Die Verbrechersecten in Indien

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Verbrechersecten in Indien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 575–577
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Verbrechersecten in Indien.
1. Die Thugs.

Eine der wichtigsten und bestorganisirten heimlichen Verbindungen in Indien, deren religiöser Cultus in Gräuelthaten besteht, ist die der Thugs oder Würger. Ihr Ursprung reicht in das graueste Alterthum hinauf und sie erklären ihn selbst durch mythologische Legenden. Ohne uns in das endlose Gebiet der indischen Götterlehre zu verlieren, erinnern wir zum Verständniß des Folgenden nur daran, daß nach dem ursprünglich naturphilosophischen Systeme derselben das Urwesen Brahm sich als Dreieinigkeit, Brahma, Wischnu und Schiwa offenbart, nämlich als schaffender, erhaltender und zerstörender Geist. Weil es aber keine absolute Vernichtung gibt, sondern aus jeder Zerstörung sofort wieder ein Neues ersteht, so geht Schiwa, der Zerstörer, unmittelbar wieder in Brahma, den Schöpfer, über und die Drei sind Eins, untrennbar, gleich groß, gleich heilig. Die Zerstörung, mit allen Kräften und Erscheinungen, die ihr dienen, ist daher nicht minder göttlich und nothwendig, als die Schöpfung oder die Erhaltung, und Schiwa, weit entfernt zur Stellung unseres armen Teufels degradirt zu sein, wird vielmehr von seinen Anhängern als der größte und wichtigste Gott der Dreieinigkeit gepriesen; denn obwohl diese eigentlich untrennbar ist, hat doch jede Person derselben ihre besonderen Secten und Anhänger und ihren gesonderten Gottesdienst. Endlich fügen wir noch hinzu, daß jedem dieser drei Götter auch seine weibliche, reproducirende Kraft als Göttin beigegeben ist.

Gleich zu Anfang der Welt nun, erzählen die Thugs, errichtete die Göttin Kali oder Bhawani – das weibliche Princip Schiwa’s, des Zerstörers – den großen Geheimbund der Thugs, um sie in ihrem Kampfe gegen das schöpferische Princip zu unterstützen, und offenbarte ihm zu diesem Zwecke die Kunst des Erwürgens. Ihre Wohlthaten beschränkten sich indessen nicht hierauf, sondern sie fuhr fort, ihren Gläubigen unablässige Beweise ihres Schutzes zu geben, indem sie stets alle Spuren ihrer Unthaten vertilgte. Allein auch die Thugs erlagen der Versuchung der Neugier: gegen das strenge Verbot belauschten sie eines Tages die Göttin, wie sie auf die Erde niederstieg und die Leichname ihrer Opfer verschwinden machte. Diese Vermessenheit blieb nicht unbestraft. Seit jener Stunde mußten die Thugs selbst die materiellen Beweise ihrer Thaten dem verschwiegenen Busen der Erde übergeben, ohne daß jedoch die Göttin Kali ihnen gänzlich ihren Schutz entzogen, und aufgehört hatte, über das Gelingen ihrer Unternehmungen zu wachen.

