatten, welchem sie vielleicht später einmal wieder angehören würden. Da kümmerte sich Niemand um den Grad von Bildung, den der Nachbar oder Arbeitsgefährte besaß und der sonst in jedem wilden Lande im gewöhnlichen Ansiedlerleben immer eine gewisse Grenze zieht, so daß nur die recht eng zusammenhalten, die sich auch an Bildung näher stehn. Hier galt nur die Kraft und Arbeitsfähigkeit des Einzelnen, und Handwerker und Edelleute, Künstler und frühere Tagelöhner, Kaufleute und Gelehrte, Alles mischte sich bunt und ungescheut durcheinander. Wenn man nur den Namen dessen wußte, mit dem man zu verkehren hatte, das Andere war Nebensache und kümmerte Niemanden.

Fünf Zelte standen also hier oben an Devil’s creek, nur von deutschen Compagnien zu dreien und vieren, das größte sogar von sechs Arbeitern bewohnt, und in den letzten Tagen war noch ein neuer Landsmann hinzugekommen, der sich aber die kurze Zeit seines Aufenthalts von den Uebrigen ziemlich zurückgehalten hatte und wenig mit ihnen verkehrte. Sein Name war Schütz, und seinem ganzen Wesen und Benehmen nach hatte er in Deutschland bessere Zeiten gesehen, als sie ihm hier Spitzhacke und Schaufel bringen konnten. Nichts destoweniger arbeitete er tüchtig, wenn auch immer allein, und war freundlich und gefällig gegen seine Nachbarn, wo sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot, ohne sich aber je ihren fröhlichen und oft sehr lauten Abendgesellschaften anzuschließen. Er saß dann still und allein vor seinem Zelt bei einem flackernden Feuer, und las entweder oder starrte auch nur, vor sich hinträumend, in die Flamme.

Im Anfang versuchten die anderen Deutschen, die das für Schüchternheit hielten, ihn davon abzuziehn, und forderten ihn auf, zu ihnen herunterzukommen. Aber er wich ihren Einladungen freundlich. doch bestimmt aus, und man ließ ihn zuletzt seinen eigenen Weg unbelästigt verfolgen. Hatte doch Jeder hier in den Minen das Recht, zu thun, was ihn eben freute!

Daß sich die Uebrigen indessen nicht durch den mürrischen „Einsiedler“, wie er bald allgemein hieß, in ihrer Geselligkeit stören ließen, verstand sich wohl von selbst, und Abend nach Abend versammelte die Schaar um die lodernden Feuer, theils mit Kartenspiel und Trinken, theils mit vaterländischen Gesängen die lange Nacht zu kürzen – und diese Gesellschaft müssen wir uns doch ein wenig näher betrachten.

In dem einen Zelte lagerten drei junge Deutsche zusammen: ein Zinngießer Bollenheck, ein junger Edelmann, Baron Köllern, und ein heruntergekommener Kaufmann oder Reisender Namens Steinert. In dem Nachbarzelt schliefen ein junger Arzt, Dr. Meier, ein früherer Bedienter oder Lakai einer Herrschaft, denn er wußte immer viel von großen Diners zu erzählen, Namens Pauig, und ein Apotheker Rostiz.

Außer diesen waren noch ein paar Maurer aus Hannover, ein Schiffskoch Reutler, ein Bäcker, ein Schmiedegesell, ein Schreiber, ein polnischer Schneider und verschiedene andere Individuen, die keinem bestimmten Stand anzugehören schienen – oder auch zu bescheiden waren, ihn zu nennen. – Kurz, es blieb eine bunte, gemischte Gesellschaft, die sich hier in den schönen Bergen zusammengefunden hatte, nur mit dem einen festen Ziele vor sich: Gold!

So abgesondert die Leute aber auch den Tag über ihren eigenen Interessen nachgingen und ihre Minenrechte wahrten und achteten: Keiner dem Anderen in den einmal beanspruchten „claim“ zu kommen, so schwand doch Abends jeder Unterschied, und gewöhnlich um ein großes Feuer gelagert, plauderten sie nicht etwa von ihren Erfolgen den Tag über, denn die hielt Jeder geheim, sondern von zu Haus, von ihren Reisen, von ihren Erfahrungen in Californien und von den Leuten, die sie unterwegs getroffen und denen sie vielleicht hie oder da in den verschiedenen Minen wieder zufällig begegnet waren.

Hier führte besonders Steinert das Wort, der mit einer Karawane über die Felsengebirge aus den Vereinigten Staaten herüber gekommen war, und auf der Reise die wunderbarsten Abenteuer und Kämpfe mit umherstreifenden Indianerhorden erlebt haben wollte.

Etwa zweihundert Schritt von ihnen entfernt, auf einem kleinen flachen Hügel, der den Lagerplatz überschaute, brannte ein einzelnes Feuer, an dem jener einsame schwermüthige Deutsche ausgestreckt lag und dumpf vor sich hinbrütend in die Flamme schaute.

Dr. Meier hatte schon ein paar Mal den Kopf dahin gewandt, endlich frug er leise seinen Nachbar, den Herrn von Köllern, der auf einem herzugerollten Holzklotz kauerte und gerade in einem Blechmaß Wasser auf die Kohlen schob, sich einen Grog zu machen:

„Sagen Sie einmal, Köllern, Sie haben ja neulich eine lange Unterredung mit dem Einsiedler da drüben gehabt. Was ist denn das für eine Art von Homo?“

„Gott weiß es,“ erwiderte der Gefragte; „ich werde nicht aus ihm klug. Er muß sich in Deutschland in der besten Gesellschaft bewegt haben; jedenfalls hat er studirt, und seine Bemerkungen zeigen einen klaren, hellen Verstand, aber es liegt etwas auf ihm, das er nicht abschütteln kann oder will.“

„Meine Herren,“ mischte sich hier Steinert, der an Köllern’s anderer Seite saß, in das Gespräch, „die Sache liegt tiefer. Lieber Köllern, Sie kennen die Menschen noch nicht so wie ich, Sie haben natürlich die Erfahrung nicht;

Doch Jener dort, den Ihr für fromm gehalten,
Von dem sein Grab so rühmlich spricht,
Der war gewiß ein Bösewicht.“

„Sein Grab?“ sagte der Zinngießer, der jetzt auch aufmerksam geworden war, „wer ist denn gestorben?“

Steinert schüttelte unwillig den Kopf. Dr. Meier aber sagte: „Sie glauben, daß dem Mann irgend ein Verbrechen auf der Seele liegt?“

„Ich bin davon überzeugt,“ erwiderte Steinert, der in seinem zerrissenen und überaus schmutzigen Minenanzug selber weit eher einem Strauchdieb als einem ehrlichen Menschen glich.

„Und wissen Sie etwas Genaueres über ihn?“ frug Rostiz, der sich ebenfalls für den Fremden interessirte.

„Genaueres? hm,“ sagte Steinert, sich den struppigen Bart streichend, „dem Patron braucht man eben nur in’s Gesicht zu sehen. Das, was den peinigt, sind Gewissensbisse, und ich möchte nicht zu tragen haben, was er trägt – Donnerwetter, Köllern, der Grog riecht vortrefflich“ – und damit nahm er ohne weitere Umstände das Blech vom Feuer, roch daran und that einen kräftigen Zug, der es fast bis zur Hälfte leerte.

„Bah,“ sagte Köllern, „wie ein Verbrecher – bitte Steinert, lassen Sie mir auch noch etwas in dem Becher, denn so weit ich mich entsinne, hatte ich ihn für mich selber an’s Feuer gesetzt – wie ein Verbrecher sieht der Mann nicht aus.“

„In’s Herz kann man Niemandem sehen,“ sagte Steinert, sich den Mund wischend – „ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich habe mit einem Manne meine erste Seereise gemacht – wir waren Cojennachbarn und ganz vertraute Freunde – auf den ich den größten Eid abgelegt hätte, daß er ein Ehrenmann sei – und doch war es, wie sich später herausgestellt hat, nur ein ganz gemeiner Spitzbube.“

„Sie scheinen bittere Erfahrungen gemacht zu haben, Herr Steinert,“ sagte Dr. Meier, der den Burschen nicht leiden konnte.

Hab’ ich auch, Herr Doctor, hab’ ich auch,“ erwiderte seufzend der Reisende, „aber der Schmerz, den wir dabei empfinden, erhöht auch wieder das Vergnügen:

Bei Gütern, die wir stets genießen,
Wird das Vergnügen endlich matt,
Und würden sie uns nicht entrissen,
Wo fänd ein neu Vergnügen statt?“

„Na, nu laß einmal Deine langweiligen Verse, Steinert,“ sagte aber Pauig, der an einem schönen Abend, als Beide von Grog selig gewesen, mit Herrn Steinert Brüderschaft getrunken hatte. „Komm, laß uns eins singen; daß ist heute der rechte Abend dazu.

Du – Du liegst mir im Herzen,
Du – Du liegst mir im Sinn –
Du – Du machst mir viel Schmerzen,
Weißt nicht, wie gut ich Dir bin.“

„Du – Du!“ fiel der Chor von fünf oder sechs der Uebrigen dröhnend ein, und einmal im Gang, löste bald ein Lied das andere ab, so daß von den Nachbarzelten weiter unten am Hang bald einige Amerikaner und Irländer heraufkamen, die Deutschen singen zu hören.

