Skizzen aus meinem Leben

Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Skizzen aus meinem Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[480]

Skizzen aus meinem Leben.

Von Ludwig Storch


Niemand hat wohl mehr und bessere Gelegenheit, seine Zeit und sein Volk, wie es eben von den Mitlebenden repräsentirt wird, kennen zu lernen und im Schriftwerk darzustellen, als der deutsche Schriftsteller, der nicht allein in der Schreibstube, sondern auch auf dem Lebensmarkt gealtert ist. Ich meine natürlich nicht jenen sogenannten Schöngeist, der blos Novellen und bunte Geschichten nach dem alten Schneidermaße angefertigt hat, um sie an ein beliebiges Journal oder an einen Verleger für ein kleines Honorar zu verkaufen, jenen fleißigen Commißbrotbäcker für den widerwärtigen geistigen Heißhunger einer abgespannten traurigen Klasse der Gesellschaft, die zur Fristung ihres armseligen Geisteslebens der unausgesetzten Lectüre schlechter Romane bedarf, und der durch Befriedigung jenes unnatürlichen Hungers die Mittel zur Stillung seines eigenen natürlichen beschafft. Ihn kann ich nicht meinen; er ist ein unseliger Mann, der nicht mitzählt, wenn vom deutschen Schriftstellerthum die Rede ist. Ich meine auch nicht die Herren, die es durch die Kunst ihrer Feder zu einträglichen Staatsämtern und schönklingenden Titeln gebracht haben.

Wenn ich vom deutschen Schriftsteller rede, der berufen ist, ein treues Bild seiner Zeit zu liefern, so kann ich nur den Mann meinen, der an Kopf und Herz gleich gut begabt, die Dinge ohne Furcht und Galle abschildert, wie er sie sieht, der festen Schrittes seinen, wenn auch rauhen Weg verfolgt, und weder nach rechts noch nach links liebäugelt und nach Gunst und Gold strebt. Gottlob! es giebt in Deutschland gerade nicht wenig solcher Männer, und wenn ich mich ohne Ziererei und falsche Bescheidenheit zu ihnen zähle, so darf ich wohl von mir behaupten, daß ich nie Furcht gekannt und nie Liebedienerei getrieben und das Kind immer beim rechten Namen genannt habe. Ich bin auch nie in Ungewißheit darüber gewesen, welche Früchte mir meine offen dargelegte Gesinnung einbringen würde, und ich habe mich, als sie mir zuwuchsen, weder über die Bitterkeit derselben beklagt noch Andere beneidet, welche durch ihre Klugheit reichere und schmackhaftere Ernten einsammelten. Die Menschen und Verhältnisse, von welchen mein Lebensweg berührt und durchkreuzt wurde, habe ich mit gesundem Auge angesehen und mit wahrhaftiger Feder geschildert. Es ist das ein hübsches und interessantes Buch geworden, das ich freilich jetzt noch nicht drucken lassen kann, das aber gewiß gedruckt und der Welt übergeben werden wird. Man wird da manche bekannte Persönlichkeit unserer Tage darin finden, vielleicht etwas anders abkonterfeit als gewöhnlich. Auf den Wunsch des Verlegers dieser Blätter will ich dann und wann einige Skizzen daraus abdrucken lassen. Ich beginne mit den kleinen Schicksalen, welche sich auf eins meiner Bücher bezogen haben.




[481] 1. Der deutsche Professor und der Romanschreiber.

