Die amerikanische Offiziersfarm

Textdaten
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Autor: A. St.
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Titel: Die amerikanische Offiziersfarm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, S. 482-483
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[482] Die amerikanische Offiziersfarm. Wenn Du von einem der Häfen am westlichen Gestade des Michigansee’s westlich nach dem schönen romantischen Winnebagosee wanderst, so triffst Du wenige Meilen vom Landungsplatze an der frequenten Straße ein kleines Farmehaus (Bretterhaus mit innen gegypsten Wänden) mitten im Walde. Obgleich eine Fläche von circa 12 Ackern hinter dem Hause abgeklärt und das Haus selbst schon zwei Jahre aufgebaut, so ist die allernächste [483] Umgebung dennoch sehr wild. Kein grüner Rasen schließt sich freundlich an das Häuschen und es führt über den röthlichen lehmigten Sandboden ein Brett zu der Hausthüre, um bei schlechtem Wetter den glitschigen Boden ungefährdet zu passiren. Ein schlichtes, nur mit den nöthigen Küchengewächsen angepflanztes Gärtchen ist das einzige Zeichen, daß hier die Hand eines Menschen walte, denn alles Uebrige von niedergehauenem Walde trägt nur spärliche Spuren von Anbau. Einige Hühner und eine Kuh bilden das lebendige Inventar dieser Farm von 80 Ackern, und wenn der Eigenthümer vielleicht zufällig an der Fence steht, so machst Du Bekanntschaft mit ihm selbst und er ladet Dich im österreichischen Dialect ein, etwas näher zu treten. Hast Du keine Eile und folgst der treuherzigen Einladung des hübschen Mannes, der trotz seiner zerfetzten Kleidung seines banditenmäßigen Anzugs im rothen Hemde, seinen früheren Stand nicht verläugnet, so führt er Dich in sein Wohnzimmer und bietet Dir einen Platz auf seinem bescheidenen mit Stroh gepolsterten Divan an.

Es ist ein freundliches Zimmer, höchst einfach im deutschen Styl möblirt, und was hier höchst einfach heißt, das ist ein Möblement, das aus einem oben beschriebenen Divan, einem Tische und einigen Stühlen nebst zwei Betten besteht. An der Wand hängen einige Karten und ein paar Gewehre, über denen ein grüner Tyrolerhut paradirt.

Der Herr von Grünberg, so wollen wir ihn nennen, und seine liebenswürdige Gattin, zogen vor fünf Jahren in’s Land. Aus Prag gebürtig, diente er bei den kaiserlichen Uhlanen, stand lange Jahre in der Lombardei und zuletzt als Adjutant bei einem der österreichischen Erzherzoge. Warum er diesen Posten verließ, übergeben wir mit Stillschweigen, nur so viel, daß er als Ehrenmann resignirte. Die Revolution von Wien, an der er sich als Offizier der Nationalgarde betheiligte, zwang auch ihn, in Amerika eine neue Heimathsstätte zu suchen. Nicht ohne Mittel, die er auf Zinsen auslieh, lebte er hier einige Zeit recht behaglich, da aber sein Hauptschuldner fallirte und er nur einen Theil der Summe in „Land“ retten konnte, so sah er sich genöthigt, Farmer zu werden.

Ohne Mittel, diese Farm nun gehörig zu administriren, Dienstboten zu halten, und nicht im Stande, selbst mit eigener Hand tüchtige Beihülfe zu leisten und so dem Lande etwas abzuringen, kam er mehr und mehr zurück und häuften sich allmälig Schulden auf sein Eigenthum, die, wenn auch nicht von Belang, so doch durch den hohen Zinsfuß von 20% ein tief einfressender Krebsschaden wurden.

So sitzt er nun draußen einsam auf seinem Lande, um Morgens einige Stunden, oft durch Sumpf und Gestrüpp, seiner Kuh nachzujagen und sie zum Melken nach Hause zu eskortiren – ein Geschäft, das sich regelmäßig Abends wiederholt. Sein Viehfutter mäht er sich selbst, sein Holz zum Feuern und Kochen spaltet er ebenfalls eigenhändig, während seine Gattin, leidend durch die ungewohnten niedrigen Dienste einer Hausmagd, alle Wochen einige Mal in die Stadt zu Fuß geht, um einen schweren Korb mit Lebensbedürfnissen nach Hause zu schleppen, wenn sie nicht das Glück hat, auf einem mit Ochsen bespannten Bretterwagen gelegentlich aufzusitzen. Die Erinnerung an das „dolce far niente“, das er im schönen Venedig, in Mailand und Verona kennen gelernt, ist wie eine Fata Morgana längst verschwunden. Statt in der italienischen Oper, deren Melodien er noch manchmal halblaut vor sich hinträllert, hört er nur das Geläute des weidenden Viehes, und während der städtische Handwerker, der einst in Deutschland sein Felleisen keuchend an dem hoch zu Roß paradirenden Baron vorübergeschleppt, nun Sonntags in einem eleganten Einspänner an dessen Farm mit seiner Lady vorüber in das benachbarte Städtchen kutschirt, macht unser armer Freund, beliebt übrigens bei allen Nachbarn, mit seiner Gattin einen Spaziergang in den Busch, um süße Beeren zu suchen, oder besucht einen deutschen Bauer der Nachbarschaft, um mit diesem einige Stündchen zu verplaudern.

Aber das sei ihm zur Ehre nachgesagt, mit stoischer Gelassenheit erträgt er sein Schicksal – mit gemüthlicher Freundlichkeit empfängt er seine Gäste aus gebildeten Ständen, die ihn manchmal Abends zu einer Partie Whist besuchen und lächelnd entschuldigt sich seine liebenswürdige Gattin über den frugalen Abendtisch mit den Worten: „wir sind halt arm!“

(A. St.)