Von Köllern hatte langsam seinen ihm noch von Steinert übrig gelassenen Grog ausgetrunken und war dann aufgestanden, weiter ab vom Feuer unter einer Eiche hingeworfen, den Mond aufgehen zu sehen, der eben in voller glühender Scheibe hinter den mächtigen Waldesstämmen auftauchte, und sein magisches Licht über die Scene goß. Meier folgte ihm nach einiger Zeit, setzte sich zu ihm nieder, [567] und schweigend schauten die beiden jungen Leute, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nach dem wunderbaren Feuerball hinüber, bis er sich oben in den dicken Wipfeln barg.

„Solch ein Abend hier in den Bergen,“ brach endlich der Doctor das Schweigen, „ist doch wirklich ein Hochgenuß und gleicht Manches wieder aus, was man den Tag über zu ertragen hatte.“

„Das Minerleben hat überhaupt einen eigenen Reiz,“ sagte von Köllern leise, „und – wenn die Erinnerung an die Heimath nicht wäre, könnte man sich ihm mit voller Seele wohl hingeben.“

Und gerade die Erinnerung an die Heimath läßt es mich so leicht ertragen,“ sagte Meier. „Wer von uns hat die Hoffnung aufgegeben, sie wieder zu sehen?“

Köllern seufzte und sah still vor sich nieder.

„Und was für fröhliche Erinnerungen,“ fuhr Meier lebendiger fort, „wird uns dann, einmal erst wieder daheim, unser jetziges californisches Leben bieten! Mit was für wunderlichen Gesellen verkehren wir hier, in welche Gesellschaft werden wir geworfen, von der wir daheim kaum eine Ahnung hatten – und was für Erfahrungen sammelt man in dem Land!“

„Wie mein Compagnon Steinert,“ lächelte Köllern vor sich hin.

„Der mag freilich wunderliche Erfahrungen gesammelt haben,“ sagte der Doctor. „Ich begreife überhaupt nicht, Köllern, wie Sie sich haben mit dem Menschen so nahe einlassen können. Seinen Umgang kann man allerdings hier in den Minen nun einmal nicht vermeiden, aber zum Zeltcameraden und Mitarbeiter wäre er der Letzte, den ich mir unter allen Uebrigen wählen würde, selbst den schmutzigen Polen nicht ausgenommen.“

„Ich bin selber nicht freiwillig zu ihm gekommen,“ lächelte der junge Mann. „Herr Steinert war so gütig, mir zu erklären, daß ich in den Minen noch vollständig ungeübt, ein wahres Kind sei, und seine Hülfe nothwendig brauche. Mit einem Wort, er nistete sich bei mir ein, und ich bin ihn seitdem nicht wieder los geworden.“

„Weil er selber kein Zelt und keine Maschine hatte,“ sagte Meier, das sieht dem unverschämten Burschen ähnlich – ich hätt’ ihn zum Teufel gejagt.“

„Lieber Gott, er dauerte mich im Anfang, und da er einmal im Zelte war, mocht’ ich ihn doch auch nicht wieder hinausschicken. Uebrigens arbeitet er ziemlich fleißig, und wenn er seine alten Streiche wieder beginnen will, setzt ihm mein Zinngießer schon den Kopf zurecht.“

„Bollenheck ist ein prächtiger Kerl,“ sagte der Doctor, „immer fleißig und guter Laune, und dabei höchst anständig. Den Polen und Steinert sollten wir eigentlich in ein Gespann thun, oder einen von den Beiden unserem Einsiedler dort hinauf schicken, dann hätt’ er Unterhaltung.“

„Der arme Schütz dauert mich,“ sagte von Köllern. „Jedenfalls nagt ihm ein geheimer Gram am Herzen.“

„Sie hatten heute eine lange Unterhaltung mit ihm –“

„Ueber gleichgültige Dinge – wir sind übereingekommen, unsere mitgebrachten Bücher gegen einander auszutauschen.“

„Und sieht der Mann wie ein Verbrecher aus?“

„Wahrlich nicht. Herr Steinert ist darin kein competenter Richter.“

„Und doch glaub’ ich beinah,“ sagte der Doctor, „daß er wirklich unter derartigen Leuten manche Erfahrung gesammelt hat. Er besitzt eine sehr verdächtige Fertigkeit, von Pferdehaaren und Binsen allerliebste Dinge zu machen, und schnitzt mit seinem Federmesser Ketten und sonstige Dinge aus Holz, Dinge, die man nur an Orten lernen kann, wo man außerordentlich viel müßige Zeit hat.“

„Ich glaube Sie thun ihm Unrecht, Doctor,“ sagte Köllern. „Schon auf Schiffen wird mancherlei Derartiges getrieben. Doch wie dem auch sei, ich hab’ ihn einmal zum Compagnon und werde mit ihm, wenigstens noch für kurze Zeit, vorlieb nehmen müssen. – Aber wie ich sehe, brechen die Anderen auf. Es ist spät geworden, und wir wollen zu Bett gehen, denn morgen müssen wir wieder früh bei der Hand sein.“

Die verschiedenen Compagnieen zogen sich in der That nach ihren Zelten zurück, denn mit Tagesanbruch ging es schon wieder an die Arbeit, und um dann munter und bei guten Kräften zu sein, durfte man Abends nicht zu lange schwärmen. Bald lag auch das kleine Lager in tiefem Schlaf; die Feuer brannten langsam nieder, der Mond stieg höher und höher, und tief aus dem Thal herauf scholl das dumpfe Rauschen des Macalome, der sich schäumend durch sein enges, felsiges Bett dem San Joaquin entgegen drängte.

Kaum dämmerte aber im fernen Osten der erste Schein des jungen Tages, als die Goldwäscher aus allen Zelten, noch halb schlaftrunken, vorgekrochen kamen, die Feuer wieder anzündeten oder aufschürten, Wasser auf die Kohlen setzten und ihr frugales Frühstück, so rasch das anging, bereiteten. Dann, ihr Werkzeug auf der Schulter, die großen Blechpfannen – in denen erst kurz vorher das Mehl zu einem unschuldigen Pfannkuchen angerührt worden – unter dem Arm, schlugen sie die verschiedenen Richtungen nach ihren Arbeitsplätzen ein, und bald war das Rasseln der Maschinen und das Schlagen der Aexte, die im Wege stehendes Holz wegräumen mußten, das einzige Geräusch, das den stillen Morgen unterbrach.

Von Köllern, Bollenheck und Steinert arbeiteten im kleinen Bergstrom, kaum drei- oder vierhundert Schritt von ihrem Zelt entfernt, zusammen, und zwar, wie das gewöhnlich der Fall war, abwechselnd Einer an der Maschine, Einer in dem gegrabenen Loch und Einer die Erde aus diesem zu der Maschine tragend.

Herr Steinert saß an der letzteren, Bollenheck schlug mit der Spitzhacke den goldhaltigen Boden los, und von Köllern schleppte dieselbe dem Weinreisenden zu, bis das Gewonnene, gewöhnlich nach 24–30 Eimern voll Erde, mit dem schwarzen, eisenhaltigen Sand in die Blechpfanne gelassen und besonders ausgewaschen wurde.

Hierzu versammelten sich denn gewöhnlich alle Drei, das erhaltene Resultat zu sehen, und nachher eine neue Maschine zu beginnen.

Der Ertrag war nach den ersten dreißig Eimern ziemlich reichlich gewesen, und als von Köllern die Blechpfanne selber am Bach ausgewaschen hatte, glänzten ihm wohl zwei Unzen der vollen gelben Körner, mit einigen größeren Stücken dazwischen, entgegen. Steinert stand daneben, und hielt eine lange Rede über die Glückseligkeit des Minerlebens, und Bollenheck hatte die Pfanne auf den Schooß genommen, die einzelnen größeren Stücke aufmerksam zu betrachten.

Sie wechselten danach ab, und der Mittag versammelte Alle wieder bei den Zelten. Bollenheck war aber außerordentlich still, sprach kein Wort und ging zuerst wieder zu ihrem Arbeitsplatz hinunter. Köllern folgte ihm bald, und Steinert kann wie gewöhnlich zuletzt. Da er seinen Platz auch wieder an der Maschine hatte, nahm er diesen augenblicklich ein und schaukelte, von dem guten Erfolg heute noch mehr aufgeregt, aus Leibeskräften, ja sang sogar dazu einige von Gellerts Fabeln nach eigener und fremder Melodie lustig ab.

Wo man singt, da laß dich ruhig nieder,
Böse Menschen haben keine Lieder.

Dem Sprüchwort nach schien Herr Steinert ein sehr guter Mensch zu sein, denn er sang wie eine Lerche.

Die Maschine war ausgewaschen; Bollenheck hatte es diesmal übernommen, und während seine beiden Cameraden, die Hände auf die Kniee gestützt, neben ihm standen und ihm aufmerksam zuschauten, wusch er den schwarzen Sand so viel als möglich aus und untersuchte dann die einzelnen Körner Gold.