Die abergläubigen Gebräuche, mit denen die Thugs alle Handlungen ihres Mordgewerks umgeben, haben die größte Verwandtschaft mit den Ceremonien der brahmanischen Religion, in der ja auch ihre eigene Secte wurzelt. Die Aufnahme eines neuen Jüngers der Göttin Bhawani erfolgt stets unter großen Feierlichkeiten. Nach der Ceremonie des sündenreinigenden Bades wird der neu in Weiß gekleidete Novize den in einem Saale versammelten Mitgliedern des Bundes vorgestellt. Erhebt Keiner Widerspruch gegen seine Zulassung, so begeben sich nun Alle an einen nahegelegenen heiligen Ort. Hier, unter freiem Himmel, ruft der Guru, das geistliche Oberhaupt der Bande, die Göttin an und fordert sie auf, durch irgend ein sicheres Zeichen kund zu geben, ob sie diesen Jünger annehmen und ihm ihren Schutz gewähren wolle. Im tiefsten Schweigen erwarten nun Alle den Beschluß der Gottheit; und nachdem sie durch das Bellen des Schakals, das Schreien eines Esels, das Vorbeifliegen einer Ente oder irgend ein anderes ebenso unzweideutiges Zeichen ihre Bestimmung ausgesprochen, kehren Alle wieder in das Haus zurück. Hier wird dem Novizen die eiserne Axt, das Symbol des Bundes, in die Hand gegeben, und er wiederholt einen feierlichen, furchtbaren Schwur, den ihm der Guru vorsagt. Endlich noch empfängt er aus den Händen des Priesters ein durch Gebete geheiligtes Stück Zucker – das Symbol des Glückes – und die Ceremonie der Aufnahme ist beendet. Der Jünger gehört hinfort dem geheimen Bunde der Thugs an und sein Leben ist dem Dienste der blutigen Bhawani geweiht. Sich die Gunst und die Zufriedenheit ihrer furchtbaren Beschützerin zu erhalten, bildet die einzige Sorge, die lebenslange Aufgabe der Thugs, die unberührt von den leisesten Zweifeln ihr ganzes mörderisches Treiben nur als frommen Gottesdienst betrachten; denn wie Andere dem Brahma und dem Wischnu dienen, den Gottheiten des Schaffens und des Erhaltens, so ist der Thug ein Priester der Gottheit des Zerstörens, des großen Schiwa und seiner Bhawani, und der Mord, das Zerstören des Lebens ist ihm heiligste Pflicht. Man begreift nun, wie auf Grund dieser eigenthümlichen religiösen Anschauung nicht nur jene Mörder sich selbst für durchaus gottgefällig erachten können, sondern auch von den Anhängern des Brahma und des Wischnu, sowie von den übrigen Schiwaiten – denn Schiwa ist nicht allein nur Zerstörer, sondern hat auch Anbeter und Secten seiner andern Eigenschaften – in ihrer Weise für berechtigt gehalten, trotzdem aber doch verfolgt werden, und zwar nicht etwa aus dem niedern Beweggrunde der öffentlichen Sicherheit, sondern aus höherer Pflicht; denn Schaffen und Erhalten, mit einander im Frieden, stehen im ewigen Kampfe mit dem Zerstören, und dieser Naturproceß wird von den menschlichen Dienern der verschiedenen Principien mit religiösem Bewußtsein fortgeführt.