Den Stoff zu meinem historischen Romane „der Freiknecht“ hatte ich schon früh in einem alten Buche voll historischer Merkwürdigkeiten gefunden. Bekanntlich spielt die Handlung des Buchs großentheils in Nürnberg. Während meines Aufenthaltes in Stuttgart in den Jahren 1828 und 1829 besuchte ich zuweilen die öffentliche königliche Bibliothek, wo mir der greise Dichter Friedrich Haug, Hofrath und Bibliothekar, Wohlwollen schenkte. Ich erhielt dort einige treffliche Nürnberger Chroniken, und Haug rieth mir, mich an den Professor Siebenkees in Nürnherg zu wenden, der wie Keiner weiter in der Geschichte seiner Vaterstadt Nürnberg bewandert sei. Bald darauf starb der alte liebenswürdige Epigrammatiker, der der Jugendfreund und Mitschüler Schiller’s gewesen war. Ich hatte mir aber seinen Rath gemerkt. Ich schrieb den ersten Theil des „Freiknecht“, der meist Nürnberger Verhältnisse schildert; je weiter ich aber in meiner Arbeit vorschritt, desto lebendiger wurde der Wunsch in mir, sowohl die Localitäten in Nürnberg kennen zu lernen, als auch mich über einige historische Partien, die mein Roman berührt, genauer zu unterrichten. Im Herbst 1829 verließ ich Stuttgart, um nach Leipzig überzusiedeln. Mein Weg führte mich über Nürnberg und ich brannte vor Begierde, die Schätze altdeutscher Kunst und historischen Merkwürdigkeiten dieser einst so hochberühmten und wichtigen deutschen Reichsstadt mit Augen zu schauen. Vergebens würde ich versuchen, die fromme Rührung zu schildern, die mich in Albrecht Dürer’s und Hans Sachs’ Wohnstätten ergriff und beim Anblick des großen Meisterwerks Peter Vischer’s, des Grabmals des heiligen Sebaldus. Ich war in einem geistigen Rausche, wie man ihn nur in der Jugend erleben kann, wenn man, für die große Vorzeit des Vaterlandes begeistert, noch nicht von seiner Jetztzeit gemißhandelt worden ist. In dieser gehobenen Stimmung suchte ich den Professor Siebenkees auf, der mir auch in Nürnberg als der größte Kenner der Geschichte und Alterthümer dieser mir so theuer gewordenen Stadt genannt wurde. Mit einer Pietät, die an Schwärmerei grenzte, betrat ich die Wohnung dieses Gelehrten. Ich war so voll von den empfangenen Eindrücken, ich wollte mit meiner frischen Begeisterung ein Stück der deutschen Vorzeit und beziehentlich Nürnbergs poetisch verherrlichen, und dazu wollte ich mich von dem gelehrten Kenner dieser Vergangenheit unterrichten lassen und recht viel mit dem alten geehrten Herrn plaudern. Ich traf ihn nicht in seiner bescheidenen Wohnung, aber eine alte kleine Haushälterin sagte mir: er werde bald heimkehren; ich möchte ein wenig verziehen. Ich wartete. Familie hatte der alte Nürnberger Gelehrte nicht; ich glaube, er ist nie verheirathet gewesen.

Endlich trat er herein, eine kräftige Figur mit einem starken, fleischigen Kopfe, etwas hängenden Backen, scharf markirten Zügen, buschigen wulstigen Augenbrauen und tiefliegendem finsterblickenden Augen. Sein graues Haar fiel in Locken in den starken Nacken. Er trug einen hechtgrauen Ueberrock mit Perlenmutterknöpfen; weißes Halstuch. Das spanische Rohr mit dem goldenen Knopf behielt er in der Hand und die Schiffsmütze auf dem Kopfe, als er meinen sehr höflichen Gruß kurz erwiederte. Das mußte wahr sein, Umstände machte er nicht mit mir. Ich sah freilich sehr jung aus und war auch in der That erst sechsundzwanzig Jahre alt. Eine freundliche Gestalt war dieser alte deutsche Professor eben auch nicht, aber doch eine ehrfurchtgebietende, und ich brachte ihm alle Ehrfurcht entgegen, deren mein junges begeistertes Herz fähig war.

Professor Siebenkees war damals siebzig Jahre alt, wie ich später erkundet habe. In Nürnberg geboren, hatte er als Informator in Venedig gelebt und dort das Leben der berüchtigten Tochter Venedigs, Bianka Capello, geschrieben, für die ich mich ebenfalls sehr interessirte. Dann war er viele Jahre Professor der Geschichte und alten Literatur an der Universität zu Altdorf gewesen und nach Aufhebung derselben in seine Vaterstadt zurückgekehrt, wo er sich ausschließlich mit der Geschichte derselben beschäftigte.