„Lassen Sie’s gut sein, Bollenheck,“ sagte Köllern, „diese Maschine hat nicht so viel ausgegeben, wie die vorige. Die nächste wird vielleicht wieder besser. Wollen Sie jetzt losschlagen oder Erde tragen, Steinert?“

„Ich glaube, Herr Steinert wird keins von beiden mehr thun, wenigstens nicht in diesem Claim,“ sagte Bollenheck, dessen Gesicht jeder Blutstropfen verlassen hatte. „Steinert, wollen Sie so gut sein, und einmal Ihre Stiefeln ausziehen.“

„Was habt Ihr Beide denn?“ sagte Köllern erstaunt. „Zum Henker auch, Einer sieht noch bleicher aus wie der Andere!“

„Ich – ich begreife nicht.“ stammelte Herr Steinert, „begreife gar nicht, was Bollenheck will. Herr, ich brauche nicht.“

„Was Sie brauchen oder nicht, wird sich gleich zeigen,“ sagte aber Bollenheck, dessen Gesicht mit keiner Muskel zuckte. „Ich behaupte hier, daß Sie gestohlen haben. Ziehen Sie Ihre Stiefeln aus.“

„Gestohlen?“ rief Steinert, und alles Blut schoß in einem Strom in sein Gesicht zurück. „Herr, die Anschuldigung werde ich Ihnen mit meiner Faust zwischen die Zähne zurückwerfen!“

„Machen Sie keinen unnöthigen Lärm,“ erwiderte aber Bollenheck vollkommen ruhig, – „die Nachbarn brauchen nichts davon zu wissen – ausgenommen, Sie haben selber ein Interesse dabei, Sie durch Ihr Schreien heranzulocken, und in dem Fall würde ich nicht die geringsten Einwendungen machen. Jetzt aber ziehen Sie einmal Ihre Stiefeln aus.“

[568] „Ich will verdammt sein, wenn ich es thue!“ rief aber Steinert trotzig, „das hab’ ich nicht nöthig. Wer will mich dazu zwingen?“

„Ich,“ sagte Bollenheck vollkommen ruhig, indem er die Pfanne hinsetzte und aufstand.

„Bollenheck, keine Schlägerei!“ bat Köllern.

„Nein,“ sagte der Zinngießer, „eine Schlägerei soll es nicht werden. Diesem nichtswürdigen Hallunken nur will ich die Kehle ein Bischen zusammenschnüren, bis ihm die Stiefeln abfallen, weiter nichts.“ und der handfeste Bursch ging dabei so entschieden auf den erschreckten Steinert zu, daß dieser scheu ein paar Schritte vor ihm zurückwich.

„Ich will Ihnen etwas sagen, Steinert,“ meinte da der Zinngießer, noch einmal eine Unterhaltung anknüpfend, „Ihretwegen wahrhaftig nicht, denn Sie verdienten das Schlimmste, aber weil Sie ein Deutscher sind, und ich nicht haben will, daß sich die hochnasigen Amerikaner nachher vor ihren Zelten erzählen können: Einer von der „deutschen Bande“ hätte gestohlen, so soll die Sache unter uns bleiben und nicht weiter getragen werden – aber geben Sie gutwillig das Gold heraus, das Sie schon wieder diesen Nachmittag – von dem heute Morgen gar nicht zu reden – gestohlen haben. Ich kenne die Stücke genau, ich habe sie selber in die Erde gesteckt und vorher mit meinem Messer gezeichnet. Haben Sie keines von denen an sich, so will ich gelogen haben; im andern Fall aber –“

Köllern war ein Stück von den Beiden fortgegangen und hob etwas vom Boden auf; es war ein kleines Stück Gold, das er Bollenheck hinhielt.

„Ist dies eines davon?“ sagte er.

„Ja – wo haben Sie das her?“ rief Bollenheck rasch.

„.Herr Steinert hat es eben aus Versehen fallen lassen,“ sagte Köllern ruhig.

„Aber meine Herren, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –“

„Ziehen Sie die Stiefeln aus!“ rief Bollenheck.

„Lassen Sie es gut sein,“ beschwichtigte diesen von Köllern. „Herr Steinert, es thut mir leid, Ihre Bekanntschaft auch von dieser Seite gemacht zu haben. Bollenheck, thun Sie mir den Gefallen, wiegen Sie das ausgewaschene Gold ab, geben Sie ihm seinen Antheil und lassen Sie ihn laufen.“

„Aber was er gestohlen hat –“

„Mag er behalten, wenn er es nicht freiwillig herausgibt. Ich verlange nichts davon. Sie haben ganz Recht, lassen Sie uns kein Aufsehen machen.“

„Meine Herren,“ rief Steinert, „Sie behandeln mich, einen vollkommen unschuldigen Menschen, auf eine empörende Weise. – Herr Bollenheck lügt wie gedruckt – aber ich verachte ihn:

Du mußt es nicht gleich übel nehmen,
Wenn hie und da ein Geck zu lügen sich erkühnt,
Lüg auch und mehr als er, und such ihn zu beschämen,
So machst Du Dich um ihn und um die Welt verdient!“

„Jetzt muß er die Stiefeln ausziehen,“ sagte aber Bollenheck, jedoch ohne die geringste Leidenschaftlichkeit. „Gott straf mich, er hat mich einen Lügner genannt.“

„Lassen Sie ihn laufen, Freund,“ beschwichtigte Köllern, dem die ganze Sache höchst fatal war.

„Ehe ich meine Stiefeln ausziehe,“ schwur Steinert, in einer etwas theatralischen Stellung den Arm emporhebend und das rechte Bein vorsetzend, „eher sterbe ich. Meine Ehre ist fleckenlos – ein Zinngießer soll sie mir nicht beschmutzen.“

„Das ist recht,“ sagte Bollenheck; „haben Sie jetzt auch noch das große Maul. Aber gut, Sie können andere Gesellschaft zum Stiefelausziehen bekommen, denn weigern Sie sich jetzt, die Sache unter uns abzumachen, so ruf’ ich, so wahr mir Gott helfe, den Augenblick die Nachbarn zusammen, und dann wird nachher auch oben im Zelt Nachsuchung gehalten, verstehen Sie mich?“

Herr Steinert, trotz seiner Frechheit, entfärbte sich doch bei dieser Drohung, und Köllern, dem es nicht entging, sagte:

„Seien Sie vernünftig, Steinert – Bollenheck besteht einmal darauf, weil Sie ihn einen Lügner genannt haben. Noch sind wir unter uns, und es mag unter uns bleiben, aber jetzt bitte ich selber darum, daß Sie die Stiefeln ausziehen.“

„Es geht sich auch unbequem mit Stücken Gold darin,“ sagte Bollenheck.

Steinert wollte sich noch weigern, als er aber sah, daß die beiden Männer entschlossen auf ihrem Verlangen bestanden, sagte er mit aller Verachtung, die er in seine Stimme hineinlegen konnte:

„Wohl, es sei – ich will Ihnen den Beweis meiner Unschuld geben, dann aber schüttle ich den Staub von meinen Füßen und verlasse ein paar Undankbare, denen ich bis jetzt nur Wohlthaten erwiesen habe.

Der Herr, der alles Fleisch erhält,
Wird mir, so viel ich brauche, geben.
Ihm werth zu sein, der Tugend nachzustreben,
Dies sei mein Kummer auf der Welt.“

Damit ging er bis dicht zum Wasser, setzte sich an des Baches Rand, und wollte sich die Stiefeln ausziehen. Bollenheck war aber klug genug, zu merken, was er dabei beabsichtigte, denn im Nu war er mit der Pfanne bei ihm, und diese unterhaltend, sagte er:

„Es wäre schade, wenn was in’s Wasser fiele.“

Steinert warf ihm einen grimmigen Blick zu, war aber jetzt zu weit gegangen, um noch zurückzukönnen. In der That hatte er einige Stücke grobes Gold in seinen Stiefeln versteckt gehalten, und Bollenheck, der schon von Morgens an Verdacht auf ihn gehabt und ihn beobachtet hatte, war das nicht entgangen. Jetzt suchte er vergebens seine bisherigen Cameraden zu täuschen; das Gold wurde gefunden, und wenn Herr Steinert auch jetzt noch mit schamloser Stirne den Versuch machte, abzuleugnen, daß er es dort absichtlich verborgen habe, und erklärte, es müsse ihm zufällig beim Schaukeln hineingefallen sein, erwiderte ihm keiner der Beiden ein Wort darauf. Von Köllern ersuchte ihn, seine Stiefeln wieder anzuziehen, und Bollenheck wünschte ihm eine angenehme Reise.

Steinert stand auch auf, stieg den Hang hinauf, ohne daß sich weder Kollern noch Bollenheck weiter um ihn bekümmert hätten, packte dort seine Sachen zusammen und verließ, selbst auf den Antheil des an diesem Nachmittag ausgewaschenen Goldes verzichtend, ohne von irgend Jemand Abschied zu nehmen, den Teufelsbach.

[594] Die Goldwäscher waren allerdings an dem Abend erstaunt, Herrn Steinert, der sonst an den Feuern immer das große Wort führte, nicht mehr unter sich zu sehen und von seinem raschen Abschied zu hören. Da Köllern wie Bollenheck aber über die wahre Ursache schwiegen, wurde bald nicht weiter darüber gesprochen. Es kam oft vor, daß einer oder der andere der Männer ausging, neue und reichere Stellen aufzusuchen, was man dort „prospectiren“ nannte. Natürlich wurden solche Wege immer geheim gehalten und Niemand fragte danach, dem man wußte im Voraus, daß man doch keine genügende Antwort bekommen würde.