Wollen die Thugs auf eine Unternehmung ausgehen, so ist es ihr Erstes, der Göttin ihre Anbetung darzubringen, die es selbst übernimmt, ihnen auf irgend eine Weise die Straße zu bezeichnen, die sie ziehen sollen. Jeder Mord findet unter gewissen Ceremonien zu Ehren der Schutzgottheit statt, und der Antheil derselben an der Beute wird mit religiöser Gewissenhaftigkeit den allein in die tiefern Geheimnisse ihres Cultus eingeweihten Priestern, den Chams, ausgeantwortet. Die übrigen Thugs theilen sich in Buthotes, in deren Händen das verhängnißvolle Seidentuch zum sichern Mordwerkzeug wird; in Lughas, die mit unglaublicher Geschicklichkeit die Leichen spurlos zu vergraben wissen, und in Suhthas, die von Allen die wichtigste Rolle in dieser furchtbaren geheimen Genossenschaft spielen. Das Verfahren der Thugs ist stets ein und dasselbe: sie gebrauchen nie offene Gewalt und vergießen nie Blut, sondern erwürgen ihre Opfer jederzeit mittelst eines ihnen über den Kopf geworfenen seidenen Tuches, in seltenen Fällen auch mittelst einer Schnur; jeder Mord wird lange und sicher vorbereitet; die Verstellung – wie das schon ihr Name andeutet, der von dem hindustanischen „thugna“, betrügen, abgeleitet ist – bildet ihre gefährlichste Waffe. Wehe dem Reisenden, der auf der Landstraße der freundlichen Annäherung und den einschmeichelnden Honigworten des Suhthas sein Ohr leiht! An einer entlegenen Stelle, die vielleicht schon manche Schauderthat [576] gesehen, wo die müden Wanderer im Schatten der breitlaubigen Bäume ausruhen oder bei hereinbrechender Nacht sich lagern, mitten im heitern Gespräch oder fröhlichen Gesang wird das Zeichen gegeben – und im nächsten Augenblicke schon liegen die Opfer der Eine mit dem Kopfe auf den Füßen des Andern, in der vorher bereiteten Grube. Mit einem spitzen Pfahle wird ihnen der Leib aufgestoßen, um jedes verrätherische Aufblähen der Erde zu verhüten; die Lughas füllen das Grab mit Sand, jede Spur desselben sorgsam verwischend, und die Rotte zerstreut sich, um später an einem verabredeten fernern Ort wieder zusammenzutreffen, wo sie der Bhawani ihre Dankgebete darbringen und den Raub theilen. Bleibt ihnen längere Zeit hindurch das Glück ungünstig, so zürnt die Göttin, und sie versöhnen dieselbe durch ein Opfer aus ihrer eigenen Mitte, das sich entweder selbst hierzu erbietet oder durch das Loos erwählt wird, sich aber bei der großen Lebensverachtung der Hindus nie gegen dies Schicksal sträubt. Nur bei diesen, selten nöthig erscheinenden Opfern, die an geweihten Stellen dargebracht werden, bedienen sich die Thugs des Schwertes. Nicht vergessen dürfen wir, daß es auch weibliche Thugs gibt, die theils selbst als Buthotes das Würgeramt übernehmen und zu diesem Zwecke durch Erweckung des Mitleids oder auf irgend eine andere Weise sich in das Vertrauen von Frauen einzuschleichen suchen, oder auch, wenn sie noch jung und schön sind, den männlichen Reisenden gegenüber als Suhthas die Rolle der Delilah spielen, während ihre Genossen, in der Nähe verborgen, ihres Zeichens zum Hervorbrechen harren,

Die politische Lage, in der sich Indien seit undenklichen Zeiten befunden, zerstückelt, wie es war, in kleine unabhängige und eifersüchtige Staaten, sowie besonders auch die Sitten und Gewohnheiten der Eingebornen leisteten der Ausbreitung wie der Sicherheit der Thugs allen Vorschub. Die wenigen großen Landstraßen und öffentlichen Transportmittel, welche Indien gegenwärtig besitzt, sind Werke der Engländer aus ganz neuer Zeit, und jetzt noch bestehen die meisten Communicationswege aus Pfaden, wie sie die Wanderer selbst durch Wald, Wüste und Gebirg gezogen haben. Der eingeborne Fußreisende läßt – mit Ausnahme etwa des Ladens, wo er den Reis für seine bescheidene Mahlzeit kauft – durchaus keine Spur hinter sich zurück, denn außer in den Städten, wo er ein Karavanserai aufsucht, bringt er auch die Nächte im Freien zu, und es ist daher nach seinem allenfallsigen Verschwinden ganz unmöglich zu entdecken, bis wannen er gekommen sein mag. Allein der arme Ryot ist meist eben so sicher vor den Thugs, als der mit großem Gefolge reisende Raja, denn sie versparen die ganzen Schätze ihrer Verstellungskunst und abgefeimtesten List mit besonderer Vorliebe auf die Träger, welche je nach den Bedürfnissen des Handels Diamanten, edle Metalle und feine Stoffe von einem Ende Indiens nach dem andern transportiren. Manche Häupter der Secte nehmen überdies eine sehr geachtete Stellung ein, die jeden Verdacht einer Betheiligung an Thaten von ihnen entfernt, deren Gewinn sie theilen. So stand – um nur ein Beispiel zu geben – an der Spitze einer Thugbande, welche vor etwa dreißig Jahren sich den District von Hingoly zum Felde ersehen, einer der reichsten Kaufleute des Landes, Namens Huori-Sing. Dieser bekam heimlich Nachricht, daß ein anderer Kaufmann des Districts eine bedeutende Auswahl seidener und wollener Stoffe von Bombay zurückbringen werde, und wirkte sich nun bei der Zollbehörde einen Erlaubnißschein zur Einführung eben dieser Waaren aus, deren Verzeichniß er genau anzugeben wußte. Mit diesem Documente versehen, ging er, von seinen Leuten gefolgt, dem Transport entgegen, tödtete den Eigenthümer wie seine Diener, und führte dann unter Autorisation des Zollscheines die geraubten Waaren als seine eigenen über die Grenze.