Ich trug ihm meine Bitte auf die höflichste und artigste Weise vor, daß er mir doch mit dem reichen Schatz seiner gelehrten Kenntnisse etwas behülflich sein möchte, mich möglichst genau über die Nürnberger Geschichte zur Zeit der Luxemburger Kaiser und namentlich Karl’s IV. und Wenzel’s zu unterrichten. Der verstorbene Hofrath Haug in Stuttgart habe mir gerathen, mich an ihn, als den gelehrtesten Kenner dieser Geschichte, zu wenden. Er hörte mir schweigend zu und maß mich einige Male mit mürrischen Blicken, in die, wie es mir schien, sich etwas Spott mischte.

„Also mit der Geschichte Nürnbergs wollen Sie sich beschäftigen?“ fragte er endlich mit einer trockenen harten Stimme. „Das ist ja seltsam! Wer sind Sie denn?“

Ich nannte ihm, etwas eingeschüchtert, meinen Namen.

„Was haben Sie denn gelernt?“

Ich referirte bescheidentlich, wo und was ich studirt hatte. „Aber wie in aller Welt kommen Sie denn darauf, Nürnberger Geschichte zu studiren? Wozu soll Ihnen denn das nützen? Wollen Sie denn darüber schreiben?“

„Das ist allerdings mein Zweck.“

„Ach, junger Mann, das lassen Sie sich vergehen! Sie bekommen keinen Verleger zu Ihrem Buche und wenn es noch besser wäre. Niemand interessirt sich dafür, selbst hier am Orte nicht. Ich spreche aus Erfahrung. Ich habe einen Haufen Manuscripte, lauter Nürnberger Geschichte, fertig liegen; kein Buchhändler will etwas davon drucken lassen, obgleich ich die billigsten Bedingungen stelle und mich unablässig bemühe. Und ich habe doch einen berühmten Namen und Jedermann kennt meine Verdienste um die Geschichte meiner Vaterstadt. Wie wollen Sie junger namenloser Mensch erst mit einem solchen Werke aufkommen!“

„Um einen Verleger ist mir nicht bange,“ versetzte ich lächelnd. „Die Art und Weise, wie ich den Abschnitt [482] der Nürnberger Geschichte, von welchem ich Ihnen sagte, behandeln werde, sichert mir nicht nur den Verleger, sondern auch die Theilnahme eines großen Publikums.“

Der Herr Professor war während seiner rührenden Mittheilung fast gemüthlich geworden. Die rauhe Strenge aus seinen Zügen war verschwunden; er sah mich mit unverkennbarer Theilnahme an. Diese steigerte sich durch meine ihm mysteriöse Aeußerung noch mehr. Er rückte mir näher und fragte mich fast erstaunt, indem er mir freundlich die Hand reichte: „So, so! Nun auf welche neue Art behandeln Sie denn die Geschichte, daß sie aus Ihrer Feder so großes Interesse erweckt?“

„Ich will einen historischen Roman schreiben, der theilweise in Nürnberg zu der angegebenen Zeit spielt,“ antwortete ich ganz unbefangen.

Es wäre vergeblich, den Ausdruck beschreiben zu wollen, welchen das neugierige, leicht schmunzelnde Gesicht des Professors in dem Augenblicke annahm, als mir das Wort „Roman“ entschlüpft war; er war aus stupidem Staunen, Schrecken, Zweifel und Zorn gemischt. Die weißen Fleischmassen hingen schlaff herab, das Auge schoß einen düstern unheimlichen Blick auf mich; er trat einen Schritt zurück, und fragte, als traue er seinen Ohren nicht, hastig und barsch: „Was wollen Sie schreiben?“

Ich erschrak über den Ton dieser Stimme, über den Ausdruck dieser Züge, über die plötzliche Verwandlung des Mannes, und versetzte fast kleinlaut: „Einen historischen Roman in der Weise Walter Scott’s.“

„Einen Roman aus der Nürnberger Geschichte!“ brauste jetzt der alte ehrwürdige Professor auf, und Stimme, Blick und Bewegung des Mannes wurden wirklich furchtbar und drohend. „Einen Roman aus der Nürnberger Geschichte!“ wiederholte er noch einmal, aber jetzt zitterte die Stimme vor Zorn und Aufregung. „So sind Sie wohl ein Romanschreiber?“ schrie er auf.