Köllern und Bollenheck arbeiteten in den nächsten Tagen ihren Claim aus, in dem sie ihre Arbeit vortrefflich bezahlt bekamen. Bollenheck, der übrigens fest überzeugt war, daß ihr früherer Camerad Steinert sie schon die ganze Zeit betrogen – hatte durch diese Arbeit eine kleine Summe in die Hand bekommen, und des Lebens in den Minen überdrüssig, gedachte er sein Glück den Winter durch in San Francisco zu versuchen und dort sein altes Handwerk zu betreiben. Die Verhältnisse dort hatten sich in den letzten Monaten ziemlich geregelt, und er fand daher weit eher die Aussicht einer sicheren Zukunft, als hier in den Minen, wo heute einmal der Ertrag günstig ausfiel, und dann Wochen lang um wenig mehr als den Lebensunterhalt gegraben werden konnte.

Köllern redete ihm natürlich nicht ab und versuchte sein Glück die nächsten Tage, nachdem ihn Bollenheck verlassen hatte, allein. Er war ein Stück weiter den Bergbach hinaufgegangen, schlug dort ein und warf die Erde auf einem ziemlich geräumigen Platze aus, den in früheren Jahrtausenden zu Thal gewaschenen Goldstrich oder die Ader, in der die meisten Körner lagen, dadurch am leichtesten zu treffen.

Emsig mit seiner ziemlich schweren Arbeit in dem harten Boden beschäftigt, hatte er wenig oder gar nicht Acht auf seine Umgebung gehabt, und erst, als er einmal ein tüchtiges Stück mit der Spitzhacke losgeschlagen und sich emporrichtete, seinen solcher Arbeit doch noch nicht recht gewöhnten Rücken etwas zu strecken, sah er neben seiner schon begonnenen Grube den „Einsiedler“ Schütz stehen, der ernst und lautlos seinem Schaffen zusah.

Er ging wie immer in seiner gewöhnlichen Minertracht, aber mit besonderer Sauberkeit gekleidet, hatte auch einen Spaten in der Hand, auf den er sich stützte, und kam Köllern heute nur ungewöhnlich blaß und leidend vor. Sein dunkles, großes Auge haftete auch einen Moment fest und forschend auf den Zügen des jungen Edelmannes, dann senkte es sich wieder und schien den Platz zu überschauen, den er begonnen hatte.

Uebrigens war es etwas so Seltenes, daß er einen seiner Nachbarn aufgesucht hatte – ja Köllern wußte es sich noch nicht ein einziges Mal zu erinnern –, daß dieser ordentlich überrascht davon schien und lachend ausrief:

„Nun, Landsmann, suchen Sie sich auch einen neuen Arbeitsplatz? Fideles Leben das in den Minen, wie? wo man den Boden umgräbt, wie ein alter Maulwurf nach vorweltlichen Schätzen suchend.“

Schütz erwiderte kein Wort – still und schweigend blieb er noch einen Augenblick stehen, schaute den jungen Mann dann wieder ernst, aber nicht unfreundlich, mit einem eigenen Zug von Schwermuth um die Lippen an, drehete sich langsam ab, schulterte seinen Spaten und schritt den Hang hinab dem Bache zu.

Köllern schüttelte leise vor sich hinlächelnd den Kopf, und trat dann auf den Rand seiner Grube und auf die dort ausgeworfene Erde dem wunderlichen Menschen nachzuschauen. Dieser aber verschwand gleich darauf in den dichten Kirsch- und Haselbüschen, die den ganzen Hang bedeckten, und kam auch weiter unten weder rechts noch links wieder zum Vorschein.

„Das ist ein sonderbarer Kauz,“ murmelte Köllern vor sich hin, indem er noch eine ganze Weile dort oben stehen blieb, denn wenn Jener weiter unten oder oben am Bach wieder zum Vorschein gekommen wäre, hätte er ihn von dort sehen müssen; gerade in der Richtung aber, die er eingeschlagen, arbeitete Pauig mit dem Doctor Meier – „ein ganz eigenthümlicher Mensch, aus dem ein Anderer klug werden mag. Etwas muß ihm aber auf der Seele liegen, was es auch sei, wenn auch kein Verbrechen, wie jener Lump, der Steinert, meinte. Wenn man ihn nur zum Reden bringen könnte!“

Immer noch an den schweigsamen Nachbar denkend, an dem er, er wußte eigentlich selber kaum weshalb, solchen Antheil nahm, kehrte er zu seiner Arbeit zurück und schaufelte wieder etwa eine halbe Stunde wacker aus. Dann aber ließ es ihm länger keine Ruhe – er war neugierig geworden, ob Schütz unten mit Pauig und Meier zusammengrübe, und es erfüllte ihn bei dem Gedanken ordentlich eine Art von Eifersucht auf den geheimnißvollen Landsmann.

Ein Vorwand, dort hinunter zu gehn, war auch leicht gefunden, denn sonst besuchten die Miner einander bei ihrer Arbeit nicht. Einen tüchtigen Quarzblock, den er in seiner Grube traf, konnte er nicht gut ohne Brechstange bei Seite wälzen, und er beschloß sich solche bei den Cameraden unten zu borgen.

Rasch stieg er den Hang hinunter, und suchte unterwegs die Spuren des ihm vorangegangenen Schütz zu treffen, war darin aber doch wohl zu wenig geübt, denn er konnte sie nicht auffinden, und ging endlich nur dem klappernden Geräusch der Maschine nach, das ihn bald zu Pauig’s und Meier’s Arbeitsplatz brachte. Hier erbat er sich vor allen Dingen die Brechstange, und dann auf und ab den Bach sehend, sagte er:

„Wohin hat sich denn unser Einsiedler gewandt?“

„Der Einsiedler?“ rief Meier, „ja, der kommt nicht zu uns. Gott weiß, wo der steckt und maulwurft.“

„Aber er ist doch hierher zu den Hang hinab gegangen. Sie müssen ihn wenigstens gesehen haben.“

„Mit keinem Auge,“ versicherte Pauig. „Wir haben freilich nicht aufgepaßt, und da er keinen besonders großen Spectakel macht, ist es recht gut möglich, daß er sich vorbeigedrückt hat, wie er unsere Maschine hier rasseln hörte.“

„Das ist ein merkwürdiger Mensch,“ meinte Meier, „und spricht das gerade zu wenig, was Freund Steinert zu viel schwatzte. Der wär’ übrigens auch der Letzte, den ich prospectiren schickte.“

„Er ist auf eigene Hand gegangen,“ sagte Köllern, „und ich bin gerade nicht böse darüber. Aber guten Morgen – wir versäumen hier Beide unsere Zeit. – Die Brechstange bring’ ich zu Mittag mit an die Zelte“ – und das Werkzeug schulternd, stieg er wieder zu seinem eigenen Arbeitsplatz zurück.

Das eigene Benehmen des sogenannten „Einsiedlers“ ging ihm jedoch fortwährend im Kopf herum. Er wußte selber nicht, wie es kam, aber er konnte den Gedanken an ihn nicht los werden, und so sehr er es bis dahin vermieden hatte, irgend etwas zu thun, das zudringlich erscheinen konnte, so beschloß er doch jetzt, den Mann einmal selber aufzusuchen.

Je länger er nämlich über den schweigsamen Besuch an diesem Morgen nachdachte, desto mehr fühlte er sich überzeugt, daß Schütz hatte etwas von ihm erbitten wollen, durch sein überhaupt scheues Wesen aber davon abgehalten sei. Er wollte ihm nun Gelegenheit geben, sich gegen ihn aussprechen, und wurde er selbst dann zurückgewiesen, gut, dann hatte er sich selber wenigstens keine Vorwürfe zu machen, und gedachte ihn von da an ruhig seinen Weg gehen zu lassen.

Mit Feierabend machte er einen kleinen Umweg, von seinem Arbeitsplatz aus an Schützens Zelt vorüber zu kommen, und fand diesen auch daheim gerade beschäftigt, ein Stück Fleisch zu seinem Abendbrod zu schmoren.

Wie er des Nahenden Schritte hörte, richtete er sich rasch empor, erkannte aber kaum von Köllern, als er ihn freundlich grüßte.

„Nun, haben Sie fleißig gelesen?“ fragte der junge Mann, indem er sich neben das Feuer auf einen dort hingerollten Klotz setzte – „ich sah einige Abende noch sehr spät in Ihrem Zelt Licht.“

„Es ist die einzige Unterhaltung hier in den Minen,“ seufzte Schütz, „und außerdem mochte ich auch die mir geliehenen Bücher nicht so lange behalten.“

„Machen Sie ja keine Umstände damit,“ sagte Köllern gutmüthig, „ich bin durch damit, und hier oben haben sie weiter keinen Werth, als daß man einem Anderen vielleicht einmal wieder damit aushilft. Wir werden uns überhaupt jetzt Beide nach Jemandem [595] umsehen müssen, der uns einen frischeren Vorrath von Lectüre bieten kann. Es wäre am Ende gar kein so schlechtes Geschäft damit in den Minen zu machen, wenn man eine Leihbibliothek errichtete.