Was indessen noch weit mehr Staunen erwecken muß, als das ausgebreitete Zerstörungssystem, welches die Thugs wie ein Netz über das ganze ungeheuere Land gezogen haben, ist die allen früheren Regierungen zur Schande und Verurtheilung gereichende Thatsache, daß ihre Geschichtsurkunden des Thuggismus beinahe gar nicht erwähnen. Der erste Regent in Indien, der entschieden gegen die Thugs auftrat, war Akbar. Nach ihm überlieferten auch einige eingeborne Fürsten die Sectirer der Bhawani dem Tode, ohne sie jedoch entfernt so nachdrücklich und systematisch zu verfolgen, wie es zur Ausrottung einer so gewaltigen Verbindung nöthig gewesen wäre. Nur wer an Ort und Stelle selbst das undurchdringliche Geheimniß kennen gelernt hat, welches alle Details der innern socialen Organisation der Eingebornen umhüllt, wird begreiflich finden, wie es zugehen konnte, daß bereits fünfzig Jahre ununterbrochener Siege und Eroberungen die englische Herrschaft in Indien ausgebreitet hatten, ehe die Unthaten der Thugs zum ersten Male die Aufmerksamkeit der Regierung erweckten.

Um diese Zeit nämlich verschwanden mehrere eingeborne Soldaten, die sich mit ihren Ersparnissen auf Urlaub in ihre Heimath begeben hatten, und die angestellten Nachforschungen enthüllten endlich die Existenz dieser Mördersecte, ohne jedoch die ganze Ausdehnung des Uebels auch nur entfernt ahnen zu lassen, so daß während der ersten zwanzig Jahre nach ihrer Entdeckung die Thugs noch immer nicht Gegenstand einer speciellen Verfolgung waren. Mittlerweile fielen aber doch immer mehr dieser Anhänger der Bhawani in die Hände der englischen Behörden, und einige unter ihnen erkauften sich durch Geständnisse ihrer eignen Unthaten und Denunciation ihrer Verbündeten das Leben. In die erste Reihe dieser Letzteren gehört der Häuptling Feringhea, dessen Name in den Annalen des Verbrechens unsterblich zu sein verdient. Nachdem er an 719 Morden theilgenommen, sagte er mit einem von Bedauern getrübten Stolz zu dem englischen Richter: „Ah, Sahib, wenn ich nur nicht zwölf Jahre im Gefängniß verloren hätte, so würde ich unter dem Schutze der Bhawani wohl das Tausend voll gemacht haben!“