Nie wohl hat ein junger Mann mit weniger Eitelkeit bekannt, daß er schon einige Romane geschrieben habe. Kaum aber war dieses Bekenntniß, fast wie das Geständniß eines Verbrechens abgelegt, als Professor Siebenkees alle Schranken seiner Entrüstung fallen ließ.

„Und Er kann sich unterstehen, meine Thürschwelle zu überschreiten und mich anzugehen, was Er in seine Schmiererei aus der Nürnberger Geschichte aufnehmen kann? Ich, ich soll Ihm die Hand zu solchem Skandal bieten? Ich, der Professor der Geschichte? Ich, der geborne Nürnberger? Den Augenblick pack’ Er sich aus meinen vier Wänden, Er unverschämter Mensch, oder ich vergreife mich an Ihm und werf’ Ihn hinaus. Fort! fort! Romanschreiber!“

Ueber diese plötzliche und unerwartete Wendung des erst so harmlosen Zwiegesprächs auf’s Aeußerste bestürzt, fand ich kein Wort weiter, als den bittenden Zuruf: „Herr Professor!“ Ich fühlte wie ich erbleicht war. Aber der gelehrte Greis schäumte vor Wuth. „H'naus - h'naus!“ schrie er wüthend. Die eine Hand streckte er nach mir aus, mit der andern schwang er mir das spanische Rohr so drohend vor der Nase, daß ich ernstlich fürchtete, er möchte mich schlagen. Ich griff rasch nach meiner Kopfbedeckung und eilte was ich vermochte, aus der Thür, begleitet und verfolgt von den Schmähungen des entrüsteten Mannes, der ganz außer sich darüber war, daß ein Romanschreiber es gewagt habe, zu ihm zu kommen und ihn um seine literarische Unterstützung zu bitten. Erst als ich auf der Straße war, bemerkte ich, daß ich in der Bestürzung meinen Stock im Zimmer des grimmigen Alten stehen gelassen hatte. Ich konnte und mochte ihn nicht entbehren und kehrte deshalb zurück. Auf dem Vorsaal stand die alte Haushälterin zitternd und bebend und machte bei meinem Wiedererscheinen eine abwehrende Bewegung des Schreckens gegen mich. „Was wollen Sie denn wieder, Sie gottloser Mensch?“ zeterte sie fast weinend.

„Meinen Stock! Holen Sie ihn mir aus dem Zimmer!“

„So hat den Herrn Professor noch kein Mensch geärgert wie Sie. Er kann sich ja gar nicht wieder fassen und wird sicherlich wieder krank werden. Was haben Sie ihm denn nur gethan, daß er so bös geworden ist?“

„Holen Sie mir den Stock!“

Die Zimmerthür wurde aufgerissen, der schwer beleidigte Professor schleuderte mir meinen Wanderstab vor die Füße. Ich hob ihn auf und trollte mich.

Ich war noch zu jung und zu empfindlich, als daß mir die tragikomische Geschichte nicht Nürnberg hätte verleiden sollen. Sehr verstimmt eilte ich in meinen Gasthof, schnürte mein Bündel und verließ die Stadt in einer sehr unangenehmen Stimmung, für die ich wenig Stunden früher so poetisch geschwärmt hatte. Meine Begeisterung war von einem eiskalten Strome abgekühlt worden. Es ist übrigens dies das einzige Mal, daß mir die Thüre gewiesen worden ist. Ein deutscher Professor that es, weil ich ein deutscher Romanschreiber war, und er hätte mich nicht verächtlicher behandeln können, wenn ich der Freiknecht selber gewesen wäre.