„Die wenigsten Miner lesen,“ sagte Schütz, „und wenn man den ganzen Tag hart gearbeitet hat, muß Jemand auch einen sehr regen Geist besitzen, noch Freude an einem Buche zu finden. Den Sonntag vertrinken die Meisten.“

„Und wie sehr hätten wir Alle es doch nöthig,“ sagte Köllern, „dann und wann wenigstens etwas zu treiben, was uns einmal auf kurze Zeit diesem nur allein realistischen Leben entziehen könnte! Gold, Gold und immer nur Gold ist hier die Losung, und mir wenigstens thut es wohl, mich einmal wieder, durch ein gutes Buch geführt in ein ganz fremdes und dem unsrigen fern liegendes Leben hineinzudenken. Ich weiß nicht, ob es Anderen da auch so geht wie mir, aber wenn ich Geschichten aus der eigenen Heimath lese, besonders wenn sie treu und natürlich geschrieben sind, so kommt es mir ordentlich vor, als ob ich selber wieder im alten Vaterland säße und nur eben ein Buch gelesen hätte, in dem das californische Treiben recht lebendig geschildert wäre. Freilich darf ich meine eigene Spitzhacke und Schaufel nicht dabei ansehn.“

„Wohl dem,“ seufzte Schütz leise, „der sich in ein Buch so weit vertiefen kann, die eigene Gegenwart darüber zu vergessen!“

„Und können Sie das nicht?“

„Nein, sagte der Miner nach einigem Zögern, „so viel Mühe ich mir auch dahin gegeben. Ich bin es nicht im Stande.“

„Sie grübeln aber auch zu viel, sitzen zu viel allein, bester Freund,“ brach Köllern jetzt gutmüthig das Eis. „Sie sollten sich mehr an uns anschließen und weniger Ihren eigenen Gedanken nachhängen. Hol’s der Böse, in diesen stillen, schweigsamen Bergen muß man ja zuletzt, wenn man sich von jedem Verkehr abschließt, ordentlich melancholisch werden.“

Schütz erwiderte nichts und sah nur still vor sich nieder, endlich sagte er leise und abwehrend: „Ich fühle mich wohl dabei.“

„Wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen,“ dachte Köllern, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte er: „Sie haben sich jetzt einen anderen Arbeitsplatz gesucht?“

„Nein,“ erwiderte Schütz, „ich bin noch nicht ganz mit meinem letzten fertig und werde ihn wahrscheinlich erst am Sonnabend beenden können.“

„Dann haben Sie sich heute wohl nur vor der Hand nach einem neuen Platz umgesehen – das lange Wählen hilft indessen nichts; Glück ist doch die Hauptsache und jeder Platz dadurch beinah gleich gut.“

„Heute,“ erwiderte Schütz, „hab’ ich mein Zelt noch nicht verlassen. Mir lag es heute Morgen wie Blei in allen Gliedern, und ich blieb deshalb auf meiner Matratze.“

„Ihr Zelt nicht verlassen?“ sagte Köllern, ihn überrascht ansehend, „aber Sie sind doch bei meinem Arbeitsplatz vorbeigekommen!“

Er erschrak über die rasch herausgestoßenen Worte, denn Schütz wurde in dem Augenblick, während er ihn starr und entsetzt ansah, leichenblaß, verharrte einen Moment in seiner Stellung und kauerte sich dann, sein Antlitz in den Händen bergend, still und lautlos am Feuer nieder.

Köllern konnte nicht anders glauben, als daß Schütz einen seiner melancholischen Anfälle bekommen habe, und so gern er hier Trost und Hülfe geboten hätte, war er doch viel zu zartfühlend, in einem solchen Augenblick seine Gegenwart aufzudringen. Er stand leise auf und wollte sich, ohne den Unglücklichen weiter zu stören, geräuschlos zurückziehen, als Schütz, der die Bewegung gehört hatte, rasch den Kopf hob, und, die Hand gegen ihn ausstreckend, sagte:

„Bleiben Sie, Herr von Köllern – bitte, bleiben Sie und – haben Sie Nachsicht mit mir; entschuldigen Sie, daß ich – daß ich mich von einem augenblicklichen Gefühl hinreißen ließ.“

„Mein lieber Schütz,“ sagte Köllern herzlich, „geben Sie sich Ihren trüben Gedanken, was auch deren Ursache sein mag, nicht zu sehr hin. Sie machen sich nur unnöthiger Weise das Herz schwer, und glauben Sie dabei, daß ich selber innigen Antheil an Ihnen nehme und – wenn Sie irgend etwas drückt – gern und willig mit Rath und That Ihnen beistehen werde, so weit eben meine eigenen Kräfte reichen.“

„Ich bin es überzeugt,“ sagte Schütz, indem er sich aufrichtete und einen scheuen Blick umherwarf – „und das eben gibt mir auch den Muth, zu Ihnen zu sprechen – Ihnen etwas mitzutheilen, was ich bis jetzt noch keinem Sterblichen vertraut habe. Sie geloben mir Schweigen?“

„Genügt Ihnen mein Wort?“

„Vollkommen. – Außerdem,“ setzte Schütz, der sich in einer eigenen Aufregung befand, zögernd hinzu, „sind Sie heute selber, wie mit scheint, Zeuge oder Mitwissender meines Unglücks geworden.“

„Ich?“ rief Köllern erstaunt.

„Sie haben mich an Ihrem Arbeitsplatz gesehen?“

„Ja – allerdings.“

„Gut – ich gebe Ihnen aber mein Ehrenwort, daß ich dies Zelt den ganzen Tag heute mit keinem Schritt verlassen habe.“

„Aber wie ist das möglich?“ rief Köllern. „So leibhaftig wie Sie hier vor mir stehn, standen Sie dort, im hellen, lichten Sonnenschein vor mir; aus jede Einzelheit Ihrer Kleidung, Ihrer eigenen Züge wollte ich schwören.“

„Ich weiß es,“ sagte Schütz, der sich jetzt vollständig gesammelt hatte, ruhig, „Sie haben sich auch nicht getäuscht – ich stand bei Ihnen – aber nicht ich, nicht mein sterblicher Körper, sondern – mein Doppelgänger.“

„Ihr Doppelgänger?“ rief Köllern erschreckt.

„Ja,“ sagte der Unglückliche, sein Antlitz wieder in den Händen bergend und in sich zusammensinkend – das ist mein Elend. – Ich habe einen Doppelgänger, der mich verfolgt, eine andere Seele, die nicht mein gehört, und doch mit meinem Körper umherwandelt und auf meinen Geist ihre Qualen überträgt. Das, lieber Köllern, trieb mich aus der alten Heimath über’s Meer und hier in dies wilde, abgelegene Land, nur in dem tollen, thörichten Versuch, meiner eigenen Seele zu entfliehen.“

„Und ist das nicht am Ende doch nur eine fixe Idee, lieber Schütz?“ sagte Köllern theilnehmend.

„Haben Sie ihn nicht selber heute gesehn?“

„Aber können Sie nicht vielleicht in Gedanken die kurze Strecke –“

„Ich bin nicht weiter gegangen, als von meiner Matratze zum Feuer und wieder zurück,“ versicherte aber Schütz, während er sich aufrichtete und seine Augen eine wilde, unheimliche Gluth gewannen.

„Aber es ist ja doch kaum möglich –“

„Möglich?“ wiederholte der Unglückliche leise, indem er wieder scheu den Blick umherwarf, als ob er den Gefürchteten jeden Moment neben sich erwartete, „wenn Sie ihn hätten hier mit mir am Feuer sitzen sehn, wenn Sie ihn Morgens, wie ich, schon draußen in der Grube in voller Arbeit gefunden, wenn Sie ihn Nachts hätten stöhnen und seufzen hören, wie ich, Sie würden nicht von Unmöglichkeiten reden. Wissen Sie nicht, daß oft eine Mutter ihre Frucht in zwei Körpern zur Welt bringt, die nur eine Seele zusammen haben und im Leben und Tode nicht wieder von einander lassen mögen und können? So wurde mein Körper mit einer Zwillingsseele geboren, und während mein Geist sich dagegen sträubt, sie anzuerkennen, gehe ich selber dabei zu Grunde.“

„Dann aber ist diese Einsamkeit auch daß furchtbarste Gift für Sie,“ rief von Köllern rasch. „Warum ziehen Sie sich so scheu in sich selbst zurück, diesen Träumen und Bildern nur mehr und mehr Nahrung zu geben? Warum arbeiten Sie selbst allein, den langen Tag? Brechen Sie Ihr Zelt hier ab und kommen Sie mit zu uns hinunter. Es ist etwas gemischte Gesellschaft dort, das geb’ ich zu, aber doch auch Leben und heiterer Sinn, und in anderer Umgebung wird Sie auch Ihr Quälgeist verlassen, wenigstens nicht mehr die Macht über Sie haben, wie hier, wo Sie ihm und seinem Wirken ja gar nicht ausweichen können.“

„Es geht nicht,“ flüsterte Schütz leise zurück, „ich darf nicht zwischen Menschen, denn dort läßt er mir gar keine Ruhe und stöhnt und ächzt die ganze Nacht, daß kein Anderer in meinem Zelte aushalten kann. Glauben Sie mir, ich habe es versucht, ich habe Alles versucht, ihn zu bannen, aber ich sehe ein, es ist umsonst. Ich kann meinem Geschick nicht entgehen.“

„Sie können, wenn Sie wollen,“ drängte Köllern, der nicht einen Augenblick daran zweifelte, daß des Unglücklichen ganzes Leiden allein in seiner überspannten Einbildungskraft liege; „Sie wissen noch gar nicht, was der feste Wille des Menschen für Macht hat.“

„Er mag eine Seele bewältigen können,“ stöhnte Schütz, „aber er ist nicht im Stande gegen zwei anzukämpfen.“

„Und wollen Sie nicht wenigstens noch einmal den Versuch [596] machen?“ drängte Köllern – „vielleicht mit mir? Lassen Sie uns zusammen arbeiten und hausen, ich bin jetzt ebenfalls allein, und sein Sie überzeugt, daß ich das Sie störende Gebild nicht fürchten werde.“

„Ich will sehen – ich will es mir überlegen,“ sagte Schütz abwehrend, „bitte, lassen Sie mir Zeit, das zu überdenken. – Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir – ich fühle Ihre Theilnahme, und sie thut mir wohl, aber – ich kann mich heute noch nicht dazu entschließen. Morgen – lassen Sie uns Morgen wieder darüber sprechen.“

Köllern fühlte, daß Schütz allein zu sein wünschte, und daß er den Kranken nicht drängen dürfe.