Diese ungeheuerlichen Geständnisse waren frei von aller Prahlerei, denn die unläugbarsten Thatsachen erwiesen ihre Wahrhaftigkeit. Wie von einer geheimnißvollen Macht genöthigt, öffnete sich unter den Schritten der geständigen Thugs die Erde, um die ihr anvertrauten Leichname auszuspeien. In allen Theilen Indiens, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten grub man nach den Angaben der Gefangenen die mit menschlichen Gebeinen angefüllten Bheels auf, sprechende Zeugen für die Missethaten und die Macht der Anhänger der Bhawani. Lord Bentink, der damals an der Spitze der indischen Regierung stand, erkannte schnell, daß die Wachsamkeit der gewöhnlichen Polizei der Ausrottung eines so weit verbreiteten und tief wurzelnden Uebels durchaus nicht gewachsen sei. Er errichtete daher eine Specialbehörde, aus intelligenten und thätigen Officieren zusammengesetzt, deren alleinige Aufgabe es sein sollte, die mörderische Secte ohne Rast und Schonung durch das ganze indische Gebiet zu verfolgen. Die vielfachen Verzweigungen des Bundes und die größere Anzahl von Theilhabern an jedem Verbrechen erleichterten die Entdeckungen, nachdem man nur einmal in das Geheimniß eingedrungen war. Dies letztere gelang durch eine wohlberechnete Milde, welche dem Dienste der englischen Polizei viele zum Tode verurtheilte Thugs gewann, die in alle Kunstgriffe, Hülfsmittel und Thaten des Ordens eingeweiht waren, und durch deren Enthüllungen geleitet, die Maßregeln einen raschen, Erfolg versprechenden Fortgang nahmen. Nach sechs Jahren schon waren bereits 3266 Thugs den Händen der Justiz überliefert, wozu noch eine unbestimmbare Zahl Solcher zu rechnen ist, die in entlegenern Gegenden theils von militairischen Behörden, theils von Stadt- und Bezirksmagistraten ohne lange Procedur gleich an Ort und Stelle hingerichtet wurden, wobei man sich nicht selten der gegen die jetzigen Meuterer ebenfalls in Anwendung gebrachten Methode bediente, die Verurtheilten in Mörser oder Kanonen zu laden – was zwar höchst barbarisch klingt und aussieht, genauer betrachtet aber für den Betroffenen doch nicht schlimmer ist, als irgend eine andere gewaltsame Todesart. Die geschickten und kräftigen Maßregeln des Lord Bentink wurden auch von den nachfolgenden Generalgouverneuren fortgesetzt, und gegenwärtig kann man den Thuggismus als so ziemlich unterdrückt, wenn auch keineswegs schon als ausgerottet betrachten, denn einzelne Vorkommnisse in allen Theilen des Landes beweisen, daß die Göttin Bhawani noch immer Verehrer besitzt, und in gewissen Gegenden besteht die Secte unter Schutz und Mitbetheiligung der eingebornen Ortsvorstände beinahe noch in unverminderter Stärke.

Oberst Sleeman, der mit so unermüdeter Energie die gegen die Würger Indiens errichtete Specialcommission leitete, hat aus dem Munde eines Mitwirkenden den Bericht über eine charakteristische Scene des Thuggismus aufbewahrt, die wir, ohne sie ihrer orientalischen Form zu entkleiden, zum Schlusse hier mittheilen:

„Ein mongolischer Aga von edlem Ansehen und schöner Gestalt, der sich auf dem Wege aus dem Pendschab nach dem Königreiche [577] Oude befand, überschritt eines Morgens bei Mirut den Ganges, um die Straße nach Bareilly einzuschlagen. Er saß auf einem schönen turkomanischen Pferde, und war von seinem Tafeldiener und Stallknecht begleitet. Auf dem linken Ufer des Flusses traf der Aga eine Zahl anständig aussehender Männer, die desselben Weges zogen. Sie begrüßten ihn sehr demuthsvoll, und suchten ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; allein der Mongole war auf seiner Hut gegen die Thugs und hieß die Wanderer, ihn allein reisen zu lassen. Die Fremden mühten sich, seinen Argwohn zu zerstreuen, allein vergebens. Die Nasensflügel des Mongolen blähten sich auf, seine Augen schleuderten Blitze, und mit donnernder Stimme befahl er ihnen, sich zu entfernen. Sie gehorchten.

