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Titel: Die Todtenstadt in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 422-423
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[422]
Die Todtenstadt in London.


In einer Stadt, die mehr Einwohner hat als manches deutsche Königreich, wo sich so viele Menschen auf drei geographische Quadratmeilen zusammendrängen, wie sich kaum in drei ganze deutsche Herzogthümer vertheilen, wo Geborenwerden und Sterben zu den blühendsten Gewerben gehört und schon seit zwei Jahrtausenden ununterbrochen Menschen geboren und begraben wurden, erhob sich neuerdings die wichtige Lebensfrage: „Was machen wir mit unsern Todten?“ Ein deutscher Freihändler und Cobdenschützling hier schlug in einem Meeting vor, man solle sie ausbraten und Lichter daraus ziehen, die Reste aber verbrennen, weil sie dadurch am Schnellsten in die elementarischen Stoffe aufgelös’t würden, die in Regen und Luft den Gärten und Feldern sofort zu Gute kämen. Also Düngung der Felder mit unsern dahingeschiedenen Brüdern und Schwestern aus der Luft von Oben. Ungemein freihändlerisch und nationalökonomisch; aber wer bürgt uns auf diesem ökonomischen Wege dafür, daß nicht Cobden und die Freihändler einmal ein Gesetz durch’s Parlament bringen, welches alle Arbeitsunfähigen, Alten und Kranken zum Tode für die Seifensieder verurtheilt, damit sie, die selber nicht mehr mit ihrem Lichte leuchten konnten, mit russischem Talge Concurrenz machen und den Marktpreis der Lichter und Räderschmiere herunter bringen? Zwischen diesem freihändlerischen Vorschlage und dem Lord John Russel’s, man solle die Begräbnißgesetze reformiren, im Uebrigen aber Alles beim Alten lassen, zerbrachen sich Jahre lang die weisesten Staatsmänner die Köpfe an der Lösung dieser Frage, bis es Privatleuten endlich mit schwrer Mühe gelang, Concession für ihre praktische Lösung zu finden.

Der Bischof von London war sehr dagegen, da in dieser Lösung – Begräbniß in einer besondern entlegenen Todtenstadt – eine Verkürzung des Brotes der Geistlichen stecke. Als die Concession dennoch erfolgte, trug er, mit mehr als einer Million Thaler jährlicher Einkünfte, auf eine Besteuerung der Todten zum Besten der Kirche an, ward aber damit abgewiesen, da die englische Hochkirche schon Einkünfte genießt, welche das höchste Militär-Budget, das Preußens, bedeutend übertreffen. Die Privatleute traten also mit ihrer Concession für eine „londoner Nekropolis“ (Todtenstadt) als „National-Mausoleums-Compagnie“ hervor und in’s Leben. Sie kauften 2200 Morgen Landes zur Begründung der neuen Stadt, etwa 20 (englische) Meilen südwestlich von London neben der Südwesteisenbahn bei Woking, eine hügelige, stille, von Industrie und Lebensqual durch Berge geschützte Haide. Ein großer Theil dieser Haide wurde rasch von schönen Eisenzäunen eingegittert, mit Bäumen bepflanzt, mit Wegen durchzogen, eingeweiht und „Nekropolis Londons“ getauft. Auch einige kleine Kirchen und Kapellen mit Glocken erhoben sich rasch, um Todten, die’s bezahlen können, noch eine letzte Lobrede und ein Ehrengeläute zukommen zu lassen.

Die neue Todtenstadt bevölkerte sich Anfangs nur langsam, aber jetzt steigt der tägliche Zuwachs in beinahe geometrischen Proportionen. Jeden Morgen nach 11 Uhr geht ein langer Eisenbahnzug mit Todten und Trauernden nach der neuen, stillen, sonnigen Stadt ab, siedelt dort die neuen Bewohner an oder unter und bringt die Trauernden zurück, von denen dann mit der Zeit immer Einer nach dem Andern seine letzte Eisenbahnfahrt antritt, um sich in der neuen Stadt dauernd einzurichten. So geht also alle Tage ein besonderer Eisenbahnzug mit Todten in die neue [423] Nekropolis ab, so daß die Todten sich rühmen können, wie allerhöchste, lebendige Herrschaften in Extrazügen zu fahren. Wer hätte wohl an diese Verwendung des Dampfes und der Eisenschienen früher gedacht? Und wie prompt und billig ist diese letzte Reise? Man kann sie schon mit allem Zubehör von Trauernden (hin und zurück) und dem neuen Logis für ein Pfund Sterling machen. Um aber dem Range der Todten Rechnung zu tragen, giebt es verschiedene Klassen von Begräbniß und Logis, so daß man bis zu 25 Pfund Sterling gehen kann, wenn der Todte Geld genug zurückließ und man ihn seinem Range gemäß besonders schön in der neuen Todtenstadt einlogiren will. Uebrigens sollen sie unten sich gar nichts draus machen, ob sie für 1 oder 25 Pfund eingemiethet wurden.

Die Gartenlaube (1855) b 423.jpg

Die Todtenstadt Londons.

Wir machen besonders auf die Wohlfeilheit der sonst überall lästig theuern Unterbringung menschlicher Ueberreste aufmerksam. Für noch nicht sieben Thaler bekommt ein Todter Sarg, freie Fahrt für sich (und Rückfahrt für die Begleitenden) und eine freie Wohnung für die ganze Dauer seiner Verwesung. Von zwanzig Thalern an bekommt er auch noch ein Denkmal dazu.

Dabei hat die Vorstellung für die Hinterbliebenen und die Todten, welche verordnen, daß sie in der Nekropolis den letzten, langen Schlaf thun wollen, während ihrer Lebenszeit noch einen bedeutenden Gemüthswert. Es liegt etwas Tröstliches in der Vorstellung, daß die irdischen Ueberreste eines geliebten Wesens unter einer sonnigen, ruhigen, schönen Gegend „in Frieden schlafen.“ Das konnten sie in London nicht, wo neben den Kirchhöfen unaufhörlich schwere Last- und donnernde Eil- und erschütternde Eisenbahnwagen den Boden bis tief hinunter beunruhigen, so daß man sich die ruhigen, kalten Züge unten fortwährend in zitternder Bewegung denken muß. Außerdem sehen die londoner Kirchhöfe alle sehr geschmacklos öde und eingezwängt und überfüllt aus: arme Leichen zu Sechs bis Zehn in einem einzigen Grabe über einander in sogenannten Nasenquetschern, zwischen denen der Leichnam eben nur den engsten Raum hat; blaumlos und blumenlos und besäet mit grauen, fabrikmäßig über einen Leisten gesägten Denksteinen. In der sonnigen, neuen Todtenstadt kann sich der Trauernde Gemüthstrost, schöne Eindrücke und frische Lebensluft für die ihm zugemessenen Tage holen.