„Gut,“ sagte er freundlich, indem er von seinem Sitz aufstand, „ich lasse Sie jetzt allein, lieber Schütz; gehen Sie mit sich zu Rath, und ich hoffe, Sie werden es nicht bereuen, meinem Wunsch zu willfahren – also auf Wiedersehen!“

Schütz stand ebenfalls auf und reichte ihm die Hand, die Jener herzlich drückte, und Köllern stieg dann langsam wieder zu dem gemeinschaftlichen Lagerplatz nieder, wo er die muntere Schaar schon um das helllodernde Feuer versammelt fand.

„Nun,“ riefen ihm ein Paar lachend entgegen, „hat Ihnen der Einsiedler wirklich Audienz gegeben?“

„Er ist krank,“ entschuldigte ihn von Köllern, „weniger an Körper, wie an Geist – schwermüthig vielleicht nur, aber sonst ein braver, tüchtiger Mann, und wir wollen sehen, ob wir ihm hier bei uns nicht die bösen Grillen vertreiben können. Ich werde mit ihm arbeiten, und wahrscheinlich zieht er auch zu uns herunter.“

„Ein Wunder! Ein Wunder!“ rief Meier. „Köllern, Sie haben das Außerordentliche geleistet, wenn Sie ihn dahin vermocht. Fehlt ihm aber wirklich körperlich etwas, so will ich lieber einmal hinauf zu ihm gehn und ihn untersuchen.“

„Lassen Sie ihn heute Abend ungestört,“ mahnte Köllern ab. „Morgen sprechen wir weiter darüber – überhaupt möchte ich Ihre Meinung über Etwas hören.“'

„Und das wäre?“

„Morgen – heute nicht,“ sagte Köllern, der über den geistigen Zustand des Kranken nicht gern hier vor allen Uebrigen verhandeln mochte, denn er wußte recht gut, daß sich ein Theil des leichtherzigen und leichtsinnigen Volkes nur darüber lustig gemacht hätte. Die Uebrigen vergaßen auch bald den Fremden, der sie überhaupt wenig genug interessirte, denn wer kümmerte sich in Californien um den Nachbar, wo Jeder mit sich und seinen eigenen Hoffnungen und Plänen gerade genug zu thun hatte?

Das Gespräch sprang denn auch rasch auf etwas Anderes ab, und als das Abendbrod verzehrt und frisches Holz aufgeworfen war, ein paar Stunden nachzuhalten, ging es wieder an ein Erzählen, Lachen und Necken, und was der und Jener erlebt hatte oder erlebt haben wollte.

Besonders wurde an diesem Abend Restiz geneckt, denn das Gerücht war entstanden, er hätte in voriger Nacht einen Geist gesehen und laut aufgeschrieen. Restiz leugnete allerdings auf das Entschiedenste und wollte sich auf keine Erklärung einlassen. Die Unterhaltung war aber einmal in diese Bahn eingelenkt; eine Menge der verschiedensten übernatürlichen Geschichten wurden nach einander erzählt und die Möglichkeit derselben dann besprochen und kritisirt.

„Hat schon Jemand einmal von einem Doppelgänger gehört, oder wohl gar einen solchen gesehen?“ fragte plötzlich von Köllern, der den Uebrigen bis jetzt theilnahmlos zugehört hatte.

„Nein,“ rief Meier schnell – „kennen Sie ein derartiges Beispiel?“

„Ich nicht,“ sagte von Köllern, „aber da fast alle Arten von übernatürlichen Erscheinungen heute Abend durchgenommen sind, dachte ich, daß das auch dazu gehöre.“

„Doppelgänger?“ fragte Pauig, „was ist das?“

„Nun, siehst Du, Pauig,“ erklärte ihm der eine Maurer, „ein Doppelgänger ist ein Mensch, der zweimal da ist, der sich manchmal selber auf der Straße aus Versehen begegnet und, wenn er sich Abends auszieht, schon findet, daß er selber im Bett liegt.“

„Das ist schauerlich,“ rief Pauig erschreckt – „und thut er Einem was?“

„Na, ob er gerade was thut, weiß ich nicht,“ sagte der Maurer, „aber angenehm ist’s auf keinen Fall.“

„Und wißt Ihr denn, daß mich selber eigentlich ein Doppelgänger nach Californien gebracht hat?“ lachte da der Doctor Meier.

„Sie auch?“ rief Köllnern überrascht aus.

Auch?“ sagte Meier, „wen denn noch?“

„So meinte ich es nicht,“ erwiderte Köllern etwas verlegen, sich so verrathen zu haben. „Ich war nur erstaunt, daß Sie auch an solche Dinge glauben.“

„Der Glaube wird Einem gelehrt,“ lachte Meier, „wenn man eine unquittirte Rechnung nach der andern in’s Haus geschickt bekommt.“

„Hatte Ihr Doppelgeist etwas mit den Rechnungswesen zu thun?“ fragte Köllern lächelnd.

„Außerordentlich wenig,“ erwiderte Meier; „er ließ mich das gewöhnlich besorgen.“

„Aber ich verstehe Sie nicht.“

[610] „Das glaub’ ich Ihnen“, lachte der junge Arzt – „ich habe die Sache selber nicht verstanden und bin ihr endlich aus dem Weg gegangen, um einmal ein Alibi beweisen zu können. Doch ich will Ihnen einfach erzählen, wie sich Alles zugetragen, und dabei gleich von vornherein bemerken, daß ich meinen Doppelgänger nie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe.“

„Und woher wissen Sie da, daß er überhaupt existirt?“ frug Köllern.

„Darüber hat er mich nicht im geringsten in Zweifel gelassen,“ lautete die Antwort – „hören Sie!

„Schon vor zwei Jahren war ich einmal in meiner Heimath in Gesellschaft, und das Gespräch kam auf ein sehr theueres medicinisches Werk, das ich mir gern angeschafft hätte, wenn es nicht zu kostspielig gewesen wäre. Ich äußerte auch etwas Derartiges, wenn ich nicht irre, und Sie können sich meine Ueberraschung denken, als ich etwa acht Tage später das Werk von der Verlagshandlung zugesendet bekam. Ich glaubte erst, es sei von irgend einem der Gesellschaft eine Ueberraschung, und zerbrach mir schon den Kopf, wem ich dieselbe könne zu verdanken haben, aber darüber sollte ich bald eines Besseren belehrt werden. In dem letzten Band lag die Rechnung mit dem Bemerken dabei, wie es bei Buchhändler-Rechnungen gewöhnlich Gebrauch ist: auf Verlangen. Ich konnte jetzt nicht gut anders denken, als daß sich einer meiner Freunde einen Scherz gemacht habe, das Buch für mich zu bestellen, schrieb also an den Buchhändler zurück, ich bedauere sehr, von dem Werk keinen Gebrauch machen zu können, und würde es ihm, um ihm Kosten zu ersparen, durch Buchhändler-Gelegenheit remittiren. An mich hatte er es unfrankirt per Post gesandt. Mit nächster Post bekam ich dagegen einen Brief, daß sich die Buchhandlung sehr wundere, da das Buch nur auf meine eigene feste Bestellung an mich gesandt sei, sie es übrigens zurücknehmen wolle, wenn es mich gereue. Dabei schickten sie mir einen Brief, auf den ich selber geschworen hätte, daß ich ihn geschrieben, und in welchem ich, mit meiner Unterschrift und meinem Siegel, um das Werk bat. Natürlich behielt ich es jetzt, konnte mir aber die Entstehung des Briefes nicht enträthseln.

„Nach einiger Zeit gehe ich einmal durch die Hauptstraße unserer Residenz, und sehe in dem einen Laden ein wundervolles Schreibzeug stehen, das mir außerordentlich gefiel. Da ich aber voraus wußte, daß es zu theuer für mich sein würde, erkundigte ich mich nicht einmal nach dem Preis, sondern ging weiter. An demselben Nachmittag, ohne daß ich mit einem Menschen eine Sylbe darüber gesprochen hätte, und ich dachte in der That nicht einmal mehr an das Schreibzeug, kommt ein Lehrling und bringt es mir mit in’s Haus. Ich fragte, auf’s Aeußerste erstaunt, wer es schicke, er wußte es aber nicht zu sagen, fragte, ob ich es nicht selber gekauft habe, und meinte, als ich es verneinte, es würde wohl ein Geschenk sein. Da ich Niemanden daheim hatte, von dem ich ein so kostbares Geschenk erwarten konnte, wollte ich es wieder zurückschicken; der Bursche behauptete aber, weiter keine Ordre zu haben, als es an mich abzugeben, und trollte ab.