Am nächsten Morgen überholte der Mongole auf seinem Wege eine gleiche Zahl Reisender; allein diese Männer hatten ein ganz anderes Aussehen, als jene des vorigen Tages: es waren lauter Muselmänner, die sich ihm höchst ehrerbietig nahten, von den Gefahren des Weges sprachen, und um die Gunst baten, sich unter seinen Schutz stellen zu dürfen. Der Aga that, als hörte er sie nicht, und gab ihnen keine Antwort; als aber nichts destoweniger die Reisenden sich an seine Schritte hefteten, da blähten sich auf’s Neue seine Nasenflügel, seine Augen schleuderten Blitze; er legte die Hand an seinen Säbel, und befahl ihnen mit donnernder Stimme, sich zu entfernen, wenn sie nicht wollten, daß ihre Köpfe von ihren Schultern flögen. Er war aber ein gar furchtbarer Reiter: auf dem Rücken trug er einen Bogen und einen Köcher voll Pfeile, im Gürtel hatte er ein Paar Pistolen, und an seiner Seite hing ein Säbel. So gehorchten ihm denn auch die armen Leute mit Zittern.

Am Abend machte eine andere Gesellschaft von Reisenden, die in demselben Karavanserai übernachteten, wie der Mongole, mit seinen beiden Dienern Bekanntschaft; und als er sie am andern Morgen auf dem Wege überholte, suchten diese Wanderer auch mit dem Herrn ein Gespräch anzuknüpfen. Aber trotz des Bittens seiner Diener blähten sich zum dritten Male die Nasenflügel des Mongolen, seine Augen schleuderten Blitze, und er befahl den Fremden gebieterisch, zurückzubleiben.

Als der Aga am dritten Tage in die Mitte einer wüsten Ebene kam, und seine Diener ihm in einiger Entfernung folgten, stieß er plötzlich auf sechs arme Muselmänner, die über den Leichnam eines ihrer Cameraden weinten, der soeben am Wege gestorben war. Es waren Soldaten aus Lahore, die von Lucknow kamen, um nach langer Abwesenheit ihre Frauen und Kinder zu besuchen. Ihr Camerad, die Freude und Hoffnung seiner Familie, war den Anstrengungen der weiten Reise erlegen, und sie hatten bereits ein Grab für ihn gegraben. Leider aber waren sie lauter ungelehrte Leute, und Keiner von ihnen vermochte die Gebete des Korans zu lesen; wenn daher der Aga dem Verstorbenen diese letzte Ehre erweisen wollte, würde ihm seine Barmherzigkeit gewiß in dieser wie in jener Welt nicht vergessen bleiben. Dieser Berufung an seine Frömmigkeit widerstand der Mongole nicht, sondern stieg sogleich vom Pferde. Der Leichnam ward in der durch den Koran vorgeschriebenen Weise, mit dem Kopfe nach Mekka zu, in die Grube gelegt. Ein Teppich wurde vor dem Aga ausgebreitet, und er legte zuerst seinen Köcher, dann seinen Säbel und seine Pistolen ab. Nachdem er sich entwaffnet hatte, wusch er sich das Gesicht, die Füße und die Hände, um seine Gebete nicht im Zustand der Unreinheit zu sprechen, und fing, indem er hinknieete, mit lauter Stimme die Todtengebete an. Zwei Gefährten des Verstorbenen knieeten neben dem Leichnam und beteten unter Schluchzen; die vier andern waren den beiden Dienern entgegen gegangen, um zu verhüten, daß ihr Herantreten den guten Samariter in seinem frommen Werke unterbreche. — Plötzlich auf ein Zeichen waren die Tücher geworfen, und nach wenigen Minuten lagen der Mongole mit seinen beiden Dienern in der offenen Grube; nach Thugsweise, der Kopf des obern Leichnams auf den Füßen den untern. Alle jene Reisenden, welche der Mongole auf seinem Wege getroffen, gehörten ein und derselben großen Thugbande von Oude an; und als sie gefunden hatten, daß sie vergeblich sein Vertrauen durch freundliche Reden zu gewinnen suchten, ersannen sie diese List, um ihn zu tödten und seiner Kostbarkeiten zu berauben. Der Mongole, ein stark, beleibter Mann, war auf der Stelle todt, seine Diener leisteten gar keinen Widerstand.