„Wäre mir nun nicht die Geschichte mit den Büchern kurz vorher passirt, so hätte ich das Schreibzeug ganz ruhig als ein Geschenk behalten und mich vielleicht im Tageblatt bei dem unbekannten Geber bedankt. So war ich aber mißtrauisch geworden, ging den Nachmittag in den Laden, mich näher zu erkundigen, und erfuhr hier zu meinem Staunen, daß ich selber an dem Morgen dort gewesen wäre und das Schreibzeug gekauft habe. Ich fragte lachend, ob ich es auch bezahlt hätte, das verneinte aber der junge Mann im Geschäft und meinte, das hätte ja auch nichts zu sagen, Neujahr würde ich die Rechnung schon bekommen. Ich wollte jetzt leugnen, daß ich das Schreibzeug verlangt haben könne, ein anderer Commis aber und der erste Lehrling traten als Zeugen gegen mich auf und versicherten auf das Bestimmteste, mich selber hier gesehen zu haben, wie ich das Schreibzeug erstanden. Ich wurde jetzt ärgerlich und grob, denn ich hielt es für eine neue und schmähliche Art von Prellerei, verweigerte auch direct die Annahme; der Kaufmann aber bestand darauf, daß ich es behalten müsse, da er es sonst eine halbe Stunde später, als es eben eingepackt werden sollte, an einen Engländer hätte verkaufen können. Als ich es trotzdem zurückschickte, verklagte er mich, die Leute im Laden beschworen ihre Behauptung, und das Ende vom Lied war, daß ich das Schreibzeug und die Kosten bezahlen mußte.

„Aber das war noch nicht Alles. Von der Zeit an brauchte ich nur einen Wunsch auszusprechen, und ich konnte fest überzeugt sein, daß ich am nächsten Tage das Gewünschte, mit der Rechnung natürlich, zugeschickt bekam. Aus Hamburg und Oesterreich kamen sogar ein paar Mal Sachen mit Postnachnahme und ich sah jetzt die Wahl vor mir, durch die Gutmüthigkeit meines geheimnißvollen Quälgeistes entweder in Schulden oder in eine Unzahl von Processen und Unannehmlichkeiten gestürzt zu werden.

„Ich erließ allerdings eine Erklärung in den Zeitungen, mir selber auf meinen Namen nichts zu borgen, aber die Leute hielten es für einen Witz, bis ich das letzte Mittel ergriff, mich diesem unheimlichen und lästigen Verfolgungen zu entziehen. – Ich wanderte aus, ließ, hier in Californien angelangt, meine Ankunft augenblicklich durch das Gericht constatiren und beglaubigen, melde mich dabei jedesmal, so oft ich nach San Francisco komme, und lasse mir meinen hiesigen Aufenthalt quittiren, wünsche mir dabei fortwährend mächtige Klumpen Gold und will jetzt einmal sehen, was mein Doppelgänger in Deutschland indessen anfangen wird.“

Während die Uebrigen laut über diesen wunderlichen und so auf anderer Leute Kosten gefälligen Doppelgänger lachten, richtete sich Meier plötzlich auf, schützte seine Augen mit der Hand vor der Flamme und sagte: „Geht da nicht Schütz?“

Köllern drehte sich rasch um und erkannte ebenfalls seinen schwermüthigen Freund, der langsam an ihrem Feuer vorüber, ohne sich jedoch nach ihnen umzusehen, zum Zelt hinaufschritt. Dort oben brannte Licht, und Köllern hätte darauf schwören wollen, daß er noch vor wenigen Secunden, als er zufällig hinaufgesehen, den Schatten des Zelteigenthümers an der Leinwand bemerkt habe. – Wie war es möglich, daß er in dieser Schnelligkeit und unbemerkt von ihnen an den Bach hinunter gekommen war und schon von dort zurückkehren konnte?

„Was mag der da unten gemacht haben?“ sagte Meier.

„Er hat gewiß Trinkwasser geholt“, sagte ein Anderer.

„Guten Abend könnt’ er aber doch wohl wünschen!“ brummte Restiz, „das wäre wenigstens nicht mehr, als sich für einen Nachbar schickt und gehört.“

„Bst,“ sagte Meier und faßte Köllern’s Arm. – Oben aus dem Zelt drangen laute Worte zu ihnen nieder.

„Er spricht mit sich selber“, sagte Pauig.

„Ja, wie es scheint, macht er sich selber die schönsten Grobheiten“, lachte Restiz.

Plötzlich war Alles ruhig und Köllern, der mit peinlicher Spannung den Lauten gehorcht hatte, wollte sich eben wieder zum Feuer niedersetzen, als oben im Zelt ein Schuß fiel.

„Großer Gott!“ rief er, erschreckt emporfahrend, „was ist das?“

„Dem ist oben ein Gewehr losgegangen“, sagte Pauig – „oder er hat vielleicht nach einem Knyota[1] geschossen. Die Racker kommen ja oft am hellen Tag zwischen die Zelte und stehlen wie die Raben.“

Von Köllern hörte nicht mehr. Rasch und zitternd Meiers Arm ergreifend, flüsterte er ihm ein paar Worte zu und eilte dann mit ihm, so rasch er konnte, zu dem Zelt hinauf. Die Uebrigen zögerten noch eine Weile, folgten dann aber ebenfalls, zu sehen, was dorten vorgefallen wäre.

Köllern hatte sich nicht geirrt. Auf seinem Bett ausgestreckt, das abgeschossene Pistol neben sich, lag Schütz mit zerschmettertem Hirn und vor dem Leuchter ein offener Brief an Köllern, der, mit Bleistift geschrieben, nur die folgenden wenigen Zeilen enthielt:

„Lieber Köllern,

„Sie sehen, ich nehme die mir von Ihnen gebotene Hülfe an. Ich bitte Sie, Alles, was Sie in meinem Zelte finden, an arme Miner zu verschenken oder sonst darüber zu verfügen. Nur das unter meinem Kopfkissen liegende Päckchen Gold befördern Sie, wenn Sie nach Deutschland zurückkommen, an meine Schwester, [611] deren Adresse Sie darauf angegeben finden. Sagen Sie ihr die Ursache meines Todes. Ich konnte es nicht länger ertragen

„Bewahren Sie eine freundliche Erinnerung Ihrem armen Schütz.“

Während sich Meier über den Todten bog, die Wunde zu untersuchen, las von Köllern tief erschüttert diesen Abschiedsbrief, und scheu umstanden indeß die übrigen Männer den Leichnam des Unglücklichen, der so geheimnißvoll gestorben war, wie er unter ihnen gelebt hatte.

Sechs Monate mochten nach jener Zeit verflossen sein. Schütz war damals von seinen Landsleuten an derselben Stelle begraben worden, auf der sein Zelt gestanden hatte, und nur ein einfacher Hügel, mit einem mächtigen Quarzblock zu Häupten, kündete unter jener alten Eiche die Stelle, wo der Unglückliche schlummerte.

Es war Frühjahr geworden, und von Köllern, der die Wintermonate mit Meier zusammen ziemlich glücklich gearbeitet hatte, erhielt Briefe aus Deutschland und beschloß, dorthin zurückzukehren.

Dr. Meier schien erst die Absicht gehabt zu haben, den Sommer noch in Californien auszuhalten. Köllern überredete ihn aber leicht, das wilde Minenleben zu verlassen und die geregelten Verhältnisse in der Heimath wieder aufzusuchen. Da sie die letzten Wochen doch ziemlich erfolglos die schweren Erdarbeiten getrieben hatten, sagte Meier auch zu, und die beiden jungen Leute wanderten zusammen nach San Francisco, sich dort auf dem nächsten Fahrzeug nach den Vereinigten Staaten oder der Heimath einzuschiffen

In San Francisco fanden sie auch rasch Gelegenheit, hier aber stand ihnen noch eine Ueberraschung bevor.

Als sie mit ihrem Gepäck nach dem Landungsplatz hinunter gingen, an Bord zu fahren, arbeitete unten am Werft eine Anzahl von Sträflingen, Männer in grauen Jacken und Hosen mit Ketten an den Füßen, die hier in Californien irgend ein Verbrechen begangen hatten und jetzt ihre Strafe, unter Aufsicht von bewaffneten Polizeidienern abbüßen mußten.

Köllern und Meier wollten rasch an diesen Unglücklichen, auf die sie weiter nicht achteten, vorübergehen, als Einer der Leute mit leiser Stimme sagte:

„Herr von Köllern!“

„Die beiden Freunde drehten sich rasch nach ihm um, und der Doctor rief wirklich erstaunt aus:

„Herr Steinert – was nur Himmels Willen hat Sie in diese Lage gebracht?“

Laßt uns die Unschuld oft im größten Unglück sehen,
Und leidet mit bei fremden Schmerzen;
Dies Mitleid heiligt uns’re Schmerzen“ –

bemerkte Herr Steinert – „wenn Sie vielleicht zufällig ein Stückchen Kautabak oder eine Kleinigkeit der landesüblichen Münzsorte bei sich haben sollten. Meine Lage ist erschrecklich.“

„Wird der faule Strick da vorn arbeiten?“ rief ihm der eine der Wächter in diesem Augenblick in englischer Sprache zu. Steinert warf einen scheuen Blick über die Schulter. Köllern aber hatte ihm schon ein Geldstück in die Hand gedrückt und, rasch des Freundes Arm ergreifend, eilte er mit diesem dem nahen Landungsplatze zu, wo das Boot schon ihrer wartete. – Von Herrn Steinert sahen sie nichts wieder.

Von Köllern hatte nun, in Deutschland angekommen, vor allen Dingen den Auftrag des unglücklichen Selbstmörders auszuführen: das ihm anvertraute Gold mit der Kunde von des Bruders Tod in die Hände der Schwester zu legen. Es war eine traurige Pflicht, aber er erfüllte sie und suchte dann Dr. Meier in –* auf, wie er ihm, als sie sich in Hamburg trennten, versprochen hatte.

Die Wohnung desselben fand er übrigens nicht so leicht, als er sich gedacht, denn zweimal, als er sie schon richtig erfragt glaubte, wurde er durch die Nachricht überrascht, daß Herr Dr. Meier dort in der That gewohnt habe, aber nur zwei Tage geblieben und dann wieder ausgezogen sei. Seine jetzige Wohnung wußte Niemand. Köllern wollte auch den Versuch, ihn zu zu finden, schon aufgeben, als er auf der Post einen Brief erhielt, der dort poste restante gelegen hatte. Darin schrieb Meier nur die wenigen Worte:

„Ich wohne Helmstraße Nr. 15, dritte Etage im Hof. Sagen Sie Niemandem meine Wohnung und kommen Sie so rasch Sie können.

Ihr californischer Freund.“

Nicht einmal unterschrieben hatte er sich, und Köllern wußte gar nicht, wie er sich das zusammenreimen sollte. Natürlich suchte er ihn augenblicklich auf und fand ihn endlich draußen in der äußersten Vorstadt in einem wahren Versteck von einer Wohnung, an deren Treppe aber trotzdem schon wieder zwei gepackte Koffer standen. Meier kam ihm in Reisekleidern entgegen.

„Das ist ein Glück, daß Sie mich gefunden haben, Köllern“, rief er ihm schon an der Treppe zu – „Sie sendet mir der liebe Gott, und ich wollte mich schon eben in die Zeitung setzen lassen.“

„Wozu aber denn dies Versteck, und das geheimnißvolle Poste restante?“ lächelte Köllern.

„Es hilft mir nichts mehr“, rief Meier in komischer Verzweiflung. „Sie hat mich hier auch aufgefunden.“

Sie? – wer ist das?“

„Ja so, Sie wissen die ganze entsetzliche Geschichte ja noch gar nicht. Mein Doppelgänger hat geheirathet.“

„Ihr Doppelgänger?“ lachte Köllern, „das ist kostbar, und darüber sind Sie in Verzweiflung?“

„Hören Sie nur weiter“, rief aber Meier, „das ist das boshafteste, nichtswürdigste Wesen, das auf der Welt existirt. – Wie er merkt, daß ich wieder da bin, verschwindet er, und natürlich fällt mir jetzt die Frau in’s Quartier und droht mit Klagen, daß ich sie böslich verlassen hätte.“

„Ist sie hübsch?“

„Ja, aber hol’s der Teufel, wenn ich eine Frau haben will, such’ ich sie mir selber aus, und heirathe wahrhaftig nicht meine eigene Wittwe.“

„Aber so erzählen Sie doch nur –“

„Die Sache ist so geheimnißvoll, wie einfach“, sagte der Doctor. „Eine junge Frau hat mich hier, kaum nach –* zurückgekehrt, überfallen, versichert mit Thränen in den Augen, daß ich ihr Mann sei, der sie vor ein paar Tagen böslich verlassen habe, und verlangt, daß ich wieder mit ihr gehe und ihr versprechen soll, in Zukunft immer ordentlich und treu bei ihr zu bleiben.“

„Und Sie?“

„Ich habe ihr erklärt, daß sie sich in der Person irrt. Ich bin auf der Polizei gewesen und habe dort meine Beweise vorgelegt, daß ich mich die ganze Zeit in Californien aufgehalten. Ich habe sogar die Polizei aufgefordert, Jenen, der sich für mich ausgibt, zu verhaften –“

„Nun, und –?“

„Die Folge davon war“, fuhr der Doctor fort, „daß ich selber am nächsten Morgen, als ich auf die Post gehen wollte, arretirt wurde und mit einem Holzkopf von Polizeidiener durch die halbe Stadt und am hellen lichten Tage auf die Polizei mußte, mich dort als wirklichen Dr. Meier zu legitimiren. Ich zog rasch in eine andere Wohnung, umsonst – die Frau fand mich auf – ich wechselte wieder – umsonst, ich brachte sie nicht von meiner Fährte und war schon im Begriff, abzureisen und –* für immer zu verlassen, als ich heute Morgen eine neue Vorladung erhalte, und jetzt müssen Sie mit mir gehen, für mich zu zeugen.“

„Aber seit wann ist denn jener Doppelgänger verschwunden?“ fragte Köllern.

„Wie es scheint, ein paar Tage vorher, ehe ich ankam, und zwar sehr apropos, seinen Gläubigern zu entgehen, die nicht übel Lust zu haben schienen, gleich über mich herzufallen. Der Lump hat eine rasende Menge von Schulden in meiner Abwesenheit und alle auf meinen Namen gemacht.“

„Die Sie jetzt bezahlen können.“

„Ich werde mich hüten. Gott sei Dank, daß ich in Californien die Vorsicht gebraucht habe, meine dortige Anwesenheit rechtskräftig beweisen zu lassen. Sie selber können mit gutem Gewissen beschwören, welche Zeit wir dort zusammen gearbeitet haben. Ebenso besitze ich noch meinen Passageschein, mit dem ich über See gekommen bin, lauter Alibis, die meinen nichtstwürdigen Doppelgänger hier in der Patsche sitzen lassen.“

„Und seine Frau?“

„Was geht die mich an?“ rief Meier in komischem Zorn, „ob hier ein Zufall oder der Teufel sein Spiel hat, weiß ich nicht – ist mir auch gleichgültig, aber soviel ist sicher, daß ich nicht gesonnen bin, Einem oder dem Andern als Spielball zu dienen. Hier kann ich nicht mehr bleiben, denn jenes verzweifelte geisterhafte Ungethüm, das die Güte gehabt hat, meine Stelle während meiner Abwesenheit zu vertreten, scheint mich so tief hineingeritten zu haben, daß ich ein Lebensalter dazu brauchte, nur meinen guten ehrlichen Namen wieder herzustellen. Vor allen Dingen muß ich jetzt mit [612] Ihrer Hülfe, lieber Köllern, der Polizei nochmals die genügenden Beweise bringen, daß ich die ganze Zeit, während Jener hier sein Wesen getrieben, über dem Ocean drüben gesessen bin und Gold gegraben habe – dann wandere ich wieder aus.“

„Aber werden Sie das Publicum auch überzeugen können? Ihr Name wird nachher stets als der eines Schuldenmachers gelten.“

„Glücklicher Weise heiße ich Meier“, lachte der Doctor, „und werde mich darüber trösten. Soviel seien Sie versichert, ich schieße mir keine Kugel durch den Kopf, wie jener verrückte Schütz.“

„Und wohin wollen Sie auswandern?“

„Ich gehe wieder nach Californien, sagte der Doctor entschlossen – „wenn auch nicht in den Minen, doch in San Francisco meine Existenz zu gründen. Aber jetzt kommen Sie; es ist elf Uhr vorbei und um elf Uhr bin ich auf die Polizei citirt.“

Vor Gericht konnte sich der Doctor allerdings vollständig legitimiren, und Köllern erkannte, daß seine Vorsicht nicht unnütz gewesen war. Außer seinem Zeugniß legte Meier noch einmal alle seine Papiere vor. Er hatte ebenfalls sämmtliche in Californien erhaltenen Briefe aufbewahrt und in dieser Zeit, wo er mit einem Freunde in Berlin in Correspondenz gestanden, denselben gebeten, seine Briefe und Couverte sorgfältig aufzubewahren. Diese ließ er sich gleich nach seiner Ankunft hier schicken, und da Datum, Handschrift und Postzeichen auf das Unverkennbarste stimmten, war es ihm leicht, mit Köllern’s Aussage seinen langen Aufenthalt in jenem fernen Welttheil unzweifelhaft festzustellen. Frau Dr. Meier wurde bedeutet, daß sie keinenfalls diese Frau Dr. Meier sei; ebenso blieb es den zahlreichen Gläubigern des Verschwundenen überlassen sich ihren Meier aufzusuchen, wo sie eben könnten.

Unser Doctor war aber dadurch noch nicht allen Unannehmlichkeiten enthoben. Allerdings reiste er schon zwei Tage später mit einem rechtskräftigem Passe nach Hamburg ab, sich dort wieder einzuschiffen, die Polizei hatte aber indessen einen Steckbrief hinter seinem Doppelgänger hergesandt, der so genau auf ihn paßte, daß er schon an der Grenze angehalten, aufgehoben und von zwei Gensd’armen begleitet, nach –* zurückgeschickt wurde. Dort mußte er sich noch einmal legitimiren, um nachher, mit abrasirtem Bart, einem andern Paß und falschem Namen, wie ein Verbrecher jeden Polizeidiener fürchtend, seine Reise zum zweiten Mal anzutreten.

Diesmal kam er glücklich durch, erreichte die Seestadt und fühlte sich nicht eher sicher, bis er wieder auf den blauen Wogen schwamm. Vom Heimweh war er indessen gründlich geheilt und hofft jetzt, in einem andern Welttheil – seinem Doppelgänger und dem unglücklichen Namen Meier entgangen – ein neues Leben zu beginnen.


  1. Knyota: die kleinen Steppenwölfe.